Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Internetrecherche mit Medline

    Internetrecherche mit Medline

    MEDLINE

    (Quellen: Der informierte Arzt; 20:123-126,1999 + infomed-screen, 2000, 2005, 2008, 2009, 2015; USZ-Fortbildung 2016; eigene letzte Überarbeitung: Januar 2017)

    Kurzinformation zur Benützung des PubMed-Zugangs zur Medline (Universität Zürich,2016): dr-walser.ch/pubmed.pdf

    MEDLINE ist weltweit eine der wichtigsten Ressourcen für die bibliographische Internet-Recherche. Es gibt unzählige Websites, die – unentgeltlich oder gegen Bezahlung – die Datenbanksuche ermöglichen. Die National Library of Medicine hat einen Gratisdienst für die Internet-Recherche eingerichtet. Um diesen Dienst wirklich ausnützen zu können, ist es unumgänglich, die Basis der Suchtechnik zu erlernen.

    Die National Library of Medicine (NLM) von Bethesda ist die grösste Medizinbibliothek der Welt. Sie hat in den 60er Jahren damit begonnen, das MEDLARS (MEDical Literature Analysis and Retrieval System) aufzubauen. Dieses System umfasst über 40 Datenbanken, die ihrerseits Zitate von über 19 Millionen Artikeln zu den verschiedensten Themen aufweisen (eine Übersicht dazu findet sich unter: www.nlm.nih.gov/databases/index.html).
    Die wichtigste biomedizinische Datenbank ist MEDLINE (MEDLars onLINE); Diese deckt die Bereiche Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, Krankenpflege, Gesundheitswesen und vorklinische Studien aus zirka 4`500 biomedizinischen Fachzeitschriften seit 1966 ab. Bis heute sind über 10 Millionen Zitate zusammengetragen worden. Dieser Artikel soll Ihnen Basisinformationen über die Struktur der MEDLINE-Datenbank liefern und eine Einführung in die effiziente Suche via PubMed bieten, dem Gratissuchdienst des NLM, der seit dem 26. Juni 1997 zur Verfügung steht.

    Die Anatomie von MEDLINE

    Jedes Zitat in MEDLINE repräsentiert einen Artikel einer Zeitschrift. Die einzelne Nennung, der Record, setzt sich zusammen aus einer Serie von Feldern, die Informationen liefern über Titel, Namen der AutorInnen (bis 25 Namen), Abstracts (bei 80 % der Nennungen verfügbar), Schlüsselwörter für die Suche (MeSH), bibliografische Quellenangaben (Zeitschrift, Jahrgang, Nummer, etc.), Sprache, in welcher der Artikel veröffentlicht wurde (80 % in Englisch) und Art des Artikels (Editorial, Kommentar, Brief, Review etc.):

    Tabelle 1
    Standardformat eines MEDLINE-Eintrags
    TI – TITLE:Cholesterol lowering after participation in the Scandinavian Simvastatin Survival Study (4S) in Finland
    AU – AUTHOR: Strandberg TE; Lehto S
    AD – AUTHOR AFFILIATION:Department of Medicine, University of Helsinki, Finland.
    SO – SOURCE:Eur Heart 1997 Nov;18(11):1725-7
    UI- MEDLINE Unique Identifier:98066059
    CM – COMMENT: Comment in: Eur Heart J 1997 Nov;18(11):1695-6
    AB – ABSTRACT:BACKGROUND: Patient compliance is crucial for the effectiveness 1 of preventive medication. The aim of the study was to investigate changes
    MH – MAIN MESH SUBJECTS:Anticholesteremic Agents/*therapeutic use; Coronary Disease/*prevention & control; Simvastatin/*therapeutic use
    MH – ADDITIONAL MESH SUBJECTS:MH – female
    MH – Finland
    MH – Human
    MH – Support, Non-U.S. Gov’t
    PT – PUBLICATION TYPES:CLINICAL TRIAL
    JOURNAL ARTICLE
    RANDOMIZED CONTROLLED TRIAL
    LA – LANGUAGE:Eng

    Die Medical Subject Headings (MESH) definieren die Themen des jeweiligen Artikels im Detail. Sie stellen die Schlüsselwörter dar, mit deren Hilfe sich die Zitate innerhalb der Datenbank suchen lassen. Die MeSH-Begriffe sind hierarchisch strukturiert, so dass sich bei einer Suche mit allgemeineren Termini auch Artikel finden, die spezifischer indiziert sind, aber dem gleichen Themenkreis angehören (Tabelle 2). Der einzelne MESH-Begriff wird durch Subheadings (Unterbegriffe, die jeden Terminus genauer umschreiben) ergänzt.
    Ein Beispiel: Der Begriff breast cancer kann die Subheadings drug therapy, surgery, radiotherapy, economics, etc. beinhalten, entsprechend den diversen Inhalten, die unter dem Begriff breast cancer zusammengefasst sein können. MESH-Begriffe und -Unterbegriffe können mit Hilfe des MeSH-Browser (www.nlm.nih.gov/mesh/MBrowser.html) aus der MeSH-Database (Abbildung 1, unten rechts) gesucht werden. Dies ist eine enorme Hilfe. Das hilft nicht nur bei uneinheitlicher Terminologie („cancer“ oder „carcinoma“?) sondern auch bei möglicherweise etwas eingerosteten Englisch-Kenntnissen.
    Einige Hinweise:
    • Konstruieren Sie Ihre Abfrage nicht zu eng.

    • Benutzen Sie im Zweifelsfall einen übergeordneten Begriff aus der MeSH-Hierarchie (dem sogenannten („tree“): untergeordnete Begriffe werden von der Suche miterfasst.

    • Benutzen Sie erst in zweiter Linie die «Subheadings» (erreicht man nach der Eingabe in der MeSH-Database), um Ihre Abfrage einzugrenzen (z.B. Richtung Therapie, Diagnose, Komplikationen, Mortalität, etc.). Auch der Menu-Punkt „Clinical Queries“ unten in der Einstiegsseite erlaubt die Suche von klinisch interessanten Artikel nach vier Gesichtspunkten (Therapie, Diagnose, Ätiologie und Prognose).

    Tabelle 2
    Beispiel der hierarchischen Struktur des MESHDie baumartige Struktur dient dazu, einen Artikel mit spezifischen Termini zu klassifizieren und ihn gleichzeitig auch für allgemeinere Suchbegriffe zugänglich zu machen (Beispiel: Eine Suche mit dem Begriff Rectal Neoplasms Findet auch Artikel, die – hierarchisch tiefer klassifizierte – Begriffe wie Anus Neoplasms oder Anal GIand Neoplasms enthalten). Das MeSH-Wörterbuch wird durch eine spezielle Kommission der NLM gepflegt. Diese Kommission entscheidet jährlich darüber, welche Begriffe eingeführt, ausgeschlossen oder abgeändert werden. Das MESH von 1998 enthält über 18 000 Stichwörter.A. AnatomyB. OrganismsC. Diseases
    C1. Bacterial Infections and Mycoses
    C2. Virus Diseases
    C3. Parasitic Diseases
    C4. Neoplasms
    Cysts
    […]
    Neoplasms by Histologic Type
    Histiocytic Disorders, Malignant +
    Leukemia +
    Lymphatic Vessel Tumors +
    Lymphoma +
    Neoplasms by Site
    Abdominal Neoplasms +
    Digestive System Neoplasms
    Biliary Tract Neoplasms
    Esophageal Neoplasms
    Gastrointestinal Neoplasms
    Intestinal Neoplasms
    Cecal Neoplasms
    […]
    Rectal Neoplasms
    Anus Neoplasms
    Anal Gland NeoplasmsD. Chemicals and Drugs
    E. Analytical, Diagnostic and Therapeutic Techniques and Equipment
    F. Psychiatry and Psychology
    G. Biological Sciences
    H. Physical Sciences
    I. Anthropology, Education, Sociology and Social Phenomena
    J.      Technology and Food and Beverages
    K. Hurnanities
    L. Information Sclence
    M.    Persons
    N. Health Care
    Z. Geographical Locations

    MEDLINE im Internet

    1997 hat das NLM PubMed einen wissenschaftlichen Gratissuchdienst, der Recherchen in PREMEDLINE und MEDLINE ermöglicht, eingerichtet. Seither bieten unzählige Websites den Zugang zu MEDLINE an (siehe Tabelle 3 gleich unten). Die MEDLINE-Datenbank ist immer dieselbe, unabhängig davon, woher auf sie zugegriffen wird. Unterschiedlich ist einzig und allein die Software (Suchmaschine), die auf die Datenbank zugreift. Diese kann mehr oder weniger ausgeklügelt, mehr oder weniger einfach zu bedienen und mehr oder weniger an die Bedürfnisse des Einzelnen anpassbar sein.

    Tabelle 3
    MEDLINE im World Wide Web

     
    NameBesonderesAdresseGratis?
    PubMedDER Klassikerncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgija
    Scirus scirus.comja
    Comunity of Science (COS) medline.cos.com/nein
    DIMDI+ weitere Datenbankendimdi.de/de/db/ja
    Healthworks healthworks.co.uk/ref/medline/ja
    InfotrieveFuzzy Searchinfotrieve.com/medline/infotrieveja
    Journalfinderdeutsche Suchbegriffe, Newsletterakh-wien.ac.at/agmb/01_bielefeld/hothan/ja
    Knowledge FinderFuzzy Logic („Natural language search“)medline.de/ja
    Medscape medscape.comja
    OMNI Medline omni.ac.uk/medline/ja
    OvidSPprofessionellgateway.ovid.com
    für Ärzte in der Schweiz mit HIN-Mitgliedschaft: kostenfrei unter hin.escapenet.ch/meddaten.asp
    nein

    PubMed

    Die kostenlos verfügbare Datenbank Medline der amerikanischen «National Library of Medicine» (www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi) wird in stetig neuen, verbesserten Versionen angeboten.
    PubMed ist deshalb eine gut à jour gehaltene und sehr vertrauenswürdige Site. Der Zugang auf die Website ist direkt, erfolgt ohne lästige Registrierung und ist auch für uns EuropäerInnen recht schnell. Die zu verwendende Sprache ist natürlich Englisch (in Deutsch: >>>).
    PubMed verfügt über eine Basis-Suchfunktion (Basic Search, BS = Eingangsseite) sowie über eine fortgeschrittene Suchfunktion („Advanced Search“, AS erreichbar über den Link rechts oben): Alle Begriffe können sowohl in der AS als auch in der BS verwendet werden. Mit AS kann das Suchfeld mittels Dropdown-Menu gewählt werden. Ausserdem kann man durch progressives Hinzufügen von Suchbegriffen und Änderung von Suchkombinationen sehr gut strategisch vorgehen.

    Basissuche in PubMed:

    Abbildung 1: In den drei Gruppen unten finden sich Verweise (Links) zu den meisten Funktionen, wie Zeitschriftenverzeichnis („Journal Database“), MeSH-Begriffe. „Clinical Queries“ erlaubt die Suche von klinisch interessanten Artikel nach vier Gesichtspunkten (Therapie, Diagnose, Ätiologie und Prognose). Ist eine Nennung bekannt (Zeitschrift, Jahrgang, Volume, Seite, Autor), kann mit dem „Single Citation Matcher“ direkt auf den entsprechenden Artikel zugegriffen werden. Limits und Hilfe finden Sie oben rechts.
    Automatic Term Mapping:
    Es genügt, die entsprechenden Schlüsselwörter einzugeben. Beispiel: Werden die Begriffe vitamin c common cold eingegeben, wird PubMed diese Begriffe mit dem MeSH-Wörterbuch, dem Verzeichnis der Zeitschriften und dem Autorenverzeichnis vergleichen. In unserem Fall ohne Eigen- oder Zeitschriftennamen – wird PubMed die Begriffe in «ascorbic acid [MESH] OR vitamin c [Text Word] AND common cold [MESH] OR common cold [Text Word]» übersetzen. Vereinfacht ausgedrückt: Die Software (Suchmaschine) wird alle Artikel suchen, welche die MeSH-Begriffe ascorbic acid (MeSH-Begriff für Vitamin C) und common cold enthalten, sowie jene, in deren Titel oder in der Zusammenfassung die Wörter common cold oder vitamin c stehen.
    Werden die Begriffe peterson jp eingegeben, wird PubMed diesen Begriff als Namen ansehen und die Suche im Feld AU (AutorIn) starten. Wenn aber das Schlüsselwort Lancet lautet, wird PubMed den Begriff im Verzeichnis der Zeitschriften finden und auch nur Artikel aufzeigen, die in der genannten Zeitschrift veröffentliche wurden. Mit chang ab asthma children BMJ 1998 werden alle Artikel über Asthma bei Kindern aufgespürt, welche 1998 im British Medical Joumal von AB Chang publiziert wurden.


    Abbildung 2: Suchresultate. Die aufgrund der angegebenen Schlüsselwörter gefundenen Dokumente. Mit dem Link „Limits“ kann die Suche noch weiter eingeschränkt werden (Erklärung der div. Fields weiter unten). Mit „Display Settings“ können die Abstracts der mit einem Häkchen versehenen Artikel aufgerufen werden. Rechts aussen werden bei „Titles with your search terms“ weitere Artikel, die in direktem Zusammenhang mit den betreffenden Artikel stehen, aufgeführt.


    Abbildung 3: Nach Quelle und Titel, wird der entsprechende Abstract aufgeführt, sofern er zur Verfügung steht. „Related Articles“ entspricht demselben Link in Abbildung 2 .

