Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Herzinfarkt / Arteriosklerose

    Herzinfarkt / Arteriosklerose

    Das gebrochene Herz

    Jeder einzelne Herzschlag tanzt im Rhythmus der Seele.

    Zuallererst heisst „Herzinfarkt“ sorgfältig aus dem Lateinischen übersetzt „gebrochenes Herz„. Das Herz ist mehr als ein Muskel und eine mechanische Pumpe. Das Herz ist der Umschlagplatz von Liebe und Schmerz, Angst und Mut. Man verschenkt sein Herz aus Liebe. Man nimmt sich etwas zu Herzen. Man stirbt an gebrochenem Herzen. Das Herz hat ein Bedürfnis nach Geborgenheit, Grosszügigkeit, Gelassenheit und Wärme. Hektik, Zeitnot, kein Sinn im Leben und Stress führen dazu, dass sich das Herz einem von aussen diktierten Rhythmus zu unterwerfen hat. Das Herz benötigt im Arbeitsalltag den Gegenpol der Entspannung, des Rückzugs, das Ausleben von Sehnsüchten, Träumen und Gefühlen.

    Was führt zur Arterienverkalkung und zum Herzinfarkt oder Hirnschlag?

    Diese Risikofaktoren waren (in der Interheartstudie) unabhängig von Alter, Geschlecht und ethnischer Gruppe signifikant mit einem Herzinfarkt assoziiert:

    Ein BMI von mindestens 35 ist mit einem 80% erhöhten Risiko verbunden, exzessiver Alkoholkonsum erhöht das Risiko um rund 40%, Rauchen um 30% (Herzinfarkt und Vorhofflimmern).

    Man findet bei Menschen mit Myokardinfarkt aus allen ethnischen Gruppen und allen Regionen der Welt signifikant häufiger :

    • Depressionen
    • Belastende Lebensereignisse in den letzten zwölf Monaten
    • Und beruflichen, privaten oder finanziellen Stress

    Weitere Risikofaktoren in der Interheartstudie waren:

    Diese drei letzten Faktoren werden vor allem von den Ärzten gemessen und stehen dort meist im Mittelpunkt. Sie sind aber bereits Folgeerscheinungen der primären Ursachen Dauerstress und Bewegungsarmut/Bauchfett.

    Im spanischen SUN-Projekt wurde 2017 auch der Nutzen eines 10-Faktoren-Scores zur Beurteilung der kardiovaskulären Gesundheit untersucht. In den Score flossen 6 traditionelle, negative Risikofaktoren

    • Rauchen
    • BMI, v.a. durch Bauchfett
    • Keine mediterrane Ernährung
    • Wenig körperliche Aktivität (jedoch auch nicht zu langer und anstrengender Ausdauersport)
    • Chronischer psychosozialer Stress (auch Freizeitstress durch Selbstoptimierung)
    • Hoher Alkoholkonsum, inkl. Binge-Drinking („Komasaufen“)

    und 4 nicht-traditionelle, positive Einflussfaktoren ein

    • TV/Internet-Konsum unter 2 Stunden täglich
    • Gute Sozialkontakte
    • Wenig Wochenarbeitszeit (Burnout)
    • Kaffeekonsum (3 bis 4 Espresso täglich)

    Mit zunehmender Zahl positiver Faktoren (Score von 0–10) nahm die Wahrscheinlichkeit von kardiovaskulären Ereignissen stetig ab. Bei Teilnehmern mit einem Score von 7 bis 10 war die Ereignisrate im Verlauf von im Median 10 Jahren um 87% geringer als bei Personen mit einem Score von 0 bis 2. Die Einzelfaktoren mit dem höchsten positiven Einfluss waren Nicht-Rauchen (Hazard Ratio: 50%) und TV/Internet-Konsum unter 2 Stunden täglich (HR: 0,57). Dieser Score könnte helfen, die Präventionsbemühungen über traditionelle Risikofaktoren hinaus zu intensivieren, wobei die vier nicht-traditionellen Faktoren vor allem auf den Stress und die Entspannung einwirken.
    Hierhin gehört wohl auch das ausgiebige Frühstücken mit viel Zeit, welches höchst wahrscheinlich v.a. durch einen entspannten Tagesbeginn positiv auf Herz-Kreislauf wirkt.

    Rauchen, chronischer Stress und Übergewicht/Bewegungsarmut

    Weltweit sind also die drei wichtigsten Risikofaktoren
    Rauchen, Dauerstress und Übergewicht kombiniert mit Bewegungsarmut.
    Zusammen sind sie für 2/3 aller Risikofaktoren des akuten Herzinfarkt verantwortlich. Diabetes mellitus, Hypertonie und hohe Blutfette sind die nächsten bedeutsamen RF, aber ihre relative Bedeutung ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich – und sie sind meist bereits die Folge der obigen drei wichtigsten.

    Rauchen zeigt eine proportionale stufenweise Erhöhung des Risikos. Das Rauchen von nur schon fünf Zigaretten erhöht das Risiko. Daraus lässt sich ableiten, dass es für die Zahl der Zigaretten, die geraucht werden, keine sichere untere Grenze gibt, aber auch, dass das Risiko für einen Herzinfarkt, das mit dem Rauchen verbunden ist, signifikant vermindert werden kann, durch die Verminderung der Zahl der gerauchten Zigaretten.
    The Lancet 366 (2005), 1640–1649 (Zusammenfassung hier: interheart.pdf)

    Diese Risikofaktoren verbreitete sich in den letzten Jahrzehnten weltweit enorm. Sie stellen auch eine Voraussetzung für viele schwere , ja tödliche Verläufe bei Covid-19.
    Dies ist das Bild einer „Syndemie„.

    Alles ist besser für das Herz als sitzen – sogar schlafen

    Die Forscher um Joanna Blodgett vom University College London haben sechs Studien mit insgesamt mehr als 15.000 Teilnehmern ausgewertet, die mit Fitnesstrackern ausgestattet waren. Die Daten zeigten, dass alles besser für das Herz ist als Sitzen, sogar Schlafen. Sitzen war demnach am ungünstigsten. Für das Herz ist es am besten, wenn eine Phase von 30 Minuten mit starker körperlicher Anstrengung in den Tagesablauf integriert wird. Es wirkt sich schon günstig auf die Herzgesundheit aus, wenn man fünf Minuten heftig in Wallung kommt, etwa indem man im Hampelmann-Modus springt oder mit voller Kraft in die Pedale eines Trimmrades tritt. Die entsprechende Bewegungsform muss umso länger dauern, je geringer die Intensität dabei ist. Schon kleine Veränderungen in der alltäglichen Bewegungsroutine bringen Vorteile für das Herz. Den grössten Nutzen sehen wir, wenn sitzende Tätigkeiten durch mässige bis heftige Anstrengungen ersetzt werden. Diese könnten in einem kurzen Lauf, zügigem Gehen oder Treppensteigen bestehen – mithin in allem, was den Puls und die Atmung beschleunigt und den Menschen in Wallung kommen lässt, selbst wenn es nur für ein oder zwei Minuten ist (>>> Anleitung).

    Ein tiefer Ruhepuls ist optimal

    Interessant ist, dass ein tiefer Puls nicht nur das Herz schont, sondern generell zu einer geringeren Krankheitsanfälligkeit und zu einem besseren Wohlbefinden führt.

    Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass ein tiefer Ruhepuls die Lebenserwartung erhöht. Überraschend ist dieser Zusammenhang nicht. Nehmen wir als Beispiel die Tierwelt: Das Herz einer Maus schlägt rund 500-mal pro Minute – nach zwei bis drei Jahren stirbt sie dann aber auch schon. Eine Schildkröte hingegen kommt mit nur gerade 6 Schlägen pro Minute aus – und wird gegen 200 Jahre alt.
    Wer seinen Ruhepuls zum Beispiel nur schon von 80 Schlägen pro Minute auf 60 senkt, entlastet das Herz enorm: Damit lässt sich in drei Jahren ein ganzes Jahr an Herzarbeit einsparen. Das ist auch für Durchschnittsmenschen ein realistisches Ziel.

