Prostatakrebs und der PSA-Test

PSA-Test nie routinemässig als Screening!

Medizinische Experten raten von routinemässiger Bestimmung des PSA (=prostataspezifisches Antigen) zur Früherkennung des Prostatakrebses bei allen Männer in jedem Alter ab.

Die Resultate einer umfassenden Meta-Analyse von Sep. 2018 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=illic+d+bmj+362) sind deutlich:
Das PSA-Screening senkt die Sterblichkeit an Prostatakrebs bestenfalls in geringem Mass, hat keinen Effekt auf die Gesamtzahl von Todesfällen und verursacht eine erhebliche Morbidität, kurzzeitig durch Biopsie-Komplikationen bei falsch positiven PSA-Werten, langfristig durch erektile Dysfunktion und Urininkontinenz nach möglicher unnötiger Behandlung infolge Überdiagnose.
Die Empfehlungen lauten deshalb zu Recht, dass ein PSA-Screening im Alter ab 70 Jahren gar nicht mehr und zwischen 55 und 70 nur mit ausführlicher Aufklärung über Nutzen und Risiken, insbesondere auch über die Möglichkeit der Überdiagnose, angeboten werden soll.
Bei einem durch Screening erfassten Karzinom ist je nach histologischer Gradierung (Gleason-Score) die aktive Überwachung anstelle einer sofortigen Therapie eine validierte Variante, aber für viele Patienten schwierig zu akzeptieren. Kommentar im infomed-screen, Dez.2018:
PSA-Screening: Nutzen minim, unerwünschte Effekte beträchtlich!

Der Marker steigt z.B. auch bei den sehr häufigen gutartigen Prostatavergrösserungen an (oder bereits auch wenig nach einer ärztlichen Austastung des Enddarmes: siehe genauer hier!). Bei einer grossen Auswertung lässt sich bei zwei von drei Männern mit leicht positivem PSA-Test kein Karzinom nachweisen (Genaueres dazu weiter unten). Zudem besteht bis heute kein Konsens über die Behandlung: Der Krebs der Vorsteherdrüse wächst häufig sehr langsam, so dass frühzeitig erkannte Tumoren vor allem bei älteren Männer oft nicht klinisch bedeutsam werden.

Tatsache 1)
40 Prozent aller 50jährigen Männer haben in der Autopsie einen Prostatakrebs und nur 3% davon würden daran sterben und nur bei 17% würde er überhaupt klinisch manifest, hingegen 83% werden zeitlebens davon nichts merken! 

Bislang lässt sich zudem nicht schlüssig vorhersagen, wer von einer radikalen Entfernung der Prostata (radikalen Prostatektomie) profitiert, die mit erheblichen Komplikationen wie Tod (1,5%), Inkontinenz (2-6%) und Erektionsverlust (20 bis 80%!) einhergehen kann. Alternativ wird daher auch eine abwartende symptomorientierte Haltung empfohlen. Untersuchungen, die den langfristigen Nutzen beider Verfahren vergleichen, fehlen bislang ebenso wie zu den psychischen Auswirkungen der Vorsorge.

Schlussfolgerung: Bei nicht mehr organbegrenztem Prostatakrebs oder Lebenserwartung weniger als 10 Jahre: Therapie erst bei Auftreten von Symptomen.