    Tabelle 4
    Hauptsächliche Suchfelder (Fields) in PubMed (via Link „Limits“ oder „Preview/Index“ erreichbar):
    Name des Suchfeldes
    [Abkürzung]
    Beschreibung
    Affiliation [AD, AFFL]Institution und Anschrift des erstgenannten Autors, manchmal auch weiterer Autorlnnen
    All Fields [ALL]Alle Suchfelder: Standard-Feld
    Author Name [AU, AUTH]Autorln; das Standardformat lautet: Smith D)
    (die Initialen können auch ausgelassen werden)
    E.C./RN [RN, ECNO]E.C.-Nummer (von der Enzyme Commission vergebene Nummer, um ein spezifisches Enzym zu definieren)
    Entrez Date [EDAT]Datum, an dem der Eintrag PubMed hinzugefügt wurde (nicht das Publikationsdatum); Format Jahr/Monat/Tag (oder Jahr/Monat oder nur Jahr) verwenden
    Filter [FILTER] [SB]loall[sb] – Citations with LinkOut links in PubMed.
    free full text[sb]  – Citations that include a link to a free full-text article.
    full text[sb] – Citations that include a link to a full-text article.
    Grant Number [GR]Research grant numbers, contract numbers, or both that designate financial support by an agency of the US PHS (Public Health Service).
    Issue [IP, ISSUE]Ausgabennummer der Zeitschrift, in welcher der Artikel publiziert wurde.
    Journal [TA, JOUR]Vollständiger oder abgekürzter Name der Zeitschrift oder deren ISBN-Nummer (die Namen der Zeitschriften haben Standard-Abkürzungen; ist diese nicht bekannt, kann sie in der Journal Database, Abbildung 1 links, gesucht werden).
    Language [LA, LANG]Sprache, in welcher der Artikel verfasst wurde.
    MeSH Date [MHDA]Datum bei dem der Artikel mit MeSH-Begriffe analysiert wurde.
    MeSH Major Topic [MAJR]Hauptthema des Artikels
    MeSH Subheading [SH]Zu verwenden, um einen MeSH-Überbegriff mit einem Unterbegriff zu verbinden, sofern diese nicht schon verbunden sind.
    MeSH Terms [MH,MESH]MeSH-Begriff
    Medline Unique ldentifier, MUID, UlKennummer; einzige Zahl in der MEDLINE-Datenbank, die ohne rechteckige Klammern geschrieben wird.
    Pagination [PG, PAGE]Angabe der Seitenzahl der ersten Seite des Artikels der Zeitschrift, in welcher der Artikel publiziert wurde.
    Personal Name [PS]Eigennamen in einem Artikel; zu verwenden, wenn Artikel gesucht werden, in denen bestimmte Personen namentlich genannt werden.
    Publication Date [DP]Veröffentlichungsdatum im Format Jahr/Monat/Tag [DP, PDAT] (es kann auch nur das Jahr oder Jahr/Monat eingegeben werden).
    PubMed Identifier, PMIDKennummer, die die einzelne Nennung in PubMed eindeutig identifiziert; wird ohne rechteckige Klammern eingegeben.
    Publication Type [PT, PTYP]Art der Publikation (Beispiel: review, clinical trials, randomized controlled trials, letters, etc.).
    Substance Name [NM, SUBS]Name der chemischen Substanz, die im Artikel diskutiert wird.
    Title Words [Tl, TITL]Im Titel des Artikels vorkommende Wörter.
    Text Words [TW, WORD]In Titel oder Zusammenfassung vorkommendes Wort; einzelne Wörter wie MeSH-Begriff, -UnterbegrifF, chemische Substanz, Personennamen, die im Titel erwähnt werden.
    Volume [Vl, VOL]Band-Nummer der Zeitschrift, in welcher der Artikel erschienen ist.
    PubMed bietet ausgeklügelte Möglichkeiten für eine gezielte Recherche. Diese sind:
    > Logische Operanten:
    AND, OR, NOT. Der Operant muss mit Grossbuchstaben geschrieben werden. Beispiel: pneumonia AND (klebsiella OR mycoplasma) NOT children findet alle Einträge von Artikeln zu Klebsiellen- oder Mykoplasmenpneumonien. Ausgeschlossen werden alle jene Einträge, in denen es um Pneumonien bei Kindern geht.

    > Joker-Begriffe
    :
    Wird ein Begriff mit * abgekürzt, werden alle Wörter gefunden, die mit dem entsprechenden Stamm beginnen (appendic* wird die Begriffe appendiceal, appendicitis, appendicular, appendicopathy etc. finden). Wird der gekürzte Begriff zwischen Gänsefüsschen gestellt, werden assoziierte Begriffe ausgeschlossen: „infection*“ findet infections, aber nicht infection control.

    > Suche nach Sätzen
    :
    Begriffe, die zusammen in Gänsefüsschen stehen, werden auch zusammen gesucht. Die Eingabe „myocardial infarction “ veranlasst die Suchmaschine, diese Begriffe als Einheit zu definieren. In diesem Fall wird PubMed den Satz nicht mit dem MeSH-Wörterbuch vergleichen, sondern so, wie er ist, in allen Suchfeldern suchen.
    > Suche innerhalb von Suchfeldern
    (via den Link „Limits“ oder „Advanced Search“ erreichbar): Die Hauptsuchfelder sind in Tabelle 4 aufgeführt. Das Suchfeld, innerhalb dessen gesucht werden soll, kann auch direkt selbst nach dem Suchbegriff in rechteckige Klammern gesetzt werden: Mit hypertension [TI] werden alle Artikel aufgeführt, die den Begriff hypertension im Titel tragen. Wird nichts spezielles angegeben, wird im Default-Suchfeld ALL (alle) gesucht d.h. es werden alle Suchfelder durchforstet und das Resultat wird weniger genau sein.
    > Suche mittels MeSH-Begriffen:
    Diese Suchart ist unabdingbar, wenn wir eine gezielte Suche einleiten wollen, ohne Hunderte von Artikeln durchforsten zu müssen, um vielleicht 7 – 8 Interessante aufzuspüren. (Falls wir auf der Suche nach erst kürzlich (d.h. ca. in den letzten 6 Monaten) publizierten Artikeln sind, kann diese Suchart jedoch nicht angewendet werden, weil erst nach dieser Zeit die Artikel nach den Suchbegriffen eingeteilt sind.)
    Das hilft nicht nur bei uneinheitlicher Terminologie („cancer“ oder „carcinoma“?) sondern auch bei möglicherweise etwas eingerosteten Englisch-Kenntnissen (auf deutsch siehe >>>).

    Einige Hinweise:
    • – Konstruieren Sie Ihre Abfrage nicht zu eng.

    • – Benutzen Sie im Zweifelsfall einen übergeordneten Begriff aus der MeSH-Hierarchie (dem sogenannten („tree“): Untergeordnete Begriffe werden von der Suche miterfasst.

    • – Benutzen Sie erst in zweiter Linie die «Subheadings» (erreicht man z.B. hinter dem gefundenen Begriff im MeSH-Browser oder in der MeSH-Database), um Ihre Abfrage einzugrenzen (z.B. Richtung Therapie, Diagnose, Komplikationen, Mortalität, etc.). Auch der Menu-Punkt „Clinical Queries“ unten auf der Einstiegsseite erlaubt die Suche von klinisch interessanten Artikel nach vier Gesichtspunkten (Therapie, Diagnose, Ätiologie und Prognose – siehe gleich unten).
    • Ein Beispiel:
      Falls uns der Zusammenhang zwischen Kosten und Nutzen der Grippeimpfungen interessiert, könnten wir die Suche beginnen mit vaccine influenza economics. PubMed findet über 180 Artikel. Viele davon haben mit dem uns interessierenden Thema nichts zu tun, wie z.B. ein Artikel mit dem Titel Control of Haemophilus influenzae infections.
      Wenn wir nun mit MeSH-Begriffen arbeiten, können wir Folgendes eingeben: influenza vaccine [MAJR] AND cost benefit analysis [MeSH]. Der erste Begriff gibt an, dass der Grippeimpfstoff das Hauptargument des Artikels sein soll und der zweite spezifiziert den speziellen Aspekt, der uns interessiert. Mit dieser Suche finden sich 32 Referenzen, alle eng mit dem gesuchten Thema verbunden. Auf ein ähnliches Resultat wären wir auch gekommen, wenn wir als zweiten Operanten den MESHBegriff vaccines mit dem Unterbegriff (subheading) economics verbunden hätten: vaccine/economics.

    >Medline auf Deutsch: BabelMeSH (babelmesh.nlm.nih.gov/) ist die „fremdsprachige“ Version von askMEDLINE (askmedline.nlm.nih.gov/ask/), eine spezielle Suchoberfläche von Pubmed, die es erlaubt, mit „natürlichen“ Sätzen zu suchen (z.B. „Are ACE inhibitors permitted in pregnancy?“). Stellt man die Frage auf Deutsch, so erscheint zuerst die vorgeschlagene Übersetzung, die man annehmen oder abändern kann.


    > Suche mittels «Clinical Queries»: Hier stehen mehrere Filter zur Verfügung, welche auf Fragen aus der Praxis zugeschnitten sind. Nach Eingabe der Suchbegriffe geben Sie mit Mausklick an, ob es um eine therapeutische, diagnostische, ätiologische oder prognostische Fragestellung geht. Damit lassen sich vergleichsweise schnell spezifische klinische Arbeiten auffinden. Das Risiko, der Fragestellung entsprechende Arbeiten zu verpassen, ist allerdings relativ gross.


    > Related Articles: Wenn eine Recherche nicht so recht gelingt, aber doch eine einzelne Perle zutage gefördert hat, hilft manchmal die Option „Related Articles“ weiter. Ein Mausklick genügt und das Programm stellt eine Liste mit «verwandten» Artikeln zusammen. Der eingebaute Algorithmus liefert häufig ganz brauchbare Resultate. Störend ist einzig, dass die Liste nicht nach dem Alter der Arbeiten sortiert. ist und die neueren Artikel einzeln aussortiert werden müssen.


    > Limits: Mit „Limits“ können Suchresultate auch im Nachhinein eingegrenzt werden nach Art des Artikels (z.B. auf «Reviews», «Randomized Clinical Trials», Editorial, etc), Alter, Geschlecht, Sprache, Publikationsjahr,… siehe ausführlicher >>>


    >“Recent activity (rechts aussen): gibt eine Übersicht über die aktuell durchgeführten Recherchen.


    >Suchstrategie sichern: Link „Save Search“ rechts oben: Jetzt kann die aktuelle Suchstrategie im „My NCBI“ gesichert werden (siehe gleich unten).


    My NCBI»: „NCBI“ heisst «National Center for Biotechnology Information», ein Zentrum, das zur amerikanischen National Library of Medicine gehört. «My NCBI» bietet die Möglichkeit, den Zugang und die Routine-Anwendung der Medline-Datenbank via PubMed individuell zu gestalten und so den eigenen Bedürfnissen viel besser anzupassen, als dies bisher der Fall war.
    «e-mail updates»: Im «eigenen» PubMed („My NCBI“) kann man jede beliebige Suche aufbewahren. Es genügt, wenn ich nach der Durchführung eines Suchlaufs «Save Search» wähle. Ich erhalte dann die Möglichkeit, dieser Suche einen eigenen Namen zu geben. Was aber noch weit interessanter ist: ich kann gleichzeitig «e-mail updates» an meine Adresse bestellen. So werde ich zu jeder Suche, die ich so definiert habe, von Zeit zu Zeit erfahren, ob neue Suchresultate vorhanden sind. (Auch der zeitliche Abstand der Meldungen lässt sich individualisieren.) Bemerkenswert ist auch die Möglichkeit, Suchresultate mit oder ohne Kommentar an eigene oder fremde E-mail-Adressen weiterzusenden. Dies ist z.B. vorteilhaft, wenn ich jemandem schnell Dokumentation zu einer Frage zustellen will. Genaue Anleitung zum „My NCBI“ hier: ncbi.nlm.nih.gov/bookshelf/br.fcgi.


    >“Single Citation Matcher“:  Ist eine Nennung bekannt (Zeitschrift, Jahrgang, Volume, Seite, Autor, Titelwörter), kann mit dem „Single Citation Matcher“ direkt auf den entsprechenden Artikel zugegriffen werden. Nach Eingabe der Suchbegriffe muss die Recherche mit dem Feld „Go“ gestartet werden: mit der Taste „ENTER“ wird die Suchmaske gelöscht.


    > «Clinical Trial»: Sehr praktisch ist die Möglichkeit, die Suchresultate zu «filtrieren», indem man bestimmte Kriterien per Knopfdruck einfügt. Wenn ich beipielsweise nach klinischen Studien mit Atenolol suche, genügt es, nach «Atenolol» zu suchen. Ich erhalte bereits auf der ersten Seite mit den Resultaten die Information, dass sich in PubMed 1818 Referenzen zu klinischen Studien mit Atenolol finden. Diesen Filter («Clinical Trial») habe ich selbst in «My NCBI» eingerichtet. Dort gibt es eine Reihe von nützlichen Filtern, z.B. auch die Suche nach frei erhältlichen Volltexten oder nach Übersichtsarbeiten. Man kann bis zu fünf verschiedene Filter für die persönliche PubMed-Verwendung installieren. Es ist auch ohne weiteres möglich, nur nach Artikeln in deutscher Sprache zu suchen (Link „Manage Filters“ rechts – Abb.2).


    > Clipboard: Dass man Suchresultate im sogenannten Clipboard «zwischenlagern» kann, ist schon seit längerer Zeit möglich. Dies ist vor allem dann praktisch, wenn man zu einem Thema verschiedene Referenzen zusammenstellen will, aber dabei unterschiedliche Suchkriterien verwendet. Die einzelnen Suchresultate lassen sich für mehrere Stunden im Clipboard aufbewahren und können nach Wunsch weiter verwendet werden. Wenn man bisher – absichtlich oder versehentlich – zwischendurch das PubMed-Browserfenster (oder gar den ganzen Browser) geschlossen hatte, war nachher der ganze individuelle Clipboard-Inhalt verschwunden, begreiflich – wie hätte er auch meinem Computer zugeordnet werden können? Jetzt ist das anders: mit meinem Passwort, das mein individuelles PubMed-Fenster öffnet, gelingt auch die Zuordnung meines Clipboards.


    > Relevanz: Seit Oktober 2013 kann man sich die Suchresultate auch nach «Relevanz» geordnet anzeigen lassen (siehe: goo.gl/woyxe5). Natürlich kann man aber jederzeit zur Anzeige nach «recently added» oder gemäss weiteren Kriterien – wie z.B. nach Autoren oder Zeitschriften – zurückkehren.


    > Kommentar: Ebenfalls neu, aber noch nicht allgemein verfügbar, ist die Möglichkeit, eine Publikation zu kommentieren (PubMed Commons, siehe: ncbi.nlm.nih.gov/pubmedcommons/).

    Bei Problemen – wo beginnen?