    Wie gut jemand im Notfall mit den Ressourcen seines Körpers klarkommt, hängt ganz entscheidend von der Grundaktivität des Vegetativen Nervensystems ab. Es gilt: je mehr Parasympathikus umso besser. Ein hoher Ruhepuls bedeutet, dass diese Grundaktivität bereits erhöht ist und das System entsprechend geschwächt. Das ist schlecht: Man möchte ja im Ruhezustand möglichst wenig Energie verbrauchen, um dann im Ernstfall alle verfügbaren Reserven abrufen zu können. Wenn wir es heute auch nicht mehr mit wilden Tieren zu tun haben, geht es bei diesem evolutionär bedingten Mechanismus doch immer darum, das Überleben zu sichern. Und dafür ist ein niedriger Puls einfach besser.

    Syndemie

    Die „Pandemie“ Covid-19 macht das Ausmass jener Krankheiten deutlich, die durch schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung und soziale Ungleichheiten beim Zugang zu adäquater Gesundheitsversorgung verstärkt werden.
    Der amerikanische Anthropologe Merrill Singer hat 1990 den Begriff „Syndemie“ dafür geprägt.  Die Vorsilbe „syn“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „zusammen, mit, gemeinsam“  – „pan“ bedeutet „ganz, völlig, gesamt“.
    Dazu The Lancet vom 26.09.20 : „Die Wechselwirkung von Covid-19 mit weltweit ansteigenden chronischen Krankheiten wie Fettleibigkeit, erhöhtem Blutzuckerspiegel und Luftverschmutzung hat in den letzten 30 Jahren die Voraussetzungen für derart viele Todesfälle durch und mit Covid-19 erst ermöglicht. […] Viele der Risikofaktoren und nicht übertragbaren Krankheiten“, fügten beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinzu, „erhöhen das Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf von Covid-19.“
    Natürlich ist die globale Ausbreitung von Covid-19 eine Katastrophe. Wenn wir jedoch versuchen, die aktuelle Situation als Syndemie zu betrachten, öffnet sich der Blick für eine zukunftsweisende Einsicht: Auf der ganzen Welt schwächen Menschen ihre Körper durch eine ungesunde Lebensweise. Mehr als „nur“ Massnahmen zur Bekämpfung einer einzelnen Krankheit, brauchen wir deshalb eine Gesundheitspolitik, die es ermöglicht, die Gesundheit aller langfristig zu erhalten und zu fördern.
    (Philosophie Magazin, Octave Larmagnac-Matheron, 

    Wissenschafter haben in Gefässablagerungen (Plaques) Kunststoffpartikel (Mikroplastik) nachgewiesen

    Die Betroffenen dieser italienischen Studie erlitten mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle als andere Patienten.
    Laborexperimente hatten bereits in der Vergangenheit nahegelegt, dass Mikroplastik Entzündungen in Geweben hervorruft. Tierversuche hatten auch Hinweise darauf gegeben, dass die Kunststoffteilchen Gefässe, das Herz und Lungen schädigen können.
    Daraus muss gefolgert werden, dass Mikroplastik auch ein Risikofaktor für die Arterienverkalkung ist und damit ebenso für Herzinfarkte und Hirnschläge.
    Weiterlesen>>>

    Was vorbeugend tun?

    Wer nun persönlich etwas für sein Herz tun möchte, sollte Folgendes beachten:

    • Chronischer Stress vermeiden.
      Eine phantastische Studie mit sehr hoher Relevanz  (Tawakol A, et al: Lancet 2017 (online) 11. Januar 2017) zeigt nun klar, dass eine erhöhte Aktivität in der Amygdala im Hirn mit vermehrter Knochenmarksaktivität und verstärkter Entzündung der Arterien einhergeht. Diese Zusammenhänge, schlussfolgern die Autoren, können das erhöhte kardiovaskuläre Risiko der Patienten erklären. Der zugrunde liegende Mechanismus: Die Amygdala signalisiert dem Knochenmark, mehr weisse Blutkörperchen zu produzieren, die wiederum eine Plaque-Bildung in den Arterien verursachen, was zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann.
      Dass sich die Amygdala bei Stress vergrössert und eine „Schaltstation” darstellt, hat sich bereits in früheren Studien gezeigt. Ebenfalls ist bekannt, dass Entzündungsfaktoren durch Stress getriggert werden können.
    • Hier hilft es, einen Sinn im eigenen Leben zu sehen.
    • Optimal für unser Herz ist ein ausreichender aber nicht zu langer Nachtschlaf (mehr als 6-7, aber weniger als 8-9 Stunden) und manchmal eine Siesta  von 5 bis 60 Minuten ein bis zweimal pro Woche (nicht täglich).
      Nur bei Kurzschläfern (unter 7 Stunden Nachtschlaf) hat ein tägliches Mittagsschläfchen trotzdem einen Schutzeffekt auf unser Herz.
      Bei der ein- bis zweimaligen Siesta pro Woche war das Risiko für Hirnschlag und Herzinfarkt sogar um die Hälfte reduziert.
    • Damit zusammenhängend: Ein Burnout vermeiden.
      Allein in Deutschland sterben jährlich rund 200’000 Menschen an einem sogenannten „plötzlichen Herzstillstand„. In nur etwas mehr als 10% sind Risikopatienten betroffen, die nach einem Herzinfarkt bereits an einer Herzmuskelschwäche litten oder andere Herzerkrankungen hatten.
      Auch wenn das Ereignis selbst aus heiterem Himmel zu kommen scheint, lassen sich im Nachhinein oft klassische Alarmzeichen für ein Burnoutsyndrom ausmachen. Dazu zählt eine längere Phase mit chronische depressiver Stimmungslage durch etwa eine belastende Arbeitssituation, finanzielle Sorgen oder eine frustrierende Beziehungs- oder Familienkonstellation voraus. Akuter Ärger, Angst oder andere Aufregung sind dann meist nur der Auslöser.
      In den meisten Fällen wären mehr körperliche Bewegung, ein gezieltes Stressmanagement oder Entspannungstechniken ausreichend und könnten das Risiko für einen plötzlichen Herztod stark senken.
    • Regelmässiger Bewegungs-Mix, aber mässig (kein langzeitiger und anstrengender Ausdauersport).
      Vielleicht reicht aber auch Bewegung am Wochenende (siehe hier).
    • Je weniger TV und Internet-Konsum, umso weniger Herz-Kreislaufkrankheiten. In der oben erwähnten SUN-Studie war bereits 2 Stunden TV/Internet täglich mit einer Zunahme der Herzinfarktrate um 40% verbunden.
      Es ist vor allem das Sitzen, das langzeitig das Leben massiv verkürzt.
    • Blutfette von Hausarzt bestimmen lassen (wichtigster Wert ist hier der Quotient Totalcholesterin durch das HDL-Cholesterin: sollte unter 5 sein).
    • Hohen Blutdruck therapieren.
    • Viel lachen, lieben und sich sozial gut einbetten.
    • Rollläden als Schutzmassnahme: Dunkle Nächte können das Herz schützen. Je dunkler, desto besser. 
      Nicht nur Bewegung und Ernährung zählen – auch die Frage „Wie dunkel ist Ihr Schlafzimmer? “ könnte bald Teil der Herzvorsorge werden. Eine aktuelle Analyse der UK Biobank zeigt: Nächtliches Licht erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ärztinnen und Ärzte sollten diesen Faktor in der Beratung berücksichtigen. Die Studie erschien in JAMA Network Open [Windred DP, et al: JAMA Network Open (online) 23. Oktober 2025].
      Menschen mit den hellsten Nächten hatten ein deutlich höheres Risiko für Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit, Vorhofflimmern und Schlaganfall als jene mit den dunkelsten Nächten. Diese Zusammenhänge blieben bestehen, selbst wenn klassische Risikofaktoren wie Bewegung, Rauchen, Alkohol, Ernährung, Schlafdauer und sozioökonomischer Status berücksichtigt wurden. 
      Die Forscher vermuten, dass nächtliches Licht den zirkadianen Rhythmus stört. Diese Dysregulation könnte die Glukosetoleranz senken und das Risiko für Typ-2-Diabetes steigern – beides fördert Gefässschäden und Atherosklerose. Auch eine erhöhte Gerinnungsneigung und dauerhaft hoher Blutdruck gelten als mögliche Folgen. Zudem könnten widersprüchliche Signale zwischen der inneren Uhr und den Herzmuskelzellen die elektrische Erregbarkeit des Herzens stören und Arrhythmien auslösen. 
      Neben bewährten Massnahmen wie Bewegung und gesunder Ernährung könnte Dunkelheit in der Nacht eine einfache Strategie sein, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.

