Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom

    Chronisches Beckenschmerzsyndrom

    Chronisches Beckenschmerzsyndrom – beim Mann: Chronische Prostatitis

    Betroffen sind meist Männer über 50. Es tritt dann als sog. „chronische Prostatitis“ auf, ein Sammeltopf für Beschwerden, die aus der Prostata selber oder deren Umgebung, z.B. dem Beckenboden kommt. 90% aller symptomatischen, chronischen „Prostatitisfälle“ gehören zu diesem etwas unklaren Umgebungsschmerz.
    Man spricht dann von „Chronischem Beckenschmerzsyndrom“ („Chronic Pelvic Pain Syndrome“ – CPPS).

    Bei Frauen tritt es sehr ähnlich mit teils starken Schmerzen im Unterbauch und unterem Rücken auf. Es wird dann häufig als rein gynäkologisches Problem angesehen (z.B. Schmerzen aus Eierstock, Gebärmutter oder Scheide). Die Schmerzen sind aber multifaktoriell, d.h. primär wohl aus Muskel-Bindegewebe und ausstrahlend dann auch aus den Beckenorganen.
    Die typischen Symptome sind mindestens drei Monate dauernde Schmerzen im Damm (50%), allenfalls Hodensack und Hoden (40%), über Schambeinfuge/Blase (6%), Penis (6%), Lenden, Kreuzbein oder untere Wirbelsäule (2%). Die Schmerzen können beim Mann auch während oder nach der Ejakulation auftreten. Es kann eine Potenzstörung bestehen. Häufig ist alles kombiniert mit Blasenfunktionsstörungen (Häufiges Wasserlösen, Harndrang, schlechter Harnstrahl, initiales Warten, mehrzeitiges Wasserlösen). Bei der Frau auch mit Perioden-  und Beckenschmerzen, die auch die Sexualität beeinträchtigen können.
    Therapeutisch gibt man beim Mann in der „Schulmedizin“ meist mehrmonatig Antibiotika, eventuell auch nur stossweise, jedoch oft ohne Erfolg, da eben die bakterielle Ursache sehr selten, resp. sehr umstritten ist. Die Leidenswege der Patienten ist meist lang und frustrierend. Die Urologen oder Gynäkologen meist überfordert und tun aus Ohnmacht Dinge, die man hier nie tun sollte (zum Beispiel Operieren!).

    Eindrücklich hat eine solche Leidensgeschichte Tim Parks geschildert (Tim Parks: „Die Kunst Stillzusitzen“ – Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung): Stillsitzen lautete die Lösung, und atmen…. Zu dieser „Heilsrichtung“ Weiterlesen: dr-walser.ch/entspannung/

    Pelvic Congestion Syndrome PCS der Frau

    15 Prozent der Frauen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren klagen über chronische Unterbauchbeschwerden. Das Pelvic Congestion Syndrom ist nach der Endometriose die zweithäufigste Ursache für Unterbauchschmerzen bei Frauen. Es gibt auch einen Overlap zwischen Endometriose und Beckenvenensyndrom, da einige Frauen mit Endometriose erst nach Behandlung der betroffenen Beckenvenen beschwerdefrei werden. Zudem wird die Erkrankung oft nicht oder sehr spät diagnostiziert. Ein neuartiger Screening-Score erleichtert die Diagnosestellung.

    In den meisten Fällen kann das Beckenvenensyndrom minimal-invasiv mittels Kathetereingriff im ambulanten Setting behandelt werden. Die Erfolgsquote in der Angiologie des Unispitals Zürich USZ liegt bei über 90%, wobei die meisten Frauen beschwerdefrei werden.

    PCS-Score nach Prof. Nils Kucher:

    Symptome / Befunde

    • Unterbauchschmerz mehr als drei Monate (3 Punkte)
    • Krampfadern am Scheideneingang (2)
    • Krampfadern an den Beinen (behandelt/unbehandelt) (2)
    • Verstärkung des Schmerzes (z. B. durch aufrechte Körperposition, Geschlechtsverkehr oder Regelblutung) (1)
    • eine oder mehrere Geburten (1)
    • Erkrankungen der Gebärmutter, Eierstöcke, Blase und Darm unwahrscheinlich (1)
    1 – 2 PunktePCS wenig wahrscheinlich
    3 – 5 PunktePCS möglich
    6 – 10 PunktePCS wahrscheinlich

    (Dieser Score beruht auf Erfahrungswerten und wurde noch nicht wissenschaftlich validiert.)

    Broschüre über das PCS

    Neuroinflammation

    Typisch für eine Hypersensibilität oder Übererregbarkeit unseres Nervensystems sind chronische Schmerzzustände, die überall, aber mit Hauptgewicht im Becken/Unterleib auftreten können. Man findet mit der Zeit auch immer eine Entzündung unseres Nervensystems (peripher und im Gehirn), Neuroinflammation genannt. Diese ist meist eine Stresskrankheit (Dauerstress, d.h. chronischer Disstress) – und auch fast immer kombiniert mit Schlafstörungen und Schlafmangel.
    Daraus leitet sich auch als Therapie für das Chronische Beckenschmerzsyndrom die mässige, aber regelmässige Bewegung und eine Entzündung senkende Ernährung (mediterrane Ernährung und Kurzfasten/16:8) ab.

    Beckenbodenverspannung

    Mitbeteiligt ist meist auch eine Beckenboden-Verspannung. Der Beckenboden ist eine etwa Handteller grosse, horizontal gelegene Muskelplatte unter unseren Beckenorganen und enthält schlingenförmig die Ringmuskeln des Afters und des Blasenausgangs. Spannung und Entspannung, Zurückhalten und Loslassen ist demnach für diesen Muskel immens wichtig; Verspannungen also ebenfalls ziemlich häufig. Besonders Männern ist dieser Teil unseres Körpers ziemlich fremd – Frauen hingegen haben spätestens in einer Schwangerschaft viel Kontakt damit. Und bei Männern liegt nun auch die Prostata direkt auf dem Beckenboden und wird durch Spannungen desselben arg gebeutelt.
    Warme Sitzbäder entspannen das Becken mit seinem Inhalt. Ebenfalls körperliche Bewegung und Stuhlregulierung (meist liegt ja auch durch Verspannung „hinten“ eine Verstopfung, ev. auch Hämorrhoiden vor.) oder Belladonna und Ichthyol enthaltende Zäpfchen (durch Hausarzt verschreiben lassen).

    Entspannungsübungen für diesen Bereich sind auch sehr sinnvoll:
    Sitzen Sie still einen Moment hin und beobachten Sie Ihren Atem – ohne etwas zu verbessern oder irgendwohin zu gelangen. Sitzen Sie so, dass der Beckenboden passiv zwischen den beiden Schambeinästen wie ein Trommelfell gespannt wird: Setzen Sie die Füsse etwas auseinander auf den Boden, parallel zueinander (d.h. Fussspitzen leicht gegen innen). So fallen die Knie nach innen – und so gehen die Sitzbeine und die Schambeinäste auseinander – das Becken bekommt unten und hinten mehr Platz, der Beckenboden wird passiv gespannt – das Becken ist eine entspannte Schüssel mit flachem Boden. Nehmen Sie das Gesäss nach hinten, so dass Sie vor Ihre Sitzbeinhöcker zum sitzen kommen. Man hat ein leichtes und lockeres Hohlkreuz (ev. kleines Kissen dort hinein), das Gewicht des ganzen Oberkörpers kann in das Becken abgegeben werden. Das Brustbein schwebt hoch und vorne (nicht hochziehen) und die Schultern hängen frei (und sind nicht nach hinten gezogen). Der Kopf sitzt locker und frei oben drauf. Diese Sitzhaltung können Sie so oft einnehmen, wie es geht. Sie sollte für jemand mit chronischen Beckenschmerzen zur Normalhaltung werden.
    Spüren Sie nun nochmals, ob Sie den After-Schliessmuskel anspannen. Wenn ja, dann spannen Sie ihn noch ein wenig mehr an (ohne gleichzeitig die Bauchmuskeln zu spannen) und lassen ihn dann nach einer Sekunde wieder völlig los. Dies können Sie gleich als Übung fünfmal wiederholen: Kurz zusammenziehen und gleich wieder entspannt loslassen. Dann gleich anschliessend zusammenziehen und 5 Sekunden angespannt lassen und erst dann wieder loslassen. Und auch dies 5 mal wiederholen. Dies wiederholen Sie mehrmals am Tag, wann Sie gerade daran denken. Beim Wasserlösen unterbrechen Sie ebenfalls mehrmals den Strahl und ziehen die Peniswurzel (die Frau wie ein Tampon in der Vagina) etwas hinein – wieder ohne die Bauchmuskeln gleichzeitig zu spannen. Einen Schritt weiter können Sie gehen, indem Sie den Beckenboden im Bereich der Prostatagegend, resp. gegen den Damm selbst massieren: Streichen Sie etwas Vaseline an ihren Zeigefinger und führen Sie diesen ca. 3- 5 cm in den After ein. Dann massieren Sie kräftig in Richtung des Bauches. Natürlich sollte dies keinen Schmerzen verursachen, sondern im Gegenteil angenehm sein.

    (Copyright bei Frau B. Bexte)

    Analmassage

    Eine Steigerung zur Entdeckung und Belebung dieses Beckeninnenlebens ist die Analmassage. Erforschen Sie selbst mit einem Ihrer Finger und etwas Vaseline oder Gleitgel. Legen Sie sich nackt und entspannt auf Ihre Seite oder auf den Rücken oder den Bauch – wie es Ihnen am leichtesten geht. Massieren Sie zuerst etwas Ihre Pobacken, das Kreuzbein, der untere Rücken und dann lange um den After. Erst wenn Sie bereit sind gleiten Sie langsam in den After hinein und dehnen etwas in allen Richtungen den äusseren und inneren Ringmuskel, den Sie ganz aussen als kräftiges Band rundherum spüren. Erst wenn diese weich sind und etwas nachgelassen haben, gleiten Sie langsam tiefer. Nehmen Sie eine imaginäre Uhr als Orientierung, die auf dem After liegen würde und nehmen wir an, dass bei 6 Uhr das Steissbein (der unterste Teil der Wirbelsäule) liegt und bei 12 Uhr der Damm und die Hinterseite des Hodensacks.
    Erforschen Sie gleich mal sanft von Innen bei 6 Uhr das Steissbein. Ist es beweglich? Liegt es in der Mitte oder ist die Spitze gegen eine Seite etwas abgewinkelt?
    Dann weiter bei etwa 5 Uhr finden Sie das linke Sitzbein. Befreien Sie die Umgebung etwas. Gegen 7 Uhr liegt das rechte Sitzbein. Ist es hier gleich anzufühlen wie auf der anderen Seite?
    Wandern Sie gleich weiter nach 9 Uhr. Dehnen Sie Ihren Beckenbodenmuskel etwas mit runden Bewegungen nach aussen. Über 10 und 11 Uhr kommen Sie dann gegen vorne hinter das Schambein (besser wäre „Scharmbein“!). Wenn Sie dort etwas tiefer rein gleiten, werden die Männer auf einen festeren, prall-elastischen Hügel stossen, der normalerweise etwa die Grösse einer Zwetschge hat: Ihre Prostata! Ist die Oberfläche glatt und nicht schmerzhaft? Oder wie?
    Dann wandern Sie langsam über 1  und 2 nach 3 Uhr, auf Ihre linke Seite und dehnen dabei wieder sanft aber kräftig Ihren Beckenbodenmuskel gegen aussen. Dann nach 4 und 5 Uhr (hier stossen Sie wieder auf Ihr linkes Sitzbein) und hinten bei 6 Uhr zum Steissbein.
    Von dort wieder sehr langsam Abschied nehmen und den Finger sehr behutsam und langsam raus ziehen.

    Wie fühlt sich jetzt Ihr Becken-Innenleben an? Achten Sie auch beim nächsten Sex auf dieses Gefühl im Becken drin.

    Muskuläre Triggerpunkte

    Wiederkehrender Becken- und Prostataschmerz kann auch als begleitende Missempfindung aus sog. Triggerpunkten in anderen umliegenden Muskeln entstehen. Dabei wäre v.a. der M. Adduktor magnus abzuklären und zu therapieren (mittels myofaszialer Triggerpunkttherapie).

    Ilio-Sacral-Gelenk-Blockade (ISG-Block)

    Was Sie auch abklären müssten, falls Sie zusätzliche Rückenschmerzen ums Kreuzbein haben, ob nicht noch ursächlich eine sog. Ilio-Sacral-Gelenk-Block vorliegt, eine Blockade des Kreuzbein-Beckenschaufel-Gelenks rechts oder links, welche ebenfalls zu einer Verspannung des Beckenbodens führen kann. Dies diagnostizieren und gleichzeitig mit Manipulationen therapieren, könnte ein Chiropraktiker oder Arzt mit manueller Ausbildung. Die oben beschriebene Sitzhaltung gibt dem Kreuzbein viel mehr Raum zwischen den Beckenschaufeln und wirkt prophylaktisch enorm gegen ständig rezidivierende ISG-Blockaden.

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    07. Dezember 2024

  • Prostatakrebs und der PSA-Test

    Prostatakrebs und der PSA-Test

    PSA-Test als Screening?

    PSA-Screening: Nutzen minimal, unerwünschte Effekte beträchtlich!

    Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes und die zweithäufigste Krebstodesursache. Früh erkannt, ist das Prostatakarzinom aber gut heilbar.
    Und: nicht jeder Krebs benötigt eine Therapie.
    Sich gut zu informieren und regelmässig eine Vorsorgeuntersuchung zu machen, ist sicher der erste Schritt.