    Ø     MeSH-Browser/ MeSH-Database benützen
    Ø     BabelMeSH (http://babelmesh.nlm.nih.gov/index_ger.php?com=) ist die „fremdsprachige“ Version von askMEDLINE (http://askmedline.nlm.nih.gov/ask/ask.php), eine spezielle Suchoberfläche von Pubmed, die es erlaubt, mit „natürlichen“ Sätzen zu suchen (z.B. „Are ACE inhibitors permitted in pregnancy?“). Stellt man die Frage auf Deutsch, so erscheint zuerst die vorgeschlagene Übersetzung, die man annehmen oder abändern kann.Suche gibt zu viele irrelevante Artikel:


    Verwenden von
    Ø     NOT
    Ø     Subheadings bei MeSH wählen
    Ø     LIMITS
    Ø     Suche mit klinischen Filtern im Clinical Query
    Ø     Überprüfung der Fragestellung und –formulierung
    Ø     Für Reviews: in LIMITS unter „Publication Types“ wählen oder unter „Clinical Queries“ unter „Find Systematic Reviews“Suche ergibt zu wenige Artikel


    Ø     Suche mit MeSH Terms UND Textwords
    Ø     Überprüfen des LIMIT –Sets
    Ø     Ist die „explode“ Funktion aktiv? (ganzer MeSH-Tree verfügbar? – im MeSH-Browser: Taste „Navigate from tree top“)Suche nach guter methodologischer Qualität (Evidence based medicine)


    Suche im Feld „Type of Articles“ (bei Limits) nach:

  • Randomized Controlled Trial

  • Meta-Analysis

  • Suche nach Cochrane Abstracts (einfach <AND cochrane> in Basissuche)

  • Suche auch ausserhalb Medline in
  • ausgewählten Journals (www.freemedicaljournals.com für Volltexte)

  • Cochrane Library (Abstracts kostenlos auf deutsch: praxis.ch/cochrane/studien/

  • Best Evidence (auf CD)

  • Sumsearch (sumsearch.uthscsa.edu) – gewertet nach Lehrbuch, systematische Reviews und Original

  • Dr. Google als Konsiliarius? Heute lässt sich bald jedermann über eine Suchmaschine Internet-Informationen zu Beschwerden, Symptomen und Befunden vermitteln. Wen wundert es, dass man bereits von Dr. Google spricht? So sehr ich es befürworte, dass sich möglichst viele Leute gut über gesundheitliche Belange informieren, so sehr möchte ich davor warnen, «Google-Informationen » generell als bare Münze zu nehmen. Zu Recht kritisiert eine amerikanische Ärztin, ein Grossteil der im Internet auffindbaren «medizinischen» Information sei veraltet, von (finanziellen) Interessen beeinflusst und ungenügend dokumentiert (siehe: goo.gl/kvwfS4 ). Google hat diese Problematik erkannt und versucht, etwas Gegensteuer zu geben. So werden Suchende in den USA schon bald zu mehr als 900 «health conditions» medizinisch geprüfte Informationen finden (siehe: goo.gl/EPIqMP ). Ob diese unter anderem von Fachärzten der Mayo-Klinik verifizierten Informationen brauchbar sind, kann man überprüfen, wenn man auf der amerikanischen Google-Site (google.com/ncr ) z.B. nach «pneumonia» oder «hay fever» sucht. Es ist anzunehmen, dass diese Art von Information bald auch in europäischen Google-Resultaten auftauchen wird. Wenn nun also die meisten Internet-Fundstücke zu medizinischen Themen eher fragwürdig sind, könnten Google und Konsorten für Fachleute dennoch nützliche Resultate erbringen? Da müssen wir uns immer wieder neu bewusst machen, dass man immer – auch bei Artikeln in den angesehensten Fachzeitschriften – mit Interessenkonflikten rechnen muss. Diese sind nicht immer sehr transparent, beeinflussen aber unweigerlich die Darstellung und die Interpretation von Studienresultaten. Auch für Fachleute ist also grosse Vorsicht angezeigt. Es kann sich aber dennoch lohnen, auch einmal von der Google-Suchfläche aus zu suchen. Besonders auch zu neueren Medikamenten gelingt es manchmal so, neue Studienresultate, neu entdeckte Nebenwirkungen oder Behördenentscheide aufzufinden. Interessiert man sich z.B. nach dem neuen FDAWarnhinweis zu Canagliflozin (vgl. goo.gl/O7lhE6 ), so findet sich aktuell (Mitte September 2015) ein entsprechender Link bereits auf der ersten Resultateseite, auch wenn man nur «Canagliflozin» als Suchbegriff eingegeben hat. Dabei bewährt sich oft auch, in den «News» nachzuschauen. Generell gilt natürlich immer: trau, schau wem! Wenn man erwartet, Dr. Google würde besonders brillieren, wenn man Google Scholar (scholar.google.com ) verwendet, ist man vielleicht enttäuscht. Diese spezielle Suchmaschine ist resolut auf wissenschaftliche Literatur ausgerichtet, was in Bezug auf die Tagesaktualität nicht ideal ist. So findet man die erwähnte FDA-Warnung (erhöhtes Frakturrisiko unter Canagliflozin) zur Zeit mit Google Scholar noch nicht. Anderseits deckt Google Scholar ein weit grösseres Feld ab als Pubmed (siehe: goo.gl/zF9tX8 ) und produziert entsprechend zu jedem Suchbegriff mehr Treffer. Wenn ich keine sehr umfassende Literaturrecherche machen muss, ziehe ichdie übersichtlicheren Pubmed-Resultate allerdings vor.  Etzel Gysling (Infomed-screen, Okt 2015, 19/5)
  • Deutsche Kurzanleitung zum Thema auch von Etzel Gysling: http://pubmed-indiv.notlong.com oder hier: www.infomed.org/screen/2009/xf05.html

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    18. November 2024

  • Menopause – Wechseljahre

    Menopause – Wechseljahre

    Die Perimenopause eine Zehnerjahrkrise

    Fast alle Beschwerden von Frauen, die landläufig den Wechseljahren (oder Klimakterium oder Perimenopause) zugeschrieben werden, sind gar nicht typisch für dieses Lebensalter. Vielmehr treten Symptome wie Erschöpfung, Schlafstörungen, depressive Stimmung, Muskelschmerzen oder Harnwegsprobleme in sämtlichen Lebensphasen, von der Jugend bis ins hohe Alter auf. (K.Weidner u.a.: Klimakterische Beschwerden über die Lebensspanne? PPmP, 62/7, 2012, 266-275).

    Man beobachtet einen Anstieg dieser „unspezifischen“ Symptome (und vieler mehr…) gehäuft vor und um die Zehnerjahre, also schon gegen 30, dann 40 und eben um 50jährig! Weiter dann auch wieder gegen 60 und 70. Diese runden Geburtstage haben es in sich: Man rekapituliert dann sein bisheriges Leben und schaut nach vorne. Was hat man „erreicht“, was will man noch… Dies alles kann in eine eigentliche Krise führen. Man/frau nennt sie dann auch „Quarterlife-Crisis“ oder „Midlife-Crisis“.

    Der einzige Symptomenkomplex, der sich in diesen Studien tatsächlich mit den „Wechseljahren“ verknüpfen lässt, sind nächtliche Hitzewallungen und Schweissausbrüche – und meist damit zusammenhängenden Schlafstörungen. Diese Beschwerden nahmen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren merklich zu. Allerdings war auch hier nur eine Minderheit betroffen (ein Viertel aller Frauen klagt über mittlere bis sehr starke Beschwerden durch aufsteigende Hitze – vor allem nachts). Ab dem 60. Lebensjahr liessen die Symptome wieder stetig nach. Übrigens muss man bei Wallungen, die nur tagsüber auftreten auch an andere Ursachen denken (z.B. Schilddrüsenerkrankung, Dauerstress).

    Insgesamt stehen die angeblichen „Wechseljahrbeschwerden“ zwar nicht mit den Wechseljahren, wohl aber mit der Lebenssituation und der psychischen Belastung in Verbindung: Häufiger betroffen sind Frauen, die sich gestresst, niedergeschlagen und erschöpft fühlen.

    Dies alles lässt die Forscher eher einen psychosomatischen als einen hormonellen Hintergrund vermuten. Es handelt sich hier also um unspezifische, seelische, körperliche und kognitive Symptome, die bereits in jüngeren Lebensjahren, aber auch nach dem Klimakterium zu beobachten sind. Man zweifelt heute stark daran, dass diese Beschwerden auf einen Progesteron- oder Östrogenmangel zurückzuführen sind.

    Woman on fire

    Die wechseljährigen Frauen sind „unangepasst“, „übertrieben“, wild, unangenehm für die Partner. Sie sind nicht mehr angepasst. Sie machen auf Unstimmigkeit aufmerksam. Sie sind nicht mehr die „liebe Mutter daheim“. Sie zeigen ein Verhalten, vergleichbar mit der Pubertät, welche ebenfalls eine wilde Wechselzeit ist.
    Sie steht manchmal auch etwas neben sich – und versteht sich selbst nicht…

    Wichtig ist es – für die betroffenen Frauen, wie auch für die Umgebung – dies als Prozess zu verstehen und nicht als „störende Krankheit“, die weg muss (mit Hormonen!).
    In diesem Prozess entwickelt sie sich in eine reifere Frau – mit mehr Facetten. Ihr Feuer kann nachher wieder gleichmässiger brennen!

    Weiterlesen dazu: Francine Oomen, „Francine und die total heisse Phase“, Wechseljahre für Anfängerinnen, Knaur Verlag
    Oder hier: „Wechseljahre“ mit ganz anderen Augen anschauen: „Midlife-Boomer
    Und hier ganz unten…

    Siehe auch speziell zu den Blütenjahre im Frausein hier >>>

    Psychosoziale Krise

    Wechseljahre bringen Frauen eine Vielzahl von Symptomen, die kaum mit dem Rückgang der Hormonproduktion zusammenhängen. In der Industriegesellschaft hatte die ältere Frau bisher einen niedrigen Sozialstatus. Sie dient weder als Potenzbeweis noch als Mutter. Der Jugendwahn im Westen bedrängt die Frauen. Der Mythos der asexuellen älteren Frau hielt sich bis Ende des 20. Jahrhunderts. Männer „reifen“ und erreichen die „besten Jahre“, Frauen „altern“ und treten ins „Klimakterium“. Die Menopause schockiert jene, die ihr Alter verdrängt haben. Der Wandel vom begehrten zum unsichtbaren Objekt trifft umso härter, je mehr eine Frau auf ihre traditionelle Rolle vertraute. Berufstätige Frauen leiden weniger darunter als Hausfrauen, Gebildete weniger als Ungebildete. Viele geraten in eine „psychosoziale Krise“.

    Neuere Studien zeigen, dass Antidepressiva ebenso wirksam sind wie Östrogene, was auf eine psychische Dynamik hinweist. Statt die Jugend mit Hormonen illusorisch zu verlängern, kann man den Verlusten an Selbstwert, Attraktivität und Fruchtbarkeit Gewinne entgegensetzen: Lebenserfahrung, Freiräume, Zeit nach der Kinderphase, Potenzial für neue Beziehungen, kreative Lebensgestaltung und den Wegfall des Konkurrenzdrucks. Viele Frauen erleben nach der Menopause einen Energieschub. Männer und Frauen tragen Hormone des anderen Geschlechts in sich. Mit dem Alter sinken die eigenen Hormone, und die des anderen Geschlechts gewinnen an Bedeutung. Frauen können mehr „männliche“ Energien mobilisieren, und umgekehrt bei Männern. Nach C.G. Jung ist die Integration der eigenen Gegengeschlechtlichkeit eine wesentliche Aufgabe der zweiten Lebenshälfte und ein Schritt zur Individuation. Östrogene verhindern diesen wichtigen Lebensschritt der Frau.

    Raumprozesse in der Mitte des Lebens

    Meist erlebt die Frau um 50 eine Entwicklung zu mehr Raum in ihrem Leben. Sie befreit sich von Hausarbeiten und alten Rollen und macht mächtige Schritte in ein Leben nach aussen oder nach innen, d.h. wird tiefer, spiritueller, weiser…  

    Dies verzahnt sich häufig mit einer Entwicklung ihres Mannes, der in der Mitte des Lebens auch sanfter wird, gelassener, auch tiefer, spiritueller, weiser – also weniger bullig, durchdringend und draufgängerisch. Im Idealfall gibt er Raum her, welcher seine Frau beleben kann. Eine Zeit von Reibereien (und Raumkämpfe) ist also um die 50 in einem Lebenspaar fast schon unumgänglich. Das Tröstliche dabei ist, dass die zwei Entwicklungen gegenläufig zum selben Resultat führen kann: Die ältere Frau nimmt mehr Raum ein als vor 50 und der Mann weniger. Das Paar erlebt eine neue Ebenbürtigkeit und Harmonie.

    Essstörungen und Gewichtszunahme in den Wechseljahren

    Beim Gewicht haben Frauen am stärksten das Gefühl, die Kontrolle über alles zu verlieren.

    In den Wechseljahren legen viele Frauen plötzlich an Gewicht zu. Weniger bekannt: In dieser Lebensphase steigt auch das Risiko für Essstörungen. Besonders frühere Probleme wie Bulimie aus der Jugend können wieder aufflammen. Plötzlich kehren Heisshunger auf Süsses und unkontrollierte Essattacken zurück.

    Viele Frauen erleben, dass sie ihren Körper nicht mehr so im Griff haben wie früher. Sie spüren, wie sie mit 50 Jahren in alte Essmuster zurückfallen: Essanfälle, gefolgt von Erbrechen, treten erneut auf.

    Essstörungen gelten als Problem junger Frauen, doch auch Frauen in den Wechseljahren sind betroffen. Zahlen belegen das: In der Schweiz zeigt jede sechste Frau zwischen 45 und 55 Jahren Symptome einer Essstörung, wie eine Erhebung des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) 2022 ergab. Viele Betroffene haben zwar keine offizielle Diagnose, setzen sich aber strenge Diätregeln, treiben exzessiv Sport oder leiden unter Essanfällen. Die Folgen können gravierend sein: Nährstoffmangel, schwächere Muskeln und brüchige Knochen.

    Ein häufiger Auslöser: In den Wechseljahren verändert sich die Fettverteilung. Sinkt der Östrogenspiegel, lagert sich Fett verstärkt am Bauch an – ähnlich wie bei Männern. Frauen nehmen in dieser Phase oft bis zu zehn Kilo zu. Gleichzeitig leiden viele unter Schlafstörungen, die das Gewicht zusätzlich beeinflussen. Schlafmangel stört die Hormonbalance, die Appetit und Sättigung reguliert.

    Viele Frauen tun sich schwer, ihren veränderten Körper zu akzeptieren. Sie vergleichen sich mit den schlanken, jungen Frauen, die sie täglich in der Werbung oder auf Instagram sehen. Oft haben sie ihr Leben lang Diäten gemacht und Sport getrieben, um schlank zu bleiben. Die Wechseljahre treffen sie wie ein Schlag. Sie müssen lernen, sich in einer neuen Lebensphase zu verorten – nicht mehr als junge Frauen, die Kinder bekommen können. Das kann schmerzhaft sein, aber auch befreiend.

    Für manche steht nicht die Figur im Vordergrund, sondern das Bedürfnis nach Kontrolle. Die deutsche Ärztin Suzann Kirschner-Brouns schreibt in ihrem Buch Die Kraft der Wechseljahre: „Vieles entzieht sich der eigenen Kontrolle und führt zu Ängsten und Unsicherheit. “ Kinder ziehen aus, Partnerschaften kriseln – inmitten dieser Veränderungen versuchen manche Frauen, zumindest über Ernährung und Gewicht die Kontrolle zu behalten.

    Fachleute raten Betroffenen, offen über ihr Essverhalten zu sprechen. Doch die Scham ist gross. Viele denken: „Ich, eine erwachsene Frau, kämpfe immer noch mit diesem Jugendthema?“ Das Erbrechen empfinden viele als besonders beschämend. Deshalb schweigen viele Frauen – oft über Jahre oder Jahrzehnte, selbst gegenüber ihrem engsten Umfeld.
    Auch in einer Psychotherapie geht es dann oft darum, den veränderten Körper zu akzeptieren und das Essen wieder geniessen zu lernen.

    Was aber bei starken Wechseljahrbeschwerden?

    Zuerst mal Positives zu den „Wallungen“:
    Frauen, die am Anfang der Menopause häufig in Hitze  ausbrechen, haben ein stärkeres Herz und gesündere Blutgefässe. Das erkannte eine Forscherin der Northwestern University in Chicago, die mehr als 60000 Frauen untersuchte. Frauen, die früh Wallungen erlitten, bekamen am seltensten Herzkrankheiten und Schlaganfälle. Bislang glaubten Ärzte, das Gegenteil sei der Fall. (Menopause, 2011 Feb 19. Vasomotor symptoms and cardiovascular events in postmenopausal women.Szmuilowicz ED et al.)

