Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Krafttraining – Kraftsport

    Krafttraining – Kraftsport

    Kraft und Technik

    Bei den meisten Sportarten – auch beim Laufen – zählen zwei Dinge: Kraft und Technik. Meist versucht man, mit mehr Kraft die Leistung zu steigern. Die Technik bleibt oft im Hintergrund, weil ihr Einfluss schwerer greifbar ist. Doch eine bessere Technik steigert die Leistung ebenfalls, indem sie den Krafteinsatz effizienter macht.

    Mehr Kraft bringt jedoch auch Nachteile. Grössere und stärkere Muskeln üben oft mehr Spannung aus, was den Körper unnötig verkürzt und staucht. Dadurch wird jede Bewegung mühsamer, weil die Muskeln gegen einen höheren Widerstand arbeiten – letztlich sogar gegen sich selbst. So gerät man leicht in einen Teufelskreis: Je mehr Kraft und Anstrengung, desto unbeweglicher wird man, bis man sich wie ein massiver Kleiderschrank kaum noch rühren kann.

    Ein weiteres Problem übermässigen Krafttrainings: Die Faszien der Muskeln verdicken und verhärten sich. Die Muskeln verlieren ihre Geschmeidigkeit, und der Körper kann sich kaum noch strecken oder verlängern.

    Kraft und Technik stehen also in einem gewissen Gegensatz. Für Gesundheit und Flexibilität ist es entscheidend, den Körper beweglich und geschmeidig zu halten. Denken Sie an eine Katze: Ihre Muskeln sind weich und schlank. Sie trainiert nie ihre Kraft, dehnt sich aber ständig, um ihren Körper und das Gewebe elastisch zu halten.

    Die auf dieser Website beschriebene „Normale“ Bewegung aus dem Rolfing optimiert die Technik auf natürliche Art und Weise.

    Viel Lächeln

    Wichtig ist auch, dass die menschliche Leistungsfähigkeit nicht durch die Muskeln, sondern durch das Hirn kontrolliert wird. Man sollte also bei Anstrengungen, also auch im Training möglichst viel Lächeln!

    Welche Haltung?

    Damit will ich nicht sagen, dass Sie nicht auf Kraft trainieren sollten – wenn Sie das möchten. Beachten Sie dabei aber unbedingt zwei wichtige Dinge. Erstens sollten Sie alle Übungen „natürlich und ökonomisch“ ausführen, vor allem wenn Sie an Kraftmaschinen arbeiten, will heissen: Lassen Sie sich Ihren Körper auf keinen Fall stauchen! Spüren Sie immer bevor Sie mit der eigentlichen Übung beginnen, wo Ihr Körper gegen den Boden, eine Sitzbank o.ä. gestützt ist. Fühlen Sie zu diesem Zweck Ihr ganzes Gewicht. Dann drücken Sie gegen den Boden, so dass als Folge davon erst der Körper sich streckt, dann das Gewicht am anderen Ende Ihres Körpers bewegt wird. Zum zweiten sollten Sie am Schluss des Trainings wie auf dieser Website unter „Stretching“ beschrieben (www.dr-walser.ch/jogging/)  den ganzen Körper, insbesondere die Bauchmuskeln immer kurz dehnen.

    In Bezug aufs Muskelwachstum zeigen die Daten, dass zwei Krafttrainings pro Woche ideal sind – für uns Hobbysportler, das ist wichtig zu sagen. Die Daten zeigen auch: Wer ein drittes Training pro Woche absolviert, erzielt nur noch einen ganz kleinen zusätzlichen Effekt. Wichtig auch: Das Training sollte aus mindestens zwei Sets bestehen. Das Gewicht sollte dabei so gewählt sein, dass man bei der letzten Wiederholung findet: Jetzt bin ich müde. Was es nicht braucht: sich an den kompletten Anschlag zu pushen.

    Wann?

    Für Krafttraining ist der späte Nachmittag die beste Wahl.
    Forschende der Universität Birmingham haben festgestellt, dass die körperliche Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf um bis zu 26 Prozent schwankt. Frühmorgens Gewichte stemmen oder ein intensives Intervalltraining? Keine gute Idee. Zwar ist das muskelaufbauende Hormon Testosteron zwischen 6 und 8.30 Uhr besonders aktiv, doch gleichzeitig steigt der Cortisolspiegel – ein Stresshormon, das den Muskelabbau fördert.

    Wann ist der Körper am leistungsfähigsten? Zwischen 10 und 12 Uhr sowie vor allem zwischen 17 und 19 Uhr erreicht er seine Spitzenwerte. Der Vormittag eignet sich für intensive Ausdauertrainings, der späte Nachmittag für Krafttraining. Dann ist der Testosteronspiegel hoch, der Cortisolwert niedrig – ideale Bedingungen für den Muskelaufbau. Auch Koordination und Konzentration sind jetzt auf ihrem Höhepunkt. Der Feierabend bietet sich daher perfekt für komplexe, technische oder mentale Sportarten an.

    Wieviel Trainings pro Woche? Wieviel Gewicht und Wiederholungen?

    Betreffend Trainings pro Woche sind zwei klar besser als eines, drei hingegen kaum viel effektiver bezüglich Muskelwachstum als zwei.

    Wer vor allem kräftiger werden will, sollte besser mit hohen Gewichten und folglich weniger Wiederholungen pro Set arbeiten.

    Lassen Sie sich nicht von all diesen vielen verschiedenen Programmen, die existieren, verrückt machen. Krafttraining für Hobbysportler ist relativ simpel.

    Wer in möglichst kurzer Zeit möglichst effektiv trainieren will, sollte sich mit dem Thema des „Drop-Satzes“ beschäftigen. Er geht so: Man absolviert Übung X mit Gewicht Y und Wiederholungszahl Z bis zur Ermüdung. Dann wiederholt man ohne Pause dieselbe Übung mit weniger Gewicht erneut bis zur Ermüdung, insgesamt circa vier Sets.

    Allgemein, besser nur wenig Krafttraining als gar keines. Wer also 15 Minuten pro Woche ins Krafttraining investiert statt null Minuten: super, weiter so! Entscheidend ist, dass man etwas tut, das ist der wahre Hebel.

    Man muss dazu nicht in teure Fitnessstudios: Tägliches Hanteltraining (Kurz- oder Langhanteln, aber auch das Theraband) reichen. Und es braucht dabei keine grossen Gewichte, ein leichter Widerstand reicht aus – allerdings ist Regelmässigkeit unumgänglich).
    Der Zeitpunkt spielt eine grosse Rolle: vor dem Zu-Bett-Gehen ist am idealsten (da nachts günstiges Hormonprofil zum Muskelaufbau aufgrund der zirkadianen Schwankungen besteht).

    Die Tendenz bei der Frequenz der Bewegung allgemein, aber auch beim Krafttraining geht immer mehr zu kurzen intensiven Anteilen (“explosive Kraftteile” beim Kraftsport oder HIIT-Speed-Sandwiches) und lang andauernden, dann aber nicht zu intensiver, sondern moderater Intensität.

    Das sollten Freizeitsportler beachten:

    • Trainieren Sie zwei Mal pro Woche. Mehr verbessert den Muskelzuwachs kaum noch.
    • Trainieren Sie am späten Nachmittag oder Abend. Dann kann der Körper am besten Muskeln aufbauen.
    • Gehen Sie nicht hungrig ins Training. Essen Sie vorher einen leichten Snack, zum Beispiel eine Banane oder einen Getreideriegel.
    • Für Freizeitsportler genügt 1 Gramm Eiweiss pro Kilo Körpergewicht. Bei 70 kg Körpergewicht sind das 70 g. Die Menge sollte man in mehreren Portionen über den Tag verteilt essen.
      Lebensmittel mit viel Eiweiss pro 100 g sind: Geflügel 25 – 30 g; rotes Fleisch 20 – 25 g; Hart- und Halbhartkäse 25 – 30 g; Lachs 20 g; Nüsse 15 – 24 g; Ei 12 g; Quark, Hüttenkäse 10 – 12 g; Tofu, Bohnen, Kichererbsen gekocht 8 – 10 g

    Exzentrisches Krafttraining (oder auch „negativ dynamisch“)

    Ein gutes Beispiel für den Gegensatz zwischen exzentrischem und konzentrischem Krafttraining ist Folgendes: Eine Skination hat konzentrisch trainiert und ist auf Kästen hochgesprungen, die anderen haben exzentrisch trainiert und sind heruntergesprungen. Letztere waren in der Saison besser und verletzten sich viel weniger!
    Laufen oder Joggen nach der „Rolfing-Methode“ ist auch weitgehend exzentrisch, weil das Bein beim Aufprall bremsen muss, während Radfahren konzentrisch ist, weil Druck auf die Pedalen ausgeübt wird. Exzentrisches Training ist schneller und effektiver. Man kann es auch ganz leicht mit dem Thera-Band machen, indem man das Lockerlassen des Bandes aus der höchsten Dehnung langsam und bewusst ausführt.

    Bei der Muskelarbeit unterscheidet man 3 Formen der Kontraktion: Die Konzentrische ( die sog. „positive“ Kontraktion die durch das Gewicht anheben stattfindet ), die Exzentrische („negative“ Bewegung, also das Herablassen des Gewichtes) und die isometrische (statisches Halten eines Gewichtes ). Die Konzentrische Bewegung, also die Bewegung wo der Kraftaufwand stattfindet ist für den Muskelzuwachs primär von Bedeutung, da hier für den Muskel der stärkste Kraftaufwand stattfindet. Der Kraftzuwachs findet hier ausschliesslich über den konzentrischen Weg statt. Die exzentrische Bewegung, also das langsame Herablassen und Gegenhalten komplettiert den Bewegungsablauf und gibt auch die Gelegenheit, einige Wiederholungen zu gewinnen, indem eine zweite Person hilft das Gewicht anzuheben und du es dann alleine langsam herunter lässt. Optimal wäre am höchsten Punkt der konzentrischen Bewegung noch für 2-3 Sekunden einen isometrischen Kraftakt auszuüben. Das heisst, das Gewicht statisch halten und dann langsam herablassen.

    Vorteile des negativ dynamischen Trainings:

    • Spannungsspitzen weit über positiv dynamischen und Maximalkraftwerten (exzentrisches Kraftmaximum 30 – 40 % grösser als das isometrische, dieses 10 – 15 % über dynamisch-konzentrischem Kraftmaximum)
    • ausgeprägte Hypertrophie (langer Reiz)
    • deutlicher Zuwachs auch bei hohem Trainingsniveau

    Nachteile des negativ dynamischen Trainings:

    • Hilfestellung nötig (abhängig von Übung und Gerät)
    • hohes Verletzungsrisiko bei Kontrollverlust und falschem Bewegungsablauf
    • zeitliche Beschränkung (nur in der Vorbereitungsphase eines Wettkampfes, da Maximallasttraining sich negativ auf die Kontraktionsgeschwindigkeit auswirkt – die Kraft nimmt zu, die Geschwindigkeit ab!)

    Einige gängige Kraftübungen:

    * LIEGESTÜTZE

    * BAUCHMUSKELTRAINING – SITUPS

    * KNIEBEUGE

    * SEILSPRINGEN

    * TREPPENSTEIGEN (STEPPER)

    Liegestütze

    Die Ellbogen sollen seitlich nach aussen gehen und dabei bleibt der Rumpf zuerst ruhig und die Höhe des Schultergürtels wird möglichst lange eingehalten. Denken Sie an „auseinander“ und nicht „nach unten“. Diese Phase möglichst langsam ausführen. Es ist die wertvolle exzentrische (negativ dynamische) Kraftphase.

    Die Fersen zeigen etwas zu den Seiten, der Kopf sieht frei beweglich nach unten oder sogar etwas nach vorne (nicht kurz werden im vorderen Brustbereich) und das Becken (oder die Sitzbeinhöcker) bleibt immer der höchste Punkt des Körpers. Der Abstand vom Schambein bis zum Brustbein bleibt möglichst lang. Wieder zurück, beim Nach-Oben-Gehen beginnt die Bewegung in den Sitzbeinhöcker, die sich  zuerst nach oben heben. Diese konzentrische (positiv dynamische) Kraftphase schnell und kurz machen.
    Oben angekommen 2-3 Sekunden innehalten (isometrische Kraftphase).


    Sit-ups / Bauchmuskelübung

    1. Rectus: verkürzt die vordere Körperlinie des Oberkörpers (=Hauptfehler bei den Bauchmuskelübungen!) >> Achtung: Six-Pack nie ohne Hauptaktivität des tiefen, queren Transversus!
    2. Obliquus Externus und
    3. Obliquus Internus sind die beiden schrägen Bauchmuskeln, die bereits eine bessere Bauchwandstabilität ergeben (nie Rectus allein!)
    4. Transversus = querer, tiefster Bauchmuskel und der Wichtigste! Hält die Bauchwand ohne Verkürzungen am schönsten nach hinten!

    Das Ziel ist also, in der Bauchwand lang zu bleiben und nicht zu verkürzen (spätere Spitzbauchbildung!). Es darf kein Hohlkreuz entstehen. Dort soll es eher wie eine Schale gegen hinten rund werden und eng bleiben. Und das Schambein sollte nie in Richtung Kinn gezogen werden. Man legt die Unterschenkel mit 90-Grad-gebeugten Hüft- und Kniegelenken auf einen Stuhl und hebt den Kopf in einer Linie mit dem Brustbein nur sehr wenig. Verkürzen Sie dabei nicht die vordere Linie vom Kinn zum Schambein. Der rechte Ellbogen (bei angewinkelten Armen) geht nur wenig und eher schnell und kurz (da konzentrische Muskelaktivität) gegen das linke Knie und umgekehrt. Dann 2-3 Sekunden Stellung halten (isometrisch) und wieder sehr langsam zurück in die Liegestellung (exzentrisch).

    Auch die klassische Übung zur Tiefenaktivierung der Rumpfstabilisatoren ist eine ausgezeichnete Übung für die tiefste Bauchmuskelschicht, den M. Transversus Abdominis:
    Man liegt entspannt auf dem Rücken, Beine ausgestreckt, das Kreuz nicht auf den Boden drücken, Arme seitlich des Körpers, Nacken entspannt, Kopf auf beide Seiten drehen und wieder zurück zur Mitte, Blick offen und entspannt zur Decke gerichtet (keinen fokussierten, starren Blick).
    Nun stellt man den rechten Fuss an (linkes Bein bleibt ausgestreckt). Die rechte Fusssohle (auf dem Boden) wahrnehmen. Der Fuss ist weich und entspannt. Das rechte Knie verlängert sich langsam in den Raum raus.

    Durch diese Bewegung hebt sich die rechte Beckenhälfte unwillkürlich vom Boden ab – ohne aktives Tun.
    Bei dieser Übung gibt es vom entspannten Beckenboden her, eine Rotation des Rumpfes nach links (Wirbel für Wirbel langsam nach oben). Wenn diese Drehung auf der Höhe des Zwerchfells angelangt ist, nimmt man den rechten Arm dazu, der wie von einem Magneten (in die linke obere Wandecke) gezogen wird. (Achtung: Schulter und Hals sollen entspannt bleiben). Wenn der Kopf vom Boden abheben würde, stoppt man die Armbewegung. Man lässt den Arm einen Moment in dieser Position wie eingefroren stehen.
    Nun spürt man das Becken schwer werden und lässt es langsam zum Boden zurücksinken. Wirbel für Wirbel kommen zum Boden zurück bis die ganze Wirbelsäule ausgestreckt am Boden liegt. Gleichzeitig bewegt sich die rechte Schulter und der Oberarm, Unterarm.. zurück in die Ausgangsposition.

    –   Während der ganzen Übung entspannte Atmung und Bewegungsfluss.
    –   Übungen jeweils zwei- bis dreimal wiederholen, dann Seite wechseln.

    Kniebeuge (Halbe Hocke: Gewichtheben)

    Bei der Kniebeuge ist wichtig, dass nur die Weichteile der Beine trainiert und das Kniegelenk selber und der ganze Rücken möglichst geschont werden. Die oberflächlichen Muskeln im ganzen Oberkörper sollten entspannt bleiben und die Aktivität der tiefen Rumpfstabilisatoren zunehmen. Dies erreicht man in der sog. „Halben Hocke“, der Haltung, die auch ideal und maximal Rücken entlastend beim Heben von Lasten ist (physiopraxis 2011; 9(1): 30-33). Deshalb kann dies auch als beste Haltung für das Gewichtheben angesehen werden.

     
     
     
     „Ganze Hocke“

    Wurde in der „alten Rückenschule“ noch als richtig gelernt. Entspricht der alten Vorstellung, dass eine „Korsett-Bildung“ (Gebrauch und Training der oberflächlichen Rumpfmuskeln) günstig („entlastend“) für den Rücken sei.