    PSA ist auch bei den sehr häufigen gutartigen Prostatavergrösserungen erhöht (oder bereits auch wenig nach einer ärztlichen Austastung des Enddarmes >>>
    Bei einer grossen Auswertung lässt sich bei zwei von drei Männern mit leicht positivem PSA-Test kein Karzinom nachweisen (Genaueres dazu >>>). Zudem besteht bis heute kein Konsens über die Behandlung: Der Krebs der Vorsteherdrüse wächst häufig sehr langsam, so dass frühzeitig erkannte Tumoren vor allem bei älteren Männer oft nicht klinisch bedeutsam werden.

    Tatsache 1)
    40 Prozent aller 50jährigen Männer haben in der Autopsie einen Prostatakrebs und nur 3% davon würden daran sterben und nur bei 17% würde er überhaupt klinisch manifest, hingegen 83% werden zeitlebens davon nichts merken! 

    Bislang lässt sich zudem nicht schlüssig vorhersagen, wer von einer radikalen Entfernung der Prostata (radikalen Prostatektomie) profitiert, die mit erheblichen Komplikationen wie Tod (1,5%), Inkontinenz (2-6%) und Erektionsverlust (20 bis 80%!) einhergehen kann. Alternativ wird daher auch eine abwartende symptomorientierte Haltung empfohlen. Untersuchungen, die den langfristigen Nutzen beider Verfahren vergleichen, fehlen bislang ebenso wie zu den psychischen Auswirkungen der Vorsorge.

    Schlussfolgerung: Bei nicht mehr organbegrenztem Prostatakrebs oder Lebenserwartung weniger als 10 Jahre: Therapie erst bei Auftreten von Symptomen.

    Testbedingungen und Werte

    • Prostatakrebs-Häufung in der Familie (Bruder/Vater)
    • Wunsch des Patienten…
    • PSA macht nur Sinn bei Männer mit einer Lebenserwartung von mindestens 10 Jahren, die im Falle eines erhöhten PSA (trotz Wissen der Tatsache 1) bereit sind, ein MRI/Prostatabiopsie durchführen und sich bei positivem Befund auch operieren zu lassen.
    • Alter entscheidend:
      Unter 50jährig nie PSA
      machen lassen (ausser bei familiärer Belastung (v.a., falls Bruder oder/und Vater Prostatakrebs haben) mit Prostatakrebs bereits ab 40. Altersjahr).
      Alle Männer über 50jährig:
      Wenn ein Mann einen PSA-Wert unter 1 ng/ml aufweist, ist eine erneute Messung zu Screening-Zwecken frühestens nach 5 Jahren erforderlich – bei 60jährigen gar nie mehr.
      Bei initialem PSA kleiner 2 ng/ml: weiter zweijährlich.
      In der Grauzone im Bereich eines PSA-Werts von 2 bis 10 setzt man weitere Tools zur Risikoeinschätzung und Diagnose ein:
      Rektale ärztliche Abtastung, mit der Einschränkung, dass man da nur die Rückfläche der Prostata abtasten kann, oder auch – seit 2020 – der Stockholm-3-Test. Dieser Test ermittelt über genetische Marker, serologische Parameter und klinische Befunde einen Risiko-Score, der das weitere Vorgehen definiert. „Die Studien aus Schweden haben gezeigt, dass der Test dazu führt, dass 30 bis 40% weniger MRIs und 8 bis 10% weniger Biopsien notwendig sind, ohne dass dabei die Diagnose von schweren Krebserkrankungen beeinträchtigt wäre.“
      Über 75jährig ist der Nutzen bereits fraglich. (Studie).
      .
    • Vor der Untersuchung mindestens drei Tage nicht Velofahren, nicht Reiten oder grössere Wanderungen und keinen Samenerguss.
      Bei Männer, die regelmässig Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac oder ähnliche Schmerzmittel einnehmen, fallen die PSA-Werte zehn Prozent niedriger aus.
      6 Monate nach Stent-Einlage am Herzen ist der PSA-Test falsch hoch.
      Im Anschluss (und nicht vorher) muss der Hausarzt unbedingt die Prostata via Anus vom Enddarm her abtasten.

    PSA mit 60 Jahren unter 1 ng/ml: lebenslang keine weiteren Teste mehr

    Obwohl auch Männer mit einem PSA-Wert von weniger als 1 mcg/l später an einem Prostatakarzinom erkranken können, zeigt ein solcher Wert im Alter von 60 Jahren ein sehr niedriges Risiko für relevante Prostatakarzinome im späteren Leben an. Ein Verzicht auf weitere Screening-Untersuchungen machen deshalb bei Männern über 60 mit einem so kleinen Erkrankungsrisiko Sinn. (Vickers AJ, Cronin AM, Björk T et al. Prostate specific antigen concentration at age 60 and death or metastasis from prostate cancer: case-control study. BMJ 2010 (14. September); 341: c4521)

    Wiederholung steigert Aussagekraft

    PSA-Geschwindigkeit (ng/ml/Jahr, absolute jährliche Zunahme des Serum-PSA = PSAV) und PSA-Verdopplungszeit (Jahre, berücksichtigt exponentielle Natur der PSA-Zunahme und widerspiegelt somit eine relative Veränderung = PSADT = log(2) x t / (log (letztes PSA) – log (initiales PSA)) wobei t die Zeit zwischen den beiden PSA-Bestimmungen ist. ) sind aussagekräftig, da die BPH (benigne Prostatahyperplasie) ihr Volumen nur rund alle zehn Jahre verdoppelt, das klinisch organbegrenzte Carcinom aber alle drei bis vier Jahre. Diese beiden dynamischen Konzepte wurden deshalb in letzter Zeit in der Praxis immer wichtiger. Auch bei normalem PSA können so durch dessen Verlaufswerte eine Gefährdung frühzeitig gefunden werden.

    „Normaler“ PSA-Wert?

    Was heisst normal? Der Konsens sagt bis 4,0 ng/ml.
    Von rund 18000 Männern einer Studie erhielten  9459 Plazebobehandlung, jährliche PSA-Bestimmung und rektale Palpation. 2950 hatten zu keiner Zeit ein PSA >4,0 ng/ml oder eine abnorme Rektalpalpation, hatten eine abschliessende PSA-Bestimmung und eine Prostatabiopsie. 449 von 2950 (15,2%) hatten ein Prostatakarzinom. Die Prävalenz eines Prostatakarzinoms war bei einem PSA >0,5 bei 6,6%; bei 0,6-1,0 bei 10,1%; bei 1,1-2,0 bei 17,0%; bei 2,1-3,0 bei 23,9% und bei 3,1-4,0 bei 26,9%.
    Also: Der Prostatakrebs ist bei Männern mit einem PSA <4,0 ng/ml keineswegs selten, auch wenn das einem „Normwert“ entspricht!
    (Thompson IM, et al. Prevalence of prostata cancer among men with a protata specific antigen level <4,0 ng/ml. N Engl J Med 2004;350:2239-46)

    Stockholm-3-Test

    Hierzu muss gesagt werden, dass bei diesem Test 2023 keine Angaben darüber bestehen, was bei einem positiven Stockholm-3-Test geschieht. Männer werden wie beim PSA-Test in eine riskante Untersuchungs- und Behandlungsmaschinerie geraten. Dem gegenüber steht der nicht belegte langfristige Nutzen von Stockholm-3. Zur Aussage, dass der neue Test genauer Prostatakrebs erkennen kann, muss auch erwähnt werden, dass dies nichts an der Tatsache ändert, dass die Mehrheit der Prostatatumore äusserst langsam wächst. Oder anders gesagt: Wenn ein langsam wachsender Tumor erst mit 130 Jahren krank macht, dann spielt es keine Rolle, ob man ihn früh entdeckt oder nicht. Es ist eine Tatsache, dass bei den meisten Männern ein Prostatakarzinom nie zu einer relevanten Erkrankung oder einem Leiden führt.
    Fazit: Stockholm-3 wird erst dann relevant, wenn er nachweislich Leben rettet und Leiden verhindert. Beides ist aber 2023 bei Stockholm-3 nicht belegt.

    Prophylaxe des Prostatakrebs

    • Mehr Ejakulationen weniger Prostatakrebs! Erweitert kann man aus neueren Studien auch sagen: Sexuelle Aktivitäten aller Art sind gut für die Prostata. (u.a. Rider JR, et al: Eur Urol, 29.3.2016)
    • Männer, die wenigstens drei Stunden in der Woche Sport treiben (also auch hier diese ominöse 3 in 3 – Regel!), haben ein 70 Prozent niedrigeres Risiko, dass bei ihnen fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert wird. Die Studie der Harvard School of Public Health mit einer Laufzeit von 1986 bis 2000 konzentrierte sich auf die Daten von 47.620 US-Amerikanern.
    • Männer, die zuviel Multivitamin-Präparate einnehmen, haben ein bis zu 30% erhöhtes Risiko für die tödliche Form von Prostatakrebs. Besonders hoch ist die Gefährdung, wenn diese Krebsart in der Familie gehäuft auftritt. Also: Hände weg von Multivitaminpräparaten!
    • Viel Gemüse (v.a. gekochte Tomaten, Soyaprodukte, Kohlarten) >>> www.dr-walser.ch/krebsvorsorge/
    • Die Untergruppenanalyse einer Studie mit 6000 Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs, die entweder chirurgisch oder strahlentherapeutisch behandelt wurden, deckte auf, dass Aspirin der wichtigste Faktor zur Reduktion der Mortalität darstellte (nur 3% gegenüber 8% ohne Aspirin): also 100mg Aspirin täglich. (Choe K, et al. JCO August 27, 2012; JCO.2011.41.0308)

    Risikorechner

    Das Prostatascreening ist Gegenstand des PRIAS-Projektes (Prostate cancer research international: active surveillance), das dort anfängt, wo ERSPC aufhört. ERSPC überblickt die Daten von 220’000 Männern aus acht europäischen Ländern (u.a. der Schweiz). Sie hoffen auf rege Teilnahme von Ärzten und Patienten, denn die Website www.prias-project.org ist für jedermann zugänglich. Ärzte können die Daten ihrer Patienten hier anonym eingeben und sie weiterverfolgen lassen. Auch Patienten selbst können ihre Daten eintragen. Neben der Dateneingabe findet sich auch ein Algorithmus, der die Überwachung leitet und der auf den Ergebnissen von drei Langzeitstudien basiert:

    Risikorechner: www.prostatecancer-riskcalculator.com/

    Weitere Risikoabwägung durch das sehr kompetente Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

    Vasektomie und Prostatakrebs?

    Einige Studien hatten einen Zusammenhang zwischen Vasektomie (Unterbindung des Mannes) und späterem Prostatakrebs ergeben. Nun wurde in einer sehr grossen Studie mit 360’000 Männern mit 30 Jahre Nachbeobachtung, 7500 tödliche Prostatakrebsfälle ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie festgestellt. In einer Subgruppe von 67’000 Patienten trat bei 9100 Prostatakrebs ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie auf. Beruhigend! (Jacobs EJ, et al. J Clin Oncol. 2016;34(32):3880-5.)

    Rechter Zeigefinger zu rechtem Ringfinger

    Eine interessante Studie zeigt, dass Männer mit längerem rechtem Zeigefinger (als rechtem Ringfinger) 30% weniger an Prostatakrebs leiden. (British Journal of Cancer, 30 November 2010 © Nature Publishing Group: Hand pattern indicates prostate cancer risk. A A Rahman, A Lophatananon, S S Brown et al.)

    Update 2020

    Jetzt kommt auch das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu dem Schluss, dass der Test mehr schadet als nützt (https://www.iqwig.de/de/presse/pressemitteilungen/2020/prostatakarzinomscreening-mittels-psa-test-nutzen-wiegt-den-schaden-nicht-auf.12747.html).

    Dafür werteten die Wissenschafter elf Studien mit insgesamt mehr als 400000 Teilnehmern aus. Ihre Erkenntnisse: Von 1000 Männern bewahrte der Test im Laufe von zwölf Jahren lediglich drei vor einem Krebs mit Ablegern in anderen Organen (siehe Tabelle). Das frühzeitige Erkennen hatte aber keinen Einfluss darauf, ob die Patienten später sterben. Bei 200 von 1000 Teilnehmern war der Test zwar positiv, einen Tumoren konnten weiter Abklärungen nicht bestätigen. Das heisst: Diese Patienten versetzte der Test in unnötige Angst.

    Und bei etwa 35 bis 60 von 1000 Männern erkannte der Test zwar richtigerweise den Prostatakrebs. Der hatte jedoch – weil die Krankheit nur sehr langsam voranschreitet – keinen Einfluss auf die Lebenserwartung gehabt und vermutlich auch nie gesundheitliche Probleme verursacht hätte. Durch solche «Überdiagnosen» folgen unnötige Krebstherapien, die bei den betroffenen Männern Nebenwirkungen und dauerhafte Schädigungen nach sich ziehen können.

    Deshalb lautet das Fazit des Berichts: «Der Test schadet deutlich mehr Männern als er nützt.» Viele Männer müssten wegen Überdiagnosen und Übertherapie mit dauerhafter Inkontinenz und Impotenz rechnen. «Und das in relativ jungem Alter.»

    Update 2023

    Die weltgrösste Studie «European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer – ERSPC» – auch mit Beteiligung in der Schweiz –zeigte, dass der Gebrauch von PSA die Mortalitätsrate um 20 bis 30% senken kann [1], allerdings mit Überdiagnosen verbunden ist.
    Und aus der Aarauer Kohorte (siehe oben) wissen wir, dass rund 50% der Männer, die im Alter zwischen 50 und 75 Jahren erstmalig zu einem PSA-Test eingeladen wurden, einen PSA-Wert zwischen 0 und 1 zeigten; 30% der Männer hatten einen Wert zwischen 1 und 2 und 12% zwischen 2 und 3. Nur ein kleiner Teil, nämlich 8%, hatte einen PSA > 3 ng/ml [2]. Vergleicht man Daten aus Aarau, Göteborg und Rotterdam, so wäre ein Wert bis 2 ng/ml normal [2, 3, 4]. «Es gibt aber eine Grauzone im Bereich eines PSA-Werts von 2 bis 10,» sagt PD Dr. med. Marco Randazzo, Facharzt für Urologie an der Hirslanden Klinik Aarau, «In diesen Fällen setzen wir weitere Tools zur Risikoeinschätzung und Diagnose ein.»