    Kurzfristig symptomorientiert ist noch die einzig vertretbare Form der Hormonanwendung nur transdermal als Spray, Gel oder Pflaster über die Haut (und nicht mehr mit Tabletten über Magen-Darm und die Leber). Zudem nie länger als 5 Jahre – und nie über 60jährig aus.
    Sehr vorsichtig sollte jede Frau mit folgenden Krankheiten in der Vorgeschichte sein:
    Brustkrebs (selbst oder familiär); Thromboembolien; Cerebrovaskuläre Erkrankungen und KHK; Diabetes; adipöse oder auch magere, untergewichtige Frauen (Brustkrebsriskio mit Kombinationspräparaten höher); Juckreiz oder Gelbsucht in einer früheren Schwangerschaft oder durch Antibabypille; Leberkrankheit.

    Es gibt bei milderen Formen eine Alternative: Östrogene pflanzlichen Ursprungs aus Traubensilberkerze (Cimicifuga). Wir müssen aber hier aufpassen, dass wir nicht wieder dieselben Fehler machen wie bisher mit dem Östrogen selber, da Langzeitstudien z.B. zur Brustkrebsgefahr fehlen! Dann auch Phytoöstrogene aus Soja- oder Jamswurzel-Steroiden oder auch aus dem Fenchelöl (8 Wochen lang täglich 2 x 100mg bessert angeblich Menopause-Symptome um 50%). Hier fehlen aber ebenfalls grössere Studien! Es schadet aber sicher nichts, wenn Sie viele Sojaprodukte essen.

    • Traubensilberkerze (Wurzelextrakt – Cimicifuga racemosa) v.a. gegen vegetative Beschwerden (50% verschwinden völlig, 30-40% besser) und psychische Störungen. Eignet sich aber nicht zur Osteoporose-Prophylaxe.
    • zu Beginn der Wechseljahre, wenn Symptome ähnlich wie bei PMS: Mönchspfeffer (siehe hier)
    • Nachtkerzenöl-Kapseln
    • Teemischung: 20 Teile Frauenmänteli, 15 Teile Johanniskraut, 10Teile Zitronenmelisse, 15 Teile Schafgarben, 15 Teile Rosmarin, 15 Teile Salbei
    • Durch Gewichtsabnahme zu weniger Beschwerden in den Wechseljahren:
      Um herauszufinden, ob es durch eine Gewichtsabnahme zu einer Verbesserung der Hitzwallungen von übergewichtigen Frauen in der Menopause kommt, haben US-amerikanische Forscher/innen eine randomisierte, kontrollierte Studie mit 338 übergewichtigen bis fettleibigen Frauen in der Menopause konzipiert. Sechs Monate lang absolvierten die Frauen entweder ein intensives verhaltenstherapeutisches Programm zur Gewichtsreduktion oder ein Aufklärungsprogramm über gesundheitliche Folgen von Übergewicht (Kontrolle).
      Ergebnis: Die Gewichtsabnahme verbesserte die Hitzewallungs- Symptomatik deutlich.
      Die Forscher/innen errechneten z.B. eine Verbesserung der Symptomatik von OR 1.32 pro 5kg Gewichtsabnahme.
      (Arch Intern Med 170(13):1161-1167, 12 July 2010 © 2010 to the American Medical Association: An Intensive Behavioral Weight Loss Intervention and Hot Flushes in Women. Alison J. Huang, Leslee L. Subak, Rena Wing, et al. Link zum Abstract: http://archinte.ama-assn.org/cgi/content/abstract/170/13/1161?etoc)

    Bioidentische Hormone?

    Diese Bezeichnung klingt so natürlich, pflanzlich, gut: dies muss doch wunderbar sein und all unsere Wünsche erfüllen?
    Bei Hypes bin ich immer sehr vorsichtig und warte Langzeitstudien ab, schaue genauer hin. Es sind zuerst mal chemisch hergestellte Hormone aus Inhaltsstoffe der Yamswurzel. Darf man dies überhaupt „bioidentisch“ nennen? Ist sicher mal einfach gutes Marketing!
    Die Datenlage dazu ist noch sehr dünn – wenig Studien, vor allem sind noch  keine Langzeit-Nebenwirkungen bekannt. Bis dann bin ich skeptisch, ob grosse Unterschiede zu den anderen Hormone bestehen. Hier zu behaupten, die machen „keine Nebenwirkungen“ ist fahrlässig und falsch.
    Erste seriöse Studien (Cochrane) zeigen bei Wallungen kaum eine Wirkung über dem Placebo-Niveau…

    Trockene Scheide

    • Viel eigenen Speichel benützen!
    • Schleimhautpflege: Leinsamen, -öl innerlich als Budwig-Creme und lokal Rheum rhaponticum D2 Salbe Weleda, tgl. 2 x anzuwenden, ev. mit Applikator auch vaginal einführen. Auch Dorins Yams-Zäpfle aus der Berg-Apotheke könnten geeignet sein. Zur akuten Linderung eine Woche lang täglich, dann 2x wöchentlich anzuwenden.
    • Achten Sie auf den Säurehaushalt. Die Ernährung soll zu rund vier Fünftel aus basebildenden und nur zu einem Fünftel aus säurebildenden Nahrungsmitteln bestehen. Milchprodukte sind zwar reich an Kalzium, sind aber säurebildend. Man sollte sie deshalb nicht im Übermass konsumieren. Listen mit säurebildenden Nahrungsmitteln erhalten Sie in guten Buchhandlungen.
    • Ergänzen Sie Ihren Menüplan mit Soja-Produkten. Soja und andere Bohnenarten besitzen Inhaltsstoffe, die eine östrogenähnliche Wirkung haben.
    • Vermeiden Sie Koffein und Alkohol im Übermass (2 bis 4 Gläser Alkohol wöchentlich)
    • Bewegen Sie sich häufig. Sportarten, die mehr Gewicht auf den Knochen bringen sind vor allem gut wirksam (Jogging, Springseilen,…). Kräftige Muskeln entlasten zudem das Skelett. Trainierte Menschen stürzen weniger und haben daher seltener Knochenbrüche.
    • Yoga, autogenes Training und Tai Chi helfen, psychische Schwankungen auszugleichen und geben ein gutes Körpergefühl.
    • Bauen Sie Stress ab. Nehmen Sie den Alltag im dritten Lebensabschnitt etwas gelassener.

    Gibt es ein Androgenmangel-Syndrom bei der Frau?

    Just zu einem Zeitpunkt, wo der Nutzen und die Sicherheit einer langfristigen Östrogengabe nach der Menopause zunehmend hinterfragt werden, ist immer öfter die Rede von einem Androgenmangel-Syndrom der Frau. Nicht nur der alternde Mann, so plädieren die Verfechter des neuen Syndroms, sondern auch Frauen nach der Menopause fühlten sich in gewissen Fällen dank der Gabe männlicher Geschlechtshormone vitaler und hätten eine grössere sexuelle Spannkraft. Die Existenz eines solchen Syndroms – zumindest bei gesunden, älteren Frauen – ist in Fachkreisen allerdings äusserst umstritten, denn die Rolle der Androgene im weiblichen Organismus ist wenig untersucht, allfällige Mangelsymptome äussern sich unspezifisch und mit breiten individuellen Schwankungen. Vor allem die Abgrenzung der Symptome (vor allem Libidomangel) gegenüber dem Ausdruck einer unbefriedigenden partnerschaftlichen Situation, einer Depression oder weiterer Krankheiten ist äusserst schwierig. Es fehlen auch grosse Studien, weshalb hier gar nicht weiter darauf eingegangen wird.

    Ersatz mit synthetischen, oral eingenommenen Hormonen erhöht Demenzrisiko

    Eine kürzlich veröffentliche Fall-Kontroll-Studie (08/2023) bekräftigt erneut den Verdacht, dass in der Postmenopause verabreichte Hormone das Demenzrisiko erhöhen. Knapp 5600 Frauen, die an einer Demenz erkrankt waren, wurden einer zehnmal so grossen Kontrollgruppe gegenübergestellt. Man stellte fest, dass bei den demenzkranken Frauen signifikant häufiger eine Hormonsubstitution mit Östrogen und Gestagen durchgeführt worden war als bei denjenigen der Kontrollgruppe (HR 1,24 [1,17–1,33]). Der Unterschied war auch bei Frauen zu beobachten, die Hormone nur relativ kurz (maximal 1 Jahr) eingenommen hatten, sowie bei den Untergrupppen von Frauen mit einer Alzheimererkrankung und von Frauen mit einer Demenz, die nach dem 65. Altersjahr begann («Late onset dementia).
    Kein erhöhtes Demenzrisiko fand sich bei den Frauen, die nur vaginal verabreichte Östrogene oder nur Gestagene verwendet hatten.
    (Volltext der Studie aus dem BMJ: Menopausal hormone therapy and dementia: nationwide, nested case-control study)

    Der Langzeitgebrauch von postmenopausalen Hormonen ist nun mehrmals in grossen Studien nachgewiesen, mit einem erhöhten Risiko für Alzheimer- Demenz assoziiert. Das Alter bei Therapiebeginn und das verwendete Gestagen scheinen keinen Einfluss auf das Risiko zu haben.
    (z.B. Savolainen-Peltonen H, Rahkola-Soisalo P, Hoti F et al. Use of postmenopau- sal hormone therapy and risk of Alzheimer’s disease in Finland: nationwide case- control study. BMJ. 2019 Mar 6;364:l665.)

    „Women´s Health Initiative“: Brustkrebs und Hormonersatztherapie bei postmenopausalen Frauen

    Eine weitere Studie im Rahmen der „Womens´s Health Initiative“ untersuchte das Risiko des Auftretens von Brustkrebs im Zusammenhang mit der Einnahme einer Hormonersatztherapie. Die 16.608 eingeschlossenen postmenopausalen Frauen zwischen 50 und 79 Jahren wurden im Schnitt elf Jahre lang beobachtet.
    Ergebnis: Frauen, welche Östrogen plus Progesteron einnahmen, erkrankten häufiger an invasivem Brustkrebs als diejenigen, welche Plazebo einnahmen (HR 1,25). Auch war der Brustkrebs unter Hormoneinnahme häufiger „node-positive“ (HR 1,78) und die Sterblichkeit am Brustkrebs war größer (HR1,96).
    (JAMA 304(15):1684-1692, 20 October 2010 © 2010 American Medical Association
    Estrogen Plus Progestin and Breast Cancer Incidence and Mortality in Postmenopausal Women. Rowan T. Chlebowski, Garnet L. Anderson, Margery Gass, et al.:  Link zum Abstract: http://jama.ama-assn.org/cgi/content/abstract/304/15/1684)

    Update 2021:
    Das Schicksal der Frauen, die zwischen 1993 und 2004 an den Studien der Women’s Health Initiative (WHI) teilgenommen haben, wird weiter beobachtet. In diesen Studien erhielten bekanntlich hysterektomierte Frauen nach der Menopause doppelblind konjugierte equine Östrogene (CEE) oder Placebo; Frauen mit intaktem Uterus wurden dagegen, ebenfalls doppelblind, mit CEE in Kombination mit dem Gestagen Medroxyprogesteron oder Placebo behandelt. Die Behandlungsdauer betrug median 7,2 Jahre (CEE allein) bzw. 5,6 Jahre (kombinierte Hormone). Die vorliegende Arbeit befasst sich ausschliesslich mit den Brustkrebs-Fällen und Brustkrebs-bedingten Todesfällen. Fast alle 27’347 Frauen konnten median über mehr als 20 Jahre nach der Hormongabe nachbeobachtet werden. Die neuen Daten stimmen weitgehend mit den bereits bekannten überein. Frauen, die nur Östrogene (CEE) erhielten, erkrankten signifikant seltener an einem Brustkrebs (jährlich 0,30%) als diejenigen, die Placebo erhielten (jährlich 0,38%). Auch die Brustkrebssterblichkeit war unter CEE kleiner als unter Placebo. In der grösseren Studie bei Frauen mit intaktem Uterus kam es dagegen unter der kombinierten Hormontherapie signifikant häufiger zu einem Brustkrebs (jährlich 0,45%) als unter Placebo (0,36%). Auch Brustkrebs-Todesfälle waren häufiger nach der Hormontherapie, aber nicht signifikant.

    Die gesundheitlichen Risiken einer Hormonsubstitution scheinen offensichtlich vorwiegend auf den Gestagenen zu beruhen. Ob es aber wirklich sinnvoll wäre, hysterektomierten Frauen über längere Zeit Östrogene als «Brustkrebsschutz» zu verordnen? Dabei muss man sich fragen, ob die heute verwendeten «reinen» Östrogene nicht nur hinsichtlich der Brusttumoren, sondern auch in Bezug auf kardiovaskuläre Probleme unbedenklich sind. Leider verfügen wir zu dieser Frage über keine Studien, die sich mit den WHI-Studien vergleichen liessen. Solange diese Wissenslücke nicht gefüllt ist, muss weiterhin zu einem sehr zurückhaltenden Umgang mit Östrogenen geraten werden.
    (Etzel Gysling in infomed-screen 25 — No. 3, Copyright © 2021 Infomed-Verlags-AG)

     

    Zeit des Ankommens

    (Sabine Dermon am 30.05.22 im Tagesanzeiger)
    Nun, ich erlebe die „Wechseljahre“ gerade als wundervolle Zeit des Ankommens. Und zwar bei mir selbst. Während sich meine Töchter gerade am Finden und auf der Suche nach sich selbst sind, weiss ich genau, wer ich bin, was ich kann, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Ich fühle mich geerdet und stabil und erlebe eine nie da gewesene innere Gelassenheit dem Leben gegenüber. Ich fühle mich geborgen und in Frieden mit meinem «ich». Ich schätze nicht nur meine Schokoladenseiten, sondern akzeptiere auch Makel und Unvollkommenheit – etwa, dass ich einen katastrophalen Orientierungssinn habe.
    Überhaupt nehme ich bezüglich Müssen und Sollen immer mehr den Fuss vom Gaspedal. Ich rücke mich und meine Bedürfnisse stärker ins Zentrum. Ja, ich erfinde mich neu! Das hört sich nun dramatisch an und ja, bei manch einer Frau in dieser Lebensphase wird das Leben gehörig umgekrempelt, den Job an den Nagel gehängt und der Mann verlassen; gottlob selten umgekehrt.
    Bei manchen sind es allerdings nur Nuancen, kleine innere Weichen, die neu gestellt werden. Die Frage nach der inneren Zufriedenheit mit dem eigenen Leben steht da plötzlich ganz gross im Raum. Es ist auch eine Zeit des Infragestellens. Bewährtes möchte ich erhalten, Neuem einen Raum geben. Zeit, Entscheidungen zu treffen und eine erste Lebensbilanz zu ziehen. Für viele in diesem Alter sind entscheidende Phasen abgeschlossen – das Haus ist gebaut, die Kinder aus dem Gröbsten raus, der Berufsweg dümpelt vor sich hin, wie vielleicht auch das Eheleben.
    Ich aber verspüre einen neuen Tatendrang, mein Leben zu optimieren! Möchte Neues anpacken und Routinen durchbrechen. Anders als früher, lasse ich die Dinge aber auch auf mich zukommen, statt alles steuern zu wollen.