    Heute weiss man, dass eben diese Haltung im argen Ungleichgewicht eine Tiefenaktivierung verhindert und den Zwischenwirbelraum arg komprimiert!

    „Halbe Hocke“

    Im Gleichgewicht mit entspannter Oberfläche und optimalster Aktivierung der tiefen Rumpfstabilisatoren. Damit die kleinste Kompression und Verkürzung des Wirbelraums – grösste Rückenschonung!

     

     

     

     

     

     

     

     

     
    Der „alte“ Gewichtheber wusste dies schon immer! Man bringt so übrigens das Gewicht auch am besten und entspanntesten an den eigenen Knien vorbei…

    Stellen Sie dazu die Füsse beckenbreit auseinander und parallel (nicht zu weit auseinander und auch keine nach auswärts gedrehte Füsse, wie man häufig auf erläuternden Fotos sieht). Dann gehen Sie zuerst in die Hüften und noch nicht in die Knie (Man sollte also eher „Hüftbeuge“ sagen!). Dies erreichen Sie am besten und mit grösster Entspannung der  oberflächlichen Muskeln des Oberkörpers, indem man sich das Becken als eine Schublade vorstellt, die sehr entspannt und leicht horizontal nach hinten gleitet.
    Bauchwand, Gesäss und Hüften sind locker (Die Tiefe, nämlich der Transversusmuskel, etc. sind dann automatisch sehr aktiv.).
    Der Schultergürtel befindet sich immer etwas weiter vorne als die Knie. Die Hüftgelenke sind also immer etwas mehr gebeugt als die Knie. Dadurch kommt das Gewicht in den Füssen automatisch mehr auf den Mittel- und Vorfuss: Die ganze Fuss-Längsfeder wird gespannt. Die Hüftfederung und diese Fussfeder entlasten die Knie enorm.
    Das Brustbein bleibt senkrecht und vorderster Punkt des Körpers. Der Kopf sitzt wie eine Boje auf der senkrechten Halswirbelsäule und der Schultergürtel liegt entspannt wie ein leichtes Joch auf dem Rumpf. Der Oberkörper bleibt so in seiner vorderen Mittellinie sehr lange und die Wirbelsäule sehr gerade.
    .

    Auch bei der Kniebeuge stellt man sich vor, man würde eine Kiste heben, die vor einem auf dem Boden steht. Man kommt dazu vor allem aus der Hüftbeugung und weniger aus den Knie mit den Händen bis an den Boden.
    Die Retourbewegung nach oben startet dann in den Füssen. Man stösst dabei vom Boden ab, indem man zuerst die Knie nach hinten bewegt und dann erst die Hüften nach vorne. Der Oberkörper macht dabei möglichst wenig Arbeit und bleibt vor allem in der Oberfläche (Bauchwand, Gesäss, Schultern,…) völlig entspannt.

    Seilspringen

     
    Man springt in einer akzentuierten Faltbewegung (wie hier ausführlich beschrieben): Vor allem das Becken, der Po ist weit hinten damit die Hüftgelenke gut federn können. Der Oberkörper wird dann aufrecht (Brustbein senkrecht), die Schultern entspannt und nicht nach oben gezogen. Der Kopf liegt leicht wie eine Boje auf dem Hals – der Blick locker und nicht fixiert in die Weite zum Horizont. Man landet nicht auf der Fussspitze, sondern auf dem ganzen Fuss, der dadurch wie eine Längsfeder gespannt wird und wieder abfedert. Seilspringen ist eine wunderbare Art, Haltungsverbesserung, Konditionssteigerung und Aktivierung der tiefen Rumpfstabilisatoren mit einfachsten Mitteln und auf engstem Raum zu praktizieren.

    Rundrücken durch Krafttraining/Bodybuilding – Folgen des Sixpacks…

    Leider muss man erwähnen, dass das Auftrainieren unserer oberflächlichen Muskeln häufig ein Ungleichgewicht ergibt:
    Vorderseite kräftiger (und auch verkürzt!) – Hinterseite/Rücken schwächer und mit Rundrücken im Brustbereich!
    Z.B. ein „Sixpack„, also ein auftrainierter Rektusbauchmuskel ist immer verkürzt und zieht unser Brustbein sehr stark nach unten (und bildet so den Buckel mit). Erst recht einen zu kräftigen (und damit verkürzten!) grossen Brustmuskel.

    Man sieht den Rundrücken und das damit zusammenhängende starre Hohlkreuz sehr offensichtlich bei allen Bodybuildern:

    (Foto KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

    Weiterlesen über den Rundrücken >>>
    und über den flachen Bauch >>>

    Nächtliche Wadenkrämpfe werden durch Stretching vor dem Schlafengehen besser

    Nächtliche, meist frühmorgendliche, Beinkrämpfe sind bei älteren Menschen häufig und unangenehm. Quininpräparate, Magnesium und/oder Vitaminpräparate werden mit unterschiedlichem Erfolg verschrieben.

    In einer neuen Studie (Hallegraeff JM et al. Stretching before sleep reduces the frequency and severity of nocturnal leg cramps in older adults: a randomized trial. J of Physiotherapy 2012;58:17-22) wurde nun untersucht welchen Effekt ein sechs-wöchiges Stretching welches etwa 3 Minuten dauert und vor dem Schlafengehen gemacht wurde bei älteren Patienten mit nächtlichen Wadenkrämpfen hat.

    Das Resultat war eindrücklich: Die Wadenkrämpfe sanken auf ein Drittel und diese waren auch etwas weniger intensiv. Nebenwirkungen traten keine auf.

    Hier finden Sie auf meiner Website die zwei Stretchingübungen beschrieben (oberflächliche und tiefe Wadenmuskeln): dr-walser.ch/waden-stretching.pdf

    Funktionelles und Zirkeltraining

    Auf dem Fitnessmarkt erfreuen sich funktionelles Training und Zirkeltraining bewegter Beliebtheit. Funktionelles Training meint lebensnahe, mehrgelenkige Übungen, oft mit dem eigenen Körpergewicht. Das Zirkeltraining verzichtet weitgehend auf Pausen und kombiniert so Kraft- mit Ausdauertraining. Klingt super, oder? Nicht so langweilig wie monotones Maschinentraining! Doch die modischen Trainingsregimes haben eine Schattenseite: Sie sind das Abbild der radikal nutzenorientierten, atemlosen 24/7-Multioptionsgesellschaft, in der man nie zur Ruhe kommt und immer Multitasking betreibt. Und gelten sie auch als „kreativer“ als das Pumpen an Maschinen, so fehlt ihnen für echte Kreativität doch eines: eine Kultur der Pause, wie sie im guten alten Bodybuilding üblich ist. Die paar Minuten Erholung zwischen schweren Sätzen, in denen man ziellos durchs Studio stromert und Gedanken durchs Hirn kullern lässt – solche vordergründig verschwenderischen Leerlaufphasen und effizienzmindernden Unbestimmtheitsstellen sind es, die der Nonstop-Gesellschaft fehlen.(Konsumkritik von Jörg Scheller in Psychologie Heute, 10/2023)

    Proteine nicht vergessen

    Sportler brauchen mehr Eiweiss, weil sie durch ihre Aktivität körpereigenes Protein stärker beanspruchen und oft mehr Muskelmasse besitzen. Für sie gelten 1,6 bis 2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht als Richtwert. Frauen liegen meist am unteren, Männer am oberen Ende dieser Spanne.

    Eiweiss ist ein unverzichtbarer Baustoff, um als Athlet die Leistung zu steigern. Doch der Markt, bestimmte Firmen und Influencer übertreiben seine Bedeutung. In Sportlerkreisen wird zu viel über Eiweiss geredet, obwohl andere Faktoren wichtiger sind. Wer Fortschritte machen will, muss vor allem genug Energie aufnehmen. Wer seinen Körper täglich hart trainiert, aber zu wenig Kohlenhydrate isst, wird trotz reichlich Eiweiss keine Verbesserungen erzielen.

    Kraftsportler benötigen etwas mehr Protein, da sie ihre gesamte Muskulatur stärker belasten und auf Massezuwachs abzielen. Ausdauersportler hingegen optimieren vor allem ihren Stoffwechsel und die Fettverbrennung. Für Fitnessstudio-Besucher empfehle ich die obere Grenze von 1,8 bis 2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Ausdauerathletinnen kommen meist mit 1,6 Gramm aus, sofern sie ausreichend Energie zuführen.

    Hobbysportlerinnen und -sportler brauchen die Proteinzufuhr nicht zu erhöhen, um ihren Bedarf zu decken. So sei die empfohlene Menge von etwa 1 g pro kg KG auch dann noch ausreichend, wenn jemand bis zu vier- oder fünfmal pro Woche eine halbe Stunde trainiert.

    Mit zunehmendem Alter wird es schwieriger, Muskelmasse zu erhalten. Ab 30 beginnt der Abbau, wenn die Muskulatur nicht gefordert wird, und ab 50 verstärkt sich dieser Prozess. Daher sind zwei Dinge im Alter entscheidend: regelmässiges Krafttraining und eine um 10 bis 20 Prozent erhöhte Proteinzufuhr. Das Problem: Ältere Menschen essen oft weniger. In Kombination mit dem Muskelabbau kann das zu einer Abwärtsspirale führen. Nicht aktive Menschen sollten täglich 1,5 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Ältere Sportler sind mit 2 Gramm auf der sicheren Seite.

    Der Glaube, direkt nach dem Training Eiweiss konsumieren zu müssen, ist ein Mythos. Die Muskelproteinsynthese bleibt 24 bis 72 Stunden nach dem Training erhöht, der Körper nimmt also lange Eiweiss auf. Ob man es sofort oder erst Stunden später zuführt, spielt für den Muskelaufbau meist keine Rolle. Entscheidend ist die Gesamtmenge und ihre Verteilung über den Tag.

    Die Eiweissmengen werden in der Wissenschaft in Gramm pro Kilogramm Körpergewicht angegeben. Eine Ausdauersportlerin mit 60 Kilo, die 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm benötigt, sollte etwa 100 Gramm Eiweiss täglich essen. Ein Ei liefert 7 Gramm, 100 Gramm Rindfleisch 26 Gramm, ein Glas Vollmilch 8 Gramm und 100 Gramm Erdnüsse 25 Gramm – und am besten in mehreren Portionen über den Tag verteilt – auch rein pflanzlich möglich (Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkorn).

    Vom Sport in die Magersucht >>> bei Männer meist unter dem Bild einer Muskelsucht

    Immer mehr Männer erkranken an einer Essstörung. Diese wird oft lange nicht erkannt, da die Krankheit bei ihnen meist anders aussieht als bei Frauen.
    Frauen wollen eher schlank sein, Männer meistens muskulös. Muskelsüchtige wollen zum Beispiel Muskeln und Gewicht gewinnen, aber Fett verlieren. Sie haben eine verzerrte Körperwahrnehmung und entwickeln ein gestörtes Essverhalten.
    https://desktop.12app.ch/articles/27786785?

    Kreatin

    Kreatin gilt als Wundermittel. Hersteller versprechen gemeisselte Körper, mehr Leistung und die Fähigkeit, im Alltag „konstant zu performen“ – Sixpack inklusive. Sie preisen es als Mittel „für mehr Kraft und Masse“ oder als „Allrounder für Muskelaufbau und Ausdauersport“ an. Sogar die Hirnfunktion soll das weisse Pulver angeblich ankurbeln. Der weltweite Umsatz mit Kreatinpräparaten liegt bei etwa 1,5 Milliarden Dollar jährlich. Die Branche boomt und erwartet zweistellige Wachstumsraten.

    Kreatin steckt in tierischen Lebensmitteln

    Aus medizinischer Sicht stellt sich die Frage, warum Menschen überhaupt Kreatinpulver einnehmen. Der Körper produziert die Substanz selbst: In Leber und Nieren entsteht sie aus Aminosäuren und wird zu 95 Prozent als Kreatinphosphat in den Muskeln gespeichert. Ein Teil wird täglich über die Nieren als Kreatinin ausgeschieden. Dieser Wert im Blut gibt Hinweise auf die Nierenfunktion. Ist er erhöht, sollte man die Nieren untersuchen lassen.

    Neben der körpereigenen Produktion von etwa einem Gramm pro Tag nimmt der Mensch Kreatin auch über Fleisch und Fisch auf – etwa ein bis drei Gramm täglich. Menschen, die sich pflanzlich ernähren, haben daher tendenziell etwas weniger Kreatin in der Muskulatur.

    Auch Vegetarier haben keinen Kreatinmangel

    Kreatin spielt im Energiestoffwechsel der Muskeln eine Schlüsselrolle, vor allem bei maximaler Belastung. Es dient als sofort verfügbare Energiequelle, etwa bei einem Sprint. Doch der Körper ist nicht auf Kreatin aus der Nahrung angewiesen. Er produziert genug selbst. Vegetarier, die kaum Kreatin aufnehmen, haben keinen Mangel, da ihr Körper die Substanz ausreichend herstellt.

    Notwendigkeit und Optimierung sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Experten sind sich einig, dass Kreatinmonohydrat unter bestimmten Bedingungen die Leistung steigern kann. Die Wirkung hängt von Alter, Sportart, Fitnesslevel und Dosis ab. Je trainierter jemand ist, desto geringer fällt der Effekt aus. In Kombination mit Krafttraining steigert Kreatinmonohydrat die Maximalkraft und Kraftausdauer. Es kann vor allem bei Sportarten mit Maximalbelastungen in Intervallen nützlich sein. Auch beim Muskelaufbau nach Verletzungen oder längerer Immobilisierung kann es helfen. Zudem verzögert Kreatin bei intensiven Belastungen die Ermüdung, was härteres Training ermöglicht.

    Kreatinpulver wirkt nur mit intensivem Training

    Die Kreatinspeicher des Körpers sind meist zu 60 bis 80 Prozent gefüllt. Durch gezielte Einnahme lässt sich der Speicher auf 100 Prozent bringen, was die Maximalleistung bei intensivem Training steigern kann. Für Ausdauersportler, die vor allem aerob trainieren, ist der Nutzen jedoch gering.

    Ohne intensives Training bringt Kreatin keinen Vorteil. Muskeln wachsen nicht allein durch die Einnahme. Faktoren wie gesunde Ernährung und erholsamer Schlaf sind vermutlich wichtiger als volle Kreatinspeicher. Zwar ist ein leichter Effekt auf die Schnellkraft belegt, doch andere Werbeversprechen – etwa gesteigerte Ausdauer, mehr Muskelmasse oder schnellere Regeneration – lassen sich wissenschaftlich nicht bestätigen. Auch die Behauptung, Kreatin verbessere die Hirnleistung älterer Menschen, ist durch Studien kaum belegt.

    Drei Gramm Kreatin pro Tag reichen aus

    Sind die Kreatinspeicher einmal gefüllt, genügen drei Gramm Kreatin täglich, um das Niveau zu halten. Die oft empfohlene „Ladephase“ mit höheren Dosen ist nicht nötig. Bei geringeren Mengen dauert es allerdings etwa vier Wochen, bis die volle Wirkung eintritt. Wird Kreatin abgesetzt, sinken die Werte innerhalb von vier bis sechs Wochen auf den Ausgangswert.

    In normalen Dosierungen von drei bis fünf Gramm täglich gilt Kreatin als sicher. Kraftsportler nehmen jedoch oft 5 bis 20 Gramm pro Tag, was Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Blähungen und Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen verursachen kann. Da die Abbauprodukte über die Nieren ausgeschieden werden, sollte man ausreichend trinken. Menschen mit Nieren- oder Lebererkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck sollten vor der Einnahme einen Arzt konsultieren. Kindern, Jugendlichen und Schwangeren wird von Kreatin abgeraten, da es zu wenige Daten zur Sicherheit gibt.

    Nahrungsergänzungsmittel wie Kreatin durchlaufen keinen Zulassungsprozess mit klinischen Studien wie Medikamente. Meist wird Kreatin als Kreatinmonohydrat angeboten – die einzige Verbindung, für die eine Leistungssteigerung belegt ist.

    Kreatin und der Körperkult

    Langzeitstudien zeigen keine gravierenden Nebenwirkungen bei Kreatin. Problematisch sind jedoch Produkte aus dem Internet, die oft verunreinigt sind oder Anabolika enthalten – besonders bei Ware aus Fernost ist Vorsicht geboten.