    Das kann einerseits eine digitale rektale Untersuchung (DRU) sein, mit der Einschränkung, dass man da nur die Rückfläche der Prostata abtasten kann, oder auch – seit 2020 – der Stockholm-3-Test. Dieser Test ermittelt über genetische Marker, serologische Parameter und klinische Befunde einen Risiko-Score, der das weitere Vorgehen definiert. „Die Studien aus Schweden haben gezeigt, dass der Test dazu führt, dass 30 bis 40% weniger MRIs und 8 bis 10% weniger Biopsien notwendig sind, ohne dass dabei die Diagnose von schweren Krebserkrankungen beeinträchtigt wäre“, erläutert Randazzo [6. 7].

    Darüber hinaus haben sich die bildgebenden Verfahren und die Biopsietechniken verbessert. «Heute setzen wir das MRI in Kombination mit Ultraschall ein, um signifikante Tumore besser zu detektieren,» sagt Randazzo. MRI und Ultraschall werden fusioniert und überlagert. Diese Biopsietechnik ist viel genauer und der Eingriff weniger belastend.

    Sollte die Diagnose danach «therapiebedürftiger Prostatakrebs» lauten, haben sich auch die Behandlungsmethoden verbessert. Mittels neuster Robotik kann der Tumor mit weniger Blutverlust und weniger Schmerzen entfernt werden. «Die Operation ist nicht trivial, liegt das Organ doch im kleinen Becken, eingebettet im Beckenboden, nahe dem Schliessmuskel, und kann somit die Erektion und Kontinenz beeinflussen», meint Randazzo. «Da hilft es uns, dass wir feinere Instrumente einsetzen, den Operationsbereich bis zu 10-fach vergrössern können und dazu eine 3D-Ansicht des Organs haben.» Darüber hinaus können Urologinnen und Urologen einen hochintensiven, fokussierten Ultraschall einsetzen, um den Tumor schonend zu zerstören, ohne das umliegende Gewebe zu stark zu beeinträchtigen. Diese HIFU-Therapie bietet sich vor allem bei lokal begrenztem Prostatakrebs von geringer bis mittlerer Aggressivität an.

    Und schliesslich gibt es noch die Brachytherapie. «Diese Therapie ist etwas in Vergessenheit geraten, obwohl sie gute Resultate zeigt,» kommentiert Randazzo. Bei dieser lokalen Strahlentherapie werden kleine radioaktive «Seeds» – kleine Jod-125-haltige Kügelchen – in die Prostata implantiert. In der Folge werden die Prostatakrebszellen durch die Strahlung, die von den Seeds ausgeht, lokal abgetötet. «Wir haben so eine nebenwirkungsarme und effektive lokale Strahlentherapie,» sagt Randazzo.
    (Schweiz Ärztezeitung, 2023;104(37):8-9)

    Literatur:
    1) Hugosson J et al. (2019) A 16-yr Follow-up of the European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer. Eur Urol. 2019 Jul;76(1):43-51
    2) Randazzo M et al (2014) A „PSA pyramid“ for men with initial prostate-specific antigen ≤3ng/ml: a plea for individualized prostate cancer screening. EurUrol. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2014. 04.005
    3) Franlund M et al (2018) Prostate cancer risk assessment in men with an initial P.S.A. below 3ng/mL: results from the Goteborg randomized population-based prostate cancer screening trial. ScandJUrol52(4):256–262
    4) Bul M et al (2011) Prostate cancer incidence and disease-specific survival of men with initial prostate-specific antigen less than 3.0ng/ml who are participating in ERSPC Rotterdam. EurUrol 59(4):498–505
    5) Grönberg H et al. (2015) Prostate cancer screening in men aged 50-69 years (STHLM3): a prospective population-based diagnostic study. Lancet Oncol. 2015 Dec;16(16):1667-76
    6) Nordström T et al. (2021) Prostate cancer screening using a combination of risk-prediction, MRI, and targeted prostate biopsies (STHLM3-MRI): a prospective, population-based, randomised, open-label, non-inferiority trial. Lancet Oncol. 2021 Sep;22(9):1240-1249

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    28. September 2024

  • Reizdarm vs. Bauchzufriedenheit

    Reizdarm vs. Bauchzufriedenheit

    Der „gereizte“ Darm

    Vorausgeschickt: Ein „Reizdarm“ ist wohl gar keine eigenständige Krankheit – und wird momentan von der Pharmaindustrie massiv (mit Berichten und Kongressen) zu einer geformt, da mehrere neue Medikamente dagegen in der Pipeline stecken (sog. „Disease Mongering“).

    Der Reizdarm ist eher ein Abweichen vom „guten Gefühl im Bauch“. Etwa 7% der Bevölkerung bei uns leidet darunter.
    Wie könnte dies zustande kommen?

    Es existieren verschiedene Bezeichnungen für das Reizdarmsyndrom (RDS): „Irritable Bowel Syndrome“ (IBS) oder „Funktionelle gastrointestinale Störungen“ (FGS). Ist vor allem der Dickdarm betroffen, spricht man auch vom Reizdickdarm oder „Colon irritabile“, auch vom spastisches Kolon.

    Zum „lächelnden“ oder „traurigen Darm“ siehe die charmante Medizinstudentin und Science Slam – Gewinnerin Giulia Enders: www.youtube.com/watch?v=2qo3ueVlyUY

    Ursache

    Man geht heute davon aus, dass dem Reizdarmsyndrom ein komplexes Geschehen zu Grunde liegt, in dem körperliche und psychologische Faktoren zusammenkommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei unser „zweites Gehirn“, das sogenannte enterische Nervensystem (ENS), früher auch Plexus Auerbachii genannt. Im Bereich von Speiseröhre, Magen und Darm besitzen wir ein zweites Nervensystem. Dieses „Bauchhirn“ ist mit seinen rund 100 Millionen in den Eingeweiden und Darmwänden verankerten Nervenzellen weitaus komplexer als das gesamte neuronale Netz im Rückenmark (auch 95% des Serotonins werden dort produziert). Man nimmt heute an, dass dieses Nervengeflecht, zusammen mit den 70% des Immunsystems, die im Darm lokalisiert sind, auch über ein Gedächtnis verfügt. Dieses hilft dem Darm, mit den Tausenden von chemischen Stoffen bis hin zu Toxinen, die im Darm anfallen, sehr selbständig fertig zu werden. Verbindungen zum Grosshirn sind vorhanden. Ein wichtiges Indiz für die Selbständigkeit des „Darmgehirns“ ist, dass die Bahnen zum Grosshirn sehr ausgeprägt, diejenigen von dort in den Darm nur spärlich sind. Diese Informationen vom Darm ans Grosshirn sind für die Stimmungen und Emotionen des Menschen sehr wesentlich (Die Liebe geht durch den Magen… aus dem hohlen (oder vollen) Bauch entscheiden…). Eine Hypothese lautet, dass beim IBS die vom Bauch gesandten Informationen nicht genügend unbewusst gemacht und ausgefiltert werden können. ( Literatur: Michael Gershon: „Der kluge Bauch“, Goldmann, München, 2001. www.geo.de/themen/medizin_psychologie/zweites_gehirn/index.html ;europäische Neurogastroentorologie: www.neurogastro.org , Deutschland: www.neurogastro.de ).

    Zu viele Reize aus dem Darm an unser Grosshirn und eine bestehende Hypersensibilität können beim Reizdarm, analog der Reizblase zu dem bekannten Symptomenkomplex führen (viszerale Hyperalgesie).
    Zum Beispiel trifft man beim Reizdarm viele Menschen, die immer viele kleine Portionen über den Tag (und die Nacht) weg essen, da sie grössere Mahlzeiten schlecht ertragen. Ein Teufelskreislauf, der zu sehr vielen Reizmeldungen aus dem Darm zum Hirn führt und die Hypersensibiltät (und auch eine damit einhergehende Neuroinflammation) verstärkt. Dies findet man ja auch bei der Reizblase durch stetes Trinken von kleinen Mengen in kurzen Abschnitten.

    Abgrenzung und Überschneidung mit SIBO

    SIBO „small intestinal bacterial overgrowth“ ist ein häufiges Krankheitsbild und eine mögliche Differentialdiagnose bei therapierefraktären Reizdarmbeschwerden.
    Weiterlesen über SIBO : SIBO_small_intestinal_bacterial_overgrowth.pdf
    – und die Kritik zu diesem Krankheitsbild: SIBO-Kritik.pdf

    Ausschreibung einer Weiterbildung über SIBO an der Uniklinik Zürich vom 31.10.2023:
    „ Die Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (Small intestinal bacterial overgrowth; SIBO) ist ein Krankheitsbild, das vor wenigen Jahren im Grunde noch weitgehend unbekannt war.
    Inzwischen wird SIBO als Ursache der Beschwerden bei einem Teil der Patient*innen mit funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen angesehen.
    Im diagnostischen H2 Atemtest findet sich eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarmes bei bis zu 34 % der Patienten mit gastroenterologischen Beschwerden (Efremova I, et al. Epidemiology of small intestinal bacterial overgrowth. World J Gastroenterol. 2023 Jun 14;29(22):3400-3421.)

    Das SIBO-Risiko steigt mit zunehmendem Alter und ist unabhängig von Geschlecht oder Rasse. Eine Therapie mit Protonenpumpenhemmern scheint ein Risikofaktor für SIBO zu sein.

    In den letzten Jahren wurde SIBO signifikant mit funktioneller Dyspepsie, Reizdarmsyndrom, funktionellem Blähbauch, funktioneller Obstipation, funktionellem Durchfall, Divertikelerkrankung, Zöliakie, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Leberzirrhose, metabolischer Fettlebererkrankung (MAFLD), Diabetes und einer Reihe weiterer Erkrankungen assoziiert. Bei einigen dieser Erkrankungen, darunter Leberzirrhose, MAFLD, Diabetes und Pankreatitis, wurde sogar ein Zusammenhang zwischen der Schwere der Erkrankung und dem Vorliegen von SIBO festgestellt.

    Es bleiben jedoch viele Unsicherheiten und Fragen: Wird die Diagnose nicht zu oft gestellt? Gibt es eindeutige Diagnosekriterien? Ist die bakterielle Besiedlung des Dünndarmes Ursache oder Folge einer gastrointestinalen Erkrankung? Gibt es Behandlungsmöglichkeiten ausser der Gabe von Antibiotika? “ (Fortbildung 10/23 des Universitätsspital Zürich mit Prof. Dr. med. Stephan Vavricka und Prof. Dr. med. Dr. phil Gerhard Rogler)

    Psychosomatische Aspekte

    „Man schluckt alles. Etwas schlägt einem auf den Magen. Man hat die Hosen voll.“
    Das RDS ist ein Abweichen vom „guten Gefühl im Bauch“ mit einer viszeralen Hypersensibilität (=vermehrte Reizbarkeit des Darmes). Vermehrt freigesetztes Serotonin (=hormonähnlicher Stoff) und eine Überempfindlichkeit der Rezeptoren in der Darmwand ergänzen sich, sodass die Schmerzschwelle sinkt. Zudem erhöht die neuronale Hyperaktivität (=erhöhte Nerventätigkeit) die gastrointestinale Motilität (= Darmtätigkeit). Auch hier gleichen sich übrigens unser grosses und kleines Gehirn (die beiden Nervensysteme sind auch über Nerven direkt miteinander verbunden). Während z.B. das Serotonin im Gehirn emotionale Prozesse fördert und stabilisiert, führt es im Bauchgehirn dagegen zu einer gleichzeitigen muskulären „Powerreaktion“ mit Magenkrämpfen oder Durchfall (kann die Magen-Darm-Nebenwirkungen der neuen Psychopharmaka erklären).

    Ich sehe in meiner Praxis nicht so selten einen Reizdarm bei Menschen, die innerlich immer „auf hundertachtzig“ sind, also ganz einfach überreizt. Er zeigt sich dann auch oft kombiniert mit innerer Nervosität und Spannung, einem Reflux des Magens und mit Spannungskopfschmerzen.

    15 bis 20% aller Reizdarmleidende haben zusätzlich eine somatoforme Störung, eine Angststörung oder Depression.

    Depression und Schmerzkrankheiten fördern gestörte Schmerzwahrnehmung im Darm

    Depression und Angststörungen sind häufige, d.h. in 20% Komorbiditäten des Reizdarmsyndroms – bei Chronischen Schmerzkrankheiten (auch Fibromyalgie) sind es fast 50%.  Weitere Komorbiditäten (gemeinsame Krankheitsbilder) sind Schlafmangel, Übergewicht, Diabetes, Drogenkonsum (Opiate!). Erklärbar sind diese Kombinationen nur durch die gemeinsame Hypersensiblität, Hyperreaktivität und gesteigerte Neuroinflammation. Aktuelle Daten weisen den auch in Richtung einer gestörten Verarbeitung viszeraler Schmerzreize in den Gehirnen von IBS-Patienten. Diese Auffälligkeiten sind auch umso ausgeprägter, wenn Patienten deutlichere Anzeichen einer Depression zeigen. Sie sind weniger gut in der Lage, Schmerzsignale aus dem Darm zentral zu unterdrücken.

