Dazu ein sinnvoller Satz von Gerhard Kocher („Vorsicht Medizin!“): Es gibt vier Kategorien von Menschen: gesunde Gesunde, kranke Gesunde, gesunde Kranke und kranke Kranke
Disease Mongering
Krankheiten ins Gespräch bringen und dann „verkaufen“ wird von der Pharmaindustrie in letzter Zeit massiv betrieben – so bei der „erektilen Dysfunktion“, beim ADHS, der Glatze, Schüchternheit, Schwitzen, Restless-Legs-Syndrom, Soziale Phobie, Depression,…! Also aufgepasst auf Problem- und Mengenausweitung! Achten Sie auch darauf, dass ein simpler Namenswechsel von den altbekannten „Potenzstörungen“ zur „erektilen Dysfunktion“ weitreichende Folgen für die Einschätzung der „Krankheit“ haben kann! So glaubten Teilnehmer einer Studie (M.E. Young et al.: The role of medical language in changing public perception of illness. PLoS ONE, 3/12, 2008, e3875)nicht nur, dass etwa „Hyperhidrosis“ oder „Androgenetische Alopezie“ sehr viel ernster zu nehmende Krankheiten seien, als ihre alltäglichen Namenvettern, sondern sie befürchteten obendrein, dass die mit medizinischen Fachausdrücken beschriebene Wehwehchen auch noch besonders selten sind. Ältere, bereits etablierte medizinische Fachbegriffe hatten diesen Effekt allerdings nicht (hier also „übermässiges Schwitzen“ oder „männlicher, genetischer Haarausfall“).
Das DSM-5 definierte 2022 neu die Diagnose «Mangelndes sexuelles Verlangen der Frau». Wenig später brachte die Firma Sprout Pharmaceutical in den USA die weibliche Sex-Pille Addiy mit dem Wirkstoff Filibanserin auf den Markt. In der Schweiz ist sie nicht zugelassen. Im DSM-5 war auch neu, dass eine längere Trauerphase als «Depression» gilt. Psychiater sollten sie nun mit Medikamenten behandeln. Ein Riesengeschäft für Hersteller von Antidepressiva. Eine neue Diagnose war auch «Agoraphobie», die Angst vor Situationen, bei denen es kein Entrinnen gibt. Sie kann auftreten in Zügen, die im Tunnel stehen bleiben oder in Flugzeugen, die auf der Startbahn warten müssen. Auch hier die Lösung in der Psychiatrie: Antidepressiva.
Also Achtung vor Cyberchondrie!
Zellulite oder Cellulitis
„Ich hab lieber Orangenhaut als gar kein Profil!“ – Ina Müller
„Das Leben ist eine sehr endliche Veranstaltung, und ab einem bestimmten Punkt ist man auf der anderen Seite. Ich bin mit Mitte 50 aus dem Paradies der Unsterblichkeit gekippt. Ich habe immer gespielt, nichts wirklich ernst genommen, aber auf einmal war er da, der Moment, und ich merkte: Jetzt bin ich angeschossen…“ Ulrich Tukur, deutscher Schauspieler Dies kann auch für die „Zellulitis“ gelten, wo Frauen vielleicht schon zwischen 20 und 30 aus diesem“Paradies der Unsterblichkeit“ kippen.
Ist dies wirklich eine „Krankheit“?
Die „Zellulitis“ (oder Cellulite, etc..) ist eine sog. „Illustrierten-Krankheit“, d.h. sie ist absolut „gemacht worden“! Eine offensichtlich einträgliche Kosmetik- und Therapeuten-Industrie ist nun schwer daran interessiert, dass diese völlig normale Variante der Haut einer Frau auch weiterhin von den „Opfern“ als Krankheit empfunden und hartnäckig therapiert wird. Der Begriff bezeichnet eine bei Frauen im Oberschenkel- und Gesässbereich auftretende Veränderung des Unterhaut-Fettgewebes. Subjektiv werden Spannungsgefühl oder diffuse Spontanschmerzen (Kneifschmerz) angegeben. Beim Zusammenschieben der Haut entsteht das „Orangenhaut-“ oder „Matratzen-Phänomen“. Für entzündliche Vorgänge im Sinne einer Fett- (Pannikulitis) oder Gefässentzündung (Vaskulitis) fand sich in eingehenden Forschungsarbeiten nie ein Hinweis. Das obenbeschriebene Phänomen ist denn auch auf, in diesen Körperregionen bei Frauen normalerweise vorkommenden Bindegewebsbrücken aus der Tiefe durch die Fettschicht zur Haut (wie die Knöpfe bei Matratzen!) zurückzuführen. Es wird stärker sicht- und auch fühlbar, wenn die Fettschicht dicker ist oder durch Wasser aufgeschwollen ist und die „Knöpfe“ dabei eingezogen werden. Weniger sichtbar wird also alles durch Abnehmen oder Angehen der Wasserschwellung. Beides ist durch Laufen, Radfahren, etc. gesund und billig erreichbar.
Jedermann, jede Frau erlebt irgendwann im Leben diesen „Kipppunkt, an dem ich aus dem Paradies der Unsterblichkeit falle“. Das Thema Kranksein und Altwerden ist bis dahin nur was für Greise und Looser – und plötzlich werde ich selbst konfrontiert mit „Krankheit“, Altwerden, Unattraktivität… Eine Krise beginnt und wird häufig sofort bekämpft mit (unsinnigen und meist unwirksamen) Therapiemarathons.
Der aktuelle Selfiewahn mit seiner überrissenen Selbstinszenierung und Eigenbewunderung macht diese Krise nur noch krasser und den Absturz aus der Makellosigkeit ins vermeintlich Unbedeutende noch viel dramatischer.
Am besten durchschaut man das Ganze aber als frauenbehindernden Betrug einer völlig nutzlosen, teuren und unnötigen Industrie!
Schönheit ist ein davoneilender Hase – und Hässlichkeit lässt sich nicht so leicht definieren und ist durch sich wandelnde gesellschaftliche Vorstellungen geprägt (Sehe ich nicht in letzter Zeit mehr Frauen, auch junge, die selbstbewusst ihre Oberschenkel mit Anzeichen von Z. der Umwelt präsentieren?!). Hässlich ist ein Mensch, der sich selbst dafür hält. „Ich bin ich und ich ist schön“ (auch der Titel eines guten Buches von Alicia Giménez- Bartlett). Wer sich zu sehr mit dem eigenen Bild beschäftigt, kreist um sich selbst, und das schafft vor allem Beklemmungen. Man sollte sich für etwas anderes interessieren als für die eigene Haut und Haare (Lesen Sie dazu auch meine Seite zum Geniessen des Lebens).
Erythrosis oder Rubeosis (=Rötung) mit punktförmiger (weisslicher) Aussparungen der Follikel, v.a. seitlich am Hals, als Folge dauernder Sonneneinwirkung bei Land- u. Bauarbeitern, Seeleuten, aber auch bei vielen sonstigen Menschen. Falls dennoch kosmetisch extrem störend kann mit einer Laserbehandlung gut behandelt werden.
Landkartenzunge (Lingua geographica)
Die „Landkartenzunge“ oder auf gescheit: „Lingua geographica“ ist eine Zunge, die rote Flecken auf dem Zungenrücken aufweist, welche sich in wenigen Tagen verändern können und einen 2-3 mm breiten grau-gelblichen Saum zeigen, was dann wie eine Landkarte aussieht. Je nach Untersuchung haben 2-15% der Bevölkerung eine solche Zunge. Sie kann im frühen Kindesalter beginnen und während des ganzen Lebens bestehen, sie kann aber auch im späteren Lebensalter plötzlich auftreten. Gerade diese Menschen, deren Zunge vorher völlig normal war, leiden unter einer gewissen Empfindlichkeit auf Nahrungsreize (eine ständige Empfindlichkeit besteht in ca. 4% und wird als psychosomatischer Hintergrundfaktor angesehen). Sie sind nicht selten verunsichert, hinsichtlich der Bedeutung z.B. als krebsartige Veränderung. Diese Ursache kann man aber völlig ausschliessen! Die Ursache der Landkartenzunge ist unbekannt. Abgrenzen muss man ein Eisen-, Vit.B12- oder Folsäure-Mangel, auch eine chronisch-atrophische Candida-Glossitis (Hefepilzinfekt) und selten der Lichen ruber planus auf der Zunge. Auch Amalgam hat nichts damit zu tun. Die wichtigste Massnahme bei der Landkartenzunge ist die Beruhigung, dass sie völlig harmlos ist und z.B. kein Krebsrisiko und keine Pilzinfektion dahintersteckt. Es gibt weder Behandlungsmöglichkeiten, die eine Lingua geographica ausheilen, noch solche, welche den unmittelbaren Schub positiv beeinflussen. Andererseits sind spontane Ausheilungen bekannt, die bei etwa 25% der Betroffenen schliesslich einmal eintreten.
Schwarze Haarzunge
eine harmlose Keratinisierung: siehe ausführlicher auch bei Wikipedia: wikipedia.org/wiki/Schwarze_Haarzunge Therapie: täglich mit Zahnbürste (am besten Elektro) kräftig putzen.
Laptop Computer induced Erythema ab Igne
Was heisst: Durch Laptop (auf den Oberschenklen) ausgelöstes „Rötung durch Feuer (Batteriewärme!)“: In dem einen Fall handelte es sich um einen 50-jährigen Mann, der auf dem linken Oberschenkel einen braunen, leicht rötlichen Fleck aufwies; der symptomlose Ausschlag war zwei Wochen nach dem Kauf eines Laptops aufgetreten, den der Patient seither viele Stunden am Tag benutzte, meist auf den Oberschenkeln platziert. Das Hitzeerythem beschränkte sich auf das linke Bein, weil sich die Wärmequelle (Akku) des Laptops auf der linken Unterseite des Geräts befand. Im zweiten Fall wies eine 48-jährige Frau netzförmige Pigmentierungen (Livedo) auf den Oberschenkeln auf, rechts stärker als links. Auch hier war ein Laptop auf dem Schoß der Auslöser; dieser hatte die Hitzequelle rechts.
Das Erythema ab igne (thermale Keratose) tritt normalerweise auf, wenn man sich längere Zeit zu nahe an einer Feuerstelle befindet, nach Verwendung von Wärmekissen etc. Die Hitze kann Epithelveränderungen auslösen, ähnlich wie UV-Licht, in seltenen Fällen (nach Jahren) Plattenepithelkarzinome. Laptops gehören – auch wenn sie so heissen – nicht auf den Schoss! (Bilic M et al.: Erythema ab igne induced by a laptop computer. J Am Acad Dermatol 50 (2004) 973-974 – Jagtman BA: Erythema ab igne due to a laptop computer. Contact Dermatitis 50 (2004) 105)
Reibeisenhaut (Keratosis pilaris)
„Reibeisenhaut“, medizinisch auch Keratosis pilaris oder Keratosis follicularis, ist eine anlagebedingte Verhornungsstörung der Haarfollikel. Sie zeigt sich meist schon in der Kindheit durch follikulär, das heisst an den Haarfollikel gebundene, spitzkegelige hautfarbene ggf. auch entzündlich gerötete Hornkegel. Diese treten meist an den Oberarm-Streckseiten, den seitlichen Wangen und den Aussenseiten der Oberschenkel auf. Wenn die Papeln auch am Penis vorhanden sind, kann auch Lichen nitidus vorliegen. Reibeisenhaut muss nicht behandelt werden, da es eine Normalvariante der menschlichen Haut ist. Bisher ist auch noch keine angemessene und zufriedenstellende Behandlung gefunden worden. Ein Vergleich einer Behandlung dieses Leidens ist wie wenn man einen schwarzhäutigen Afrikaner weisshäutig machen will…
Asymptomatische Bakteriurie
Bei alten Menschen (über 70) sind Bakterien im Urin ohne Symptome keine Krankheit! Grosse Studien zeigen, dass dies normal ist und nicht behandelt werden muss.
Corona glandis (oder Hirsuties papillaris Penis)
der »Eichelkranz«; der wulstartige Rand der Peniseichel (Glans = vordere eichelförmige Verdickung des Penis) gegen den Penisschaft hin. Wird von den Männern, obwohl 14-48% aller Männer diesen höckrigen Kranz sein Eigen nennt, häufig als „Pickelchen“ oder sonst was Krankhaftes angesehen. Diese Höckerchen sind völlig normal und sollten nicht behandelt werden! Es sind meist auch kleine sog. ektopische Talgdrüsen, wie unten beim Fordyce-Zustand beschrieben (siehe Photos):
aus Hausärzteforum Stadtspital Zürich, 18.04.2024
Papillome am Scheidenausgang
Das Pendant bei der Frau sind die absolut harmlosen Papillome, kleine fleischfarbene, weiche, perlenförmige Papeln an der Vulva, teils einzeln, teils gruppiert stehend. Diese Normvariante der vestibulären Schleimhaut – die vestibuläre Papillomatose – wird häufig als Genitalwarzen fehlgedeutet. Die Genitalwarzen sind aber im Unterschied zu Paillomen nicht auf das Vestibulum (Eingang) beschränkt. Die filiformen (fadenförmigen) oder blumenkohlartigen Kondylomwucherungen (Condylomata accuminata = spitze Genitalwärzchen) tendieren zudem dazu, an der Basis zusammenzuwachsen, und färben sich nach Applikation von 5%iger Essigsäure weiss. Papillome (die sich durch Essigsäure nicht verfärben) stellen eine normale anatomische Variante dar, analog den perlenförmigen Penispapeln beim Mann (siehe oben). Die korrekte Diagnose vermeidet unnötige weitere Diagnostik sowie Fehlbehandlungen.
„Fordyce Zustand“ der Mundschleimhaut oder am Penis
50% aller Mundschleimhautveränderungen, die mir als Hausarzt von den Patienten gezeigt werden – in der Ansicht, es handle sich um etwas Krankhaftes! Dies ist ein komplett normales Talgdrüsenauftreten an untypischen Orten in der Mundschleimhaut (sog. heterotope oder ektopische Talgdrüsen). Es handelt sich um eine anatomische Variante. Auf der Schleimhaut finden sich sattgelbe, durch die Schleimhaut hindurchschimmernde Knötchen. Beim embryonalen Verschluss der Gesichtsspalte wurden diese Talgdrüsen von der äusseren Haut nach innen verlagert. Bei 25% der Frauen und 30% der Männer anzutreffen. Kinder sind frei davon.
hier in typischer Lokalisation an der Oberlippe
hier unten auch am Penisschaft (sehr häufig):
Ein „Tumor“ in beiden Achselhöhlen
Wie ein speziell ausgebildeter Muskel in den Achselhöhlen einen Tumor vortäuschen kann: Lesen Sie darüber Genaueres in folgendem Artikel aus der Schweiz Med Forum: www.dr-walser.ch/axillary-arch-muskel.pdf
Ein „Tumor“ am kindlichen Fuss
Ein häufiger Grund für fehldiagnostizierte Exostosen oder Ganglien (Überbeine) beim Kind: der Lego-Spieler-Fuss! Hier finden Sie darüber einen zusammenfassenden Artikel im Schweiz Med Forum: lego-spieler-fuss.pdf
Hyposphagma
Als „Hyposphagma“ ist eine meist harmlose, scharf umrissene Unterblutung der Bindehaut des Auges. Ärzte sagen auch subkonjunktivale Blutung dazu. Das Hyposphagma imponiert als „akutes rotes Auge“, wobei die Verfärbung auf den Raum zwischen Lederhaut und Bindehaut beschränkt ist, ohne Beteiligung der angrenzenden Hornhaut. Die Blutung selbst ist allgemein schmerzlos, auch kommt es dadurch zu keiner Einschränkung der Sehschärfe. Hyposphagmata können als harmlose Folge unter alltäglichen Umständen auftreten, jedoch auch das Symptom einer ernsthaften Erkrankung sein. Mögliche Ursachen sind:
Differentialdiagnostisch ist das Hyposphagma gegenüber einer Bindehautentzündung abzugrenzen. Wenn keine begleitenden Verletzungen oder Fremdkörper vorliegen, ist eine Behandlung der subkonjunktivalen Blutung nicht erforderlich, da der Bluterguss abgebaut wird und nach etwa 10-14 Tagen resorbiert ist.
„Das Leben ist eine sehr endliche Veranstaltung, und ab einem bestimmten Punkt ist man auf der anderen Seite. Ich bin mit Mitte 50 aus dem Paradies der Unsterblichkeit gekippt. Ich habe immer gespielt, nichts wirklich ernst genommen, aber auf einmal war er da, der Moment, und ich merkte: Jetzt bin ich angeschossen…“ Ulrich Tukur, deutscher Schauspieler
Jedermann, jede Frau erlebt irgendwann im Leben diesen „Kipppunkt, an dem ich aus dem Paradies der Unsterblichkeit falle“. Die Männer häufig schon mit 30 bis 40 Jahren beim Auftreten eines genetischen Haarausfalls. Lesen Sie über diesen schwierigen Wendepunkt im Männerleben und den Umgang damit hier: www.dr-walser.ch/haarausfall-bei-maenner.pdf
Fersensporn
Der Diagnosebegriff „Fersensporn“ ist kaum auszurotten. Er entspricht dem subjektiven Empfinden eines vertikalen Stachels im Fersen, welcher bei Belastung schmerzhaft wird. Hat jemand mit diesem Fersenschmerz im Röntgenbild dann zufällig eine horizontal (!) gerichtet „Stachelbildung“ (Verkalkung) am Ansatz der Plantarfaszie am Fersenbein, ist die Diagnose „Fersensporn“ nicht mehr zu verhindern. Weiterlesen.
Schluckauf – Singultus
Singultus entsteht durch die unwillkürliche, unilaterale Kontraktion des linken > rechten Zwerchfells mit unmittelbar darauffolgendem Glottis-Schluss, der das charakteristische Geräusch erzeugt. Es gibt unzählige Namen für dieses Geräusch (im Schweizerdeutschen etwa: Gluxer, Gluxi, Higger, Higgi, Hitzgi, Hixer …). Die Frequenz beträgt 4–60/min.
Akuter Singultus dauert <2 Tage, ist selbstlimitierend, harmlos, aber lästig. Hält er >2 Tage an oder persistiert sogar >1 Monat, ist er lebensbehindernd und abklärungsbedürftig.
Zu Manövern gegen akuten Singultus gehören:
1. CO2-Anstieg erzielen: Atem lange anhalten oder in einen Sack rückatmen;
2. Vagusstimulation: eiskaltes Wasser oder Essig trinken, Druck auf Carotis oder Augenbulbus, Gurgeln, Ohrspülungen;
3. Bizzares: sexuelle Stimulation (Orgasmus), rektale Massage. Bei chronischem Singultus wirken diese Manöver nicht.
Folgende Medikamente können Singultus verursachen: Dexamethason, Benzodiazepine, Cisplatin, Opioide und Levodopa. Alkohol ist ein häufiger Auslöser.
Erkrankungen, die chronischen Singultus auslösen: gastroösophagealer Reflux (GERD), kardiale Erkrankungen, Erkrankungen des Zentralnervensystems wie zum Beispiel Aneurysma, Tumoren, Parkinson, Multiple Sklerose sowie otorhinolaryngologische Erkrankungen.
Auch psychische Konstellationen können einen persistierenden Singultus auslösen: Stress, Aufregungen, Angst mit Hyperventilation.
Die auslösende Erkrankung gehört zuerst behandelt: Ein Versuch mit Säureblockern ist empfehlenswert, da GERD zu den häufigsten Ursachen zählt.
Wirksame Medikamente gegen chronischen Singultus: Chlorpromazin, Metoclopramid, Baclofen, Gabapentin.
Akupunktur sollte versucht werden, wenn Medikamente nicht wirksam sind.
Bei nicht beherrschbarem Singultus stehen invasive Massnahmen wie Vagus-Stimulation oder Phrenikus-Blockade zur Verfügung. (Quelle: StatPearls. 2022, http://www.ncbi.nlm.nih.gov.books/NBK538225)
Rauchen ist unsexy: „Kissing a smoker is like licking an ashtray!“
Was tun?
Lesen Sie meine Einschüchterungen am besten NICHT, was Sie sich mit Rauchen antun… Man hat gemerkt, dass das Nikotin-Craving neben der Verhaltens-Konditionierung (Gewohnheit) klar im Zusammenhang steht mit einer selektiv verminderten Amygdala-Antwort des Hirns auf Angstsignale. Dies besteht auch bei allen anderen Drogenabhängigen und ist eventuell auch eine vor bestehende Verletzlichkeit dieser Menschen. Deshalb wirken wohl auch die angstmachenden Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln rein gar nichts! (Onur OA, et al.: Overnight deprivation from smoking disrupts amygdala responses to fear. Hum Brain Mapp 2011;May 26)
…und denken Sie darüber nach, was viel schädlicher ist als Nikotin: Der neue Zeitgeist der Nulltoleranz! Die Moral und damit die soziale Kontrolle funktioniert heute nicht mehr über Sex, sondern über Gesundheit! Die Kontrolle funktioniert über den Körper-, Schlankheits-, Fitnesskult, über die Ernährung und die Leistungsfähigkeit. Seit Sparta gibt es eine Form von Gesundheitsfaschismus. Das gehört zum menschlichen Dasein. Der Kult von Reinheit, Stärke, Körper – bis hin zur Rassereinheit im Nationalsozialismus. Gesundheitsbewegungen hatten immer etwas zutiefst Antiliberales. Umgekehrt hat der Genuss immer etwas Subversives, Ideentreibendes, Verdächtiges. Dadurch bekommt Rauchen heute langsam den Status von Pornografie. Etwas Abstossendes und Anziehendes zugleich.
In dieser ambivalenten Situation trennen sich auch die Glückssucher von den Unglücksvermeider, zwei völlig verschiedene Typen: Die einen stellen ihr Leben völlig auf Sicherheit ein (kein Rauch, gesundes Essen, keine AKW…) und die anderen suchen das Glück, den Exzess und sind bereit, Unglück (und frühen Tod und Krankheit durch Rauchen, etc.) zu riskieren!
Den Hedonisten unter meinen Lesern empfehle ich Epikur: Er sagt, wir bleiben nur dann frei und geniessen wirklich, was uns Lust bereitet, wenn wir uns nicht davon abhängig machen. Prüfen Sie also Ihren Genuss von Zigarette oder Alkohol genau nach diesem Massstab.
Schädlichkeitsbewertung unterschiedlicher Drogen nach Nutt et al., mit Aufteilung in Schäden für Konsumenten (hellgrau) und Schäden für andere (dunkelgrau)
Wie war es vor dem Rauchen?
Gehen Sie in sich und suchen Sie nach bildhaften Erinnerungen von Situationen, in denen Sie sich und die Welt geliebt – gesund gelebt und sich gut dabei gefühlt haben. Vielleicht war es ein Urlaub als Sie Kind waren: Sie machten lange Strandwanderungen mit einem Freund, und abends sass man auf der Düne und sah in den Sonnenuntergang. Sie rannten als Kind um die Wette und spielten ausgelassen. Lassen Sie diese Bilder in sich leben und führen Sie sich vor Augen, dass dabei der Atem ganz frei lief, ohne das eine Zigarette im Spiel war.
Wie hat alles angefangen?
Gehen Sie zurück, wie alles angefangen hat: Begannen Sie in den Jugendjahren zu rauchen, als das Interesse am anderen Geschlecht begann? War dies ein Riesenstress und war die Zigarette die richtige Droge zur Überwindung von Angst und Scham? Oder war das Rauchen in diesen frühen Jahren ein Versuch, etwas zu sein? Erwachsen zu sein? War das Rauchen ein Teil der Rebellion gegenüber dem Elternhaus? Ein Zusammengehörigkeitsritual Ihrer Peergroup? Nun sind Sie aber in der heutigen Situation: Die Angst und Scham hat sicher ab- und Ihr sozialer Status zugenommen. Die Rebellion ist wohl nicht mehr nötig und die Rituale des Zusammenseins haben sich verändert. Ist die Zigarette wirklich noch notwendig?!
Probieren Sie, auf Ihren Körper zu hören
Ich sage den Leuten nicht, dass sie mit Rauchen aufhören sollen, das bringt nichts! Stattdessen helfe ich ihnen, in ihre Körper zu sehen. Die meisten meiner Patient*innen haben mit zwölf oder 13 Jahren angefangen zu rauchen, um in der Schule cool zu sein oder um zu rebellieren. Das Gefühl der Coolness und die Rebellion sind dann die Belohnung. Um diese Belohnung zu bekommen, überwinden sie die Tatsache, dass Zigaretten schlecht schmecken, dass ihnen vielleicht sogar übel davon wird, weil es ja ein Gift ist. Als Nächstes entwickelt der Körper eine Nikotinsucht. Das Verhalten wird negativ verstärkt, weil die Leute sich schlecht fühlen, wenn sie nicht rauchen. Sie achten nur noch darauf, dass sie Nikotin bekommen, nicht darauf, wie Rauchen sich eigentlich anfühlt. Die Lösung wäre, sich dahin zu bringen, beim Rauchen wieder aufmerksam zu werden, auf den Körper zu hören. Wie fühlt sich Rauchen eigentlich an? Was habe ich davon? Auf einmal merken Sie: Zigaretten schmecken furchtbar! Ich sauge überhitzten Rauch in meine Lunge! Es stinkt. Mein Partner hasst, wie mein Atem riecht. Das Verhalten wird damit entzaubert. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Judson Brewer hatte mit dieser Behandlung in einer Studie fünfmal so hohe Erfolgsquoten wie ein Programm namens „Freedom from Smoking“, das in den USA als ein Goldstandard gilt.
„Meditativ“ Rauchen…
Machen Sie aus jedem Zug an Ihrer Zigarette eine „Meditation“: Warten Sie nach einem Zug, werden Sie sehr langsam, sehr achtsam auf das, was diese kleine Dose Droge wirklich bei Ihnen bewirkt! Sie müssen dazu wirklich Pausen machen, abwarten und sehr genau in sich rein fühlen. Sie werden merken, dass bereits kleinere Dosen das bewirken, was Sie wirklich von einer Zigarette erwarten. Und…auf einmal merken Sie: Zigaretten schmecken furchtbar! Ich sauge überhitzten Rauch in meine Lunge! Es stinkt. Alles wird bewusster – und die Anzahl Zigaretten und die Anzahl Züge an jeder Zigarette werden sich automatisch reduzieren.
Dann: Leben Sie als Raucher „Ihr Feuer“? Und wo – neben dem Rauchen – in Ihrem Leben?! Und wie leben Sie den Genuss in Ihrem Leben? Ist Rauchen „Ihr Genuss“?
Wie beginne ich das Stoppen: mit Willenskraft? Nein: mit Gewohnheiten
Wir überschätzen uns und unsere Willenskraft. Wir glauben, wenn wir uns nur am Riemen reissen, könnten wir jederzeit unser Verhalten steuern und unsere Ziele erreichen. Das stimmt aber leider nicht.
Ein Drittel der Männer und ein Fünftel der Frauen in der Schweiz und in Deutschland rauchen, sind also nikotinabhängig. Damit ist Rauchen unsere grösste Sucht – und sie ist auch die gefährlichste. Die im Tabakrauch bislang etwa 7000 analysierten verschiedenen Chemikalien neben Nikotin verursachen eine endlose Reihe gesundheitlicher Störungen- und massive Umweltschäden. Man kann heute ruhig behaupten, dass jede Zelle und jedes Organ im menschlichen Körper durch Rauchen geschädigt wird.
Das Rauchen schadet laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Umwelt enorm. Jedes Jahr kosteten Herstellung und Konsum von Tabak mehr als acht Millionen Menschenleben, 600 Millionen Bäume, 200’000 Hektar Land sowie 22 Milliarden Tonnen Wasser und setzten rund 84 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) frei, rechnet die WHO in einem neuen Bericht unter dem Titel «Tabak: Vergiftung unseres Planeten» vor. Die CO2-Menge entspreche dem Ausstoss von etwa 17 Millionen benzinbetriebenen Autos jährlich.
Tabakprodukte enthalten über 7000 giftige Chemikalien, die beim Wegwerfen in die Umwelt gelangen.Rund 4,5 Billionen Zigarettenfilter landen jedes Jahr in Ozeanen und Flüssen, auf Trottoirs und Böden und an Stränden. Die Kosten für die Beseitigung weggeworfener Tabakerzeugnisse tragen dabei immer die Steuerzahler und nicht die Industrie. Dies kostet China jährlich etwa 2,6 Milliarden Dollar und Indien etwa 766 Millionen Dollar. Die WHO fordert Länder und Städte auf, die Industrie bei der Beseitigung der Tabakreste stärker in die Pflicht zu nehmen. Ausserdem soll die Politik ein Verbot von Zigarettenfiltern in Betracht ziehen. Diese enthalten Mikroplastik und tragen stark zur Plastikverschmutzung bei. Ihr gesundheitlicher Nutzen ist hingegen nicht nachgewiesen, so die WHO. (Mai 2022)
Heilungsschritte
Vergegenwärtigen Sie sich alle Heilungsschritte, die nach dem Rauchstopp sofort eintreten.
Die Risiken des Rauchens steigen mit der täglichen Dosis linear (sind aber auch schon bei wenigen Zigaretten pro Tag massiv), mit der Zeitdauer aber exponentiell. Deshalb ist eine Reduktion der Zigarettenmenge oder Wechseln auf eine „schwächere“ Zigarette nur wenig wirksam, jedoch ein Stopp (oder Pause – siehe Länge bis Besserungen unten) enorm viel wirksamer! Sobald die letzte Zigarette geraucht ist, beginnt im Körper eine Reihe Veränderungen: Innerhalb von 20 Minuten erniedrigen sich der Blutdruck, die Körpertemperatur und die Herzschlagfrequenz auf die Werte, welche man als Nichtraucher hätte. Die Temperatur der Hände normalisiert sich. Die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit steigt. Der Altersschwund der Sehschärfe verringert sich. Die Zähne erhalten nach der Reinigung ihre normale Farbe zurück. Nach acht Stunden ist der Raucheratem verschwunden und das Giftgas Kohlenmonoxid ist in den roten Blutkörperchen durch Sauerstoff ersetzt worden. Die Muskeln werden leistungsfähiger. Schon nach 24 Stunden ist das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, gesunken. Nach 48 Stunden finden Veränderungen in den Nervenenden statt, welche den Geruchs- und den Geschmackssinn wieder verfeinern. Die Blutgefässe in Magen und Darm arbeiten wieder optimal – dadurch verbessert sich die Nahrungsaufnahme. Das Risiko für Magenkrebs sinkt bereits. Innerhalb von drei Tagen wird man wieder besser atmen können. Innerhalb zwei oder drei Monaten verbessert sich die Blutzirkulation. Damit wird das Gehen erleichtert, und die Lungenkapazität erhöht sich um bis zu 30 Prozent. Zwischen einem und neun Monaten verebbt die chronische Reizung der Nasennebenhöhlen, und die feinen Härchen in den Lungen, welche Fremdstoffe entfernen helfen, sind wieder nachgewachsen, was dem Raucherhusten ein Ende bereitet. man ist allgemein wieder leistungsfähiger. Schlafstörungen verschwinden, der Schlaf wird tiefer. Zwischen 6 bis 12 Monate nehmen auch die Durchblutungsstörungen (Kribbeln, Schmerzen) der Hände und Füsse ab. Nach einem Jahr ist das Risiko einer Erkrankung der Herzkranzgefässe halb so gross wie das eines Rauchers. Die gelben Ränder an den Händen verschwinden. Zwischen 1 bis 2 Jahre sinkt die Thrombosegefahr in den Venen der Beine auf 50 Prozent. Nach zwei Jahren fällt das Risiko eines Herzinfarktes auf nahezu normale Werte. Die Parodontose (Zahnfleischentzündung) geht zurück. Nach 4 Jahren sinkt das Risiko für Lippen-, Mundhöhlen- und Zungenkrebs auf 50 Prozent. Nach fünf Jahren nimmt das Risiko eines Schlaganfalles ab, das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, ist wesentlich geringer gegenüber früher, das Risiko für Krebserkrankungen der Speiseröhre ist nur noch halb so gross wie das des Rauchers. Nach zehn Jahren sterben so wenige frühere Raucher an Lungenkrebs wie Nichtraucher. Die präkanzerösen Zellen sind von gesunden Zellen ersetzt worden. Nach 15 Jahren ist auch das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nicht mehr grösser als das eines lebenslänglichen Nichtrauchers.
Also: Wer starkes Rauchen für nur ein Jahr unterbricht, hat bereits wieder eine viel bessere Lungenfunktion – und senkt das Risiko, früher zu sterben. Dies sagen auch Margit Pelkonen und ihr Team von der finnischen Universität in Kupio. Sie untersuchten während 30 Jahren finnische Raucherinnen und Raucher. Messungen des Lungenvolumens zeigten, dass eine einjährige Pause genügte, um die Lunge zu regenerieren. Allerdings noch nicht vollständig. Die besten Lungen hatten die kategorischen Nichtraucher. Die Forscher wollen damit Raucher mit missglücktem Aufhörversuch ermutigen, es erneut zu versuchen. Auch wenn sie wieder rückfällig würden, sei das noch lange kein Grund, frustriert zu sein.
Ein Rauchstopp verbessert auch das seelische Gleichgewicht
Ein Streit mit dem Partner oder Ärger bei der Arbeit – in solchen Situationen scheint eine Zigarette zu helfen. Doch Nikotin beruhigt die Nerven nur kurzfristig. Besser für die Psyche ist ein Rauchstopp. Zu diesem Schluss kommt eine neue Übersichtsstudie der unabhängigen Cochrane-Forscher 2021. Sie analysierten über 100 Studien mit insgesamt rund 170’000 Frauen und Männern. Nach dem Rauchstopp litten die Teilnehmer weniger an Stress, Ängsten und Depressionen als jene, die weiter rauchten. Den allermeisten geht es nach dem Rauchstopp deutlich besser. Nur in den ersten Tagen ist man wegen des Entzugs nervös oder unausgeglichen. Dann ist es wichtig, dass das Umfeld die Betroffenen unterstütze. Zudem soll man einen günstigen Zeitpunkt mit wenig Stress wählen und das Rauchzeug ganz verschwinden lassen.
Nehme ich beim Rauchstopp nicht viel Gewicht zu?
NEIN! Durchschnittlich nimmt man nach dem Stoppen mit den Zigaretten nur etwa 2 bis 5 Kilogramm zu. 10% nehmen sogar etwas ab! Und meist hat man nach einem Jahr wieder sein Ausgangsgewicht erreicht.
Auch wer nach dem Rauchstopp (vorübergehend) zunimmt, lebt gesünder
Wer mit dem Rauchen aufhört, verringert sein Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich – auch wenn er an Gewicht zunimmt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Schweizer und US-Forschern, die gestern im «Journal of the American Medical Association» veröffentlicht wurde. Teilnehmer, die nicht an Diabetes litten und mit dem Rauchen aufhörten, hatten ein um gut 50 Prozent geringeres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Dies sei trotz Gewichtszunahme der Fall gewesen, die im Schnitt nur bei 2,5 bis 3,5 Kilogramm lag, wie die Forscher von der Medizinischen Poliklinik der Universität und des Unispitals Lausanne berichten. Auch bei Diabetikern sank das Herz-Kreislauf-Risiko, allerdings nicht um einen statistisch signifikanten Wert. An der Langzeitstudie hatten zwischen 1984 und 2011 mehr als 3200 Menschen in den USA teilgenommen.