    Das Leben kann nur vorwärts gelebt werden.
    Kürzlich las ich von 9 Dingen, welche eine junge Frau von einer gestandenen 50-Jährigen lernen könnte. Dinge wie, sich selber zur Priorität Nummer 1 zu machen, lernen «nein» zu sagen, aufzuhören darüber nachzudenken, was andere von einem halten, sich selber nicht zu ernst zu nehmen etc. All diese Phrasen kann ich unterschreiben. Aber – es ist ein Dilemma. Denn leider gelangt man zu diesen wunderbaren Erkenntnissen nur über Erfahrungen – nicht über Ratschläge! Ich merke dies jeweils, wenn ich mit neun-mal-klugen Lebensweisheiten bei meinen Teenietöchtern antanze und ihnen das Leben erklären will.
    Die schauen mich dann bedröppelt an und denken sich wohl, die Mutter hat wieder ihre fünf Minuten und echt keine Ahnung vom anstrengenden Teenieleben – und was für uns gut und wichtig ist! Wieder eine Erkenntnis mehr: Das Leben kann nur vorwärts gelebt und vor allem durchlebt werden. Es gibt keine Abkürzung! Nur so gelangt man wie ich, irgendwann bis zur Mittelstation. Und die Aussicht da oben gefällt mir. Ich versuche, den Panoramaweg einzuschlagen und werte Stolpersteine als das, was sie sind: neue Aufgaben- und Übungsfelder. Schliesslich will ich ganz nach oben, bis zum Gipfel. Die Wanderschuhe sind geschnürt!
    (Sabine Dermon am 30.05.22 im Tagesanzeiger)

    Literatur zu den Wechseljahren:
    vonOomen, Francine, „Francine und die total heiße Phase“ – Wechseljahre für Anfängerinnen; Knaur Verlag
    Dr.med. Christiane Northrup, „Weisheit der Wechseljahre“; Goldmann Verlag, ISBN-10: 3-442-21907-8

    Lesen Sie auch dies >>>
    und über
    die Wechseljahre beim Mann >>>
    und über die Blütenjahre der jungen Frau >>>

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    11. Juni 2025

  • Metabolisches Syndrom

    Metabolisches Syndrom

    Das metabolische Syndrom und der Typ-2-Diabetes als Wegbereiter des Herzinfarktes

    Begriffe:

     „Metabolisches Syndrom“

    Bereits 1923 wurde die Kombination von Bluthochdruck, erhöhten Blutzuckerwerten und Gicht zu einem «Syndrom» zusammengefasst. Die WHO bezeichnet heute als «metabolisches Syndrom» den  Symptomenkomplex die bauchbetonte Fettleibigkeit, eine typische Konstellation der Blutfette, einen erhöhten Blutdruck sowie einen im nüchternen Zustand erhöhten Blutzuckerwert.
    Erfüllt eine Person mindestens drei dieser Kriterien, leidet sie an einem metabolischen Syndrom. Weitere Zeichen können eine «Mikroalbuminurie» – die Ausscheidung kleiner Bluteiweisse über die Niere -, Veränderungen der Blutgerinnung, vermehrt im Blut zirkulierende Entzündungseiweisse, Leberveränderungen oder erhöhte Harnsäurewerte sein. Laut neuesten Schätzungen weist rund ein Viertel der westlichen Bevölkerung Zeichen eines metabolischen Syndroms auf, wobei dessen Häufigkeit mit dem Alter ansteigt.

    Metabolisches Syndrom (Der Bauchumfang und 2 der weiteren 5 Kriterien genügen zur Diagnose):
     MannFrau
    Bauchumfang>102 cm>88 cm
    Blutdruck>140/90 mmHg
    Plasmatriglyzeride>2,0 mmol/l
    Quotient Total-Cholesterin : HDL-Cholesterin                                            >5
    Nüchternplasmaglukose>6,4 mmol/l (oder HbA1c>6,5%)

    Entzündungsneigung als zentraler Motor

    Vor wenigen Monaten zeigte eine Studie, dass schon eine einzige Messung von CRP, Cholesterin und Lipoproteinen im Blut junger Frauen das Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt in den nächsten Jahrzehnten vorhersagen kann. Dabei erwies sich das CRP, ein Entzündungsmarker, als besonders aussagekräftig.

    Zunächst lagern sich Cholesterin und andere Blutfette an den Innenwänden der Blutgefässe ab. Dann dringen Immunzellen ein, um die Ablagerungen zu beseitigen, und lösen dabei einen Entzündungsprozess aus. Mit der Zeit verändert sich die Gefässwand: Sie wird starrer und anfälliger für Herzinfarkt und Schlaganfall. Dieser Prozess beginnt schleichend. Schon ab dem 20. oder 25. Lebensjahr tragen wir solche stillen Entzündungen in uns. Doch meist zeigen sie sich erst klinisch, wenn Männer auf die 60 und Frauen auf die 65 zugehen.

    Das Heimtückische an diesen Entzündungen ist ihr chronisches Aufflammen. Ebenso heimtückisch: Man spürt sie nicht, genauso wenig wie einen erhöhten Cholesterinspiegel. Dennoch beeinflussen sie die Gesundheit massiv. Neben den Blutgefässen spielt auch das Fettgewebe eine zentrale Rolle. Es greift aktiv in den Stoffwechsel ein und produziert Entzündungsmarker. Stark übergewichtige Menschen tragen deshalb eine chronische Entzündung in sich.

    Der Schweregrad des Metabolischen Syndrom korreliert mit einem Anstieg der Entzündungsneigung. Studien zeigen, dass die Stammfettsucht und die Hypertonie (ev. aber auch die Niereninsuffizienz) die gefährlichsten Risikofaktoren für die chronische Entzündung im Rahmen des Syndroms sind. (Santos et al., International Journal of Obesity, Dec 2005;29:1452-1456).
    Die Neuroinflammation und eine Hypersensibilität spielt ebenfalls eine zentrale Rolle.

    Pathologische Aktivierung des Immunsystems

    Die Entzündungsparameter im Blut (CRP, Interleukin-5, Interleukin-1 beta (IL-1 beta), Kortisol) sind also auch bei Patienten mit einem Metabolischen Syndrom erhöht. Es ist bekannt, dass Fettgewebe Entzündungsprozesse begünstigen kann. Die Theorie: Wenn Fettpolster zu schnell anwachsen, werden sie nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt (Hypoxie) und rufen die Fresszellen (Makrophagen) des Körpers auf den Plan. Das Risiko für chronische Entzündungen steigt.
    Allein schon der Anblick von Süssem kann bei einem Übergewichtigen ein Entzündung auslösen. In Erwartung eines süssen Teilchens schnellt der Insulinspiegel schon vor dem ersten Biss in die Höhe und sorgt so für einen geschmeidigen Abtransport der Kohlenhydrate nach der Mahlzeit.
    Der Blick aufs Essen aktiviert im Gehirn offenbar bestimmte Immunzellen, die sogenannte Mikroglia. Diese Zellen schütten dann einen Entzündungsfaktor namens Interleukin-1 beta (IL-1 beta) aus. Normalerweise ist dieser Faktor an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt, im Verdauungsfall aber stimuliert IL-1 beta über einen bestimmten Nerv die Ausschüttung von Insulin. Mit Entzündungen im eigentlichen Sinne haben all diese Vorgänge nichts zu tun.
    Nun gibt es aber den Verdacht, dass ein chronisch erhöhter Blutspiegel des Entzündungsfaktors IL-1 beta bei übergewichtigen Menschen Diabetes auslösen könnte.
    Diese Gesamtentzündung wird heute als mitverantwortliche Ursache der Insulinresistenz, des Fehlens von Insulinsekretion bei Diabetes und auch der Arteriosklerose, sowie Krebs gesehen.
    Bei einem gesunden Menschen funktioniert IL-1 beta als ganz normale Verdauungshilfe, ein nur etwa zehn Minuten andauernder Prozess: Der Kopf stupst die Bauchspeicheldrüse gleichsam nur an. Bei stark übergewichtigen Menschen aber ist die IL-1-beta-Produktion überschiessend und andauernd wie bei einer chronischen Entzündung.

    Auch wenig Sinn im eigenen Leben zu sehen, erhöht nach neueren Studien stets (wie beim Dauerstress) etwas den Kortisolspiegel im Blut, was eine permanente Schwächung des Immunsystems nach sich zieht – und deshalb nachgewiesenermassen eine Erhöhung der Entzündungsneigung: walserblog.ch/2021/07/04/sinn-im-leben/

    Auch der Darmflora wird eine grosse Rolle zugesprochen. Die Darmwand ist bei Patienten mit Übergewicht und Diabetes weniger dicht: dadurch können bakterielle Wandprodukte, sogenannte Lipopolysaccharide, sie besser durchdringen und Entzündungen in verschiedenen Geweben verstärken. Die Zusammensetzung der Darmflora scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen. Mehr zum Diabetes als Entzündung >>>

    Das Fettgewebe als endokrines Organ

    In den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass das Fettgewebe nicht einfach nur ein Energiespeicher, sondern vielmehr ein endokrines, also hormonell aktives Organ ist, das proportional zur Menge der Fettzellen verschiedene Substanzen in die Zirkulation abgibt. Dazu gehören Moleküle wie etwa der Tumor-Nekrose-Faktor- (TNF-), Leptin, Resistin, Adipsin oder Adiponectin, die über den Appetit und den Energieumsatz Körpergewicht und Fettdepots steuern. Weiter beeinflussen sie die Blutgerinnung, den Tonus der Gefässe sowie die Insulinempfindlichkeit der verschiedenen Zielgewebe. Die bei Fettleibigkeit erhöhte Konzentration dieser hormonähnlichen Substanzen steht deshalb in engem Zusammenhang mit der Entwicklung von Bluthochdruck, der Insulinresistenz sowie Störungen der Blutgerinnung – alles Symptome, die mit dem metabolischen Syndrom assoziiert sind.
    Ist viel Fettgewebe vorhanden, werden zudem grosse Mengen an Fettsäuren freigesetzt und nicht nur in die normalen Fettdepots der Unterhaut, sondern auch in Muskulatur und Leber eingelagert. Wie Tierversuche und Magnetresonanz-Untersuchungen an adipösen Probanden gezeigt haben, wird dadurch die Insulinwirkung auf diese Gewebe gestört. Die im Rahmen der Nahrungsaufnahme anfallende Glukose, aber auch Fette und Aminosäuren können von den Muskelzellen nicht mehr verwertet werden; in der bei fettleibigen Personen nahezu immer verfetteten Leber wird die endogene Glukose-Produktion durch Insulin nicht mehr unterdrückt – der Blutzuckerspiegel steigt an.
    Weiter lassen neuere Arbeiten vermuten, dass vorab im Bauchfett eine lokal angekurbelte Kortison-Synthese für die Insulinresistenz eine verhängnisvolle Rolle spielen könnte. Offenbar ist in übermässig vorhandenem Fettgewebe die Aktivität eines Schlüsselenzyms der Kortison-Produktion gesteigert und führt – so die Beobachtung an Mäusen – zur vermehrten Freisetzung von Fettsäuren und zu einer verminderten Adiponectin-Synthese. 

    Chronischer Arbeitsstress und die Verbindung zum Metabolischen Syndrom

    In dieser prospektiven Kohortenstudie haben britische Forscher versucht, einen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und dem Metabolischen Syndrom nachzuweisen. 10308 Männer und Frauen zwischen 35 und 55 Jahren wurden inkludiert und durchschnittlich 14 Jahre lang nachverfolgt (1985-1999).
    Man fand eine Dosis- Wirkungsbeziehung zwischen lange persistierenden Arbeitsstressfaktoren und dem Risiko am Metabolischen Syndrom zu erkranken. Angestellte, die mindestens 3 Monate lang chronischem Arbeitsstress ausgesetzt waren, hatten ein doppelt so hohes Risiko als jene ohne Stressfaktoren (alters- und der beruflichen Position angepasste odds ratio: 2.25).
    Die Autoren schliessen, dass Arbeitsstress ein wichtiger Risikofaktor für das Entstehen eines Metabolischen Syndroms ist. Diese Ergebnisse bekräftigen die Wahrscheinlichkeit eines kausalen biochemischen Zusammenhanges zwischen psychosozialen Stressfaktoren des täglichen Lebens und der Entstehung von Herzkreislauferkrankungen, aber auch der Niereninsuffizienz.(Chandola T. et al. BMJ 2006; doi:10.1136/bmj.38693.435301.80)

    Siehe dazu auch meine Gedanken zum stressigen „Cortisol-Jogger“ >>>

    Natürliche Rhythmen und Metabolisches Syndrom

    Auch ein regelmässiger Tagesablauf mit gut eingeplanten Essenszeiten ist sehr wichtig. Licht und Nahrung sind die wichtigsten Zeitgeber für den Menschen. Sie sollten synchron sein. Das heisst man sollte 1 Hauptmahlzeit und (eins bis) zwei kleinere Mahlzeiten genau und immer regelmässig planen – und man sollte nur bei Tageslicht essen, da mit Eintreten der Dunkelheit unser Stoffwechsel sich grundlegend umstellt und Fett (und auch die Kohlenhydrate) viel langsamer abgebaut werden. Dies führt zur Entwicklung von chronischen Erkrankungen wie Übergewicht/Adipositas, Diabetes oder auch Hypertonie und Blutfettanstieg.

    Akne und das metabolische Syndrom der Haut

    Akne ist das sichtbare metabolische Syndrom der Haut durch übersteigerte Wachstumsfaktorsignale westlicher Ernährung. Niedrigglykämische Diäten führen zu einer Abnahme der entzündlichen Akneläsionen.
    Gut ist also: Kaum Milch und Milchprodukte, selten zuckerhaltige Speisen und kein Fast Food oder Backwaren!
    Meiden Sie alle Lebensmittel, die den Blutzuckerspiegel stark beeinflussen, also solche mit einem hohen „Glykämischen Index“ (Weissbrot, gezuckerte Frühstückflocken, Gebäck, süsse Limonaden wie Cola…). Man vermutet, dass das Hormon Insulin schuld ist, da es die Produktion von männlichen Wachstumshormonen (Androgenen) sowie des Botenstoff IGF-1 anregt. Diese regen dann die Talgproduktion an und begünstigen die Verstopfung der Poren. (Neil Mann et al.;American Journal of Clinical Nutrition, 2007)
    Neueste Untersuchungen zeigen auch eine klare Abhängigkeit von Kuhmilch und verschiedenen Milchprodukten (Quark, Streichkäse, Instant-Milchgetränke und v.a. entrahmte Milch sind die Übeltäter! Es hat also nichts mit dem Fettgehalt der Produkte zu tun.). Adebamowo CA et al., J Amer Acad Dermatol 2005; 52:207-214
    Sicher ist, dass auch starkes Übergewicht durch einen Hyperinsulinismus die Produktion der männlichen Hormone (Androgene) stimulieren kann. Dann hilft Abnehmen auch gegen Akne.
    Auch Rauchen sollte man unbedingt stoppen, da dies das metabolische Syndrom der Haut massiv verstärkt.