    Darmflora

    Die Bereicherung der Darmflora verbessert den Reizdarm.
    Was sehr wahrscheinlich bei einer Ernährungsumstellung zur vegetarischen Diät und auch zur Mediterranen Ernährung beim Reizdarm wichtig ist, scheint die Veränderung, die sie auf die Besiedlung mit Darmbakterien bewirkt. Diese Ernährungsweisen bekämpfen die Verarmung dieser Darmbakterien, die höchst wahrscheinlich auch eine sehr wichtige Ursache für den Reizdarm ist.
    >>> Weiterlesen >>> dr-walser.ch/darmflora/

    Noch ein therapeutischer Schritt weiter gehen Stuhltransplantationen:
    2000 wagte Gerhard Rogler vom Universitätsspital Zürich erstmals den unorthodoxen Eingriff bei einer Patientin, die wegen einer rezidivierenden Infektion mit dem Darmkeim Clostridium difficile an krampfartigen Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber litt. Die Ärzte spülten den Darm der Patientin und spritzten danach gereinigten Kot einer Verwandten ein. Die Therapie war erfolgreich. Seither hat Rogler viele weitere Patienten mit einer chronischen C.-difficile-Infektion behandelt – meist mit kompletter Heilung.
    Derweil testen Forscher weltweit die Stuhltransplantation bei einer Reihe weiterer Darmerkrankungen wie Reizdarm, chronischer Verstopfung, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Holländische Forscher haben die Methode bei Patienten, die am metabolischen Syndrom leiden, erprobt – ebenfalls mit Erfolg. Bei den Patienten hat sich nach der Transplantation mit gereinigtem Kot eines dünnen Spenders die Insulinsensitivität erhöht.
    Wirklich appetitlich ist diese Therapie nicht, dafür anscheinend umso wirksamer: Stuhltransplantationen können lebensbedrohliche Darminfektionen heilen – und möglicherweise noch viel mehr.

    Achtung: PPI (Medikamente gegen übermässige Magensäure, Reflux) meiden!
    Die Magensäure  ist auch wichtig zur Bekämpfung von pathogenen Bakterien un Viren, die mit dem Essen in den Magen gelangen. Falls diese nun ungefiltert (da keine Säue mehr vorhanden) in den Darm gelangen, leidet das gute Gleichgewicht der Darmflora – und die Symptome eines Reizdarmes können zunehmen!

    Ein wichtiger Aspekt des Reizdarmsyndroms scheint auch die sog. „Glutensensitivität“ zu sein, die aber – nach neueren Erkenntnissen – wenig mit Gluten, sondern viel mehr mit einer Schnellgärung von Broten (mit Hefe!) zu tun hat. Weiterlesen >>>

    Diagnose

    Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms (Rom-III-Kriterien: siehe www.medicalforum.ch/pdf/pdf_d/2006/2006-51/2006-51-290.PDF):
    Mindestens 3 der zurückliegenden 6 Monate lang Bauchschmerzen, die mit Stuhlentleerung nachlassen oder mit verändertem Stuhlgang während mindestens zwei Tagen pro Woche einhergehen und mindestens zwei der folgenden Punkte erfüllen:

    • Änderung der Stuhlfrequenz (mehr als dreimal tägl. oder weniger als dreimal wöchentlich)
    • Änderung der Stuhlkonsistenz (hart, weich, wässrig)
    • Änderung bei der Stuhlpassage (angestrengtes Pressen, Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung)
    • Schleimabgang
    • Blähungen

    Zum RDS gehört auch die „Funktionelle Dyspesie“ (störendes Völlegefühl nach dem Essen, beschleunigtes Sättigungsgefühl, Schmerzen in Mitte des Oberbauches, dort auch Brennen), das „Epigastrische Schmerzsyndrom“ (intermittierende Schmerzen, mindestens mittelschwer, minimal einmal pro Woche in Mitte des Oberbauchs), das „Postprandial distress syndrome“ (störendes Völlegefühl nach normalen Mahlzeiten, mehrmals pro Woche und/oder beschleunigtes Sättigungsgefühl), das „Syndrom des zyklischen Erbrechens“ und die „Chronische idiopathische Übelkeit“.

    Die „Diagnose“ Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose, d.h. erst wenn alles andere im Darm ausgeschlossen ist, das ebenfalls die obigen Symptome mal produzieren kann, darf von „Reizdarm“ gesprochen werden. Deshalb auch:
    Bei einem Alter über 40 Jahren und/ oder gleichzeitigen „Alarmsymptomen“, wie Gewichtsverlust, nächtlichen Schmerzen, Fieber, pathologischen Befunden bei der Bauchabtastung, pathologischen Leberwerten, Blut im Stuhl, Blutarmut, Nahrungsmittelaversionen, Schluckstörungen, frühzeitige Sättigung sollte unbedingt eine Darmspiegelung erfolgen (da dies dann kein Reizdarm ist)!

    Ursächlich kann auch eine bakterielle Nahrungsmittel-Vergiftung in 25% zu längerdauernden Darmstörungen führen, von denen immerhin ein Drittel (7%) die Kriterien eines Reizdarms erfüllen (bei Frauen dreimal mehr als bei Männer; allg. mehr, je stärker und längerdauernd die vorangehende Vergiftung und auch im jugendlichen Alter).

    Nicht vergessen darf man differentialdiagnostisch auch eine Sprue (Zöliakie): Viermal häufiger bei IBS-Symptome (einer von 25), als in der „Normalbevölkerung“ (Arch Intern Med 169(7):651-658, 13 April 2009 © 2009 to the American Medical Association
    Yield of Diagnostic Tests for Celiac Disease in Individuals With Symptoms Suggestive of Irritable Bowel Syndrome – Systematic Review and Meta-analysis. Alexander C. Ford et al.
    )

    Nicht vergessen: Es existiert auch eine Weizenunverträglichkeit ohne Zöliakie. Also: Weizen meiden ist vor allem bei Blähungen sehr effektiv.  Und allgemein ist Brot aus Hefeschnellgärung und v.a. Weissbrot sehr blähend. Sauerteigbrote aus langsamer Gärung macht meist keine Reizdarmsymptome >>> Weiterlesen

    Auch die Laktoseintoleranz ausschliessen.

    Und chronisch entzündliche Darmkrankheiten ausschliessen: Der Hausarzt macht dies z.B. mit Biomarker-Bestimmung im Stuhl (Calprotectin).

    Der Hausarzt sollte auch Schilddrüsenstörungen ausschliessen (TSH-Messung).

    Bei Neigung zu Durchfall und Blähungen auch Kaugummis mit Sorbit, Mannit oder Xylit weglassen – und auch nicht häufige Smoothies.

    Achtung bei Frauen im gebärfähigen Alter: Die Endometriose kann häufig zusammen oder als Fehldiagnose eines Reizdarms bestehen! Sie auszuschliessen ist wichtig. (BJOG published online 19 August 2009 Vol 115 Issue 11 Pp 1392 – 1396 © RCOG: Endometriosis and its coexistence with irritable bowel syndrome and pelvic inflammatory disease: findings from a national case-control study—Part 2. HE Seaman, KD Ballard, JT Wright and CS de Vries)

    Therapie

    • Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist geprägt durch Hypersensibilität und Hyperreaktivität (vor allem im Darm natürlich) und durch eine Neuroinflammation. Alles dies wird durch eine Ernährungsumstellung mit langen Essenspausen stark gebessert. Das Kurzfasten, optimal als 16:8, hilft hier enorm und wirkt auch stark Entzündung senkend! Wichtig dabei ist, dass man in den 8 Essens-Stunden nur maximal dreimal isst und keinerlei Zwischenmahlzeiten macht!
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    • Zuallererst: Habe ich eine Essstörung, die ursächlich hinter all den Reizdarmsymptomen (Bauchunzufriedenheit!) liegt oder sich daraus gebildet hat?

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    • Das „Nervöse“ hinter diesem Reizdickdarm lohnt sich anzugehen: Entspannung mit Anschauen und Lösen von anstehenden Problemsituationen, Lernen von autogenem Training, Biofeedback, Teilnahme an Yoga- oder Tai-Chi-Gruppen.
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    • Patienten mit einem Reizdarm neigen auch zu Angststörungen und Depressionen („Schiss haben!“). Auch ein früherer sexueller Missbrauch kann damit verbunden sein. Dies sollte man gemeinsam angehen (Psychotherapie).
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    • Körperliche Aktivität verbessert die Symptome bei RDS: Da Fibromyalgie und auch Depression mit dem Reizdarm assoziiert sind, und bei diesen zwei Krankheiten die Bewegung gut hilft, war naheliegend, dass man in Studien auch den Effekt von mehr Bewegung beim Reizdarm gesucht hat. Man fand wirklich, dass körperlich aktive Reizdarm-Patienten weniger Symptomverschlechterung haben als inaktive Patienten. Daher sollte die Bewegung als Erstlinienmassnahme beim RDS eingesetzt werden!
      (Sadik R, et al. Physical activity improves symptoms in irritable bowel syndrome: A randomized controlled trial; Am.J.Gastroenterol. 106:915-922 (2011))
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    • Der Hausarzt sollte Schilddrüsenstörungen ausschliessen (TSH-Messung).
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    • Vegetarische Ernährung oder auch die sog. Mediterrane Ernährung kann der Verarmung der Darmbakterien entgegenwirken, welche auch eine Ursache des Reizdarms sein kann!
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    • Gewisse Patienten scheinen von einer Diät zu profitieren, die als „Low-FODMAP“ Diät bekannt ist. FODMAP steht für fermentierbare, Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Poliole. Unter dieser Bezeichnung zusammengefasst werden schlecht absorbierbare, kurzkettige Kohlenhydrate, wie z.B. Laktose. Hypothetisch führen diese FODMAPs osmotisch zu einer Dehnung des Darmes, sowie durch Fermentation zu Blähungen mit konsekutiven Beschwerden bei RDS. Diese Studie prüft die Effektivität einer Diät, die sehr arm an FODMAPs ist. Zwischen den Gruppen zeigten sich signifikante Unterschiede der Beschwerden. Diese waren unter der Low-FODMAP Diät halb so stark, verglichen mit der Kontroll-Diät.


    >>> Zusammenfassung aus dem Medicalforum: fodmap.pdf

    Das Monash App (von der Universität, die die FODMAP entwickelt hat) muss vorsichtig gelesen werden, da es vorgibt in exakten Gramm anzugeben, wieviel noch erträglich sei – und dies ist unrealistisch und Orthorexie fördernd! Kann hindernd und verwirrend sein.

    Achtung bei low-FODMAP-Diät!
    Eine neue Studie in dem BMJ-verwandten Fachblatt „Gut“ zeigt, dass eine low-FODMAP-Diät nur über kurze Zeit angewandt werden sollte, da die stark  eingeschränkte Vielfalt an Lebensmitteln die Darmflora negativ verändert, dass schädliche Bakterien es leichter haben, sich anzusiedeln. Die FODMAP-Karenzzeit sollte daher mit genügend Ballaststoffen ergänzt und danach zügig auf eine Ernährung umgestellt werden, die FODMAP-haltige Lebensmittel nur der individuellen Toleranzschwelle entsprechend reduziert.
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    • Viele Menschen mit einem Reizdarmsyndrom haben eine Laktoseintoleranz. Bei entsprechender Diät verbessern sich die Symptome eindeutig.
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    • Ebenfalls scheint die Fruktose, der Fruchtzucker bei vielen IBS-Patienten eine Rolle zu spielen. Fruktoseintoleranz kann einen Reizdarm zu triggern. Der versuchsweise, dreiwöchige Verzicht auf alle Früchte und Fruktose-haltigen Getränke und Lebensmittel kann bei starker Besserung eine langfristige Therapie des IBS sein. (Clinical Gastroenterology and Hepatology July 2008 Vol 6 Issue 7 Pp 765-771). Nach ein paar fruchtfreien Wochen kann man wieder eine halbe bis eine Banane pro Tag und manchmal ein paar Heidelbeeren essen.
    • Smoothies können Durchfall und Blähungen verursachen >>>  ernaehrung/#smoothie
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    • Meist aber liegt schon ein Bauchweh-Diäten-Dschungel vor! Meine Hauptarbeit ist der behutsame Ausweg daraus:
    • Probiotika, vor allem Bifidobakterien helfen bei Blähungen und Obstipation! (Guyonnet et al., APT 2007)
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    • Noch besser hilft hier ein Synbiotikum die kombinierte Anwendung von Probiotikum und einem für das Probiotikum als „Nahrung“ dienendes spezifisches Präbiotikum :
      z.B. Bifidus-Natur-Joghurt mit einem geraffelten Apfel!
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    • Das Weglassen künstlicher Süssstoffe (Sorbit, Mannit, Xylit) hat besonders bei Blähungen einen guten Effekt.
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    • Padmed Laxan®, ein pflanzliches Kombinationspräparat aus der tibetischen Medizin, kann ein RDS mit vorherrschender Obstipation, auch Bauchschmerzen und Blähungen bessern.
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    • Bei Verstopfungen sollte auch eine faserreiche Kost und genügende Flüssigkeitszufuhr (mehr als 2 Liter pro Tag) angestrebt werden. Flohsamen (Psyllium) wirkt dabei viel besser als Kleie (27 August 2009;339:b3154 © 2009 BMJ Publishing Group Ltd., Soluble or insoluble fibre in irritable bowel syndrome in primary care? Randomised placebo controlled trial. C J Bijkerk, N J de Wit, J W M Muris et al. auch als Metaanalyse: Moayyedi P. et al. The Effect of Fiber Supplementation on Irritable Bowel Syndrome: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Gastroenterol. 2014;109:1367-1374)
      Gemäss einer amerikanischen Studie wirken zwei geschälte Kiwis pro Tag gleich gut bei Verstopfung, wie Flohsamen oder wie 2-mal 50 g/Tag getrocknete Pflaumen.
      Aber Achtung:
    •  Allzu viel ist auch hier ungesund: Ballaststoffe enthalten reichlich pflanzliche Abwehrstoffe. Diese reizen den Darm und können Entzündungen verursachen. Sie stehen in Verdacht, eine Ursache des sogenannten Reizdarms zu sein.
    • Also: Weizen meiden ist vor allem bei Blähungen sehr effektiv!  Und allgemein ist Brot und v.a. Weissbrot (auf Hefebasis) sehr blähend. Sauerteigbrot scheint viel besser zu sein.
      .
    • Durchfall und IBS:
      Als Probiotika helfen hier die Laktobazillen (Lactobacillus acidophilus, Lactobac. GG, L. paracasei…)
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    • Als Komplikation eines Reizcolons kann auch ein feuchter oder gar stuhlverschmierter After auftreten, auch ein Analekzem, Risslein oder Pilzinfekte um den After.
      Ein natürliches „Verdickungsmittel“ wären mal getrocknete Heidelbeeren (vom Apotheker mahlen lassen), zweimal täglich ein Teelöffel in Müsli oder ins Trinken. In dieselbe Richtung geht: mehrmals täglich etwas Magerquark mit ungesüsstem Cassis- oder Heidelbeersaft. Reis und Haferspeisen bremsen auch etwas.
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    • Bei Schmerzen, Krämpfe und IBS hilft als Probiotikum das Escherichia coli Nissle (auch bei Verstopfung).
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    • Eine 14-tägliche Kur mit Pfefferminzöl kann einen nervösen Dickdarm auch lange Zeit ruhigstellen: Colpermin® ist Pfefferminzöl in einer Kapsel, die sich – nüchtern eingenommen – erst im Dünn- und Dickdarm auflöst und dort krampflösend und entspannend wirkt (4mal täglich).
      .
    • Chilipulver (Gewürzpaprika, roter Pfeffer) wirkt gegen die „funktionelle Dyspespie“, d.h. speziell gegen die Oberbauchschmerzen (epigastrisch), das Völlegefühl und die Übelkeit (Mauro Bortolotti et al., New England Journal of Medicine 2002;346:947-48). Das Capsaicin darin wirkt in der Magenschleimhaut auf afferente nozizeptive C-Fasern, die initial stimuliert werden, sodass nach einiger Zeit ein schmerzlindernden Effekt resultiert. Die Tagesdosis beträgt fünf Kapseln zu je 0,5 g Chilipulver (Capsaicingehalt 0,7 mg/g Chilipulver), die jeweils 15 Minuten vor dem Essen eingenommen werden (1-2-2 Kapseln). Ab der dritten Behandlungswoche reduziert die Chilitherapie die Dyspepsiesymptome. Nach fünf Wochen vermindert Placebo die Symptome um 30%, Chilipulver dagegen um 60%.
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    • Gegen Übelkeit hilft ein einfaches „Hausmittelchen“ genau so gut wie teure und Nebenwirkungsreiche Medikamente:
      Schnüffeln Sie an einem geöffneten Alkoholtupfer, den Sie sicher in Ihrer Hausapotheke finden. Gemäss einer grossen Studie wirkt dieses Isopropylalkohol wunderbar, falls es 1 bis 2 cm von der Nase entfernt, tief eingeatmet wird, bis die Übelkeit abnimmt.
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    • Keine Darmreinigungen!