In den Vereinigten Staaten ist Rauchen die häufigste Ursache von vermeidbaren Todesfällen, wie es in der Untersuchung weiter heisst. Die Gewichtszunahme ist den Forschern zufolge die grösste Sorge der Raucher, die aufhören wollen. Demnach machten sich etwa 50 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer Sorgen, nach einem Rauchstopp zuzunehmen, was sie davon abhalten könne, das Rauchen einzustellen. Amerikaner, die mit dem Rauchen aufhören, nehmen im Schnitt 3 bis 6 Kilo zu. Das zusätzliche Gewicht bleibt einige Zeit bestehen. Bei Diabetikern kann eine Gewichtszunahme die schädlichen Auswirkungen ihrer Erkrankung verschlimmern. (aus dem Tages-Anzeiger vom 14.3.13)
Warum nimmt man eigentlich zu?
Der Grund liegt meist nicht darin, dass man mehr und anders isst, sondern in einer veränderten Zusammensetzung der Darmflora nach dem Rauchstopp! Bei Menschen nach dem Rauchstopp verschiebt sich vorübergehend die Population der Darmbewohner in Richtung derjenigen Bakterienstämme, die auch bei Fettleibigen dominieren.
Arbeit schadet Rauchern
Nikotinabhängige, die mehr als 50 Stunden pro Woche schuften, geben ihr Laster seltener auf als andere! Damit nicht genug: Im Durchschnitt qualmen sie sogar mehr. Und Exraucher werden in Stressphasen häufiger rückfällig, wie eine umfangreiche Analyse ergeben hat (j.socscimed.2014.04.031). Also: Weniger arbeiten wenn Sie mit Rauchen aufhören und dabei bleiben wollen!
Wie abhängig bin ich?
Um besser und standardisiert beurteilen zu können, wie sehr ein Mensch vom Nikotinkonsum abhängig ist, wird von behandelnden Ärzten zunehmend der Fagerström-Test verwendet. Beantworten Sie die Fragen, indem Sie die richtigen Kontrollkästchen antippen und zählen Sie die Punkte zusammen. Zeigen Sie das Ergebnis Ihrem Arzt.
Wie schaffe ich es also aufzuhören?
Dazu Mark Twain: „It’s easy to quit smoking. I’ve done it hundreds of times!“
Mit dem Rauchen aufzuhören, ist nicht einfach, aber Millionen Menschen haben es geschafft, und so können Sie es auch. Den Kampf gegen den inneren Schweinehund ist hier sehr eindrücklich beschrieben.
Ist es nur eine Sache meines Willens?
Nein! Der Einsatz von „Willenskraft“ ist letztlich anstrengend und nutzlos und eine Vorbereitung auf das Versagen. Wenn ich die Überzeugungen, die die Gewohnheiten gewählt haben, transformiere, ändern sich die Gewohnheiten selbst. Sie müssen heute nicht kämpfen, um keine Zigarette zu rauchen. Sie verändern den „Selbsthass“, der diese selbstzerstörerische Gewohnheit gewählt hat. Lernen Sie, sich und der Welt mehr zu vertrauen, zu lieben. Gehen Sie nochmals zurück, wie alles begann (siehe oben)…
Vorbereiten auf die Entwöhnung
Man darf zuerst mal behaupten, dass auch ein spontaner, rascher Entschluss sehr erfolgreich sein kann! Nach einer neueren Studie zeigte es sich , dass nicht vorausgeplante Stoppversuche sogar mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen als solche, die von langer Hand zu einem späteren Zeitpunkt geplant waren: http://bmj.bmjjournals.com/cgi/content/full/332/7539/458 .
Setzen Sie ein Datum fest, an dem Sie mit dem Rauchen aufhören wollen.
Versuchen Sie, einen Freund/eine Freundin zu überzeugen, ebenfalls, mit Ihnen, mit dem Rauchen aufzuhören. So können Sie sich gegenseitig unterstützen. Der Lebenspartner, der auch raucht, stoppt nach Möglichkeit gleichzeitig!
Mit Rauchen zu stoppen ist eine ganz natürliche Entwicklung, falls man jeden Tag beginnt etwas zu laufen! Leicht wird das selbstverständlich nicht, aber Rauchen und tägliches Lauftraining passen einfach nicht zusammen. Und das Laufen hilft sehr, die Entzugserscheinungen zu überwinden oder schon gar nicht aufkommen zu lassen (z.B. keine Gewichtszunahme!). Sich mehr zu Bewegen und dann das Rauchen aufzugeben bedeutet den symbolischen Abschied von seinem früheren Leben.
Notieren Sie sich, wann, wo und wie Sie rauchen. Schreiben Sie auf, bei welchen Gelegenheiten Sie gewöhnlich eine Zigarette anzünden: beim Frühstück, nach dem Essen, beim Autofahren oder… Dahinter schreiben Sie Ihre jeweilige Stimmungslage.
Ändern Sie Ihre Rauchgewohnheiten. Legen Sie Ihre Zigaretten an einen anderen Platz. Halten Sie sie nicht in der Hand, die Sie meistens benutzen. Nehmen Sie die Schachtel nicht überallhin mit, so dass Sie beim Lesen, Autofahren, Telefonieren und so weiter rauchen müssen.
Bestimmen Sie eine Stelle, an der Sie rauchen und nirgendwo anders.
Wenn Sie rauchen möchten, warten Sie einen Moment ab, bevor Sie die Zigarette anzünden. Versuchen Sie zunächst etwas anderes zu machen, wie Kaugummi zu kauen oder ein Glas Wasser zu trinken und warten Sie, ob das Bedürfnis vergeht.
Kaufen Sie nur jeweils eine Schachtel.
Hilfsmittel wie Pflaster oder Pillen sind nicht nötig – sie können, gemäss neueren Studien die Chancen sogar verringern: Betroffene sind versucht, die Verantwortung auf das Hilfsmittel abzuwälzen statt die Sache selber in die Hand zu nehmen. Dabei findet der Entzug überwiegend im Kopf statt. Zu diesem Schluss kamen auch australische Wissenschaftler. Sie analysierten 511 Rauchstopp-Studien. Das Ergebnis: Die meisten Nikotin-Aussteiger gewöhnen sich ihr Laster ganz ohne Unterstützung ab.
Und falls Sie darauf fixiert sind: Fragen Sie Ihren Arzt nach Medikamenten, die die Entzugssyndrome mildern und das Verlangen nach Nikotin reduzieren. Sie können beispielsweise Nikotin-Pflaster oder Kaugummi für die ersten «Nichtraucherwochen» bekommen. (siehe weiter unten)
Planen Sie bereits gut, wie Sie sich viel mehr bewegen können (damit Sie nicht nach dem Rauchstopp zunehmen). Markieren Sie dreimal in der Woche grüne Balken von je einer Stunde in Ihrer Agenda und planen Sie darin diejenige Art von Bewegung, die Sie auf lange Zeit lustvoll tun wollen.
Am ersten Entwöhnungstag
Werfen Sie alle Zigaretten fort und stelIen Sie die Aschenbecher weg.
Ändern Sie Ihre morgendlichen Gewohnheiten, besonders Ort und Zeit, an denen Sie normalerweise frühstücken. Oder frühstücken Sie auswärts.
Wenn Sie unbedingt rauchen müssen, tun Sie stattdessen irgend etwas anderes. Plagt Sie die Lust auf eine Zigarette, sollten Sie einen kurzen, strammen Spaziergang um den Häuserblock machen. Der Grund: Bewegung aktiviert das Belohnungszentrum im Hirn. Das hebt die Stimmung und hilft gegen Entzugssymptome!
Stecken Sie sich etwas in den Mund wie Kaugummi, harte Bonbons oder Zahnstocher.
Markieren Sie bereits einen dieser einstündigen grünen Balken in der Agenda für einen lustvolle Bewegung. Denn leichte sportliche Betätigung mindert die Entzugserscheinungen enorm.
Belohnen Sie sich am Ende des Tages. Schauen Sie sich einen Film an oder essen Sie Ihr Lieblingsgericht.
Nicht-Raucher bleiben
Treiben Sie regelmässig Sport: Gehen Sie spazieren, fahren Sie Rad oder treiben Sie den Sport, der Ihnen gefällt. Bereits ein fünfminütiger Spaziergang aktiviert das Belohnungszentrum im Hirn und senkt das Verlangen nach Zigaretten und mildert die mit der Rauchentwöhnung oft einhergehenden Symptome wie Stress, Beklemmung und Konzentrationsschwierigkeiten.
Denken Sie an die positiven Wirkungen des Nichtrauchens, beispielsweise an Ihr positives Selbstbild: Sie sind in der Lage, mit schlechten Gewohnheiten zu brechen. Denken Sie auch an den gesundheitlichen Gunsten, den Sie und Ihre Familie davontragen, wenn sie in einer rauchfreien Umgebung leben und schliesslich an das Vorbild, das Sie anderen setzen.
Wenn Sie Stress spüren, denken Sie über das Problem nach und versuchen Sie es zu lösen. Sagen Sie sich, dass durch Rauchen nichts wirklich besser wird.
Essen Sie regelmässig, so, dass Sie nie hungrig sind. Niemals das Hungergefühl mit einer Zigarette ablenken.
Stecken Sie das Geld, das Sie für Zigaretten ausgeben würden, in eine Spardose und beobachten Sie, wie sich der Betrag vermehrt. Planen Sie, sich etwas Besonderes davon zu kaufen.
Erzählen Sie anderen Leuten, dass Sie mit dem Rauchen aufgehört haben. Ihre Freunde, die immer noch rauchen.. möchten wissen, wie Sie es geschafft haben.
Wenn Sie trotz alledem mal eine Zigarette rauchen müssen, geben Sie Ihr Vorhaben, Nichtraucher zu werden, nicht gleich vollständig auf. Selbst schon kürzere Pausen bringen Ihrer Gesundheit sehr viel Nutzen! Viele ehemalige Raucher haben mehrere Versuche gebraucht, bevor sie es endgültig geschafft haben, Nichtraucher zu werden. Machen Sie weiter! Auch Sie schaffen es!
Entwerfen Sie Strategien gegen die diversen möglichen Nikotinentzugssymptome:
App erleichtert Unterstützung beim Rauchstopp
Der Rauchstopp ist einfacher, wenn man von nahestehenden Personen zum Durchhalten motiviert wird. Eine neue App für Mobiltelefone erleichtert es Ausstiegswilligen, sich in einer Krise mit einer Freundin oder einem Freund zu vernetzen und um Unterstützung zu bitten. Mit diesem Programm können auch zwei Rauchende gemeinsam aufhören. Tabakfachleute der Universität Genf entwickelten die App. Mehr Infos unter www.smokefree.ch. (Bundesamt für Gesundheit)
Kwit (für Android und iOS, kostenlos): Die App unterstützt Menschen nach dem Rauchstopp. Sie zeigt, welche Fortschritte die Gesundheit macht und wie viel Geld man bereits gespart hat. Speziell: Die App funktioniert wie ein Spiel. Man kann zu immer höheren Erfolgs-Levels aufsteigen. Wenn die Lust auf eine Zigarette quält, zieht man eine Motivationskarte und erhält einen Tipp, wie man widersteht. Die App ist schön gemacht und abwechslungsreich. Allerdings muss man sich registrieren. Zudem sind einige Funktionen nur in der Abo-Version für Fr. 8.- pro Monat verfügbar, zum Beispiel Angaben zur gewonnenen Lebenszeit oder unbeschränkte Einträge ins Tagebuch. Das ist zu teuer. Fazit: Die Gratis-Version erleichtert den Kampf gegen das Nikotin. Die Abo-Version kann man sich sparen. Apple & Android
Übrigens: eine Bemerkung zu den abschreckenden Aufschriften auf den Zigarettenpackungen
Warnhinweise auf Zigarettenpackungen sind doch hilfreich! Sie helfen Ex-Rauchern dabei, Nichtraucher zu bleiben. Dies konnten Forscher des Health Centre for Tobacco Control in St. Carlton, Australien 2012 in einer Studie mit 2000 Teilnehmern bestätigen. Über die Hälfte gaben an, dass Warnhinweise wie «Rauchen kann tödlich enden» und Bilder von kranken Lungen sie davon abschreckten, erneut zur Zigarette zu greifen. Den grössten abschreckenden Effekt stellten die Forscher fest, wenn Text und Bilder auf den Packungen immer wieder neu gestaltet werden.
Medikamente zur Nikotinentwöhnung?
Am besten hören Sie mit einem Schlag auf. Hilfsmittel wie Pflaster oder Pillen sind nicht nötig – sie können die Chancen sogar verringern: Betroffene sind versucht, die Verantwortung auf das Hilfsmittel abzuwälzen statt die Sache selber in die Hand zu nehmen. Dabei findet der Entzug überwiegend im Kopf statt. Zu diesem Schluss kamen auch australische Wissenschaftler. Sie analysierten 511 Rauchstopp-Studien. Das Ergebnis: Die meisten Nikotin-Aussteiger gewöhnen sich ihr Laster ganz ohne Unterstützung ab. Wenn in einer Paarbeziehung beide rauchen, hören wenn möglich auch beide gleichzeitig damit auf. Sonst ist die Gefahr eines Rückfalls zu gross. Und: Wer sich nach dem Rauchstopp körperlich mehr bewegt, verbessert seine Erfolgschancen nachweislich.
„Wenn eine medikamentöse Hilfe angezeigt erscheint, stellen Nikotinpräparate wegen ihrer vergleichsweise geringen Risiken die erste Wahl dar.“ (pharma-kritik)
Nikotinersatzpräparate
Nikotin kann paradoxerweise verwendet werden, um sich von einer Nikotinabhängigkeit zu befreien. Die sogenannte Nikotinersatztherapie erhöht die Chance, mit dem Rauchen aufzuhören. Es stehen verschiedene Darreichungsformen wie Kaugummis, Pflaster und Mundsprays zur Verfügung. Lesen Sie den ausführlichen Artikel im PharmaWiki hier >>> www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Nicotin und auf meiner Website hier >>> nikotinep/
Die Antidiabetesmittel Ozempic oder Wegovy als Antisuchtmittel?
Es hat sich nun gezeigt, dass Semaglutid & Co neben dem Appetit auch ein Suchtverlangen (gegen Rauchen, Alkohol,…) unterdrückt. Dies passt natürlich zum gehypten Auftritt dieser Medikamente. Die Social-Media-Posts gehen nun mit Erfolgsmedlungen durch die Decke… In solcher Euphorie wird immmer übers Ziel ausgeschossen, weshalb man noch nicht mit gutem Gewissen diese neue Indikationsausweitung als bare Münze nehmen kann. Zudem hatten wir dies schon etliche Male, dass eine Sucht mit Medikamenten behandelt wurde, worauf man darauf regelmässig von diesen neuen Mittel abhängig wurde, deren Langzeit-Nebenwirkungen man noch gar nicht kennt. Dies geschah auch intensiv mit Amphetaminen zum Abnehmen, mit Nikotinersatzpräparate gegen das Rauchen, usw..
Warten wir also die laufenden Studien aus der Forschung ab – und auf mehr Langzeiterfahrung. Weiterlesen >>>
E-Zigaretten zur Nikotinentwöhnung (Dampfen oder Vaping)
Man muss wissen, dass man hier nur eine Sucht mit der anderen ersetzt, was beim Entzug allgemein nicht erwünscht ist! Die meisten Benützer von E-Zigaretten bleiben bei diesen. Zudem sind die Langzeitschäden offensichtlich sehr gefährlich und unabsehbar!
E-Zigaretten: Achtung: Einstiegsdroge mit unbekannten Langzeitfolgen!
Hier eine sehr entlarvende, unabhängige und recht eindeutige Arbeit aus dem Arzneitelegramm 2/14 zu den „modernen“ E-Zigaretten >>> e-zigaretten.pdf
Schon 2016 zeigen Studien, dass «Dampfen» überhaupt nicht harmlos ist: E-Zigaretten gelten als saubere Alternative zu Tabakprodukten. Doch amerikanische Forscher schlagen Alarm: Die Geräte schaden den Atemwegen. E-Zigaretten sind besonders beliebt bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren. Das zeigt das Schweizer Suchtmonitoring. Sie werden häufig auch von Jugendlichen benützt, die vorher nie geraucht haben – gelten also als Einstiegsdroge zum späteren Rauchen! Und die Geräte sind nicht harmlos: Sie verdoppeln das Risiko, an Bronchitis zu erkranken! Auch bei ehemaligen E-Zigarette-Benützern treten Atemwegskrankheiten häufiger auf. Das haben Forscher der University of Southern California herausgefunden. Sie untersuchten über 2000 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Gleichzeitig warnt auch die nordamerikanische Gesundheitsbehörde United States Public Health Service, der «Dampf» aus E-Zigaretten enthalte ein problematisches Chemikaliengemisch von Konservierungsmitteln, Duft- und Geschmacksstoffen und Verneblungsmitteln, also schädliche Stoffe wie Metalloxide, Lösungsmittel und Aromen. Das darin enthaltene Nikotin kann natürlich auch süchtig machen. Es verführt allgemein zu anhaltenderem Gebrauch als mit normalen Zigaretten. Die toxischen Einwirkungen werden dadurch stärker und unbestimmter Dazu kommt: Explodierende E-Zigaretten führen immer wieder zu schweren Verbrennungen, vor allem im Gesicht. Deshalb: Hände weg von E-Zigaretten. Ich plädiere sogar für ein Verkaufsverbot unter 18 Jahren. E-Zigaretten sind höchstens als vorübergehende Ausstiegshilfe für schwere Raucher geeignet.
Weitere Studie, die zeigt, dass es für unsere Lungen- und Bronchienzellen keine Rolle spielt, ob klassische Zigaretten geraucht oder E-Zigaretten und Hochtemperatur-Tabakerhitzer benützt werden. Toxizität, Oxidativer Stress, Entzündungsreaktionen und Remodelling waren gleich schlimm! (Sohal SS et al.: IQOS exposure impairs human airway cell homeostasis: direct comparison with traditional cigarette and e-cigarette. ERJ Open Res 2019;5:00159-2018.)
Doppelkonsum erhöht das Risiko
Jeder achte Raucher nutzt auch E-Zigaretten. Das zeigen Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums. Viele greifen nach dem Umstieg aufs Dampfen wieder zur herkömmlichen Zigarette. Andere rauchen, wenn der Akku der E-Zigarette leer ist. Fachleute nennen das Doppelkonsum.
Er schadet besonders: Das Lungenkrebsrisiko vervierfacht sich. Forscher der Ohio State University belegen das mit einer Studie an über 30.000 Teilnehmern. Das überrascht kaum: E-Zigaretten enthalten Hunderte Chemikalien, einige davon lösen nachweislich Krebs aus.
Für die Umwelt sind die Billigprodukte eine grosse Belastung: Denn sie enthalten relativ grosse Akkus. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bezeichnet solche Einwegprodukte als «Ressourcenverschwendung». Die Behörde hat ausgerechnet, wie hoch der Materialverbrauch ist. «Je nach Batterie in der Einweg-E-Zigarette wirft man pro Monat etwa den Akku eines kleinen Smartphones weg». Wer jeden Monat vier Einweg-E- Zigaretten konsumiert, verschleisst demnach ungefähr die Batterie eines iPhone SE. Das Problem verschärft sich allerdings, weil ein Grossteil der E-Zigaretten oft im Abfall statt im Recycling landen. Wie bei Mikrowellen, Staubsaugern und anderen Elektrogeräten üblich, könnten aber auch die Dampfapparate in jede Verkaufsstelle zurückgebracht werden. Doch oft wissen Konsumentinnen und Konsumenten nicht, dass sie diese Geräte zurückbringen müssen. Die Rücklaufquote ist deshalb sehr niedrig. Zudem: Wenn sie im Abfall landen, kann es gefährlich werden! Wenn E-Zigis im Abfall landen, ist das nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern birgt auch Gefahren. Die enthaltenen Lithium-Ionen Batterien können leicht in Brand geraten. Das ist beim Transport in den Fahrzeugen der Kehrichtabfuhr gefährlich und kann auch in den Kehrichtverbrennungsanlagen zu grossen Bränden führen.
Karies durch E-Zigaretten und Vapen
E-Zigaretten, ursprünglich als Nikotinersatz und Entwöhnungshilfe eingesetzt, erfreuen sich durch das zusätzliche Verdampfen von feinen Aromen einer grossen Beliebtheit (sogenanntes «Vapen»). Zunehmend vapen auch Personen, die noch nie geraucht haben, und leider gehören auch Kinder und Jugendliche dazu. Allerdings häufen sich die Berichte der damit verbundenen Gesundheitsrisiken, sodass vor dessen Genuss nur abgeraten werden kann. Ein weiteres Risiko des Vapens scheint nun auch Karies zu sein: In den USA wurde während drei Jahren bei 13 216 Personen im Alter von 16–40 Jahren mit Kariesdiagnose festgehalten, ob sie – neben den klassischen Kariesrisiken (unzureichendes Zähneputzen, Naschen, Drogenkonsum) – E-Zigaretten benutzen oder vapen. 136 Personen bestätigten, 13 080 verneinten dies. Während E-Rauchende/Vapende in 79,1% der Fälle in eine hohe Kariesrisikogruppe gehörten, war dies bei den Nichtvapenden bei 59,6% der Fall (p <0,001). (JADA. 2022, doi.org/10.1016/j.adaj.2022.09.013)
Cytisin ist ein Alkaloid, das in Pflanzen der Leguminosae-Familie vorkommt und in Osteuropa bereits seit den 60er Jahren als Antitabakmedikament (Markenname: Tabex) gebraucht wird. Es ist wie Vareniclin ein partieller nikotinerger Acetylcholinrezeptor. Ausserhalb Osteuropas ist es relativ unbekannt. Die Kosten sind tief im Vergleich zu anderen Nikotinersatztherapien und die Behandlung ist kurz (25 Tage). In einer grösseren Studie war Cytisin besser als die herkömmliche Nikotinersatztherapie, es traten aber innerhalb von 6 Monaten fast doppelt so viele Nebenwirkungen (v.a. Nausea, Erbrechen, Schlafstörungen) in der Cytisin-Gruppe auf. (Walker W, Howe C, Glover M et al: Cytisine versus Nicotine for Smoking Cessation. New Engl J Med 2014;371:2353-62)
Nikotinrezeptoragonist Vareniclin (Champix)
Der partielle Champix erhöht bei gesunden motivierten Rauchern die Chance, ein Jahr lang nicht zu rauchen, gegenüber Plazebo unwesentlich. Das bedeutet andererseits, dass trotz umfangreicher psychologischer Begleitmassnahmen, die unter Alltagsbedingungen in der Regel nicht in diesem Ausmass zu realisieren sind, die meisten Anwendern weiter rauchen. Vareniclin ist dem Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer Bupropion (ZYBAN) langfristig nicht überlegen. Nur in firmengesponserten Untersuchungen schneidet das Konkurrenzprodukt häufig wenig schlechter ab. Vergleiche mit Nikotinersatztherapie zeigen auch in etwa dieselbe Wirkung. Vareniclin ist aber wesentlich schlechter verträglich: 30% klagen über Übelkeit, ebenso viele über Schlafstörungen. Nebenwirkungen zusammengefasst: 1 von 3 leidet unter Übelkeit. 1 von 15 hat abnorme Träume. 1 von 23 leidet an Schlaflosigkeit. 1 von 50 hat Kopfschmerzen. 1 von 143 entwickelt bei/unter Therapie schwerwiegende Nebenwirkungen (Verletzungen, Infekte, Krebs…).
Kosten: Ein Behandlungszyklus von 12 Wochen kostet ca. 600.- CHF, also etwa 500.- Euro. (Am Fam Physician, 2017 Sep 1;96)
Meines Erachtens kommt der Nikotinagonist allenfalls als Mittel der letzten Reserve in Betracht, wenn eine medikamentöse Unterstützung bei der Nikotinentwöhnung erforderlich ist und Nikotinersatztherapie fehlgeschlagen hat. (arznei-telegramm 2007; 3: 26). Ich rate klar davon ab! Ein Nachteil von Champix gegenüber den Nikotinersatzpräparaten ist auch, dass es eine Gewichtszunahme nach dem Rauchstopp nicht bremst. Ob Vareniclin sinnvoll mit einer anderen Pharmakotherapie (z.B. Nikotinpflaster) kombiniert werden kann, ist vorläufig unbekannt. Der Vorteil einer verlängerten Einnahme von Vareniclin über 24 statt 12 Wochen ist nicht vorhanden.
Von den gängigen Antidepressiva haben sich lediglich Bupropion und Nortriptylin als umstrittene Entzugsbegleiter erwiesen. Ihnen gemeinsam ist die noradrenerge Wirkkomponente, die ebenso wie eine dopaminerge offenbar den Verzicht aufs Rauchen erleichtern soll. Serotonerge haben dagegen bislang enttäuscht (die üblichen SSRI). Was bislang aber noch überhaupt nicht untersucht wurde: Ob vielleicht nur die Nebenwirkungen dieser Substanzen zum Entwöhnungserfolg beitragen. So macht Bupropion einem Teil der Konsumenten den Mund trocken – mag sein, dass die Zigarette dann einfach nicht mehr schmeckt. Eine neuere Studie zeigt, dass Bupropion als Zusatztherapie zu herkömmlichen Raucherentwöhnungsprogrammen (Nikotinsubstitution und Beratung) die Raucherabstinenzrate nicht erhöht (www.evimed.ch/cgi-bin/WebObjects/nuSite.woa/evimed/journal_club.html?rubricseq=120&tocexternalid=853)
Ich rate ebenfalls von Antidepressiva ab.
Weshalb verdienen die Tabakmultis noch immer viel?!
Die Umsatzsteigerung wird mit teuren Preisen bei Zigaretten erreicht. Die Konsumenten machen dafür aber Steuererhöhungen verantwortlich. Da der Tabakindustrie ständig Konsumenten durch früheren Tod abhandenkommen, müssen jüngere Leute ein positiveres Bild vom Rauchen bekommen, damit sie trotz allem anfangen. Dafür wird auch zu zweifelhaften Methoden (Schleichwerbung) in Social-Media-Kanälen gegriffen. In diesem Video lernt man die Tricks und Kniffe kennen, die erklären, warum die Tabakindustrie weiterhin so erfolgreich ist:
Tobacco Control Das Rauchen von Tabak – meistens in Form von Zigaretten entspricht einer krankhaften Sucht mit ungewöhnlich dramatischen Folgekrankheiten. Betroffene Individuen sind dieser Krankheit in den meisten Fällen hilflos ausgeliefert, die Gesellschaft ist daran gewöhnt, das Suchtverhalten zu tolerieren und die Behörden und Regierungen begünstigen mit ihrer passiven Haltung in unerhört zynischer Weise das vorzeitige Ableben der Süchtigen. Diese Realität, die offensichtlich der Tabakindustrie seit langem bekannt ist, ist wohl vielen Ärztinnen und Ärzten zu wenig bewusst. Dank dem umfangreichen Antitabak-Aktivismus im Internet offeriert dieses Medium eine ausgezeichnete Informationsbasis zum Problem des Rauchens. So kann man beispielsweise mit dem Editorial «Nicotine Addiction» im British Medical Journal ( http://www.bmj.com/cgi/content/full/320/7232/391 ) beginnen und sich anschliessend über eine der zahlreichen Antitabak-Sites ein sehr umfassendes Bild verschaffen, wie die Industrie vorgegangen ist und auch heute noch vorgeht, wenn es darum geht, junge Leute süchtig zu machen. Zum Beispiel: Zigarettenproduzenten extrahieren das Nikotin zunächst aus dem Tabak, um es dann in bis zu vierfacher Konzentration wieder beizufügen. Dies fördert das Süchtigwerden von Erstrauchern und schafft neue Kunden.
Die interessantesten internationalen Adressen sind die folgenden:
www.tobaccofactfile.org das Tobacco Control Resource Centre der britischen Ärztegesellschaft – sehr informativ!
http://www.cdc.gov/tobacco/ Die «Tobacco Information and Prevention Source» der amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention.
http://www.tobacco.org/ «Tobacco BBS»: eine sehr vielfältige Site mit einer Riesenauswahl von aktuellen News.
Allgemein gesagt, altert unser Körper mit jeder Zelle und jedem Organ viel schneller: gut sichtbar wird dies an einer Raucherhaut, die jünger welk und faltig wird. 30% aller Todesfälle bei den 35- bis 69-Jährigen sind nikotinbedingt.
Bedingt oder mitbedingt: Lungentuberkulose, chronisch obstruktive Lungenkrankheit, Pneumonie, ischämische Herzerkrankungen (Herzinfarkt, Angina pectoris,…), Aortenaneurysma, Arteriosklerose, Hypertonie, Hirnschlag, Hirnblutung (verdoppeltes Risiko für intrazerebrale Hämorrhagien und Subarachnoidalblutungen – T.Kurth et al., Stroke 2003;34:1151-1155), Magengeschwüre, Schilddrüsenunterfunktion, Durchblutung (kalte Hände und Füsse), chronische Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung),Leberzirrhose,… Rauchen öffnet einem bakteriellen Angriff Tür und Tor: invasive Pneumokokken-Infektionen (Bakteriämie, Meningitis, etc. bei Immunkompetenten) treten fast nur bei Raucher auf! Auch das Risiko einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) korreliert mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten. Rauchen verstärkt auch die chronische Darmentzündung M.Crohn – dort ist jede Zigarette zuviel! Rauchen beschleunigt und verschlimmert den Verlauf einer MS (Arch Neurol 66(7):858-864, July 2009)!
Auch wenig Rauchen ist schlecht fürs Herz: Frauen, die „nur“ drei bis fünf Zigaretten pro Tag rauchen, verdoppeln bereits ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dasselbe Schicksal erleiden Männer, die sechs bis neun Zigaretten täglich rauchen. Schon kleine Tabakmengen, so das Fazit einer grossangelegten dänischen Studie (12’000 Männer und Frauen während 22 Jahren), können die Gesundheit erheblich schädigen! (Prescott E et al., Importance of light smoking and inhalation habits on risk of myocardial infarction and all cause mortality, J Epidemiol Community Health. 2002 Sep;56(9):702-6.)
Die anamnestische Angabe von sogenannten «pack-years» für den Zigarettenkonsum subsumiert eine relativ vorhersehbare Dosis-(Neben-)Wirkungs-Beziehung. Das dürfte aber nur bedingt zutreffen. Eine Metaanalyse von immerhin 141 Kohortenstudien fand für Personen, die lediglich eine Zigarette pro Tag rauchten, folgende Risikoveränderungen im Vergleich zu Niemals-Rauchern: Zunahme um 48 respektive 25% für koronare Herzkrankheit oder Schlaganfall für Männer. Bei Frauen fiel – wie vermutet – die Risikoerhöhung noch prominenter aus: 57 respektive 31% mehr. Interessant ist auch der Befund, dass bei Konsum einer Zigarette pro Tag bereits etwa die Hälfte des Risikos (im Vergleich zum Konsum eines ganzen Pakets pro Tag!) eingefahren wird, eine solche kardiovaskuläre Erkrankung zu erleiden. (BMJ 2018, doi.org/10.1136/bmj.j5855)
„Man nimmt doch mit Rauchen ab – und dies ist doch gesund?“ Im Gegenteil: Obwohl RaucherInnen einen kleineren BMI haben als Nichtraucher, haben sie eine metabolisch gefährlichere Fettverteilung, d.h. sie haben eher mehr Bauchfett, also eine Apfelform des Körpers (siehe www.dr-walser.ch/metabolisches_syndrom/). (Obesity Research 13:1466-1457.August 2005.) .
Rauchen fördert Demenz In der so genannten Whitehall II-Studie liessen die kognitiven Leistungen zwischen dem 44. bis 69. Lebensalter bei Rauchern signifikant schneller ab als bei Nichtrauchern. Dies gilt auch für Ex-Raucher, deren Werte sich erst nach 10jähriger Abstinenz wieder denen der Nichtraucher annäherten. Laut der Studie war bei einem 50-jährigen Raucher ein ähnlicher geistiger Abbau zu beobachten wie bei einem 60-jährigen Nichtraucher. Bei Frauen war dies weniger deutlich. (S.Sabia et al., Arch Gen Psychiatry, Feb. 2012)
Rauchen lässt das Gehirn schrumpfen Nahezu alle Bereiche des Gehirns sind betroffen, wie eine neue Studie zeigt. Die durch Tabak verursachten Schäden sind offenbar nicht zu reparieren. Die Psychiater und Radiologen von der Washington University in St. Louis zeigen im Fachmagazin «Biological Psychiatry», wie eng Rauchen und Gehirngrösse zusammenhängen. Das Team um Laura Bierut hat dazu auf den Datensatz der UK Biobank zurückgegriffen und in die Studie mehr als 32’000 Erwachsene aufgenommen, deren Hirngrösse mittels bildgebender Verfahren erfasst wurde. Dabei zeigte sich, dass bei jenen Probanden, die regelmässig geraucht haben, die Hirngrösse kleiner war als beim altersentsprechenden Durchschnitt. «Bis vor kurzem haben Wissenschaftler die Auswirkungen des Rauchens auf das Gehirn tendenziell übersehen oder vernachlässigt», sagt Bierut in einer Pressemitteilung. «Das lag auch daran, dass wir uns auf die furchtbaren Schädigungen von Herz und Lunge konzentriert haben.» Doch je genauer die Folgen für das zentrale Nervensystem untersucht wurden, desto deutlicher zeigte sich, wie schlecht Rauchen für das Gehirn ist. Das Denkorgan altert vorzeitig, und damit steigt das Risiko für Raucher, schon früh an kognitiven Einschränkungen zu leiden oder an Demenz zu erkranken. Das Forscherteam stellte weiter fest, dass es eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung gibt. Je mehr Zigarettenpackungen pro Jahr und während der gesamten Raucherkarriere bisher konsumiert worden waren, desto kleiner das Gehirn. «Das klingt schlecht, und das ist auch schlecht», sagt Bierut. «Zu einem geringeren Hirnvolumen kommt es mit zunehmendem Alter sowieso. In einer alternden Gesellschaft ist das ein wichtiger Punkt, denn Alter und Rauchen ergänzen sich als Risikofaktoren für eine Demenz.» Etwa 14 Prozent aller Alzheimererkrankungen weltweit führen Forscher auf Zigarettenkonsum zurück. Nahezu alle Bereiche des Gehirns sind bei Rauchern laut Studie von den Schrumpfungsprozessen betroffen, die weisse wie die graue Substanz, auch wenn letztere stärker beeinträchtigt war. Besonders ausgeprägt waren die Schädigungen zudem in der Hirnrinde und dem Hippocampus. Diese beiden Regionen sind besonders für kognitive Leistungen wie Sprache, abstraktes Denken und das Erinnerungsvermögen zuständig. Auch die als Ventrikel bezeichneten Hohlräume im Gehirn waren bei den Rauchern grösser als bei den Nichtrauchern. Als mögliche Ursache für die Hirnschrumpfung kommen mindestens zwei Mechanismen infrage. Einerseits wirken Nikotin und viele andere in Tabakprodukten enthaltene Substanzen als Zellgifte, die sich schädlich auf die Schutzbarriere der Blut-Hirn-Schranke auswirken. In der Folge kann das Hirngewebe direkter angegriffen werden. Andererseits drosseln die Inhaltsstoffe von Zigaretten und anderen Tabakwaren die Durchblutung in den Hirnarterien und tragen dazu bei, dass die Blutgefässe schneller verkalken. Diese Schädigungen kumulieren sich und beschleunigen so den Volumenverlust des Gehirns. Offenbar ist der Rückgang der Hirnmasse irreversibel, denn auch Menschen, die schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört haben, weisen kleinere Gehirne auf als jene, die nie geraucht haben. Die gute Nachricht ist immerhin, dass der Schwund nicht weiter voranschreitet, wenn Abhängige den Tabakkonsum beendet haben. Die ursprüngliche Grösse des Gehirns wird allerdings nicht wieder erreicht.