    Dass Kreatin derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält, überrascht selbst Experten. Im Leistungs- und Kraftsport wird es seit Jahren genutzt, und seine Wirkung ist bekannt. Doch Kraftsport hat sich in den Mainstream geschoben, was den aktuellen Hype erklären könnte. Werbung und soziale Medien verbinden Kreatin mit perfekten Muskeln, Fitness und Attraktivität. Das ist übertrieben, aber es trifft den Zeitgeist und spricht viele an.
    (Quelle: Tagesanzeiger, 17.10.2026)

    Körperbildstörung Muskeldysmorphie – Die Angst, nicht genügend Muskeln zu haben

    Neben der Sportsucht gibt es eine weitere psychische Störung im Zusammenhang mit Sport: Muskelsucht oder Muskeldysmorphie. Sie zählt wie die Anorexie (Magersucht) oder die Bulimie (Ess-Brech-Sucht) zu den «Körperbildstörungen», bei denen die Einstellung zum eigenen Körper stark beeinträchtigt ist. Betroffen sind vorwiegend Männer, daher werde sie auch «male anorexia» (männliche Magersucht) genannt, sagt Simone Munsch, Psychologin an der Universität Freiburg. Betroffene stemmen täglich Hanteln, legen dabei an Muskulatur zu und finden trotzdem, ihr Körper sei zu wenig männlich oder muskulös. Anders als die Sportsucht ist die Muskeldysmorphie eine anerkannte Diagnose einer psychischen Störung.

    Ähnlich wie bei der Sportsucht gibt es keine verlässlichen Zahlen zu den Betroffenen mit Muskeldysmorphie. In Fitnessstudios könnten es Schätzungen zufolge bis zu 20 Prozent der Trainierenden sein. Vor allem aber nimmt die Zahl zu.

    Eine Muskelsucht kann zu auffälligem Verhalten führen. Betroffene ziehen sich zum Beispiel vor der Freundin nicht mehr aus, weil sie glauben, sie seien zu dünn. Sie gehen deswegen nicht mehr ins Schwimmbad, sie duschen nicht mehr im Fitnessstudio. Betroffene trainieren zudem auch dann weiter, wenn sie wegen Übertraining Schmerzen haben. Testosteron wird dann häufig angewendet.

    Die ganze Mühe der Betroffenen ist auch umsonst. Denn Männer unterliegen einem Trugschluss, wenn sie meinen, Frauen würden besonders muskulöse Körper attraktiv finden. Das ist aber nicht so, Frauen finden extrem muskulöse Körper nicht speziell attraktiv, weniger muskulöse Körper sind für sie attraktiver. Der Unterschied in der männlichen und weiblichen Wahrnehmung beträgt etwa fünf bis zehn Kilo Muskelmasse.

    Doch woher kommt dies alles? Weiterlesen >>>

    Anabolika…

    Längst helfen nicht mehr nur Spitzensportler nach, wenn die Leistungsfähigkeit an Grenzen stösst. Auch Freizeitsportler, vor allem Bodybuilder, greifen zunehmend zu Dopingmittel. Bis zu 45% der Besucher von Sportstudios versuchen, ihren Muskelaufbau mit gängigen anabolen Steroiden zu steigern! Sie gebrauchen aber auch in der Tierzucht verwendete Mittel oder hierzulande nicht handelsübliche, über den Schwarzmarkt bezogene Abkömmlinge. Über Risiken wie Hodenschrumpfung (resp. Klitorisvergrösserung), Unfruchtbarkeit, Lebererkrankungen und Lebertumoren, Gelbsucht, Herzschäden, Heraustreten der Augäpfel, Brustdrüsenwachstum (beim Mann) und Prostatakrebs wissen die Anwender meist kaum etwas. Hauterscheinungen wie schwerer Akne kommt eine Signalwirkung für Anabolikamissbrauch zu. Auch psychische Auswirkungen geben zu Besorgnis Anlass: Bei regelmässigem Gebrauch mit hohen Dosierungen fallen nicht selten paranoide, schizophrene, aggressive, asoziale, narzisstische und theatralische Wesensänderungen auf. Soweit rückblickende Befragungen der Bodybuilder eine Einschätzung erlauben, unterschieden sich die Charaktere vor Beginn des Missbrauchs nicht wesentlich von denen der Durchschnittsbevölkerung. Nach Absetzen der Anabolika wird auch sehr häufig schwere Depressionen beobachtet. Testosteron kann Dich für immer ruinieren: Es als Anabolikum zu nehmen birgt das bedeutende Risiko, dass die Hypophyse irreversibel einschläft und ein bleibender sog. „hypogonadotroper Hypogonadismus“ entsteht.
    Ein Kommentar erübrigt sich.

    Der Mann, der zu viel wusste

    Der Mann ist seit Jahren mit einer Wissenschaftsjournalistin verheiratet. Was sie an neuen Studien auf den Tisch bekommt, wirkt sich unmittelbar auf seinen Alltag aus – bis zur nächsten Studie. Nun hat sie Erkenntnisse über Krafttraining mit nach Hause gebracht…

    Meine Grossmutter hätte gesagt, ich sei ein kräftiger Mann. Leider ist sie vor längerer Zeit gestorben, ich würde mich gern hin und wieder an dieser Formulierung wärmen. Es klingt stark. Allerdings meinte sie, wenn sie diese Formulierung auf jemanden anwendete: stattlich, breit, wohlgenährt. Eigentlich eine Statur, in der man sich als Mann in der Lebensmitte gut einrichten könnte. Ich würde es mir gern darin gemütlich machen, nur in Omas Sinne ein kräftiger Mann zu sein und nicht sportlich gesehen. Aber meine Frau, die Wissenschaftsjournalistin, berichtet mir mit steigender Frequenz von Studien, die zeigen, dass Krafttraining für die Gesundheit viel wichtiger ist als bisher angenommen. Vor allem ab den mittleren Jahren, sagt sie, sei Muskelaufbau das A und O.

    Ich verweise darauf, dass ich gerade dabei bin, mich an YouTube-Yoga zu gewöhnen, und dass ich bis vor vier, fünf Jahren jährlich einen Halbmarathon gelaufen bin. Dehnbarkeit ist wichtig, sagt sie, aber du zehrst von der Substanz. Ich gebe zu bedenken, dass in der Familie immer noch ich es bin, der dafür zuständig ist, Gurkengläser aufzumachen. Während ich es ausspreche, wird mir klar, dass diese Rolle längst mein Sohn übernommen hat. Meine Frau sagt: Du musst Krafttraining machen, um mit wachsendem Alter den Status quo zu erhalten. Use it or lose it. Nutz es, oder verlier es. Also sie. Die Muskeln.

    Es fällt mir schwer, mich englischen Spruchweisheiten zu entziehen, die sich reimen. Fake it til you make it habe ich immer beherzigt, warum also nicht use it or lose it. Ist es gut, das zu wissen, oder wäre ich lieber im Unklaren geblieben und hätte mich an meinen Spaziergängen und meinen alten Halbmarathon-Teilnahme-Medaillen erfreut? Meine Freude, wenn ich 8.000 Schritte am Tag erreiche, ist getrübt dadurch, dass ich denke: Na gut, schön rumgelatscht, aber nicht Richtung Krafttraining.

    Eigentlich dachte ich, Krafttraining sei etwas für junge Menschen, die das aktuelle Körperideal noch erfüllen können. Mein Sohn, 20, ist sehr trainiert, er hat grosse Muskeln und verwendet viel Zeit darauf, damit sie so bleiben. Ich möchte mich da eigentlich nicht einmischen, irgendwie ist das sein Bereich. Aber meine Frau, die es hasst, wenn Dinge rumstehen, und den Familienrat einberuft, wenn ein kleinflächiges neues Küchengerät angeschafft werden soll, denkt plötzlich über die Anschaffung einer Kraftstation für den Keller nach. Sie zeigt auf ihre Studien, auf all die positiven Gesundheitswirkungen, vor allem im Alter, und sagt, diese Kraftstation sei eine Investition in unsere Zukunft.

    Bis ich die entsprechende Fläche im Keller frei geräumt habe, geht sie einmal die Woche in einen Muskelaufbau-Kurs, den ihre Krankenkasse finanziert. Kurz denke ich über Eigengewichtsübungen nach, wegen des niedrigen logistischen Aufwands, finde dann aber, dass ich vielleicht doch etwas leichter einsteigen sollte, wegen recht hohen Eigengewichts. Ich melde mich im Fitnessstudio an, finde den Kraftraum dort eigentlich ganz angenehm, lasse mir ein paar Übungen zeigen und gehe dann nie wieder hin. Es tut mir leid, ich kann es nicht erklären, ich habe dieses Verhalten in den Neunzigerjahren verinnerlicht, ihr könnt einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen.

    Meine Frau budgetiert die Anschaffung der Kraftstation, ich werfe die Frage auf, ob sich das wirklich lohnen würde, denn wie lange würden wir die benutzen – bis wir Mitte sechzig sind oder so?

    Sie sieht mich an und sagt, nein, also nach ihrer Kenntnis, nach den Studien, sei das für immer, bis ans Ende. Für den Stoffwechsel, den Knochenbau, die Beweglichkeit im Alltag, gegen alles, was krank macht. Muskel ist Leben, sagt sie. Pumpen, bis der Arzt nicht mehr kommt. Ich nicke, das Verstehen sickert ein. Meine Vision fürs Alter war bisher, dass ich wie ein alter Mann in einem portugiesischen Dorf in Anzughose und kurzärmeligem Hemd am Brunnen sitze und ab und zu meinen Gehstock schwenke und dass der Rest mir egal ist. Jetzt muss ich das so visualisieren, dass sich unter dem Hemd dickere Bi- und Trizepse spannen, als ich sie jetzt gerade habe. Dass Altern nichts für Feiglinge ist, wurde mir schon häufiger mitgeteilt, aber ich dachte, es sei wenigstens was für Faulpelze.
    (Till Raether ist Journalist und Schriftsteller. © Zeit Wissen 06/2024)

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    05. April 2026

  • Krebs und Genesung

    Krebs und Genesung

    Die Diagnose akzeptieren, aber nicht die Prognose

    Unerklärliche Rückbildungen von Krebstumoren, die als unheilbar galten, sogenannte „Spontanremissionen“ sind sehr interessant für die medizinische Forschung. Was haben diese Leute gemeinsam? Daraus könnte man viel zur alternativen Krebsheilung lernen! Eines ist aber dabei sicher: Diese „Wunderheilungen“ sind zu selten, als dass man sich darauf verlassen und auf eine konventionelle Behandlung verzichten könnte.

    Was also ist diesen Leuten mit „Krebsheilung“ gemeinsam:

    • Viele Patienten, die überraschend wieder gesund geworden sind, berichten, dass sie sich und ihr Leben grundlegend verändert haben.
    • Die meisten besassen einen sehr starken Lebenswillen, das heisst, wie Caryle Hirshberg es ausdrückt: 
      Sie akzeptierten die Diagnose, aber nicht die Prognose!

      So sagte eine Frau zu ihrem Arzt, der ihr noch maximal ein Jahr zu leben gab: „Hören Sie zu, ich bin jetzt 55, und ich lade Sie hiermit zu meinem 60. Geburtstag ein, denn ich habe vor, dann noch da zu sein.“ Über 70 Prozent der Befragten kreuzten Selbstcharakterisierungen an wie „kämpferischer Geist“, „Betrachtung der Krankheit als Herausforderung“, „Übernahme von Verantwortung“ und am häufigsten (75 Prozent) „Glaube an einen positiven Ausgang“.
      Lesen Sie dazu meine Ausführung des Kohärenzgefühls.
    • Ausserdem hielten 70 Prozent spirituelle Faktoren wie Glaube, Meditation und Gebete für sehr wichtig. „Es ist interessant festzustellen, dass Beten oft mit jenen seelischen Zuständen einhergeht, die wir bei ungewöhnlichen Heilungen ausgemacht haben: die besondere Konzentration auf einen Gegenstand, seelische Entspannung und Entlastung, Ausschalten des rationalen Denkens, Visualisierungen, aktive Imagination und einheitliche Intentionen…“
    • Auch die soziale Unterstützung scheint eine grosse Rolle zu spielen (soziale Anerkennung und Integration). Zum Beispiel waren über 70 Prozent der Überlebenden waren seit mehr als 20 Jahren verheiratet, 40 Prozent sogar schon seit 30 Jahren.
    • Schliesslich betätigten sich drei Viertel der befragten genesenen Patienten regelmässig und teilweise ernsthaft künstlerisch-kreativ.
    • Viele stellten ihre Ernährung grundlegend (vor allem auf hochwertige Nahrungsmittel, die möglichst wenig bearbeitet sind) um. >>>mehr über Krebs und Ernährung
    • Eine stoische Lebenshaltung kann sehr viel zu Innerem Frieden beitragen – aber auch zu mehr Lebendigkeit!
      Einer meiner Patienten hatte eine Blasenentzündung. Ich sagte ihm, das sei ungewöhnlich für einen Mann in seinem Alter, und ordnete weitere Tests an. Das Ergebnis: Er hatte Prostatakrebs.
      Die Blasenentzündung war ein Glücksfall gewesen, dank ihr wurde der Krebs sehr früh erkannt. Dieser Mann hat nie geraucht, trinkt nicht, macht Sport und ernährt sich extrem gesund. Ein geringeres Risiko für Prostatakrebs hätte er nur haben können, wenn er eine Frau gewesen wäre. Trotzdem wurde er krank. Aber statt zu verzweifeln und das Schicksal zu verfluchen, wandte er die Grundsätze an, von denen er gelernt hatte, dass sie ein gutes und glückliches Leben möglich machen.
      1. Stell dir vor, was hätte passieren können, das noch schlimmer gewesen wäre – statt dir das zu wünschen, was besser gewesen wäre.
      2. Ändere, was du ändern kannst – und akzeptiere, was du nicht ändern kannst.
      3. Erlaube der Angst nicht, dein Leben zu beherrschen.
      .
    • Eine prospektive Beobachtungsstudie untersuchte den Zusammenhang von sportlicher Aktivität und dem Auftreten von Rezidiven bei Brustkrebspatientinnen in Hinblick auf die Überlebensrate. 2987 erkrankte Krankenschwestern wurden in 5 verschiedene Aktivitätsgruppen eingestuft und über mehrere Jahre begleitet. Frauen in der mittleren Gruppe (3 bis 5 Stunden Spazieren gehen pro Woche) hatten, verglichen mit der inaktiven Gruppe, das niedrigste relative Risiko an den Folgen des Krebses zu sterben (RR= 0.50). Die sportlicheren Teilnehmerinnen hatten ebenfalls ein geringeres Mortalitätsrisiko als die Inaktiven, aber weniger Gewinn als die mittlere Gruppe. Es scheint, dass moderate körperliche Aktivität ein wichtiger Faktor zur Senkung des Rezidivrisikos ist, vermutlich nicht nur bei Brustkrebs.

    Lebensstil – ein Faktor bei der Krebsbehandlung

    In vielen Studien wurden ein holistischer Zugang im Management von Krebserkrankungen diskutiert. (Craig Hassed MBBS, Australian Family Physician 2006;35(4)
    Hirshberg und Barasch fassen die Charakteristika so zusammen:
    „Wir fanden mehrere Gemeinsamkeiten: eine Entschlossenheit weiterzuleben, die sich auf das Selbstwertgefühl gründete, eine typische Konzentration auf das Positive und ein reiches Innenleben, das den einzelnen selbst angesichts des Todes noch mit den Freuden des Lebens beglücken kann.“
    Noch kürzer könnte man es auf den Punkt bringen:
    Was Menschen, die besser mit Krankheiten fertig werden, auszeichnet, ist ein „fester Glaube“ und ein „fester Wille“.
    Man entdeckt bei manchen Überlebenden auch ein Verhalten, dass man als „positive Verleugnung“ bezeichnen könnte. So geht ein Mann, einfach weiterhin zur Arbeit und sagt, dass die Krankheit für ihn „nur wenig Realität besitzt“. Und eine Frau, die von einem bösartigen Bauchtumor genesen ist, erklärte: „Ich habe die Diagnose, dass es eine bösartige Krebserkrankung ist, zur Kenntnis genommen, aber eigentlich nie das Thema Tod als eine Alternative für mich angesehen.“

    Man kann zu dem Schluss kommen dass es nicht den richtigen Weg zur Heilung gibt. Jeder Mensch, der den Krebs erfolgreich bekämpft hat, hat das vielmehr auf seine eigene, einzigartige Weise getan.