      Es gibt viele Menschen, die auf Darmkuren schwören und sagen, dass es ihnen anschliessend merklich besser geht. Häufig berichten etwa Patienten mit einem Reizdarmsyndrom, dass ihnen Darmreinigungen oder -kuren sehr guttun. Man muss allerdings beachten, dass es beim Reizdarmsyndrom ohnehin eine Placebo-Rate von 60 Prozent gibt! Das heisst, in Studien gaben 60 Prozent derjenigen, die statt eines richtigen Medikaments nur ein Placebo erhalten hatten, später an, dass sich ihre Symptome gebessert hätten…
      Damit etwa Darmkuren als eine echte Therapie eingesetzt werden können, müssten sie eine höhere Erfolgsrate haben als der Placeboeffekt. Studien dazu fehlen aber bislang.
      Erschwerend kommt hinzu, dass bis heute die Ursache des Reizdarmsyndroms nicht geklärt sei. Wie bei vielen anderen Erkrankungen können Ärztinnen und Ärzte daher nur die Symptome behandeln. Das führt auf Patientenseite verständlicherweise oft zu Enttäuschung. Viele sind unzufrieden, weil die Medizin ihre Beschwerden nicht lindert, und wenden sich deshalb alternativen Methoden wie Darmreinigungen zu. Viele Patienten wünschen sich, dass wir als Ärzte Lösungen haben, heilen können, aber das funktioniert leider nicht bei jedem Krankheitsbild. Umfragen unter Anhängern von Darmkuren bestätigen diese Erwartungshaltung (Colorectal Disease: Taffinder et al., 2004).
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    • Bei Frauen kann die Antibabypille einen Reizdarm wesentlich verschlimmern.
    allgemeine Ernährungsempfehlungen
     VerstopfungDurchfallBlähungen
    ReduzierenFleisch
    Raffinierter Zucker
    Fettes Essen
    Fettes Essen
    Rohes Obst
    Kaffee
    Milch
    Thunfisch, Makrelen
    künstliche Süssstoffe
    Hülsenfrüchte (Bohnen)
    Milch
    Zwiebeln
    Getreide
    ErhöhenFlüssigkeit
    Bewegung
    Vollkornprodukte
    Gemüse
    Früchte, v.a. 2 grüne Kiwi täglich
    Geriebene Äpfel
    Bananen
    Karotten
    Reis
    Schwarztee
    gedünstete Möhren
    Fenchel
    Gewürze: Anis, Kümmel, Koriander
    Allgemeine Massnahmen
    • Milch und Milchprodukte stark reduzieren

    • Nicht zuviel Früchte und Fruchtsäfte (am besten 2 grüne Kiwis täglich)

    • nicht zuviel Ballaststoffe

    • regelmässige Mahlzeiten

    • Das Kurzfasten, optimal als 16:8, hilft enorm und wirkt auch stark Entzündung senkend! Wichtig dabei ist, dass man in den 8 Essens-Stunden nur maximal dreimal isst und keinerlei Zwischenmahlzeiten macht!

    • das Essen gut kauen, nicht herunterschlingen

    • vor allem zwischen den Mahlzeiten trinken

    • körperliche Aktivität (Bewegung)

    Medikamente gegen Reizdarm

    Tiefdosiertes Amitryptilin (Beginn 10mg, danach bis 30mg/Tag), ein älteres trizyklisches Antidepressivum wirkt offensichtlich (Lancet 2023)

    Ein ausgezeichneter Übersichtsartikel für Profis und Laien findet sich im Schweiz.Med.Forum Nr.15, 11.04.2001: reizdarm.pdf

    7 Tipps für eine bessere Verdauung aus „DIE ZEIT: Das tut mir gut“

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    11. Dezember 2024

  • Rolfing Merkblatt

    Strukturelle Integration

    Strukturelle Integration oder Rolfing® ist eine Methode, bei der die Körperstruktur durch „Normal Function“ (siehe unten) und tiefe, systematische manuelle Bindegewebsbehandlung verbessert wird. Das Ziel der Methode ist es, den Körper aufzurichten und ins Lot zu bringen. Er steht und bewegt sich dann leichter und ökonomischer, Fehlbelastung von Gelenken und Gewebe wird vermindert, dadurch bedingte Beschwerden bessern sich.

    Rolfing strebt eine Verbesserung der Struktur auf Dauer an. Ich führe deshalb gerne ein paar Sitzungen durch. Danach braucht der Körper eine längere Pause, in der sich das neue strukturelle Muster einspielt und setzt. Später sind dann wieder einzelne Behandlungen oder eine Serie von weiteren Sitzungen möglich.

    Eine Behandlung dauert etwa eine Stunde (die erste meist 90 Minuten). Einen Teil der Kosten wird von der Zusatzversicherung für Komplementärmedizin der Krankenkassen übernommen, doch sollten Sie sich im Zweifelsfall dort erkundigen. Die Behandlungen sollten nicht zu schnell aufeinander folgen. Ein Abstand von drei  bis vier Wochen ist günstig: er kann jedoch ohne weiteres auch länger sein.

    Normal Function ist ein Bewegungssystem, das die neuen strukturellen Möglichkeiten optimal nutzt und unterstützt. Im Laufe einer Serie zeige ich, worum es dabei geht, wie Sie optimal gehen, stehen, laufen und sitzen.

    Mehr Informationen über Rolfing lesen Sie hier auf meiner Website

    oder in meinen Blog über Rolfing, Haltung und Bewegung!

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser

  • Rückenschmerzen

    Rückenschmerzen

    Zuallererst

    Rückenpatienten mit Depressionen leiden länger unter ihren Schmerzen als Menschen ohne psychische Probleme. Besonders Stress am Arbeitsplatz begünstige hartnäckige Rückenbeschwerden. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten.
    >>> Weiterelesen zu Dauerstress und daraus entstehende chronische Entzündungsneigung als mächtige und globale Krankheitsursache beim Menschen >>>

    Dann auch mangelnde Unterstützung: man/frau muss vieles alleine durchziehen.

    Wenn das Kreuz trotz Krafttraining und Fitness schmerzt, liegt das oft nicht an mechanischen (Verschleiss), sondern an seelischen Ursachen. Orthopäden und Schmerzmediziner wissen längst, dass chronische Unzufriedenheit im Beruf oder private Belastungen die Wahrscheinlichkeit für Rückenschmerzen stärker erhöhen als knöcherne oder muskuläre Dysbalancen.
    Was hilft dagegen? Zuversicht, Vertrauen in den eigenen Körper und die Gewissheit, dass die Schmerzphasen bald vorübergehen. Diese Faktoren sind meist stärker ausgeprägt bei Menschen, die sich regelmässig bewegen. Psychische Stabilität unterstützt den Rücken oft mehr als blosse Muskelkraft.

    Weiterlesen zur Selbstüberforderung als Ursache von Rückenschmerzen >>>

    Schmerzmythen

    Schmerz verbinden viele Menschen noch immer mit Schuld, Sühne und Strafe. Die Hölle als ewiger Brennschmerz, der Hexenschuss und der Geburtsschmerz als Folge der Erbsünde prägen Vorstellungen, die auch heute noch Angst und Bedeutung tragen.

    Ein weiterer Mythos hält sich hartnäckig: „Echter“ Schmerz weist immer auf einen bedrohlichen körperlichen Schaden hin. Bleibt ein Schaden unentdeckt, gelten psychische Ursachen als wahrscheinlich. Dieser Dualismus, geprägt von Descartes, prägt bis heute unser Denken und Fühlen. Dazu passt die Annahme: „Wenn nichts mehr hilft, bleibt immer noch die Operation. “ Doch die häufigsten Schmerzen – Kopf- und Rückenschmerzen – beruhen zu über 80 % nicht auf nachweisbaren Schäden, sondern auf reversiblen Funktionsstörungen.

    Schmerz warnt vor Gefahr, meldet aber keinen Schaden.

    Wer Rückenschmerzen als Folge von Verschleiss deutet, sieht Schmerz als Schadensmelder und reagiert oft mit Schonung und Abwarten. Das ist bei chronischen Schmerzen üblich, aber meist kontraproduktiv.
    Bewegung, Aktivität und dosierte Belastung helfen. Dafür brauchen wir ein besseres Verständnis der Ursachen und Möglichkeiten zur Selbsthilfe.

    Rückenschmerzen allgemein

    Laut dem Rückenreport 2020 der Rheumaliga Schweiz hat die Hälfte der Bevölkerung mindestens mehrmals pro Monat Rückenschmerzen. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um «gutartige» Schmerzen, bei denen man nicht genau feststellen kann, welche Muskeln, Knorpel, Wirbel, Gelenke und Bänder am Leiden beteiligt sind. Die unten angeführten Rückenmythen beziehen sich auf diese Schmerzen:

    • Führt das Wuchten des Kühlschranks beim Umzug zwangsläufig zu Rückenschmerzen – und muss man bei Rückenschmerzen unbedingt seine Rumpfmuskeln stärken? Nein! Schwache Rumpfmuskeln sind nur einer von mehreren Faktoren, die zu Rückenschmerzen führen können. Unkontrolliertes Rumpftraining kann sogar Steifheit und somit Rückenschmerzen verursachen.
    • Ein Schmerzschub bedeutet, dass ich mir einen Rückenschaden zugefügt habe? Nein! Auch sehr starke Rückenschmerzen sind sehr selten das Resultat einer ernsten Verletzung oder Erkrankung. Das gilt auch für anhaltende Rückenschmerzen. Der Rücken ist stark. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten. Sie sorgen dafür, dass sich bestehende Symptome stark verschlimmern können. Die Schmerzen sollen deshalb nicht wie eine Verletzung behandelt werden. Was hilft, sind Bewegung und Entspannung.
    • Ist Bettruhe bei Beschwerden im Kreuz wirklich die beste Therapie? Nein! Das Schlimmste für einen Rücken ist es, zu lange im Bett zu liegen. Mit Rückenschmerzen sollte man sich immer und viel bewegen.
    • Und sind Röntgenaufnahmen und bildgebende Verfahren/Scan die Ultima ratio aller Diagnostik? Nein! Patienten sollten nur ein bildgebendes Verfahren durchführen, wenn beispielsweise Hinweise auf eine Fraktur oder einen Tumor bestehen (und auch dies scheint unsicher). Scans sind kostspielig und fast immer unnötig. Auch bei völlig gesunden, schmerzfreien Menschen zeigen sich häufig Bandscheibenvorfälle, Degenerationen oder Arthritis. Diese Befunde sagen selten etwas darüber aus, woher der Schmerz stammt, und führen nur zu Verunsicherung, die den Schmerz noch verstärken kann.
    • Welche Prophylaxe?