Sehen: Bei Rauchern kann bereits das Rauchen einer Zigarette die Blutzufuhr zum Sehnerv drastisch reduzieren. Raucher leiden deshalb hochsignifikant mehr unter degenerativen Augenerkrankungen (z.B. der Makuladegeneration, die zur Erblindung führt). Daneben spielt hier auch die Neurotoxizität der Zigaretten eine Rolle.
Schlafen: Rauchen führt zu Einschlafstörungen: Nichtraucher schlafen nach einer guten Viertelstunde ein. Die Raucher schaffen dies erst nach mehr als 25 Minuten, und wer mehr als 20 Zigaretten raucht, bezahlt das pro Stück mit einer weiteren halben Minute! Ausserdem setzt bei den Rauchern nachts häufiger kurz der Atem aus (Schlaf-Apnoe-Syndrom), und ihre Beinmuskeln zucken häufiger. Von beidem wacht man meist nicht auf, ist aber morgens weniger ausgeschlafen. Diese Symptome sind intensiver, je länger jemand geraucht hat und je mehr es täglich war.
Depression: Rauchende Studenten (Uni Belgrad und Pristina) leiden zwei- bis dreimal häufiger an Depressionen als Nichtraucher. Es gibt viele sonstige Hinweise, dass Rauchen und Depressionen eng miteinander verbunden sind.
Hören: Eine grosse Studie bei ca. 4000 Personen zwischen 48 und 92 Jahren ergab, dass Raucher ein 1.7fach höheres Risiko haben, vorzeitig einen Hörverlust im Alter zu erleiden. Das Innenohr reagiert eben sehr empfindlich auf ungenügende Sauerstoffzufuhr.(R.G. Matschke, HNO Berlin 1999: 47, 599-601)
Impotenz und Unfruchtbarkeit: Jede Zigarette wirkt wie ein Tritt in die Weichteile. Obwohl die Tabakwerbung immer noch mit dem Klischee von Männlichkeit arbeitet, ist Nikotin ein Potenzkiller ersten Ranges: es fördert Potenzprobleme, da es Blutgefässe verengt und die Blutzufuhr zum besten Mannsstück proportional mit der Zigarettenanzahl fällt. Wie stark Rauchen potenzschädigende Einflüsse hat, zeigt eine Studie der Boston University Medical School. Während nur 25 Prozent der männlichen Bevölkerung rauchen, waren von 1000 erektionsgestörten Männern 78 Prozent Raucher. Und selbst wenn sie „es“ schaffen: Bei Rauchern leidet die Spermaqualität und -quantität ganz beträchtlich (http://www.jr2.ox.ac.uk/bandolier/band102/b102-5.html).
Rauchende Männer haben vermehrt Haarausfall. Der Zigarettenkonsum zerstört die Haarfollikel. Auch die Papillen werden beschädigt, die Blut und Hormone für das Haarwachstum liefern. Rauchen könnte aber auch die Produktion von Östrogenen erniedrigen, die den Effekten der männlichen Sexualhormone, der Androgene, entgegenwirken (Archives of Dermatology, Bd.143, S.1401).
Knochen: Das beste, was man für seine Knochen tun kann, ist – Nichtrauchen. So zeigen Studien, dass Raucher durchschnittlich 276 Tage benötigten, bis ihre gebrochenen Schienbeine wieder heil waren; Nichtraucher gesundeten doppelt so schnell und konnten nach genau 146 Tagen wieder richtig laufen. Raucher müssen zudem mit einem vierfach grösseren Risiko leben, dass ihre Knochen nicht richtig zusammenwachsen. Rauchende Frauen haben vermehrt Osteoporose im Alter.
Schmerzen, z.B. Rückenschmerzen: in Rauchstopp kann bei Menschen mit Rückenschmerzen ein wichtiger Beitrag zur Behandlung sein. Eine Studie im Journal of Bone and Joint Surgery (2012; 94: 2161-2166) dokumentiert eine signifikante Linderung der Schmerzen, wenn die Patienten auf das Rauchen verzichteten. Es zeigte sich: Wer weiterrauchte, hatte nach der Behandlung (Physiotherapie, Schmerzmittel oder beides) gleich viel Schmerzen wie vorher. Wer aufhörte, dem tat der Rücken weniger weh. Rauchen ist also nicht nur ein Risikofaktor für viele schmerzhafte Erkrankungen, zu denen neben den Folgen der Atherosklerose (Koronare Herzerkrankung, periphere arterielle Verschlusskrankheit) auch der chronische Rückenschmerzen gehören. Raucher sind generell schmerzempfindlicher als andere Menschen, berichtet Glenn Rechtine von der Universität von Rochester. Von den 5.333 Bandscheiben-Patienten, die sich an der Klinik mit axialer (Rückenschmerzen) oder radikulärer (Beinschmerzen) Symptomatik vorgestellt haben, gaben aktive Raucher in allen Schmerzskalen höhere Werte. Nichtraucher würden generell über weniger Schmerzen klagen, meint Rechtine. Der Orthopäde führt die vermehrte Schmerzempfindlichkeit auf die Wirkung von Nikotin zurück. Der Ratschlag an alle Rückenschmerzpatienten lautet deshalb, das Rauchen aufzugeben. Patienten, die ihn befolgten, erlebten der Studie zufolge in den folgenden acht Monaten eine deutliche Linderung ihrer Beschwerden, während es bei den Patienten, die weiter rauchten, keine signifikanten Verbesserungen gegeben habe.
Rheuma: Raucher haben ein höheres Risiko, eine Rheumatoide Arthritis zu bekommen. …und bei ihnen wirken dann auch noch die typischen Anti-Rheuma-Medikamente ca. um 50% schlechter! Dies ist das Resultat einer Forschungsarbeit von Wissenschaftlern der Medizinischen Klinik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Forscher konnten nachweisen, dass Zigarettenrauch körpereigene Eiweisse verändern kann. Das Immunsystem attackiere dann diese Eiweisse.
Tabak macht ungeschickt: Nikotinkonsum mindert die feinmotorische Geschicklichkeit (New Scientist, Vol.164, No.2214, 1999, S.25).
Kinder und Passivrauchen: Eine rauchende Schwangere hat mehr Früh-, Fehl- und Totgeburten. Es besteht eine höhere perinatale Sterblichkeit und mehr Missbildungen (auch bei alleinigem väterlichen Rauchen) und ein um ca. 200 g niedrigeres Geburtsgewicht. Im Säuglingsalter ist das Risiko für den plötzlichen Kindstod massiv erhöht. Im Kleinkindesalter: mehr Mittelohrentzündungen und häufigere akute Erkrankungen der Atemwege. Ältere Kinder leiden häufiger an chronischen Erkrankungen der Atemwege, Asthma und haben ein höheres Allergie- und auch Krebsrisiko (Non-Hodgkin-Lymphom, akute lymphoblastische Leukämie, Wilmstumor). Selbst im Erwachsenenalter haben Personen ein höheres Lungenkrebsrisiko, die in der Kindheit Passivrauchen ausgesetzt waren und bei Frauen zeigt sich eine etwa um die Hälfte reduzierte Fruchtbarkeit, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft geraucht haben.
Starke Raucher nehmen (im Zigarrenrauch mit Radon, etc.) Radioaktivität auf, die jährlich ca. 250 Lungen-Röntgenbildern entsprechen.
Rauchen kann Schmerzen verstärken: Raucher klagen bis zu 50 Prozent häufiger über starke Schmerzen in Gelenken und Muskeln als Nichtraucher. Dies fand ein Forscherteam des Southampton General Hospital bei der Befragung von rund 13000 Personen heraus. Selbst Ex-Raucher leiden unter stärkeren Schmerzen als Nie-Raucher. Die Forscher vermuten, dass entweder Nikotin die Schmerzwahrnehmung im Hirn nachhaltig verändert oder dass der Tabakrauch verschiedene Körpergewebe direkt schädigt. Auch Migräne oder Cluster-Kopfschmerzen werden nach Rauchstopp stark gebessert.
Passivrauchen macht auch Katzen krank: Die Stubentiger atmen den Zigarettenrauch nicht nur ein, sie lecken sich die giftigen Substanzen auch noch aus dem Fell. Katzen in Raucherhaushalten erkranken laut US-Forschern mehr als doppelt so häufig wie ihre Artgenossen in rauchfreien Wohnungen, unter anderem an Lymphdrüsenkrebs. (Elizabeth R.Bertone et al., Am JEpidemiol 2002; 156:268-273)
Auch für die Leber gefährlich: Hannover (D) – Rauchen ist nicht nur schädlich für die Lunge und für das Herz, sondern auch für die Leber. Das schreibt die Deutsche Leberstiftung in einer Mitteilung. Der Grund: Die Leber filtert Giftstoffe aus dem Blut, darunter auch Nikotin. Besonders verheerend ist das Rauchen, wenn die Leber bereits angegriffen ist. Nikotin verschlimmert beispielsweise eine Fettleber. Wer mehr als ein Pack Zigaretten pro Tag raucht, riskiert eine Leberzirrhose. (Deutsche Leberstiftung)
Chemie-Cocktail in der Zigarette
Zigaretten sind hochkomplexe Chemie-Cocktails. Erstmals in der Schweiz nahm das Institut für Rechtsmedizin in Bern die Mischung unter die Lupe. Mit erschreckendem Resultat.
Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit», das weiss inzwischen jedes Kind. Manche Raucher achten deshalb darauf, nur Zigaretten mit möglichst tiefem Teer- und Nikotingehalt zu rauchen. Doch diese beiden Angaben sind nur die Spitze des Eisberges. Zigaretten enthalten daneben unzählige giftige Substanzen, die ebenfalls der Gesundheit schaden.
Eine komplexere Mischung als Designerdrogen
Die Konsumentenmagazine Kassensturz, A bon entendeur und saldo liessen zwölf Zigarettenmarken im Institut für Rechtsmedizin in Bern (IRM) untersuchen. Das Ergebnis ist erschreckend: Das Labor entdeckte rund 50 chemische Substanzen. 35 Chemikalien mischt die Zigarettenhersteller möglicherweise absichtlich in den Tabak. Selbst bei der beliebten Marke American Spirit, die auf der Packung mit «100 Prozent zusatzfreiem natürlichem Tabak» wirbt, hat das Institut Substanzen gefunden, die vermutlich beigemischt wurden.
Werner Bernhard, Direktor der chemischen Abteilung am IRM, ist von der hohen Zahl an Stoffen überrascht: «In Heroin beispielsweise finden wir bei Routineanalysen bis zu sieben chemische Stoffe. Nicht mal bei Designerdrogen stossen wir auf eine so hochkomplexe Chemikalienbombe.»
Besonders bedenklich findet der Chemiker die in dem Chemie-Cocktail gefundenen Amine: «Nicht alle davon kommen im natürlichen Tabak vor. Die Hersteller müssen sie in den Tabak gemischt haben. Dank ihnen wird mehr Nikotin freigesetzt und aufgenommen. Im Hirn können sie die Nikotinwirkung verstärken.»
Dank den Aminen macht die Tabakindustrie die Raucher schneller und stärker süchtig. Selbst bei so genannten leichten Zigaretten mit einem niedrigen Nikotingehalt erreichen die Hersteller mit Aminen, dass der Körper mehr Nikotin aufnimmt als bei unbehandelten Zigaretten mit einem hohen Nikotingehalt. Auch Light-Zigaretten machen deshalb schnell süchtig.
In der Chemiemixtur der Zigarettenindustrie entdeckte das Institut viele weitere, zum Teil giftige Substanzen, wie Rückstände von Herbiziden oder Lösungsmitteln. Xylol etwa, das unter anderem als fettlösendes Putzmittel gebraucht wird, fand das Labor in 8 der 12 untersuchten Zigaretten. Dieser Stoff ist laut Lebensmittelverordnung in Zigaretten verboten. Oder Pyridin, eine hochgiftige, möglicherweise zugesetzte Substanz.
Dazu Edgar Oehler, Präsident der Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie: «Das Pyridin besteht aus zahlreichen Substanzen, die als natürliche Stoffe in der Tabakpflanze vorkommen. Die Mitglieder unserer Vereinigung – Philip Morris SA, Japan Tobacco International AG Dagmersellen, British American Tobacco Switzerland SA – bestätigen, dass sie den Zusatz Pyridin nicht als Additiv verwenden.»
Bundesamt ist alarmiert und will intervenieren
Beim Bundesamt für Gesundheit in Bern (BAG) zeigt man sich ob der erschreckenden Resultate alarmiert: «Unter den im Tabak festgestellten Zusatzstoffen befinden sich allem Anschein nach solche, die laut Verordnung nicht zugelassen sind», sagt Thomas Zeltner, Direktor des BAG. «Wir werden die Resultate bestätigen lassen und dann bei den Zigarettenherstellern intervenieren.»
Neben den illegal vorhandenen Stoffen gelangen mit dem Rauch einer Zigarette aber auch offiziell zugelassene Stoffe in den Körper, von denen man aber nicht weiss, wie sie sich im Verbrennungsprozess verändern und welchen Schaden sie im Körper anrichten.
Benzaldehyd beispielsweise, im künstlichen Bittermandelaroma enthalten, überdeckt den herben Geruch des Tabaks. Kakao soll insbesondere Jugendlichen – ähnlich wie der Zucker in Alcopops – das Rauchen versüssen. Und der beliebte Zusatz von Menthol (nicht auf den Packungen deklariert), das auf die Schleimhäute eine betäubende Wirkung hat, überdeckt die Reizung der Atemorgane und erleichtert dem Konsumenten das tiefe Inhalieren des süchtig machenden Nikotins.
Überhaupt scheint es, dass die Hersteller mit allen Mitteln, die ein chemisches Labor zur Verfügung stellt, versuchen, den Tabak zu überdecken, das Rauchen rauchfrei und die Konsumenten schneller süchtig zu machen. 600 solche Substanzen mussten die Hersteller bei Gerichtsprozessen in den USA 1998 offen legen.
Clive Bates, Direktor der britischen Organisation Action on Smoking and Health in London, findet klare Worte für die Chemie-Cocktails der Tabakhersteller: «Die Verwendung der Zusatzstoffe und die chemische Veränderung des Rauches ist ein zentraler Teil der Marketingstrategie der Zigarettenhersteller.»
«Bund muss Grenzwerte und Verbote festlegen»
Angesichts der Tendenz der Tabakhersteller, den Chemie-Cocktail in ihren Zigaretten immer noch komplexer zu machen, fordert Werner Bernhard vom IRM jetzt ein Eingreifen des Gesetzgebers. «Für einige natürlich vorkommende Stoffe und für die Zusätze brauchen wir Grenzwerte im Gesetz, andere müssen ganz klar verboten werden.»
Bronchuskarzinom: zu spät, um das Rauchen aufzugeben?
Nach der Diagnose eines Bronchuskarzinoms glauben viele Betroffene, es sei nun zu spät, um das Rauchen aufzugeben. Evidenz zu dieser Frage bringt eine prospektive Kohortenstudie, in die zwischen 2007 und 2016 Betroffene mit nicht-kleinzelligem Bronchuskarzinom in den Stadien I–IIIa aufgenommen worden waren. 517 Studienteilnehmende rauchten zum Zeitpunkt der Diagnosestellung des Bronchuskarzinoms. Von ihnen gaben 220 (43%) das Rauchen daraufhin auf, die übrigen 297 (57%) rauchten weiter. Der weitere Verlauf wurde bei allen jährlich mit strukturierten Interviews erfasst. Bezüglich Tumorhistologie, Tumorstadium und Behandlung bestanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Bei Personen, die nach der Diagnosestellung das Rauchen aufgegeben hatten, dauerte es bis zum Tod am Bronchuskarzinom median 8 Jahre, bei denjenigen, die weiter rauchten, 6 Jahre. Das mittlere progressionsfreie Überleben betrug 5,7 gegenüber 3,9 Jahren, die mediane Überlebenszeit betrug insgesamt 6,6 gegenüber 4,8 Jahren. 3-Jahre- und 5-Jahre-Überlebensraten ergaben dasselbe eindeutige Bild. Diese Unterschiede waren in allen Untergruppen (Alter, Histologie, Tumorstadium, Therapiemodalitäten, Anzahl der Zigaretten-«pack-years», Begleitkrankheiten, Alkoholkonsum) vorhanden. Vom Rauchstopp profitierten besonders jene, die das Rauchen in den ersten drei Monaten nach Diagnosestellung aufgegeben hatten. Weiterlesen >>> rauchstopp-spaet.pdf
(Copyright beim Cartoonisten/Illustrator)
Nachwort für „Schnellschiesser„
Ich halte es allgemein bei neuen Medikamenten mit der 7-Jahre-Regel: Erst wenn ein Medikament 7 Jahre auf dem Markt ist, können exaktere Daten über die Nebenwirkungen aufgestellt werden – und erst nach 7 Jahren verschreibe ich ein Arzneimittel, das sich positiv bewährt hat! Bei Lifestylemedikamenten würde ich diese Zeit sogar auf 10 oder 15 Jahre ausdehnen, da die Gründe zur Einnahme nicht lebenswichtig sind, die User mehrheitlich junge Menschen sind und deshalb später auftretende Nebenwirkungen verheerend wären! (Lasser KE, et al. Timing of new black box warnings and withdrawals for prescription medications. JAMA 2002;287:2215-20: Rund 10% der in den Jahren 1975-99 von der FDA registrierten, rezeptpflichtigen Medikamente haben sich seither für schwere ADRs (adverse drug reactions) eine „black box warning“ zugezogen oder wurden aus dem Markt genommen – in der Hälfte der Fälle im Laufe der ersten 7 Jahre nach Registrierung! Fazit: Die Sicherheit registrierter Medikamente lässt sich erst abschliessend beurteilen, wenn ein Medikament mehrere Jahre auf dem Markt war.
Das Rauchen war aber gleichzeitig auch immer etwas geradezu Göttliches, was keineswegs nur an der Verkörperung des „Blauen Engels“ durch Marlene Dietrich, einer der grössten Raucherikonen des 20. Jahrhunderts, lag. Denn die Zigarette, das müssen selbst militante Nichtraucher zugeben, diente kulturhistorisch oft als Verstärker der Schönheit. Ob bei Humphrey Bogart oder Lauren Bacall, James Dean oder Marlene Dietrich, Steve McQueen oder Claudia Cardinale: Hier galt die Zigarette nicht als stinkendes Suchtmittel, sondern diente als ästhetisches Add-on, das Erotik und Eleganz, Laszivität und Lässigkeit ausstrahlte. Weiterlesen >>>
gute Literatur:
– Vera Kaltwasser, Mit Achtsamkeit zum Nichtrauchen, 2013, Beltz
– Maja Storch, Rauchpause, Huber-Verlag, Bern
Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser: 15. März 2026
Wenn eine vitale Dreissigerin oder ein kerngesunder Vierziger zum Checkup geht, prüfen Ärzte gründlich und wissen schon: Sie finden nichts.
Es ist erfreulich, Gesunde zu untersuchen und ihnen zu bestätigen, dass alles in Ordnung ist. Störend ist nur, dass im Wartezimmer Kranke mit Schmerzen und Ängsten sitzen. Bedenklich wird es, wenn Patienten nicht mehr selbst spüren, wie es ihnen geht. Haben wir verlernt, auf unseren Körper zu hören? Eigentlich wollte ich als Arzt fragen: Wie geht es Ihnen? Wenn Sie uns nicht sagen können, wo es fehlt, können wir es erst recht nicht.
Wer hängt so sehr am Checkup? Vielleicht ist er ein Relikt aus Zeiten, als man in der Medizin alles für machbar hielt und glaubte, die moderne Diagnostik könne in den Körper eindringen. Viele denken noch so, einige haben diese Illusion aufgegeben. Der menschliche Körper funktioniert nicht wie ein Auto. Doch Kassen, Lebensversicherungen, das Strassenverkehrsamt und viele Arbeitgeber verlangen den Generaluntersuch als Bedingung für Führerschein oder Versicherung. Und Ärzte verzichten ungern auf den Checkup: Er bringt gutes Geld. So wird er wohl noch eine Weile bleiben. Ein schlechtes Beispiel ist eine Spezialistenvereinigung in Zürich, die massiv Werbung macht und ein „Checkup-Zentrum“ eröffnet hat. Welch medizinischer Unsinn – und welche Goldgrube. Der „Executive Checkup“ kostet bis zu 3500 Franken und umfasst viele Tests sowie eine CT oder MRT des Brust- und Bauchraums – Untersuchungen mit 200-facher Strahlenbelastung eines Thoraxröntgenbildes. Ein „Checkup“, der mehr Risiken schafft, als er beseitigt!
Infarkt nach normalem EKG
Se non è vero, è buon trovato. Die Geschichte erzählt man sich immer wieder: Ein gesunder Mann besucht den Herzspezialisten für eine umfassende Untersuchung. Der Arzt prüft ihn gründlich: Er hört das Herz ab, macht ein EKG, führt einen Belastungstest durch, nutzt den Herzultraschall und nimmt Blut ab. Schliesslich verkündet er mit bestem Wissen: Ihr Herz ist in bester Verfassung. Doch wenige Tage später erleidet der Mann einen tödlichen Herzinfarkt.
Untersuchungen bei beschwerdefreien Menschen bringen selten Ergebnisse. Ein krankes Herz, das bei kardiologischen Tests auffällig wird, zeigt sich vorher: durch Angina-Pectoris-Schmerzen bei Anstrengung, Atemnot, verminderte Leistungsfähigkeit oder geschwollene Füsse. Ein fortgeschrittener Krebs macht sich bemerkbar, und solange er das nicht tut, bleibt er meist unentdeckt. Findet man ihn, ist es oft zu spät. Abgesehen von wenigen Ausnahmen existiert kein verlässlicher Früherkennungstest für Krebs. Auch gibt es keinen Bluttest, der einen bösartigen Tumor im Körper anzeigt. Die sogenannten Tumormarker, Bluteiweisse, die auf bestimmte Krebsarten hinweisen sollen, haben sich als unzuverlässig für ein Screening erwiesen.
Viele Tests sind unsinnig
Was bedeutet Screening? Man versteht darunter eine breit angelegte Suchmethode nach einer bestimmten Krankheit. Die in Frage kommende Bevölkerung soll dabei möglichst vollständig diesem Suchtest unterzogen werden. Die zytologische Untersuchung des Abstrichs vom Gebärmutterhals ist ein solches Screening. Die Messung des Augendrucks bei älteren Menschen gehört ebenfalls dazu, wie auch die typischen Hausarzttätigkeiten des Blutdruckmessens, des Blutzuckers, Blutfettbestimmungen und der Blickdiagnose einer Adipositas. Aber viele solcher Tests, die auch Sinn machen und einfach durchzuführen sind, gibt es nicht. Und mancher derartige Untersuch, noch unlängst regelmässig durchgeführt, ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar und wird aus dem Repertoire der Präventivmediziner gestrichen. In Tabelle 1 sind die heute gängigen und gebräuchlichen Untersuchungen zusammengestellt. Eine gute und ausführliche Arbeit darüber finden Sie hier: Hunziker S, Hengstler P, Zimmerli L, Battegay M, Battegay E. Check-up-examinations in internal medecine. Internist. 2006;47:55-65.
Es geht hier nicht darum, Angst zu verbreiten, aber die Illusionen sind gefährlich. Es geht auch nicht darum, Patientinnen und Patienten vom Praxisbesuch fernzuhalten. Sie sollen gehen, wenn sie sich ängstigen oder schlecht fühlen. Es ist aber unerlässlich, dass wir alle wieder lernen, mehr uns selber und unserem Gespür zu vertrauen. Mindestens solange man gesund ist und auch so lebt, sollte man sich selbst mehr vertrauen als seinem Arzt. Mancher Patient oder manche Patientin, die sich bei uns untersuchen lassen, sehen in einem unauffälligen Checkup und in einem normalen Screeninguntersuch geradezu einen Freibrief, die bisherige ungesunde Lebensart munter weiterzuführen. Es ist ja alles in Ordnung: Die Ärztin hat gesagt, das Rauchen habe mir nichts angehabt. Screening, so scheint es mir, ist häufig ein Ritual, um mit der Angst vor Krebs und Krankheiten fertig zu werden.
Weitere unsinnige Untersuchungen und medizinische Interventionen werden momentan von den amerikanischen Aerzte-Fachgesellschaften gesammelt: siehe hier weiter unten.
Checkup gegen die Angst – „hidden agenda“
Hinter jedem Wunsch nach einem Checkup steckt ein Grund, oft Angst. Wichtiger als die Untersuchung selbst ist es, dieser Angst auf den Grund zu gehen und mit den Patienten darüber zu sprechen. Ich beginne das Gespräch beim Checkup-Wunsch oft mit: „Es gibt zwei Risiken, die für den Checkup wichtig sind: ein familiäres und ein persönliches. Sind Sie kürzlich grosse gesundheitliche Risiken eingegangen? “ Hier kann der Mann plötzlich offenbaren, dass er kürzlich eine Prostituierte besucht hat und nun eine Geschlechtskrankheit fürchtet, unsicheren Sex mit einer Unbekannten hatte oder auf einer Party Drogen nahm. Dies gehört zur „hidden agenda“ seines Checkup-Wunsches. Oft zeigt sich auch, dass ein Bekannter oder Verwandter erkrankt ist und man nun selbst Angst hat. Oder die Lebensumstände haben sich stark verändert und verunsichern. Vielleicht hat das Fernsehen über eine gefährliche Krankheit berichtet. Oder der frühere Hausarzt empfahl den jährlichen Checkup. „Hidden agenda“ bezeichnet nicht deklarierte Beweggründe für einen Arztbesuch, wie Erwartungen, Gefühle und Ängste, die der Patient nicht leicht preisgibt. Hinweise auf eine unentdeckte „hidden agenda“ können spürbare oder geäusserte Unzufriedenheit, häufiger Arztwechsel, häufige Konsultationen ohne klinische Veränderungen oder Patienten, die übertrieben von ihrer Symptomatik beeinträchtigt scheinen, sein. Das Erkennen einer „hidden agenda“ verhindert unnötige, fruchtlose und im schlimmsten Fall falsch positive Abklärungen, die nicht mit dem Konsultationsgrund zusammenhängen.
Zentral scheint immer mehr die Vermeidung von chronischen Entzündung und Entzündungsneigung in unserem Körper: Dauerstress, Schlafstörung, ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung fördert dies.
Gespräch als Alternative
Also kann auch der an sich unsinnige Checkup durchaus mal Sinn machen. Im Gespräch zwischen Ärztin und Patient wird erörtert, was zur Konsultation geführt hat, was genau istder Grund, warum gerade jetzt, was sind die Erwartungen, Hoffnungen, Ängste? Und um allfällige Befürchtungen zu zerstreuen, dürfen schon mal einige wenige und einfache Tests durchgeführt werden. Dann gibt es das Gespräch über allfällige Missverständnisse und Illusionen, was den CheckUp und die Screening-Untersuchung betrifft. Im weiteren kann aufgrund früherer schwerer Krankheiten, auch in der nächsten Verwandtschaft, das persönliche Risiko abgeklärt und ein Untersuchungsplan besprochen werden. Und schliesslich ist es durchaus sinnvoll, auch einmal über die Lebensgewohnheiten zu sprechen: das Rauchen, den Sport, das Übergewicht, den Alkohol, die Essgewohnheiten usw. Und wenn Sie dann als Patientin oder Patient von dieser Konsultation und vom Gespräch etwas von all dem nach Hause nehmen können, dann hat sich der Gang zum Arzt gelohnt. Vielleicht kann man dann diese Art von «CheckUp» anstelle des bisherigen periodischen Generaluntersuchs wärmstens empfehlen.
Und noch was: Bei erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten sind regelmässige Untersuchungen nötig. Solche Risikokonstellationen liegen etwa vor, wenn in der Familie gewisse Krankheiten aufgetreten sind, von denen man weiss, dass sie familiär gehäuft vorkommen. Wenn etwa ein Verwandter ersten Grades (Eltern, Geschwister oder Kind) an Dickdarmkrebs erkrankt oder verstorben ist, sind entsprechende Untersuchungen alle paar Jahre angezeigt. In Tabelle 2 sind die Risikogruppen und die empfohlenen Untersuchungen zusammengefasst. Hier gleich ein Wort zu den modischen Gentests:
Gentests?
Gemäss einer äusserst gut durchgeführten Studie ist eine simple Familienanamnese, die jeder Hausarzt macht, effektiver als komplexe und kostenintensive Genanalysen. Tatsächlich werden bei einer zusätzlichen Familienanamnese an 10’000 Personen 400 bis 500 Patienten mehr aufgespürt, die der Beratung und einer Betreuung für kardiovaskuläre Risiken (notabene das wichtigste Problem des heutigen Menschen) bedürfen. (Ann Int Med. 2012;156:253 und 315)
a) Männer und Frauen ab 40 Jahren ohne Risiko b) ab 20 Jahren für Personen, die rauchen oder mit familiärer Belastung für Herzkrankheiten oder erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck.
a) alle 5 Jahre Blutfettmessung b) nach ärztlichem Rat, mind. alle 5 Jahre
Hohes Risiko haben Frauen mit einer Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kind) mit Brustkrebs, der vor 40 Jahren aufgetreten ist oder 2 Verwandte 1.Grades vor 60. a) alle Frauen b) alle Frauen c) ?
Bei hohem Risiko: genetische Beratung und jährliche Mammographie nach 35-50jährig! a) ideal ist monatlich nach der Menstruation b) bei gynäkologischer Routinekontrolle c) allgemein sehr umstritten
Eierstockkrebs
Hohes Risiko haben Frauen mit 2 Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester, Tochter) mit Eierstockkrebs jeden Alters oder ein Fall von kombiniertem Brust- und Eierstockkrebs oder 1 Verwandte 1.Grades mit Eierstockkrebs jeden Alters und 1 Verwandte 1.Grades mit Brustkrebs unter 50.
b) alle Frauen?
genetische Beratung und jährlich CA 125, Mammographie und Ultraschall!
3 Jahre nach Beginn Geschlechtsverkehr bis 65jährig. Nicht mehr nach Entfernung der Gebärmutter wegen einer Ursache, die nicht Krebs war. HPV-Test nie unter 30 Jahren.
3-jährlich Krebsabstrich (PAP). Bei Frauen im Alter zwischen 25 und 49 Jahren nach einem negativen HPV-Test Kontrollintervall nur noch alle 5 Jahre! Bei Frauen über 50 ist sogar ein längeres Intervall vertretbar.
Hodenkrebs
alle Männer ab Pubertät
oft selbst abtasten!
Dickdarmkrebs (kolorektales Krazinom)
Hohes Risiko bei einem Verwandten 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) mit Dickdarmkrebs, der vor 40jährig auftrat – oder 2 Verwandte 1.Grades vor 70 – oder familiärer adenomatöser Polypose (FAP). Risikorechner QCancer >>
Zwischen 50 und 70jährig: Bis 3 Punkte im Imperiale-Score: Stuhluntersuchung auf Mikroblutspuren (immunochemischer Test = qFIT) alle 2 Jahre. Mehr als 3 Punkte im Imperiale-Score: Dickdarmspiegelung. Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen!
Augendruck (grüner Star)
a) alle ab 50 b) Grüner Star in Familie, Diabetes, schwere Fehlsichtigkeit
a) alle 5 Jahre anlässlich Augenkontrolle b) ab 40 Jahren, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Anstelle von allgemeinen Empfehlungen werden heute viele Vorsorgeuntersuchungen gezielt für Risikogruppen empfohlen:
Hautkrebs
Brustkrebs
Dickdarmkrebs
Herz-Kreislauf-Krankheiten
Personen, in deren direkter Verwandtschaft Hautkrebs vorgekommen ist, Hellhäutige, Lichtempfindliche, die häufig einen Sonnenbrand erlitten haben oder die oft in Aequatornähe waren und kaum braun werden, sowie Patienten mit vielen „Leberflecken“ oder Flecken, die asymmetrisch, grösser als 5 mm sind oder sich schnell verändern oder wachsen.
Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Nichtraucherinnen. Durch regelmässige Selbstuntersuchung mittels Abtastung können viele Formen frühzeitig erfasst werden. Eine Röntgendarstellung der Brüste (Mammographie) wird Frauen über 35 mit bekannter Brustkrebserkrankung der Mutter oder Geschwister vor deren Abänderung empfohlen. Bei allen übrigen Frauen ist sie als Screening-Methode stark umstritten. (siehe mehr gleich unten)
Über 50jährige, in deren Familie Darmkrebs vorgekommen ist (siehe Tab.3 unten!), sowie solche mit einer bekannten chronisch- entzündlichen Darmerkrankung sollten jährlich Stuhlproben auf versteckten Blutverlust untersuchen lassen (=FIT-Test). Ein hohes Risiko besteht auch bei Übergewicht und bei Raucher!
Angehörige von Familien, in denen gehäuft Erkrankungen der Herzkranzgefässe oder Schlaganfälle vorgekommen sind, sowie Raucher und Übergewichtige und junge Glatzenträger sollten sich regelmässig bezüglich Blutdruck, Zuckerkrankheit oder einer Fettstoffwechselstörung untersuchen lassen. Das Ruhe-EKG hat praktisch keinen Vorhersagewert, ob jemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Seine Bedeutung liegt darin, die Ursache bestimmter Brustschmerzen zu erklären.
Zervix-Screening (Gebärmutterhalskrebs): genügt ein Intervall von fünf Jahren?
Die hier vorgestellte Studie kommt zum Schluss, dass bei Frauen im Alter zwischen 25 und 49 Jahren nach einem negativen HPV-Test das Kontrollintervall aufgrund des kleinen nach drei Jahren gefundenen Risikos auf fünf Jahre verlängert werden kann. Bei Frauen über 50 sei sogar ein längeres Intervall vertretbar. (Rebolj M, Cuschieri K, Mathews CS, Pesola F, Denton K, Kitchener H; HPV pilot steering group. Extension of cervical screening intervals with primary human papillomavirus testing: observational study of English screening pilot data. BMJ. 2022 May 31;377:e068776. doi: 10.1136/bmj-2021-068776. [Link])
Junge Frauen leiden immer öfter an Brustkrebs
Zwar treten vier Fünftel der Brustkrebsfälle erst ab 50 auf, am häufigsten ab 70. Jedoch steigen gemäss den Zahlen der Nationalen Krebsregistrierungsstelle in der Schweiz die Brustkrebsrate bei den 40- bis 44-jährigen Frauen seit den 1990er-Jahren fast zwanzig Prozent, bei den 45- bis 49-jährigen rund sieben Prozent. Zwar ist Brustkrebs über die Jahre weniger tödlich geworden. Dennoch ist er nach wie vor die häufigste Krebstodesursache bei den Frauen (1400 Todesfälle pro Jahr in der Schweiz) – gefolgt von Lungenkrebs (1300).