    Ernährung

    • Die CORDIOPREV-Studie ist eine der umfangreichsten randomisierten Studien, die jemals im Rahmen der Ernährungsforschung durchgeführt wurden. (Delgado-Lista J, Alcala-Diaz JF, Torres-Peña JD, Quintana-Navarro GM, Fuentes F, Garcia-Rios A, et al. Long-term secondary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet and a low-fat diet (CORDIOPREV): a randomised controlled trial. Lancet. 2022 May 14;399(10338):1876-1885. [Link])

      Die Resultate der Studie leiten einen Paradigmenwechsel ein: Patientinnen und Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung kann künftig nicht mehr generell zu einer fettreduzierten Diät geraten werden. Einer mediterranen Diät kommen deutliche Vorteile hinsichtlich Kardioprotektion zu. Die Ernährungsempfehlungen vieler Leitlinien zur Sekundärprävention sind umzuschreiben. (Zitat: infomed screen Jahrgang 26/2022)
      Zur mediterranen Ernährung muss gesagt werden: Eine mediterrane Diät ist mehr als nur die Zusammensetzung von Mahlzeiten. Sie ist Ausdruck von Tradition und einer ritualisierten Lebensführung, bei der die Verwendung ausgesuchter Produkte, die Zubereitung und das entspannte Geniessen im Kreis der Familie oder mit Freunden eine grosse Bedeutung haben. Menschen in Südeuropa bestätigt die Studie darin, zu tun, was sie immer schon getan haben. Inwieweit Leute in Nord- und Mitteleuropa von den Erkenntnissen profitieren, bleibt eine unbeantwortete Frage. Sie werden es vielleicht nur dann, wenn sie einen mediterranen Lebensstil übernehmen – und nicht nur einen mediterranen Speiseplan.