    Nur sehr wenige der herkömmlichen Therapieansätze halten wirklich, was sie versprechen. So konnte nachgewiesen werden, dass Bettruhe, Physiotherapie (Krankengymnastik) und Übungstherapie bei akuten Schmerzen wirkungslos bleiben. Dies gilt übrigens auch für Akupunktur. Bei chronischen Verläufen ist eine Intervention mit Antidepressiva und Akupunktur ebenfalls unwirksam (M.W. van Tulder, Schwerpunkt: Rückenschmerz: Die Behandlung von Rückenschmerzen Mythen und Fakten , Der Schmerz 6/2001).

    Was tun?

    Also Schmerzen und kein Ende? Als gesichert gilt, dass die Behandlung akuter Rückenschmerzen ein paar Tage lang mit entzündungshemmenden und Entspannung fördernden Medikamenten den Krankheitsverlauf verkürzen und chronische Verläufe verhindern hilft. Trotz aller Beschwerden sollte auf Bewegung nie verzichtet werden – vor allem bei chronischen Schmerzen sollte der Behandlungsschwerpunkt auf aktiven Übungen liegen. Bei anhaltenden Schmerzen ist es üblich, dass die Wirbelsäule und die umgebenden Muskeln sehr empfindlich auf Berührungen und Bewegungen reagieren. Der Rücken wird dabei jedoch nicht beschädigt. Am Anfang sind Schmerzen deshalb normal. Je mehr man in Bewegung ist und trainiert, desto geringer wird der Schmerz.
    Auch verhaltenstherapeutische Anwendungen und gemischte Behandlungsprogramme (Chiropraktor/manuelle Eingriffe, wie Rolfing oder Triggerpunkttherapien in Kombination mit Rückenschulung/Haltungs- und Bewegungsverbessernde Massnahmen (wie ich dies z.B. in meine Rolfingsitzungen integriere) erwiesen sich als zielführend.
    Schlechte Körperhaltung verursacht Rückenschmerzen?
    Rückenschmerzen haben wenig mit falscher Haltung zu tun. Es gibt Haltungen, die gewisse Muskelpartien mehr stressen: klar. Schmerzt der Rücken nach einer gewissen Zeit, bedeutet dies aber meist, dass man zu lange in einer Position ausgeharrt hat. Monotone Stellungen sind also Gift für den Rücken. Er braucht vor allem Bewegung und Entspannung. Es ist deshalb nicht unbedingt schlecht, wie eine Banane im Stuhl zu sitzen – aber nur kurz und immer wieder die Stellung wechselnd…

    Richtlinien zur Behandlung (American College of Physicians)

    1. Immer in Bewegung bleiben – keine Bettruhe!
      Entspannt, moderat (Flanieren, Spazieren…) – Eigengewicht einsetzen.
      .
    2. Akute Schmerzen: Muskelentspannende Massagen/Massnahmen.
      Kein Paracetamol, da unwirksam!
      Nur maximal 2 bis 3 Tage lang NSAR (Nicht-Steroidale Anti-Rheumatika, wie Naproxen, Ibuprofen, Diclofenac) da initiale Entzündung chronischen Verlauf vielleicht zu verhindern hilft!
      Keine Opioide!
      .
    3. Schmerzen von > 12 Wochen:
      Keine Schmerzmittel!
      Multidisziplinäre Rehabilitation (Manipulation, Massagen, Rolfing, Wärme usw.), Akupunktur, Meditation und ev. Psychotherapie zur Stressverminderung.
      (Qaseem A, et. al. Ann Intern Med. 2017.doi: 10.7326/M16-2367)

    Green Flags: Zeichen für  Gutartigkeit und kurzen Verlauf von Rückenschmerzen

    • gesunder Mensch mit viel Bewegung

    • durch gute Beziehungen eingebetteter und unterstützter, „runder“ Mensch

    • gute Arbeitssituation ohne viel Stress

    • viel Entspannung und wenig Dauerstress im Leben

    • kurz dauernde Schmerzen wechselnder Lokalisation

    • keine Einnahme von Schmerzmittel

    Red Flags!
    WARNZEICHEN für eine spezifische Ursache, die vom Hausarzt abgeklärt und behoben werden müsste

    • Alter über 75 Jahren??
      Achtung: Es herrscht hier auch ein Altersmythos, dass der Rücken sich mit der Zeit abnützt und man/frau deshalb im Alter öfters Rückenschmerzen hat… Dies stimmt nachweislich nicht!
      Genauso wie Gewichtheben die Muskulatur kräftigt, wird der Rücken durch tägliche Bewegung und Belastung gestärkt. Aktivitäten wie Laufen, Drehen, Biegen und Heben sind unbedenklich, wenn man diese Bewegungen allmählich steigert und regelmässig durchführt. Das Alter hat nichts mit den Rückenschmerzen zu tun. Das zeigt auch der Rückenreport 2020 der Rheumaliga Schweiz. Dort gaben mehr 16- bis 29-Jährige an, mehrmals pro Woche unter Schmerzen und Verspannungen zu leiden (21 Prozent), als die über 65-Jährigen (17 Prozent).

    • Bösartiger Tumor in der Vorgeschichte

    • Ungeklärter Gewichtsverlust

    • Unfall vor Schmerzbeginn

    • Zunehmender Schmerz

    • Keine Besserung mit Bettruhe

    • Vorwiegend Nachtschmerz

    • Morgensteifigkeit über 1 Stunde

    • Intravenöser Drogenkonsum
    • Lang dauernde Kortisontherapie in der Vorgeschichte
    • Gleichzeitiger Infekt (Urin, Haut), Fieber
    • Blasen- und/oder Mastdarmstörungen

    • Neurologische Ausfälle

    „Red Flags“ für Suche nach Frakturen

    Relevant für Frakturen sind nur Alter (über 75), längere Einnahme von Steroiden in der Vorgeschichte, Trauma (Quetschungen und Schürfungen bei Patienten, die nach einem Trauma in die Notfallstation kommen) (Systematic Review über 138 Arbeiten zu Red Flags).

    „Red Flags“ für Suche nach einem bösartigen Tumor

    Ein Malignom (Krebs) in der Vorgeschichte ist der einzige Parameter, der die Wahrscheinlichkeit eines Malignoms in relevantem Mass erhöht.

    In einzelnen Guidelines über Rückenschmerzen wird empfohlen wenn ein „Red Flag“ positiv ist eine Abklärung mit Bildgebung zu machen. Die Relevanz eines „Red Flags“ – in Bezug auf die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit einer Fraktur oder eines Malignoms – ist teilweise sehr gering und die Frage, ob diese Empfehlungen wirklich noch sinnvoll sind, ist durchaus berechtigt.

    Also: Nach den Ergebnissen dieser Systematic Reviews sind die „Red Flags“ nicht ganz so relevant wie die Bezeichnung dies eigentlich impliziert. Das Vorhandensein eines „Red Flags“ erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Fraktur oder eines Malignoms – in der Regel – unwesentlich.

    Kreuzschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

    Dies dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Schon gar nicht, wenn sie ständig vorhanden sind, also auch nachts. Findet man dann noch einen lokale Druck- und Klopfschmerz kann eine gefährliche Bandscheibenentzündung, aber auch ein Tumor dahinter stecken!
    Haltungsschwäche ist bei Jugendlichen recht häufig, macht aber lediglich in ca. 10% Kreuzschmerzen. Skolioseträger (s-förmige Deformation der Wirbelsäule) machen gerade mal 15% Schmerzen, Morbus Scheuermann (Wachstumsstörung im Wirbel) und Spondylolysen bzw. -listhesen (angeborene Missbildung eines Lendenwirbels mit Wirbelgleiten) ca. in 45%. Jugendliche mit einer Diszitis (Bandscheibenentzündung) hatten dagegen alle Beschwerden!
    Der Arzt muss in diesem Fall immer gleich röntgen, um die Diagnose zu stellen. Falls mit der Therapie frühzeitig begonnen wird, stehen die Chancen gut, dass die Entzündung innerhalb von 4 bis 5 Monaten weitgehend ausheilt.

    Chronische Rückenschmerzen vielleicht auch durch Schmerzmittel, die die Entzündung unterdrücken

    Vielleicht hilft eine vorübergehende Entzündung, dass akute Rückenschmerzen chronisch werden. NSAR (Nicht-Steroidale-Anti-Rheumatika) & Kortison erhöhen also vielleicht die Chance, dass Rückenschmerzen chronisch werden!

    Die Einnahme von Entzündungshemmern (NSAR & Kortison) bei akuten Rückenschmerzen ist nach einer aktuellen (leider aber etwas kleinen & leider nur Mäuse-) Studie in Science Translational Medicine aber möglicherweise nicht so gut. Denn was das akute Leiden kurzfristig erträglicher macht, könnte auf längere Sicht ein Auslöser für chronische Schmerzen sein. Für die Studie wurden 98 Patienten mit akuten Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule drei Monate lang untersucht. Die Forscher beobachteten vor allem die Genaktivität in speziellen Immunzellen, den neutrophilen Granulozyten. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass diese Granulozyten besonders bei den Patienten aktiv waren, die nach ein paar Tagen schmerzfrei waren. Bei Teilnehmern hingegen, die auch nach drei Monaten noch Beschwerden hatten, waren die Gene in den Immunzellen auffällig still. Offenbar verhindert eine vorübergehende Entzündung, dass akute Rückenschmerzen chronisch werden.
    Wenn aber Entzündungen nützlich sind, müssten im Umkehrschluss entzündungshemmende Medikamente wie die NSAR oder Kortisonpräparate chronische Schmerzen begünstigen. Diese These testeten die Forscher und Forscherinnen an Mäusen. Tatsächlich entwickelten die Versuchstiere, denen NSAR gegeben worden war, andauernde Beschwerden. Und wurden die neutrophilen Granulozyten künstlich aus dem Mäuseblut entfernt, verstärkte dies die Symptome.
    Nun sind Mäuse als Modellorganismus für den Menschen nur begrenzt tauglich und diese Studie etwas klein geraten. Man muss hier also noch vorsichtig sein mit Interpretationen am Menschen! Dass allerdings auch beim Menschen ein Zusammenhang zwischen längerer NSAR-Einnahme und chronischen Rückenschmerzen besteht, legen andere Daten nahe. Etwa jene der britischen UK Biobank, die diesen Zusammenhang statistisch plausibel macht. Oder jene, dass in Analysen der Daten von stationär behandelten Patienten mit chronischen Rückenschmerzen es praktisch keine gibt, die bisher ohne NSAR behandelt wurden (Jedoch existieren im Moment im Denken eines Arztes auch fast nur die NSAR zur symptomatischen Linderung von akuten Rückenschmerzen!).
    Stellt sich die Frage, ob Schmerzpräparate, die nicht entzündungshemmend sind, wie das frei verkäufliche Paracetamol oder die verschreibungspflichtigen Opioide als Ersatz taugen. Die Opioide sind in der Therapie von Rückenschmerzen wegen möglicher Abhängigkeiten nur eingeschränkt zu empfehlen. Paracetamol hilft nachweislich kaum etwas und ist für unsere Leber eher problematisch.

    Damit bleiben zwei Auswege bei akuten Rückenproblemen: Physiotherapie oder jede andere Form von Bewegung und muskelentspannende Methoden –
    und/zusammen mit NSAR, aber nur 2 bis 3 Tage lang!
    Und die Zuversicht, dass Rückenschmerzen meist innerhalb kurzer Zeit von selbst verschwinden.

    Chronischer Rückenschmerz?

    Die Frage nach der Entstehung von chronischen Rückenschmerzen hat zu einer unübersehbaren Flut an Teilwissen geführt. Um alle Erkenntnisse klinisch zum Tragen zu bringen, bedarf es einer interdisziplinären Verknüpfungsarbeit, die letztlich nur vom „Generalisten“ Hausarzt geleistet werden kann.

    Zuerst ein paar Fakten:
    Zustand nicht Krankheit: Rücken- und Kreuzprobleme bzw. – schmerzen sind das Resultat des Zusammentreffens verschiedenartiger Probleme: Aufrechte Haltung, Funktion des Beckenrings, Kultur des (stundenlangen) Sitzens, biomechanische und vor allem psychische Belastungen durch das industrielle Leben, die Pflicht, Lasten und Sorgen zu tragen. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten. Alle diese Probleme bestehen also auch unabhängig von der  Entwicklung einer schmerzhaften Erkrankung. Jeder kennt Kreuzschmerzen. Der Übergang zwischen normal und pathologisch ist sehr selten und dann fliessend.

    Was haben Schmerzen mit Faszien zu tun?

    Tatsächlich stehen die Faszien im Verdacht, chronische Schmerzen zu verursachen. Der Grund: Versteift sich das Bindegewebe, drückt es offenbar auf darin liegende Nerven und löst so mitunter qualvolle Pein aus. Kreuzschmerzen etwa sind vermutlich in vielen Fällen nicht auf abgenutzte Bandscheiben zurückzuführen, sondern auf eine versteifte Lendenfaszie.

    Die Rückenfaszie von Menschen mit chronischen Rückenschmerzen ist steifer als bei Gesunden. Normalerweise folgen ihre Fasern einem erkennbaren Muster: Sie verlaufen scherengitterförmig oder parallel. Bei Schmerzpatienten jedoch gleichen sie einem Filzgewebe – chaotisch und verknäult. 

    Wie „trainiere“ ich die Faszien am effektivsten?
    Vor allem federnde und schwingende Bewegungen halten Faszien elastisch. Dazu braucht es keine eigentlichen „Übungen“ – die Alltagsbewegung und -haltung sollte federnd und schwingend sein. Im Rolfing lernen Sie auch dies. Geduld ist dabei wichtig: Ein Effekt setzt erst nach mehreren Monaten ein.