    Nach dem bisherigen Stand des Wissens ist es für Arzt und Patient zur Zeit unmöglich, Spontanremissionen bewusst und gezielt herbeizuführen. Andererseits kann man darauf hinweisen, dass es, gerade weil Ärzte so wenig über diese Phänomene wissen, menschlich nicht vertretbar und wissenschaftlich unhaltbar sei, genaue Prognosen über die nach einer Krebsdiagnose verbleibende Lebenszeit abzugeben.
    Und Caryle Hirshberg zog aus ihrer Forschung die Erkenntnis: „Statt uns so viele Sorgen über falsche Hoffnungen zu machen, sollten wir vielleicht der Gefahr, unnötige Verzweiflung auszulösen, ebenso grosse Aufmerksamkeit schenken.“

    Schönreden kontraproduktiv

    Was hier beschrieben wird, ist nicht das „Positive Denken“ (Positive Thinking) mit seinen aufmunternden Formeln, das heute hoch im Kurs ist. Wichtig ist dabei das Mass des bestehenden Selbstwertgefühls. In grossen Studien (z.B. Joanne V. Wood et al: Positive self-statements. Psych Science, 5/2009, 1467) zeigte sich, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sich selbst widersprechen, wenn sie positive Gedanken wie Mantras wiederholen. Auf diese Weise wird eine vorhandene negative Selbsteinschätzung nur noch verstärkt!
    Hier wird im Gegensatz von Ansprechen von vorhandenen Ressourcen gesprochen, die dadurch verstärkt werden.

    „Krieg gegen den Krebs“ ist keine gute Metapher

    Wenn wir von der Krankheit Krebs reden, ist die Sprache ziemlich kriegerisch. Wer der Krankheit erliegt, hat nicht genug „gekämpft“, das Deutsche Krebszentrum in Heidelberg bezeichnet Krebszellen als „gefährliche Schläfer“, Nixon rief schon 1972 die Wissenschaft zum „war on cancer auf“.
    Diese Sprache ist einerseits verständlich und sinnvoll, weil sie Menschen das Gefühl gibt, nicht hilflos zu sein. Sie hat aber auch einen Nachteil. Die martialische Art, wie wir über die Krankheit sprechen, bestimmt nicht unwesentlich, wie wir sie erleben“. Die Oma der Autorin dieses Zeit-Artikels etwa war kein Kämpfertyp. Die Forderung, gegen ihren Darmkrebs zu „kämpfen“, hätte sie überfordert und sie sich noch hilfloser fühlen lassen. Ihr Tod lässt sie als Verliererin erscheinen. Wer kämpft, muss ausserdem stark sein – und kann Ängste kaum zulassen, die im Heilprozess wichtig sein können: Weiterlesen >>>

    Therapie durch ein erfülltes Leben

    Die „Meaningful Life Therapy“ (MLT, etwa „Therapie durch ein erfülltes Leben“), die Jinroh Itamie vom Shibata Hospital in Japan entwickelt hat, zielt darauf ab, die Furcht vor dem Tod zu bewältigen, die mit chronischen Krankheiten wie Krebs einhergeht, und herauszufinden, wie die Patienten ein erfülltes Leben führen können. Man kann dadurch, die Selbstheilungskräfte des Körpers stärken.
    Die Therapie folgt fünf Grundregeln. Der Patient soll

    • sich aktiv an der Bewältigung der Krankheit beteiligen und sich nicht nur auf den Arzt verlassen;
    • sich kurzfristige Lebensziele setzen und jeden Tag bewusst einer sinnvollen Tätigkeit Zeit widmen;
    • etwas für andere tun;
    • lernen, mit der Angst vor dem Tod umzugehen, und den Lebenswillen stärken;
    • den Tod als natürliches Phänomen akzeptieren (wie Stürme oder Erdbeben) und sich so praktisch und konstruktiv wie möglich auf den eigenen Tod vorbereiten.

    Diese Leitgedanken soll der Kranke seinem Alltag zugrunde legen, jeden Tag dieselbe Zeit für ihre Befolgung aufwenden und jeden Tag dieselben Ziele verfolgen – unabhängig vom Gesundheitszustand. Er soll versuchen, weiterhin als normales Mitglied in der Gemeinschaft weiterzuleben. Keinesfalls ist aber die MLT ein Programm in fünf Schritten „So heile ich Krebs“. Es handelt sich vielmehr um Anregungen, wie man das Leben – auch mit der Krankheit – positiv und sinnerfüllter gestalten und erst in zweiter Linie dadurch vielleicht verlängern kann.

    Weiterlesen über Strategien gegen die Todesangst >>>

    Die Krebsreise

    Moses G.Steinvorth schlägt in seinem sehr brauchbaren Büchlein „Die Krebsreise“ vor, die Krebserkrankung als eine „Reise“ zu betrachten. Dieses Bild der Reise legt nahe, Krebs als einen Prozess zu erleben, als einen Vorgang und nicht als ein „Ding“, das man „hat“ oder „nicht hat“. Die Krebserkrankung ist immer in Entwicklung begriffen, sieht in jedem Moment wieder anders aus und kann sich auch zurück entwickeln. Krebs ist immer in Bewegung. Der Augenmerk ist auf den Verlauf gelenkt (statt auf die elende Frage nach dem „Warum“!) und der Verlauf ist das, was man am ehesten selbst beeinflussen kann. Auch wenn man nicht genau weiss, wo die Reise hingeht, kann man doch auf die Route Einfluss nehmen, wie man das vielleicht auf einer Abenteuerreise tun würde. Auch wenn Sie in gewisser Weise eine „Pauschalreise“ gebucht haben, können Sie doch immer noch auf einzelne Umstände der Reise Einfluss nehmen und sie evtl. nach Ihrem individuellen Geschmack verändern. Sie können kleine Touren auf eigene Faust unternehmen und ganz sicher auch einmal die Umgebung ohne Touristenführer und ohne die „Herde“ der übrigen Pauschaltouristen erkunden. Es ist enorm wichtig, hier alle Möglichkeiten der Individualisierung zu nutzen, weil Ihr persönlicher Heilungsprozess etwas ganz Einmaliges ist und viel mit Ihrer besonderen Persönlichkeit zu tun hat: kein Mensch wird genau auf dieselbe Art gesund wie der andere. Jeder ist anders!

    Sie können das Bild der „Reise“ auch noch so verstehen, dass Sie aufgefordert sind, eine Reise „nach innen“ anzutreten, wenn Sie wieder gesund werden wollen; eine Reise, die Sie vielleicht in dunkle und unheimliche innere Gegenden führen wird, die Sie gewöhnlich lieber meiden, eine Art „Heldenreise“ also, wo Sie durchaus damit rechnen müssen, dass Sie manchmal mit alten Gespenstern oder inneren Drachen und Dämonen kämpfen müssen. Reisen sind oft ziemlich anstrengend; man kämpft auch gegen miserables Wetter und Unbill, wird vielleicht sogar verletzt. Sie ist aber auch interessant und spannend und lässt einem zum Schluss häufig sehr viel reifer und bereichert zurück.

    Ängste nach der Krebsdiagnose

    Mit der Angst ist es so eine Sache. Sie wird kleiner, je mehr man sich ihr nähert. Deshalb lohnt es sich, behutsam auf das zuzugehen, vor dem man sich fürchtet: Was genau macht mir Angst? Sind es die nächsten Behandlungsschritte, die anstehen? Nebenwirkungen, die nach der Chemotherapie oder Bestrahlung auftreten könnten? Graut es mir vor allem davor, anderen zur Last zu fallen? Oder fürchte ich insgeheim, mich äusserlich zu verändern?
    Was hilft, ist, sich den bedrohlichen Gedanken zu stellen. Nimmt die Angst überhand, sollte man sich dafür psychotherapeutische Unterstützung holen. Eine meiner Patientinnen fürchtete sich am meisten davor, sie könnte eines Tages tot in ihrer Wohnung liegen und niemand findet sie. Dabei ruft ihre Schwester täglich an und würde sofort merken, wenn sie nicht ans Telefon geht. Die Frau musste das Szenario gezielt zu Ende denken, um ihm den Schrecken zu nehmen. Es ist immer besser, den Scheinwerfer in die Dunkelheit zu richten und sich das, wovor man sich fürchtet, einmal genau anzusehen.

    Bei den meisten weckt eine Krebserkrankung Gedanken an die eigene Endlichkeit – selbst wenn die Prognose gut ist. Erstaunlich vielen gelingt es, die Angst vor dem Tod zu bewältigen. Einigen hilft es, die eigene Beerdigung zu planen. Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht mit dem Thema befassen möchten.

    Manche können durch einen veränderten Bewusstseinszustand existenzielle Ängste bewältigen: An der Johns Hopkins University im US-amerikanischen Baltimore nahmen Krebspatienten begleitet von einem Psychotherapeuten den Wirkstoff Psilocybin ein, der in sogenannten Magic Mushrooms enthalten ist, also psychoaktiven Pilzen. Ähnliche Studien wurden in der Schweiz bereits mit LSD durchgeführt. Durch die Substanz schafften es die Patienten, eine neue Perspektive einzunehmen. Sie konnten die Widrigkeiten, die mit der Krankheit kamen, besser akzeptieren – und das auch noch Monate später. Einige kamen auf ihrem psychedelischen Trip sogar zu Einsichten, die ihre Einstellung zum Tod von Grund auf veränderten. Es geht aber auch weniger radikal: Hypnose kann ebenfalls erwiesenermassen Ängste bei Krebspatienten lindern.

    Der Tod als Grenzüberschreitung

    Ich erlebe immer wieder in meiner Praxis, dass Menschen, die über ihre Komfortzone hinaus an ihre Grenzen gelangen ein enormes Potential zum Wachstum haben und dies als grosse Chance erfahren. Auch der Tod, der so nah verwandt mit der Krebserkrankung ist, wird häufig von jemandem, der „gut gelebt“ hat als  faszinierendes Grenzerlebnis wahrgenommen. Jetzt, da er das Leben kennen gelernt hat, möchte er auch wissen, was es mit dem Tod auf sich hat. Das Leben kennt er nun und es war wunderbar. Jetzt will er sehen, was der Tod ist. Er ist bereit zu einem neuen Abenteuer.

    Was hilft bei der Fatigue?

    Fatigue ist eine stark belastende Nebenwirkungen der Chemotherapie. Sie ist eines der am stärksten belastenden Symptome für die Patienten, weil es die Alltagsaktivitäten einschränkt. Wir Ärzte thematisieren diese Nebenwirkung auch wenig, weil wir keine effiziente Therapie dafür haben.
    Während der Chemotherapie sind 60 bis 96% der Patienten von einer Fatigue betroffen. Auch 6 Monate nach der Chemotherapie berichten noch ca. 30% der Patienten über mässige bis starke Fatigue.

    Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen schädigen den Organismus zunehmend und führen einerseits zu körperlichen Symptomen, andererseits fördern sie aber auch psychische Erkrankungen. Die Menschen sind ständig schlapp und müde, klagen über Herzrasen und Kurzatmigkeit und weisen Symptome auf, die bis hin zur manifesten Depressionen reichen.

    Chinesische Bewegungsform – Qigong:
    Das in einer Studie (www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6771138/) erforschte Qigong gehört zu den gering intensiven Bewegungsarten – es geht vorwiegend um die Muskeldehnung. Nach der chinesischen Lehre wird die Lebensenergie „Qi“, der Blutfluss und körperlicher Funktionalität gefördert.

    Baduanjin Qigong ist leicht zu erlernen, das Aktivitätslevel ist für Patienten mit chronischen Erkrankungen angemessen. Eine spezielle Ausrüstung wird nicht benötigt. Die Übungen können zu Hause oder draussen, alleine oder in der Gruppe ausgeübt werden. Üben in der Gruppe fördert nach Meinung der Autoren auch die Adhärenz, längerfristig dabei zu bleiben.
    Die Patienten wurden zunächst per App eingeladen, sie sahen sich dann Videos an, in denen die Übungen erklärt wurden. Das war ein Aufwand von 2 x 40 Minuten. Die Patienten mussten 5 x pro Woche Qigong machen, wobei eine Session jeweils 20 bis 40 Minuten dauerte. Das war also schon sehr intensiv.
    In der Interventionsgruppe hatten nach 24 Wochen weniger Patienten moderate bis starke Fatigue. Der Unterschied war mit 23,2% in der Interventionsgruppe vs. 59,1% in der Nichtinterventionsgruppe signifikant. Die moderate bis starke Fatigue ist also um mehr als die Hälfte zurückgegangen, das ist sehr beeindruckend.
    Interessant ist, dass sich nach 12 Wochen noch keine Unterschiede gezeigt haben. Das heißt, wir müssen die Patienten motivieren, diese Übungen nicht nur über 3 Monate zu machen, sondern dauerhaft. Das ist m.E. neben der guten Wirkung die wichtigste Botschaft.

    Und… falls man keinen Zugang zu einer Qigong-Gruppe in der Nähe findet: Bewegung aller Art, so intensiv betrieben, hilft auch (wenn auch vielleicht nicht gar so effektiv). Untersuchungen zufolge können Betroffene durch ein tägliches Ausdauertraining von nur 30 Minuten ihre körperliche Leistungsfähigkeit immens steigern. Sowohl die psychischen als auch die physischen Fatigue-Symptome werden parallel dazu gemindert. In Einzelfällen verschwinden sie sogar ganz. (M.Houf, Sportmedizin Update 2010)

    Die Fatigue ist wohl auch eine Form von Neuroinflammation.

    Kurzfristiges Fasten – kein längeres!

    Wiederholtes kurzfristiges Fasten (also nur 16 bis 72 Stunden) führt zu „zellulärem Selbstmord“ von Krebszellen (Autophagie). In neueren Studien fand man, dass wiederholtes Kurzfasten effektiver und praktikabler ist als langfristiges. Das Fasten löst eine Art zellulären Stress aus. Bei gesunden Zellen führt dies zu Reaktionen, die gegen Schäden durch Sauerstoffradikale schützen. Solche Moleküle entstehen bei Hunger vermehrt. Ihre Produktion wird aber auch durch viele Chemotherapeutika angeregt und gilt als Hauptursache von deren starken Nebenwirkungen. 24 bis 72 Stunden Fasten vor der Chemotherapie bereitet normale Körperzellen offenbar gut auf hohe Konzentrationen von Sauerstoffradikalen vor. Sie sind deshalb eher in der Lage, sich gegen die aggressiven Moleküle zu wehren. Krebszellen hingegen sind kaum fähig, diese Schutzmechanismen anzuschieben. Sie stellen sogar selber zusätzlich noch reichlich aggressive Moleküle her. Das führt dann dazu, dass sie letztlich „zellulären Selbstmord“ begehen!
    Eine optimale Möglichkeit wäre an der Mehrheit der Tage eine 16:8-Ernährung.

    Führen Sie also nicht von sich aus längere Fastenkuren aus (welche katastrophale Folgen auf den Krebsverlauf haben können) – lassen Sie sich durch einen erfahrenen Arzt begleiten! Vor allem das kurze Fasten vor und nach Chemotherapieschüben muss mit den behandelnden Ärzten abgesprochen sein.

    Drogen in der Therapie gegen Krebssymptome

    Die vielfältige gute Wirkung von Cannabis gegen verschiedenen Symptomen von Krebs selbst (z.B. Schmerzen) wie auch der Chemotherapie (z.B. Übelkeit) ist schon länger bekannt.
    Auch Psilocybin aus Magic Mushrooms wirkt gut und lang andauernd gegen Angstgefühle und Depressionen bei Krebskranken im fortgeschrittenen Stadium. Die einmalige (orale) Einnahme von Psilocybin wirkte mehrere Monate lang.
    Dasselbe kann von LSD gesagt werden. (Pilot Study of Psilocybin Treatment for Anxiety in Patients With Advanced-Stage Cancer. Grob CS et al., Arch Gen Psychiatry. 2010 Sep)

    Mehr zur Therapie durch Dissoziation (seine gesunden, liebenswerten, freudvollen Seiten erleben!) mit psychedelischen Drogen >>>

    Krebstherapien – alternative vs. konventionelle

    Die Wissenschaftler einer grossen Metastudie, die die statistischen Analysen getrennt nach Krebsart durchführten, berichten, dass die Alternativmedizin – im Vergleich zur konventionellen Behandlung – mit einem Anstieg des Sterberisikos bei Brustkrebspatientinnen um fast das 6-Fache assoziiert gewesen sei. Bei Darmkrebspatienten stieg das Risiko zu sterben bei alleiniger Alternativbehandlung um das 4,5-Fache und bei Lungenkrebspatienten um das 2-Fache.
    Die alternativmedizinische Behandlung war zudem mit einer signifikant schlechteren 5-Jahre-Überlebensrate assoziiert als die konventionelle Therapie: Brustkrebs 58,1% versus 86,6%, Lungenkrebs 19,9% versus 41,3% und Darmkrebs 32,7% versus 79,4%. Median wurden die Patienten 66 Monate nachbeobachtet.