Zu den Ursachen für die steigenden Brustkrebsraten existieren verschiedene Hypothesen. So dürften bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht und Fettleibigkeit, Alkohol- und Tabakkonsum, aber auch ein höheres Alter bei der ersten Schwangerschaft dazu beitragen. Medikamente, die Ernährung oder hormonaktive Chemikalien wie Pestizide stehen ebenfalls im Verdacht.
Eine frühe erste Menstruation erhöht das Brustkrebsrisiko zusätzlich als eigener Risikofaktor. Ein weiterer Grund für die Zunahme der Krebsfälle bei jungen Frauen könnte auch sein, dass in dieser Altersgruppe entgegen anderslautender Empfehlung vermehrt Brustkrebs-Früherkennung betrieben wird.
Wichtig dabei ist, dass eine Krebsdiagnose im Leben von jungen Frauen noch einschneidender ist als im höheren Alter. Zudem sind aufgrund des häufig dichteren Brustgewebes Mammografie-Untersuchungen bei unter 50-jährigen Frauen weniger zuverlässig als bei älteren. Das bedeutet, es werden mehr Brustkrebserkrankungen nicht erkannt und es gibt mehr falsch-positive Resultate, die zu teilweise belastenden und aufwendigen Folgeuntersuchungen führen.
Minimaler Effekt, aber grosse Verunsicherung und Folgeschäden: Nach gesicherten Statistiken hilft das Screening (alle 2 Jahre eine Mammographie) einer von 1000 Frauen.
Brust selbst auf Knoten abtasten: Eine App hilft
Frauen können auch selbst etwas tun: Es existiert ein sehr gutes App «Brust-Selbstcheck», die zur Selbstuntersuchung der Brust anleitet. Entwickelt wurde sie auf private Initiative von Brida von Castelberg und Stephanie von Orelli, Chefärztinnen der Frauenklinik Triemli in Zürich. «Wir wollen damit die Wahrnehmung der Frauen stärken und ein Anfreunden mit der eigenen Brust provozieren», sagt Stephanie von Orelli. Denn die meisten Frauen entdecken ihren Brustkrebs selbst. (aus Beobachter 07/19)
EVIPREV – Präventions-Empfehlungen verschiedener Schweizer Universitäten
Diese Übersichtstabelle von Eviprev liefert einen raschen Überblick zu den präventiven und gesundheitsfördernden Massnahmen: Welche Intervention ist wann und bei wem aufgrund der wissenschaftlichen Evidenz indiziert, beziehungsweise nicht indiziert. Die EviPrev-Empfehlungen orientieren sich an jenen der U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF), an weiteren internationalen Empfehlungen und solchen von schweizerischen Fachgesellschaften. Sie werden durch das EviPrev Scientific Committee kritisch beurteilt und für die Bevölkerung in der Schweiz zwischen 18 und 75 Jahren aufgearbeitet sowie wiederkehrend aktualisiert und veröffentlicht. Dabei erfolgt eine Kategorisierung nach:
Zu vermeidenden Krankheiten/Risiken (vertikale Achse links)
Altersgruppen (horizontale Achse)
Stärke der Empfehlung bzw. Evidenz (Farbkodierung, Legende oben)
Zuerst: Welche Nebenwirkungen hat eine Dickdarmspiegelung: Hierzu gab es 2013 eine sehr grosse Studie: „Adverse events requiring hospitalization within 30 days after outpatient screening and nonscreening colonoscopies“ von C. Stock et al im gastrointestinal endoscopy 2013. Von 33000 ausgewerteten Koloskopien ergaben sich folgende Komplikationsraten: Perforation: 0.7/1000 (2017 in Zürcher Studie: 1-2 Perforationen/1000!) Blutung: 0.5/1000 (2017 in Zürcher Studie: 6 Blutungen/1000!) 1:2000-4000 eine nötige Operation deswegen Herzinfarkte, Schlaganfall u.a. waren nicht häufiger als in einer Kontrollgruppe.
Bis 3 Punkte: immunochemischer Stuhltest auf Mikroblut (FIT-Test) – darüber: Spiegelung.
Noch zu Kontroll-Koloskopien nach Finden von Dickdarm-Polypen: Über 65jährige haben ein höheres Risiko für Komplikationen und sehr kleine Ausbeute (nur 0.2% waren bei Kontrolle ein Kolon-Krebs) (JAMA Intern Med. 2023 May 1;183(5):426-434. doi: 10.1001/jamainternmed.2023.0078)
Choosing wisely
Nicht alles, was die Medizin zu bieten hat, dient dem Patienten. Die US-Initiative «Choosing wisely» (auf Deutsch etwa «Wähle klug») hat bereits über 100 Ratschläge gegeben, worauf Patienten besser verzichten. Die Initiative will helfen, Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden, die häufig, aber unnötig sind – und schaden können. Die US-Konsumentenorganisation Consumer Reports unterstützt die Kampagne, bei der mittlerweile alle medizinischen Fachgesellschaften mitmachen, von Allergiespezialisten bis zu Palliativmedizinern. Jede nennt fünf oder zehn Massnahmen, die «Ärzte und Patienten infrage stellen sollten», und erklärt kurz wieso. In der Schweiz ist ein grosser Trägerverein Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland gegründet worden. Bereits haben diverse ärztliche Fachgesellschaften ihre Top-5-Listen veröffentlicht: www.smartermedicine.ch
Auf diesen Listen mit unnützen Therapien und medizinischen Massnahmen finden sich u.a.:
Keine Messung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) zwecks Prostatakrebs-Screening ohne eine Diskussion von Risiko und Nutzen.
Kein Weiterführen einer Langzeit-Pharmakotherapie bei gastrointestinalen Symptomen mit Protonen-Pumpenblockern (PPI) ohne Reduktion auf die tiefste wirksame Dosis.
Vermeiden von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) bei Personen mit Bluthochdruck, Herzversagen und/oder chronischer Nierenerkrankung.
Geben Sie Kindern unter 4 Jahren keine Mittel gegen Erkältung.
Planen Sie Wahl-Kaiserschnitte nicht vor der 39. Schwangerschaftswoche.
Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen.
Werden bei einer Darmspiegelung maximal zwei kleine, harmlose Polypen entfernt, genügt es, frühestens nach fünf Jahren die nächste Darmspiegelung machen zu lassen.
Das Osteoporose-Screening lässt man bei Frauen unter 65 und Männern unter 70 Jahren ohne Risiko besser bleiben.
Kurzzeitige Bewusstlosigkeit (Synkope): Normalerweise sind weder CT noch MRI nötig.
Akute Entzündung der oberen Luftwege und Nasennebenhöhlen: auf Antibiotika kann man oft, auf Röntgen oder CT meist verzichten.
Rückenschmerzen: in den ersten sechs Wochen weder Röntgen noch CT oder MRI (ausser bei Nervenausfällen oder weiteren schweren Krankheiten, sog. „Red Flags“!).
Verwenden Sie Antipsychotika nicht als Mittel der ersten Wahl bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Symptomen bei Demenz.
Bei den meisten älteren Erwachsenen mit Diabetes die Gabe anderer Medikamente als Metformin vermeiden, um einen Hämoglobin-A1c-Wert (HbA1c) von unter 7,5 % zu erreichen; eine moderate Blutzuckerkontrolle ist im Allgemeinen besser.
Keine Benzodiazepine oder andere sedativ-hypnotische Arzneien bei älteren Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl verwenden gegen Schlaflosigkeit, Unruhezustände oder Verwirrtheit.
Leichtere Kopfverletzungen von Kindern: CT nur, wenn absolut nötig.
Beschwerdefreie Personen profitieren nicht von der Suche nach Verengungen der Halsschlagader.
Keine Antibiotika gegen Bakteriurie bei älteren Erwachsenen verwenden, ausser es liegen spezifische Harnwegssymptome vor.
Bei Schwerkranken: eingepflanzte Herz-Defibrillatoren ausschalten, wenn Lebensverlängerung nicht mehr gewünscht wird.
Patienten mit Demenz: keine Ernährungssonde durch die Haut.
Bei normaler Schilddrüsenfunktion: kein Szintigramm zur Abklärung von Knoten.
Bei beschwerdefreien Personen mit Herzgeräusch: Keine wiederholten Ultraschall-Untersuchung des Herzens, wenn ein erster Ultraschall nichts ergeben und sich nichts verändert hat.
Bei leichten Herzklappen-Veränderungen ohne Beschwerden: keine Routine-Kontrollen mittels Herz-Ultraschall.
Keine Asthma-Diagnose und -Behandlung ohne Untersuchung der Lungenfunktion (Spirometrie).
Kein Screening auf Gebärmutterhalskrebs bei Frauen über 65 Jahre, die zuvor diesbezüglich nie Auffälligkeiten gezeigt und kein erhöhtes Risiko haben.
Beruhigungsmittel wie Valium bei Senioren nicht als Schlafmittel der ersten Wahl einsetzen.
Zur Diagnose von Allergien keine unbewiesenen Labortests oder wahllos ganze «Testbatterien» einsetzen, d.h. nur IgE-Tests auf der Haut oder im Blut, die klinisch beim Patienten anzunehmen sind – und nie die unsinnigen IgG-Tests!
Kein Belastungs-EKG (auf dem «Velo») bei Personen ohne Beschwerden und nur kleinem Risiko.
Bei beschwerdefreien Personen mit normaler Nierenfunktion: kein Screening auf Verengungen in den Nierenarterien.
Kein Screening auf Eierstockkrebs bei Frauen ohne Beschwerden und Risikofaktoren.
Quantified Self heisst eine amerikanische Bewegung, die jetzt auch auf Europa übergreift. Junge Männer machen sich dabei zu wandelnden Statistiken. Ihr Ziel: sich zu optimieren. von Juli Zeh
Morgens nach dem Aufstehen tragen sie ihr Schlafverhalten in eine Tabelle ein. Sie messen Körpergewicht, Lungenvolumen, Grad der Mundfeuchtigkeit. Vor dem Mittagessen haben sie bereits den täglichen Intelligenztest durchgeführt. Sie scannen die Pigmentierung ihrer Haut und messen die eigenen Gehirnströme. Sie dokumentieren akribisch, was sie essen, wie weit sie joggen und was der Toilettenbesuch gebracht hat. Die Daten stellen sie ins Internet. Sie sind keine Untertanen in einer Science-Fiction-Gesundheitsdiktatur, sondern Bürger demokratischer Staaten, die ihre Freiheit dazu nutzen, das eigene Leben in eine Statistik zu verwandeln. Quantified Self heisst eine wachsende Bewegung aus den USA, die auf Europa übergreift. Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz. Vom Stirnband mit EEG-Sensoren bis zum Blutdruckmessgerät mit USB-Anschluss: Durch Selbstvermessung wird die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine endlich intim.
Wie eine männliche Magersucht Den Selbstvermessern geht es um Optimierung. Sie wollen die erfassten Daten nutzen, um ihre Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu steigern. Der Feind heisst nicht Übergewicht und Unsportlichkeit, sondern Unordnung, Kontrollverlust, fehlende Disziplin. Das Ich als Forschungsobjekt: Der Selbstvermesser hofft, sich im Datenspiegel zu erkennen, Fehler auszubügeln und zu einem besseren Leben zu gelangen. Als wäre Glück ein Rechenergebnis, erzielbar durch die korrekte Anwendung einer Formel. So betrachtet stellt Quantified Self eine Art männliche Magersucht dar. Junge Mädchen meinen, durch maximale Askese einem idealisierten Selbstbild näherzukommen; die überwiegend männlichen Selbstvermesser glauben, mit dem Einsatz von Technik eine perfektionierte Version ihrer selbst verwirklichen zu können. Schönheit oder Leistungsfähigkeit sind dabei nur fiktive Ziele, die, ähnlich dem Horizont, beim Näherkommen in immer weitere Fernen rücken. Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz. In Wahrheit geht es nicht um das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses, sondern um die Illusion, mit totaler Selbstkontrolle Herr über das eigene Schicksal werden zu können. Selbstermächtigung durch Selbstversklavung: Genau wie die Magersüchtige führt auch der Selbstvermesser einen Kampf gegen den eigenen Körper. Letztlich wirkt da die religiöse Vorstellung fort, der Weg zur Freiheit des Geistes führe über die Kasteiung des Fleisches. Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht. Als frommer Gläubiger nimmt sich der Selbstvermesser jede Möglichkeit zum Selbstbetrug. Die Datenbank ist sein Beichtstuhl, der Dienst an der Technik sein tägliches Gebet. «Selbst, selbst, selbst», lautet das Credo einer Religion ohne Gott, die den Einzelnen zum Schöpfer, zum Designer der eigenen Person erhebt. «Vermessen» ist nicht nur der Körper des Selbstquantifizierers, sondern auch der Anspruch, die totale Konzentration auf sich selbst müsse eines Tages zu Wohlbefinden führen. Egozentrik als Biozentrik. Im Grunde bräuchte es ja nicht weiter zu interessieren, was ein paar Technikfans mit ihrem Überschuss an Freizeit und Geld anfangen, wenn die Idee von Quantified Self nicht als extremer Auswuchs eines allgemeinen Trends zu deuten wäre. Es sind nicht nur die Selbstvermesser, es ist unsere ganze Gesellschaft, die zunehmend dem Glauben verfällt, physische Perfektion sei das «höchste Gut». Gedüngt wird dieser blühende Irrtum von einer gigantomanen Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie, die ihre Selbstverbesserungspräparate an Mann und Frau bringen will. In der Werbung werden dazu körperbetonte Idealbilder entworfen. Einst behauptete ein altes Sprichwort, es komme auf die inneren Werte an, und damit waren nicht die Blut- und Leberwerte gemeint. Die Ablösung von moralischen Tugenden durch oberflächliche Begriffe wie Schönheit, Fitness, Jugend ist eine bedauernswerte Nebenwirkung des konsumgestützten Kapitalismus. Unser Wirtschaftssystem ist nun mal darauf angewiesen, dass wir permanent durch eine Mischung aus Leistung und Konsum nach Glück zu streben suchen. Entsprechend anfällig ist unsere Gesellschaft für die Annahme, das Wesentliche am Menschen sei der materielle Teil. Der messbare Mensch ist der vergleichbare und damit selektionsfähige Mensch. Auch wenn jeder Selbstvermesser diesen Gedanken empört von sich weisen würde: Es gab in Deutschland schon einmal eine Bewegung, die meinte, den Wert eines Menschen am Kopfumfang ablesen zu können. Die Selbstquantifizierer befinden sich auf dem Holzweg, wenn sie erklären, die Informationssammelei diene der Aufklärung im kantschen Sinn. Das Mündige an einem Bürger ist nicht der Körper, sondern der Geist. Die Verwandlung eines Lebewesens in Zahlenkolonnen macht den Menschen zum Objekt und läuft damit automatisch Gefahr, Fremdherrschaft zu begründen.
Krank? Selber schuld! Schon jetzt freut sich das überforderte Gesundheitssystem darauf, Quantified Self sukzessive zu einer allgemeinen Verpflichtung zu erheben, um auf dieser Grundlage Versicherungsleistungen nach dem Selber-schuld-Prinzip zu verweigern. Wenn es einen optimalen Lebensstil gibt, der zum optimalen Körper führt, dann gibt es auch messbare Abweichungen, an die sich Belohnung und Strafe knüpfen lassen. Ob sie es wollen oder nicht – als Vorreiter in Sachen Körperwahn machen sich die Selbstvermesser zu Versuchskaninchen für das Konzept des Gesundheitsuntertanen. Sie entwickeln und testen Sensoren, die wir vielleicht eines Tages alle am Handgelenk tragen, um auf diese Weise am Bonus-Malus-System der Krankenkassen teilzunehmen. Schon heute können Versicherungen ihre Zahlungen zurückhalten, wenn es um die Verletzungen eines Extremsportlers oder Komplikationen nach einer Schönheitsoperation geht. Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Die Verknüpfung von Krankheit und Schuld bedeutet nicht weniger als das Ende von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität – zwei Werte, die das Fundament einer demokratischen Gesellschaft bilden. Wer glaubt, Gesundheit und Wohlbefinden könne man sich erarbeiten, indem man entlang von Normen alles «richtig» macht, der mag bald nicht mehr einsehen, warum er mit seinen Versicherungsbeiträgen für die Raucherlungen, Säuferlebern und verfetteten Herzen irgendwelcher undisziplinierter Hedonisten aufkommen soll. Der wird seine Sätze bald mit «Man muss doch nur» und «Ist es denn zu viel verlangt» beginnen. Wer meint, das Schicksal bezwungen zu haben, teilt die Welt in Gewinner und Versager ein und betrachtet körperliches oder seelisches Leid als Charakterschwäche. Diese Einstellung ist kein Akt der Emanzipation, weder vom Schicksal noch von einem bröckelnden Gesundheitssystem. Sie ist ein Rückschritt in der Geschichte des humanistischen Denkens. Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Ein mündiger Mensch kann auf seine Fähigkeit vertrauen, das rechte Mass der Dinge ohne Messgeräte zu ermitteln. Selbstvermessung hingegen ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. Im Wunsch, die eigene Existenz möglichst restlos zu beherrschen, drückt sich vor allem die Angst aus, als Individuum in der grossen, weiten Welt der schönen und schrecklichen Möglichkeiten verloren zu gehen. Wir sind alle fehlerhaft. Wir bestehen zum grossen Teil aus Schwächen. Der kleinste Zufall besitzt die Macht, uns zu vernichten. Das Sammeln von Informationen schützt nicht dagegen. Bei Tageslicht betrachtet, ist es nicht mehr als der Versuch, der eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge zu blicken.
Der totalitäre Körper Nichts spricht dagegen, den eigenen Körper und am besten auch Herz und Geist zum Besseren entwickeln zu wollen. Leider fällt es uns Menschen schwer, zu verstehen, dass das immer Bessere nicht im Extrem, sondern in der Balance zu suchen ist. «Nichts übertreiben», lautet ein recht verlässliches Rezept, das nicht zuletzt auch für das Streben nach Wohlbefinden gilt. Gesundheit kann eine Voraussetzung für das gute Leben, nicht aber Selbstzweck sein. Als Endziel aller menschlichen Bemühung entfaltet der Körper totalitäres Potenzial. Ein Staat, der seine Bürger zu dem verpflichtet, was sich ein Selbstvermesser freiwillig abverlangt, wäre tatsächlich eine Gesundheitsdiktatur. Es gilt dafür zu sorgen, dass der Freiheitsverzicht von Quantified Self ein legitimes Hobby bleibt. Und nicht heimlich zum gesellschaftlichen Konzept mutiert. Im August 2012 erscheint Juli Zehs neuer Roman «Nullzeit» bei Schöffling & Co. (Tages-Anzeiger: http://tagi.ch/19200678)
Fitness-Tracker
Neben den psychologischen Aspekten warne ich auch vor einer möglichen Fehlinterpretation der gesammelten Daten. Die meisten Menschen sind keine Experten für die Analyse ihrer eigenen Gesundheitsdaten. Falsche Schlussfolgerungen können die Folge sein. Auch die ethischen Implikationen der Technologie müssen thematisiert werden. Wenn Unternehmen wie Amazon ihre Mitarbeiter mit Wearables überwachen, stellt sich die Frage, ob diese Art von „Überwachungskapitalismus“ die Grenze zur Ausbeutung überschreitet.
Fitness-Tracking hat also zwei Gesichter: Auf der einen Seite hilft es, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, auf der anderen Seite birgt es Risiken für psychische Gesundheit und persönliche Freiheit.
Wir können zu grossen Teilen selbst bestimmen, ob wir gesund bleiben und wie wir altern! Was unterscheidet denn Menschen, die im Alter von 60 bis 80 zufrieden und gesund sind (Happy-Well) von den traurigen Kranken (Sad-Sick) (Studie: George E. Vaillant et. al.: Aging Well)
Eine gesunde Lebensweise senkt das Risiko für chronische Krankheiten noch deutlicher als bislang vermutet:
Wer noch nie geraucht hat, viel Obst, Gemüse und dafür wenig Fleisch isst, kein massives Übergewicht hat und sich pro Woche mehr als drei Stunden bewegt, reduziert im Vergleich zu Menschen mit gegenteiligem Verhalten sein Erkrankungsrisiko um 80 Prozent. (Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung mit mehr als 25’000 Teilnehmern, 2009). Im Einzelnen sinken bei einer derart bewussten Lebensweise das Diabetes-Risiko um 93 Prozent und die Gefahr eines Herzinfarkts um 81 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, vermindert sich immer noch um die Hälfte und das Krebsrisiko um 36 Prozent. Wer einen BMI unter 30 aufweist, vermindert allein dadurch sein Risiko für chronische Krankheiten um mehr als die Hälfte. Wer darüber hinaus auch in seinem Leben noch nie geraucht hat, senkt die Gefahr, chronisch zu erkranken, sogar um 70 Prozent. Aber auch Raucher und Ex-Raucher können ihr Risiko durch eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und ein normales Körpergewicht um bis zu 70 Prozent senken.
Eigene Einschätzung Ihres Gesundheitsverhaltens
Sie finden hier eine Sammlung von Aspekten, die Sie anregt, über Ihr Verhalten und Ihre Lebensführung nachzudenken.
Kann ich wahrnehmen, welche Gedanken und Gefühle mir gut tun – und kann ich dann bewusst wählen, diese zuzulassen.
Was ist meine Strategie, wenn ich mich schlecht fühle?
Meist ist mir bewusst, was ich gerade fühle und empfinde.
Wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, kann ich dies ausdrücken.
Ich fühle mich frei, anderen meine Gefühle mitzuteilen.
Für mich ist es in Ordnung, sowohl heiter und fröhlich als auch ängstlich, traurig und ärgerlich zu sein.
Ich kann anderen verständlich machen, was ich empfinde.
Es beunruhigt mich nicht, wenn ich manchmal auch heftige Gefühle habe.
Ich freue mich über Zuwendung, Anerkennung und Lob von anderen.
Wenn ich traurig bin, gestatte ich es mir, zu weinen.
Ich nehme es wahr, wenn andere bedrückt sind.
Meine Ansichten und Interessen kann ich auch Menschen gegenüber vertreten, die sehr sicher auftreten.
Ich kann Sexualität und Intimität geniessen.
Ich kann freundlich zu Mitmenschen sein – auch geben/schenken ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach so (zu Kindness hier weiterlesen).
Wenn ich Hilfe brauche, suche ich sie bei Freunden oder Fachleuten.
Für mich haben Gefühle eine Bedeutung, auch wenn sie mich manchmal daran hindern, die Dinge „nüchtern“ zu betrachten.
Wenn ich ärgerlich oder zornig bin, fresse ich das nicht in mich hinein, sondern drücke meine Gefühle aus. Dies kann auch bedeuten, dass ich in mich gehe und erkenne, aus welchen Glaubenssätzen und Kernüberzeugungen diese Gefühle kommen.
Ich weiche Auseinandersetzungen nicht „um des Friedens willen“ aus.
Ich kann mich in schwierigen Lebenssituationen nachsichtig behandeln.
2. Kreativität und Ausdrucksfähigkeit
Ich habe Freude daran, mich durch Kunst, Tanz, Musik, Theaterspielen, usw. auszudrücken.
Ich habe Freude daran, täglich einige Zeit ohne Planung oder Strukturierung zu verbringen. Auch das mobile Internet ist dann nicht verfügbar (Smartphones, Tablets…)!
Ich habe oft Ideen und Einfälle, die aus mir selber kommen, in denen ich nichts nachahme.
Es macht mir Spass, mich manchmal mit ungewöhnlichen Ideen zu beschäftigen und sie mit anderen auszutauschen.
Ich interessiere mich für meine Träume und für das, was sie mir sagen.
3. Entspannung, Schlaf
Ich fühle mich selten müde oder ausgelaugt (ausser nach einer anstrengenden Arbeit – und vor dem Bettgehen).
Ich schlafe nachts leicht ein (in 10 bis 15 Minuten).
Ich bekomme meist genug Schlaf, d.h. morgens steh ich gut auf und bin vormittags nicht müde.
Wenn ich aufgeweckt werde, fällt es mir meistens leicht, wieder einzuschlafen. Es gibt Zeiten, in denen ich gerne allein sein mag.
Wenn es keine Möglichkeit gibt, Probleme sofort zu lösen, kann ich sie auch ruhen lassen.
Mindestens 15 bis 20 Minuten täglich meditiere ich oder versuche, mich zu zentrieren.
Ich verwöhne mich (ohne mich dafür schuldig zu fühlen), zum Beispiel durch Massagen, Nichtstun.
In meinem Alltag pflege ich ein Gleichgewicht zwischen Kontakt und Rückzug. Dabei meint Rückzug: Entspannung, Nichts-Tun und keine Füll-Aktivitäten, wie Blick in mein Smartphone,…
Damit zusammenhängend, arbeite ich auch nur 30 bis 40 Stunden pro Woche und benötige deshalb weniger Geld für Konsum und Luxus (Mehr dazu hier in diesem Blog!).
Im Winter schlafe ich etwas mehr und im Sommer weniger – und richte meinen Arbeitstag demgemäss ein: Mehr hier: www.dr-walser.ch/saisongerecht-leben/
Ehe ich eine Auszeit oder einen Urlaub plane, frage ich mich, wovon ich mich erhole. Grundsätzlich gilt: Kontrasterfahrungen sind wichtig! Wenn Du ständig in der Öffentlichkeit stehen und mit vielen wechselnden Menschen in Kontakt bist, brauchst Du Zeiten, in denen Du dich von der Welt zurückziehen und mal allein sein kannst. Wer in einem sozialen Beruf tätig ist, ständig für andere da ist, steht nach Möglichkeit in Urlaubszeiten selbst im Mittelpunkt und lässt sich „bedienen“. Wer ständig freundlich zu Kunden sein muss, sucht seine Erholung wohl besser nicht in Gruppen. Fernreisen mit Zeitverschiebung bringen Anregung. Erholung bieten sie schon allein deshalb wenig, weil der Körper einige Tage benötigt, um sich an die Zeitverschiebung zu gewöhnen. Ich plane dafür genügend Zeit ein.
Ich mache mehrere, gut übers Jahr verteilte Urlaubstage, da sie sinnvoller sind als der grosse mehrwöchige Urlaub am Stück.
Ich habe nicht zu grosse Erwartungen an den Urlaub. Es ist mir bewusst, dass der Erholungseffekt nach den Ferien nicht lange anhält. Spätestens nach vier Wochen ist er verschwunden.
Es ist mir auch bewusst, dass „faul sein“ erlaubt ist. Die Balance zwischen Entspannung und Bewegung ist wichtig. Durch sportliche Betätigung werden Spannungen abgebaut und man erlebt sich als kompetent. Dies ist eine gute Voraussetzung für die Regeneration. Nicht nur im Urlaub die Joggingschuhe anziehen oder den Tennisschläger schwingen. Die beste Erholung garantiert die regelmässige, in den Alltag integrierte Bewegung.
Ich kann im Urlaub schnell von der Arbeit abschalten und die Arbeit gedanklich hinter mich lassen. Ich kann Abstand gewinnen und mich innerlich freimachen.
Ich mache im Urlaub auch Mastery-Erfahrungen, also körperliche oder intellektuelle Herausforderungen, wie einen Berg besteigen, eine Fremdsprache lernen oder einen See durchschwimmen.
Ich kann in meiner Freizeit frei wählen, wann und wie ich etwas mache, das mir Freude bereitet.
Ich habe in den letzten zwei Jahren sportlich etwas Neues gelernt oder begonnen.
Ich steige häufig Treppen, statt den Lift zu benutzen.
Meine täglichen Aktivitäten schliessen mittlere Anstrengungen ein (z.B. Betreuung kleiner Kinder, Arbeiten im Haushalt, Gartenpflege, Fusswege während der Arbeit…).
Meine täglichen Aktivitäten enthalten zeitweise auch schwere körperliche Arbeiten (z.B. Transport, Tragen schwerer Objekte, landwirtschaftliche Arbeit …).
Ich gehe täglich mindestens zwei Kilometer zu Fuss. Dies ist auch in kleineren Etappen mehrmals täglich möglich.
Mindestens dreimal pro Woche laufe ich 20 Minuten in mässiger und mittlerer Belastung (mehr).
Mindestens einmal pro Woche mache ich 15 bis 20 Minuten lang Yoga (oder andere Dehn-, Streck- oder Entspannungsübungen).
Ich mache fast täglich etwas Gymnastik.
Ich dusche regelmässig, erst warm, dann kurz kalt.
Ich gehe ein- oder zweimal im Monat in die Sauna.
Häufig geniesse ich sexuelle Aktivitäten mit mir oder anderen.
6. Körperliche Fürsorge
Ich rauche nicht! (= die wohl wichtigste Gesundheitsmassnahme überhaupt!)
Ich reinige meine Zähne regelmässig (mindestens zweimal pro Tag und einmal länger und mit (Interdentalbürstchen).
Ich sorge dafür, dass ich mich so wenig wie möglich Abgase, chemische Dämpfe und Lärm aussetze.
Ich nehme Änderungen in meinem körperlichen, seelischen und geistigen Befinden bewusst wahr und suche fachliche Hilfe bei auffälligen Änderungen.
Ich nehme sehr selten Medikamente oder Drogen. Ich trinke auch nicht jeden Tag Alkohol.
Ich sorge dafür, dass ich regelmässig ausreichend Schlaf bekomme.
Ich mag die Berührung durch andere.
Ich mag andere Menschen berühren, wenn ich das Bedürfnis dazu habe.
Ich „trainiere“ mein Gehirn (und für „Gehirnjogging“ genügt nicht das Lösen von Kreuzworträtsel oder Sudoka!) mit Musizieren, Tanzen, Meditieren, Lernen von Fremdsprachen, Beschäftigung mit philosophischen Themen, Umgang mit Kindern!
Ich probiere täglich draussen etwas „Sonne zu tanken“ (siehe hier über den „Segen der Sonne“)
Rohe, ungekochte Nahrung ist nicht die Ausnahme, sondern fester Bestandteil meiner Ernährung.
Fleisch esse ich höchstens ein- bis zweimal die Woche und achte auf Weidefleisch.
Ich vermeide soweit wie möglich tierische Fette und ersetze sie durch pflanzliche (hochwertige Öle sind Oliven-, Lein- und Rapsöl).
Ich esse selten raffinierte Nahrung und achte auf Esswaren im vollwertigen Naturzustand.
Ich bevorzuge Nahrung ohne chemische Zusätze und achte beim Einkaufen auf die Kennzeichnung von Zusätzen. Als Regel kann gelten, dass ich Esswaren einkaufe, die auch meine Urgrossmutter als Essen erkannt hätte.
Ich trinke mindestens 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit täglich.
Ich trinke weniger als sechs Tassen Kaffee pro Tag.
Mein Alkoholkonsum ist niedrig (nicht mehr als ein halber Liter Bier oder ein viertel Liter Wein pro Tag). – mit vielen alkoholfreien Tagen.
Mein Appetit ist gut (weder zu gering noch zu gross).
Mir macht meine Tätigkeit mehrheitlich Spass. Teils bin ich auch im wirklichen Flow.
Mein Beruf ist meine „Berufung“, d.h. ich kann dabei mindestens die drei wichtigsten Charakterstärken brauchen (siehe Test dazu hier: charakterstaerken.org).
Ich fühle mich selten in unangemessener Weise bewertet und kontrolliert.
Ich arbeite gern mit meinen KollegInnen zusammen.
Ich verrichte meine Arbeit in einer angenehmen Umgebung.
Zur Arbeit noch der Philosoph Byung-Chul Han: „Es ist vielleicht an der Zeit, über eine Lebensform nachzudenken, in der die Arbeit keine Rolle mehr spielt. Der altchinesische Denker Zhuangzi würde sie „Wandern in Musse“ nennen.“
9. Wohnen
Ich bin mit meiner Wohnsituation zufrieden.
Ich fühle mich in meiner Wohnung zu Hause.
Ich habe das richtige Ausmass von Kontakt zu Mitbewohnern, Nachbarn.
Ich mag die Strasse und die Umgebung, in der ich wohne.
Sind meine Nachbarn glückliche Menschen oder wohnen meine Freunde in meiner Nähe? (Die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls glücklich zu werden, steigt dank einer zufriedenen Nachbarschaft gemäss eine Studie im British Medical Journal um 35 Prozent).
Die Wohnbedingungen (Grösse der Wohnung, Grünflächen, frische Luft, ruhige Lage, Geschäfte, Anregungen) sind genau richtig für mich.
Ich wohne nicht zu weit von meinem Arbeitsort weg (kurze Pendelzeit!).
Die Landesgegend (und auch das Land) in dem ich wohne gefällt mir.
10. Beziehung
Ich liebe und habe zärtliche Gefühle zum Menschen mit dem ich zusammenlebe.
Ich habe Mitgefühl zu anderen und… zu mir selbst.
Mein Lebenspartner ist glücklich und zufrieden. Gemäss Studien ist dies genau so wichtig, wie das eigene Glück und fördert meine eigene Gesundheit – unabhängig davon, wie glücklich ich selbst bin!
Mit meinem Partner trage ich Krisen und Konflikt offen und fair aus.
Wir sind zueinander selten sarkastisch, zynisch, versteckt und indirekt aggressiv, schroff zurückweisend oder anderweitig scheusslich.
Ich und mein Partner können sich das Gefühl geben, den anderen zu verstehen und zu unterstützen. Unsere Beziehung ist auch „Anerkennen von Unterschieden“. Um dieses Unterschiedliche meines Partners zu Erforschen, sind Fragen (offene und zirkuläre!) sehr wichtig.
Positive Gefühle wie Lob und Wertschätzung können wir uns gut mitteilen.
Negative Gefühle wie Wut und Ärger können ich und mein Partner angemessen äussern.
Mein Lebenspartner traut mir persönliche Entwicklungsschritte zu, bekräftigt mich auf dem angestrebten Weg, fordert zu Handlungen heraus und geht auf mich ein.
Mein sexuelles Leben ist reich, kreativ und befriedigt mich (>>> sex/)
Ich bin gewissenhaft, offen für Neues/ Erfahrungen und auch „sozial verträglich“ (ein netter Mensch…). Lesen Sie mehr über diese drei Persönlichkeitsmerkmale, die für die Chancen einer lang dauernden Beziehung wichtig sind: >>> walserblog.ch/2015/02/14/gewissenhaft-macht-gesund
Pflegen Sie auch gute (weitere) Freundschaften? Haben Sie einen Freund*in, dem Sie anvertrauen würden, dass Sie fremd gegangen sind, dass Sie drei Millionen im Lotto gewonnen haben oder dass die eigene Mutter Alkoholikerin war?