    Helfen kann auch Dehnen. Dabei senden die Faszienzellen offenbar Signale aus, die das umliegende Gewebe entspannen. Jede Partie sollte mindestens dreissig Sekunden gedehnt werden. Ein Team aus Harvard teilte 2021 Freiwillige in zwei Gruppen: Die eine dehnte sich eine Stunde lang, die andere nicht. Anschliessend nahmen die Forscher Blutproben. Bei den Untätigen blieb das Blut unverändert, während sich bei den Dehnenden die Werte bestimmter Immunmoleküle sofort verbesserten. Eine weitere Studie zeigte, dass sich Entzündungsherde im unteren Rücken verkleinern, wenn man ihn zweimal täglich fünf Minuten dehnt.

    Bandscheibe als anfällige Struktur?

    Das wissenschaftliche und klinische Interesse muss der Bandscheibe und nicht der Diskushernie gelten. Im Mittelpunkt der primären Problematik des Bewegungssegmentes innerhalb der Konstruktion und Funktionsweise der Wirbelsäule steht die frühzeitig, d.h. bereits in der Adoleszenz mit Degenerationsprozessen beginnende Bandscheibe. Die Diskushernie  ist primär lediglich Ausdruck dieser Zustandsverschlechterung und nur selten die Ursache einer direkten Wurzelkompression. Das pathogenetische Denken muss sich stets um das Bewegungssegment und um die Haltung der Wirbelsäule als Ganzes drehen. Darüber hinaus ist auch die Kompression nicht nur im Sinne einer direkten mechanischen Belastung zu verstehen, sondern als ein Zusammentreffen eines relativ engen Raumes für die Nervenwurzel mit einer umgebenden entzündungsbedingten venösen Stauung und einer chemisch verursachten entzündlichen Schwellung der Wurzel selbst.
    Nur ca. 3-5% der akuten Rückenschmerzen oder auch Ischiasschmerzen oder Hexenschuss werden durch einen Bandscheibenvorfall verursacht. Da ein Bandscheibenvorfall zu ca. 95% aus Wasser besteht und somit im Laufe der Zeit vom Körper resorbiert und abtransportiert wird, benötigen 95% aller Bandscheibenvorfälle keine Operation. Wenn nach ca. 4 – 6 Wochen keine deutliche Besserung eintritt, sollte eine weiterführende Diagnostik erfolgen, um die eingeleitete (physiotherapeutische) Therapie  eventuell zu ändern. Lähmungserscheinungen in Bein und Fuss oder Sensibilitätsstörungen gelten jedoch als Alarmsignale für einen Vorfall von schwererem Ausmass.  In vielen Fällen bietet hier nur die Operation – Bandscheiben OP – einen langfristigen Ausweg aus der Situation. Es wird aber eindeutig zu viel operiert!

    Eine grosse systematische Übersicht und Metaanalyse von insgesamt 24 randomisierten Studien hat 2023 Wirksamkeit und Sicherheit der Chirurgie denjenigen der nicht chirurgischen Optionen gegenübergestellt: Beinschmerzen und Einschränkung waren primäre Endpunkte, unerwünschte Ereignisse, Rückenschmerzen, Lebensqualität und Zufriedenheit mit den gewählten Therapieoptionen sekundäre Outcomes. Die Metaanalyse bestätigt: bei entsprechender Indikation (Klinik und radiologisches Korrelat!) führt der chirurgische Ansatz rascher zu Schmerzfreiheit und funktioneller Verbesserung als nicht chirurgische Massnahmen und Infiltrationen. Die Unterschiede nivellieren sich allerdings über die Zeit, nach einem Jahr bestehen sie nicht mehr. (BMJ. 2023, doi.org/10.1136/bmj-2022-070730.)

    Weiterlesen >>>

    Kreuz- und Beinschmerz

    Ein sich meistens verzögert über Stunden bis Tage entwickelnder, von proximal nach distal sich ausbreitender Beinschmerz wird zu häufig auf eine Nervenwurzel zurückgeführt. Tiefe Strukturen, wie Bindegewebe, Muskeln, Knochen und Gelenk-Anteile der Wirbelsäule können auch kettenartig ins Bein ausstrahlen.

    Das Röntgenbild (auch CT und MRT) bringt in den meisten Fällen nichts – schlimmer: Es verschlechtert den Zustand!

    Es verwirrt nur und lenkt den Patienten auf falsche Zusammenhänge. Die üblichen und häufigen Befunde wie Protrusionen, Diskushernien, degenerative Knochenveränderungen, Bandscheibenverschmälerungen, knöcherne Engpässe sind häufig und weisen keine systematische Beziehungen zu bestimmten Schmerzzuständen auf.
    Man/frau sollte gar nicht wissen, dass man je eine Diskushernie hatte!

    Viel wichtiger ist die Befragung (Anamnese) und eine sorgfältige klinische Untersuchung.

    Individuelle „Risikofaktoren“ für die Chronifizierung von Rückenschmerzen

    Eine Vielzahl an psychosozialen Faktoren ist bekannt, welche einen Einfluss auf den kurzfristigen Verlauf von Rückenschmerzen haben. Dänische Forscher/innen untersuchten nun den langfristigen Einfluss von Prädiktoren (Vorhersagewert) 22 Jahre nach dem Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem. Ergebnis: Nach 22 Jahren hatten noch immer vier von fünf Patient/innen Rückenschmerzen. Die stärksten Prädiktoren für anhaltende Rückenschmerzen waren eine schlechte Arbeitssituation und die regelmässige Einnahme von Schmerzmitteln. (Family Practice 27(6):609-614, December 2010 ©, Early predictors of the long-term outcome of low back pain—results of a 22-year prospective cohort study. F Lønnberg, PA Pedersen and V Siersma.http://fampra.oxfordjournals.org/content/27/6/609.abstract)

    Schmerzsymptomatik:

    • frühere Schmerzepisoden (1)
    • Schmerzausstrahlung ins Bein, v.a. unterhalb Knie (1)
    • Zeichen der Nervenwurzelreizung (1)

    Andere Symptome:

    • schlechter allgemeiner Trainingszustand (2)
    • allgemein schlechte Gesundheit (2)
    • starker Nikotinkonsum (1) >>> siehe hier >>>

    Psychosoziale Faktoren:

    • Zeichen von Angst und Depressivität (2)
    • ungünstige Selbstprognose (2)
    • ungünstiges Coping: Katastrophisieren (1)
    • belastende Lebensprobleme (Familie, Beruf) (1 oder 2)

    Arbeitssituation:

    • geringe Schulbildung, unqualifizierte Arbeit (1)
    • Unzufriedenheit mit der Arbeit (1)
    • fehlende Vertrauensperson am Arbeitsplatz (1)
    • unsicherer Arbeitsplatz (1 oder 2)
    • Verlust der Arbeitsstelle (3)
    • hängiges Rentenverfahren (3)
    • Doppelbelastung Beruf/Haushalt (niedrige Löhne) (1)

    Medizinisches System:

    • Gefahr der Überbewertung harmloser Befunde durch Verbesserung der Angebote (Röntgen-, MRI-Untersuchungen, Wirbelsäulenchirurgie, Arzt- und Therapeutendichte) (1)
    • Mangel an qualifizierten Therapieangeboten für somatoforme Störungen (1)
    • sprachliche und kulturelle Hindernisse in der Behandlung (1)

    Bewältigungsverhalten (Coping)

    Hilflosigkeit, katastrophale Erwartungen und Angst vor Schmerzprovokation oder gefährliche Folgen von körperlicher Belastung führen zu einer passiven Erwartungshaltung, die die Chronifizierung begünstigt. Die verzerrte Wahrnehmung soll ähnlich wie in der Behandlung von Depressionen durch eine zuversichtlichere, realistischere Haltung ersetzt werden. Ungenügende Informationen oder negative Erfahrungen geben Anlass zu katastrophalen Befürchtungen, wie die Gefahr einer Lähmung („im Rollstuhl landen“) oder das Vorliegen eines bedrohlichen Leidens, welches vom Arzt verheimlicht werde. Irrelevante Befunde wie degenerative Veränderungen oder harmlose Diskusprotrusionen werden oft als Erklärung von Kreuz- oder Nackenschmerzen herangezogen und begünstigen unrealistische Einschätzungen und übermässiges Schonverhalten. Die untenstehende Tabelle illustriert, wie ungünstige Gedankenabläufe (Kognitionen) und Verhalten korrigiert werden können (aus Geriatrie Praxis, 2007/1; 6-11):

    Beispiel einer kognitiven Strategie
    Ungünstige ReaktionenGünstige Reaktionen
    Es sind schreckliche Schmerzen.Ich habe wieder diese Schmerzen, es spannt.
    Ob ein Nerv eingeklemmt ist?Ich bin wohl verspannt, weil ich diese Reise vor mir habe und noch vieles vorbereiten muss; ich habe Angst, zu spät zu kommen.
    Es wird immer schlimmer.Wenn es mir gelingt, mich zu entspannen, wird der Schmerz erträglicher werden.
    Ich muss zum Arzt.Ein warmes Bad und ein paar Entspannungsübungen werden helfen.
    Ich muss mich schonen.Ich sollte wieder regelmässig schwimmen gehen.

     

    Die Übung zur Verkleinerung des „Schmerztores“ zum Hirn kann auch sehr wirksam sein: siehe hier >>>

    Diagnostik chronischer Rückenschmerzen

    Nochmals: Röntgenbilder (und auch MRT) machen meist kränker!

    Mehrere Studien belegen, dass es Patienten mit akuten Rückenschmerzen besser ging, wenn der Arzt KEINE Bilder machte. Nach einem Jahr waren die Erkrankten beweglicher und hatten mehr Lebensqualität als Patienten, die man geröntgt hatte. Dasselbe gilt, wenn der Arzt Computertomographie- oder MRI-Bilder machte. Der Grund: Die Bilder zeigen häufig Veränderungen, die gar nicht Ursache der Rückenschmerzen sind. Das führt dann zu unnötigen oder sogar falschen Behandlungen und vielen Ängsten (die wiederum zu Verspannungen führen).

    Entzündlicher Rückenschmerz abgrenzen!

    Achtung, wenn 4 der 5 folgenden Kriterien erfüllt sind:

    • Alter bei Beginn < 40 Jahre
    • langsamer Beginn
    • Besserung bei Bewegung
    • keine Besserung in Ruhe
    • nächtliche Schmerzen (mit Besserung durch Aufstehen)

    Körperlich oder psychisch?

    Kann keine organische Ursache, welche die Symptome erklären könnte, gefunden werden, wird oft eine psychische Einzelursache vermutet. Dieses dichotome Denken („wenn nicht somatisch bedingt, dann psychogen“) geht von veralteten Konzepten der Psychosomatik aus. Eine fassbare psychische Einzelursache (wie eine Depression oder eine Angststörung) liegt nämlich selten vor. Auch das Konversionsmodell, welches dem Konzept der somatoformen Störungen zugrunde liegt, versagt oft, weil selten fassbare, bewusste psychosoziale Konflikte vorliegen, sondern meist eine komplexe Interaktion von körperlichen, psychischen, sozialen und iatrogenen Faktoren. Die Gründe, weshalb psychische Faktoren von beiden Seiten nicht wahrgenommen werden sind vielfältig:

    • Chronischer Stress (Dauerspannung) wurde nicht wahrgenommen, da er als normal erlebt oder verleugnet wird (Armut und Mangelerfahrungen als Triebfeder).
    • Verdrängte Probleme, da unangenehm, bedrohlich (stark abgewehrte Traumen) oder (scheinbar) unlösbar.
    • Übermässige Wachsamkeit und Hilfsbereitschaft aus Zwang, allen alles Recht zu machen (sozial erwünschtes Verhalten), aus Angst vor Ablehnung (Prägung durch Kindheit).
    • Chronifizierung und zentrale Sensibilisierung (Hyperalgesie) auf Grund von Durchhalteparolen (auf die Zähne beissen, hart sein mit sich, Schmerz unterdrücken), oft unterstützt durch medizinische Massnahmen (Schmerzlinderung, forcierte Aktivierung).

    Häufig beobachtete belastende Merkmale wurden mit verschiedenen Konzepten beschrieben z.B. mit „pain-proneness“, „counterdepeency“ oder „Typ-A-Verhalten“, doch passen diese in kein diagnostisches Schema, da es sich im Grunde um sozial erwünschte Verhaltensweisen handelt Diese können aber – auf Grund der hohen Leistungsansprüche an sich selbst bei geringen Fähigkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Forderungen anderer zurückzuweisen – zu einer Selbstüberforderung führen. Dabei spielen traumatische lebensgeschichtliche Erfahrungen (wenig Liebe und Zuwendung, körperlicher oder sexueller Missbrauch) eine ähnliche Rolle wie bei anderen psychischen Störungen.

    Selbstüberforderung durch…

    Leistungsorientierung: Perfektionismus, Verausgabung, Kritikangst, wenig Erholung
    Selbstwertprobleme: Anerkennung von Leistung abhängig, Selbstentwertungstendenz
    Konfliktleugnung: Harmonisierungsbedürfnis, vermeidendes Verhalten in Konfliktsituationen
    Aggressionshemmung: geringes Durchsetzungsvermögen, Überanpassung, Überhilfsbereitschaft
    Vermeiden von Abhängigkeit: Mühe, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Schwäche zu zeigen
    Alexithymie: Unfähigkeit, v.a. unangenehme Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken

    Erschwerend wirken sich fremde Sprache und Kultur sowie traumatisierende Migrationserfahrungen aus. Können solche psychische Zusammenhänge nicht erfasst werden, fällt der Patient „zwischen Stuhl und Bank“ und gewinnt den Eindruck, dass niemand ihm glaubt, dass er wirklich Schmerzen habe. Der Arzt wehrt seine eigenen Hilflosigkeit vielleicht damit ab, dass er die Schuld dafür dem Patienten zuschiebt, indem er diesem mangelnde Kooperation (Motivation) oder Aggravation vorwirft. Diese Frustrationen und Missverständnisse führen zu einer rapiden Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung und begünstigen wiederum die Chronifizierung.