    Auffällig war, dass die Alternativmedizin in der 4. untersuchten Untergruppe, nämlich bei den Prostatakrebspatienten, keinen Nachteil darstellte. Sie war im Vergleich zur konventionellen Behandlung nicht mit einem signifikant erhöhten Sterberisiko assoziiert. Und die 5-Jahres-Überlebesrate war ähnlich (86,2% vs 91,5%). Doch die Wissenschaftler hatten das schon kommen sehen: „Dieses Ergebnis kommt nicht unerwartet angesichts der langsamen natürlichen Progression von Prostatakarzinomen und der kurzen medianen Nachbeobachtung.“
    (Johnson SB, et al: Journal of the National Cancer Institute (online) 10. August 2017)

    Der Krebskranke und seine Angehörigen

    Wer von seinem Arzt die Diagnose Krebs erhält, muss diese schlechte Botschaft relativ schnell selbst überbringen: dem Partner, den Kindern, den Eltern oder Freunden. Die Psychoonkologin Martina Prinz-Zaiss aus Freiburg unterstützt Krebspatienten und ihre Angehörigen dabei, über die Krankheit zu sprechen (aus DIE ZEIT, 40/2022):
    Wie sage ich meinen Angehörigen, dass ich Krebs habe?
    Martina Prinz-Zaiss: Das Wichtigste ist Offenheit. Ich erlebe immer wieder Patienten, die ihrer Familie häppchenweise von der Krankheit erzählen. Das ist gut gemeint, man will seine Liebsten nicht ängstigen. Gerade die Menschen, die einen gut kennen, spüren jedoch, dass da mehr ist, als man gerade sagt. Und das löst genau die Ängste und Sorgen aus, die man vermeiden möchte.

    Warum genau sind viele Patienten nicht hundertprozentig offen?
    Martina Prinz-Zaiss: Weil die Angehörigen mantraartig wiederholen: »Du schaffst das!« – »Du bist stark!« – »Du musst kämpfen!« Das ist für Menschen mit Krebs schwer auszuhalten. Sie wollen Familie und Freunde nicht enttäuschen, doch die Therapie verlangt ihnen viel Kraft ab.

    Was raten Sie in solchen Fällen?
    Martina Prinz-Zaiss: Ein Erkrankter muss nicht dauernd den Kampfgeist hochhalten und den Tapferen spielen. Er darf sich elend fühlen, und er darf und sollte auch darüber sprechen. Sich gegenseitig Ängste einzugestehen ist wichtig. Seitens der Angehörigen sollte es allerdings kein Dauerthema werden. Die Betroffenen haben meist ein gutes Gespür dafür, welche Gedanken sich ihre Nächsten machen. Aber sie sollten nicht die ganze Zeit Trost spenden müssen, wenn sie mit sich selbst beschäftigt sind. Als Angehöriger gilt es, mit dem Patienten mitzuschwingen, seine Tiefs auszuhalten und ihn einfühlsam zu begleiten, wenn es ihm schlecht geht. Ihn zu fragen: Was kann ich tun? Was brauchst du? Und zwar ohne ungebeten Ratschläge und Empfehlungen zu geben.

    Wie gehe ich damit um, wenn meine Liebsten immer wieder »Du packst das«-Parolen äußern?
    Martina Prinz-Zaiss: Wer an Krebs erkrankt ist, sollte sich abgrenzen, wann immer er das Bedürfnis danach verspürt. Zum Beispiel dann, wenn er gerade eben keine Durchhalteparolen hören kann. Es ist in Ordnung, nicht ans Telefon zu gehen, wenn Freunde und Familie anrufen, oder Besuch abzulehnen. »Ich kann jetzt nicht« oder »Mir geht es nicht gut« reichen als Begründung aus, wenn überhaupt. Der Selbstschutz geht vor. Die Liebsten meinen es nur gut, sehen allerdings oft nicht, wie sehr ein »Du packst das« unter Druck setzen und demoralisieren kann, eben wenn man es gerade mal nicht packt. Die Therapie ist so unfassbar anstrengend, das kann sich niemand vorstellen, der das nicht selbst erlebt hat.

    Gerade Eltern von erwachsenen Krebskranken scheinen viel Trost vom Patienten zu benötigen.
    Martina Prinz-Zaiss: Für Eltern ist es furchtbar, wenn ihr Kind lebensbedrohlich erkrankt. Sie sind dann sehr in Not und Sorge und wollen natürlich gerne beruhigt werden. Es ist aber nicht die Aufgabe der Betroffenen, sie zu trösten. Das sollten andere Familienmitglieder oder Freunde übernehmen.
    »Für Eltern ist es furchtbar, wenn ihr Kind lebensbedrohlich erkrankt. Sie sind dann sehr in Not und Sorge und wollen natürlich gerne beruhigt werden«

    Wie stärke ich meine Angehörigen, ohne Trost spenden zu müssen?
    Martina Prinz-Zaiss: Fast allen hilft es, wenn sie etwas tun können. Geben Sie Ihren Angehörigen Aufgaben, überlegen Sie, was eine sinnvolle Unterstützung für Sie wäre. Vor allem Männer können sich durch das aktive Tun besser stabilisieren. Davon profitieren dann wiederum auch die Patienten.

    Wie spreche ich mit Kindern über meine Krebserkrankung?
    Martina Prinz-Zaiss: Grundsätzlich gilt auch hier: offen sein und auf keinen Fall die Erkrankung verheimlichen, auch wenn es mit der besten Absicht geschieht. Weiß ein Kind nicht, was los ist, warum es Papa schlecht geht und Mama oft traurig ist, sucht es schnell die Schuld bei sich selbst. Als erkrankter Vater oder als erkrankte Mutter kann man sagen: »Ich habe eine schwere Krankheit und werde dagegen behandelt.« Es darf auch das Wort Krebs fallen. Weil viele Kinder, übrigens auch viele Erwachsene, Krebs mit Tod assoziieren, gehört auch immer der Satz dazu: »Ich kann wieder gesund werden.« In den meisten Fällen ist Krebs heute kein Todesurteil mehr. Das Wissen darum kann dem Ganzen die Schwere nehmen.

    Sollte man die Themen Tod und Sterben generell vermeiden?
    Martina Prinz-Zaiss: Im Gegenteil! Man sollte sie frühzeitig mit in die Gespräche aufnehmen. Wenn die Diagnose Krebs gefallen ist, ist die Angst vorm Sterben und Tod sowieso da, bei allen Beteiligten. Sie auszusprechen entlastet enorm. Ebenso wie mit seinen Liebsten bestimmte Dinge zu regeln. Die Hoffnung wird ja nicht kleiner, weil man Vorkehrungen trifft. Viele Patienten fühlen sich jedoch besser, wenn sie dieses Thema einmal für sich und mit ihrer Familie durchgespielt haben.
    »Es mag vielleicht einen bösartigen Tumorbefund geben, aber der oder die Kranke besteht noch zu 99 Prozent aus gesunden Zellen«

    Gibt es noch weitere Tabus, wenn man über Krebs spricht?
    Martina Prinz-Zaiss: Viele Krebspatienten empfinden Scham, weil sie krank sind. Sie fühlen sich versehrt, nicht mehr vollständig, reden aber kaum darüber. Einige haben auch Schuldgefühle. Sie nehmen an, dass der Krebs die Strafe dafür ist, dass sie sich falsch verhalten haben. Manche sind wütend auf die Erkrankung, das Universum. Andere sind neidisch auf den gesunden Partner oder die gesunden Freunde. All diese Gefühle sind normal und sollten nicht tabuisiert werden. Was nicht bedeutet, dass man über diese Gefühle sprechen muss.

    Wie erhalten wir einen normalen Umgang mit Krebs in der Sprache?
    Martina Prinz-Zaiss: Indem wir uns klarmachen, dass Krebs nicht automatisch Sterben und Tod bedeutet. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel getan. Viele Krebspatienten können geheilt werden, bei anderen kann der Krebs in eine chronische Erkrankung umgewandelt werden. Es mag vielleicht einen bösartigen Tumorbefund geben, aber der oder die Kranke besteht noch zu 99 Prozent aus gesunden Zellen. Das sollte der Ausgangspunkt für jedes Gespräch über Krebs sein.

    Bücher

    Für Krebskranke und Angehörige gibt es mittlerweile eine Reihe guter Bücher. Mit dem Phänomen Spontanheilung befassen sich:
    * Eva-Maria Sanders: Leben! Ich hatte Krebs und wurde gesund, Nymphenburger Verlag, München 1997
    * Caryle Hirshberg, Marc Ian Barasch: Gesund werden aus eigener Kraft, Droemer Knaur, München 1997 + Unerwartete Genesung. München 1995
    * Bernie Siegel: Prognose Hoffnung, Düsseldorf 1988
    * Greg Andersen: Der Krebsüberwinder, Freiburg 1998
    * Moses G. Steinvorth: Die Krebsreise, Deutscher Psychologen Verlag, Bonn 2004
    * Herbert Kappauf, Walter M. Gallmeier: Nach der Diagnose Krebs – Leben ist eine Alternative, Herder, Freiburg i. Br.

    für Kinder:

    * Andrea Caprez, Nadia Khan: Sven. Edition Moderne, Zürich 2006
    * Christophe Badoux, Nadia Khan: Fatmas fantastische Reise. Edition Moderne, Zürich 2006
    * Online-Spiele von Andrea Caprez für Kinder mit Moyamoya: www.strapazin.ch/moyamoya

    Eindrücklicher Film über Krebs und Genesung (schweizerdeutsch)

    Foto von Aarón Blanco Tejedor auf Unsplash

    Veröffentlicht am 14. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    09. Oktober
    2024

  • Krebsvorsorge

    Krebsvorsorge: zuallererst nicht mehr Rauchen

    Dreissig Prozent aller Krebserkrankungen in sämtlichen Organen sind aufs Rauchen zurückzuführen! Wenn Sie sich einigermassen lieben, hören Sie mit dieser massivsten Schädigung Ihres Organismus auf >>> Rauchstopp

    Krebsvorsorge: massvolles Essen – die „Anti-Krebsdiät“

    Dreissig Prozent der Krebserkrankungen sind aufs Rauchen und 35 Prozent auf eine ungünstige Ernährung zurückzuführen. Das zeigen die verschiedensten epidemiologischen Studien. Somit könnten im Prinzip zwei Drittel der Krebse verhindert werden!


    Es ist nicht möglich mit einer Diät das Wachstum einer Krebsgeschwulst zu hemmen oder die Bildung von Ablegern (Metastasen) zu verhindern oder gar Tumore zu heilen. Hingegen kann man wenige Empfehlungen geben, welche das Krebsrisiko verbessern:

    • Mass halten mit: Alkohol; gepökelten und/oder geräucherten und stark gesalzenen Nahrungsmitteln. Auch mit viel „rotem“ Fleisch, also Rind, Lamm oder Schwein (höheres Risiko, an Darmkrebs zu erkranken).
      Geflügel hat hingegen keinen Effekt und Fisch wirkt sich günstig aus.
    • Bevorzugen Sie massvolle, abwechslungsreiche, fettarme, pflanzliche Nahrungsmittel; täglich 3-5 Portionen Früchte und Gemüse; Vollkornprodukte.
      .
    • Meiden von:
      * Übergewicht: trägt zur Entstehung so verschiedener Karzinome wie Brust-, Prostata-, Gebärmutter-, Dickdarm, Speiseröhren- und Nierenkrebs bei. Weiterlesen >>>
      .
      * Rauchen: Obwohl Rauchen nicht zur Ernährung gehört, ist es hier nochmals erwähnt, denn es stellt das grösste erforschte Risiko bei der Entstehung von Krebs dar.
      .
    • Wiederholtes kurzfristiges Fasten (bereits 16 bis 72 Stunden) führt zu „zellulärem Selbstmord“ von Krebszellen (Autophagie). In neueren Studien findet man dabei, dass wiederholtes kürzeres Fasten effektiver und praktikabler ist als langfristiges. Das Fasten löst eine Art zellulären Stress aus. Bei gesunden Zellen führt dies zu Reaktionen, die gegen Schäden durch Sauerstoffradikale schützen. Solche Moleküle entstehen bei Hunger vermehrt. (Ihre Produktion wird aber auch durch viele Chemotherapeutika angeregt und gilt als Hauptursache von deren starken Nebenwirkungen. 16 bis 72 Stunden Fasten vor der Chemotherapie bereitet normale Körperzellen offenbar gut auf hohe Konzentrationen von Sauerstoffradikale vor. Sie sind deshalb eher in der Lage, sich gegen die aggressiven Moleküle zu wehren. Krebszellen hingegen sind kaum fähig, diese Schutzmechanismen anzuschieben. Sie stellen sogar selber zusätzlich noch reichlich aggressive Moleküle her. Das führt dann dazu, dass sie letztlich „zellulären Selbstmord“ begehen!).
      Eine optimale Möglichkeit wäre an der Mehrheit der Tage eine 16:8-oder 14:10-Ernährung.
      .
    • Grüntee könnte helfen, Krebs seltener entstehen zu lassen, behaupten amerikanische Wissenschaftler („Nature“, band 387, S.561). Der vorbeugende Effekt beruht vermutlich unter anderem auf einer Substanz mit dem Namen Epigallo-Cathechin-3-Gallat (EGCG), die im grünen Tee vorkommt, bei der Verarbeitung zu schwarzem Tee jedoch zerstört wird. EGCG unterbindet die Wirkung des Enzyms Urokinase, mit dessen Hilfe Tumore Tochtergeschwulste bilden (Wie wende ich Grüntee optimal an?).
      .
    • Daneben setzen Sie sich nach Möglichkeiten in Ihrer Umwelt keinen krebsfördernden Stoffen („Karzinogene“) wie Asbest, Benzol oder Formaldehyd (billige Spannplatten, geklebte Parkettböden,…) aus.

    Späte Abendessen kann zu mehr Darmkrebs führen

    Ärzte warnen schon länger davor, spät abends noch etwas zu essen. Vor allem sollten üppige, fett- oder zuckerhaltige Mahlzeiten unterbleiben. Jetzt gibt es einen weiteren Grund, auf ihren Rat zu hören: Wer an 4 oder mehr Tagen pro Woche innerhalb von 3 Stunden vor dem Schlafengehen etwas isst,
    scheint häufiger an Darmkrebs zu erkranken.(Digestive Disease Week conference, 18. bis 21. Mai 2024, Washington, DC, USA)

    Chronische Entzündungen in Organen vermeiden

    Chronische Entzündungsherde führen in Organen nach Jahren auch teilweise zu Krebs. Zum Beispiel leiden Menschen, die an chronischen Darmentzündungen leiden mit den Jahren auch nicht selten an Dickdarmkrebs (Colitis ulcerosa mehr als M. Crohn).
    Neuartige bislang unbekannte Erreger, die im Fleisch und der Milch europäischer Rinder vorkommen, und mit denen wir uns in der Regel schon im Säuglingsalter infizieren, könnten wichtige Krebsrisikofaktoren sein. Prof. Dr. Harald zur Hausens, der den Nobelpreis für die Aufklärung des Zusammenhangs von humanen Papilloma-Viren (HPV) und Gebärmutterhalskrebs erhalten hat, erforscht die von ihm als BMMF (Bovine Meat and Milk Factors) bezeichneten Erreger schon seit mehreren Jahren. Gemäss seiner Hypothese infizieren sich Menschen bereits als Säuglinge mit den Erregern, etwa wenn sie nach dem Abstillen Kuhmilch- oder Rindfleisch-Produkte erhalten. Die BMMF fördern dann in bestimmten Geweben (etwa im Darm, der Brust oder der Prostata) chronische Entzündungsprozesse, die wiederum in ihrer Umgebung vermehrten oxidativen Stress verursachen. Die erhöhten Spiegel an freien Radikalen liessen dann – besonders in teilungsaktiven Geweben – die Mutationsraten steigen und erhöhten so indirekt im Laufe von Jahrzehnten das Krebsrisiko.

    Wenig Milch und rotes Fleisch scheint also zur Krebsprophylaxe sinnvoll!

    Krebsvorsorge: Selbstbestimmung, Zufriedenheit, nährende Beziehungen…

    • Die beste Vorbeugung gegen Krebs ist aber immer noch ein selbst bestimmtes, zufriedenes, mit Spass und Freude erfülltes Leben, ausserdem das liebevolle Annehmen des eigenen Körpers mit all seinen Regungen und Funktionen.
    • Gesellschaften in denen die Krebsrate am niedrigsten liegt, zeichnen sich durch enge Gemeinschaften mit hilfreichen, liebevollen Beziehungen aus, in denen ältere Menschen eine aktive Rolle spielen. Religiosität und eine freizügige Haltung gegenüber der Sexualität sind zwei weitere typische Eigenschaften.
    • Ein häufiger Vorläufer von Krebs ist ein traumatischer Verlust oder ein Gefühl von Leere. Wenn ein Salamander eines seiner Glieder verliert, wächst ein neues nach. Ähnlich reagiert der Körper eines Menschen, der einen emotionalen Verlust erlitten hat, mit dem er nicht fertig wird, mit einer neuen Art Wachstum. (aus EPIC, European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition = riesige europaweite Studie).