Reservieren Sie einen Abend in der Woche diesen Freundschaften – so wie man ja auch regelmässig schwimmen, joggen oder ins Fitnessstudio geht?
Man benötigt eine gewisse Selbstachtung und Selbstliebe um offen zu sein für Freundschaften mit anderen. Besitzen Sie dies?
Können Sie sich darauf einigen, wie Sie Ihre Zeit aufteilen – allein, gemeinsam, mit Freunden und Familie, bei der Arbeit?
Sind Ihre Tages- und Wochenrhythmen, Ihr Tempo, Ihre Perspektiven auf die Lebenszeit und Ihre Einstellung zur Pünktlichkeit ähnlich oder ergänzen sie sich so, dass Sie die gemeinsame Zeit geniessen und die Herausforderungen des Lebens meistern können?
11. Umweltbewusstsein
Ich konsumiere so wenig wie möglich! („Wie viel Lebenszeit kostet mir mein Konsum?“ hier in diesem Blog!).
Ich versuche, die Verschwendung von Energie sowohl zu Hause als auch im beruflichen Bereich zu vermeiden.
Mir ist bewusst, dass die Regenwälder im Amazonas abgeholzt und verbrannt werden, da dort Rinder weiden werden, die v.a. wir in Europa (und China) essen. Zudem wird das Soja und Mais, das dort angebaut wird in grossen Mengen zu uns exportiert (für Futter unserer Tiere)! Weniger Fleisch essen zeugt also auch von Umweltbewusstsein. Ebenfalls bevorzugen von saisonalen und regionalen Esswaren. Ich werfe möglichst wenig Essen weg!
Ich benutze ungiftige, abbaubare Reinigungsmittel.
Ich benutze soweit wie möglich öffentliche Verkehrsmittel – oder gehe zu Fuss oder mit dem Fahrrad.
Ich sorge für die Weiterverwendung von Flaschen, Papier, Kleidung, organischem Abfall.
Ich fliege so wenig wie möglich in die Ferien. Ich mache dabei auch keine sehr langen Autofahrten.
12. Soziales Interesse
Ich informiere mich über lokale, nationale und internationale Ereignisse.
Ich habe Interesse an gesellschaftlichen Problemen und unterstütze Ziele, Personen, Gruppen meiner Wahl.
Wenn es mir möglich ist, gebe ich Zeit und Geld für Ziele aus, die mir wichtig sind.
Kenne ich meine Werte, was mir wichtig ist im Leben und Zusammenleben. Dazu ist gut, meine drei wichtigsten Charakterstärken zu kennen und sie zu leben (siehe Test dazu hier: charakterstaerken.org). Daraus ergeben sich drei weitere Fragen:
Was ist mir persönlich wichtig?
Wofür möchte ich stehen?
Wofür möchte ich „bekannt sein“?
Wenn ich Auto fahre, nehme ich Rücksicht auf Fussgänger und andere Mitbenützer der Strasse.
Ich bin Mitglied einer oder mehrerer Gruppen (Club, soziale/politische Organisation, Musikband …).
Ich versuche gemeinsam mit KollegInnen unsere Interessen am Arbeitsplatz zu vertreten.
Ich gebe im Leben mehr als ich nehme (u.a. Spenden,…).
13. Einstellung zum Leben, Lebenszufriedenheit
Mein persönliches Dasein erscheint mir sinnvoll.
Mein tägliches Leben ist oft voll Freude und Befriedigung (Blogbeitrag dazu!).
Ich bleibe mir selbst treu.
Ich habe eine Ahnung, was „Selbstfürsorge“ für mich bedeutet und ich probiere dies zu leben. Selbstfürsorge basiert auf drei Säulen: Achtsamkeit, Selbstdisziplin (= Empathie für sich selbst – in der Zukunft!), Abgrenzung.
Ich lebe präsent und bewusst im Augenblick.
Ich lebe so, dass ich später nichts zu bereuen habe.
Wenn ich an den Tod denke, dann fühle ich mich vorbereitet und ohne Angst.
Wenn ich heute sterben würde, dann hätte ich das Gefühl, dass mein Leben einen Wert hatte.
Auch die schweren Zeiten in meinem Leben haben für mich Bedeutung und ihren Sinn.
Die Art, wie ich Menschen, die Welt und meine Existenz sehe, gibt mir Kraft.
Ich habe Vertrauen in die Zukunft.
Ich vertraue meinen Mitmenschen zuerst meist (und ein Misstrauen ist sicher nicht primär). Siehe mein Blogbeitrag dazu.
Auch wenn manche Situationen schwierig sind, macht es mir Freude zu leben.
Veränderungen in meinem Leben machen mir keine Angst.
Lebe ich „authentisch“?
14. Spezielle Fragen an den Mann
Wie gesund bzw. ungesund verhalte ich mich? Inwiefern/wo wirkt sich mein Verhalten schädlich oder fördernd auf meine Gesundheit aus (Stichworte: Rauchen, Alkohol, Safer-Sex/Sexsucht, Verkehrsverhalten, Dickleibigkeit, Arbeitssucht, Machtsucht, Brutalität)?
Wie nehme ich mich selber wahr?
Wie kann ich sorgfältiger mit mir selber umgehen?
Kann ich auch Unvollkommenheiten in mein Leben integrieren?
Bin ich auf äussere Werte wie Geld, Erfolg, Status und Statussymbole fixiert?
Wie verhält es sich mit meinen Grenzüberschreitungen und Kontrollverlusten?
Wie bin ich in Kontakt mit meiner wilden, gefährlichen Seite? Und bin ich dort gleichzeitig auch achtsam? Achtsam mir gegenüber und beachte ich an meinen Grenzen auch diejenigen meiner Mitmenschen?
Liefere ich häufig ungebetene Erklärungen und Ratschläge (Mansplaining)?
Oder Victim Blaming: angesichts männlicher Übergriffigkeit erst einmal über das Verhalten der Frau zu sprechen?
Wie erlerne ich konstruktive Formen von Aggressivität und Durchsetzungsvermögen und wie fördere ich deren Verbreitung?
Wie funktionieren meine Beziehungsmuster?
Wie pflege ich Männerfreundschaften?
Wie fördere ich Solidarität unter Männern?
Wie integriere ich neben dem Berufs-Mann den Ehe-Mann und Vater gleichwertig in mein Leben?
Wie pflege ich meine „Eigenwelt“ neben den Bereichen der Arbeit und der Familien- oder Beziehungswelt?
Wie trage ich dazu bei, mehr Gemeinschaftssinn zu entwickeln?
Kann ich mich im Spannungsfeld zwischen instrumentaler und ganzheitlicher Vernunft für Gesundheitsförderung und Lebensqualität entscheiden, auch wenn ich dabei scheinbar persönliche Karrierenachteile in Kauf nehme?
Wie weit treibe ich den Individualismus? Engagiere ich mich v.a. zur Erfüllung meiner Macht- und/oder Selbstbestätigungsgelüste?
Die Zehn Gebote als Krisenprophylaxe für den Mann und über die Schwäche des »starken Geschlechts«: Warum Männer früher sterben als Frauen: Neueste Daten und Vermutungen zu einer alten Frage und sexuelle Gewalt gegen Männer und wie toxische Gendernormen verhindern, das die Männer deshalb keine oder sehr späte Hilfe holen!
15. Spezielle Fragen für die LehrerIn/BetriebsleiterIn/PolitikerIn
SCHULE Die Gesundheitsförderung in der Schule koppelt man am besten von Verhaltenskontrolle ab, da sie dann nur Widerstand hervorruft. Wie kann ich Schüler dazu bringen, mehr Früchte und Wasser zu konsumieren, weniger zu rauchen und sich mehr zu bewegen – ohne, dass das Ganze mit Verboten, Strafen und Kontrolle verbunden ist? Also: Nicht a priori Alkohol und Tabak usw. verdammen, sondern eine gemeinsame Diskussion darüber entfachen – auch zum Thema ambivalente Einstellung gegenüber dem Thema Gesundheit. Kann ich eine echte Partizipation zulassen, sprich: Befragung der Schülerinnen und Schüler, welche Gesundheitsprobleme sie wahrnehmen und was sie ändern wollen und wo sie Ansatzpunkte der Änderungen sehen?
Dann immer emotionale Kompetenz stärken! Fünf Kriterien sind hier wichtig: Wissen und Denken über Emotionen, das Erkennen und der Ausdruck von Gefühlen, die Emotionsregulation sowie Empathie. Die Vermittlung der Emotionsregulation ist laut vielen Autoren dabei die wichtigste pädagogische Aufgabe, wenn es um Gefühle geht. Vor allem in den Lehrplänen für naturwissenschaftliche Fächer, Informationstechnologie oder Wirtschaft gibt es bisher leider nur sehr wenige Bezüge auf emotionale Kompetenzen.
BETRIEB Werden Arbeitsanalysen durchgeführt? Wird die Ergonomie der Arbeitsplätze überprüft? Werden toxische Belastungen ermittelt? Wird Gesundheitsberichterstattung durchgeführt, um zu ermitteln, in welchen Abteilungen welche Erkrankungen in welcher Häufigkeit auftreten? Werden Gesundheitszirkel implementiert, um herauszufinden, wie die Arbeitnehmer welche Gesundheitsprobleme wahrnehmen und welche Lösungen es hierfür gibt? Werden Arbeitsplätze geschaffen, die mit Gesundheitsförderungsexpertinnen besetzt werden?
GEMEINDE Es lautet die wichtigste politische und alltägliche Entscheidung heute wohl: Trägt man selbst mehr zum kittenden Vertrauen oder eher zum spaltenden Misstrauen der Gesellschaft bei? Werden sichere Radwege geschaffen? Werden Planung und Realisierung von Naherholungsgebieten, in denen zum Beispiel gejoggt werden kann, gefördert? Gibt es Innenstädte, in denen der Autoverkehr eingeschränkt ist? Wird etwas zur Senkung der Lärmbelastung und zur Verbesserung der Luftqualität realisiert? Wird der bürgerliche Gemeinsinn aktiviert, das heisst, dass Bürgerinnen gemeinsam ihre Gemeinde gesundheitsförderlicher gestalten (auch Stärkung nachbarschaftlicher Bindungen, Pflege von Vereinen…)?
16. Spezielle Fragen an Ihr Kind
Passung: Beispiel: Ein Kind ist kognitiv durchschnittlich bis vielleicht etwas unterdurchschnittlich begabt. Die Eltern haben aber Erwartungen, dass es in der Schule gute Noten erziele, damit es später mehr Möglichkeiten im Leben hat. Das Kind ist aber nicht in der Lage, diese kognitive Leistung zu erbringen. Und da kommt es zu einer fehlenden Passung, weil das Kind unseren Erwartungen nicht gerecht werden kann. Das führt dazu, dass das Kind ein eingeschränktes Wohlbefinden entwickelt, dass es ihm auf lange Sicht nicht gut geht – obwohl die Eltern das Beste für es wollen. Eltern sollen die Interessen der Kinder unterstützend aufnehmen und Impulse geben – die Stärken ihrer Kinder fördern und die Schwächen akzeptieren und versuchen, mit ihnen so umzugehen, dass es zu ihrem jeweiligen Entwicklungsstand passt. Es läuft in der Kindheit meist auf die „Vier V“ heraus: Sei vertraut, verlässlich, verfügbar, liebevoll. Das sind vier Bedingungen, die wichtig sind und die Bezugspersonen den Kindern gegenüber erfüllen sollen. Und das ist auch für eine gute Entwicklung förderlich. Mehr braucht es nicht.
Und noch speziell zum Umgang mit dem Internet: In Kanada gibt es eine Initiative («The Canadian 24-Hour Movement Guidelines for Children and Youth»), die empfiehlt, dass Kinder und Jugendliche folgende drei Dinge beachten sollten:
60 Minuten pro Tag körperliche Aktivität,
weniger als zwei Stunden pro Tag vor einem Bildschirm (TV, PC, Smartphone etc.) und
Schlafdauer zwischen 9 und 11 Stunden.
In den USA halten nur gerade 5% aller Kinder und Jugendlichen (9–11 Jahre) diese Empfehlungen laut einer aktuellen Studie auch ein. Die mittlere Bildschirmzeit betrug in der Studie 3,6 Stunden pro Tag. Eine deutliche Reduktion wäre jedoch lohnenswert; denn die kognitiven Fähigkeiten verbesserten sich mit weniger Zeit am Bildschirm und mehr Schlafdauer. Die körperliche Aktivität hatte keinen (zusätzlichen) Einfluss. The Lancet 2018, doi.org/10.1016/S2352-4642(18)30278-5.
Lebe massvoll, lustvoll, natürlich und mit viel Bewegung
Aus dem eben Gesagten kann man schliessen, dass Gewissenhaftigkeit (Selbstkontrolle, Pflichtbewusstsein…) eine der wichtigsten Faktoren zur Erlangung von Gesundheit ist. Neben dem, dass gewissenhafte Menschen weniger rauchen und Alkohol trinken und massvoller essen, gelingt es ihnen, sich bessere Lebensbedingungen zu erarbeiten. Wer schon in der Kindheit selbst-diszipliniert zu Werke geht, bekommt eher gute Noten, schafft eher eine anspruchsvolle Ausbildung und wohnt in einer gesünderen Umgebung. Die Selbstkontrolle und – damit zusammenhängend – „Alles mit Mass!“ ist also der wahre Glücklich-Macher. Selbstkontrolle macht Kinder im späteren Leben stark. Leute mit viel Selbstkontrolle führen im Schnitt bessere und längere Beziehungen als Menschen, die sich weniger im Griff haben. Sie werden mehr gemocht und anerkannt. Sie sind weniger gestresst, fühlen sich weniger schuldig, können sich besser an neue Situationen anpassen und sind weniger beratungsresistent. Sie begehen auch weniger Verbrechen. Sie überwinden sogar Vorurteile besser. Und, nach all dem, nicht überraschend: Sie leben länger.(Roy Baumeister: Die Macht der Disziplin. Campusverlag, 2012)
Alles schön und gut: Aber eine Überdosis Disziplin ist nicht mehr gesund
Siehe dazu auch mein Blogbeitrag über Cortisol bei zu starker Disziplin! Wichtig ist der Wechsel von Spannung und Entspannung, von Kontakt und Rückzug, von Selbstkontrolle und Genuss! Eine eigentliche Rhythmisierung unseres Lebens. Es gibt also auch die Rückseite der Medaille durch eigentliche „Selbstknechtung“, was in Stress, Depression und Burnout enden kann. Deutungshilfe bietet der deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Laut Han hat sich der Westen von einer Kontroll- in eine Leistungsgesellschaft umorganisiert (siehe dazu den spannenden Bericht aus dem Tages-Anzeiger).
Dazu passt, dass grosse Studien bei Ausdauersportarten zeigen, dass ein Wechsel von kurzen, sehr intensiven Trainingseinheiten und längeren langsame, ja bedächtige Einheiten für die Gesundheit optimal ist. >>> strukturelleintegration.info/2017/06/02/ausdauer/). Zudem ist für die Gesundheit – und wir sprechen hier nicht über die Ausdauer – die Häufigkeit der Bewegung wichtiger als die Intensität oder die Dauer! „Mässig, regelmässig“ ist also die Devise.
Zudem wird immer mehr klar, dass Selbstkontrolle und Disziplin beim Gesundheitsverhalten zu eng gesehen wurden. In vielen Studien zeigte sich, dass Selbstkontrollierte zwar mehr Sport treiben, gesünder essen, sich weniger von der Arbeit abhalten lassen und bessere Leistungen erzielen – aber nur, sofern sie feste Gewohnheiten haben! Sie essen fast täglich zur gleichen Zeit, treiben Sport zu festen Zeiten und gehen fast täglich immer zur gleichen Zeit schlafen. Leute mit hoher Selbstkontrolle strukturieren ihr Leben so, dass sie gar nicht erst in Not kommen, sie anwenden zu müssen.
Willenskraft? Selbstkontrolle? Nein: Gewohnheiten
Wir überschätzen uns und unsere Willenskraft und unsere Selbstkontrolle. Wir glauben, wenn wir uns nur am Riemen reissen, könnten wir jederzeit unser Verhalten steuern und unsere Ziele erreichen. Das stimmt aber leider nicht.
Kurzum: Unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken, nützt mal wieder sehr wenig. Und: Was man nicht gerne macht, sollte man automatisieren!
Mythos 1: Pestizide in Lebensmittel machen uns krank. Gefühlte versus reale Risiken für die Gesundheit! Welche Themen für uns persönlich und subjektiv die grössten gesundheitlichen Risiken darstellen, sind meist überhaupt nicht die wahren Gefahren! Wahrnehmungsunterschiede sind abhängig von Medienberichten, Gewöhnlichkeit des Risikos sowie Schrecklichkeit. Oder anders gesagt: Man stirbt nicht an den Dingen, vor denen man sich fürchtet! (aus Tagesanzeiger, 26.03.2016, Constantin Seibt, Fürchte dich nicht)
Die grossen Risiken sind also: Völlerei, Bewegungsmangel, Rauchen und der alltägliche Strassenverkehr (Im Jahre 2011 starben in Deutschland im Strassenverkehr 3991 Personen = 11 Tote durch PKW-Unfälle täglich – „So etwas passiert anderen, nicht mir!“). Weiterlesen zur Lebenserwartung >>> Weiterlesen ob wirklich alles „Natürliche“ besser ist >>> .
Mythos 2: Das heilsame Lachen Frohe Stimmung und Bekundung guter Gesundheit gehen oft Hand in Hand. Die Gefühlslage erweist sich als gewichtiger für die Einschätzung der eigenen Gesundheit als Hunger, Obdachlosigkeit und Sicherheit vor Kriminalität. Doch auch hier wird die gefühlte Gesundheit erfasst. Und dies heisst nicht, dass sie auch objektiv wirklich gesund sind! Also sorgt häufig eine robuste Gesundheit für eine gute Stimmung! Es ist sogar so, dass Frohnaturen Menschen sind, die sich wenig Gedanken über mögliche Missgeschicke machen. Dies wird vielen zum Verhängnis und sie rauchen eher, trinken mehr Alkohol und pflegen mit Vorliebe riskante Hobbies. Folgerichtig starben viele von ihnen bei Unfällen oder frühzeitig an den Suchtfolgen. No risk – no fun also! .
Mythos 3: Die kranken Neurotiker Umgekehrt kann es durchaus Vorteile haben, zu jenen Menschen zu gehören, die immer etwas befürchten oder beklagen (im Fachjargon „Neurotizismus“ genannt). Er fühlt sich zwar unglücklicher und kränker, aber er lebt länger! Objektiv sind sie tatsächlich „gesünder“ – doch will ich „objektiv gesünder“, aber unglücklich sein – oder lieber glücklich, aber etwas kurzlebiger?! (Howard Friedmann, M.Kern: Personality, well-being and health. The Annual Review of Psychology, 65, 2014, 719-742) .
Mythos 4: Religion verlängert das Leben Viele Studien suggerieren, dass Gottgläubige gesünder sind. Wenn man dies aber näher betrachtet, findet man dabei als wichtigste Faktoren, dass dies Menschen auch disziplinierter und massvoller lebten – und dass dies die Gründe für mehr Gesundheit waren. Die einzige „Religion“, die gesünder macht, ist sicher der „Humanismus“ und das Studieren der Philosophie, das Sich-Wundern. .
Mythos 5: Die Ehe hält jung Bei Männer stimmt dies zwar – wohl aber, weil ihre Frau mehr soziale Kontakte schafft, ihn auch mal ermahnt, weniger zu rauchen oder zu trinken und mal zum Arzt zu gehen… Frauen dagegen gewinnen durch das Ehedasein nichts! Es gilt sogar: Je jünger die Ehefrau, umso länger lebt der Mann. Umgekehrt stimmt dies aber auch nicht! (Sven Drefahl: How does the age gap between partners affect their survival? Demography, 47/2, 2010, 313-326) .
Mythos 6: Bloss keinen Stress! Stress an sich schadet nicht! Akuter und vorübergehender Stress! Jedoch chronische Stresssituationen, Dauerstress sind sehr ungesund! Wenn jemand seiner Arbeit nicht gewachsen ist oder überhaupt ständig zuviel von ihm verlangt wird, dies ist krankmachend. Und… chronischer Stress in der Jugend (z.B. auch durch Armut!) verändert uns rein neurobiologisch negativ (hier unten lesen Sie mehr darüber). Dauerstress ist der ärgste Feind des Kohärenzgefühls (siehe bei Salutogenese). Übrigens: Die erfolgreichen Arbeitstiere leben nicht zuletzt deshalb gut und lange, da sie besonders gewissenhaft sind. Also auch hier ist wieder die Selbstkontrolle der wichtigste Faktor zur Gesundheit. .
Mythos 7: Geld bringt Gesundheit und ein langes Leben! In seiner Studie «Wellbeing and Policy» untersucht der britische Ökonom Richard Layard, wie stark das Glücksempfinden vom Gehalt abhängt. Das überraschende Ergebnis: Die Korrelation ist viel geringer als angenommen. Geistliche, die 2013 kaum mehr als 20 000 £ verdienten, sind zufriedener als Chefs und hohe Kader, die es durchschnittlich auf fast 120 000 £ brachten. Besonders zufrieden sind auch Bauern und Sekretärinnen. Beide verdienen etwa gleich viel wie Bauarbeiter, die aber besonders unglücklich sind.Als wegweisend für die Entwicklung des Forschungszweigs gilt eine Erkenntnis des amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin aus dem Jahr 1974: Reiche sind innerhalb eines Landes zwar glücklicher als Arme, aber wenn der Wohlstand eines Landes insgesamt steigt, ändert dies nichts am Glücks-empfinden. Layard erklärt das «Easterlin-Paradox» damit, dass sich Menschen intensiver mit ihrem Umfeld vergleichen, also das relative Gehalt in den Mittelpunkt rücken, statt ihr absolutes Gehaltsniveau wertzuschätzen.Vor allem Banken sind laut Layard mit der Angewohnheit, hohe leistungsabhängige Boni auszuschütten, auf dem Irrweg. Die Ausschüttungen führten zu einer Unzufriedenheit, die in keinem Verhältnis zum Wert des Geldes stehe. In einem Umfeld, in dem mit guten Leistungen viel Geld zu verdienen sei, leisteten Leute nicht mehr, sondern weniger. Vielleicht aus Angst, zu versagen.Unter Ökonomen stösst die Entwicklung auch auf Kritik. Alternativen zum BIP würden mit einer spezifischen Agenda im Hinterkopf konstruiert und könnten leicht von Regierungen manipuliert werden, argumentiert etwa der Schwede Johan Norberg. Er spricht von «Glücks-Paternalismus». Das BIP sei nicht perfekt, aber immerhin wertfrei. Davon abzugrenzen ist die reine „Lebenserwartung“, die mindestens in den USA mit steigendem Einkommen zunimmt. Dies gilt aber vor allem für die ganz Armen und die ganz Reichen. Dort ist das Verhalten gegenüber der eigenen Gesundheit völlig verschieden: Ärmere Menschen sind weniger gebildet, rauchen mehr und sind weniger körperlich aktiv… (Chetty R, et al. JAMA.2016;315 (16):1750-66) Daraus lässt sich zunächst eine naheliegende Forderung ableiten: Man spricht am besten weniger über Geld. Layard verweist zur Unterstützung auf ein Experiment der Uni Berkeley. Dort wurden die Gehälter der öffentlichen Angestellten auf einer Website veröffentlicht. Bei Uni-Angestellten, die das zunächst nicht mitbekamen, änderte sich nichts am Wohlempfinden, während bei jenen, die gezielt informiert wurden, die Zufriedenheit messbar zurückging. Die Glücksforschung, eine wachsende Teildisziplin der Ökonomie, kombiniert Empirie mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie bringt Ergebnisse hervor, über die sich selbst der Dalai Lama freuen würde. Einkommen und Aufstiegschancen spielen bei der zentralen Frage, ob Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind, eine viel geringere Rolle als jahrzehntelang angenommen. Körperliche und seelische Krankheiten sind in entwickelten Volkswirtschaften ein triftigerer Grund, unglücklich zu sein, als Armut. Update 2021: Geld macht glücklich, das gilt in der Wissenschaft als Konsens – aber nur bis zu einer gewissen Einkommensobergrenze. Ein Forscher sah sich nun die Beziehung zwischen Einkommen und Wohlbefinden erneut an und stellte fest, dass die Befragten von umso grösserem Wohlbefinden berichteten, je höher ihr Einkommen war – eine Obergrenze liess sich nicht definieren. Es wurden dazu die Angaben von mehr als 33 000 US-Amerikaner*innen zwischen 18 und 65 Jahren ausgewertet. Sie machten unter anderem Angaben zu ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit und ihrem momentanen Wohlbefinden. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil das momentane Wohlbefinden in anderen Studien nur selten erfasst worden sei. Das mag der Grund sein, dass er – anders als frühere Studien – keine Einkommensglück-Obergrenze feststellen konnte. Die Auswertung zeigte aber auch: Befragte mit geringerem Einkommen, denen Geld nicht so wichtig war, waren zufriedener. Dass die Bedeutung des Geldes eine Rolle spielt, zeigt eine weitere Studie: Befragt wurden hier knapp 700 Personen in ländlichen und städtischen Regionen in zwei Ländern mit sehr geringem Durchschnittseinkommen. Ihre Zufriedenheit war hoch – Geld war den Befragten aber auch nicht wichtig. Geld macht also nur dann glücklich, wenn es uns viel bedeutet. (S. Miñarro u. a.: Happy without money; Plos One, 2021 & M. A. Killingsworth: Experienced well-being rises with income, even above $ 75,000 per year. PNAS, 118/4, 2021)
Mythos 8: Der Ärger mit dem Ärger! „Nichts und niemand kann Dich ärgern – ausser Du dich selbst!“ Fritz Perls Zudem gibt es keine „kleinen“, alltägliche Aufregungen oder Ärger. Sie alle stören den Frieden meines Geistes gleichermassen. Sie alle verhindern, dass ich jemals etwas gelassener werde: Weiterlesen >>> .
Mythos 9: Das Natürliche ist immer besser als das Chemisch-Synthetische!
Meine liebste Denkfalle ist die Annahme, dass alles Natürliche gesünder und milder wäre als etwas Chemisches, Synthetisches. Als Beispiel: Alle pflanzlichen Medikamente sind besser als synthetische. Da will ich nur an – kaum erforschte – toxisch wirkende Pflanzen, wie Digitalis (Fingerhut) erinnern, die (in falscher Dosis) selbst tödlich wirken können.
Armut ist Stress – chronischer Stress! Stress heisst rein biologisch, den Körper für die Flucht bereitzumachen. Die Stresshormone, die dabei ausgeschüttet werden, haben – je nachdem, ob es sich um einen milden, kurzzeitig auftretenden Stressfaktor oder um einen massiven, längeranhaltenden handelt – unterschiedliche Auswirkungen auf das Gehirn. Chronischer Stress ist anders als kurzzeitiger Stress nicht hilfreich, um eine Aufgabe zu bewältigen, sondern sorgt dafür, dass die Fähigkeit zur Problemlösung abnimmt. Denn Teile des präfrontalen Cortex schrumpfen bei chronischem Stress, während das Angstzentrum im Hirn, die Amygdala angeregt wird.
Forschungsergebnis liefern heute den Schlüssel zum Verständnis, wie sehr das sozioökonomische Umfeld das weitere Leben bestimmt. Und zwar schon bei 5-jährigen Kindern. Es wird bereits dann der Grundstock gelegt für die Gesundheit, die ein Mensch 20 Jahre später haben wird. Studien zeigen, dass 10-jährige Kinder aus ärmeren Familien doppelt so viel Stresshormon im Blut haben, wie Kinder aus reicheren Familien. Damit wird deutlich, dass die Startbedingungen über Wohl und Wehe entscheiden. Auf neurobiologischer Ebene.
Eine Warnung an Gesundheitsförderer
Der Gesundheitsexperte schreibt vor, dass sich der Laie gesundheitsgerecht verhalten soll oder seine Gesundheit mehr in die Hand nehmen soll, ohne zu fragen, ob der Laie Gesundheit will, und schon gar nicht, wenn er ungefragt muss. Mit den schönen Worten der Gesundheitsförderung (zur Gesundheit befähigen) wird also etwas unterschlagen, was als Pflicht zur Gesundheit besser umschrieben wäre. Gesundheit wird zur Norm. Eine Erfolg versprechende Gesundheitsförderung hätte nicht nur kulturelle Muster wahrzunehmen und zu berücksichtigen, sie müsste sich auch fragen, ob es ihrem Anliegen gut tut (Menschen zur Gesundheit zu befähigen), wenn dieses mit einer staatsbürgerlichen Pflicht sozusagen identisch ist. Möglicherweise ist dies ein wesentliches Problem, an dem Gesundheitsförderung bisher gescheitert ist. Es ist gut, falls mir bewusst ist, dass sie auf die eine oder andere Weise etwas mit Machtausübung verbunden ist (gemäss Foucault ein Teil der Disziplinarmacht von mittleren und höheren Schichten gegenüber den unteren). In unserer Gesellschaft werden diejenigen diskriminiert, die dem Anschein nach zentrale Werte des Abendlandes verstossen, gegen die Idee der Mässigung beziehungsweise des rechten Masses (griechische Antike), gegen christliche Gebote, die sich zum Beispiel gegen Völlerei (Adipositas) oder Süchte (Drogen, Rauchen) richten. Diese Debatte über Mässigung passt aber wenig zu dem hedonistischen Bild, mit dem sich unsere Gesellschaft gerne umhüllt. Maximale Lust, maximaler Spass scheinen das Gebot der Stunde zu sein, also Party ohne Ende. Das Paradoxon des Kapitalismus, mit dem einerseits grenzenloser Luxus und Genuss versprochen werden, dessen Geist allerdings radikale Askese einklagt. Hoher Blutdruck, Schlaflosigkeit, Leistungssportler werden deshalb nicht diskriminiert. Die bürgerliche Aufklärung kreiert allerdings einen historischen Gegenspieler, die Romantik, die von vernünftiger Lebensführung nun gar nichts wissen will. Sie setzt auf das Gefühl, auf Müssiggang, Entgrenzung, Risiko und Todessehnsucht. Oder: Jeder hat ein Recht auf ungesundes Verhalten, das oft attraktiv und bequem ist. Es existiert hier kein „gut“ oder „böse“, kein „normal“ oder „sündig“ (Christoph Klotter: Warum wir es schaffen nicht gesund zu bleiben. Eine Streitschrift zur Gesundheitsförderung. 2009, Reinhardt, München). Gesundheit ist ein Wert, der mit anderen Werten wie Genuss, Müssiggang, Risiko konkurriert. Vieles, was als unvernünftig, unsittlich usw. etikettiert wird, wird attraktiv. Ein Verhalten als Sünde zu definieren, führt dazu, diese Verhalten eher zu verstärken. Gesundheitsförderung positioniert sich am besten in einer Balance zwischen Produktivität und Spiel. Sie ist nach Möglichkeit nicht alleine um Nützlichkeit zentriert. Sie könnte sich auch damit anfreunden, selbst ein Teil des Unproduktiven zu sein, des Müssigganges, des Faulenzens, des Spiels.
Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts!
Wenn wir Gesundheitsförderung betrachten, müssen wir zum Schluss noch die Charta des Spiritus Rector, des Ideen- und Ratgebers anschauen, der WHO: Für diese erschöpft sich das Ganze nicht in Rückenkursen und Stressbewältigungstraining, sondern sie ist ein nahezu sozialrevolutionäres Programm. Gesundheit für alle bedeutet Frieden, Sicherheit, Bildung, Essen, Einkommen, ein stabiles Ökosystem, nachhaltige Ressourcen und soziale Gerechtigkeit, also Demokratie und Menschenrechte. Eine Gesundheitsförderung versetzt die Menschen am besten in die Lage, sich um ihre Gesundheit zu kümmern und befähigt sie, bessere Kontrolle über ihre Lebensbedingungen zu haben. Die Gesundheitsförderung geht also auch die Politik an, die Schule, den Betrieb, die Gemeinde. Gesundheit ist eine ausgewogene Ganzheit, ein Gleichgewicht, eine Harmonie von Kräfte und Funktionen: uns intensiv um unser physisches Selbst kümmern; den Verstand konstruktiv nutzen; unsere Gefühle ausdrücken; kreativ mit unserer Umwelt verbunden sein; unsere physische Umwelt wichtig nehmen; unser Leben als sinnvoll erfahren. Gesundheit hat zu tun mit Lebendigkeit, mit Lebenssinn und mit der Fähigkeit, trotz Leiden und Anfechtung sein Leben zu führen, sich zu entfalten, die oder der zu werden, die oder der man ist. Damit trägt Gesundheit auch zum Funktionieren von Freundschaften, Familien und Gemeinschaften bei. Gesundheit in diesem umfassenden Sinn sollte für alle Menschen erreichbar sein.
Selbstoptimierung
Die Philosophin Ariadne von Schirach beschreibt in Ihrem Buch «Du sollst nicht funktionieren» die Folgen dieses Leistungsdruckes der Selbstoptimierung als fatal: „Jenseits von Burnout, Einsamkeit und Angst ist doch das Schlimmste an der unablässigen Selbstoptimierung dieser überall bemerkbare Verlust von Lebensfreude. Wir verlernen, uns gehen zu lassen. Die Fähigkeit, Hingabe, Lust und Rausch zu erleben und zu geniessen, kommt uns durch diese dauernde Selbstbeobachtung und -kontrolle abhanden. Doch das ist nicht alles. Die Philosophie rät seit Jahrtausenden, der Mensch solle sich um seine Seele kümmern. Das bedeutet, eine Beziehung zu seinem Inneren zu haben – zu seinen Gefühlen, Träumen und Werten. Zu seiner eigenen Lebendigkeit. Wenn diese Beziehung verloren geht, verlieren wir auch den Sinn unseres Lebens. Selbstoptimierung als eine Form von Kontrolle suggeriert nun Sicherheit. Auch angesichts der umfassenden Beschleunigung versuchen wir, an etwas festzuhalten: an unserer Jugend oder an unserer Leistungsfähigkeit. Zugleich versuchen wir uns immer wieder auf allen möglichen Märkten zu beweisen – vom Dating- bis zum Arbeitsmarkt. Dadurch wird der Selbstwert zum Marktwert. Dabei vergisst man leicht, dass jeder Mensch, genau so wie jedes Stück Natur und jedes Tier, an sich wertvoll ist. Dieses Wissen müssen wir uns zurückerobern.
Also zurück zur Authentizität?
Da muss man differenzieren: Das Authentische des Menschen ist nicht nur sein Inneres, sondern eben Inneres und Äusseres zusammen. Diese puritanische Haltung, wir müssten uns nur auf das Innere konzentrieren und der verlogenen äusseren Welt abschwören, bringt uns auch nicht weiter.
Was bringt uns denn weiter? Wäre ein Mittelmass aus Selbstoptimierung und Lebenskunst optimal?
Ich glaube, der entscheidende Gedanke hinter dieser Frage betrifft nicht nur das Mass, sondern auch die Motivation. Es ist sinnvoller, die Energie, die wir in die Optimierung unseres Selbst stecken, dafür zu nutzen, das Bild, das wir abgeben möchten, mit unserer inneren Wirklichkeit in Korrespondenz zu bringen.