    • Wenig oder kein Fleisch – und als Proteinlieferant Hülsenfrüchte und Nüsse:
      Es gab immer wieder einzelne Studien, die keinen gesundheitsförderlichen Effekt finden konnten, wenn Menschen auf Fleisch verzichteten. Diese Studien hatten aber ausser Acht gelassen, wodurch das Fleisch ersetzt wurde. Später zeigte eine bahnbrechende Untersuchung der Harvard University, dass der Fleischverzicht nur dann keinen positiven Effekt hat, wenn man statt Fleisch vermehrt Kohlenhydrate wie Kartoffeln oder Nudeln isst. Ersetzt man es dagegen durch pflanzliche Proteine aus Hülsenfrüchten und Nüssen, gibt es grosse positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System.
      Menschen, die regelmässig Nüsse essen, senken ihr Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall massiv. Nüsse enthalten sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole, die den Körper vor oxidativem Stress schützen, etwa durch Rauchen oder Alkohol. Diese Stoffe tragen sicher zum positiven Effekt bei. Viele Übersichtsartikel spekulieren darüber, welche Polyphenole und anderen Stoffe genau wirken, doch genau wissen wir es nicht. Deshalb lässt sich die Zusammensetzung der Nuss nicht in einer Pille nachahmen. Die Genialität der Natur bleibt unerreicht. Offenbar ist es der besondere Mix aus gesunden Fettsäuren und Pflanzenstoffen, der diesen positiven Effekt bewirkt.Fett ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Gesunde Fette verdienen eine andere Bewertung. Das zeigen viele Studien deutlich. Versuchsgruppen ernährten sich mediterran und erhielt zusätzlich einen Liter Olivenöl pro Woche mit der Anweisung, täglich mindestens vier Teelöffel zu konsumieren. Sowohl die Nuss- als auch die Olivenölgruppe nahmen im Schnitt mehr Kalorien und Fett zu sich, legten jedoch nicht an Gewicht zu und erlitten weniger kardiovaskuläre Ereignisse als die Kontrollgruppe, die bewusst fettarm ass.Was tun, wenn man keine Nüsse essen kann? Nüsse sind gesund, doch manche Menschen reagieren allergisch. Ernährungsfachleute betonen, dass gesunde Ernährung nicht von einzelnen Lebensmitteln abhängt. Entscheidend ist eine ausgewogene Mischung. Die wertvollen Nährstoffe der Nüsse finden sich auch anderswo. Leinsamen und Sonnenblumenkerne liefern viele Omega-3-Fettsäuren, ebenso fetter Seefisch wie Lachs, Hering oder Makrele. Sekundäre Pflanzenstoffe stecken in vielen pflanzlichen Lebensmitteln. Beeren, Brokkoli, Weißkohl und blaue Trauben sind reich an Polyphenolen…
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    • Kein Trinkwasser aus Plastikflaschen.
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    • Ein Review des Prevention of Cardiovascular Disease Council des American College of Cardiology (ACC) liefert aktuelle, evidenzbasierte Daten zum guten Essen für das Herz.
      Die Liste der Lebensmittel, die den ACC-Experten zufolge komplett vermieden – oder zumindest sehr stark eingeschränkt – werden sollten, ist kurz:
      Keine zugesetzten Zucker und Energy-Drinks – wenig Fleisch.
      Für Milchprodukte ist die Evidenz, ob sie günstig sind, fraglich.
      Für segensreich halten die Experten aber unter anderem Hülsenfrüchte, Kaffee, Tee und hochwertige Pflanzenöle (Oliven-, Lein- und Rapsöl).
      Besonders wichtig ist laut den Experten, dass man viel Früchte und Gemüse, Vollkornprodukte, wenig Zucker und wenig verarbeitete Lebensmittel isst.
      Am besten schneidet hier neben der mediterranen die sogenannte Dash-Diät ab: Sie besteht aus viel Gemüse, Früchten, Vollkornprodukten, Nüssen, Fisch und wenig Fleisch. Zudem vermeidet man Salz, Zucker und gesättigte Fette.
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    • Schädliche Lebensmittel fürs Herz:
      Wenig überraschend schneidet Zucker katastrophal schlecht ab. Es existiert mittlerweile mehr als genug, auch qualitativ hochwertige Evidenz dafür, dass zugesetzter Zucker die Entstehung von Atherosklerose fördert und das Risiko für Herz-Kreislauf- sowie Stoffwechselerkrankungen erhöht.
      Auf die rote Liste gehören auch die schnell verfügbaren Kohlenhydrate in Weissmehlprodukten, sei es der Pizzateig, das helle Brot oder der Butterkeks, denn diese verursachen Blutzuckerschwankungen wie es Zucker selbst tut. Schaden oder Nutzen von Milchprodukten, fermentierten Lebensmitteln und Meeresalgen ist unklar:
      Bei zwei Lebensmittelgruppen reicht die Evidenz nicht aus, um eine klare Empfehlung für oder gegen den Verzehr auszusprechen. Zum einen sind dies Milchprodukte wie Käse, Sahne oder Milch (allerdings nicht Joghurt), zum anderen fermentierte Lebensmittel (also z.B. Joghurt) und Meeresalgen.
      Qualitativ hochwertige Studien, dass fermentierte Lebensmittel einen kardiovaskulären Nutzen haben, stehen noch aus.  Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass der Konsum irgendeinen gesundheitlichen Schaden nach sich zieht.
      Speziell für den Joghurt gilt, wie bei den anderen Milchprodukten auch, dass er sich bezogen auf die kardiovaskuläre Gesundheit neutral oder sogar positiv auswirkt.
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    • Ein günstiger Einfluss von regelmässigem Kaffeekonsum  gegen kardiovaskuläre Erkrankungen ist bereits häufiger berichtet worden.Im spanischen SUN-Projekt, an dem 2017 rund 20’000 teilnehmen, wurde eine inverse Assoziation zwischen dem Kaffeekonsum und der Gesamtmortalität gefunden. Bei Personen, die 4 Tassen täglich konsumierten war die Sterblichkeit um 65% geringer als bei Personen, die nie oder fast nie Kaffee tranken. Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei über 45-Jährigen.
      Die Meta-Studie „Habitual Coffee, Tea, and Caffeine Consumption, Circulating Metabolites, and the Risk of Cardiometabolic Multimorbidity“ zeigt 09/2024 den Nutzen von Kaffeekonsum wieder als U-förmige Kurve, die darauf hindeutet, dass der optimale Wert für den täglichen Konsum bei etwa 3 Tassen Kaffee oder Tee (oder 250 mg Koffein) liegt. Ein Standard-Energydrink enthält etwa 120 mg Koffein.
    • Dann täglich viel frisches Obst, Gemüse und Nüsse (eine Handvoll täglich – siehe die „Evidence based medicin“-Studie darüber), ein Glas Wein (mit einem Fragezeichen) und täglich 2-3 Tassen grünen Tee täglich trinken. (Kuriyama S et al. Green tea consumption and mortality due to cardiovascular disease, cancer, and all causes in Japan: the Ohsaki study. JAMA. 2006; 296(10):1255–1265.  Suzuki E et al. Green tea consumption and mortality among Japanese elderly people: the prospective Shizuoka elderly cohort. Ann Epidemiol. 2009; 19(10):732–739)
      Hier spielt auch viel Kalium (und wenig Natrium – also wenig Kochsalz) eine Rolle: Sehr kaliumhaltig sind Bananen, Spinat, Broccoli, Nüsse und Vollkorn.
      (mehr zum „gesunden Kalium“ im Essen)
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    • Dies gehört alles auch zur bereits genannten mediterranen Ernährung – mit viel Oliven- oder Leinöl.
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    • Wer mit einem ausgiebigen Frühstück – und viel Zeit den Tag beginnt, hat auch ein deutlich verringertes Herzinfarktrisiko! Gemäss verschiedener grossen Studien (v.a. Circulation. 2013; 128: 337-343, Prospective Study of Breakfast Eating and Incident Coronary Heart Disease in a Cohort of Male US Health Professionals, Leah E. Cahill et al.). Diejenigen Männer, die das Frühstück ausliessen, hatten dabei ein 27% höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden als jene, die den Tag zum Beispiel mit einem Müesli begannen. Nach Ansicht der Forscher bestätigt die Studie, dass das Frühstück wohl die wichtigste Mahlzeit des Tages ist.
      Ideal ist, wenn das Frühstück mit geschrotetem Vollkorn (im Müesli) – anstatt Backwaren, wie Brot! – viel unbearbeiteten Ballaststoff enthält. Viel Ballaststoff im Essen lassen auch Leute mit Herzinfarkt viel länger Leben! (Li S, et al. BMJ.2014;348:g2659).
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    • WENIG ROTES FLEISCH
      Man sollte auch auf seine (gute) Darmflora, d.h. jene rund 100 Billionen Bakterien aufpassen und sie gut pflegen. Was heisst dies konkret?!
      Normalerweise leben die Vertreter der Darmflora (Mikrobiom) einträchtig mit ihrem Wirt. Sie verdauen für uns komplexe Kohlenhydrate, mit denen menschliche Enzyme nicht umgehen können. Und sie wehren auch Infektionen krank machender Bakterien ab.
      Nun wird zum Beispiel das Carnitin im roten Fleisch (Rind, Schwein oder Lamm) von den Darmbakterien zu Trimethylamin verdaut, das dann in der Leber zu Trimethylamin-N-Oxid (TMAO) umgewandelt wird. Carnitin verstärkt u.a. auch die schädliche Wirkung vom Cholesterin. Dies löst eine Kette von Ereignissen aus, die letztlich zu einer Arteriosklerose (Versteifung der Arterien) führt und damit auch zum Herzinfarkt, Hirnschlag,…!
      Es hat sich nun gezeigt, dass ein Vegetarier ein Steak essen kann und dass sich dann die (ideale) Zusammensetzung seiner Darmbakterien diesen TMAO-Spiegel nicht erhöhen lassen! Vegetarische Ernährung ergibt also eine fürs Immunsystem und für unsere Blutgefässe optimale Darmflora.
      >>> Weiterlesen > dr-walser.ch/darmflora/
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    • Er wäre darüber hinaus gut beraten, sich mehr mit Fisch als Fleisch zu ernähren (Herzinfarkt-Patienten können durch eine Umstellung ihres Speiseplans auf mediterrane Kost das Risiko eines erneuten Infarkts um etwa die Hälfte senken. (Zu diesem Ergebnis kommt die Lyon-Studie 1999. Von 200 Patienten, die nach einem Infarkt bei der gewohnten Ernährung blieben, erkrankten in den folgenden vier Jahren  etwa die Hälfte erneut am Herzen. Weitere 200 Patienten stiegen auf die fettärmere Kost Südeuropas um. Von dieser Gruppe erlitten weniger als ein Viertel einen neuen Infarkt. Ein vergleichbares Resultat erreichte bisher kein Medikament.).
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    • Genügend Wasser trinken kann das Herzinfarktrisiko um 40 Prozent senken. Dies fand ein Forscherteam der Loma Linda-Uni in den USA (www.llu.edu/news/pr/042502water.html) bei der Untersuchung von 20’000 Leuten. Es zeigte sich, dass sich das Risiko für tödliche Infarkte bei Männern, die mehr als einen Liter Wasser tranken, sogar halbierte.
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    • Und: eine Unterfunktion der Schilddrüse abklären lassen (TSH-Bestimmung im Blut) und behandeln.
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    • Eine Parodontitis (Zahnbett-Entzündung) muss unbedingt gut behandelt werden (Interedentalbürstchen & Zahnseide benützen). Menschen mit „Zahnfleischentzündung“ erleiden doppelt so oft Herzinfarkte, dreimal häufiger Schlaganfälle (und siebenfach mehr Frühgeburten).
      Sowieso scheint die Gesundheit im Mund und der Zähne eine starke Beziehung zu derjenigen des Herzens zu haben. Es ist also sehr ratsam, dass man eine sehr gute Hygiene der Zahnpflege (inklusive Reinigung der Zungenoberfläche!) ausübt. (BMJ 340:c2451, 27 May 2010 © 2010 de Oliveira et al Toothbrushing, inflammation, and risk of cardiovascular disease: results from Scottish Health Survey. Cesar de Oliveira, Richard Watt, and Mark Hamer.)
      Mehr zur optimalen Zahnpflege, welche auch unsere Darmflora reicher macht.
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    • Wer schnarcht, lebt gefährlich. Will heissen: Wer unter Apnoe („nächtlicher Atemstillstand“) leidet. Die Schlafstörung sollte ernst genommen werden, da der teilweise minutenlange Atemausfall den Blutdruck dramatisch in die Höhe treiben und das Herz schädigen kann. Wer nachts schnarcht und sich tagsüber meist müde fühlt, sollte nicht zögern, sich in einem Schlaflabor untersuchen zu lassen: Apnoe wird in neun von zehn Fällen nicht erkannt. Die Behandlung – ein kleines Atemgerät – ist einfach und effizient.
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    • Ein eigentliches Gesundheitsrisiko für das Herz ist auch der „Ärger mit dem Ärger“
      Wie gefährlich der Ärger für das Herz ist, verdeutlicht eine amerikanische Langzeitstudie, bei der Menschen, die – in ihrem Leben zu „cholerischen Reaktionen“ neigten und sich schnell ärgerten, eine im Vergleich mit ihren ärger- ärmer lebenden Zeitgenossen um das Siebenfache höhere Sterblichkeit zeigten. Die permanente Inszenierung des Ärgers war danach für die Gesundheit sogar gefährlicher als klassische Risikofaktoren wie Rauchen und Bluthochdruck. Es spielt dabei überraschenderweise für das Herz keine Rolle, ob man den Ärger in sich „hineinfrisst“ oder beim Sich-Ärgern aus der Haut fährt.
      Das heisst also: Nicht der Zorn als solcher, sondern ihn ausdrücken oder ihn zu unterdrücken, schädigt die Gefässe.
      Seien Sie also nett zu Ihren Mitmenschen. Feindselige Einstellungen der Umwelt gegenüber, die Anderen verbal oder physisch angreifen , erhöht die Blutfette. (Karen Matthews et al, Duke University Med.Center, Annals of Behavioral Medicine, Vol.20, 1998)
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    • Dazu gehört auch die Wut:
      Wut schädigt Blutgefässe: Wut ist schlecht fürs Herz. Wer öfter wütend ist, hat ein höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Nun haben Forscherinnen der Columbia University in New York herausgefunden, warum das so ist: Wut führt dazu, dass sich die Blut­gefässe weniger gut dehnen können. Denn das Gefühl beeinträchtigt die Funktion des sogenannten Endothels, der Innen­auskleidung der Blutgefässe. Und das wiederum ist die Vorstufe für die Entstehung von Atherosklerose, einer Gefäss­erkrankung, die zu Herz­infarkten und Schlag­anfällen führen kann. Den Zusammen­hang zwischen Blut­gefässen und Gefühl fanden die New Yorker Forscher nur bei Wut, nicht aber bei Trauer oder Angst.
    • Meditation und ähnliche Entspannungsmethoden haben auf das Herz eine ähnlich beruhigende Wirkung wie die üblichen Beta-Blocker – nur ohne Nebenwirkungen.
    • Der Parasympathikus kräftigen ist sehr weise.
      Weiterlesen >>> parasympathikus/
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    • Alle Nichtsteroidale Schmerzmittel (NSAR) sind riskant für Herz und Gefässe! Sie erhöhen das Risiko von Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulär bedingtem Tod. Am günstigsten schnitt Naproxen ab, war aber immerhin mit einem Schlaganfallrisiko von 1,76 behaftet und in der Regel nur zusammen mit einem PPI (Magenschonmittel) verträglich. Unter Ibuprofen ist das Schlaganfallrisiko mehr als verdreifacht, unter Diclofenac fast verdreifacht, unter Etoricoxib auf 2,67 erhöht. Kardiovaskuläre Todesfälle wurden nur durch Naproxen nicht erhöht, durch Celecoxib verdoppelt, durch Ibuprofen mehr als verdoppelt (2,39), durch Diclofenac und Etoricoxib vervierfacht! (BMJ 2011; DOI;10.1136/bmj.c7086)
      Eine Metaanalyse von 4 Studien an über 61’000 Menschen mit und 385’000 ohne Herzinfarkt hat 2017 ziemlich beunruhigende Resultate ergeben, da diese Steigerung der Herzinfarktrate bereits nach einer Woche NSAR-Einnahme eintrat! (Bally M, et al. BMJ.2017;357:j1909).
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    • Wir sind ja meist überzeugt, dass Ausdauersport gesund ist und er unser kardiovaskuläres Risiko reduziert. Eine belgische Forschergruppe belehrt uns nun eines Besseren (Studie).
      Sie verglichen das Ausmass der Koronarsklerose (Verkalkung der Herzkranzgefässe) von 191 lebenslangen Ausdauersportlern mit 191 Späteinsteiger-Ausdauersportlern (Beginn nach dem 30. Lebensjahr) sowie mit 176 gesunden Nicht-Athleten, die in ihrem Leben keinen Ausdauersport betrieben hatten. In allen drei Gruppen handelte es sich nur um Männer mit einem medianen Alter von 55 Jahren. Keiner der Probanden war Raucher, keiner war übergewichtig und bei keinem war eine koronare Herzkrankheit bekannt. Die Koronarsklerose wurde mittels Computertomographie quantifiziert: Anzahl und Lokalisation von Plaques, Verkalkungs-Score und -Häufigkeit sowie Stenosegrad der Koronarien. Überraschend fand sich eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, das heisst je länger der Ausdauersport betrieben wurde, desto wahrscheinlicher fand sich eine relevante Koronarsklerose. Die Parameter, die für eine ischämische Herzkrankheit prädestinieren, waren bei den lebenslangen Ausdauersportlern am höchsten: Anzahl Plaques, proximale Plaques, signifikante Stenosen und gemischte Plaque-Verkalkungen. Bei den Nicht-Sportlern waren sie am geringsten, die Späteinsteiger lagen meist dazwischen.Stopp Ausdauersport überhaupt?! Ist dies die anatomisch-pathologische Erklärung des Sport-Paradoxes «plötzlicher Herztod bei Athleten»? Die Autorenschaft schlägt vor, die Studie zeitlich noch auszudehnen, um auch entscheidende kardiovaskuläre Ereignisse zu erfassen.Hatte Winston Churchill doch recht? Auf die Frage eines Reporters, warum er trotz Whisky und Zigarrenrauchen so alt geworden sei, soll er geantwortet haben: «No sports». Er starb im Alter von 91 Jahren. Was er aber verschwieg: Er hatte immer Hunde und ging mit ihnen lange spazieren, was wohl den entscheidenden Bewegungs-Mix ergab.