    Krebsvorbeugung und -Therapie durch genügend Bewegung

    Bewegung und das Vermeiden von starker Fettleibigkeit sind auch ein nicht zu unterschätzender Schutz gegen Krebskrankheiten. Inzwischen gibt es Belege für diese Schutzwirkung gegen Darmkrebs, Krebs der Gebärmutter, sowie Brustkrebs nach der Menopause. Fettleibige bekommen mehr Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Nieren- und Gallenblasenkrebs. Man geht davon aus, dass vom Fettgewebe eine chronische unterschwellige Entzündung ausgehen kann. Und Entzündungen tragen dazu bei, dass gesunde Zellen zu Krebszellen entarten (permanente Überlastung des Immunsystems). Vielleicht ist dadurch auch die Prophylaxe von Aspirin auf gewisse Krebsarten zu verstehen.
    Was immer auch seine Wirksamkeit ausmachen mag: Sport ist gut gegen Krebs, nicht nur zur Vorbeugung, sondern auch als Therapiemittel.

    Die Tendenz bei der Frequenz der Bewegung geht auch bei der Krebsprophylaxe immer mehr zu kurzen intensiven Anteilen (“explosive Kraftteile” beim Kraftsport oder HIIT-Speed-Sandwiches) und lang andauernden, dann aber nicht zu intensiver, sondern moderater Intensität (Studie).

    Vor allem auch gegen die Fatigue, der Erschöpfung durch Krebs hilft am besten tägliche Bewegung und Entspannung. Den Körper in Schwung zu bringen hellt auch die Stimmung auf und steigert das subjektive Wohlbefinden – und auch das ist enorm wichtig für Krebspatienten. Auch wiederholtes kurzfristiges Fasten (24 bis 72 Stunden) kann sehr positiv wirken (>>>siehe dort).

    Krebsvorsorge: die alltäglichen Rhythmen beachten

    Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann unser Organismus seine Funktionen wie beim Resetting eines Computers immer wieder synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand (eben auch krebsartiges Ausflippen von Organzellen mit Abwehrvorgängen des Immunsystems) ausgleichen. Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer grösser, und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit von selbst in seine Ordnung zurückzufinden.
    Unsere vorgegebenen biologischen Rhythmen scheinen auch 90 Minuten lang zu sein (wie die 90 Minuten Tiefschlafphasen nachts).

    Mein Vorschlag: Alle 60 bis 90 Minuten tagsüber 5 bis 15 Minuten Rückzug und Pause. So stellen Sie ihren inneren Rhythmus wieder von der Hamsterrad- zurück in die heilsame Ruhe-Frequenz und stärken so Ihr Immunsystem.
    Literatur dazu: Verena Steiner, Energiekompetenz, Pendo-Verlag 2005

    Arbeitspensum und Krebs

    Vollzeitangestellte haben ein erhöhtes Krebsrisiko. Wie Forschende der Universität Freiburg in einer neuen Studie zeigten, erkranken Angestellte mit einem 100-Prozent-Pensum häufiger an Krebs als Personen mit anderen Berufslaubahnen. Bei Frauen ist diese Zusammenhang deutlicher als bei vollarbeitenden Männer. (Studie)

    Azetylsalizylsäure (ASS) und Krebs

    Eine weitere eindrückliche Eigenschaft des Weidenrindenextrakts kommt in letzter Zeit ans Licht: Aufgrund individueller Daten von mehr als 25’000 Patienten aus 8 Studien konnte man nachweisen, dass nach täglicher Einnahme von 75mg ASS während mindestens 5 Jahren die Todesfälle infolge Krebs um 34% abnahmen. Bei mehr Dosis nimmt diese Wirkung nicht mehr zu.
    Hauptsächlich bei Krebs von Magen-Darm (v.a Adenokarzinome), Lungenkrebs (ebenfalls Adenokarzinome) und Hirntumore wirkt die Prophylaxe durch ASS. Auch nach 20 Jahren ist mit etwa 20% weniger Krebstodesfällen noch ein Nutzen nachweisbar.
    Gefürchtete Nebenwirkung ist natürlich das erhöhte Risiko von Magen-Darm-Blutungen und Gastritis. (Lancet 2011;377:31)

    Die AMPK – ein universeller Energiesensor

    AMPK (5-Adenosin-Monophosphat-aktivierte Proteinkinase) ist ein Enzym mit sehr interessanten Wirkungen in unserem Körper: Es verbessert die Blutfett- und Zuckersituation und wirkt auch antiproliferativ, also krebshemmend!

    Folgende Stoffe pflanzlicher Herkunft aktivieren alle die AMPK:Vollbildansicht

    >>>weiterführender Artikel über die AMPK hier auf dieser Website!

    mehr über Selbstheilungskräfte bei Krebs

    mehr über Ernährung als Therapie

    Veröffentlicht am 14. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    12. Oktober 2024

  • Kreuzallergien


      Wissenswertes
      Ursachen
     
    Übersicht

    Mehr über Heuschnupfen! 

    Was ist eine Kreuzallergie?

    Viele Birkenpollenallergiker kennen das: Die allergischen Beschwerden treten nicht nur während der Zeit des Birkenpollenflugs in Form eines Heuschnupfens auf, zusätzlich werden auch zum Teil bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Äpfel) nicht vertragen. Die Symptome können aber unter Umständen andere sein als beim Heuschnupfen, z.B. ein kribbeln im Mund oder Durchfälle. Dieses Phänomen wird als Kreuzallergie bezeichnet.

    Das Immunsystem des Allergikers reagiert nicht auf den Pollen oder den Apfel als Ganzes mit der Bildung der allergievermittelnden IgE -Antikörper, sondern nur auf bestimmte Bestandteile daraus. Bei diesen allergenen Bestandteilen handelt es sich in der Regel um Stoffe, die zur Gruppe der Proteine gehören. Nicht jeder Birkenpollenallergiker hat aber Antikörper gegen die gleichen allergieauslösenden Proteine (Allergene). Die Reaktionen der Immunsysteme verschiedener Allergiker unterscheiden sich also voneinander. Bestimmte Proteine sind aber bekannt dafür, besonders häufig Allergien auszulösen. Diese bezeichnet man dann als Majorallergene (Hauptallergene). Proteine, die nur selten für allergische Reaktionen verantwortlich sind, bezeichnet man als Minorallergne (Nebenallergene).

    zurück zum Seitenanfang

    Was sind die Ursachen einer Kreuzallergie?

    Die Ursache für die Kreuzallergien liegt in den Allergengemeinschaften begründet: Proteine sind sehr kompliziert aufgebaute Moleküle. Manche von Ihnen haben aber Bereiche, in denen sie sich untereinander ähneln oder gar identisch sind. Wenn das Immunsystem eines Allergikers nun Antikörper gegen einen solchen Proteinabschnitt (Epitop) bildet, der auch in anderen pflanzlichen oder tierischen Proteinen vorkommt, kann es zu einer Kreuzallergie kommen.
    Andererseits sind manche Proteine im Tier- oder Pflanzenreich sehr weit verbreitet. Besitzt ein solches Protein die Fähigkeit, eine Allergie auszulösen, kann es ebenfalls für Kreuzallergien verantwortlich sein. Ein gut untersuchtes Beispiel ist das Protein mit dem Namen Profilin, das in sehr vielen verschiedenen Pflanzen vorkommt.

    Besonders häufig treten solche Kreuzallergien auf, bei denen neben Pollen auch bestimmte Nahrungsmittel zu allergischen Beschwerden führen. Man spricht dann von pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien. So vertragen z.B. zirka 60% aller Birkenpollenallergiker bestimmte Nahrungsmittel nicht.

    zurück zum Seitenanfang

    Übersicht über bekannte Kreuzallergien

    Die Tabelle gibt eine Übersicht.
    Wohlgemerkt: Diese Kreuzallergien können auftreten, sie müssen es aber nicht!

    zurück zum Seitenanfang

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    18. November 2024

  • Mit Resilienz die Krise meistern

    Mit Resilienz die Krise meistern

    Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände

    Mit „Resilienz“ wird in der psychologischen Forschung die psychische und physische Stärke bezeichnet, die es Menschen ermöglicht, Lebenskrisen, wie schwere Krankheiten oder auch ein Burnout ohne langfristige Beeinträchtigungen zu meistern. Kurz: Gedeihen trotz widriger Umstände.
    Resilienz ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch lernen kann. Je früher er sie erwirbt, um so besser. Am leichtesten in den ersten zehn Lebensjahren. Doch auch Erwachsene sind zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens grundsätzlich in der Lage, ihre Widerstandsfähigkeit zu schulen.

    Resiliente Menschen kann man mit einem Boxer vergleichen, der im Ring zu Boden geht, ausgezählt wird, aufsteht und danach seine Taktik grundlegend ändert (resilience = englisch: Elastizität, Spannkraft – „resilire“, lat. abprallen). Resilienz wurde auch schon „the mental muscle everyone has“ genannt oder das „Immunsystem unserer Seele“.

    Die Resilienz lässt sich in drei Subtypen mit verschiedenen Bewältigungsszenarien unterteilen. Das Bild eines Baums, der heftigem Wind ausgesetzt ist, verdeutlicht sie: Ein massiver Stamm kann den Sturm unbeschadet überstehen – das ist Resistenz. Vielleicht wird der Baum auch durchgeschüttelt und die Äste verbiegen sich, nehmen danach jedoch wieder ihre alte Form ein. Dann spricht man von Regeneration. Möglich ist aber auch, dass die Äste dauerhaft ihre Wuchsrichtung ändern, um künftigen Stürmen weniger Angriffsfläche zu bieten. Diese Resilienzstrategie heisst Rekonfiguration.

    Wir können mit dem, was das Schicksal einem antut, gut oder schlecht umgehen. Der Resiliente hat beschlossen, gut damit umzugehen.

    Dreiklang der Resilienz

    Resilienz ist keine einzelne Eigenschaft, sondern ein vielschichtiges Konzept. Es beschreibt, welche Fähigkeiten Menschen mitbringen, um schwierige Situationen zu bewältigen, wie sie diese meistern und welche Folgen daraus entstehen. Das zeigt eine Metaanalyse, in der ein US-amerikanisches Forschungsteam Daten aus 297 Stichproben mit insgesamt knapp 433.500 Personen analysierte (Stephen C. Good u.a.: A meta-analysis of resilience in the workplace. International Journal of Stress Management, 2025. DOl: 10.1037/str0000348).

    Die Forschenden verstehen Resilienz als einen Prozess mit drei Phasen:
    Er beginnt mit den Ressourcen und Fähigkeiten eines Menschen – etwa sozialer Rückhalt oder ein starkes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Beides erleichtert den Umgang mit belastenden Ereignissen.
    In der zweiten Phase geht es um das Erleben und Bewältigen der schwierigen Umstände, sichtbar etwa in einer stabilen Selbst- und Emotionsregulation.
    Am Ende steht das Ergebnis: Resiliente Menschen erreichen berufliche Ziele leichter, überstehen Krisen im Job besser und sind zufriedener mit ihrer Arbeit.

    Wichtig zu wissen: Unsere Resilienz bleibt nicht konstant, sondern verändert sich im Laufe des Lebens.

    Wie lernt man dies?

    Man weiss eigentlich noch zu wenig darüber. Doch die meisten Forscher gehen von einer Wechselwirkung zwischen individuellen Möglichkeiten und sozialen Angeboten aus. Ruhiges Temperament und eine höhere Intelligenz scheinen resilientes Verhalten zu begünstigen. Sicher ist, dass vor allem die Zugehörigkeit zu einen grösseren Verbund von Menschen, der über die Familie hinausgeht, für die Herausbildung von Resilienz wichtig ist. Man sollte eingebettet sein. Resiliente Kinder haben sehr viel mehr Unterstützung von Nachbarn, Freunden, Lehrern und Verwandten, wie zum Beispiel Grossmüttern, erhalten. Die Familie kann, aber muss dabei keinen hohen Stellenwert haben.

    Die Annahme, dass einmal gemachte schlechte Erfahrungen das gesamte weitere Leben prägen, wird durch die Resilienzforschung für viele Fälle widerlegt. Auch wenn in Kindheit und Jugend keine resilienzfördernden Erfahrungen gemacht werden konnten, muss niemand sich seinem Schicksal hilflos ausgeliefert fühlen. Resilienz kann in jedem Lebensalter erlernt werden. In ihrer Broschüre The road to resilience nennt die Amerikanische Psychologenvereinigung (www.apahelpcenter.org) zehn Wege, die zum Ziel führen:

    • Resiliente Menschen akzeptieren die Krise und die damit verbundenen Gefühle. Sie lassen sich Zeit. Sie wissen: Weglaufen hilft nicht. Es wird eine Zeit kommen, dann werden sie wissen, was zu tun ist. Bis dahin suchen sie sich einen Ort, an dem sie wohl fühlen, und lassen dort ihren Gefühlen freien Lauf.
      Resiliente Menschen schämen sich nicht ihrer Tränen, ihrer Wut, ihrer Ängste. Sie reissen sich nicht zusammen und versuchen nicht, ihre Gefühle einzufrieren. Sie sorgen für sich selbst.
      .
    • Resiliente Menschen suchen nach Lösungen. Sie glauben an die eigene Kompetenz. Sie verlassen die Opferrolle und werden aktiv:
      Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, auf Krisen zu reagieren. Man kann klagen: „Warum passiert gerade mir das? Womit habe ich das verdient? Wie konnte das geschehen? Es ist so schrecklich, das überstehe ich nicht!“ Menschen, die mitten in einer Krise stecken, machen die Situation oft durch ihre Einstellung noch schlimmer, als sie ohnehin schon ist. Sie haben jegliche Hoffnung auf Änderung verloren, sehen nur noch alles grau in grau und betrachten sich als Opfer der Situation.
      Häufig benutzen sie Formulierungen wie „Ich kann nicht“, „Niemals mehr werde ich glücklich sein“, „Warum nur ist das Leben so ungerecht zu mir?“, „Ich weiss nicht, was ich tun soll“.
      Man kann aber auch sagen: „Ich habe nicht erwartet, dass mir so etwas Schreckliches widerfährt. Aber nun ist es geschehen und es liegt nicht in meiner Macht, es ungeschehen zu machen. Vor mir liegt eine äusserst schwierige und schmerzhafte Zeit – was kann ich tun, damit es mir gelingt, sie zu meistern?“
      Resiliente Menschen, so zeigt die Forschung, wählen die zweite Möglichkeit. Sie grübeln nicht unentwegt über ein Problem nach, sondern sind sogar im tiefsten Schmerz in der Lage, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. „Wir können nicht beeinflussen, was mit uns geschieht, aber wir können entscheiden, welche Folgen das Geschehene für uns hat“.
      Resiliente Menschen fühlen sich nicht als Opfer:
      Auch resiliente Menschen sind nicht gegen das Opfergefühl gefeit. Doch nach einer gewissen Zeit gelingt es ihnen, anders über ihre Situation zu denken. Statt „Ich kann nicht“ zu sagen und damit dem Gefühl Ausdruck zu verleihen, völlig die Kontrolle über das Geschehen verloren zu haben, sagen sie „Ich will es versuchen…“.
      Vergleiche mit dem Kohärenzgefühl der Salutogenese >>>
      .
    • Resiliente Menschen lösen ihre Probleme nicht allein. Sie bauen auf ihre sozialen Kontakte:
      Ein ganz wichtiges Merkmal der Resilienz ist, dass krisengebeutelte Menschen bereit sind, mit anderen über ihre Sorgen zu sprechen. Resiliente Menschen versuchen erst gar nicht, ihre Schwierigkeiten im Alleingang zu lösen. Wie psychologische Studien übereinstimmend belegen, wird mit Schicksalsschlägen besser fertig, wer in eine Familie eingebunden ist oder ein festes soziales Netz von Freunden besitzt. Das gilt für Kinder wie für Erwachsene. Dabei achten Resiliente darauf, dass sie sich in ihrer Not an die richtigen Personen wenden. Sie suchen sich Menschen, die sich nicht von ihren Gefühlen verunsichern lassen, die einfühlend und unterstützend sind, die ihnen Mut machen und sie an ihre Stärken erinnern. Sie meiden Menschen, die nur Sprüche klopfen à la „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Du musst stark sein, schon wegen der Kinder“, „Es lohnt nicht, über verschüttete Milch zu weinen“ , „Anderen geht es noch schlechter als dir“, „Das Leben geht weiter“ oder „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann, ruf mich an“.
      .
    • Resiliente Menschen bleiben optimistisch. Krisen werden nicht als unüberwindliches Problem betrachtet:
      Eine optimistische Lebenseinstellung ist das wichtigste Merkmal der Resilienz. Ohne die feste Überzeugung, dass irgendwann, früher oder später, sich die Dinge wieder zum Positiven wenden werden, ist Widerstandsfähigkeit nicht denkbar. Dieser gesunde Optimismus darf nicht mit positivem Denken verwechselt werden. Positives Denken verleugnet die Realität, will die negativen Ereignisse schönreden. Optimistisches Denken dagegen ist kein Wunschdenken, es erkennt die Realität an, geht aber davon aus, dass negative Ereignisse, gleich welcher Art, eine befristete Angelegenheit sind und es auch wieder bessere Zeiten geben wird.
      Ein weiteres Merkmal optimistisch denkender Menschen: Sie verallgemeinern nicht. Wenn sie eine Niederlage einstecken müssen, dann denken sie nicht „Ich tauge nichts“, sondern: „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, das nächste Mal wird es wieder klappen“.
      Martin Seligman ist überzeugt davon, dass jeder Mensch optimistisch denken lernen kann, je früher, desto besser. Deshalb hat er ein Programm entwickelt, das Eltern und Lehrern Anleitungen an die Hand gibt, wie sie Kinder zu optimistischem, resilientem Denken erziehen können (Martin E.P.Seligman, Kinder brauchen Optimismus, Rowohlt Verlag). Hier hat jeder Erziehende/Lehrer eine eigentliche Verpflichtung und kann mit seinem Handeln im alltäglichen Umfeld dazu beitragen, dass das Kind Vertrauen in die eigene Kraft und die eigene Fähigkeiten gewinnt, dass es sich selbst als wertvoll erlebt und dass es durch seine eigenen Handlungen Veränderungen bewirkt. Kernpunkte der Resilienz (wie: – Suche dir einen Freund und sei anderen ein Freund. – Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich. – Glaube an dich selbst.) sollen Kindern beigebracht werden.