In einer Zeit, in der die Welt so sinnlos und brutal wirkt, liegt es an jedem Einzelnen, Widerstand gegen Konkurrenz, Kälte und Gier zu leisten. Das beginnt mit einem nutzlosen Lächeln, das wir dem anderen schenken, anstatt ihn oder sie einfach nur abzuchecken. Es ist an der Zeit, wieder Lieben zu lernen und das Leben zu wagen, anstatt es nur zu verwalten.“
Es ist also sehr gut zu erkennen, dass es nicht so wichtig ist, dass sie eine bessere Version von sich selbst werden. Es ist viel wichtiger, ein anständiger Mensch zu werden. Es ist völlig in Ordnung, Träume zu haben und unmögliche Ziele zu verfolgen. Aber es lohnt sich auch zu bedenken, dass alles im Leben nur vorübergehend ist. Auch gibt es etwas, was Psychologen die „hedonische Tretmühle“ nennen: Wann immer Sie etwas erreichen, gibt es immer irgendein weiteres Ziel, das Sie erreichen möchten. Das Erreichte wird schnell schal. Und so läuft man immer im Kreis, immer auf der Suche nach dem nächsten Ziel und wird nie glücklich und zufrieden sein. Wenn Sie das einmal erkannt haben, dann ist es an der Zeit zu fragen: Was ist wirklich wertvoll – nicht nur für mich, sondern für möglichst viele Menschen, ob sie mir nahestehend sind oder nicht.
„Kortikal“ Essen = gezügeltes und langsames Essen: wird durch unser Frontalhirn gesteuert – und dieser Hirnteil wird auch durch Bewegung aktiviert. Dazu hilft auch das regelmässige Führen eines Ess-Tagebuchs. .
regelmässiges Essen ohne Zwischenmahlzeiten (max. 3x pro Tag) und optimal wäre dies innert 8 Stunden (16:8-Ernährung) und nur tagsüber zu tun – möglichst nicht mehr in der Dunkelheit: Deshalb auch Unterschied Winter und Sommer. . Die ideale Reihenfolge während einer Mahlzeit ist: 1.) zuerst die Ballaststoffe (Gemüse, Salat, Nüsse), dann 2.) die Proteine (Käse, Hülsenfrüchte, Fisch, Ei) und nur zum Schluss eventuell 3.) die Stärke (Brot, Pasta) und wenig Zucker (als Dessert!). .
Eiweissreiches Essen (sättigt gut – baut Muskeln auf…) – aber wenig oder kein Fleisch. Kohlenhydrate kann man problemlos und meist stark reduzieren. Und falls doch: Stärke (Brot, Pasta) und Zucker (Dessert) immer zum Schluss. .
Viel Obst und Gemüse lässt die Darmflora reicher werden, was sich immer mehr als enormes Gewicht gegen die Fettleibigkeit erweist. Vor jeder Mahlzeit eine Gemüsevorspeise.
Kurz und bündig: Unstrittig in der Praxis ist nur, dass ein BMI zwischen 22 und 28 erfreulich ist und dass bei 40 (und unter 15!) die Alarmstufe Rot beginnt. Dazwischen herrscht Verwirrung.
(Copyright beim Fotografen)
Eugénie Rebetez: ein tolles Beispiel für eine kreative Mollige, die absolut sich selbst und in Bewegung ist (und damit auch absolut „gesund“)!
Weshalb will ich abnehmen? Werde ich dabei glücklicher?
Um abzunehmen, ernähren und bewegen sich Menschen oft aus den falschen Gründen gesund. Sie wollen besser aussehen, weil sie glauben, dadurch glücklicher zu werden. Doch das funktioniert kaum: Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen besserem Aussehen und mehr Zufriedenheit, aber der ist so gering, dass sich der Aufwand kaum lohnt.
Nehmen wir an, Sie sind in Bezug auf Attraktivität und Glück völlig durchschnittlich. Entschlossen, schöner zu werden, investieren Sie viel Arbeit – Diät, Sport, Operationen, was auch immer – und streben danach, schöner zu sein als 84 Prozent der Bevölkerung. Wissenschaftler fanden heraus, dass Ihr Glück dadurch nur um etwa vier Prozentpunkte steigen würde. Wenn Sie bereits eine Ausbildung haben, arbeiten und verheiratet sind, würde Ihr Glück nur um zwei Punkte steigen.
Klar, dass für dieses bisschen mehr Glück kaum jemand bereit ist, fünf Stunden pro Woche zu joggen und sich von Magerquark zu ernähren, zumal die Freude am Rumsitzen und Torte essen viel unmittelbarer ist. Tatsächlich wirkt auch dieser Effekt nur kurzfristig.
Gewichtsabnahme ist noch aus weiteren Gründen nicht automatisch gleichbedeutend mit Glücklichsein >>> Geisterfett
Mit Ihnen ist alles in Ordnung!
Andere Menschen wollen Ihnen einreden, dass Ihr Übergewicht Sie behindert, um Ihnen Krücken zu verkaufen. Werfen Sie diese Krücken weg, und Sie können gehen. Das ist alles, was ich sagen kann. Ihre Angst ist: „Was, wenn ich falle?“ Legen Sie die Krücken weg, und Sie werden nicht fallen. Das Erste, was die Menschen hören, wenn sie zu mir kommen, ist: „Mit Ihnen ist alles in Ordnung.“ Sie werden überrascht sein, wie unwillkommen diese Nachricht oft ist. Ich schlage vor, aus der Opferrolle herauszutreten und zu denken: „Andere Menschen sorgen dafür, dass ich mich so fühle.“ Ändern Sie Ihre Meinung, Ihr Urteil über sich selbst!
Sagen Sie statt: „Ich muss zuerst abnehmen, um mich wieder am Leben zu erfreuen“, lieber: „Ich sorge gut für mich und achte besser auf mich, das fühlt sich gut an und dabei bleibe ich. “ Diese Einstellung ist sanft und spendet Trost.
Wenn Sie in schwierigen Zeiten zu Kartoffelchips und der Couch greifen, sollten Sie die Strategie des „entgegengesetzten Signals“ in Betracht ziehen, die wenig geistige Anstrengung erfordert. Wenn Ihr Verstand Ihnen sagt, dass Sie sich betäuben sollen, erwachen Sie stattdessen zum Leben: Bewegen Sie sich, wenn Sie sich am liebsten verkriechen möchten; essen Sie nährstoffreiche Nahrung, wenn Sie sich nach Junkfood sehnen. Beginnen Sie damit, in den Momenten, in denen Sie den Drang verspüren, sich zusammenzurollen, einen Spaziergang im Freien zu machen. Kein Geringerer als Hippokrates nannte das Gehen „die beste Medizin des Menschen“, und Forscher sehen darin seit langem das Heilmittel für viele unserer physischen, psychischen und sogar sozialen Leiden.
Ist Ihr Sättigungsgefühl noch in Ordnung?
Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) spüren weniger Sättigung – ihr Körper schüttet deutlich weniger Sättigungshormone aus als der von Normalgewichtigen. Der Grund: Die Zellen im Magen-Darm-Trakt, die diese Hormone bilden, sind bei ihnen stark reduziert. Wissenschaftler kennen viele Hormone, die Hunger und Sättigung steuern, doch die genauen Wechselwirkungen bleiben oft unklar. Ein Überblick über die wichtigsten Sättigungshormone:
Leptin informiert den Körper ständig über den Energiestatus. Es ist an die Fettdepots gekoppelt: Sinkt der Leptin-Wert, verspüren wir Hunger. Nach einer Mahlzeit steigt der Wert, und das Hormon fördert das Sättigungsgefühl. Hier unterscheidet sich krankhafte Adipositas von Molligkeit (ausser dem BMI). Das Hormon Leptin und die Fettzellen des Körpers stehen in direktem Zusammenhang. Je mehr Fettzellen vorhanden sind, desto höher steigt der Leptin-Spiegel. Bei Übergewicht kann sich eine Leptin-Resistenz entwickeln: Das Sättigungsgefühl bleibt aus. Besonders das Bauchfett spielt dabei eine zentrale Rolle.
Ghrelin, das „Hunger-Hormon“, wirkt als Gegenspieler zu Leptin. Ist der Magen leer und der Körper braucht Energie, steigt der Ghrelin-Wert. Nach dem Essen sinkt er wieder. Auch eine Diät kann das Sättigungsgefühl stören. Wird die Kalorienzufuhr plötzlich drastisch reduziert, reagiert der Körper mit Hunger. Der Grund: Er produziert verstärkt das Hormon Ghrelin. Bricht man die Diät ab, gerät der Körper aus dem Gleichgewicht – ebenso, wenn man sie fortsetzt und später wieder normal isst.
Cholecystokinin entsteht, wenn der Darm Fettsäuren und Aminosäuren aufnimmt. Es trägt ebenfalls zum Sättigungsgefühl bei.
Das Verdauungshormon GLP-1 wirkt sättigend, sobald der Körper Glukose und Fettsäuren aufnimmt.
Auch Amylin und Insulin, die bei einem Glukoseanstieg freigesetzt werden, fördern das Sättigungsgefühl.
Medikamente wie Antidepressiva, Antiepileptika und Antipsychotika, die den Hirnstoffwechsel beeinflussen, können ebenfalls das Sättigungsgefühl hemmen. Auch Diabetes-Mittel, Blutdrucksenker und Kortison haben oft diese Nebenwirkung.
Keine Verbote! Und die Reihenfolge beim Essen beachten
Damit Sie Ihr Gewicht reduzieren können, benötigen Sie zwar insgesamt weniger Kalorien als Sie verbrauchen. Am besten machen Sie sich aber keine Verbote. Füllen Sie einfach die Hälfte des Tellers mit Gemüse, einen Viertel mit Vollkornprodukten (Pasta oder Brot) und einen Viertel mit Lebensmitteln die viel Eiweiss enthalten wie Hülsenfrüchte (Erbsen, Bohnen, Lupinen), Hartkäse, Fisch oder Ei. Wenig oder kein Fleisch!
Die ideale Reihenfolge während der Mahlzeit beachten: 1. zuerst die Ballaststoffe (Gemüse, Salat, Nüsse), dann 2. die Proteine (Käse, Hülsenfrüchte, Fisch, Ei) und erst zum Schluss (falls überhaupt) 3.) die Stärke (Vollkornbrot, Pasta) und wenig Zucker (als Dessert).
Essen Sie zusätzlich etwa zwei Handvoll Früchte pro Tag und nur wenig Speisen wie Süssigkeiten oder salzige Snacks. Zum Trinken empfehle ich Ihnen zuckerfreie Getränke. Wenn Sie diese Tipps mit Bewegung kombinieren, sollten Sie auf gesunde Weise einige Kilos reduzieren können.
…und alles: mässig, regelmässig!
Chrononutrition
Unsere innere Uhr tickt auch mit unserem Essen. Schwindet das Tageslicht, schüttet der Körper Melatonin aus – ein Signal: Schlafenszeit. Doch landet jetzt eine deftige Brotzeit oder üppige Pasta im Magen, produziert die Bauchspeicheldrüse Insulin. Die Körperrhythmen geraten aus dem Takt: Während das Gehirn auf Ruhe umstellt, läuft die Verdauung auf Hochtouren. Experten nennen das „interne Desynchronisierung“ – der Stoffwechsel erlebt einen Jetlag.
Forscher vermuten, das erklärt, warum Menschen, die nach acht Uhr abends die Hälfte ihrer Kalorien zu sich nehmen, häufiger stark übergewichtig sind und mehr Körperfett ansetzen – unabhängig von der Essensmenge oder Bewegung. Spätes Essen erhöht zudem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders gefährlich: der abendliche Griff in den Kühlschrank beim Serienschauen.
Doch bleibt entscheidend: Was wir essen, beeinflusst das Gewicht stärker als der Zeitpunkt der Mahlzeit.
Wie beginne ich mit Abnehmen: mit Willenskraft? Nein: mit Gewohnheiten
Wir überschätzen uns und unsere Willenskraft. Wir glauben, wenn wir uns nur am Riemen reissen, könnten wir jederzeit unser Verhalten steuern und unsere Ziele erreichen. Das stimmt aber leider nicht.
Orthorexie?
Testen Sie auch, ob Sie nicht an der Essstörung Orthorexie leiden, einer krankhaften Fixierung auf gesundes Essen, welches man zunehmend bei Menschen antrifft, die in diätetische Behandlung kommen: Weiterlesen >>> Prüfen Sie in diesem Zusammenhang ob Sie mit Abnehmen (oder eben mit der Orthorexie) etwas im Leben kontrollieren wollen, was mit vielen anderen Dingen nie gelingt…
Weshalb sind wir heute immer gewichtiger?
Heute sind Menschen, trotz gleicher Ernährung und Bewegung, durchschnittlich etwa 10% schwerer als in den 80er Jahren.
Erstens: Mehr Chemikalien: Pestizide, Flammschutzmittel und Stoffe in Lebensmittelverpackungen können unsere hormonellen Prozesse verändern und die Art und Weise beeinflussen, wie unser Körper an Gewicht zunimmt und es hält.
Zweitens: Mehr verschreibungspflichtige Medikamente: Der Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten ist seit den 1970er und 80er Jahren dramatisch angestiegen. Prozac, der erste SSRI-Blockbuster, kam 1988 auf den Markt. Antidepressiva gehören heute zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten in den USA, und viele von ihnen werden mit Gewichtszunahme in Verbindung gebracht.
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Drittens: Andere Darmbakterien: Schliesslich zeigte sich auch, dass sich das Mikrobiom der Menschen zwischen den 1980er Jahren und heute stark verändert hat. Es ist allgemein bekannt, dass einige Arten von Darmbakterien eine Person anfälliger für Gewichtszunahme und Fettleibigkeit machen. Wir essen heute mehr Fleisch als noch vor einigen Jahrzehnten, und viele tierische Produkte werden mit Hormonen und Antibiotika behandelt, um das Wachstum zu fördern. Das viele Fleisch kann die Darmbakterien auf eine Art und Weise verändern, die auf den ersten Blick unauffällig ist, sich aber mit der Zeit summiert. Man weiss auch, dass die Verbreitung von künstlichen Süssstoffen eine Rolle spielt.
Was auch heisst, so die Autoren dieses Artikels in The Atlantic, dass Menschen oft gar nichts dafür können, wenn sie zu viel Gewicht auf die Waage bringen.
Mythos: Ein langsamer Stoffwechsel führt unweigerlich zu Übergewicht
Diese sorgfältige Studie zeigt, dass der Stoffwechsel individuell stark variiert: Manche Menschen verbrennen täglich bis zu 25 Prozent mehr oder weniger Kalorien als der Durchschnitt.
Jeder Mensch hat eine andere Stoffwechselrate, doch wir wissen nicht genau, warum. Schilddrüsenhormone könnten eine Rolle spielen, ebenso die Zusammensetzung der Darmbakterien (Mikrobiom), die Genetik oder die Umwelt. Es gibt kaum Studien darüber, was die Stoffwechselrate bestimmt. Das Gehirn trägt wesentlich dazu bei. Zudem haben Menschen mit mehr Muskeln eine höhere Stoffwechselrate.
Ein langsamer Stoffwechsel kann jedoch nicht als Ausrede für übermässige Fettpolster dienen. Fettleibige Menschen haben im Durchschnitt die gleiche Stoffwechselrate wie schlanke Personen, wenn man den Energieverbrauch pro Körpermasse vergleicht. Gewichtszunahme und Fettleibigkeit sind nicht das Ergebnis eines langsamen Stoffwechsels, schrieben Forscher 2021 im Magazin «New Scientist».
Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht
Menschen unterscheiden sich: ihr Stoffwechsel (siehe gleich oben), wie sie mit Stress umgehen, wie viel sie sich bewegen, was sie essen und warum. Und womöglich hängt davon auch ab, wie gut die Medikamente wirken.
Ein US-amerikanisches Forschungsteam schlägt deswegen vier Typen von Übergewichtigen vor:
Menschen, die mehr essen müssen, um satt zu werden, weil ihr Gehirn »hungrig« ist,
daneben solche, die schnell wieder Hunger verspüren,
emotionale Esser und
Menschen mit einem langsamen Stoffwechsel.
Die zweite Gruppe könnte besonders gut auf die neuen Medikamente ansprechen, vermuten manche Fachleute – bisher aber nur gestützt auf eigene Beobachtungen. Bei dieser Gruppe könnten die GLP-1-Spiegel relativ niedrig sein, sodass sie von den Spritzen profitiert. Würde sich das in Studien bestätigen, könnte man schon vor einer Therapie diejenigen identifizieren, die die Mittel bekommen sollten – und die, bei denen sie keinen Nutzen haben.
Diät verboten!
Ein langsamer Stoffwechsel kann Menschen Probleme bereiten, die viel Gewicht verloren haben. Wer von 100 auf 80 Kilo abgenommen hat, kann nach der Diät nicht mehr so viel essen wie jemand, der immer 80 Kilo wog. Der Grund: Die Gewichtsabnahme signalisiert dem Körper: „Achtung, das ist schlecht“. Daraufhin verlangsamt sich der Stoffwechsel, und zwar für lange Zeit. Noch sechs Jahre nach einer Diät bleibt der Metabolismus langsamer. Das erklärt, warum es so schwer ist, nach einer Diät das Gewicht zu halten. Diese Erkenntnis könnte auch motivieren, gar nicht erst überflüssige Pfunde zuzulegen.
Zudem spielen beim sogenannten Jo-Jo-Effekt die Gene eine grosse Rolle
Forscher haben nun festgestellt, dass nach dem Gewichtsverlust eines vormals Adipösen gewisse Gene, die während des Übergewichts aktiviert waren, immer noch eingeschaltet waren. Bei den ehemals Übergewichtigen hat man gesehen, dass ihre Fettzellen schneller Glukose und Fette aufnehmen als die von Normalgewichtigen. Es findet eine langlebige Prägung in den Genen der Fettzellen statt, die selbst dann bestehen bleibt, wenn das Übergewicht weg ist.
In der Forschung hat in der Regulation des Erbguts, des Epigenoms, weitgehende Veränderungen bei der Aktivität von Genen gefunden. Darunter solche, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind oder an Prozessen, die zu Fibrosen im Fettgewebe führen. Das sind Gene, die an den Aufgaben der Fettzellen beteiligt sind, etwa dem Auf- und Abbau von Fettsäuren.
Vermutlich ist deshalb auch die individuelle genetische Ausstattung einer Person wichtig, da gewisse Menschen kaum einen Jo-Jo-Effekt aufweisen. Auch die Art, wie jemand Gewicht verliert, kann eine Rolle spielen. Das will man jetzt auch genauer erforschen. Die Frage ist zum Beispiel, welchen Einfluss Kombinationen von Medikamenten, Sport und gesunder Ernährung haben. Vielleicht werden bei dieser Kombination die Fehlprägungen der Zellen und Organe eher rückgängig gemacht- jedoch nicht beim Medikament alleine (siehe Gewichtszunahme nach Wegovy-Stop).
Die gewaltige Macht des grossen Diätmarkts und der gesellschaftlichen Sicht auf das „Fettsein“
Wenn mit Diätartikeln ein ähnlicher Umsatz wie mit Rüstungsgütern erzielt wird, setzt das Kräfte frei, über deren Ergebnis man in Form von angeblichen Übergewichtskatastrophen jeden Tag in der Presse lesen kann. Deshalb finanzierte auch die Firma Knoll als Reductil®-Hersteller die deutschen Adipositasrichtlinien – um nur ein Beispiel zu nennen. Dieser täglichen Propaganda sind wir alle unterworfen und es ist wichtig, dem gewahr zu sein. Ich habe auf meiner Seite BMI einige Studien aufgeführt, die zeigen, dass es sehr unklar ist, ob Abnehmen gesundheitlich überhaupt etwas bessert. >>> mehr über Diäten
Vermutlich sind Sie auch schon über den Ausdruck „Fettsein“ gestolpert, der eine der schlimmsten Beleidigungen darstellt. Übergewicht, beziehungsweise das Nichterfüllen von Body-Mass-Index-Vorgaben, ist schambesetzt und belastend. Weshalb ist das so? Medizinische Erklärungen allein liefern darauf keine befriedigende Antwort. Vielleicht schon eher politische: Wie Dickenfeindlichkeit und Rassismus zusammengehören!
Sicherlich: Übergewicht ist schädlich und verkürzt potenziell die Lebenserwartung. Doch wie sich eine Gesellschaft zu Völlerei und Essverhalten stellt, geht über das Gesundheitliche hinaus. Der dicke Körper ist auch ein Ort des Widerstands, der Selbstbestimmtheit, der ungehemmten Lust. Was verlieren wir beim panischen Bemühen, den eigenen Leib zu trimmen? Der Philosoph Daniel Strassberg entwirft in seiner Republik-Kolumne eine knappe Kulturgeschichte der Dickleibigkeit. Historisch waren die Dicken die Helden der Satire, des befreienden Lachens, des Karnevals. Sie waren die Agenten eines antireligiösen Widerstands, der Diesseitsbejahung, der antiautoritären Subversion. Schon immer war Dicksein hochpolitisch. Warum haben wir den Sinn dafür verloren?
Wirklich abnehmen
Wer sein Ess– und Bewegungs-Verhalten nicht längerfristig, im Prinzip für immer verändern kann, wird scheitern!
James O.Hill von der Uni in Colorado richtete eine Internet-Datenbank ein (www.uchsc.edu/nutrition/). Eintragen konnte sich jeder, der mindestens 15 Kilo verloren und das neue Gewicht mindestens ein Jahr lang gehalten hatte. Diese Gemeinsamkeiten waren durchwegs vorhanden:
Sie lernen eine Verhaltensänderung (für Essen und Bewegung!) und keine Diät!
Sie bewegen sich etwas mehr – vor allem morgens und „mässig, regelmässig“ – dies in mehreren kleinen Portionen -oder stündlich 20 Sekunden HIIT (high intensity interval training).
Ergänzt durch neuere Erkenntnisse ergibt das 9 Punkte, die zum Erfolg führen:
Bewegung(nicht zum Kalorienverbrennen!): – Kopplung Bewegung, Hirn und Nahrungszufuhr (siehe 2) – Vor allem zum Muskelaufbau – Fettabbau ist morgens und am besten nüchtern am effektivsten.
„Kortikal“ Essen = gezügeltes und langsames Essen: wird durch unser Frontalhirn gesteuert – und dieser Hirnteil wird auch durch Bewegung aktiviert. Dazu hilft auch das regelmässige Führen eines Ess-Tagebuchs.
regelmässiges Essen ohne Zwischenmahlzeiten (max. 3x pro Tag) und optimal wäre dies innert 8 Stunden (16:8-Ernährung) und nur tagsüber zu tun – möglichst nicht mehr in der Dunkelheit: Deshalb auch Unterschied Winter und Sommer. . Die ideale Reihenfolge während einer Mahlzeit ist: 1. zuerst die Ballaststoffe (Gemüse, Salat, Nüsse), dann 2. die Proteine (Käse, Hülsenfrüchte, Fisch, Ei) und nur zum Schluss eventuell 3.) die Stärke (Brot, Pasta) und wenig Zucker (als Dessert!). .
Eiweissreiches Essen (sättigt gut – baut Muskeln auf…) – aber wenig oder kein Fleisch! Kohlenhydrate kann man problemlos und meist stark reduzieren. Und falls doch: Stärke (Brot, Pasta) und Zucker (Dessert) immer zum Schluss. .
Viel Obst und Gemüse lässt die Darmflora reicher werden, was sich immer mehr als enormes Gewicht gegen die Fettleibigkeit erweist. Vor jeder Mahlzeit eine Gemüsevorspeise.
Wer abnehmen will, sollte sich vor allem morgens bewegen
Der Morgen eignet sich vor allem für leichtes Ausdauertraining wie Joggen oder Radfahren – maximal 45 Minuten in einem Tempo, bei dem man sich noch unterhalten kann. Wer dabei nüchtern trainiert, verbrennt laut einer Studie der Northumbria University bis zu 20 Prozent mehr Fett. Zudem bleibt der Körper den ganzen Tag über in einem effizienteren Fettverbrennungsmodus.
Doch das ist nicht alles: Eine niederländische Studie zeigt, dass regelmässiges Training am Morgen das Risiko für koronare Herzkrankheiten um 16 Prozent senkt. Diese Erkrankungen entstehen, wenn die Herzkranzgefässe verengt oder verschlossen sind – ein Vorteil gegenüber Menschen, die erst am Nachmittag aktiv werden.
Mit Alkohol nimmt man doppelt zu
Alkohol beeinflusst das Gleichgewicht zwischen Hunger- und Sättigungsgefühl: Er reduziert unter anderem die Bildung des Sättigungshormons Leptin, das das Hungergefühl hemmt. In der Folge nehmen das Sättigungsgefühl ab und der Appetit zu. Alkohol greift aber auch direkt in der Hungerregulation im Gehirn an. Im Hypothalamus – so wird ein Teil des Gehirns genannt, das unter anderem eine zentrale Rolle bei der Appetitregulation spielt – wirkt Alkohol ähnlich wie diejenigen Hormone, die den Appetit steigern. Das ist doppelt problematisch: Alkohol selbst enthält nämlich enorm viele Kalorien. Eigentlich müsste der Regelkreis des Körpers deshalb nach der Zufuhr von Alkohol sagen, dass der Appetit gesenkt werden kann, weil ja eine Menge Energie reingekommen ist. Aber Alkohol bringt beides: Appetit und Energie. Man isst also unter Alkohol nicht nur mehr, man nimmt zusätzlich auch noch die Kalorien des Alkohols zu sich.
Individuelle Esstypen und Differenzen beim Abnehmen
Ergründen Sie Ihre Essverhaltensmuster. Sind Sie ein impulsiver Esser, essen Sie zu grosse Portionen, sind Sie ein Snacker oder eher ein Frustesser? Es hilft, Gegensteuer zu geben. Wer zum Beispiel aus Frust isst, bekommt Appetit, wenn es emotional schwierig wird. Er muss lernen, innezuhalten und sich zu fragen: Habe ich jetzt wirklich Hunger? Was fühle ich im Moment? Was habe ich davon, wenn ich jetzt esse? Was ausser essen würde mir sonst noch guttun?
Was soll der Vielesser speziell tun?
Hunger und Sättigung sind zwei Körpersignale, die er wieder erlernen muss. Dieses Training ist auch als «achtsames Essen» bekannt. Wichtig dabei ist, sich Zeit zu nehmen und bei den Mahlzeiten eine gute Atmosphäre zu schaffen. Und dann muss man Schritt für Schritt üben, sich nicht zu überessen und sich trotzdem immer wieder mal etwas Feines zu gönnen.
Was hilft dem Snacker?
Er nimmt oft unbefriedigende oder zu unregelmässige Hauptmahlzeiten zu sich – zum Beispiel «bloss» ein Sandwich zum Zmittag – und isst dafür häufig Zwischenmahlzeiten wie Süssigkeiten, Käse, Wurst. Wichtig ist in so einem Fall, mindestens vier Stunden Pause einzuhalten bis zur nächsten Hauptmahlzeit. Und diese dann ohne Ablenkung durch TV oder Computer zu geniessen. Zudem die ideale Reihenfolge in der Mahlzeit einhalten: 1. zuerst die Ballaststoffe (Gemüse, Vollkorn), dann 2. die Proteine (Käse, Hülsenfrüchte, Fisch, Ei) und erst zum Schluss 3.) die Stärke (Brot, Pasta) und den Zucker (Dessert).
Welches Essmuster ist am schwierigsten zu verändern?
Das impulsive. Diese Menschen greifen gern zu, wenn sich eine gute Gelegenheit bietet – und das ist praktisch überall der Fall. Wir sind ja heutzutage umgeben von Leckereien. Die Kunst ist, ab und zu bewusst nichts zu nehmen und «Nein» zu sagen. Also zum Beispiel in eine Bäckerei zu gehen und eben keinen Berliner zu kaufen.
Der Impulsive Esser sollte auch die Strategie „Sei allein mit einem Gemüse“ üben. Diese geht folgendermassen: Beseitigen Sie alle Hindernisse zwischen sich und den gesunden Sachen. Wenn Sie hungrig sind, legen Sie sich nur das Gemüse auf den Teller – ohne Konkurrenz. Zumindest erst mal. Das funktioniert auch bei Kindern sehr gut. Dies wurde in Studien getestet.
Sind die beschriebenen Typen in der Praxis klar voneinander zu trennen?
Nein, meist zeigen sich mehrere Essverhaltensmuster in einer Mischform und dies übrigens auch bei Normalgewichtigen.
Was können Familie und Freunde beitragen?
Die langfristige Gewichtsreduktion ist extrem schwierig. Lassen Sie den Betroffenen nicht allein in der Situation. Weisen Sie ihm keine Schuld zu und bestürmen Sie ihn nicht, sondern fragen Sie besser: «Was wünschst du dir von uns? Was können wir tun? Was würde dich unterstützen?»
«Man muss sich beim Abnehmen ziemlich stark anstrengen für einen minimalen Erfolg» (Jsabella Zädow-Oberholzer in Sonntagszeitung, 24.02.2019)
Realistische Ziele
Welche Gewichtsreduktion-Ziele sind realistisch und vernünftig?
Dauer
Gewicht
Bauchumfang
kurzfristig
1-2 kg / Monat
0.5-1 cm / Monat
mittelfristig
10% des Ausgangsgewichtes
5% nach 6 Wochen
langfristig
10% Gewicht (selten 20%)
unter 88 cm für Frauen unter 102 cm für Männer
Für die Gewichtsreduktion ist es entscheidend, ein Energiedefizit zu erreichen. Zu beachten ist jedoch, dass wie oder warum ein Mensch an Gewicht zunimmt, viel komplizierter ist und hängt eindeutig nicht nur von der Kalorienaufnahme und vom Verbrauch ab (siehe Studie). Viel wichtiger ist eine dauerhafte Verhaltensänderung (Regelmässiger alltäglicher Bewegungsmix & z.B. keine Zwischenmahlzeiten mehr – KH nur zum Schluss einer Mahlzeit – mindestens halber Teller = Pflanzen, etc…).
Weniger essen oder mehr bewegen?
Vorausgeschickt folgender Gedanke zur Anregung: WENIGER essen kann auf Ihre Psyche schlagen… aber: MEHR bewegen verbessert Ihren psychischen Zustand eindeutig. Bewegung fördert noch mehr:
Es steigert die Hirnaktivität vor allem im Frontalhirn, was die richtige Nahrungsauswahl erst möglich macht. Dazu ist das Stirnhirn nämlich da: Der präfrontale Kortex reguliert die kognitiven Prozesse, so dass situationsgerechte Handlungen erst ausgeführt werden können. In unserem Fall fördert es ein angepasstes Essverhalten!
Jogging/Sport eher morgens, da mehr Bauchfettabbbau (Studienstand 2023).
Bewegung muntert auf und verbessert allgemein Ihre Gesundheit – jedoch nimmt man mit Sport eher enttäuschend wenig ab:
Jedoch: Riesen-Mythos, der grösstenteils falsch ist: Mit viel Sport nimmt man ab
Der Evolutionsanthropologe Herman Pontzer von der Duke University in Durham (USA) brachte diesen hartnäckigen Mythos mit seiner super-soliden Forschungsarbeit heftig ins Wanken. Dafür reiste er seit 2010 mehrmals nach Tansania und besuchte dort die naturnah lebende Gemeinschaft der Hadza. Diese Volksgruppe ist eine der letzten Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften weltweit. Die Männer gehen mit Pfeil und Bogen auf die Jagd und legen dabei täglich rund 14 Kilometer zurück; die Frauen sammeln Beeren und graben Wurzeln aus und laufen dabei rund 8 Kilometer pro Tag. Ein wahrlich anstrengendes Leben. Und doch verbrauchen die Hadza kaum mehr Energie als Menschen in industrialisierten Ländern, die sich wenig oder zumindest viel weniger als die Hadza bewegen. Bei ihren Berechnungen korrigierten die Forschenden das geringe Körpergewicht der Hadza und berücksichtigten nur die Muskelmasse. Die Studie veröffentlichten Pontzer und sein Team 2012 im Fachblatt «Plos One». Wie kann das sein? Wenn also alle Menschen im Durchschnitt etwa gleich viele Kalorien verbrauchen, egal, wie sie leben, heisst das auch, dass körperlich aktive Menschen dafür bei anderen Aufgaben Energie sparen. Pontzer vermutet, dass einerseits das Immunsystem weniger Kalorien verbraucht – mit dem positiven Effekt, dass so Entzündungen im Körper eingedämmt und zudem Stressreaktionen gedämpft werden. Für diese These spricht, dass bei den Hadza Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Übergewicht nicht vorkommen – bei all diesen Krankheiten spielen auch Entzündungen eine Rolle. Das alles experimentell zu beweisen, sei allerdings sehr schwierig, sagt Pontzer. Die ETH-Forscherin Katrien De Bock hat eine alternative Erklärung. Es könnte sein, sagt sie, dass das Immunsystem bei starken körperlichen Aktivitäten eine andere Energiequelle anzapfe. Statt – wenig effizient – den Zucker (Glukose) als Brennstoff zu nutzen, setze das Immunsystem auf eine effizientere Fett-Verstoffwechselung. Auch für diese These gibt es bislang keine Belege.
Mit Sport allein kann man Gewicht verlieren, ist also weitgehend falsch!
Viele Studien haben gezeigt, dass Sport treiben kaum einen Einfluss hat auf eine Gewichtsabnahme. «Die Idee, dass man mit Sport Gewicht verliert, wird überverkauft», sagt Pontzer. Dafür gebe es kaum Evidenz. Um Gewicht loszuwerden, müsse man vor allem die Ernährung anpassen. Immerhin: Sport kann durchaus helfen, nach einer Diät das Gewicht zu halten. Trotz des geringen Einflusses auf die Gewichtsabnahme: Sport treiben ist sehr wichtig für die Gesundheit. Das hat man auch bei der Covid-Pandemie gesehen. Sportlich aktive Menschen hatten bei einer Corona-Infektion eine bessere Prognose gehabt. Sie hatten ein kleineres Risiko, schwer an Covid zu erkranken, hospitalisiert werden zu müssen oder an Covid zu sterben.