    • Auch auf das Wochenende beschränkte Bewegung ist bereits fürs Herz günstig.
      Beim heutigen Lebensrhythmus mit einem hohen Anteil an sitzender Tätigkeit kommen immer mehr Menschen nur am Wochenende dazu, sich zu bewegen. Es ist unklar, ob dieses Verhaltensmuster – im angelsächsischen Sprachraum «Weekend Warrior» (Wochenend-Kämpfer) genannt – langfristig ebenso gesund ist wie regelmässige Bewegung. Die vorliegende Kohortenstudie spricht dafür – bei «Weekend Warriors» war die Sterblichkeit (Gesamtsterblichkeit, sowie Herz-Kreislauf- und Krebs-Sterblichkeit) gegenüber gänzlich inaktiven Personen in ähnlichem Mass verringert wie bei solchen mit regelmässiger körperlicher Aktivität. (O’Donovan G, Lee IM, Hamer M et al. Association of „weekend warrior“ and other: leisure time physical activity patterns with risks for all-cause, cardiovascular disease, and cancer mortality. JAMA Intern Med 2017 (1. März); 177: 335-42) .
      Falls man bereits eine KHK hat,scheint es am optimalsten, falls alle 20 Minuten Inaktivität (Sitzen, Liegen) 7 Minuten leichte körperliche Aktivität/Bewegung folgt. (Ramadi A et al.: Relationship between breaks in sedentary behaviour and free living physical activity … in individuals with coronary artery disease. ePoster Canadian Cardiovascular Congress, Oct. 2018, Toronto)
      Oder:

    • HIIT: einmal pro Stunde 20 Sekunden Sprint auf der Stelle…
      Ganz so wenig Mühe kostet es doch nicht, was Wissenschaftler im Fachblatt Medicine and Science in Sports and Exercise vorstellen. Das Team der University of Texas in Austin testete Freiwillige, die auf einem feststehenden Ergometer mit Schwungrad vier Sekunden lang alles gaben. Nach einer Pause von 45 Sekunden ging es erneut für vier Sekunden in die Vollen, insgesamt fünfmal. Stündlich wiederholten die Probanden die Belastung über acht Stunden hinweg, also die Länge eines Arbeitstages.
      In der Sportmedizin galt lange die Auffassung, dass Ausdauer optimal trainiert, wer dreimal pro Woche 50 Minuten joggt, radelt, schwimmt oder rudert. Mit regelmässig 150 Minuten wöchentlich könne, so die Annahme, das Leben um mehrere Jahre verlängert werden. In jüngster Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass intensive Belastungen von über 6 Stunden pro Woche für unser Herz und Kreislauf sehr schädlich sind, aber solche von 75 Minuten pro Woche in kleinen Einheiten ähnlich nützlich sind. «Weekend Warrior», also gestresste Managertypen, die nur Samstag oder Sonntag Läufe oder Radtouren unternehmen, hören das sicher gerne (aber bitte nicht auch noch leistungsbetont, selbstoptimiert!).
      Nun wird das Training sogar in den Sekundenbereich verknappt.
      Ich finde das super – wenig bringt schon ganz viel! Einmal pro Stunde 20 Sekunden wären im Alltag aber leichter umzusetzen und genauso sinnvoll. Statt des Trainingsrades könne ein Sprint auf der Stelle oder ein schneller «Hampelmann» ähnliches leisten. Auch draussen im Grünen kann ein kurzer Anstieg mal besonders schnell gemacht werden.
      Die Studie hält wichtige Anregungen bereit: Kurz das sesshafte Leben unterbrechen und ein paarmal täglich ausser Atem kommen, stimuliert genussvoll Muskeln, Leber und Kreislauf. Würde man die Menschen so auf zehn Minuten intensive Betätigung am Tag bringen, wäre die Rate der Herzkreislaufkrankheiten halbiert!
      (Studien hier & hier)

      .
    • Fluglärm ist ein kardiovaskulärer Risikofaktor.
      (1) Hansell AL, Blangiardo M, Fortunato L et al. Aircraft noise and cardiovascular disease near Heathrow airport in London: small area study. BMJ 2013 (8. Oktober); 347: f5561
      2) Correia AW, Peters L, Levy JI et al. Residential exposure to aircraft noise and hospital admissions for cardiovascular diseases: multi-airport retrospective study. BMJ. 2013 (8.Oktober); 347: f5561)

      In diesen zwei Studien wurde der Zusammenhang zwischen der Belastung durch Fluglärm und kardiovaskulären Erkrankungen untersucht. In London (3,6 Mio. Personen rund um den Flughafen Heathrow) war das relative Risiko, wegen eines Schlaganfalls oder einer akuten kardiovaskulären Erkrankung hospitalisiert zu werden, signifikant erhöht, wenn die Region mit der höchsten Lärmbelastung (über 63 dB) mit derjenigen mit der geringsten (unter 51 dB) verglichen wurde. In der US-Studie (6 Mio. Personen in der direkten Umgebung von 89 Flughäfen) waren die Zuweisungsraten für akute kardiovaskuläre Erkrankungen bei einer Zunahme der Lärmbelastung um 10 dB um jeweils 3,5% höher. Eine kausale Bedeutung weiterer Umweltfaktoren konnte für die Faktoren Luftverschmutzung und Verkehrslärm in der US-Studie ausgeschlossen werden.
      >>> Lärm als Dauerstress >>>
      .
    • Mehr Raum im Oberkörper tut dem Herzen und seinem Kreislauf sehr gut! Als Menschen (mit der Wirbelsäule im Brustraum hinten im Rücken) verkürzen wir im Leben vor allem vorne in der Frontallinie und leiden häufig im Alter an einem Rundrücken. Eine Verlängerung der Frontal- und Mittellinie und damit mehr Innenraum und mehr Aufrichtung im Oberkörper können strukturelle Methoden erreichen, deren Ziel eine grössere „Tiefenaktivität“ der innen gelegenen Rumpfstabilisatoren (und eine Entspannung der oberflächlichen Rumpfhülle) ist: Alexandertraining, Polarity, Rolfing,…

      Katzen haben schon immer gewusst, was sich gegen eine Verkürzung der Vorderwand machen lässt:
       
      und als Mensch auf zwei Beinen tut man dies am besten gegen eine Wand –
      und dies ist die beste Übung gegen einen Rundrücken!
      hier auf dieser Website >>>

    A-B-Typologie durch Friedman und Roseman:

    Den sog. A-Typ könnte man auch einen „Sympathikotoniker“ nennen.
    Weiterlesen >>>
    Diese Untersuchungen stammen zum grössten Teil aus medizinischen Untersuchungen zu koronargefährdendem Verhalten. Die so genannte Typ-A-Persönlichkeit hat zur Erklärung von Herz-Kreislauferkrankungen  besondere Beachtung gefunden (inzwischen weiss man, dass nicht jede Typ-A-Person einen Herzinfarkt erleiden wird; auch die entspannteren Typ-B-Persönlichkeiten bleiben nicht von koronaren Herzkrankheiten verschont).
    Typ A Verhalten ist gekennzeichnet durch:
    Starke Wettbewerbsorientierung: diszipliniert, tüchtig, verantwortungsbewusst, dominierend, aggressiv, feindselig.
    Neigung zu extremer Verausgabung: verspannt, überlastet, gestresst, immer in Zeitnot, ungeduldig.
    erhöhte Reizbarkeit und Gereiztheit im Zusammenhang mit Neurotizismus und Tendenzen zu Angst und Depression.
    psychophysisches Risikoverhalten: unregelmässige Ernährung, mangelnde Körperbewegung im Wechsel mit sportlichen Höchstleistungen, wenig kontrollierter Genussmittelkonsum, Schlafdefizite.
    Typ A ist ebenfalls durch ein spezifisches Muster von Coping-Strategien gekennzeichnet, z.B. versucht er immer mehr in immer weniger Zeit zu erreichen. Doch nicht die hohe Leistungsorientierung, sondern die defensive Komponente (Feindseligkeit) hat sich in späteren Untersuchungen als das zentrale krankheitsfördernde Merkmal herausgestellt.
    Eine feindselige Haltung gegen Mitmenschen führt zu einem höheren Herzinfarktrisiko als Fettleibigkeit, Rauchen und hohe Blutfettwerte! Das fanden US-Psychologen heraus, die drei Jahre lang 774 ältere Männer beobachteten. Durch permanente Antipathie führen sich die Betroffenen selbst Stress zu. Dieser Stress könnte etwa zu schädlichen hormonellen Reaktionen oder zu Herzrhythmusstörungen führen, vermuten die Forscher. Knapp sechs Prozent der Probanden, die sich auf Grund eines Fragebogens als sehr feindselig erwiesen hatten, bekamen in dieser Zeit eine Erkrankung der Herzkranzgefässe. In einer zweiten Studie wurden 792 ältere Frauen beobachtet: Die Gruppe mit der grössten Feindseligkeit hatte eine doppelt so grosses Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden wie die Gruppe mit der kleinsten Feindseligkeit (Am J Epidemiol 2002 Dec 15;156(12):1092-9).