      Fragen Sie sich im Rückblick auf Ihr Leben: Was schien unmöglich – und Sie haben es trotzdem geschafft? Selbstwirksamkeit wird durch Beweise aufgebaut, nicht durch Affirmationen. Ich habe dies in meinem eigenen Leben in Zeiten erlebt, in denen ich mich wirklich unsicher fühlte und der Weg in die Zukunft unklar war. Was mich getragen hat, war nicht Positivität („Positives Denken“…), sondern die Erinnerung an vergangene Momente,in denen ich mich angepasst, gelernt und wieder aufgerappelt habe.

      Resilienz hat auch gar nichts mit dem modernen Hype des „Manifestieren“ zu tun. Das Konzept des Manifestierens beschönigt die gleiche verblendete Logik, die behauptet, Armut sei eine Wahl, und die vielen politischen Desinformationen zugrunde liegt. Wenn die Realität nur das ist, was wir aus ihr machen, dann werden die Skrupellosesten die meiste Macht haben, die Zukunft zu gestalten.
      Weiterlesen >>>

    • Resiliente Menschen geben sich nicht selbst die Schuld:
      Am Beginn einer Krise sind Schuldgefühle fast unvermeidlich. Die Betroffenen quälen sich mit Selbstvorwürfen. „Hätte ich nur nicht soviel gearbeitet, dann wäre sie heute noch bei mir“, „Wenn ich ihm nur nicht erlaubt hätte, Motorrad zu fahren … „“,Wäre ich nur aufmerksamer gewesen“. Resiliente Menschen unterscheiden sich jedoch von anderen dadurch, dass sie ziemlich bald diese Selbstanklagen beenden und ihren eigenen Anteil an der Krise realistisch einschätzen. Sie erklären sich das Geschehen nicht mehr ausschliesslich internal („ich allein bin schuld“), sondern erkennen auch, was andere oder die Umstände dazu beigetragen haben. je mehr es gelingt, externe Faktoren verantwortlich zu machen, desto geschätzter ist das eigene Selbstwertgefühl, desto grösser die Chance, über einen Schicksalsschlag schneller hinwegzukommen.
      Der Münchner Psychologe Dieter Frey konnte dies in Studien mit Unfallopfern belegen. Zwei Tage nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus wurden die Patienten gefragt: Wer ist schuld am Unfall? Wäre er vermeidbar gewesen? Glauben Sie, Ihre Genesung beeinflussen zu können? Das Ergebnis: Patienten, die ihrer Situation eine positive Seite abgewinnen konnten und glaubten, nicht selbst schuld am Unfall zu sein, erholten sich schneller von ihren Verletzungen als Unfallopfer, die mit ihrem Schicksal haderten („Warum gerade ich?“) und den Unfall für vermeidbar hielten. Diese Menschen brauchten im Schnitt 140 Tage, ehe sie ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten, während die optimistischen bereits nach 80 Tagen an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten.
      .
    • Resiliente Menschen planen voraus. Sie nehmen eine Langzeitperspektive ein und entwickeln realistische Ziele:
      Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Ihr Arbeitsplatz irgendwann gefährdet sein könnte? Halten Sie es für möglich, dass Ihre Ehe scheitert? Was ist, wenn Ihr Vermieter Ihnen kündigt und Sie umziehen müssen? Sind Sie vorbereitet aufs Älterwerden? Resiliente Menschen, so zeigt die Forschung, halten nichts für selbstverständlich. Sie rechnen mit den Wechselfällen des Lebens und beschäftigen sich gedanklich damit. Die Frage „Was wäre, wenn…“ stellen sie sich auch in Zeiten, in denen noch kein Anlass zur Sorge besteht. Auf diese Weise sind sie auf die „vorhersehbaren Veränderungen“ im Leben vorbereitet, zu denen nach dem Psychiater Frederic Flach (Resilience. The Power to Bounce Back When the Going Gets Tough!, New York 1997) vor allem bestimmte Zäsuren und Übergangsphasen gehören: Heirat, die Geburt eines Kindes, der Tod der eigenen Eltern, Berufswechsel, Scheidung, Älterwerden. Resiliente Menschen werden von diesen Wendepunkten des Lebens und den damit verbundenen Problemen nicht völlig überrascht, weil sie sich gedanklich darauf vorbereiten.
      Auch H. Norman Wright (Resilience. Rebounding When Life’s Upsets Knock You Down, Michigan 1997) ist überzeugt davon, dass vorausplanendes Krisenmanagement die Resilienz stärkt. Seiner Ansicht nach müsste beispielsweise so manche Ehe nicht vor dem Scheidungsrichter enden, wenn sich die Paare mit den Problemen und Herausforderungen beschäftigen würden, die im Laufe des Zusammenlebens auftreten können. Auch Paare, die sich ein Kind wünschen, können durch Vorausplanung vielen Krisen der Elternschaft die Schärfe nehmen. Und Menschen, die sich mit den Facetten des Älterwerdens auseinandersetzen, bewältigen die damit verbundenen Veränderungen besser.
      Resilienz, die Elastizität eines Bungeebandes, benötigen wir nicht nur wenn schlimme Ereignisse uns auf eine schwere Probe stellen. Resilienz ist auch ein wichtiger Schutz vor Alltagsstressoren, die immer zahlreicher und intensiver auf uns einwirken. „Es ist eine Sache, durch Zeiten der Unsicherheit und Instabilität zu gehen, wenn die Welt um uns herum einigermassen stabil ist“, meint Frederic Flach. „Aber es ist etwas völlig anderes, wenn die Veränderungen um uns herum immer zahlreicher werden und sich ganze Gesellschaften im Umbruch befinden.“
      Noch ist das Scheitern „das grosse moderne Tabu “ , wie der Soziologe Richard Sennett schreibt. „Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, wie wir ihm Gestalt und einen Platz in unserem Leben geben, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen.“ Die Ergebnisse der Resilienzforschung sind ein erster wichtiger Schritt, dieses Tabu zu brechen. ( Ursula Nuber „Psychologie Heute“ (Mai 1999 und Sept.05) )

    Resilienzkritik

    Was in der momentanen Resilienzbegeisterung ausgeblendet wird, sind ihre zwiespältigen impliziten Botschaften, so die Handlungsfähigkeit durch Selbstoptimierung – suggeriert wird damit die Idee von Bemeisterung und Kontrolle. In der Vorstellung einer solchermassen smarten Anpassung geraten die eigentlichen Ursachen und Hintergründe der Resilienzerfordernisse aus dem Fokus. Die Verantwortung für das Zurechtkommen in einer sozial gefährdeten und massiv bedrohten Ökosphäre wird an die Einzelnen verschoben. Fragen nach dem wirtschaftlichen und politischen Kontext dieser Bedrohungen und nach deren Verantwortlichen verschwinden. Sollten wir aktuell vielleicht eher rebellisch statt resilient leben und damit die systemischen Ursachen der sozialen und ökologischen Krisen infrage stellen?

    Zudem: Angst, Schwäche und Hilflosigkeit kommen im Resilienznarrativ nicht vor. Der zukunftsfähige Mensch hat sich erfolgreich angepasst und verantwortet sein seelisches Überleben scheinbar allein. Muss sich schämen, wem dies nicht gelingt? Was geschieht, wenn wir vom Bedürfnis nach Überlegenheit und Kontrolle um jeden Preis loslassen?

    Resilienz bedeutet aber noch etwas: einen Lernprozess zu durchlaufen. Und der basiert immer auf Transformation. In der Suche nach Neu-Anpassung verändern wir uns, unsere Sicht auf und unseren Bezug zur Welt. Jenseits der Selbstoptimierungslogik eröffnet sich ein Feld kritischer Kreativität. Können wir in gemeinsamer Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Krisen lernen, unser Zusammenleben mit und auf diesem Planeten neu, anders und vor allem besser zu gestalten? So verstanden – ein Tusch auf die Resilienz!
    (Vera Kattermann in Psychologie Heute, 01/2024)

    Burnout

    Burnout umfasst eine tiefe Identitätskrise, die oftmals ihren Ursprung in zu hohen Erwartungen an eine Situation hatte. Die letztendliche Totalerschöpfung ist das sozial akzeptierte Zeichen nach aussen, dass etwas nicht stimmt. Burnout ist allerdings mehr als Erschöpfung, die auch entstehen kann wenn man wegen Termindruck drei Wochen durcharbeitet oder fünf Freunden am Stück beim Umzug hilft. Burnout entsteht früher und geht tiefer. Wer selbst noch in der Lage ist, die Reissleine zu ziehen und aktiv Dinge zu tun, die einem gut tun, ist zum Glück noch ein Stück vom Burnout entfernt.
    Fabienne Riener hat in diesem wunderbaren Text aufgeschrieben, wie Burnout entsteht, meistens nicht von drei Nachtschichten in einer Woche, sondern eher dann, wenn man lange auf ein Ziel hinarbeitet und regelmässig seine Grenzen überschreitet. Ein spannender Text, den alle lesen sollten, die öfter mal länger arbeiten.
    Weiterlesen über Burnout >>>

    Krisen? Verlust?

    Zurzeit sind wir bereits in fünf Krisen gefangen: Artensterben, Klimakrise, Pandemie, der russische Angriffskrieg und die millionenfache Flucht aus der Ukraine. In zwei weitere bewegen wir uns hinein: Schon begonnen hat eine globale Nahrungsmittelknappheit, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch mehr Flüchtende nach Europa bringen wird, diesmal von Süden, da, wo demnächst gehungert wird. Das sind dann sieben Krisen, und da reden wir noch nicht von der Inflation, von der Krise der Globalisierung oder der westlichen Demokratien.

    In Anbetracht dieser Angriffe auf unsere Resilienz: Wie sollen wir zuversichtlich bleiben?

    Ich habe in letzter Zeit über das Verlieren nachgedacht und darüber, wie sehr es ein integraler Bestandteil unserer gesamten Vorstellung vom Universum – und vor allem von Krisen ist. Ich bin ständig am Verlieren. Ich verliere Vitalität. Ich verliere Würde. Ich verliere Geld. Ich verliere meine Jugend. Ich verliere meinen Hund, und langsam, unausweichlich verliere ich meinen Verstand. Irgendwo habe ich gelesen: „Was das Ego zu verlieren fürchtet, ist der Verlust selbst.“ Das Ego gedeiht, indem es sich am Verlust labt. Jedes Mal, wenn es mich davon überzeugen kann, zu glauben, dass ich etwas oder jemanden verloren habe, verstärkt es die Idee der Trennung; und was ist das Ego anderes als die Idee der Trennung?
    Könnten wir gemeinsam damit beginnen, die Grundvoraussetzung der Idee des Verlustes zu hinterfragen? Wie würden wir dann „äussere“ Ereignisse wie die Pandemie unserer Zeit oder das Ableben eines geliebten Menschen erleben?
    Es gibt dabei einige Hindernisse, die im Wege stehen. Das erste ist, dass ich zutiefst süchtig nach allen Gefühlen bin, die mit Verlust verbunden sind. Ich werde „entziehen“ müssen. Wie einige von euch wissen, macht eine Entzug keinen Spass, und sie ist auch nicht angenehm. Die zweite Herausforderung könnte darin bestehen, dass ich die Gültigkeit des breiten Spektrums von Gefühlen in Frage stellen muss, die von der Gesellschaft sanktioniert werden, wenn es um Verlust geht, und dabei könnte es so aussehen, als würde ich meine Menschlichkeit in Frage stellen. Das tue ich. Ist es nicht an der Zeit, unsere menschliche Verkleidung zu durchschauen und unsere „unveränderliche Göttlichkeit“ zurückzufordern?

    Die Zehn Gebote als Krisenprophylaxe

    Peter Modler beschreibt in seinem Buch „Die Königsstrategie – so meistern Männer berufliche Risiken“ realitätsnah den „selbstmörderischen Luxus“ vermeintlicher Souveränität, aber auch, wie es Managern gelingen kann, die „persönliche Resettaste“ zu drücken.Dies ist spätestens dann nötig, wenn die Herausforderungen der Arbeit die persönlichen Bindungen in der Partnerschaft, zu Familie, Freunden und selbst zum eigenen Körper zerstören und die Brücken zum Leben jenseits der Arbeit brechen.
    Die Empfehlungen des Autors fassen sich am besten zusammen in den „Zehn Geboten des Königs“:

    • Du sollst auf die kleinen Fehler achten!
    • Du sollst keine Angst haben vor einem Rückzug!
    • Du sollst feiern!
    • Du sollst nicht fett werden!
    • Du sollst ein sexuelles Leben haben!
    • Du sollst die Initiative zurückgewinnen!
    • Du sollst keine Angst haben, etwas anders zu machen als alle anderen!
    • Du sollst rechtzeitig um Rat fragen!
    • Du sollst deine Kinder kennen!
    • Du sollst keine Angst vor einem Neuanfang haben!

    Trainingsprogramm aus der Krise

    Manche Wälder auf der Erde müssen brennen, damit neues Leben in ihnen entstehen kann. Auch der Mensch ist dafür gemacht, Krisen zu bewältigen, etwa den Tod der Eltern seelisch zu verkraften oder den Verlust des Arbeitsplatzes oder eben auch die Corona-Pandemie. Die Psyche ist widerstandsfähig. Wissenschaftlerinnen und Forscher bezeichnen diese Fähigkeit als Resilienz. Die meisten Menschen überstehen einen Schicksalsschlag, ohne dass sie etwa eine Angststörung entwickeln, depressiv werden oder suchtkrank. Aber Resilienz zeigt sich auch darin, dass man seelische Not rechtzeitig ernst nimmt, sich Unterstützung und Hilfe holt – und dadurch schneller wieder stabil oder gesund wird.

    Wie die Natur das Feuer braucht der Mensch sogar Krisen. Wer im Laufe seines Lebens mehrere belastende Ereignisse erlebt, besitzt ein geringeres Risiko, psychisch krank zu werden, als jemand, der keine negativen Erfahrungen macht (Psychological Science: Seery et al., 2013).
    Die Kurve verläuft allerdings U-förmig: Zu viele oder zu harte Schicksalsschläge machen einen psychisch anfälliger.

    Die grundsätzlich gute Nachricht: Das Gehirn schützt uns in Krisenzeiten. Welche neurobiologischen Mechanismen dafür verantwortlich sind, wissen Forscher bisher noch nicht so genau. Doch welche psychologischen und sozialen Mechanismen uns widerstandsfähig machen, welche mentalen und emotionalen Resilienzfaktoren eine Rolle spielen, ist inzwischen gut untersucht. In den vergangenen 50 Jahren sind ganze Forschungszweige entstanden. Es gibt auch spezielle Zentren, die sich der Resilienz widmen.