Testbedingungen und Werte

  • Prostatakrebs-Häufung in der Familie (Bruder/Vater)!
  • Wunsch des Patienten…
  • PSA macht nur Sinn bei Männer mit einer Lebenserwartung von mindestens 10 Jahren, die im Falle einer erhöhten PSA / eines verdächtigen (positiven) Palpationsbefundes (trotz Wissen der Tatsache 1) bereit sind, eine Prostatabiopsie durchführen und sich bei positivem Befund auch operieren zu lassen.
  • Alter entscheidend:
    Unter 50jährig nie PSA machen lassen (ausser bei familiärer Belastung (v.a., falls Bruder oder/und Vater Prostatakrebs haben) mit Prostatakrebs bereits ab 40. Altersjahr).
    Alle Männer über 50jährig:
    Wenn ein Mann einen PSA-Wert unter 1 ng/ml aufweist, ist eine erneute Messung zu Screening-Zwecken frühestens nach 5 Jahren erforderlich – bei 60jährigen gar nie mehr!
    Bei initialem PSA kleiner 2 ng/ml: weiter zweijährlich, darüber bis 4 ng/ml jährlich.
    Über 75jährig ist Nutzen fraglich. (Studie).
  • Vor der Untersuchung mindestens drei Tage nicht Velofahren, nicht Reiten oder grössere Wanderungen und keinen Samenerguss.
    Bei Männer, die regelmässig Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac oder ähnliche Schmerzmittel einnehmen, fallen die PSA-Werte zehn Prozent niedriger aus.
    6 Monate nach Stent-Einlage am Herzen ist der PSA-Test falsch hoch.
    Im Anschluss (und nicht vorher!) muss der Hausarzt unbedingt die Prostata via Anus vom Enddarm her abtasten.

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alterskorrigierte PSA:

Die obere Grenze eines “normalen” PSA ist in etwa
bis 50jährig    2,5 ng/ml
bis 60jährig    3,5 ng/ml
bis 70jährig    4,5 ng/ml
über 70            6,5 ng/ml

PSA-Wert Chance: Prostatakrebs + ärztliche Abtastung durch Anus negativ Chance: gutartige Prostatahyperplasie
< 4 5-27% (genauer) 2,5% 85-90%
4 bis 10 15-35% 5% (positiv: 38%) 80-85%
> 10 65-70% 30-35%

PSA mit 60 Jahren unter 1 ng/ml: lebenslang keine weiteren Teste mehr!

Obwohl auch Männer mit einem PSA-Wert von weniger als 1 mcg/l später an einem Prostatakarzinom erkranken können, zeigt ein solcher Wert im Alter von 60 Jahren ein sehr niedriges Risiko für relevante Prostatakarzinome im späteren Leben an. Ein Verzicht auf weitere Screening-Untersuchungen machen deshalb bei Männern über 60 mit einem so kleinen Erkrankungsrisiko Sinn. (Vickers AJ, Cronin AM, Björk T et al. Prostate specific antigen concentration at age 60 and death or metastasis from prostate cancer: case-control study. BMJ 2010 (14. September); 341: c4521)

Wiederholung steigert Aussagekraft

PSA-Geschwindigkeit (ng/ml/Jahr, absolute jährliche Zunahme des Serum-PSA = PSAV) und PSA-Verdopplungszeit (Jahre, berücksichtigt exponentielle Natur der PSA-Zunahme und widerspiegelt somit eine relative Veränderung = PSADT = log(2) x t / (log (letztes PSA) – log (initiales PSA)) wobei t die Zeit zwischen den beiden PSA-Bestimmungen ist. ) sind aussagekräftig, da die BPH (benigne Prostatahyperplasie) ihr Volumen nur rund alle zehn Jahre verdoppelt, das klinisch organbegrenzte Carcinom aber alle drei bis vier Jahre. Diese beiden dynamischen Konzepte wurden deshalb in letzter Zeit in der Praxis immer wichtiger. Auch bei normalem PSA können so durch dessen Verlaufswerte eine Gefährdung frühzeitig gefunden werden.

“Normaler” PSA-Wert?!

Was heisst normal? Der Konsens sagt bis 4,0 ng/ml.
Von rund 18000 Männern einer Studie erhielten  9459 Plazebobehandlung, jährliche PSA-Bestimmung und rektale Palpation. 2950 hatten zu keiner Zeit ein PSA >4,0 ng/ml oder eine abnorme Rektalpalpation, hatten eine abschliessende PSA-Bestimmung und eine Prostatabiopsie. 449 von 2950 (15,2%) hatten ein Prostatakarzinom. Die Prävalenz eines Prostatakarzinoms war bei einem PSA >0,5 bei 6,6%; bei 0,6-1,0 bei 10,1%; bei 1,1-2,0 bei 17,0%; bei 2,1-3,0 bei 23,9% und bei 3,1-4,0 bei 26,9%.
Also: Der Prostatakrebs ist bei Männern mit einem PSA <4,0 ng/ml keineswegs selten, auch wenn das einem “Normwert” entspricht!
(Thompson IM, et al. Prevalence of prostata cancer among men with a protata specific antigen level <4,0 ng/ml. N Engl J Med 2004;350:2239-46)