    Mittels Interviews wurden bei knapp 100 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen gezielt Emotionen wie Wut oder Trauer ausgelöst und dabei Muskelspannungen, Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. In erster Linie ein hoher Grad an Negativität (Zynismus, Misstrauen) führte zu verstärkter Muskelverkrampfung und höherem Blutdruck; ganz besonders war dies der Fall, wenn die aufkommende Wut auch noch unterdrückt wurde. Offenbar entscheidet nicht die Emotion selbst, sondern wie man mit ihr umgeht, darüber, ob es zu Verkrampfungen und damit Schmerzen kommt. (Burns JW et al. (2006) Anger management style and hostility among patients with chronic pain, Psychosom Med, 68: 786-793).

    Chronische Rückenschmerzen und alltägliche Ruhephasen

    Dazu etwas Grundsätzliches: Wir müssen die alltäglichen Rhythmen wieder beachten:
    Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann unser Organismus seine Funktionen wie beim resetting eines Computers immer wieder synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand (Verspannungen und Verkürzungen in Muskeln und Bindegewebe… auch Blutdruckerhöhungen, etc… und bis zu krebsartigem Ausflippen von Organzellen mit Abwehrvorgängen des Immunsystems) ausgleichen. Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer grösser, und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit von selbst in seine Ordnung und Ruhe zurückzufinden.
    Unsere vorgegebenen biologischen Rhythmen scheinen auch tagsüber 90 Minuten lang zu sein (wie die 90 Minuten Tiefschlafphasen nachts): 70 Minuten Aktivität, dann 20 Minuten Ruhe und Erholung.
    Mein Vorschlag: Alle 60 Minuten tagsüber 10 Minuten Rückzug und Pause. So stellen Sie ihren inneren Rhythmus wieder von der Hamsterrad- zurück in die heilsame Ruhe-Frequenz und stärken so immens das Immunsystem.
    (Literatur dazu: Verena Steiner, Energiekompetenz, Pendo-Verlag 2005)

    Zu Rückenschmerzen und Entspannung >>> siehe auch hier: www.dr-walser.ch/schmerz/

    Prophylaxe von Rückenschmerzen

    (Segmentale) Rumpfstabilisation

    Für Ambitionierte empfiehlt es sich mindestens zwei bis drei Rumpfkrafttrainings pro Woche, für Einsteiger eines. Dabei geht es erst einmal darum, die Rücken- und Bauchmuskulatur generell zu stärken.

    Angegangen werden sollten aber vor allem die kleinen Rücken- und die schrägen Bauchmuskeln, also das sogenannt lokale segmentale Muskelsystem (Übung 1), sowie die grösseren Rücken- und Bauchmuskeln (globales System, Übungen 2 und 3).

    .

    Da das segmentale Muskelsystem (Tiefenmuskulatur) die Wirbelsäule rundherum, also vom Rücken und vom Bauch her, wie eine Zuggurtung umfasst und stabilisiert, sollte es auch spezifisch trainiert werden.

    Experten empfehlen, diese drei zentralen Übungen stets in ein Trainingsprogramm einzubauen:

    1.) Segmentale Stabilisation (tiefe Rumpfmuskulatur)

    Beine beugen, dann wechselseitig strecken und leicht angehoben halten.

    .

    Legen Sie sich auf den Rücken, eine Hand unter die Rumpfpartie, die andere auf die seitlich schräge Bauchmuskulatur. Mit den Händen können Sie kontrollieren, ob Sie diese beiden Muskelgruppen auch wirklich aktivieren. Dann beide Beine beugen, leicht anheben (bis knapp über dem Boden), nun im Wechsel linkes und rechtes Bein strecken. Wichtig: Die schrägen Bauchmuskeln und die kleinen Rückenmuskeln angespannt halten. Die Wirbelsäule bleibt stabilisiert.

    2.) Globale Planks (Unterarmstütz)

    Beine wechselseitig abheben, Bauch anspannen..

    Begeben Sie sich in den Unterarmstütz, dann abwechslungsweise linkes und rechtes Bein abheben. Schulter, Hüfte und Knöchel bilden eine Linie (Po nicht in die Höhe strecken!). Das Kreuz bleibt stabilisiert.

    3.) Seitliche Planks (Unterarmstütz)

    Becken auf und ab bewegen.

    Begeben Sie sich in den seitlichen Unterarmstütz, dann die Hüfte vom Boden abheben und in eine gerade Linie bringen. Jetzt das Becken auf und ab bewegen. Rechts und links (beide Seiten).

    (Übungsdauer: jeweils 30 bis 45 Sekunden, je nach Fitnessstand allenfalls auch etwas länger und mehr als eine Serie).

    Von klassischen Rumpfbeugen wird heute eher abgeraten

    Nicht mehr empfohlen werden heute übrigens die klassischen Rumpfbeugen, die viele noch aus dem Schulturnen kennen. Diese Übung, auch Sit-ups oder Crunches genannt, hat gleich zwei Nachteile: Sie trainieren in erster Linie gar nicht die Bauchmuskeln, sondern den Hüftbeuger, und gravierender noch: Rumpfbeugen können bei unsauberer Ausführung durch ihren starken Zug am Hüftbeuger sogar Rückenschmerzen provozieren.

    Speziell: Nackenschmerzen

    • Tablets (iPad) nicht flach auf Schoss/Oberschenkel liegend verwenden, sondern aufgerichtet auf dem Tisch!
    • Nachts nicht weniger als 16 Grad im Schlafzimmer und auch kein Durchzug. Ein Seidenhalstuch anziehen wirkt Wunder!
    • Bei Angststörungen können Nackenschmerzen als begleitendes Körpersymptom auftreten: siehe hier >>>
    • Für den Nacken und die Kopfhaltung ist das „Podest“, d.h. Becken und Oberkörper ausschlaggebend: siehe Haltungsschulung im Rolfing.

    Rauchen und Rückenschmerzen

    Ein Rauchstopp kann bei Menschen mit Rückenschmerzen ein wichtiger Beitrag zur Behandlung sein. Eine Studie im Journal of Bone and Joint Surgery (2012; 94: 2161-2166) dokumentiert eine signifikante Linderung der Schmerzen, wenn die Patienten auf das Rauchen verzichteten.
    Es zeigte sich: Wer weiter raucht, hatte nach der Behandlung (Physiotherapie, Schmerzmittel oder beides) gleich viel Schmerzen wie vorher. Wer aufhört, dem tat der Rücken weniger weh.
    Rauchen ist also nicht nur ein Risikofaktor für viele schmerzhafte Erkrankungen, zu denen neben den Folgen der Atherosklerose (Koronare Herzerkrankung, periphere arterielle Verschlusskrankheit) auch der chronische Rückenschmerzen gehören. Raucher sind generell schmerzempfindlicher als andere Menschen, berichtet Glenn Rechtine von der Universität Rochester.
    Von den 5.333 Bandscheiben-Patienten, die sich an der Klinik mit axialer (Rückenschmerzen) oder radikulärer (Beinschmerzen) Symptomatik vorgestellt haben, gaben aktive Raucher in allen Schmerzskalen höhere Werte. Nichtraucher würden generell über weniger Schmerzen klagen, meint Rechtine. Der Orthopäde führt die vermehrte Schmerzempfindlichkeit auf die Wirkung von Nikotin zurück.
    Der Ratschlag an alle Rückenschmerzpatienten lautet deshalb, das Rauchen aufzugeben. Patienten, die ihn befolgten, erlebten der Studie zufolge in den folgenden acht Monaten eine deutliche Linderung ihrer Beschwerden, während es bei den Patienten, die weiter rauchten, keine signifikanten Verbesserungen gegeben habe.

    Neuer Therapieansatz bei Chronischen Schmerzen im Bewegungsapparats

    Nicht-traumatische strukturelle Veränderungen, die bei Röntgenaufnahmen oder in MRT-Scans beobachtet werden – wie Knochensporne, Risse in den Rotatoren-Manschettensehnen der Schulter und Bandscheibendegeneration – kommen auch, ja in der Mehrheit bei Personen vor, die schmerzfrei sind. So können diese Veränderungen als Schmerzursachen fehlinterpretiert werden, was wiederum zu invasiven, riskanten und oft unnötigen (operativen) Behandlungen führen kann.
    Dies erzeugt eine gewisse Angst und Sorge beim Patienten, weil er denkt, dass er seinen Körper geschädigt hat und dass es notwendig ist, ihn zu korrigieren, zum Beispiel durch einen chirurgischen Eingriff. Viele Menschen erhalten so chirurgische Eingriffe, die nicht-traumatische Auffälligkeiten an Knochen, Gelenken, Sehnen und Knorpeln haben. Sie sind aber nicht die Ursache ihrer Symptome, sondern lediglich Veränderungen, die als Teil des Alterungsprozesses ganz normal sein können.
    Ich denke, dass wir alle ehrlicher zu unseren Patienten sein müssen, wenn es um die Unsicherheit geht, woher die Symptome kommen. Wir wissen, dass die Patienten bei vielen Beschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen in Schultern und Rücken, viel grösseren Nutzen aus einfachen Haltungsveränderungen und einem gut durchdachten Trainingsprogramm ziehen wie aus einer Operation – und erst noch ohne die gefährlichen Nebenwirkungen der Eingriffe.
    Die Autoren eines Editorial im British Journal of Sports Medicine (Lewis J, et al: Brit J Sports Med (online) 25. Juni 2018) fordern, dass nicht-traumatische, anhaltende und beeinträchtigende Muskel-Skelett-Schmerzen ähnlich behandelt werden wie andere chronische Erkrankungen (z.B. Diabetes Typ II, Asthma und Bluthochdruck):
    Patienten werden ermutigt, sich zu bewegen und Sport zu treiben, auf einen besseren Schlafrhythmus zu achten, Stress abzubauen und mit dem Rauchen aufzuhören – das alles mit dem Ziel, Verantwortung für das eigene Wohlbefinden und für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

    Pflanzen um Schmerz- und Rheumamittel einzusparen

    Teufelskralle, Weidenrinde, Hagebutte: siehe hier >>>

    Keine Opioide beim Rückenschmerz!

    Opiatabkömmlinge (Opioide) zeigen praktisch keinen schmerzstillenden Effekt bei Rückenschmerzen, besitzen aber sehr starke Nebenwirkungen:
    Nausea, Obstipation, Hyperalgesie (mit Ausbreitung auf andere Körpergebiete!), Delir, Sucht (in 12-17%!).

    Zum Einsatz von Opioidanalgetika bei Patientinnen und Patienten mit Lumbago und Nackenschmerzen fehlt bislang gute Evidenz. Die OPAL-Studie schliesst diese Lücke: Bei «Guideline-konform» behandelten Patientinnen und Patienten führte die zusätzliche Gabe von Opioidanalgetika im Vergleich zu Placebo zu keinem Unterschied der Schmerzintensität nach sechs Wochen. Umgekehrt wurden Übelkeit, Obstipation, Schwindel in der Opioidgruppe häufiger beobachtet, ebenso war das Risiko für einen missbräuchlichen Konsum im Langzeitverlauf höher. Auf Opioide sollte bei unspezifischen Rückenschmerzen deshalb grundsätzlich verzichtet werden. Mangels Alternativen unterstreichen diese Resultate aber auch die Wichtigkeit von nicht pharmakologischen Ansätzen.
    (Lancet. 2023, doi.org/10.1016/S0140-6736(23)00404-X.)

    Auch keine Muskelrelaxans (muskelentspannende Medikamente)!

    Sie haben auch nur Placebowirkung und starke Nebenwirkungen (Schwindel, Müdigkeit,…).

    Reduziert ein Stimulator den Schmerzmittelgebrauch?

    Die Rückenmarkstimulation (RMS) ist eine alternative Methode zur Behandlung chronischer Rücken- und Beinschmerzen. Sie wird dann angewandt, wenn die medikamentösen und chirurgischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Durch die Stimulation des Rückenmarks wird der Schmerzimpuls zum Gehirn überlagert oder verändert, sodass die Schmerzwahrnehmung zentral unterdrückt wird. Doch kann der Stimulator den Gebrauch von Opioiden oder den Einsatz von Injektionen oder chirurgischen Eingriffen reduzieren?
    Ein retrospektiver Vergleich von 1260 Patientinnen und Patienten mit RMS mit 6300 vergleichbaren Patientinnen und Patienten ohne RMS (1:5 «propensity match») zeigte in den ersten 12 Monaten, dass die RMS-Gruppe höhere Opioiddosen einnahm, aber weniger Steroidinjektionen, Radiofrequenzablationen oder Wirbelsäulenoperationen hatte. In Bezug auf diese vier Parameter bestand in den folgenden 12 Monaten kein Unterschied mehr. 18% aus der RMS-Gruppe erfuhren Stimulator-assoziierte Komplikationen und bei 22% musste der Stimulator revidiert oder wieder entfernt werden. Die Kosten lagen bei den mit RMS Behandelten im ersten Jahr 39 000 US-Dollar höher.

    Mit der Einschränkung des retrospektiven Vergleichs mit möglichen Bias mahnt uns diese Arbeit, bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen die Indikation zur Stimulator-Implantation zurückhaltend zu stellen. Insbesondere sollten die Betroffenen orientiert werden, dass die Schmerzmittel voraussichtlich nicht reduziert werden können und die Rate von Komplikationen durch den Stimulator selbst relativ hoch ist.
    (JAMA Neurol. 2023, doi.org/10.1001/jamaneurol.2022.4166.)

    Literatur

    Ralph Geisenhanslüke: „Schieflage – mit einer verrückten Bandscheibe durch unser Gesundheitssystem“, Kösel, 2013

    Superartikel in Vox über Chronische Kreuzschmerzen und ihre Therapie

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    29. Januar 2025