Pontzer bringt es auf den Punkt: «Sportliche Aktivität verhindert, dass man krank wird, aber das beste Mittel zur Gewichtskontrolle ist die Ernährung.» De Bock ergänzt: «Am besten ist es, Ernährung und Sport zu kombinieren.» (zitiert aus dem Tagesanzeiger vom 18. Februar 2023)
Zudem eine Warnung vor Fitnesstracker/Schrittzähler
Eine der grössten kontrollierten Studien über Tracker-Technologien wurde 2016 von der Universität Pittsburgh veröffentlicht. Sie ergab, dass Erwachsene, die eine Diät machten und 18 Monate lang einen Aktivitätsmonitor trugen weniger – ja, weniger! – Gewicht verloren als diejenigen, die dies nicht taten. Die Menschen, die die Geräte trugen, bewegten sich im Allgemeinen auch weniger. Ein Erklärungsansatz: Allein die Tatsache, dass man seine Aktivität misst, könnte verändern, wie man sein Aktivsein erlebt (weil man zum Beispiel beim Spazierengehen ständig auf seinen Schrittzähler guckt). Das ergab eine andere Studie von Jordan Etkin von der Duke University aus dem Jahr 2016. Durch das Messen fühle die Aktivität sich eher „wie Arbeit“ an, das sei demotivierend (www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5480209/)
Regelmässiges Kurzfasten (auch Intervall- oder Intermittierendes Fasten genannt) ist zum Abnehmen nicht besser, aber auch nicht schlechter als die normale Reduktionsdiät
In der letzten Zeit erlebt das Fasten, insbesondere das Kurzfasten – d.h. nur 16 bis maximal 72 Stunden lang nichts Festes essen und nur kalorienfreie Getränke trinken – selbst in der eher konservativen „Schulmedizin“ ein eigentliches Revival. Mit dieser Kürze der Fastenzeit vermeidet man viele unangenehme Nebenwirkungen des längeren Nichts-Essens, wie die Übersäuerung der Gelenke (mit Gichtanfällen als Extrem) oder die Verstopfung und auch den nachträglichen Jo-Jo-Effekt. Das tageweise Kurzfasten ist – wie in meiner Hausarztpraxis x-fach erprobt – recht einfach realisierbar und meist sozial verträglich. Nehmen Sie dazu immer den Tag der Woche, an dem Sie meist am wenigsten soziale Ereignisse haben.
Regelmässig, d.h. zum Beispiel einmal wöchentlich angewendet, nennt man dies auch Intervall- oder Intermittierendes Fasten. Natürlich wäre dieses Intervallfasten auch zweimal wöchentlich je 24 Stunden möglich, aber härter anzuwenden (sogenanntes 5:2-Fasten). Man kann natürlich auch eine gemilderte Form einflechten: als Früchtetag (nur ganze Früchte und keine Säfte! Unser Körper kann mit Fruchtsäften alleine nichts anfangen…). Intermittierendes Fasten ist auch täglich möglich- oder „in der Mehrheit aller Tage“, indem man 16 Stunden „Nachtfastenzeit“ hat und in den bleibenden 8 Stunden maximal 3mal isst (sog. „16:8-Fasten“ oder auch „Dinner Cancelling“ beim Weglassen des Abendessens oder eben „Breakfast Cancelling“) Mehr dazu hier >>> www.dr-walser.ch/dinner_cancelling/
Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettler essen (KKB) hat gewisse Vorteile. Man kann damit beeinflussen, wo man abnimmt – und auch zunimmt. Heute weiss man, dass wir mehr Bauchfett einlagern, wenn wir abends mehr essen. Das ist deshalb problematisch, weil dort das viszerale Fett sitzt, das am Entzündungsgeschehen im Körper beteiligt ist. Mit KKB nimmt man also mehr am Bauch ab.
Abnehmen beginnt im Kopf und in der Seele: Geniessen nicht vergessen
Jeder weiss aus eigener Erfahrung, wie hochemotional das Essen besetzt ist. Gefühle wie Angst, Frustration, Stress oder Trauer „frisst“ man buchstäblich „in sich hinein“, der Schokoriegel spendet Trost, vor dem übervollen Kühlschrank wird die innere Leere „gestopft“. Jede zweite übergewichtige Person hat auch schwerwiegende psychische Beschwerden. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen oder zwanghaftes Verhalten. Die Ursachen dieser psychischen Symptome sind nicht eindeutig auszumachen. Ist es die psychische Disposition, aufgrund derer jemand kompensatorisch zu essen beginnt? Oder die Esssucht, die psychologische Folgen hat?
Falls ein Mensch den Ganzkörperspiegel im Bad entfernt, weil „es mir schlecht wird, wenn ich mich sehe“. Falls jemand seit Jahren nicht mehr im Schwimmbad war und den Kontakt mit jedem gegengeschlechtlichen Wesen panisch meidet – dann geht es therapeutisch nicht in erster Linie darum, Kindheitstraumata aufzuarbeiten. Mit dem Hausarzt oder der Psychologin befragt man viel besser den Ist-Zustand. Man hält fest, wo unauflösbare Widersprüche bestehen: Warum gibt es diese Kluft zwischen Wille und Verhalten? Was widersetzt sich einer Veränderung? Das Ziel ist, die Spaltung zwischen „ich will“ und „ich kann nicht“ aufzuheben. Es wäre gut, bewusst zu registrieren, wann jemand viel isst. Nach einer Kränkung? Aus Langeweile vor dem Fernseher?
Bedürfnisse bestimmen unser Leben. Was bestimmt, welchem Bedürfnis ich nachgebe oder widerstehe? Eine grosse Studie der University of Chicago ergab, dass verschiedene Bedürfnisse zu bestimmten Zeiten stärker oder schwächer ausgeprägt waren. Beispielsweise sehnten sich die Teilnehmer vor allem Montagmorgens nach einem Kaffee und Samstagabends nach Alkohol (und der Wunsch, Geld auszugeben, war samstags am grössten). Ausserdem stellte sich heraus, dass Menschen, die vormittags einige Bedürfnisse unterdrückt hatten, infolge davon nicht mehr genug Energie aufbrachten, um im Verlauf des restlichen Tages weiteren Bedürfnissen zu widerstehen. Wer also am Nachmittag oder Abend standhaft bleiben will, ist nach Möglichkeit vormittags weniger streng mit sich: Also ein klares Argument für ein reichhaltiges Morgenessen! (Wilhelm Hofmann et al.: What people desire, feel conflicted about, and try to resist in everyday life. Psychological Science, 23, 6/2012, 582-588) Es wurde sogar gezeigt, dass ein Stück Schokoladenkuchen (oder was man sonst sehr gern mag) zum Frühstück zu besseren Abnehmen (mehr und andauernd) führt, als bereits schon ein genussfeindliches Frühstück! (Steroids, 77 (2012) 323-331) Literatur dazu: Ein interessantes Achtsamkeitstraining, das sehr gut zu Verhaltensänderungen beim Essen helfen kann, findet man in „Die Minus-1 Diät“ von Ronald Schweppe und Aljoscha Schwarz (Südwest-Verlag, ISBN 978-3-517-08655-2).
Sich abgrenzen lernen
Ein zentrales Thema sind Grenzen. Übergewichtige, die im Körperlichen Grenzen sprengen, an deren dickem Panzer scheinbar alles abprallt, haben oft Mühe, sich von der Umwelt abzugrenzen. Sie können sich weniger gut durchsetzen, getrauen sich nicht, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren, nehmen sie schon gar nicht wahr. Sie werden leichter ausgenutzt. Die täglichen Demütigungen hinterlassen wiederum Spuren. Übergewichtige werden gerne für Funktionen missbraucht, für die sie überqualifiziert sind. Sie sind etwa Mädchen für alles im Grossraumbüro. Gemütlich und mütterlich. Sie werden über die emotionale Seite und nicht über die Leistung definiert. Therapeutisch übt man also, sich zu wehren, die Selbstachtung und den Selbstwert zu stärken, Grenzen zu setzen. Der Hunger verändert sich, wenn sich die Sozialkompetenz verbessert. Es ist gut, wenn Betroffene lernen, zu ihren negativen Gefühlen wie Wut und Schmerz zu stehen, die buchstäblich unter viel Fett und Kilos verborgen liegen, statt sie hinunterzuschlucken. Indem sie Nein sagen lernen und „Ich…“, können sie aus der Opferrolle herausfinden.
Fleischkonsum/Vegetarismus und Abnehmen
Im Jahr 2020 erschien eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, in der etwa 9000 einigermassen repräsentative Leipziger untersucht wurden. Je mehr Fleisch die Menschen assen, umso dicker waren sie! Wer Fleisch ganz weglässt, kann seinen BMI um 1,5 Punkte senken. Das Ergebnis blieb auch bestehen, als die Faktoren Bildung und Alter (die beide stark mit dem BMI zusammenhängen) aus den Daten herausgerechnet wurden. Wieso sind Fleischesser dicker? Die Leipziger Forscher betonen, dass ihre Daten nur eine Korrelation wiedergeben und keine Kausalität. Sie haben aber Vermutungen über die Ursachen: Fleischprodukte haben generell eine hohe Kaloriendichte, ausserdem werden sie oft in verarbeiteter Form konsumiert. Schliesslich zeigte sich auch, dass sich das Mikrobiom der Menschen zwischen den 1980er Jahren und heute stark verändert hat. Es ist allgemein bekannt, dass einige Arten von Darmbakterien eine Person anfälliger für Gewichtszunahme und Fettleibigkeit machen. Wir essen heute mehr Fleisch als noch vor einigen Jahrzehnten, und viele tierische Produkte werden mit Hormonen und Antibiotika behandelt, um das Wachstum zu fördern. Das viele Fleisch kann die Darmbakterien auf eine Art und Weise verändern, die auf den ersten Blick unauffällig ist, sich aber mit der Zeit summiert. Natürlich kann es generell auch damit zu tun haben, dass Vegetarierinnen und Vegetarier generell mehr auf eine gesunde Ernährung achten, was sich dann auch aufs Gewicht auswirkt.
Weisse und braune Fettzellen
Es gibt zwei Arten von Fettzellen: „gute“ braune und „böse“ weisse. Das weisse Fett (vor allem im Bauch drin, um die inneren Organe) ist ein Energiedepot für Zeiten des Hungers und für Zeiten intensiver Bewegung. Das braune Fett sitzt beim Erwachsenen oberhalb der Schlüsselbeine, entlang der Wirbelsäule und um die Nieren herum, aber auch zwischen den weissen Fettzellen (insgesamt nur etwa 100 Gramm). Braune Fettzellen sind winzige Hochleistungsöfen, die nichts anderes machen als Zucker und Lipide aus dem Blut zu filtern und in Wärme umzuwandeln. Dünne Menschen – so eine neue wissenschaftliche Vermutung – besitzen besonders viel braunes Fett und heizen sich mit seiner Hilfe buchstäblich schlank. Dicke Menschen hingegen besitzen fast keines von ihm. Das heisst, statt in Abwärme verwandeln sie ihre überschüssigen Kalorien in Speck. Ursprünglich hatten Forscher das Gewebe bei Babys entdeckt. Ihr kleiner Körper nutzt die braunen Fettzellen, um Wärme zu produzieren. Immer wenn es den Kleinen fröstelt, werfen sie ihre körpereigenen Mini-Heizwerke an. Braune Fettzellen speichern mithin nicht nur Fett, sondern verbrauchen es. Das tun die Zellen auch mit dem Fett der weissen Zellen. Es wäre also fürs Abnehmen sehr förderlich, wenn weisses Fettgewebe in braunes verwandelt werden könnte. Dies gelingt mit dem natürlichen Stimulus Kälte! Bei Normaltemperatur zeigt sich keine Aktivität des braunen Fetts. Doch bereits zwei Stunden in einem Raum bei 16 Grad genügen, und schon laufen braune Fettzellen auf Hochtouren. In Studien zeigen Menschen auch bereits nach einer Woche nach 15minütigen Kälteschocks täglich eine erhöhte Wärmeproduktion. Vernünftige Schlussfolgerung: Etwas kühlere Raumtemperatur verstärkt die Abnehm-Wirkung der braunen Fettzellen! Hundert Gramm zusätzliches braunes Fett verbrennt an einem Tag so viel Energie wie ein intensives, einstündiges Fitnesstraining. Auf ein Jahr hinaus könnte man so vierzig Kilogramm abnehmen – ganz ohne Diätplan oder Sport.
Kaffee ist ein gutes Hilfsmittel zum Abnehmen
Schwarzer Kaffee hat praktisch keine Kalorien (ca. 2 kcal/Tasse).
Kaffee zügelt den Appetit, besonders wenn er vor den Mahlzeiten getrunken wird.
Koffein macht uns nicht nur wach und munter: Die psychoaktive Substanz regt auch die Fettverbrennung (Lipolyse) an, wie mehrere Studien nachweisen konnten. Ein Effekt, der sich in Kombination mit Bewegung allerdings noch erheblich steigern lässt. Ich empfehle den Menschen, die abnehmen wollen, ab und zu ein «Nüchterntraining» einzulegen: Morgens, statt zu frühstücken, schwarzen Kaffee zu trinken und dann ein lockeres Spazieren von nur 30 Minuten. Mässig, regelmässig ist auch hier das Effektivste.
Essentielles Eiweiss
Eiweisse sättigen enorm – und sie heizen uns zudem auf.
In jeder Mahlzeit – auch, falls eine Zwischenmahlzeit nötig wird – sollten immer auch Eiweisse gegessen werden. Aber wenig bis kein Fleisch. Also Abschied von handgestrickten Ernährungsempfehlungen, z.B. „zum Znüni ein Apfel“. Die Nahrungsmittel-Pyramide behält (selbst für Zwischenmahlzeit) ihre Gültigkeit. Zudem ist zu beachten, dass die Proteine eine sehr hohe Thermogenese aufweisen, d.h. es gehen ein Drittel der Gesamtenergie bei der Verdauung als Wärme verloren (bei Fett nur 2 bis 3% und bei Kohlenhydraten 7%). Proteine heizen also richtig ein!
Eine Kalorie ist also nicht eine Kalorie! Man nimmt durch eine Kalorie Proteine nicht gleich viel zu wie durch eine Kalorie Zucker oder noch weniger als durch eine Kalorie Fett!
Wann sind Sie mit Übergewicht gefährdet, ein metabolisches Syndrom, resp. einen Diabetes zu entwickeln?
Lassen Sie bei Ihrem Hausarzt einen Glukosetoleranztest (wikipedia.org/wiki/OGTT) durchführen. Falls dabei als Ergebnis eine normale Insulinsensitivität herauskommt, können Sie vorerst beruhigt sein (gutartige Adipositas) – aber bei bestehender Insulinresistenz ist Bewegung und Abnehmen lebensnotwendig! (Arch Intern Med 168(15):1609-1616, 2008 – Identification and Characterization of Metabolically Benign Obesity in Humans, Norbert Stefan et al.)
In einer 15jährigen Beobachtungsstudie (Donald M.Lloyd-Jones et al., Circulation 2007;115:1004-1011) mit 2700 Männern und Frauen wurde eindeutig gefunden, dass ein stabiles Körpergewicht (BMI) unabhängig vom Ausgangswert langfristig das Risiko für ein Metabolisches Syndrom senken kann.
Künstliche Süssstoffe?
Eine neue Untersuchung zeigt, dass künstliche Süsse den Kalorienverzicht erschweren kann. Erschienen ist die Studie eines US-Forschungsteams in der Fachzeitschrift «Nature Metabolism». Die Forscherinnen haben untersucht, wie der künstliche Süssstoff Sucralose auf das menschliche Gehirn wirkt. Man findet die künstlichen Süssstoffe in der Zutatenliste eines Produkts manchmal auch abgekürzt, E 955 steht für Sucralose. Enthalten ist Sucralose beispielsweise in verschiedenen zuckerfreien Süssgetränken und Kaugummis.
Nachdem die Testpersonen das mit Sucralose gesüsste Getränk zu sich genommen hatten, stellten die Forscherinnen ausgerechnet in jener Region des Gehirns verstärkte Aktivität und Durchblutung fest, die für die Regelung der Hungergefühle zuständig ist. Die Probanden hatten grösseren Appetit, als wenn sie Wasser tranken oder das gezuckerte Getränk. Das bestätigte auch die Befragung, alle fühlten sich nach der Sucralose am hungrigsten.
Im Gegensatz zu Zucker löst Sucralose nicht die Ausschüttung der Hormone Insulin und GLP-1 aus, die dem Gehirn signalisieren, dass jemand gegessen hat. Das verwirrt das Gehirn vermutlich und sorgt für eine Fehlanpassung, weil der Körper einerseits den süssen Geschmack wahrnimmt, gleichzeitig aber keine Sättigungssignale bekommt. Das wiederum kann mit der Zeit dazu führen, dass man sich verstärkt nach süssen Lebensmitteln sehnt.
Zudem entstehen beim Erhitzen von Produkten mit Sucralose Verbindungen, «die möglicherweise krebserregend» sind. WHO stuft auch Aspartam als möglicherweise krebserregend ein.
Schlafhygiene
Der Tagesrhythmus und die Tageseinteilung, insbesondere der Schlaf, können ein Schlüssel für das Management von Übergewicht und Adipositas sein. Übermüdung führt nämlich zu einer Dysfunktion des Frontalhirns und dadurch zu unkontrolliertem Essverhalten, zu langer Schlaf zu Bewegungsmangel. Bei grösseren Kollektiven zeigt sich das idealste Gewicht bei einem täglichen Schlaf zwischen 7 und 8 Stunden. Schlafmangel erhöht das Ghrelin und erniedrigt das Leptin, was zu mehr Hunger führt. Es wurde von Paolo Suter (Thieme: Checkliste Ernährung) durch die Regelung der Schlafhygiene allein bei einzelnen Patienten schon eine Gewichtsreduktion von 10 Kilogramm erreicht! Sorgen Sie deshalb unbedingt für genügend Schlaf! >>> www.dr-walser.ch/schlaf/! Auch „Sozialer Jetlag“ führt zu Übergewicht: Wer am Wochenende einen völlig anderen Schlafrhythmus hat als unter der Woche, ist eher übergewichtig oder gar fettleibig. Und je grösser dieser „Soziale Jetlag“ ist, desto grösser ist auch das Übergewichtsrisiko, berichten deutsche Forscher im Fachblatt „Current Biology“. Für die Studie analysierten sie die Schlafmuster und den BMI von rund 65’000 Menschen (Social Jetlag and Obesity, Till Roenneberg et al, Current Biology – 10 May 2012)
Licht und Nahrung synchron
Ein regelmässiger Tagesablauf mit gut eingeplanten Esszeiten ist sehr wichtig. Licht und Nahrung sind die wichtigsten Taktgeber für den Menschen. Sie sind am besten synchron. Das heisst man nimmt nach Möglichkeit eine Hauptmahlzeit und eine bis zwei kleinere Mahlzeiten pro Tag zu sich. Nach Möglichkeit isst man nur bei Tageslicht, da mit Eintreten der Dunkelheit unser Stoffwechsel sich grundlegend umstellt und Fett und auch Kohlenhydrate viel langsamer abgebaut werden (siehe weiter oben).
Vielleicht kann zwei- bis dreimal in der Woche ein „Dinner Cancelling“ eingebaut werden (Weiterlesen >>>).
Glykämischer Index
Für die Ernährung im Alltag hat sich eine Liste der Lebensmittel bewährt, die das Insulin nicht so hoch treiben. Dazu gehören Tomaten und andere Gemüse genauso wie schwarze Schokolade (siehe hier >>>!)
Stresshunger
Verzichten Sie nicht auf zu viel. Wenn der psychische Druck zu gross wird, hört man zu früh mit den guten Vorsätzen wieder auf. Langsam aber kontinuierlich abnehmen.
Essen Sie langsam! Das Hungergefühl verschwindet erst 20 bis 30 Minuten nach Beginn der Mahlzeit. Darum Pausen beim Essen einlegen; Gabel nach jedem zweiten Happen weglegen und langsam kauen.
Weitere Tricks:
Ein Glas Wasser täuscht den Magen. Wenn Sie zehn Minuten vor dem Essen Wasser trinken, wird der Magen schon vorgefüllt. So nehmen Sie bei der Hauptmahlzeit automatisch weniger Kalorien zu sich. Noch besser wirkt Grüntee. Im Tierversuch an Mäusen reduziert das Polyphenol aus grünem Tee die Körperfettzunahme.Nehmen Sie Grüntee medizinisch optimal ein: >>> Anleitung hier. Und immer zuerst etwas Ballaststoffe essen: Gemüse, Vollkorn, Nüsse.
Einkaufen mit vollem Magen. So kaufen Sie weniger. Betätigen Sie sich nicht als Müllschlucker. Esswaren, die sonst schlecht werden, müssen Sie nicht in Ihrem Magen entsorgen. Kaufen Sie von vornherein weniger ein.
Wir essen den Teller leer und futtern, bis keine Nuss mehr in der Packung ist. Der Grund: Unser Massstab ist die Portion, nicht unser Hunger! Unser Essverhalten wird in hohem Masse von der Essportion bestimmt – unabhängig von Grösse und ihrem Kaloriengehalt. Welche Portionengrösse dabei als richtig empfunden wird, hängt von der jeweiligen Kultur ab: Während beispielsweise ein Joghurtbecher in Frankreichs Supermärkten durchschnittlich 125 Gramm enthält, sind es in der Schweiz 180 und in den USA bereits 227 Gramm. Praktische Konsequenz: Immer nur die Portion auf den Tisch und in den Teller, die man wirklich essen will (ev. kleiner Teller)! Oder: 20 bis 30% am Schluss im Teller zurücklassen.
Der „Hosentrick“: Ziehen Sie immer die gleichen Anzüge an wie damals, als Sie noch Ihr Wunschgewicht hatten. Wenn es dann plötzlich eng wird und Sie die Hosen kaum mehr zu kriegen, heisst es handeln!
Essen Sie viele Früchte aber die richtigen: Erdbeeren, Himbeeren und Wassermelonen enthalten fast keinen Zucker. Bananen und Büchsenfrüchte sind dagegen Kalorienbomben. Und… trinken Sie keine Fruchtsäfte, mit denen der menschliche Körper nicht umgehen kann (ein viel zu schneller Zuckeranstieg und massive Insulinausschüttung mit späterer überschiessender Gegenreaktion…). Während der Mahlzeiten kommen deshalb Stärke und Zucker zum Schluss als Dessert.
Meiden Sie Fruktose-Süssungsmittel! In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem drastischen Anstieg des Konsums von freier Fruktose (welche etwa 1,6mal süsser ist als Glukose oder Saccharose), da das billigere Süssmittel „high fructose corn syrup“ (HFCS) in vielen unseren Getränken, Backwaren und anderen süssen Lebensmitteln beigefügt wurde. Daten aus den USA zeigen eine parallele Entwicklung zwischen der rasanten Zunahme von Übergewicht und den Zusätzen an freier Fruktose. Im Gegensatz zur Glucose wird die Fructose insulinunabhängig verstoffwechselt. Da Insulin indirekt einen Anteil an der Erzeugung des Sättigungsgefühls hat und zudem Fructose in höheren Mengen die Fettsynthese fördert, kann durch den starken Einsatz von HFCS als Süssstoff leicht Übergewicht entstehen. Patienten mit Gewichtsproblemen wird zuallererst vom Konsum von mit HCFS oder Saccharose gesüssten Getränken abgeraten. In der Schweiz gibt es aber bisher keine Deklarationspflicht für die Mengen einzelner zugesetzter Zuckerarten wie Fruktose, Saccharose, Maltose usw.! Neuere Studien zeigen aber, dass ein moderater Fructose-Konsum (<1–1,5 g/kg/d) bei ausgeglichener Ernährung sicher zu sein scheint. Ein übermässiger Zuckerkonsum hingegen ist schädlich, und dies unabhängig von der Zuckerart. .
Der TV-/Internet-Konsum und der Bauchumfang verhalten sich proportional: Je mehr Internet und Fernsehen, je grösser der Bauch!
(Copyright beim Cartoonisten/Illustrator)
Diät machen? Nein
Abnehmen ist leichter, als nach einer Abmagerungskur sein neues Gewicht zu halten. Jegliche Art von Diäten zeitigt in den ersten Monaten einen „Erfolg“ von durchschnittlich 10 Kilogramm weniger! Aber auch jede dieser Diäten kippt nach etwa einem Jahr in den sogenannten Jo-Jo-Effekt und man nimmt wieder unweigerlich zu! Oft wird der fehlende Wille zur Beibehaltung einer Diät für diesen Effekt verantwortlich gemacht. In einer sehr genauen und grossen Studie (Sumithran P, et al.: Long-term persistence of hormonal adaptations to weight loss. New Engl J.Med. 2011;365(17):1597-1604) konnte nun bewiesen werden, das dies nicht stimmt: Es ist nicht der Wille, es sind hormonelle Veränderungen die für den erneuten Gewichtsanstieg mitverantwortlich zeichnen. Die gegenregulatorische Auslenkung der Hormone, welche für eine höhere Energieaufnahme beziehungsweise verringerten Energieverlust verantwortlich ist (Leptin, Peptid YY, CCK, Insulin, Amylin, Ghrelin, GIP, PP), bleibt über mindestens zwölf Monate hinweg erhalten und zwar auch dann, wenn das ursprünglich vorhandene Körpergewicht fast wieder erreicht ist. Es ist also ein langer Kampf des Willens gegen die eigenen Hormone, den man meist verliert – und der gegenregulatorisch sogar dann über das Ziel hinausschiesst: Man ist also zum Schluss also noch schwerer als zu Beginn der Diät!
Schlussfolgerung: KEINE DIÄT – NUR HALTUNGSVERÄNDERUNGEN!
Wundermittel zum Abnehmen gibt es nicht. Mit ein bisschen Motivation und den richtigen Tipps lässt sich aber der Bauch überlisten und Kilos abbauen – mit langfristigem Erfolg. „Diät“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Lebensweise“, kurzfristige Hungerkuren sind also nicht die Idee. Deshalb gehört die Unterstützung, das Empowerment schon immer zum Kerngeschäft des Hausarztes. Wichtig ist auch vor allem die Praktikabilität. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob sie sich Atkins, Ornish, Weight Watchers, Zone Diät oder sonst irgendwie nennt. Wer sich genau an die Vorschriften hält, wird am ehesten Erfolge sehen. Wichtig ist bei der Auswahl der „Diät“ für die ÄrztIn/ErnährungsberaterIn, diese mit dem Patienten zu besprechen und auf seine individuellen Wünsche einzugehen. Und am Wichtigsten ist dann die „Treue des Klienten“ – ich schlage jeweils in meiner Hausarzt-Sprechstunde einen Zeitraum von einem Jahr mit monatlichen Sitzungen vor. Die neue Lebensweise wird zuerst geübt und kann dann „ewig“ beibehalten werden. Dazu: In einer grossangelegten Studie (Yancy WS, et al. A low carbohydrate, ketogenic diet versus a low-fat diet to treat obesity and hyperlipidemia. Ann Intern Med 2004;140:769-77) wurden übergewichtige, hyperlipidämische (mit zu hohen Blutfetten) Freiwillige per Training und Gruppenmeetings mit einer „low carbohydrate“ (wenig Kohlenhydrate) und andere mit „low-fat“ (wenig Fette) behandelt: nach 24 Wochen hatte die KH-arme-Diät die Nase vorn (grösserer Gewichtsverlust und weniger Blutfette, resp. Anstieg des HDL). Aber: nach einem Jahr waren die beiden Gruppen wieder gleichauf!
Oder diese Studie: Gibt es Unterschiede zwischen den Kalorienreduktions-Diäten mit unterschiedlichen Nährstoffzusammensetzungen? Die US-Forscher dieser Studie wiesen 811 übergewichtige Erwachsene zufällig einer von vier verschiedenen Diäten zur Gewichtsabnahme zu. Die verschiedenen Energieanteile von Fett, Eiweiss und Kohlenhydrate in diesen Diäten waren 20-15-65%, 20-25-55%, 40-15-45% und 40-25-35%. Die Ernährung bestand aus ähnlichen Lebensmitteln und fand sich in Guidelines für Herz-Kreislauf-Gesundheit. Den Teilnehmern wurden Gruppen- und Einzel-Instruktionssitzungen während 2 Jahre angeboten. Resultat: „In 6 Monaten verloren die Teilnehmer bei jeder Diät im Durchschnitt 6 kg, was 7% des ursprünglichen Gewichts entsprach. Nach 12 Monaten fingen alle wieder an Gewicht zuzulegen. Nach 2 Jahren war der Gewichtsverlust ähnlich bei denen, die eine Diät mit 15% Protein und diejenigen mit 25% Protein (3,0 und 3,6 kg durchschnittlich). Bei denen mit einer Diät mit 20% Fett und die mit einer von 40% Fett (3,3 kg für beide Gruppen), und die mit einer Diät von 65% Kohlenhydrate und die mit 35% Kohlenhydrate (2,9 und 3,4 kg). Unter den 80% der Teilnehmer, die die Studie beendet hatten, war der durchschnittliche Gewichtsverlust 4 kg, und 15% der Teilnehmer hatten eine Reduzierung von mindestens 10% ihres ursprünglichen Körpergewichts. Sättigungsgefühl, Hunger und Zufriedenheit mit der Ernährung, und die Teilnahmefreudigkeit an Gruppensitzungen war für alle Diäten gleich. Die Teilnahme stand in starkem Zusammenhang mit dem Gewichtsverlust (0,2 kg pro Sitzung). Alle Diäten verbesserten die Blutfette und die Blutzuckersituation (Insulinspiegel). „ Die Autoren zogen den Schluss: „Kalorienreduzierte Diäten führen zu klinisch sinnvollem Gewichtsverlust, unabhängig von der Zusammensetzung der Makronährstoffe.“ (N Engl J Med;360(9):859-873, 26 February 2009)
Ozempic®, Wegovy®, Monjouro® u.a. – GLP-1, die Abnehm- oder besser Adipositas-Spritzen
Semaglutid (Ozempic®, Wegovy® – beide von Novo Nordisc), Liraglutid (Saxenda® auch von Novo Nordisc) und Tirzepatid (Monjouro® von Eli Lilly) sind GLP-1-Agonisten oder Glitazone. Sie ahmen das Darmhormon GLP-1 nach. Das senkt den Blutzuckerspiegel nach dem Essen, lässt den Magen sich langsamer entleeren und sendet ans Gehirn das Signal, satt zu sein. Mit Semaglutid nimmt man durchschnittlich 15 und mit Liraglutid 7 Prozent des Körpergewichts ab. Die GLP-1-Rezeptoragonisten waren bisher nur zur Injektion erhältlich. Jetzt ist dieses Antidiabetikum auch in einer oralen Form (Rybelsus®) verfügbar, welches einmal täglich eingenommen werden muss.
Mit Spritzen weniger Lebensfreude
Hier ist etwas, worüber ich mir Gedanken mache. Essen bereitet Freude. Wenn diese Medikamente das Verlangen nach Essen verringern, bedeutet das dann, dass man weniger Freude empfinden kann? Ist das Leben dann „beige“, wie es ein Autor einmal formuliert hat?
Es gibt zwar keine konkreten Beweise dafür, dass diese Medikamente das Vergnügen mindern, aber ich habe das von Menschen gehört, die diese Medikamente einnehmen. Essen ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Viele von uns pflegen ihre Beziehungen zu Freunden und Familie beim Essen, und GLP-1-Präparate können das beeinträchtigen.
Wir haben keine eindeutigen Beweise – es gibt noch keine fundierten Studien. Aber es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass diese Medikamente das Verlangen zügeln, und das kann gut und schlecht sein, oder? Wenn sie schädliche Gelüste wie Glücksspiel und exzessives Einkaufen zügeln, ist das potenziell vorteilhaft. Wenn sie den Sexualtrieb verringern, eher nicht.
Wenn jemand gesund ist, aber trotzdem abnehmen möchte, gibt es dann einen Grund, diese Medikamente nicht einzunehmen?
Diese Medikamente sind wirklich nicht dafür gedacht, um 15 Pfund abzunehmen. Es handelt sich um starke Medikamente, die Sie höchstwahrscheinlich für den Rest Ihres Lebens einnehmen müssen, wenn Sie Ihr Gewicht halten wollen. Sie haben Nebenwirkungen. Sie können teuer sein. Diese Medikamente haben vielen Menschen geholfen, aber sie sind keine leichte Entscheidung.
Effizient, aber Jo-Jo-Gefahr
Aber funktioniert eine nachhaltige Gewichtsreduktion mit einer wöchentlichen Semaglutid-Spritze wirklich? Eine englische Studie, die im pharmakologischen Fachjournal «Diabetes, Obesity and Metabolism» veröffentlicht wurde, stellte bei 232 Probandinnen und Probanden, die während 68 Wochen wöchentlich 2,4 mg Semaglutid injizierten, tatsächlich einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 15 Prozent fest. Zudem erhielten 104 Studienteilnehmende einen Placebo; ihr Gewicht reduzierte sich in der gleichen Zeit um nur 2 Prozent. So weit, so gut?
Das Medikament vermag Appetit und Hungergefühle deutlich zu reduzieren. Sobald man es absetzt, fällt dieser Effekt komplett weg – und bereits ein Jahr nach dem Absetzen der wöchentlichen Spritze hatten die Teilnehmer zwei Drittel ihres früheren Gewichtsverlusts wiedererlangt, schreiben die Forschenden von der University of Liverpool in der Zusammenfassung der Studie. Das bedeutet: Entweder muss man das Medikament ständig weiter einsetzen. Langzeiterfahrungen , gerade mit dem höher dosierten Wegovy®, fehlen allerdings.
Auch Antisuchtmittel bei Rauchen, Alkohol oder Essstörungen?
Es hat sich nun gezeigt, dass Semaglutid & Co neben dem Appetit auch ein Suchtverlangen (gegen Rauchen, Alkohol,…) unterdrückt. Dies passt natürlich zum gehypten Auftritt dieser Medikamente. Die Social-Media-Posts gehen nun mit Erfolgsmeldungen durch die Decke…
Bei Essstörungen: Es bleibt abzuwarten, ob die leichtere Erreichbarkeit von Schlankheit beispielsweise das Auftreten von Essstörungen beeinflusst. Hoffnungen setzt die Forschung momentan auf die stark Appetit zügelnde Wirkung der GLP-1-Analoga, die bei der Behandlung von bestimmten Formen von Essstörungen helfen könnten. Bei der Binge-Eating-Störung essen Menschen während Heisshungerattacken unkontrolliert ungewöhnlich grosse Mengen Lebensmittel. Es stellt sich die Frage, ob sich solche Essanfälle mit Medikamenten wie Ozempic® vermindern oder gar verhindern lassen.
Auch die Bulimie, die Ess-Brech-Sucht, zeichnet sich durch regelmässige Essanfälle aus, verbunden aber mit selbst herbeigeführtem Erbrechen oder dem Missbrauch von Abführmitteln. Sollten sich GLP-1-Analoga tatsächlich als Therapeutikum für bestimmte Essstörungen erweisen, wäre das ein enormer Fortschritt für die psychosomatische Medizin und eine Befreiung für viele Betroffene. Diese Mittel könnten somit nicht nur das Körpergewicht normalisieren, sondern auch das Essverhalten.
Aber Achtung: Dazu braucht es jetzt weitere Untersuchungen. In solcher Euphorie wird immer zuerst übers Ziel hinaus geschossen, weshalb man noch nicht mit gutem Gewissen diese neue Indikationsausweitung als bare Münze nehmen kann. Zudem hatten wir dies schon etliche Male, dass eine Sucht mit Medikamenten behandelt wurde, worauf man darauf regelmässig von diesen neuen Mittel abhängig wurde, deren Langzeit-Nebenwirkungen man noch gar nicht kennt. Dies geschah auch intensiv mit Amphetaminen zum Abnehmen, mit Nikotinersatzpräparate gegen das Rauchen, usw..
Warten wir also die laufenden Studien aus der Forschung ab – und auf mehr Langzeiterfahrung.