Prophylaxe des Prostatakrebs

  • Mehr Ejakulationen weniger Prostatakrebs! Erweitert kann man aus neueren Studien auch sagen: Sexuelle Aktivitäten aller Art sind gut für die Prostata. (u.a. Rider JR, et al: Eur Urol, 29.3.2016)
  • Männer, die wenigstens drei Stunden in der Woche Sport treiben (also auch hier diese ominöse 3 in 3 – Regel!), haben ein 70 Prozent niedrigeres Risiko, dass bei ihnen fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert wird. Die Studie der Harvard School of Public Health mit einer Laufzeit von 1986 bis 2000 konzentrierte sich auf die Daten von 47.620 US-Amerikanern.
  • Männer, die zuviel Multivitamin-Präparate einnehmen, haben ein bis zu 30% erhöhtes Risiko für die tödliche Form von Prostatakrebs. Besonders hoch ist die Gefährdung, wenn diese Krebsart in der Familie gehäuft auftritt. Also: Hände weg von Multivitaminpräparaten!
  • Viel Gemüse (v.a. gekochte Tomaten, Soyaprodukte, Kohlarten): siehe www.dr-walser.ch/krebsvorsorge/!
  • Aber: Täglich mindestens 600 IU Vitamin D reduziert das Risiko für ein Prostatakrebs um 40%! (Vitamin D and prostate cancer risk: a review of the epidemiological literature, Gupta D, Lammersfeld CA, Trukova K et al. Prostate Cancer Prostatic Dis 2009 (September); 12: 215-26, http://fulltext627.notlong.com/)
  • Die Untergruppenanalyse einer Studie mit 6000 Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs, die entweder chirurgisch oder strahlentherapeutisch behandelt wurden, deckte auf, dass Aspirin der wichtigste Faktor zur Reduktion der Mortalität darstellte (nur 3% gegenüber 8% ohne Aspirin!): also 100mg Aspirin täglich! (Choe K, et al. JCO August 27, 2012; JCO.2011.41.0308)

Risikorechner

Das Prostatascreening ist Gegenstand des PRIAS-Projektes (Prostate cancer research international: active surveillance), das dort anfängt, wo ERSPC aufhört. ERSPC überblickt die Daten von 220’000 Männern aus acht europäischen Ländern (u.a. der Schweiz). Sie hoffen auf rege Teilnahme von Ärzten und Patienten, denn die Website www.prias-project.org ist für jedermann zugänglich. Ärzte können die Daten ihrer Patienten hier anonym eingeben und sie weiterverfolgen lassen. Auch Patienten selbst können ihre Daten eintragen. Neben der Dateneingabe findet sich auch ein Algorithmus, der die Überwachung leitet und der auf den Ergebnissen von drei Langzeitstudien basiert:

Risikorechner: www.prostatecancer-riskcalculator.com/via.html !

Weitere Risikoabwägung durch das sehr kompetente Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Vasektomie und Prostatakrebs?!

Einige Studien hatten einen Zusammenhang zwischen Vasektomie (Unterbindung des Mannes) und späterem Prostatakrebs ergeben. Nun wurde in einer sehr grossen Studie mit 360’000 Männern mit 30 Jahre Nachbeobachtung, 7500 tödliche Prostatakrebsfälle ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie festgestellt. In einer Subgruppe von 67’000 Patienten trat bei 9100 Prostatakrebs ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie auf. Beruhigend! (Jacobs EJ, et al. J Clin Oncol. 2016;34(32):3880-5.)

Rechter Zeigefinger zu rechtem Ringfinger…

Eine interessante Studie zeigt, dass Männer mit längerem rechtem Zeigefinger (als rechtem Ringfinger) 30% weniger an Prostatakrebs leiden. (British Journal of Cancer, 30 November 2010 © Nature Publishing Group: Hand pattern indicates prostate cancer risk. A A Rahman, A Lophatananon, S S Brown et al. )

Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
31. Januar 2019