    Gicht – Disease of Kings?

    Die Gicht ist schon lange keine Krankheit der Könige mehr: ihre Inzidenz nimmt global zu und die Gründe dafür sind vielfältig.
    Diese retrospektive Populationsstudie aus Korea hat den Zusammenhang von metabolischem Syndrom und Gichtinzidenz in einer riesigen Kohorte von jungen Männern (Alter 20–39 Jahre) untersucht. Als metabolisches Syndrom wurde gewertet, wenn drei und mehr der folgenden Kriterien erfüllt waren: abdominale Adipositas, Hypertriglyzeridämie, erniedrigtes HDL-Cholesterin, arterielle Hypertonie und erhöhte Nüchternglukose. Die Diagnose wurde an drei Gesundheitschecks im Intervall von jeweils zwei Jahren überprüft. Die Inzidenzrate der Gicht lag bei 3,36/1000 Personenjahren. Männer mit einem chronischen metabolischen Syndrom wiesen aber ein fast vierfach erhöhtes Risiko auf, eine Gicht zu entwickeln (Hazard Ratio [HR] 3,82). Trat ein metabolisches Syndrom erst im Verlauf der Studie auf, war das Risiko immerhin noch doppelt so hoch (HR 2,31). Waren die Kriterien für ein metabolisches Syndrom bei einem Gesundheitscheck nicht mehr erfüllt, reduzierte sich umgekehrt das Risiko für eine Gicht um rund die Hälfte (HR 0,52). Veränderungen im Serumwert der Triglyzeride und im Gewicht hatten dabei den stärksten Effekt – eine Zunahme als Triggerfaktor, eine Reduktion im protektiven Sinn.
    Die Studie setzt einen wichtigen Reminder: Auch im Zeitalter moderner Gichtmedikamente hat die Modifikation von Lebensstilfaktoren eine entscheidende Rolle bei der Prävention.
    (Arthritis Rheumatol. 2023, doi.org/10.1002/art.42381.)

    Was lässt sich tun?

    Gehen Sie in sich und suchen Sie nach bildhaften Erinnerungen von Situationen, in denen Sie gesund gelebt und sich gut dabei gefühlt haben. Vielleicht war es ein Urlaub: Sie machten lange Strandwanderungen mit einem Freund, und abends gab es mediterrane Küche bei Kerzenschein. Lassen Sie dieses Bild in sich leben und führen Sie sich vor Augen, dass Ihr Arzt genau das mit seinen Empfehlungen meint.
    Tatsächlich, so haben in letzter Zeit gleich mehrere Studien gezeigt, lässt sich der Ausbruch eines Diabetes bei diesbezüglich gefährdeten Personen mit recht unspektakulären Massnahmen wenn nicht verhindern, so doch zumindest verzögern. Denn schon mit moderaten Veränderungen des Lebensstils – einem Gewichtsverlust von 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts, regelmässigen, alltäglichen kurze Fastenperioden (Intervallfasten) und regelmässiger körperlicher Bewegung – konnten die Studienteilnehmer ihr Risiko halbieren, in den kommenden Jahren zuckerkrank zu werden. Medikamente gegen Diabetes scheinen übrigens nicht gleich effektiv wie Änderungen des Lebensstils.
    Eine Verminderung des Arbeitsstresses ist ebenfalls unumgänglich!

    Oder anders gesagt:
    Pro 1 Kilogramm Gewichtsverlust ergibt sich eine Reduktion des Diabetes um 13 Prozent.
    Bei Gewichtsverlust von 20 kg verschwindet der Diabetes mellitus Typ II in 95 Prozent!

    Mediterrane Kost mit etwas weniger Kohlenhydraten als gewöhnliche – die LOGI-Methode:

    In der LOGI-Methode (steht für Low Glycemic Index) sollen in der täglichen Nahrung Lebensmittel mit niedrigem GI bevorzugt, solche mit hohem GI dagegen eingeschränkt werden. Die GL (Glykämische Last) aller pro Tag verzehrten Lebensmittel sollte am besten unter 80 liegen.
    Im Unterschied zu Atkins und „South Beach“, etc. empfiehlt man viel Obst und Gemüse (und eine Handvoll Nüsse täglich) sowie ungesättigte Fette wie Raps- bzw. Olivenöl. Um die Stoffwechsellage zu verbessern, ist es einerseits wichtig, weniger Energie aufzunehmen. Andererseits ist insbesondere die Art der zugeführten Fette von grosser Bedeutung. Verschiedene Untersuchungen belegen in diesem Zusammenhang den Wert einfach ungesättigter Fettsäuren (besonders reichlich in Oliven- oder Rapsöl enthalten), die im Gegensatz zu den gesättigten Fetten die Insulinempfindlichkeit der Gewebe verbessern.
    Die LOGI-Methode beruft sich auf die Ernährung unserer Urvorfahren, als KH noch eher knapp waren. Optisch umgesetzt wird diese Methode auch in der Lebensmittelpyramide, die Lebensmittel von „sehr empfehlenswert“ (= Basis der Pyramide, man soll viel davon zu sich nehmen), bis hin zur Spitze (= „weniger empfehlenswert“ – nur in geringen Mengen verzehren!) staffelt. Die Basis bilden Obst, stärkefreies Gemüse aber auch hochwertiges Öl.
    Mindestens fünf Portionen Gemüse und Obst sollten pro Tag verzehrt werden – drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Früchte. Auf der zweiten Stufe folgen eiweissreiche Lebensmittel wie Milchprodukte, Eier, mageres Fleisch, Nüsse und Hülsenfrüchte. Erst auf der dritten Stufe sind kohlenhydratreiche Produkte wie Vollkornbrot, Nudeln und Reis zu finden. Die Spitze bilden schliesslich Weissmehl-Produkte, Kartoffeln und Süssigkeiten. LOGI entspricht einer Art mediterranen Ernährung, aber nicht mit Teigwaren und Pizza, sondern eher mit viel Salat, Gemüse, Obst, Fisch aber auch wenig Fleisch.

    Gemäss Studien sind die Unterschiede nach sechs Wochen LOGI-Diät zwar klein, aber bedeutend. Insbesondere waren die Blutzucker- und Cholesterinwerte stärker als in der Kontrollgruppe gesunken (Journal of the American Medical Association JAMA 300, 2742-2753 (2008)).

    Bereicherung der Darmflora verbessert das Metabolische Syndrom

    Was sehr wahrscheinlich bei dieser Ernährungsumstellung noch viel wichtiger ist, scheint die Veränderung, die sie auf die Besiedlung mit Darmbakterien bewirkt. Die mediterrane Ernährung bekämpft die Verarmung dieser Darmbakterien, die höchst wahrscheinlich auch eine sehr wichtige Ursache für das Metabolische Syndrom ist.

    Noch ein therapeutischer Schritt weiter sind Stuhltransplantationen:
    2000 wagte Gerhard Rogler vom Universitätsspital Zürich erstmals den unorthodoxen Eingriff bei einer Patientin, die wegen einer Infektion mit dem Darmkeim Clostridium difficile an krampfartigen Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber litt. Die Ärzte spülten den Darm der Patientin und spritzten danach gereinigten Kot einer Verwandten ein. Die Therapie war erfolgreich. Seither hat die Uniklinik Zürich sehr viele weitere Patienten mit einer C.-difficile-Infektion behandelt – bis auf ganz wenige sind alle geheilt.
    Derweil testen Forscher weltweit die Stuhltransplantation bei einer Reihe weiterer Darmerkrankungen wie Reizdarm, chronischer Verstopfung, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Holländische Forscher haben die Methode bei Patienten, die am metabolischen Syndrom leiden, erprobt – ebenfalls mit Erfolg. Bei den Patienten hat sich nach der Transplantation mit aufgereinigtem Kot eines dünnen Spenders die Insulinsensitivität erhöht.
    Wirklich appetitlich ist diese Therapie nicht, dafür anscheinend
    umso wirksamer: Stuhltransplantationen können lebensbedrohliche Darminfektionen heilen – und möglicherweise noch viel mehr.

    Die wichtigste Massnahme überhaupt, ist neben dieser mediterranen Ernährung, dem Intervallfasten und mehr Bewegung auch das Stoppen eines eventuellen Nikotingebrauchs (wichtigster zusätzlicher Risikofaktor für die Arterienverkalkung)!

    Ein Zustand der «Metabolischen Fitness» wird auch durch längere Pausen zwischen den einzelnen Mahlzeiten (vor allem ein langes Nachtfasten = Intervallfasten oder 16:8) erzielt. Dadurch reduzieren sich die für die Entwicklung arteriosklerotischer Veränderungen offenbar besonders kritischen Phasen nach einer Mahlzeit, während denen die Blutzucker-, Insulin- und vor allem Triglycerid-Werte im Blut erhöht sind (>>>Breakfast- oder Dinner-Canceling).

    Die ideale Reihenfolge während einer Mahlzeit ist:
    1. zuerst die Ballaststoffe (Gemüse, Salat, Nüsse), dann
    2. die Proteine (Käse, Hülsenfrüchte, Fisch, Ei) und nur zum Schluss eventuell
    3.) die Stärke (Brot, Pasta) und wenig Zucker (als Dessert!).

    Sehr wichtig neben dem Erreichen des Normalgewichtes (resp. Verringern des Bauchfettes) scheint regelmässige Bewegung zu sein.  Zahlreiche Studien haben unterdessen bestätigt, dass körperliche Betätigung das Risiko für Herz- Kreislauf-Krankheiten reduziert, zumindest zum Teil über eine günstige Beeinflussung der Faktoren des Metabolischen Syndroms. Dass es für den erwünschten Effekt keineswegs nötig ist, Spitzensport zu betreiben, zeigen die jüngsten Empfehlungen der amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention, wonach Erwachsene an möglichst vielen Wochentagen mindestens 30 Minuten «moderat körperlich aktiv» sein sollen. Als einfache Regel kann 3in3 gelten: mindestens 3 Stunden wöchentlich, verteilt auf mindestens 3mal! (genügend Bewegung?! >>>Test!) – und es muss nicht intensiver und langdauernder Sport sein, sondern die Bewegung kann (für die Gesundheit und nicht unbedingt für die Ausdauer) kurz und moderat, jedoch dann täglich und häufig sein!

    Während die gesunde Skelettmuskulatur die Möglichkeit hat, neben Kohlehydraten auch Lipide zu verwerten, und je nach Bedarf, Stoffwechsellage und hormonellen Signalen zwischen diesen beiden Energiequellen wechseln kann, besteht bei adipösen Personen und Diabetikern durch die Einlagerung von Fettsäuren in die Muskeln eine metabolische Inflexibilität. Durch regelmässigen Sport nun werden die für die Fettverbrennung notwendigen Enzyme wieder aktiviert – die Fettreserven am falschen Ort können mobilisiert werden. Besonders günstig ist körperliche Bewegung nüchtern vor oder mindestens 3 Stunden nach den Mahlzeiten. Dadurch werden die muskulären Fettspeicher entleert, und die nach einer Mahlzeit anfallenden Nahrungsfette können wenigstens zum Teil aufgenommen werden.

    Viel Sitzen ist ganz schlimm

    Je länger Menschen am Stück sitzen, ohne zwischendurch aufzustehen  und herumzugehen, desto schlechter reagiert ihr Organismus auf das Hormon Insulin und umso „süsser“ wird ihr Blut nach der Zufuhr erhöhter Glukosemengen. Erwartungsgemäss stand auch die im Laufe des Tages akkumulierte gesamte Sitzdauer in einer engen Beziehung zum Zuckerstoffwechsel. So tendierte der Metabolismus umso stärker in  Richtung eines Diabetes, je mehr Sitzstunden pro Tag zusammen kamen.
    Versuchspersonen, die trotz allem noch körperlich aktiv waren, schnitten zwar besser ab als Bewegungsmuffel. Weder Sport noch andere vor Diabetes schützende Faktoren, darunter vor allem ein gesundes Körpergewicht, konnten die verhängnisvollen Bande zwischen Dauersitzen und Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels allerdings auflösen.

    Eine weiter Studie zeigte, dass jede Zunahme der Fernsehdauer um zwei Stunden pro Tag mit einer 25%igen Steigerung des Übergewichts und einer 15%igen Steigerung des Diabetesrisikos verbunden war (JAMA 289 (2003) 1785-1791). Es sollte also nicht nur die körperliche Aktivität gefördert, sondern auch auf die Risiken sitzender Tätigkeiten verstärkt hingewiesen werden.

    Ein stabiles Körpergewicht senkt das Risiko für das Metabolische Syndrom

    In einer 15jährigen  Beobachtungsstudie (Donald M.Lloyd-Jones et al., Circulation 2007;115:1004-1011) mit 2700 Männern und Frauen wurde eindeutig gefunden, dass ein stabiles Körpergewicht (BMI) UNABHÄNGIG VOM AUSGANGSWERT langfristig das Risiko für ein Metabolisches Syndrom senken kann!

    Schon 2 Softdrinks pro Tag erhöhen das Risiko eines Metabolischen Syndroms

    Um einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Genuss von Softdrinks und der Entstehung des metabolischen Syndroms festzustellen haben Forscher 6039 Personen (Durchschnittsalter 52.9 Jahre) aus der Framingham Studie, welche keine Hinweise auf ein metabolisches Syndrom zeigten, untersucht. Die Daten wurde für das Alter, Geschlecht, physische Aktivität, Rauchverhalten, gesättigte Fettsäuren aus der Ernährung, Transfette, Magnesium, Ballaststoffe, Gesamtkalorien und glykämischen Index angepasst.
    Man fand bei Personen, die mehr als 1 Softdrink/Tag zu sich nahmen eine höhere Prävalenz des metabolischen Syndroms (OR=1.48) als bei jenen, die weniger konsumierten. Beim Follow up nach ca. 4 Jahren hatten 18.7% der Personen aus der Gruppe mit weniger als 1 Softdrink/Tag (n=4095) und 22.6% aus der Gruppe mit mehr als 1/Tag (n=2059) ein metabolisches Syndrom entwickelt. Der Genuss von mehr als 1 Softdrink/Tag war mit einem höheren Risiko zur Entwicklung eines metabolischen Syndroms (OR=1.44), Adipositas (OR=1.31), erhöhtem Bauchumfang (OR=1.30), erhöhtem Nüchternblutzucker (OR=1.25), erhöhtem Blutdruck (OR=1.18), Hypertriglyceridämie (OR=1.25) sowie erniedrigtem HDL-Cholesterin (OR=1.32) assoziiert.
    Die Forscher schliessen daraus, dass der Genuss von Softdrinks bei Personen im mittleren Alter zur Erhöhung mehrerer metabolischer Risikofaktoren führt. (Ravi Dhingra et al., Circulation 2007;116:480-488)

    Steigender Fruktosekonsum als Auslöser des Metabolischen Syndroms?