GLP-1-AR-Spritzen gegen Herzschwäche
Eine Studie im Fachmagazin «Jama» zeigt, dass die Medikamente Semaglutid (Ozempic®) und Tirzepatid (Mounjaro®) nicht nur beim Abnehmen helfen, sondern auch gegen Herzinsuffizienz wirken. Diese Erkrankung, umgangssprachlich Herzschwäche genannt, ist in wohlhabenden Ländern der häufigste Grund für Krankenhausaufenthalte. Das Herz kann dabei nicht mehr genug Blut ansaugen und in den Kreislauf pumpen. Typische Symptome sind Luftnot in Ruhe und Leistungsschwäche, oft begleitet von weiteren Komplikationen. Hauptursachen der im Alter häufiger auftretenden Krankheit sind die Koronare Herzkrankheit, Herzinfarkte und Bluthochdruck. Starkes Übergewicht und Diabetes erhöhen das Risiko zusätzlich.
Herzinsuffizienz-Risiko um 40 Prozent gesenkt
Die Untersuchung, geleitet von Pharmakologen und Kardiologen der Harvard University sowie des Deutschen Herzzentrums und der Technischen Universität München, umfasste fast 100.000 Patienten mit Diabetes und Herzschwäche, deren Pumpfunktion noch teilweise erhalten war. Die Analyse zeigte, dass Semaglutid und Tirzepatid die Wahrscheinlichkeit für Krankenhausaufenthalte wegen Herzschwäche oder für Todesfälle durch Herzinsuffizienz um über 40 Prozent senken.
Wie genau die Abnehmmedikamente das Herz schützen, ist noch unklar. Sicher ist, dass allein die Gewichtsabnahme die Herzfunktion spürbar entlastet. Möglicherweise hemmen die Substanzen auch Entzündungen, was die Pumpkraft zusätzlich stärkt. Die Studie ist besonders relevant, da Herzinsuffizienz in wohlhabenden Ländern die häufigste Ursache für Hospitalisierungen ist und bisher nur wenige wirksame Therapien existieren.
Kostspielig und fiese Nebenwirkungen
Die neuen «Wundermittel» Ozempic® und Wegovy® scheinen auf den ersten Stich ein einfacher Weg zur Gewichtsabnahme zu sein. Doch nicht alle, die gerne ein paar Pfunde purzeln lassen möchten, bekommen diese Medikamente einfach so.
Eine Behandlung mit Wegovy® kostet im Monat knapp 190 Franken (Schweiz), im Jahr also über 2000 Franken. Eine Monatsdosis Ozempic — für Patienten mit Diabetes Typ 2 — schlägt mit 120 Franken zu Buche. Die Krankenkassen übernehmen diese Kosten, allerdings nur mit Einschränkungen: Sie zahlen erst ab einem BMI von 35 oder ab einem BMI von 28 oder mehr bei mindestens einer Begleiterkrankung. Zudem muss das Medikament von einem Facharzt an einem Adipositaszentrum oder einer Diabetes-Ärztin verschrieben werden. Hausärzte dürfen das Medikament zwar auch verschreiben, allerdings ohne Kostengutsprache.
Mittelfristig allerdings wird es anders aussehen. Derzeit stecken rund 120 ähnliche Produkte in der Pipeline. In ein paar Jahren werden neue Konkurrenzprodukte auf den Markt gelangen. Zudem werden die Pharmaunternehmen ihre Produktionskapazitäten stark erweitern, um die hohe Nachfrage zu decken. Das dürfte zu sinkenden Medikamentenpreisen führen.
Die wichtigste Neuerung aber wird eine schluckbare Version sein, die bald auf den Markt kommen wird. Sowohl Novo Nordisk als auch Eli Lilly, die Produzenten von Ozempic® und Mounjaro®, haben solche Abnehmpillen in der Entwicklung.
Eine weitere Einschränkung besteht heute. Die Vergütung der Krankenkassen wird nur für maximal drei Jahre gewährt. Damit haben wir grosse Mühe. Denn Studie um Studie hat gezeigt, dass die Betroffenen nach Absetzen der Spritze wieder an Gewicht zulegen. Immerhin: Selbst eine nur dreijährige Gewichtsreduktion kann die Lebenserwartung verlängern und das Risiko für Begleiterkrankungen hinauszögern.
All diese Einschränkungen bedeuten auch: Die meisten Betroffenen müssen die Spritzen nach wie vor selbst bezahlen. Ein Teil meiner Patientinnen und Patienten kann das aber definitiv nicht. Denn von Fettleibigkeit betroffen sind eher Menschen aus niedrigen sozialen Schichten.
Deshalb soll auf jeden Fall immer auch begleitend zu den Spritzen die hier empfohlenen Ernährungsumstellung gemacht werden. Und… erst recht nach dem Erreichen des Wunschgewichts und… immer kombiniert mit körperlichen Aktivitäten.
Und wenn man das Medikament nimmt, heisst das meist nicht, dass man einfach gleich weiter isst wie zuvor. Die «Gefahr» dafür ist gering. Denn Semaglutid führt in mehr als 20% aller Fälle zu Brechreiz und Erbrechen, Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung und Magenschmerzen. Als weitere «häufigste» Nebenwirkungen werden für Wegovy® genannt: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Verdauungsstörungen, Schwindel, Aufstossen, Unterzuckerung bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, Blähungen, und gastroösophageale Refluxkrankheit…
Tiefer BD bei Semaglutid
Ein tieferer Blutdruck ist zunächst einmal gut, weil sich das positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Den Blutdruck aber binnen nur weniger Tage stark zu senken, kann ohne ärztliche Begleitung auch problematische Erscheinungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Ohnmacht nach sich ziehen. Zudem ist Vorsicht geboten, wenn Patientinnen bereits Blutdruckmedikamente zu sich nehmen.
Eine neue Datenbank-Studie weist auf ein signifikant erhöhtes Risiko einer erektilen Dysfunktion unter Semaglutid hin [1].
Weitere Detailserie Schattenseite der GLP-1-RA: Man fand neben bekannten Risiken wie Übelkeit und Erbrechen im Vergleich zur üblichen Behandlung weitere erhöhte Risiken, darunter nichtinfektiöse Gastroenteritis (HR 1,12), Hypotonie (HR 1,06), Arthritis (HR 1,11), Tendinitis und Synovitis (HR 1,10), interstitielle Nephritis (HR 1,06), Nephrolithiasis (HR 1,15) und das bekannte Risiko einer medikamenteninduzierten akuten Pankreatitis (HR 2,46).
Dagegen scheinen GLP-1-Agonisten das Risiko von Krebs oder psychischen Krankheiten nicht nennenswert zu erhöhen.
Diese Nebenwirkungen können allerdings vermindert werden durch langsame Anpassungen der Dosierung und gehen grundsätzlich mit der Behandlungsdauer oft zurück.
Die typischen Nebenwirkungen treten in den ersten Wochen bis Monaten auf und lassen dann nach.
Fast die Hälfte setzt die Spritzen frühzeitig wieder ab
In Studien zeigte sich, dass viele Menschen die Medikamente selbst absetzen. Die Forscher halten es nicht für plausibel, dass die unerwünschte Wirkungen einen so grossen Einfluss auf die langfristige Therapiedauer haben.
Für die Wissenschaftler ist noch ein weiterer Grund denkbar: enttäuschte Erwartungen. Wenn über die Wirksamkeit der Spritzen gesprochen wird, wird in aller Regel der Mittelwert genannt. Tatsächlich aber gibt es eine enorme Spannbreite. Manche Menschen nehmen 50 Kilogramm ab, andere nehmen selbst bei der höchsten Dosis Tirzepatid noch zu. Es ist vorstellbar, dass jene, die nicht so viel abnehmen wie erwartet, dann schnell die Hoffnung verlieren. Dafür spricht auch eine aktuelle Studie aus den USA: Jedes Prozent Gewichtsverlust, das die Patienten erlebten, verringerte ihre Wahrscheinlichkeit aufzuhören um mehr als drei Prozent.
Mit dem Fett geht auch der Muskel weg
Einige Patienten stellen fest, dass die durch Medikamente verursachte Gewichtsabnahme ihre Fitness eher verschlechtert als verbessert, da eine weitere Nebenwirkung der Verlust von Muskelmasse ist. Mehrere Studien haben berichtet, dass 35 bis 45 Prozent der durch GLP-1 erzielten Gewichtsabnahme nicht aus Fett, sondern aus „mageren Massen“ wie Muskeln und Knochen besteht. Der beträchtliche Muskelabbau ist grösstenteils auf das Ausmass der Gewichtsabnahme zurückzuführen und nicht auf eine unabhängige Wirkung der GLP-1-Rezeptor-Agonisten, so eine in The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlichte Analyse aus dem Jahr 2024.
Eine Diät mit weniger Kalorien und mit geringerer Gewichtsabnahme führt zu einem Verlust von 10 bis 30% der Muskelmasse, so die Ergebnisse der Lancet-Studie. Darüber hinaus ist der Rückgang der Muskelmasse mit GLP-1-RA um ein Vielfaches grösser als der, der durch den altersbedingten Muskelverlust erwartet wird: Der liegt bei 0,8% pro Jahr (basierend auf einem Muskelverlust von 8% pro Jahrzehnt im Alter von 40 bis 70 Jahren).
Gegenmassnahmen: eine erhöhte Proteinaufnahme und körperliche Aktivität.
So sollten sie bei jeder der drei Mahlzeiten pro Tag 20 bis 40 g Protein aus einer qualitativ hochwertigen Eiweissquelle zu sich nehmen, was einer maximalen Stimulation der Muskelproteinsynthese entspricht.
Ozempic Teeth
Während die Kilos schwinden, leiden oft auch die Zähne. Britische Zahnärzte warnen laut «The Independent» vor «Ozempic Teeth» – ein Phänomen, bei dem Mundtrockenheit und Erbrechen den Zahnschmelz schädigen. Der schnelle Gewichtsverlust lässt das Zahnfleisch zurückgehen, wodurch Prothesen wackeln und Veneers splittern.
Können GLP-1-RA die Augen schädigen?
Eine neue Studie, veröffentlicht 2025 in JAMA Network Open, trägt den Titel: „Semaglutide or Tirzepatide and Optic Nerve and Visual Pathway Disorders in Type 2 Diabetes“. Sie untersucht, ob Menschen, die die beiden stärksten GLP-1-Medikamente – Semaglutid oder Tirzepatid – einnehmen, häufiger Augenprobleme entwickeln.
GLP-1-RA und das Risiko für Erblindung – was steckt dahinter?
Die Forschenden prüften gezielt Erkrankungen, die kleinere Studien bereits mit den neuen Abnehm-Medikamenten in Verbindung gebracht hatten. Im Mittelpunkt stand eine seltene, aber ernste Störung des Sehnervs: die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION). Sie zählten die Fälle: Unter 79.699 Menschen, die mit Ozempic oder Mounjaro begannen, erkrankten innerhalb von zwei Jahren 35 an dieser seltenen Sehnervstörung. In der Kontrollgruppe, die ebenso gross war und andere Diabetes-Medikamente erhielt, traten 19 Fälle im gleichen Zeitraum auf.
Ein doppelt so hohes Risiko – absolut jedoch sehr selten
In Prozent ausgedrückt: 0,04 % in der GLP-1-Gruppe gegenüber 0,02 % in der Kontrollgruppe. Anders gesagt: Das Risiko war in der GLP-1-Gruppe doppelt so hoch, blieb aber insgesamt äusserst gering.
In der Praxis auch seltene Nebenwirkungen bedenken
Die Schlussfolgerung: Wissen schützt. Die Begeisterung für GLP-1-Präparate wird NAION kaum bremsen. Dennoch schadet es nicht, wenn wir – ob als Patient oder Arzt – dieses Risiko im Hinterkopf behalten.(„Bedeutet diese Nebenwirkung das Aus für Semaglutid & Co.? “ – Medscape, 21. Aug. 2025)
Neue Stigmatisierung durch diese Adipositas-Medikamente
Die Gefahr besteht, dass man Ihnen sagen wird, dass es nun doch diese neuen Medikamente und Spritzen gibt und weshalb Sie diese nicht einfach nehmen… Und wenn es dann immer weniger Dicke und Mollige gibt, fallen diejenige noch mehr auf, die mollig bleiben… Die Stigmatisierung wird zunehmen.
Aufhören und Erfolg
Um die Medikamente abzusetzen, muss die Dosis in der Regel langsam verringert werden. Ebenso wichtig für den Erfolg ist die Fortsetzung von Betreuung sowie Ernährungs- und Bewegungsprogrammen, die bereits während der Therapie begonnen wurden.
Leider gelingt es nur wenigen, das Gewicht dauerhaft zu halten. Bei den meisten steigt es nach dem Absetzen wieder deutlich an. Da die Medikamente noch neu sind, bleibt unklar, wie vielen Betroffenen das Absetzen langfristig gelingt. Vielleicht schaffen es fünf Prozent, vielleicht zwanzig.
Neben individuellen Unterschieden beeinflussen auch Faktoren wie Umfeld und Zeitpunkt den Erfolg. Doch gerade der Zeitpunkt ist oft ungünstig – wegen Lieferengpässen, Nebenwirkungen und der Regelung, dass die Abnehmspritzen in der Schweiz nach drei Jahren selbst bezahlt werden müssen. Da Adipositas häufig sozial Schwächere betrifft, können sich viele die rund 200 Franken pro Monat nicht leisten.
Wenn man sich nach dem Abnehmen immer noch dick fühlt: Das Phänomen „Geisterfett“
Gewichtsabnahme ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Glücklichsein. Eine weit verbreitete falsche Vorstellung besteht darin, dass schlank zu werden automatisch bedeutet, glücklicher zu werden. Zwar verbessern sich oft Lebensqualität und psychosoziale Aspekte, doch nicht für alle. Manche Patienten „sehen“ ihren Gewichtsverlust nicht – ein Phänomen, das als „Phantomfett“, „Geisterfett“ oder „rudimentäres Körperbild“ bekannt ist. Die meisten Menschen sind nach einer Gewichtsabnahme mit ihrem Aussehen oder zumindest ihrer Körperform zufrieden – obwohl einige mit der schlaffen, hängenden Haut, die auf eine Gewichtsabnahme folgen kann, unzufrieden sind und sich einer plastischen Operation unterziehen, um dies zu beheben. Es gibt aber eine Untergruppe von Menschen, die mit ihrem Körperbild, einschliesslich ihrer Form, unzufrieden sind. Diese Unzufriedenheit kann schon vor der Gewichtsabnahme bestehen oder neu entstehen, weil die Gewichtsreduktion zuvor ignorierte psychosoziale Probleme ans Licht bringt. Einige Probleme zeigen sich bereits zu Beginn der Behandlung, andere werden während oder nach der Gewichtsabnahme sichtbar. Psychosoziale Beratung nach bariatrischen Operationen oder massivem Gewichtsverlust durch Abnehmen wird viel zu wenig in Anspruch genommen.
Geisterfett
Forschung bestätigt, dass viele Patienten nach bariatrischen Operationen trotz erheblichem Gewichtsverlust sich weiterhin als „fettleibig“ wahrnehmen. In einer Studie berichteten Patienten 18 bis 30 Monate nach dem Eingriff, dass sie keinen Unterschied in Grösse und Form feststellen konnten.
Die Gewöhnung an das frühere Aussehen könnte eine Rolle spielen. Man beobachtet dies nicht nur beim Gewichtsverlust, sondern auch bei anderen körperverändernden Eingriffen. Das Gehirn braucht Zeit, um sich an das neue Aussehen zu gewöhnen. Bei einer Nasenkorrektur zum Beispiel kann es eine Weile dauern, bis sich die Patienten daran gewöhnt haben, ihr neues Gesicht im Spiegel zu betrachten, nachdem sie jahrzehntelang eine markantere Nase gesehen haben.
Jahre des sozialen Stigmas
Es kann auch einige Zeit dauern, bis Menschen die jahrelange Stigmatisierung der Fettleibigkeit überwunden haben. Negative Einstellungen, die übergewichtige und fettleibige Menschen als „faul, willensschwach, ohne Selbstdisziplin und Willenskraft“ darstellen, sind allgegenwärtig. Soziale Medien und die Medien im Allgemeinen verstärken dies, indem sie unrealistische, idealisierte Körperbilder und abschätzige Botschaften über Menschen mit Gewichtsproblemen verbreiten.
Das Körperbild ist ein Konstrukt und nicht das, was man im Spiegel sieht. Es ist das mentale Konstrukt unseres physischen Selbst.
Das Körperbild entwickelt sich in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext und wird durch das ethnische, rassische und kulturelle Erbe der Person beeinflusst.
Jugendliche sind besonders anfällig für Körperunzufriedenheit. Dies wird bei fettleibigen Jugendlichen noch verstärkt, da sie im Vergleich zu Jugendlichen mit geringerem Gewicht häufig unter gewichtsbedingter Viktimisierung und verinnerlichter gewichtsbedingter Stigmatisierung leiden. Gewichtsstigmatisierung äussert sich oft in Hänseleien und Mobbing.
Mobbing und Hänseleien in der Kindheit und Jugend, die mit dem Aussehen zusammenhängen, können bis ins Erwachsenenalter nachhallen.
Psychiatrische Vorgeschichte und Trauma
Negative Erfahrungen, insbesondere sexueller oder körperlicher Missbrauch, können ebenfalls für die Unzufriedenheit mit dem Körper nach einer Gewichtsabnahme verantwortlich sein. Wenn Menschen mit einer derartigen Missbrauchsgeschichte viel Gewicht verlieren durchleben sie oft eine Phase emotionaler Turbulenzen. Misshandlungen in der Kindheit können auch mit Störungen des Körperbildes im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht werden, wie eine Metaanalyse von 12 Studien mit 15.481 Teilnehmern ergab. Sexueller Missbrauch ist laut diversen Studien bei Patienten mit Fettleibigkeit überraschend häufig. Eine Untersuchung von 131 Patienten ergab, dass 60% derjenigen, die über eine Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung in der Vergangenheit berichteten, mehr als 50 Pfund Übergewicht auf die Waage brachten, gegenüber nur 28% der alters- und geschlechtsgleichen Kontrollgruppe ohne Missbrauchsgeschichte. Andere Studien haben diese Ergebnisse bestätigt. Übergewicht kann eine „adaptive Funktion“ haben. Es kann ein Selbstschutzmechanismus sein, der sie vor sexuellen Annäherungsversuchen durch potenzielle Liebespartner oder Missbraucher „isoliert“. Manche stellen fest, dass nach einer Gewichtsabnahme verdrängte Erinnerungen an einen sexuellen Übergriff aufgrund des neuen, „attraktiveren“ Aussehens an die Oberfläche kommen. Da sie sich in ihrem dünneren Körper verletzlich fühlen, müssen sie sich möglicherweise als übergewichtig betrachten, um dieses Gefühl des „Schutzes“ aufrechtzuerhalten. Eine Gewichtsabnahme kann auch Erinnerungen, Flashbacks oder Albträume auslösen, wenn die Betroffenen zu dem Gewicht zurückkehren, mit dem sie missbraucht wurden.
Dissoziation, Depression, Angst, Trauma
Dissoziation ist ein weiterer Mechanismus, der Trauma mit Körperdysmorphie nach Gewichtsverlust verbindet. Dissoziation vom Körper ist oft ein Bewältigungsmechanismus, um mit einer überwältigenden traumatischen Erfahrung umzugehen. Personen mit einer Vorgeschichte von Depressionen, Angstzuständen oder posttraumatischen Belastungsstörungen haben ein höheres Mass an Körperdysmorphie, sowohl vor als auch nach einer Gewichtsabnahme. Depressionen, Ängste und Traumata spielen eine Rolle dabei, wie man sich selbst sieht und wie man sich trägt. Dies ist bei jeder Art von Psychopathologie der Fall. Depressiv zu sein ist, als würde man sich selbst durch eine Wolke sehen. Es ist das Gegenteil einer ‚rosaroten Brille‘ und man sieht sich stattdessen durch eine negative Linse.
Psychotherapie
Ziel einer Psychotherapie ist es, irrationale und dysfunktionale Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen durch Techniken wie Selbstbeobachtung, kognitive Strukturierung, Psychoedukation, Desensibilisierung und Expositions- und Reaktionsvermeidung zu verändern.
Eine weit verbreitete falsche Vorstellung besteht darin, dass schlank zu werden automatisch bedeutet, glücklicher zu werden.
Wenn man sich nicht intensiv mit dem Thema Selbstmitgefühl auseinandergesetzt und verstanden hat, dass das, was man im Innersten ist, nichts mit dem Aussehen zu tun hat, kann man sich leer fühlen, wenn man diesen Punkt erreicht hat. Man weiss immer noch nicht, wer man ist und was man zur Welt beiträgt, man sich so sehr auf das Abnehmen konzentriert hat.
Eine Gewichtsabnahme kann auch Fragen nach dem Selbstwertgefühl „entlarven“, selbst wenn man Komplimente über sein „verbessertes“ Aussehen erhält. „Lob und Komplimente nach einer Gewichtsabnahme können ein zweischneidiges Schwert sein. Man könnte denken: ‚Ich wurde nicht akzeptiert oder gelobt, als ich übergewichtig war. Die einzige Möglichkeit, akzeptiert oder anerkannt zu werden, besteht darin, Gewicht zu verlieren, also muss ich weiter abnehmen. Dies schürt die Angst vor einer erneuten Gewichtszunahme und kann dazu führen, dass man sich weiterhin als übergewichtig ansieht, vielleicht um motiviert zu bleiben, mit der Gewichtsabnahme fortzufahren. Das Gefühl, dass der eigene Wert davon abhängt, dünn zu bleiben, beeinträchtigt die Körperzufriedenheit.
Tovar, Autor des Buches „Deprogram Diet Culture: Rethink Your Relationship with Food, Heal Your Mind, and Live a Diet-Free Life“ („Überdenken Sie Ihre Beziehung zum Essen, heilen Sie Ihren Geist und leben Sie ein diätfreies Leben“) ermutigt die Menschen, den Schwerpunkt von der Gewichtsabnahme auf ein ganzheitliches Selbstwertgefühl zu verlagern und Hindernisse für diese Gefühle sowohl vor als auch nach der Gewichtsabnahme zu erforschen.
Endokrinologen und andere Mediziner können dazu beitragen, indem sie sich nicht auf „Gewichts- und Körperscham“ einlassen, so Tovar. Sie empfiehlt den Ärzten, die Patienten zu ermutigen, sich auf ihren eigenen Körper einzustellen und ihnen dabei zu helfen, sich bewusster zu machen, wie verschiedene Nahrungsmittel ihr körperliches und emotionales Wohlbefinden beeinflussen.
„Setzen Sie realistische Erwartungen durch offene, nicht wertende Gespräche über die komplexen Zusammenhänge von Stoffwechsel, Gewicht und Gesundheit. “ Tovar rät, sich nicht auf die Gewichtsabnahme als primäres Ziel zu konzentrieren, sondern auf Gesundheitsmarker wie Blutzucker, Energieniveau, geistiges Wohlbefinden und körperliche Fitness.
Zuhören statt belehren, sei die Devise. „Beginnen Sie mit Einfühlungsvermögen und stellen Sie Fragen wie etwa: ‚Wie fühlen Sie sich im Moment mit Ihrer Gesundheit? Welche Veränderungen haben Sie in letzter Zeit an Ihrem Körper festgestellt? ‘. “ Dies schaffe Raum für den Patienten, seine Bedenken zu äussern, ohne sich verurteilt oder beschämt zu fühlen.
„Überweisen Sie Patienten an eine psychologische Fachkraft, wenn ein Patient Anzeichen für Essstörungen oder ein schlechtes Körperbild aufweist oder wenn emotionale Faktoren eine wichtige Rolle in der Beziehung zu Essen und Gewicht spielen. Wenn ein Patient in einem Kreislauf aus Diäten und Gewichtszunahme gefangen ist, mit Essanfällen kämpft oder Symptome von Depressionen oder Ängsten im Zusammenhang mit seinem Körper zeigt, ist psychologische Hilfe unerlässlich. “
Letztendlich solle das Ziel der Behandlung darin bestehen, ein sicheres, unterstützendes Umfeld zu schaffen, in dem die Patienten heilen können – nicht nur körperlich, sondern auch emotional und geistig. (Quelle: Wenn man sich nach dem Abnehmen immer noch dick fühlt: Das Phänomen „Geisterfett“ kann viele Ursachen haben – Medscape – 14. Okt 2024)
Aufgepasst mit Diät bei Kindern!
Man schaue sich mal die Arbeiten des amerikanischen Psychologen Myles Faith an. Der hat deutliche Hinweise dafür gefunden, dass mollig veranlagte Kinder besonders dann zunehmen, wenn sich ihre Eltern Sorgen machen, dass ihre Kinder zunehmen und eine Nahrungsrestriktion einführen. Dazu macht man sich den vielfach publizierten Zusammenhang zwischen Dauerstress (steter Cortisol-Überschuss) und Wachstum des viszeralen Bauchfetts klar – des einzigen Fettgewebes, bei dem tatsächlich ein Bezug zu späteren chronischen Erkrankungen zu beobachten ist. Wohlgemerkt, dieses Körperfett entsteht nicht durch Mast, sondern durch Stress.
Und nun bringen wir also schon den Vier- bis Fünfjährigen bei, dass sie im falschen Körper stecken, dass der Appetit ihr Feind ist, dass sie bestimmte Dinge machen und den Körper besiegen müssen, weil sie sonst nicht zum Kindergeburtstag eingeladen werden und später keinen Job kriegen. Und das hören sie tagaus, tagein. Und dann lernen sie Zielsetzungen, bei denen sie physiologischerweise scheitern müssen, weil der Körper immer wieder in Form von „binge eating“ (Fressattacken) korrigierend eingreift. Ein solches Essverhalten nennt man „restraint eating“, und das gilt als enormer Stressauslöser! Was wäre ein Ausweg? Bewegung ist eine gute Sache. Stress wird aber dabei nur abgebaut, wenn Bewegung aus Freude gemacht wird und nicht durch Angstmotivation! (aus Ars Medici 2, 2010, Dr. Gunter Frank: „Abspeckprogramme sind Psychoterror!“)
Ist mein Kind zu dick?
BMI – Perzentilkurven
Das richtige Gewicht für Jungen und Mädchen prüft man je nach Geschlecht und Alter spezifisch mit den sogenannten Perzentilkurven des BMI. Schauen Sie nach, ob Ihr Kind noch im „grünen Bereich“ liegt: Perzentilen für Jungen Perzentilen für Mädchen
Übergewichtige Kinder benötigen eine „Sonderbehandlung“
Das Erste und Wichtigste ist wieder die alltägliche Bewegung aus Freude und nicht durch Angstmotivation >>> siehe z.B. www.schtifti.ch. Die Eltern gehen am besten mit dem gutem Beispiel voran: Auch sie bewegen sich viel: Wandern mit ihren Kindern, machen Bewegungsspiele, aktive Ferien… und sitzen wenig vor dem Fernseher oder Smartphone. Essen Eltern unkontrolliert oder halten sie oft Diäten ein, tendieren die Kinder zu Übergewicht oder Essstörungen. Eltern erlauben nach Möglichkeit ihren Kindern, in Bezug auf die Ernährung, ihre eigene innere Regulierung zu entwickeln und sorgen gleichzeitig dafür, dass gesunde Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Je jünger das Kind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die überzähligen Pfunde erhalten bleiben. Oft erfolgen die Gewichts- und Grössenzunahme nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Und normalerweise kommen die Pfunde vor den Zentimetern. Was aber absolut gilt: Je grösser die Portionen, die man Kindern vorsetzt, desto mehr essen sie! Die Menge, welche Kinder essen, hat nichts mit dem Speiseplan der vorangegangenen Tagen und Stunden zu tun, sondern nur mit der Portionengrösse auf dem Teller. Generell ist der Massstab am besten die Gesundheit und nicht das Aussehen des Kindes: Wichtiger als das Gewicht sind ein gesundes Essverhalten und ausreichende körperliche Aktivität. Man sieht auch, dass Dritt- und Viertklässler, deren Fernseh- und Smartphonekonsum auf 30-60 Minuten pro Tag beschränkt wurde, nach neun Monaten messbar schlanker waren als solche, die vor der Glotze sassen, so lange sie wollten. Was und wie wir essen, wird stark von der Umwelt, also zunächst von der Familie beeinflusst. Eltern greifen in die Ernährungsweise ihrer Kinder am besten möglichst wenig ein. Das Schlimmste, was sie tun können, ist, Nahrung einzuschränken. Ein völliges Verbot, zum Beispiel von Süssigkeiten oder Pommes Frites, macht diese für Kinder nur besonders attraktiv. Dann spielen die psychosozialen Familienverhältnisse eine grosse Rolle für den Erfolg einer dauernden Gewichsabnahme des Kindes: vor allem eine depressive Mutter wird nach Möglichkeit mitbehandelt.
Essgewohnheiten ändern
Keine grosse Portionen auftischen: das Kind isst alles, was im Teller ist!
Nicht mehr vor dem Fernseher, sondern nur noch am Esstisch essen und Smartphone weglegen und ausschalten.
Mindestens eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag einhalten (mit möglichst allen im Haushalt lebenden Mitgliedern). Dabei gemeinsam die Mahlzeit beginnen und beenden (Rituale).
Bei jeder Mahlzeit mindestens fünfmal das Besteck ablegen und eine kleine Pause machen. Gründlich kauen und langsam essen.
Zu jeder Mahlzeit Wasser oder ungesüssten Tee trinken.
Täglich zweimal Früchte und dreimal Gemüse oder Salat essen. Die Eltern bestimmen, was das Kind isst; das Kind bestimmt, wie viel es davon isst.
Keine Askese: Jede Woche sind fünf erlaubte Gluscht-Portionen Süsses erlaubt (Schoggistängel, Portion Sorbet etc.). Immer zum Schluss der Mahlzeit, als Dessert.
Wenn möglich mindestens eine warme Mahlzeit pro Tag (Sättigungseffekt tritt bei warmen Speisen schneller ein).
Reichhaltiges Frühstück, viel zu Mittag und eher wenig zum Nachtessen und keine Zwischenmahlzeiten! Nach 19 Uhr nichts mehr essen.
„Reservetank“ (z.B. Nüsse, etwas Käse oder ein kleiner Apfel) griffbereit halten gegen plötzlich grossen Hunger (z.B. auf dem Nachhauseweg von der Schule), um nicht Süsses zu naschen.
Maximal 30-60 Minuten TV täglich – und dasselbe für den PC/Spielkonsole!
Wut und Trauer – Gefühle: Wenn ich wütend bin, versuche ich meine Wut abzureagieren, bevor ich etwas esse. Z.B. raus an die frische Luft und rennen, schreien, Boxsack schlagen… Oder sich Zeit nehmen für das Kind und mit ihm sein, sprechen… Wenn ich traurig bin, versuche ich erst mal etwas anderes zu machen, das mir Spass macht, bevor ich mir was zu Essen hole.
Warum sich Kinder oft einseitig ernähren
Pommes mit Ketchup, Pfannkuchen mit Sirup und Schokolade: Kinder bevorzugen bekannte Speisen und meiden alles, „was der Bauer nicht kennt“. Kein Grund zur Sorge! Einseitige Ernährung ist eine normale Phase der Kindheit und möglicherweise ein evolutionäres Erbe. Die Kinder unserer Vorfahren konnten sich zwar selbst Nahrung beschaffen, aber sie konnten noch nicht entscheiden, welche Früchte und Wurzeln ihnen gut tun und welche ihnen schaden könnten. Wenn heutige Kinder schwierige Esser sind, dann kommt darin möglicherweise eine angeborene, sinnvolle Furcht vor fremden Nahrungsmitteln zum Ausdruck. Eltern zwingen ihre Kinder daher am besten nicht zu mehr Vielfalt, sondern vertrauen darauf, dass die schwierige Phase mit dem Älterwerden zu Ende gehen wird. Kinder sind durchaus in der Lage, ihre Nahrungsaufnahme selbständig zu steuern. Wird dagegen der Zugang zu „schlechten“ Nahrungsmitteln eingeschränkt, bekommen diese für die Kinder eine übermässige Attraktivität. Sie werden möglicherweise durch die Eingriffe der Eltern zu einem ungesunden Essverhalten verleitet. So belegt eine Studie, dass Kinder, die erst ihren Spinat aufessen mussten, ehe sie Kuchen geniessen durften, eine Abneigung gegen Gemüse und eine Vorliebe für Süsses entwickelten. Und Mädchen, die zu Hause nur wenig Süssigkeiten essen durften, griffen, wenn sie die Wahl hatten, sehr viel häufiger zu Schokoriegeln und Bonbons als Kinder, die zu Hause freien Zugang zu Süssem hatten. Auch wenn jüngere Kinder gesundes Essen zunächst ablehnen, irgendwann probieren sie es doch. Und dann, so zeigen Studien, brauchen sie nur zwischen fünf und zehn Erfahrungen, um das neue Nahrungsmittel gerne zu essen (Psychology today, 9/10, 2003).
Wie mache ich meinem Kind Gemüse trotzdem schmackhaft
Ein interessantes Achtsamkeitstraining, das sehr gut zu Verhaltensänderungen beim Essen helfen kann, findet man in „Die Minus-1 Diät“ von Ronald Schweppe und Aljoscha Schwarz, Südwest-Verlag, ISBN 978-3-517-08655-2.
Alle wichtigen Dinge für ein Essverhaltensänderung vereint (viele Tipps und Tricks, sehr lebhaft präsentiert) in „Die Nebenbei-Diät“ von Elisabeth Lange, Stiftung Warentest, 2011.
Viele gute Tipps zum Entrümpeln und Vereinfachen des Essverhaltens auch in „simplify Diät“ von Dagmar Von Cramm, Knaur Taschenbuch, 2012.
Sehr empfehlenswert: Jessie Inchauspé, „Der Glukose-Trick„, das Praxisbuch, Heyne
Einsame Spitze: Michael Pollan: „64 Grundregeln ESSEN: Essen Sie nichts, was Ihre Grossmutter nicht als Essen erkannt hätte.“
Fuck it, bitch. Stay fat! Dieses Buch von Samantha Irby „We never meet in real life“ war mal dringend nötig. Das Thema ist nicht neu – ein Rant gegen Diäten – aber wie sie’s aufschreibt lässt den Leser auf diese tiefe, behäbige Weise lachen, die Alltagsweisheit signalisiert. Kostprobe: „Do you really need another article about how important it is to eat a big breakfast full of healthy fats and whole grains to curb afternoon snacking? NO, YOU DO NOT. You need bitches to write about how comfortable maternity jeans are for women who aren’t really pregnant. And sexy ways to remove a bra that has four hooks. I’m always amused when they encourage you to eat “instead” foods, like eating an apple when you really want to rub a bacon cheeseburger all over your boobs is a fair substitute.“
(1) Able C, et al. Prescribing semaglutide for weight loss in non-diabetic, obese patients is associated with an increased risk of erectile dysfunction: a TriNetX database study. Int J Impot Res. 2024 May 22. doi: 10.1038/s41443-024-00895-6.
Veröffentlicht am 30. Mai 2017 von Dr. med. Thomas Walser Letzte Aktualisierung: 05. März 2026