    Das Risiko abschätzen

    Ist dieser Brustschmerz vom Herz (gefährlich) oder (nur) aus der Brustwand (Verspannung der Weichteile)?

    Falls Sie an einem Schmerz auf der Herzseite (links) Ihres Brustkorbs leiden. Wie wissen Sie, ob ein Herzinfarkt dahinter steckt?

    Fünf Eigenschaften lassen eine koronare Herzkrankheit besonders gut vorhersagen:

    • Alter (Frauen über 64, Männer über 54 Jahre)
    • bekannte Gefässerkrankung (Arterienverkalkung)
    • anstrengungsabhängige Schmerzen
    • durch Tasten oder Bewegung im Brustraum-Arm nicht auslösbare Schmerzen
    • und die Überzeugung der Betroffenen, ihre Schmerzen seien vom Herzen ausgehend.

    Die beste Vorhersagekraft kann erzielt werden, wenn der Score ab 3 erfüllten Punkten als positiv gewertet wurde.
    (Studie: Bösner S, Haasenritter J, Becker A et al. Ruling out coronary artery disease in primary care: development and validation of a simple prediction rule. CMAJ 2010 (7. September); 182: 1295-300)

    Der einfachste Test: 40 Liegestützen

    Wenn eine Ärztin prüfen will, wie gesund das Herz eines Patienten ist, macht sie mit ihm einen Leistungstest – idealerweise auf dem Fahrradergometer oder dem Laufband. Doch das ist zeitaufwendig, und die wenigsten Arztpraxen verfügen über die teuren Sportgeräte.

    Jetzt könnte allerdings noch eine dritte Testmöglichkeit dazukommen – eine, die jeder Hausarzt durchführen kann und die nur ein bis zwei Minuten beansprucht. Der Arzt müsste seinen Patienten einfach nur auffordern: Machen Sie einmal so viele Liegestütze, wie Sie können, und ich sage Ihnen danach, wie gesund Ihr Herz ist.

    Auf diese verblüffende Formel sind Forschende der Harvard University gekommen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren haben sie die Daten von mehr als 1000 Feuerwehrleuten ausgewertet.

    Als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ermittelten die Forschenden, wie viele Liegestütze und wie viel Zeit die Männer auf dem Laufband absolvieren können, wenn sie sich submaximal verausgaben, also bei 80 bis 90 Prozent ihrer maximalen Belastungsgrenze.

    Nach zehn Jahren wurde gegenübergestellt, ob und allenfalls wie stark sich die Anzahl der machbaren Liegestütze auf die Herz-Kreislauf-Stabilität und ein mögliches Infarktrisiko der Männer ausgewirkt hatte.

    Das Ergebnis: Die Probanden, die mehr als 40 Liegestütze am Stück machen konnten, hatten ein um bis zu 96 Prozent geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie zum Beispiel einen Herzinfarkt. Im Laufe der zehn Jahre hatte es unter den Studienteilnehmern 37 Infarktfälle gegeben – 36 davon bei Männern, die weniger als 40 Liegestütze schafften. (Studie)

    Berechnungen

    Für die Berechnung des kardiovaskulären Risikos gibt es verschiedene Instrumente (PROCAM, EU-Score, Framingham Score).
    Wie oben schon erwähnt, sind hier die Faktoren im Vordergrund, die einfach in der ärztlichen Praxis gemessen werden können – und für die eine pfannenfertige Behandlung (meist mit Medikamenten!) bereit liegt. Diese messbaren Werte (Blutdruck, Blutfette, Blutzucker) sind aber weitgehend bereits Sekundärsymptome von viel wichtigeren Risikofaktoren, wie Dauerstress, Bewegungsarmut und Genetik.

    Der am besten validierte Score ist der Framingham Score. Gleichzeitig ist bekannt, dass auch das Vorhandensein eines Metabolischen Syndroms das Risiko für eine koronare Herzkrankheit erhöht, aber mit dem Framingham Score lässt sich das Risiko präziser vorhersagen. (Metabolic Syndrome vs Framingham Score for Prediction of Coronary Heart Disease, Stroke, and Type 2 Diabetes mellitus. Wannamehtee SG et al. Arch Intern Med 2005; 165: 2644-50:  Das metabolische Syndrom ist ein genauerer Prädiktor für das Auftreten eines Diabetes mellitus.

    Framingham-Studie

    Punkte und 5-Jahreswahrscheinlichkeit (%) für das Auftreten einer KHK (koronarern Herzkrankheit):

    Punkte%Punkte%Punkte%Punkte%
    0 bis 1< 1921762514
    211021872616
    311131982717
    411232082819
    511332192920
    6114422113022
    7115523123124
    8216524133225

    PREDICT-Studie: Abnehmendes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

    Was Hausärzt*innen intuitiv in ihrer täglichen Praxis schon vermuteten, erhält nun Unterstützung durch eine Untersuchung an über 400 000 PatientInnen aus Hausarztpraxen («primary care patients») in Neuseeland ohne klinisch bekannte, vorbestehende kardiovaskuläre oder renale Erkrankungen: Das wirk­liche Risiko, ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden, ist deutlich geringer als in den schon etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch die Basis unserer Interventionen bestimmenden Risikostratifizierungen (Framingham-Daten et al.)! Bei etwa 55-jährigen PatientInnen beträgt das Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses innerhalb der nächsten fünf Jahre lediglich 2,3% bei Frauen und 3,2% bei Männern (bei europäischer Herkunft noch tiefer).
    Ärzt*innen werden ihre Vorgehensweisen an diese veränderte Epidemiologie adaptieren müssen, um Überbehandlungen zu vermeiden. Anderseits müssen wir im Sinne der Persona­lisierung Risikopopulationen neu definieren (und erkennen) und damit Unterbehandlungenauf individueller Basis zu verhindern suchen. (The Lancet 2018, doi.org/10.1016/S0140-6736(18)30664-0)

    ESC Score¹

    10-Jahres-Risiko für tödliche kardiovaskuläre Krankheiten in europäischen Regionen mit niedrigem kardiovaskulärem Krankheitsrisiko (z.B. Schweiz):

    Dieser Score ist sehr brauchbar in der täglichen (Hausarzt-)Praxis: Man kann gut ersehen, ob z.B. die Bestimmung des Cholesterins überhaupt einen Sinn macht. Man sieht auch schnell die Wertigkeit der verschiedenen Risikofaktoren (z.B. Rauchen gegenüber Blutfetten oder Blutdruck), was sich also lohnt zu behandeln.

    Was überhaupt nicht beachtet wird, ist der Dauerstress und der Bewegungsmangel!

    Mit positiver Familienvorgeschichte für KHK muss man das Risiko in diesem Score verdoppeln – was aber neuerdings auch sehr umstritten ist (meist kleineres und sehr individuelles Risiko)! (DeBacker G et al. European guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. The Third Joint Task Force of European and other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice (constituted by representatives of eight societies and by invited experts) executive summary. Eur Heart J 2003; 24: 1601–10)

    Risikoberechnung der koronaren Herzkrankheit unter  www.kardiolab.ch : PROCAM Risk Calculator (hier ist auch Familienrisiko eingeschlossen) und speziell für Frauen: Framingham Risk Assessment.
    oder hier: www.riskscore.org.uk

    Nach einem akuten Koronarsyndrom (Herzinfarkte mit oder ohne ST-Veränderungen, instabile Angina pectoris) lässt sich auf Grund der Ergebnisse der Beobachtungsstudie GRACE (Fox KA et al. Prediction of risk of death and myocardial infarction in the six months after presentation with acute coronary syndrome: prospective multinational observational study (GRACE)). BMJ 2006 (25. November); 333: 1091-6) mit relativ einfach zu ermittelnden Angaben das Sterbe- und Reinfarktrisiko berechnen. Das vereinfachte GRACE-Modell kann als Rechner vom Internet heruntergeladen werden: www.outcomes.org/grace .

