Cholesterin und Trigyzeride

 Ist der Cholesterinwert ein Mythos?!

Nur selten schafft es historische Forschung in den heiligen Gral der besten klinisch-medizinischen Zeitschriften. Die brandneue Arbeit von Kearns und Kollegen  http://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2548255 wurde aufgenommen und gleich durch ein flankierendes Editorial extra gewürdigt http://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2548251 .

Die Arbeit zeigt an historischen Dokumenten aus der University of Illinois und der Harvard School of Public Health, dass die Zuckerindustrie ab 1960 begonnen hat, die Forschung manchmal subtil, manchmal durchaus erkennbar dahingehend zu beeinflussen, dass verstärkt Fett, vor allem gesättigte Fettsäuren, und weniger Zucker als der böse Bube der Ernährungsforschung in den Fokus genommen wurde. Was war geschehen? Anfang der 60er Jahre zeichnete sich ab, dass eine erhöhte Zufuhr von Zucker höchstwahrscheinlich einen wichtigen Anteil an der steigenden Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatte. Der britische Epidemiologe John Yudkin hatte diesen Gedanken verbreitet und die Daten sprachen dafür. Auf der anderen Seite standen Verfechter der Lipidhypothese wie Ancel Keys, die dachten, Fette, vor allem gesättigte Fettsäuren aus tierischen Quellen, wie Butter, Schmalz, Käse, Wurst, Fleisch, Eier, seien der Sündenbock. Wie wir heute wissen setzte sich Ancel Keys durch und schrieb bei allen Ernährungsrichtlinien in den USA fleißig mit, und wie wir auch wissen, waren die Daten, aufgrund derer dies geschah dünner als das erste Eis im Dezember. (Lesen Sie ausführlich darüber im Blog von Prof. Harald Walach!).

Mythos vom guten und bösen Cholesterin

Die drei gängigsten Mythen werden in Frage gestellt:

  1. Das HDL ist der gute Anteil des Cholesterins.
    Unumstritten ist, dass eine HDL-Konzentration unter 1 mmol/l mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden ist. Umgekehrt bedeutet ein hohes HDL aber keineswegs Entwarnung. Normales HDL verfügt über antientzündliche und antioxidative Eigenschaften. Genau diese können aber bei Patienten mit Autoimmunstörungen (z.B. Diabetes oder rheumatoider Arthritis) abhanden kommen! In Studien ist also eine HDL-Erhöhung keine guter Parameter.
  2. Der Lipidstatus wird obligat in einer Nüchternblutprobe bestimmt.
    Stimmt nicht mehr! Fakt ist, dass erstens eine erhöhte Triglyzeriden im Nicht-Nüchternplasma stärker mit dem Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten assoziiert ist als in einer Nüchternblutprobe und dass zweitens HDL- und LDL-Cholesterin nur wenig durch Essen beeinflusst wird.
  3. LDL ist das gefährlichste Cholesterin.
    Fakt ist: Die Mehrzahl der kardiovaskulären Ereignisse (Herzinfarkt, Hirnschlag) wird trotz effektiver LDL-Senkung nicht verhindert!

Interessant sind die neuen Remnants (triglyzeridreiche Lipoproteine). Diese scheinen direkt proatherogen zu sein, also Arterienverkalkung zu fördern. Deshalb wird es auch als „hässliches“ Cholesterin bezeichnet. Dies wird wohl eine der wichtigsten Lipid-Bestimmung in Zukunft sein, obwohl es eigentlich keine neue Messgrösse ist, da sie zu 100 Prozent von der Triglyzeridkonzentration abgeleitet wird.

Die folgenden Richtlinien helfen Ihnen, dass Ihre erhöhten Blutfettwerte keine bösen Folgen haben:

  • Das Rauchen muss unbedingt gestoppt werden!
  • Eine Unterfunktion der Schilddrüse sollte im Blut ausgeschlossen werden (TSH-und fT4-Bestimmung: TSH zu hoch, fT4 zu tief)!
  • (am besten täglich 30 Minuten) Ausdauersport (Jogging, schnelles Wandern, Velo, Schwimmen,…). Sport VOR dem Essen führt zu besserer Fettverteilung im Körper: Das Nahrungsfett geht dann direkt in die Muskeln (deren Fettdepot im Sport geleert wurden) und nicht in den Bauch (Das Bauchfett ist das Labor für die gefährlichen Stoffwechselschritte, die zu erhöhten Blutfetten führen. Deshalb ist auch der Bauchumfang das Mass aller Dinge und besser als das Gewicht oder der BMI>>>siehe hier!)! Dies entspricht dem altbewährten Muster: Jagen und dann Essen!
  • Sparen Sie mit tierischen Fetten im Essen – ausser Fisch und Fischöl (wirkt günstig bei erhöhten Blutfetten, v.a. bei Triglyzeriden – Fischöl allein erhöht aber das Cholesterin, zusammen mit Antioxydanzien, wie Vit.E + C senkt es auch dieses.). Fettarmes Essen muss aber mit einem deutlichen Gewichtsverlust einhergehen (sonst steigen die Triglyzeride und das HDL-Cholesterin (der „gute“ Anteil im Gesamtcholesterin) bleibt niedrig >> Schaefer et al., JAMA, 274; no.18 (1995): 1450-55)
  • Sparen Sie aber auch mit Zucker und allen Kohlenhydraten! Low-carb-Ernährung ermöglicht erst das Weglassen von sämtlichen Zwischenmahlzeiten, von Nur-noch-zwei-bis-drei-Mal-Essen pro Tag, von Dinnercancelling, sogar schliesslich von Kurz- oder Intervallfasten (siehe mein Blog dazu!).
  • WENIG ROTES FLEISCH!
    Man sollte auch auf seine (gute) Darmflora, d.h. jene rund 100 Billionen Bakterien aufpassen und sie gut pflegen. Was heisst dies konkret?!
    Normalerweise leben die Vertreter der Darmflora (Mikrobiom) einträchtig mit ihrem Wirt. Sie verdauen für uns komplexe Kohlenhydrate, mit denen menschliche Enzyme nicht umgehen können. Und sie wehren auch Infektionen krank machender Bakterien ab.
    Nun wird zum Beispiel das Carnitin im roten Fleisch (Rind, Schwein oder Lamm) von den Darmbakterien zu Trimethylamin verdaut, das dann in der Leber zu Trimethylamin-N-Oxid (TMAO) umgewandelt wird. Carnitin verstärkt u.a. auch die schädliche Wirkung vom Cholesterin. Dies löst eine Kette von Ereignissen aus, die letztlich zu einer Arteriosklerose (Versteifung der Arterien) führt und damit auch zum Herzinfarkt, Hirnschlag,…!
    Es hat sich nun gezeigt, dass ein Vegetarier ein Steak essen kann und dass sich dann die (ideale) Zusammensetzung seiner Darmbakterien diesen TMAO-Spiegel nicht erhöhen lassen! Vegetarische Ernährung ergibt also eine fürs Immunsystem und für unsere Blutgefässe optimale Darmflora!
    >>> mehr dazu lesen Sie auf meiner Extraseite zur Darmflora hier: www.dr-walser.ch/darmflora/ !
  • Verwenden Sie dafür vor allem pflanzliche Fette mit einem hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Olivenöl und v.a. Lein- und Rapsöl und in vielen Nüssen (speziell in Baumnüssen und Mandeln). Hingegen haben Sonnenblumenöl, Maiskeim- und Distelöl die eher ungünstige Omega-6- Fettsäuren: siehe hier!) – Walnüsse senken auch stark das Cholesterin (>> New Engl.Journal of Medicine 13, 1994)
  • Bevorzugen Sie ballaststoffreiche Nahrungsmittel (2 bis 4 grosse Äpfel täglich!, Vollkornprodukte).
    3 Esslöffel Haferflocken pro Tag senken das Gesamtcholesterin bis 16%.
    Viel Hülsenfrüchte im Essen (Bohnen, Erbsen, Kichererbsen und Linsen) senken das LDL-Cholesterin und damit das kardiovaskuläre Risiko stark (Ha V et al. Effect of dietary pulse intake on established therapeutic lipid targets for cardiovascular risk reduction: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. CMAJ 2014 (13. Mai); 186: E252-62)
  • Sojaprodukte haben eine cholesterinsenkende Wirkung (Soja enthält viel Phytoöstrogene, sog. Isoflavone, welche Blutfette senken >> Arch Intern Med. 159, 2070-76 (1999)).
  • Artischockenblätterextrakte senken Gesamtcholesterin um 12% (ebenfalls die Triglyzeride – höhere Werte werden stärker gesenkt) – z.B. 5 Kapseln Hepa-S® täglich.
  • 1 Avocado pro Tag senkt das Cholesterin in wenigen Wochen um 10%.
  • Phytosterole als Zugabe in Nahrungsmittel (v.a. Margarine) sind gar nicht zu empfehlen, sondern wirken gemäss neueren Studien sogar konträr!
  • Bei erhöhten Triglyzeriden auf jeden Fall – beim hohen Cholesetrin aber ebenfalls angebracht:
    Keine Zwischenmahlzeiten und langes Nachtfasten (die Triglyzeride sind ein Mass für den sog. Hyperinsulinismus – zum Nachtfasten siehe auch hier!) und zusätzlich zu Obengesagtem:
    Lassen Sie reinen Zucker ganz weg und schränken Sie die zucker- und stärkehaltigen Nahrungsmittel ein (wenig Weissbrot, Reis, Pasta, süsses Obst, Süssgetränke) + absolut keine alkoholischen Getränke! (da jeglicher Alkohol die Triglyzeride triggert) Fischöl wirkt hier Wunder!
    Falls die Triglyzeride sehr hoch, d.h. über 6 mmol/l sind, behandle ich sofort mit Medikamenten, da eine akute Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) droht.
  • Stehpult verbessert Blutwerte:
    Wer den ganzen Tag sitzt, läuft eher Gefahr, Herzkrankheiten oder Diabetes zu bekommen. Jetzt zeigt eine Studie: Büroangestellte, die einen Teil der Arbeit am Stehpult leisten, leben gesünder. Australische Mediziner untersuchten rund 700 Personen. Dabei fanden sie heraus, dass Personen, die zwei Stunden pro Tag stehen, bessere Cholesterin- und Blutzuckerwerte haben. (European Heart Journal)