    Oliver Tüscher arbeitet im Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz und weiss: »Viele Menschen kommen gut durch eine Krise, das hat auch Covid-19 gezeigt. Aber es gibt eben auch manche, denen es schwerer fällt.« Tüscher und seine Kollegen wollen vor allem herausfinden, wie man genau diese Gruppe unterstützen kann. Dachte man lange Zeit, dass eine widerstandsfähige Seele grösstenteils Glückssache sei, sind die Wissenschaftlerinnen heute überzeugt: Resilienz lässt sich bis zu einem gewissen Grad entwickeln und trainieren. Und zwar nicht nur als Kind, sondern auch in erwachsenem Alter.

    Für manchen seelischen Lernprozess braucht der Mensch ein Gegenüber. Anderes kann man sich jedoch auch im Alleingang aneignen. So gibt es inzwischen zahlreiche Apps und Onlineprogramme, die dabei helfen sollen, resilienter zu werden. Das Mainzer LIR hat etwa speziell für die Corona-Zeit einen kostenlosen Kurs entwickelt und gibt auf seiner Website Tipps, wie man seine psychische Gesundheit in der Pandemie stärken kann.
    (Quelle: Andrea Böhnke aus DIE ZEIT No.33 / 2020)

    7 Faktoren, die die Resilienz fördern

    Welche Methoden besonders wirksam sind, ist Gegenstand umfangreicher Forschung. Befragungen und Studien, in denen die Teilnehmer sich selbst einschätzen, legen nahe, dass die folgenden sieben Faktoren die Resilienzfähigkeit am verlässlichsten fördern können.

    1. Das soziale Netz erweitern (oder verengen)

    Sozial eingebunden zu sein gilt als einer der wichtigsten Resilienzfaktoren. Damit ist nicht nur gemeint, dass man einen Partner hat, eine Familie, auf die man sich verlassen kann, und Freunde. Es geht ebenso um die Beziehungen zu Kollegen, Mitgliedern des Sportvereins, Nachbarn. Wer herausfinden möchte, ob er privat und im Job gleichermassen gut aufgefangen wird, kann sein soziales Netz einmal spielerisch visualisieren. In der Resilienzambulanz des LIR kommt dafür die folgende Technik zum Einsatz: Man schreibt zunächst seinen Namen mittig auf ein grosses Blatt. Dann setzt man jeweils in eine der vier Ecken die Namen wichtiger Personen aus den Bereichen Beruf, Partnerschaft/Familie, Freunde, Nachbarschaft/Verein und zieht Kreise um jeden Namen – je wichtiger die Person, desto grösser der Kreis. Nun verbindet man den eigenen Kringel mit den Kringeln der anderen und zwar abgestimmt, nach der Qualität der Beziehung. Die Linien können etwa dick sein (viel Kontakt) oder dünn (wenig Kontakt), gerade (positive Beziehung) oder wellenförmig (schwierige Beziehung). Diese Methode macht Lücken oder Ungleichgewichte im sozialen Netz sichtbar: Zum Beispiel, dass man zwar einen verlässlichen Partner hat, aber keine vertrauenswürdige Bezugsperson im Büro. Oder dass man viele flüchtige Bekanntschaften pflegt, aber keine tiefergehende Beziehung. »Das sind Anzeichen dafür, dass man sein soziales Netz weiter weben sollte – oder auch enger knüpfen«, sagt Resilienzforscher Oliver Tüscher. Also etwa oberflächliche Kontakte reduzieren und sich auf die wesentlichen konzentrieren, die man als ausgewogen und unterstützend erlebt.

    2. Verzerrte Wahrnehmungen des Gehirns erkennen

    Gemäss diversen Befragungen wurde eine Zunahme der psychischen Belastungen und Störungen durch die Corona-Pandemie beobachtet (Schweiz oder Deutsches Ärzteblatt). Um einen ersten Eindruck der aktuellen Verfassung der Menschen zu erhalten, hatten Forscher verschiedener renommierter Universitäten in Deutschland zusammen mit Kollegen aus ganz Europa 5.000 Menschen befragt. (PsyArXiv: Veer et al., 2020.

    In einer ersten Auswertung der Ergebnisse kündigen die Forscher an, dass die Studie erstmals beweisen soll, dass Menschen seelisch widerstandsfähiger sind, wenn sie einer schlechten Erfahrung etwas Gutes abgewinnen können. Probanden etwa, die sich über den blauen Himmel in der Lockdownphase freuen konnten, oder darüber, auf dem Weg zur Arbeit nicht im Stau zu stehen und mehr Zeit mit der Familie zu haben, erlebten die Pandemie als weniger belastend. Das Konzept der sogenannten positiven Neubewertung einer zunächst schwierigen Situation, auf Englisch Positive Reappraisal, ist zwar schon länger bekannt. So weiss man etwa aus der Stressforschung, dass man Belastungen besser bewältigt, wenn man sich nach dem ersten Gefühl der Überforderung darauf besinnt, welche Stärken, Ressourcen und Möglichkeiten man vielleicht doch hat, um die Schwierigkeiten in Einzelschritten anzugehen. Die Resilienzforscher haben bislang nur vermutet, dass diese Erweiterung des Blickwinkels auch resilienter machen könnte.

    Eine wirksame Methode, das meinen verschiedene Forscher (Explore: Garland et al., 2009; BMJ Open: Joyce et al., 2018), um die positive Neubewertung zu trainieren, ist die Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR). »Achtsamkeit kann ein Weg sein, um an sich negative emotionale Ereignisse in einem ersten Schritt neutral beziehungsweise nicht zu bewerten, um dann in der Lage zu sein, dieses Ereignis neu und gegebenenfalls positiver zu bewerten«, sagt Resilienzforscher Oliver Tüscher. Man lenkt hierbei seine Aufmerksamkeit wieder auf den aktuellen Moment – der meist weniger dramatisch ist als das Katastrophenszenario, das man sich im Kopfkino gerade ausmalt. Gedanken wie: Es wird alles ganz furchtbar werden und bergab gehen. Und zum anderen hilft Mindfulness, solche natürlichen Negativverzerrungen des Gehirns in Gefahrenlagen als solche wahrzunehmen – und sie besser loszulassen. Denn das Gehirn neigt bei Gefahr und unter Einfluss von Stresshormonen dazu, die Situation im Zweifel als bedrohlicher einzuschätzen, als sie ist. Dieser evolutionäre Schutzmechanismus führt dazu, dass sich der Blick aufs Überleben verengt – und man dabei vieles ausblendet. Mit Methoden wie dem MBSR lernt man, auch in sehr fordernden und belastenden Situationen noch das Positive im Leben mitzubekommen, also das, was einen seelisch nährt und einem Kraft gibt. Und das man sonst vor lauter Konzentration auf die Problembewältigung eher einfach übersehen hätte.

    3. Bereiche identifizieren, die sich kontrollieren lassen

    Wer überzeugt ist, seine eigene Situation günstig beeinflussen zu können, ist resilienter. In der Psychologie wird diese Fähigkeit als Selbstwirksamkeitserwartung bezeichnet. Das zeigen verschiedene Studien (International Journal of Behavioral Medicine: Luszczynska, 2004; Behaviour Research and Therapy: Benight/Bandura, 2004; zusammenfassend: Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter: Bengel/Lyssenko, 2012).

    Man sollte in einer schwierigen neuen Lage etwas suchen, das man kontrollieren kann.

    Doch es gibt freilich Situationen, die sich nicht oder nur schwer kontrollieren lassen. Sei es, weil einem gekündigt wird, weil sich der Partner trennt oder ein neues, gefährliches Virus um die Welt geht. Doch auch in diesen Situationen lässt sich eine gute Selbstwirksamkeitserwartung erleben. Erster Schritt: Zunächst einmal akzeptieren, dass eine Situation komplex ist. »Auch wenn man etwas gerade nicht komplett ändern kann, so kann man doch Bereiche identifizieren, in denen man selbst Herr oder Herrin der Lage ist«, sagt Resilienzforscher Tüscher. Alles, bei dem man das Gefühl hat, dass das, was man tut, zu einem Ergebnis führt. Ein Beispiel: Während des Corona-Lockdowns durfte man zwar nicht ins Fitnessstudio gehen, konnte aber Work-out zu Hause machen oder Sport im Freien. Man war Herr oder Herrin seiner körperlichen Aktivität.

    4. Nachrichtenpausen einlegen

    Bildung und Wissen gelten allgemein zwar als Schutzfaktoren für die Gesundheit – auch die der Seele. DieDynaCORE-C-Studie weist jedoch darauf hin, dass Nachrichten in der Corona-Zeit für die Befragten einer der belastendsten Faktoren waren. Speziell in dieser Krise rät das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz daher, bewusste Informationspausen einzulegen, also nicht süchtig von früh bis spät News aufzusaugen. Damit sich die erschütterte Seele auch mal ein paar Stunden erholen kann. Auch sei es ratsam, nur vertrauenswürdige, seriöse Quellen heranzuziehen, so die Resilienzexperten. Also nicht solche, die gezielt Ängste schürten, Verschwörungstheorien verbreiteten oder Misstrauen säten. Das schützt nicht nur vor gefährlichem Fehlverhalten in der Pandemie – sondern es schützt auch die eigene Psyche.

    5. Krisen als Trainingslager sehen

    »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«, sagte einst der Philosoph Friedrich Nietzsche. Forscher wissen heute, dass manche Menschen tatsächlich gestärkt aus einer Krise hervorgehen. Sie sprechen auch von posttraumatischer Reifung, auf Englisch Posttraumatic Growth. Einige Menschen entwickeln durch einen Schicksalsschlag etwa neue Interessen, fühlen sich mit anderen verbundener und schätzen sich selbst und das Leben mehr wert (Resilienz und posttraumatische Reifung: Sprung et al., 2018). Das macht sie wiederum psychisch stärker in einer nächsten Krise. Was hinter dem Phänomen der posttraumatischen Reifung steht, weiss die Wissenschaft noch nicht genau, so ist etwa noch nicht abschliessend geklärt, ob die Betroffenen nur den Eindruck haben, innerlich gewachsen zu sein – oder ob sie es tatsächlich sind. Doch so oder so: Die Fähigkeit, mit einer schwierigen Situation fertig zu werden, kann man auch in der Situation lernen – und entwickelt dadurch womöglich seine Resilienz für die Zukunft weiter. Wissenschaftler nennen diese Krisenbewältigungskraft auch Coping-Fähigkeit.

    6. Realistisch optimistisch sein

    Menschen mit einer realistisch-optimistischen Grundhaltung sind resilienter als andere. In Krisen wie der Corona-Pandemie ist es allerdings für viele eine Herausforderung, eine Balance zwischen den Extremen zu finden: der grossen Besorgtheit auf der einen Seite (»Wir werden vielleicht bald sterben«) und der Sorglosigkeit auf der anderen (»Die Gefahr ist vorüber«). Resilienzprogramme im Internet nutzen oft die Methode des expressiven Schreibens, um das realistisch-optimistische Denken zu schulen. Man schreibt sich hierbei sprichwörtlich alle Gedanken und Gefühle von der Seele. Verschiedene Studien belegen, dass die Technik wirkt (zusammenfassend: Verhaltenstherapie: Horn et al., 2004). In einigen Fällen konnten die Probanden durch das Schreiben etwa besser ihre Emotionen regulieren. Sie verwendeten in Gesprächen mit anderen auch mehr soziale und positive Wörter und konnten ihre Selbstwirksamkeitserwartung verbessern.

    7. Den Körper miteinbeziehen

    Es klingt mitunter immer noch überraschend, aber die Seele lebt und wirkt eben nicht isoliert in uns: Wer seine Psyche in Krisenzeiten oder auch präventiv schützen will, sollte auf seinen Körper achten (Health and Quality of Life Outcomes: Liu et al., 2017; Biological Psychology: Haase et al., 2016). Das bedeutet: So gut es geht ausreichend schlafen, sich Zeit nehmen für regelmässige Mahlzeiten, sich bewegen und gerade in Stresszeiten eher wenig Alkohol trinken.
    (Copyright bei DIE ZEIT No. 33 / 2020)

    Kostenlose Onlinetrainings zur Steigerung der Resilienz von div. Universitäten:
    geton-training.de/

    Resilienz in der Pandemie

    Zunahme der psychischen Belastung in der Pandemiezeit

    Achtung Verzerrung dieser Befragung:
    In der Pandemie nahmen drei Tendenzen massiv zu:
    Die Enttabuisierung der psychischen Erkrankungen vor allem durch die Social Media (deshalb ist auch die Zunahme bei Jugendlichen so viel stärker).
    Dann befinden wir uns im Zeitalter der Psychologisierung (Stichwort „Worried Well“)
    Und die Disease Mongering, also …

    Resilienz bei Abtreibungen

    Als 2022 der Oberste Gerichtshof der USA entschied, jahrzehntelang geltendes Abtreibungsrecht zu kippen (auch bekannt unter der Bezeichnung „Roe vs Wade“), bezog sich das Gericht unter anderem auf wissenschaftliche Studien, die nahelegten, dass Abtreibungen das Risiko für psychische Krisen dramatisch erhöhen. Das zeigt, wie wichtig wissenschaftliche Arbeiten für die juristische Beurteilung von politischen Anliegen sind. Doch was wäre, wenn die wissenschaftlichen Arbeiten fatale Fehler enthielten?

    Genau das wirft nun eine Gruppe von Wissenschaftler:innen mehreren Studien vor, die auch bei der Entscheidung 2022 eine wichtige Rolle spielten. Der Fall ist ins Rollen geraten, nachdem vor Kurzem drei Studien zurückgezogen wurden, die sich mit der Sicherheit der sogenannten Abtreibungspille Mifepristone beschäftigten. Auch sie waren in Gerichtsverhandlungen zur Gesetzeslage herangezogen worden, damit sich die Richter ein Urteil bilden.

    Weitere vier Studien sehen die Wissenschaftler:innen sehr kritisch und verlangen ebenfalls, dass die Magazine, in denen sie veröffentlicht wurden, die Arbeiten zurückziehen. Da in den USA inzwischen Verhandlungen über Abtreibungen an der Tagesordnung sind, hält es die Kritiker-Gruppe für sehr wichtig, dass die Grundlage, auf der die Urteile beruhen, nicht durch Junk-Science beeinflusst wird, also durch Publikationsmüll.

    Genau das seien die Studien, die herausgefunden haben wollen, dass Abtreibungen zu einem höheren Risiko für psychische Krisen führen. Denn sie hätten ernste methodische Fehler. Das sehen Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen so, darunter auch Expert:innen in biomedizinischer Statistik. Die Methoden, die in diesen Studien benutzt wurden, sind ihrer Ansicht nach nicht dazu geeignet, zu Aussagen dieser Art zu kommen.

    Stattdessen sei es wissenschaftlicher Konsens, dass die psychische Gesundheit nach einer Abtreibung vor allem dadurch bestimmt ist, wie sie vor der Abtreibung war. Ausserdem seien Frauen, die ungewollt schwanger werden, immer psychisch belastet – egal ob sie abtreiben oder das Kind bekommen. Und: Frauen, die nicht abtreiben dürften, litten sowohl psychisch als auch finanziell.

    (…)

    In der Wissenschaft gibt es eigentlich etablierte Mechanismen, die dafür sorgen, dass Publikationsmüll entsorgt wird. Doch dieses Beispiel zeigt, dass diese Mechanismen nicht mehr greifen, wenn politische Interessen mit unlauteren Methoden durchgesetzt werden sollen. Dabei spielt auch das unsägliche Geschäftsmodell der Wissenschaftsmagazine eine bedeutende Rolle. Ein Experte schätzt, dass eigentlich eine von 50 Studien zurückgezogen werden müsste und nicht eine von 500, wie es derzeit der Fall ist.
    (Quellen: Silke Jäger in forum.eu, 29.04.24 & theguardian.com/world/2024/apr/28/junk-science-papers-abortion-cases)

    Lesen Sie dazu auch die verwandte Seite über die Krebsheilung und die Verwandtschaft zum Kohärenzgefühl von Antonovsky.

    …und mein Blogbeitrag über „Burnout“: walserblog.ch/burnout/

    Weiterlesen zu den existentiellen „letzten Fragen“ im Leben, u.A. die allgegenwärtige Angst vor dem Tod >>>

    Realistisch optimistisch sein:
    «Global gesehen sind die Trends sehr positiv»
    Datenwissen­schaftlerin Hannah Ritchie blickt optimistisch auf unsere Klima­zukunft – weil die weltweiten Entwicklungen eine andere Geschichte erzählen als die Schlagzeilen.

    Veröffentlicht am 13. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    05. März 2026