    In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem drastischen Anstieg des Konsums von freier Fruktose (welche etwa 1,6mal süsser ist als Glukose oder Saccharose), da das billigere Süssmittel „high fructose corn syrup“ (HFCS) in vielen unseren Getränken, Backwaren und anderen süssen Lebensmitteln beigefügt wurde. Daten aus den USA zeigen eine parallele Entwicklung zwischen der rasanten Zunahme von Übergewicht und den Zusätzen an freier Fruktose. Im Gegensatz zur Glucose wird die Fructose insulinunabhängig verstoffwechselt. Da Insulin indirekt einen Anteil an der Erzeugung des Sättigungsgefühls hat, Fructose also den Appetit nicht nimmt, kann durch den starken Einsatz von HFCS als Süssstoff leicht Übergewicht entstehen. In grossen Mengen kann freie Fruktose möglicherweise auch Bluthochdruck begünstigen. Es beeinflusst auch das Lipidprofil (Blutfette) ungünstig, da es in höheren Mengen die Fettsynthese fördert und damit die postprandialen (nach dem Essen) Serumtriglyzeride (Art Blutfett) ansteigen lässt. Patienten mit metabolischem Syndrom muss v.a. vom Konsum von mit HCFS oder Saccharose gesüssten Getränken abgeraten werden. In der Schweiz gibt es aber bisher keine Deklarationspflicht für die Mengen einzelner zugesetzter Zuckerarten wie Fruktose, Saccharose, Maltose usw.!
    Nun kommen neuere Studien, die zeigen, dass ein moderater Fructose-Konsum (<1–1,5 g/kg/d) bei ausgeglichener Ernährung doch sicher zu sein scheint. Ein übermässiger Zuckerkonsum hingegen ist schädlich, und dies unabhängig von der Zuckerart.

    Weitere Massnahmen, die sich leicht angehen lassen:

    Der Hausarzt sollte unbedingt den Blutdruck und die Blutfette (Cholesterin, etc.) und auch die Nierenwerte kontrollieren und (ev. auch medikamentös) behandeln.

    Bewege ich mich genug?

    Dass es für einen gesundheitsfördernden Effekt keineswegs nötig ist, Spitzensport zu betreiben, zeigen die jüngsten Empfehlungen der amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention, wonach Erwachsene an möglichst vielen Wochentagen mindestens 30 Minuten «moderat körperlich aktiv» sein sollen.
    Als einfache Regel kann 3in3 gelten: im Minimum 3 Stunden wöchentlich, verteilt auf mindestens 3mal!
    Ein Werkzeug zur schnellen Berechnung der eigenen Bewegungs- oder körperlichen Aktivitätsleistung wurde in einer Studie mit englischen Hausärzten entwickelt (Br J Sports Med 2005;39:294-297, A L Marshall, brief physical activity assessment for use by family doctors):

    Zählen Sie die Punkte zusammen, welche für Sie zutreffen:

    • A) Wieviel mal pro Woche führen Sie üblicherweise 20 Minuten schwere körperliche Tätigkeit aus, die Sie zum Schwitzen bringt (z.B. Jogging, Gewichtheben, Aerobic, schnelles Velofahren, etc.)
      – mehr als 3mal in der Woche: 4 Punkte
      1 bis 2mal die Woche : 2
      – Nie! 0

    • B) Wieviel mal pro Woche führen Sie üblicherweise 30 Minuten leichte körperliche Tätigkeit aus, die Ihre Atmung schneller werden lässt (z.B. Velofahren, Wandern, leichte Gewichte Tragen, etc.).
      – 3 bis 4mal in der Woche: 3 Punkte
      – 1 bis 2mal pro Woche: 1
      – Nie! 0

    Total: 













    Total = Score A + Score B:
    höher als 4:genügend körperliche Aktivität! >>> Machen Sie weiter so!
    0 bis 3:ungenügend körperliche Aktivität!>>> Versuchen Sie mehr zu tun!

    Wie steht es um meinen Fitnessstand?

    Die norwegische Uni Trondheim hat einen Fitness-Kalkulator aus einer grossen Studie erschaffen, der ganz einfach aus 5 Faktoren (Geschlecht, Alter, Bewegungsquantität und -qualität, Bauchumfang, Ruhepuls) errechnet wird. Bestimmen können Sie dabei auch gleich Ihr Fitness-Alter, was dann vielleicht in etwa Ihrem “Biologischen Alter” entspricht (mit Vorsicht zu geniessen!):
    www.ntnu.edu/cerg/vo2max

    Die AMPK – ein universeller Energiesensor

    AMPK (5-Adenosin-Monophosphat-aktivierte Proteinkinase) ist ein Enzym mit sehr interessanten Wirkungen in unserem Körper: Es verbessert die Blutfett- und Zuckersituation und wirkt auch antiproliferativ, also krebshemmend!

    Folgende Stoffe pflanzlicher Herkunft aktivieren alle die AMPK:

    Vollbildansicht

    >>>weiterführender Artikel über die AMPK hier auf dieser Website!

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    27. Januar 2025

  • Midlife-Boomer

    Midlife-Boomer

    Glück mit Falten

    Was man/frau schon lange weiss: Die 50-plus-Generation hat solidere und reifere Beziehungen – und den „besseren“ Sex. Die Selbstverwirklichung steht auf stabilen Beinen, die Konflikte, die bei Karriere und Kindern kaum zu vermeiden waren, sind Vergangenheit. Vielleicht wird es in Zukunft eine Selbstverständlichkeit sein, das Leben der Erwachsenen in zwei Phasen zu begreifen: In einer ersten, in der wir eine Familie gründen und Turbokarrieren starten (die sogenannte Rushhour des Lebens) – und in einer zweiten, in den wir mit uns viel Zeit und Energie für die Beziehung reif und „für immer“ binden.

    Das neue U-Bild des Lebens

    Eine Frau, die 1950 geboren wurde, kann sich freuen. Als Schweizerin dieses Jahrgangs hat sie die höchste Lebenserwartung weltweit. Durchschnittlich wird sie bis 2036 leben — und mit jedem Jahr werden es mehr.

    Ihre Enkel, die im 21. Jahrhundert geboren werden, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden — jeder dritte mindestens, vielleicht sogar jeder zweite.

    Was werden die Menschen mit dieser Lebensspanne anfangen? Wie gestaltet man ein 100-jähriges Leben? Noch gibt es kaum Antworten auf diese Frage. Die demografischen Veränderungen in Europa sind schleichend, doch unabwendbar. Wir werden älter. Wir werden weniger. Und wir werden vielfältiger.

    Nicht nur Europa, auch die Schwellenländer altern. Schon im Jahr 2026 wird sich in China der Anteil der über 65-Jährigen von 7 auf 14 Prozent verdoppelt haben. In Brasilien ist es im Jahr 2032 so weit, in Singapur schon 2019. Für das Jahr 2069 prognostiziert die UNO für China die stolze Zahl von einer Million 100-Jähriger.

    Das hat Folgen. Vor allem brauchen wir ein neues Bild vom Altern. Zu viele Menschen glauben noch, dass es vom 50. Geburtstag an abwärts geht. Mit dem Leben. Mit der Karriere. Mit der Gesundheit. Mit dem Glück.

    Das aber ist ein Trugschluss, wie neue Studien zeigen. Sie deuten darauf hin, dass die Menschen ab 50 glücklicher und zufriedener werden. Die Glückskurve stellt sich als U-Form heraus, mit einem statistischen Tiefpunkt im Alter von 46. Auch die Lebenszufriedenheit ist im Alter noch weit höher als in der Phase der frühen Erwachsenenzeit.

    Hinzu kommt der demografische Wandel. Menschen um die 50 werden künftig gefragt sein, weil sich der Mangel an Facharbeitern kontinuierlich verschärft. Wer als Firma attraktiv sein will, muss künftig Arbeitszeitmodelle anbieten, die dem Arbeitnehmer mehr individuelle Gestaltungsmöglichkeiten als früher einräumen.

    Kein Bereich der Personalpolitik wird sich so stark ändern wie der Umgang mit älteren Mitarbeitern. Schon in wenigen Jahren wird es keine Frage mehr sein, dass Arbeitnehmer bis weit ins sechste Lebensjahrzehnt geschult und fortgebildet werden. Altersgemischte Teams werden normal sein.

    In den Fabriken werden die Arbeitsabläufe und Maschinen optimiert sein, die Mitarbeiter können körperschonend wie nie zuvor arbeiten — egal, ob sie alt oder jung sind. Es wird noch immer Bereiche harter körperlicher Arbeit geben, doch die Unternehmen werden sie schon aus Eigeninteresse so weit wie möglich reduzieren.

    Der Dachdecker, der immer als Beispiel herhalten muss, wird nach seinem 50. Geburtstag in andere Tätigkeiten hineinwachsen — in die Büroarbeit, in die Beratung von Kunden oder die Ausbildung anderer Mitarbeiter. Auch wenn er nicht mehr auf dem Dach steht, wird er im Arbeitsleben bis an die Schwelle des 70. Geburtstages gebraucht werden.

    Dieses Gebrauchtwerden ist der Paradigmenwechsel. Es löst ein Vierteljahrhundert ab, in dem der ältere Arbeiter in der Politik, der Wirtschaft und den Medien als ersetzbar, nicht mehr belastbar und verbraucht beschrieben wurde. Diese Abwertung menschlicher Leistungsfähigkeit ist noch schlimmer als die immens hohen Kosten, die uns die fatale Frühverrentungspolitik seit Ende der 80er-Jahre beschert hat.

    Noch gibt es nur wenige Unternehmen, die offensiv Angebote für ihre älter werdende Belegschaft machen. Noch seltener gibt es Vordenker, die konsequent Schlüsse ziehen aus der Tatsache, dass der Mensch älter wird.

    Eine davon ist Laura L. Carstensen, die Leiterin des Center on Longevity der Stanford University in Kalifornien. «Wir sollten unsere Leben so planen, dass die Menschen mit 50 noch einmal aufbrechen. Sehen Sie es als ein 50 : 50-Modell», schreibt sie in ihrem Buch «A Long Bright Future». Die ersten 50 Jahre eigneten wir uns «eine Fülle an Wissen und sozialem Know-how an, um es die nächsten 50 Jahre an unsere Umgebung und die Gesellschaft zurückzugeben».

    Für die Psychologin ist das «eine radikale Abwendung von dem alten Lebensplan, der alles nach 50 als Abstieg und Niedergang sieht». Sie plädiert leidenschaftlich für ein neues Modell der Lebensspannen: «In diesem neuen Skript wird es ab 50 erst richtig interessant, und man kommt in eine Phase, in der man wirklich etwas beitragen kann, sei es in der Familie, bei der Arbeit oder in der Gesellschaft. »

    Dafür aber brauchen wir ein radikal neues Bild vom Altern — und ein neues Drehbuch für unser Leben. «Als Gesellschaft haben wir keine Vorstellung davon, wie sich ein glücklicher, gesunder 100-Jähriger fühlt. Niemand hat ein Konzept dafür, was es bedeutet, wenn sich die Zeit des Ruhestandes über 40 Jahre hinzieht», argumentiert die Psychologin, die bald 60 wird. Lebensabschnitte sind für sie «soziale Konstrukte, keine absoluten Realitäten».

    Die Geschichte des langen Lebens muss erst geschrieben werden. Wir brauchen eine «neue Landkarte des Lebens», meint die Anthropologin Mary Catherine Bateson. Sie zu füllen könnte ganz analog zur Erfindung der Adoleszenz vor über 100 Jahren geschehen: Bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Kinder einfach als kleine Erwachsene wahrgenommen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass sich mit den Jahren der Ausbildung etwas Neues in diese Abfolge schob: die Adoleszenz, eine Phase des Erwachsenwerdens, die gut eine Dekade umfasst.

    Der Soziologe Peter Laslett hat schon 1989 vier Lebensphasen beschrieben: als erste die der Kindheit und Jugend, danach das Erwachsensein und die berufliche Karriere und am Schluss das erneute Abhängigsein im hohen Alter und der kommende Tod. Dazwischen aber gebe es eine neue Phase zwischen dem Ende der elterlichen Pflichten sowie dem vermeintlichen Höhepunkt der beruflichen Karriere und dem Einsetzen der letzten Phase.

    Laslett nennt diese neue Phase das «dritte Alter». «Es ist eine Zeit, wo Individuen sich von den praktischen Notwendigkeiten der mittleren Jahre befreien können und noch Jahrzehnte vom hohen Alter entfernt sind. Es ist eine Gelegenheit für neue Entdeckungen, für Lernen und persönliches Wachstum, für vielleicht die wichtigsten Beiträge zu seinem eigenen Leben. » Für das, was im englischen Sprachraum Middle Ages, Life: Take 2 genannt wird, existiert kein deutscher Begriff. Aber es gibt viele Versuche, diese Phase mit kreativen Ideen zu füllen, überall haben sich Trendsetter, Kreative, Unerschrockene und Innovative aufgemacht, diese Landkarte des langen Lebens zu beschreiben. Sie sind dabei, das Alter neu zu definieren.

    Ich nenne sie die Midlife-Boomer: eine zahlenmässig starke und gut ausgebildete Generation um die 50, deren Erfahrungen und Qualitäten auch morgen gefragt sein werden. Die Volksweisheit «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» ist nämlich Unsinn, wie wir heute wissen. «Das menschliche Gehirn bleibt bis ins hohe Alter veränderbar», sagt Ursula Staudinger, die an der Jacobs University Bremen forscht. Sie ist überzeugt davon, dass Ältere «im sozialen Miteinander die verlässlicheren und stabileren Menschen sind». Sie sind imstande, ebenso viel zu lernen wie die Jungen, aber sie lernen anders.

    So hat die Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach beispielsweise eine Pflegelehrerin eingestellt, die über 40-Jährige bei ihrer Ausbildung zu «staatlich geprüften Hauswirtschafterinnen» begleitet. Dass Frauen nach der Familienphase noch einmal eine Ausbildung machen und Unternehmen die Möglichkeit dazu eröffnen, ist in Deutschland noch ungewöhnlich. Doch die Sozial-Holding profitiert davon: Die Motivation der älteren Frauen sei aussergewöhnlich, sagt Geschäftsführer Helmut Wallrafen-Dreisow. Der Altersschnitt seiner ungewöhnlichen «Lehrlinge» liegt bei 45, eine Frau war bei Ausbildungsbeginn 57 Jahre alt.

    Wallrafen-Dreisow sagt, die Vorstellung sei falsch, dass die älteren Leute weniger leistungsfähig oder häufiger krank seien als seine jüngeren Mitarbeiter. «Die Gruppe der über 50-Jährigen hat bei uns mit 4,5 Prozent den geringsten Krankenstand überhaupt», sagt er. In einer Studie mit der Forschungsgesellschaft für Gerontologie hat er 300 ältere Mitarbeiter betreffend Motivation befragen lassen. «Bei älteren Mitarbeitern spielt die Ansprache durch die Vorgesetzten die entscheidende Rolle», sagt der Geschäftsführer der Sozial-Holding Mönchengladbach. «Wenn der Vorgesetzte dem älteren Mitarbeiter sagt: Das begreifst du nie, dann wird das auch nichts — und umgekehrt. »

    Die USA sind Europa einen Schritt voraus. Für all jene, die ihre Karriere noch einmal neu starten wollen, gibt es dort den Begriff der Encore-Karrieren. «Encore» heisst übersetzt «Zugabe», kann aber auch vom französischen «noch» abgeleitet werden, bedeutet dann also «noch eine Karriere». Popularisiert wird der Begriff von der Nichtregierungsorganisation Civic Ventures, deren Direktor Marc Freedman als einer der prominentesten Vorkämpfer für den Gedanken der Encore-Karrieren gilt. Ihm ist auch wichtig, wie er sagt, dass das Wort «core», also «Herz, Seele» in dem Begriff steckt. Zehn Millionen Amerikaner haben in der Mitte ihres Lebens eine neue Karriere begonnen, vor allem in der Erziehung, der Gesundheit, in Umweltberufen und sozialen Diensten, sagt Freedman. Viele haben sich selbstständig gemacht. Wie das Magazin «Newsweek» im August 2010 berichtete, gründen über 55-Jährige fast doppelt so oft erfolgreiche Firmen wie 20- bis 34-Jährige.