  • Ich benütze auch die Fettsenker-Medikamente (Statine) in der Sekundärprävention atherosklerotischer Erkrankungen (Herzinfarkt, Hirnschlag,…) häufig bei Männer, weniger bei Frauen.
    Dazu gibt es neue Meta-Analysen zur Statintherapie:
    Sind Statine bei Frauen weniger wirksam? (Gutierrez J, Ramirez G, Rundek T et al. Statin therapy in the prevention of recurrent cardiovascular events: A sex-based meta-analysis. Arch Intern Med 2012 (25. Juni); 172: 909-19)
    Der Nutzen von Statinen in der Primär- und Sekundärprävention kardiovaskulärer Ereignisse wurde in den letzten Jahren intensiv und kontrovers diskutiert. Der Nutzen in der Sekundärprävention ist dabei kaum umstritten. In der aktuellen Meta-Analyse wurde jetzt untersucht, ob Statine kardiovaskuläre Rezidivereignisse bei Frauen und Männern im gleichen Masse verhindern.
    11 randomisierte Studien, in denen Statine in der Sekundärprävention mit Placebo verglichen worden waren, wurden in die Meta-Analyse aufgenommen. Bei Frauen ist dabei die Wirksamkeit von Statinen (auch) in der Sekundärprävention weniger gut belegt als bei Männern. Zwar lässt sich eine signifikante Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen in ähnlichem Ausmass wie für Männer auch für Frauen nachweisen, nicht aber eine Mortalitätsreduktion oder eine Reduktion von Schlaganfällen. Das ist die Hauptaussage dieser Meta-Analyse. Dieser Unterschied kann zwar mit der geringeren Zahl von Frauen in den Studien erklärt werden. Die niedrigeren relativen Risiken für Schlaganfälle und Todesfälle lassen aber für Spekulationen Raum, ob doch geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich Wirksamkeit der Statine existieren könnten.
  • Bei der sog. Primärprävention „gibt es mittlerweile eine Reihe von Studien, in denen konsistent eine Minderung der Herzinfarktrate durch Statine dokumentiert wird. Der Nutzen ist bei geringem kardiovaskulären Ausgangsrisiko (siehe hier >>>) jedoch entsprechend klein. Die Gesamtsterblichkeit dürfte bei diesen Patienten erst bei hohem Risiko von über 20% in zehn Jahren durch Statin-Therapie gemindert sein.“ (Zitat arznei-telegramm 2012, Nr.8, S.69)