    Dies beeinflusst den Arbeitsmarkt der Zukunft. Die These, die Produktivität und Innovationsfähigkeit einer alternden Gesellschaft sei quasi wie ein Naturgesetz rückläufig, ist nach Ansicht der Altersforscherin Ursula Staudinger nicht zu halten. Thomas Zwick vom Institut für Wirtschaftspädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München teilt diese Meinung: «Altersgemischte Teams steigern die Produktivität sowohl für ältere als auch für jüngere Arbeitnehmer, wenn sie geschickt zusammengesetzt sind. »

    Der 50. Geburtstag ist allenfalls die Mitte, nicht der Höhepunkt des Lebens. James Vaupel, einer der bekanntesten Altersforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, ist sich sicher, dass es die klassische Dreiteilung «Ausbildung, Arbeit, Rente» in Zukunft für die wenigsten geben wird. «Heute in Deutschland geborene Kinder werden mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent 100 Jahre alt. Es scheint mir klar, dass die meisten davon nicht schon mit 60 oder 65 Jahren in Rente gehen wollen — sondern viel später. Sie werden vermutlich mehr Jahre ihres Lebens arbeiten wollen, dafür aber weniger Stunden pro Woche. Dann hätten sie zum Beispiel mehr Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und für ihre lebenslange eigene Weiterbildung. »

    Deshalb war es nie spannender, älter zu werden. Die Midlife-Boomer werden die Trendsetter eines neuen Lebensmodells für diejenigen, die heute Kinder oder Jugendliche sind. Sie brauchen nicht so durchs Leben zu hetzen, wie die Midlife-Boomer es bislang tun mussten. Diese Kinder müssen nicht unbedingt Turboabitur machen und mit Anfang 20 bereits im Arbeitsprozess sein. Sie könnten sich mehr Zeit lassen. Auch die sogenannte Rushhour des Lebens, in der heute zwischen 30 und 45 alles erreicht werden soll, könnte entzerrt werden. Statt dass die Menschen sich hier auspowern und dann mit 40 ausgebrannt sind, muss es in dieser Lebensphase so viel Flexibilität wie möglich geben — Teilzeitangebote, die sich mit Vollzeit abwechseln, kurze und lange Auszeiten, wechselnde Zuständigkeiten innerhalb der Familie.

    Zwar würde ein so gestalteter neuer Spannungsbogen des Lebens in dieser Zeit durchaus Einkommenseinbussen bedeuten. Durch die insgesamt längere Lebensarbeitszeit aber kann das kompensiert werden. Zum Beispiel wenn wir dann mit 50 noch einmal richtig durchstarten, eine neue Karriere aufbauen und bis 70, vielleicht aber auch länger, gemäss unseren Zeitwünschen flexibel arbeiten.
    (zitiert nach Margaret Heckel aus Das Magazin 44/2012:
    Sie ist freie Journalistin in Potsdam. Ihr Buch «Die Midlife-Boomer: Warum es nie spannender war, älter zu werden» ist in der Edition Körber-Stiftung erschienen)

    Und die Midlife-Krise?

    »Wohl in der Mitte unsres Lebensweges geriet ich tief in einen dunklen Wald, so vom graden Pfade ich verirrte.« Dante Alighieri

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    12. Februar 2025

  • Laktoseintoleranz

    Laktoseintoleranz

     „Nahrungsmittelunverträglichkeit“

    20% unserer westlichen Bevölkerung leidet an „Nahrungsmittel-Unverträglichkeit“.
    Es haben aber (nach Riesenstudien) nur maximal 4% der  Gesamtbevölkerung überhaupt eine echte Nahrungsmittel-Allergie. Die häufigsten Allergieauslöser sind hier mit 1% Sellerie (meist auch Kreuzreaktion mit Allergie auf Birkenpollen), mit 0.9% die Meeresfrüchte, gefolgt von Obst und Gemüse (0.7%), Milchprodukten und Erdnüsse (jeweils 0.5%).
    40% (dieser 20% mit Magen-Darm-Symptomen) haben aber eine Kreuzreaktion mit Pollen und 50% eine Fruktose-, Histamin– oder eben Laktose-Intoleranz (je zu einem Drittel etwa). Daneben ist noch die Zöliakie, die Pseudoallergie und psychische Unverträglichkeit abzugrenzen. Psychische Unverträglichkeit heisst, bestimmte Nahrungsmittel werden nicht vertragen, weil sie der eigenen Überzeugung widersprechen.

    Die Laktose-Intoleranz

    Die Evolution schenkte uns die Laktase in unseren Därmen für die kurze Zeit der Säuglingszeit, in der wir Muttermilch trinken um die Laktose (Milchzucker) abzubauen. Danach ist die Produktion dieses Enzyms Luxus. Seit der Einführung der Milchwirtschaft vor rund 5000 bis 10000 Jahren verzögerte die Evolution den Zeitpunkt des Verschwindens der Laktase, jedenfalls bei 95% Europäern. Den Asiaten ist dies nur in 5% gegönnt.  So gelangt eben bei den Unglücklichen nach Milchkonsum Laktose jeweils in den Dickdarm, wo sie bakteriell vergoren wird und zu heftigem Furzen, auch Spasmen führt.
    Viele Menschen mit einem Reizdarmsyndrom haben eine Laktoseintoleranz.

    Diagnose

    Achtung: Die Laktoseintoleranz wurde eine Modediagnose – auch durch die in gewissen Kreisen häufig gestellte, aber krankmachende „Diagnose“ einer „Milchallergie“.(Sieh auch hier: „Guru-Medizin“). Dies hat gar nichts mit seriöser Diagnostik der Milchunverträglichkeit zu tun, sondern siedelt sich eher in der Nähe von Betrug an.

    Nach wie vor sind die Klinik und die anamnestischen Angaben des Patienten die Hauptpfeiler der Diagnostik. Die Patienten wissen meistens selber, dass sie Milch oder milchhaltige Produkte nur schlecht vertragen, sie reagieren mit Bauchkrämpfen und Durchfall. Falls diese Angaben nicht eindeutig zur Diagnostik führen sollten, stehen weitere Methoden zur Verfügung:

    • Zuerst muss die seltene wirkliche Kuhmilchallergie ausgeschlossen werden (IgE Milch f1 – Bestimmung im Blut).
    • Zudem die Zöliakie, bei der die Laktoseintoleranz als ein erstes Symptom auftreten kann.

    Fehlt das Enzym Laktase, bleibt der Milchzucker unverdaut und gelangt in den Dickdarm. Dort vergären ihn Darmbakterien und setzen Gase wie Wasserstoff und Kohlendioxid sowie andere Abbauprodukte frei. Das führt zu Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall – typischerweise frühestens eine halbe Stunde nach dem Verzehr laktosehaltiger Lebensmittel, am stärksten nach etwa 1,5 bis 2 Stunden.

    Am sichersten weist ein Wasserstoff-Atemtest eine Laktoseintoleranz nach. Die Testperson trinkt auf nüchternen Magen eine laktosehaltige Flüssigkeit. Danach wird alle 30 Minuten der Wasserstoffgehalt in der Atemluft gemessen. Steigt der Wert deutlich an und treten gleichzeitig typische Beschwerden auf, gilt die Diagnose als bestätigt. Weniger präzise, aber praktischer, ist der Verzicht auf laktosehaltige Produkte für einige Tage. Verschwinden die Symptome und kehren zurück, sobald Milchprodukte wieder konsumiert werden, liegt eine Laktoseintoleranz nahe.

    Von Gentests – ob als Heimtest oder im Labor – rate ich ab. Sie werden oft angeboten, können aber keine Laktoseintoleranz sicher diagnostizieren. Ein negatives Ergebnis schliesst die Unverträglichkeit aus, ein positives zeigt lediglich, dass eine genetische Veranlagung besteht. Viele Betroffene können dennoch Laktose verdauen.

    Und bei Kindern

    Bei kleinen Kindern ist eine Laktoseintoleranz fast nie die Ursache. Meist tritt sie erst ab einem Alter von 12 bis 14 Jahren auf, unter 5 Jahren praktisch gar nicht. Eine Ausnahme bildet ein seltener Gendefekt, bei dem bereits Neugeborene keinen Milchzucker vertragen. Auch Magen-Darm-Erkrankungen wie Zöliakie oder Morbus Crohn können bei Kindern eine sogenannte sekundäre Laktoseintoleranz auslösen.

    Häufiger leiden kleine Kinder jedoch an funktionellen Bauchschmerzen, die durch Stress oder bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden. Da in unseren Breiten Milchprodukte oft konsumiert werden, fällt der Verdacht schnell auf Laktose. Funktionelle Bauchschmerzen entstehen oft nach Infektionen oder durch psychosomatische Belastungen. Pflanzliche Präparate, Akupunktur oder Hypnose helfen oft. Auch Ess- und Schlafgewohnheiten, schulische Belastungen und Stress sollten überprüft werden.

    Manchmal steckt eine Fruktose-Malabsorption dahinter – mit 30 Prozent die häufigste Unverträglichkeit bei Kindern. Dabei nimmt der Dünndarm weniger Fruchtzucker auf, als aufgenommen wird, was Verdauungsprobleme auslöst. Eine angepasste Ernährung lindert meist die Beschwerden.

    Therapie

    In der ersten Phase nach der Diagnosestellung empfiehlt es sich, für etwa drei bis sechs Monate eine laktosefreie Ernährung durchzuführen. Danach kann und sollte ein langsames Steigern und Ausprobieren der Laktosemenge begonnen werden. Erfahrungsmässig werden zwischen 8 und 10 g Laktose, verteilt über den Tag, gut toleriert. Milch und Milchprodukte werden besser vertragen, wenn sie mit anderen Lebensmitteln zusammen eingenommen werden. Es wird sogar vermutet, dass die Verträglichkeit gegenüber Milchzucker trainierbar ist. Nach Studien kann sogar eine Kost mit täglich 333 Gramm Laktose innert drei Wochen bei Laktoseintoleranten zu einer normalen Verdauung führen.
    Das Vermeiden von Laktose braucht etwas Erfahrung, weil in der industriellen Nahrungsherstellung fast überall auch noch etwas Laktose eingestreut wird, z.B. bei vielen Broten als Frischhalter, in Gewürzmischungen, Süssigkeiten, Wurstwaren, Fertiggerichten und Getränken, aber auch als Hilfsstoff in Medikamenten, Zahnpasta oder auch in den homöopathischen Kügelchen! Natürlicherweise kommt Laktose in Kuhmilch, Ziegen- und Schafsmilch, Buttermilch, Molke, Joghurt, Quark, Frischkäse, aber auch in Weichkäse, Butter und Rahm vor. Gereifte und gelagerte Extrahart- Hart- und Halbhartkäse sind laktosefrei (und sehr gute Kalziumlieferanten!); In Joghurt und Sauermilch wird Laktose durch die Wirkung der Milchsäurebakterien abgebaut und die Verträglichkeit dadurch verbessert. Der fettige Milchanteil enthält auch kaum Laktose, kann in Massen genossen werden, d.h. Butter und Vollrahm. Schlecht ist aber Kaffeerahm mit wässrigem Anteil. Konfektionierte Laktase hilft nicht zuverlässig und ist teuer. Geradeso gut ist es, ein grösseres Quantum Joghurt gleichzeitig zu essen: darin gibt es bakterielle Laktase zum Occasionsgebrauch – fast gratis.

    Kuhmilchallergie

    Viel seltener ist beim Erwachsenen die wirkliche Allergie gegen Kuhmilchproteinen. Bei Kindern findet man sie schon selten und 80 bis 90% überwinden diese Allergie vor dem 3. Lebensjahr. Sie zeigt sich häufig als chronische Verstopfung, seltener (blutige) Durchfälle, an der Haut (Neurodermitis, Nesselfieber, Quincke-Ödem) und mit Asthma.
    Der sog. RAST-Test im Blut gegen Kuhmilcheiweiss ist hochpositiv (Anti-Beta-Lactoglobulin) und es besteht eine Vermehrung gewisser weisser Blutkörperchen (Eosinophilie).

    Therapie der echten Kuhmilchallergie

    Auf Milch allergisch reagierende Kinder kann man wieder an Milch gewöhnen. Der Trick besteht darin, den Kindern zunächst Produkte anzubieten, in denen die enthaltene Milch sehr stark erhitzt bzw. denaturiert wurde.(Kim JS, et al.: Dietary baked milk accelerates the resolution of cow’s milk allergy in children. J. Allergy and Clin Immunol 2011;128:125-131).
    Weglassen aller Kuhmilchprodukte. Es hat auch keinen Zweck, auf Ziegen- oder Schafsmilch auszuweichen. Die in allen Sorten enthaltenen Alpha-Kaseine, die als Haupt-Allergen gelten, sind zu 85% identisch und rufen ähnliche Reaktionen hervor (in „Kinderheilkunde“, Band 144, Heft 4, 1996)!
    Bei einer diagnostizierten Kuhmilchprotein-Allergie wird heute nicht mehr empfohlen auf eine Säuglingsmilch auf Sojabasis auszuweichen, da auch Soja hochallergene Proteine aufweist. Vorbeugend wird das Kind im ersten Lebensjahr mit einer semi-elementaren Säuglingsmilch ernährt. (mit ärztlichem Rezept in Apotheken erhältlich).
    Falls eine Mutter stillen kann und weiterhin auch stillen will, braucht sie nicht abzustillen. Damit die Muttermilch keine Kuhmilchallergene mehr enthalten kann, sollte sich die Mutter jedoch kuhmilchfrei ernähren. Um einem Calciumdefizit vorzubeugen ist es wichtig, dass sie zusätzlich mindestens 1g Calcium pro Tag in Form eines Calcium-Präparates zu sich nimmt. Muttermilch ist nach wie vor in der Zusammensetzung die idealste Ernährung für einen Säugling.
    Die Begleitung der Mutter eines betroffenen Kindes durch eine diplomierte Ernährungsberaterin erachte ich als sehr wichtig, besonders auch bei der Einführung einer möglichst allergenarmen Beikost.
    Innert 3 Tagen nach Absetzen der Kuhmilch sollte eine Besserung erfolgen und erst 6 bis 9 Monate später soll wieder versucht werden, ob nun Kuhmilch akzeptiert wird.

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    25. Juni 2025