    Wir haben 3 Milliarden Herzschläge im Leben zu Gute

    Die Herzfrequenz ist ein noch viel zu wenig beachteter kardiovaskulärer Hauptrisikofaktor. Nach dem Alter, dem männlichen Geschlecht, der genetischen Prädisposition und der Hypertonie sollte die Herzfrequenz bereits an fünfter Stelle der wichtigsten Risikofaktoren aufgeführt werden.
    Es ist davon auszugehen, dass allen Menschen gewissermassen ein Kapital von rund drei Milliarden Herzschlägen auf den Lebensweg mitgegeben wird!
    Wer sparsamer damit umgeht, lebt länger, wer verschwenderisch ist, entsprechend kürzer. Mit einem Puls von 80 Schlägen pro Minute sind 71 Lebensjahre möglich, mit einer Frequenz von 100 dagegen nur 57 Jahre! Mit einer Herzfrequenz von 60 lässt sich ein Alter von 96 Jahren, mit etwas Sport und einem Ruhepuls von 50 gar von 115 Jahren erreichen! Auch bei Tieren ist übrigens die Lebenszeit frequenzabhängig. Kleine Tiere wie Mäuse mit einem Puls von 400 bis 500 Schlägen pro Minute werden nur 3 bis 4 Jahre alt, dagegen Elefanten mit einer Herzfrequenz von etwa 30 und Wale (6 bis 40 pro Minute) 30 Jahre.
    Warum ist eine geringe Herzfrequenz so vorteilhaft? bei langsamem Herzschlag dauert die Diastole länger. Eine geringe Herzfrequenz verbessert die Koronarperfusion, weil sich der Koronarfluss weitgehend auf die Diastole beschränkt, und vermindert überdies den Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels. Ein erhöhter Puls verstärkt dagegen den oxydativen Stress und den Umbau des Herzens (Remodeling). Das Herz dilatiert (erweitert sich) also bei einer Tachykardie (hoher Puls) schneller als bei einer Bradykardie (langsamer Puls).

    Yoga mit Meditation hilft gegen Vorhofflimmern

    In dieser Studie wurden die Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern zunächst mit drei Monaten sportlichen Aktivitäten ihrer Wahl behandelt. Anschliessend nahmen die Leute drei Monate lang an einem überwachten Yoga-Programm mit Atemübungen, Yoga-Stellungen, Meditation und Entspannung teil. Keiner der Probanden hatte vorher bereits Erfahrung mit den fernöstlichen Übungen.
    Es zeigte sich, dass während der Yoga-Interventions-Phase die Episoden von Vorhofflimmern um die Hälfte zurückgingen. Ausserdem verringerten sich Angst- und Depressions-Symptome und die Lebensqualität stieg.
    Als Wirkungsmechanismus werden günstige Einflüsse auf den Sympathikotonus diskutiert. (Weiterlesen zur Entspannung >>>).

    Und… gegen Vorhofflimmern hilft auch ein völliger Alkoholstopp.

    Statine – Medikamente gegen den Herzinfarkt?

    Eine Metaanalyse von 25’000 Personen (Durchschnittsalter 73 Jahre, Follow-up 3,5 Jahre), die Statine (Blutfettsenker) einnahmen oder nicht, ergab bei den Statin-Nutzern eine relative Reduktion der Myokardinfarktrate um 40% und der Schlaganfallrate um 25%!
    Die Mortalität (Sterblichkeit) jeglicher Ursache wurde durch diese Statineinnahme jedoch nicht beeinflusst!
    Welche Todesursache hätten Sie denn gern? Herzinfarkt oder Demenz?!
    (Savarese G, et al. J Am Coll Cardiol. 2013; doi:10. 1016/j.acc.2013.07.069)

    Der Albtraum beginnt danach: Posttraumatische Belastungsstörung nach einem Herzinfarkt

    Todesangst und Kontrollverlust! Wer einen Herzinfarkt hat, geht auch psychisch durch extreme Zeiten. Ungefähr jeder Zehnte leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei dieser Störung haben Patienten Albträume und einen gestörten Schlaf. Zudem drehen sie das Ereignis dauernd im Kopf und haben eine grosse Angst vor einem weiteren Infarkt.
    Und diese Symptome sind riskant. Sie können einen weiteren Herzinfarkt auslösen. Eine posttraumatische Belastungsstörung verdoppelt das Risiko, in den nächsten ein bis zwei Jahren an einem weiteren Herzinfarkt zu sterben.
    Je grösser die psychische Belastung nach dem Herzinfarkt, desto höher ist das Risiko für einen erneuten Aufenthalt im Spital. Forscher vermuten, dass traumatisierte Patienten weniger gut auf die Gesundheit achten. So schaffen es traumatisierte nach dem Herzinfarkt zum Beispiel seltener, das Rauchen aufzugeben oder ihre Medikamente regelmässig einzunehmen.
    Prophylaktisch ist entscheidend, die Symptome früh zu erkennen. Dabei sind vor allem die Spitäler gefordert. Das Personal der Herzabteilungen spielt dabei eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, traumatische Reaktionen zu verhindern. Ärzte und Pflegepersonal sollten die verunsicherten Herzpatienten ernst nehmen und ihnen mit einer guten Aufklärung und Beratung wieder Sicherheit vermitteln. Herzspezialisten sollten in den ersten Monaten nach einem Herzinfarkt psychische Symptome immer wieder gezielt erfragen. So könnte man dem Patienten bei Bedarf früh eine Psychotherapie bieten.
    Besonders gefährdet sind Patienten über 60 Jahre ist. Sie erleiden eher eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Grund: Mit steigendem Alter kann man weniger gut mit Stress umgehen und man wird schmerzempfindlicher. Auch Menschen ohne funktionierendes soziales Netz und die bereits an einer psychischer Krankheit leiden, sind mehr gefährdet.
    Auch Patienten können vorbeugen: Ein Herzinfarkt hinterlässt das Gefühl, dass etwas mit dem Körper nicht in Ordnung ist. Daher sollte man wieder positive Erfahrungen machen. Dabei hilft Bewegung. Ausserdem sollen Patienten mit Freunden, Ärzten und Therapeuten über ihre Ängste sprechen. Man sollte zudem versuchen, im Herzinfarkt einen Sinn zu erkennen. Zum Beispiel, indem man ihn zum Anlass nimmt, das Rauchen aufzugeben, sich gesünder zu ernähren oder sich mehr zu bewegen.
    Das hilft nach dem Herzinfarkt:
    – Sprechen Sie mit vertrauten Menschen über Ihre Erlebnisse.
    – Machen Sie regelmässiges Bewegungstraining wie Gehen, Gymnastik oder Übungen am Heimtrainer. Auch Schwimmen, Langlauf, leichtes Joggen und Fahrradfahren eignet sich. Tun Sie das, was Ihnen Freude macht.
    – Vermeiden Sie Stress.
    – Machen Sie Entspannungstraining wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga. Es hilft gegen Nervosität, Herzjagen und hohen Blutdruck.
    – Ernähren Sie sich abwechslungsreich und gesund: mit wenig tierischem Fett, wenig Zucker, viel Obst und Gemüse.
    – Achten Sie auf Ihr Gewicht
    – Lassen Sie sich regelmässig vom Arzt untersuchen
    – Gehen Sie den Ursachen des Herzinfarktes auf den Grund: Welche Prioritäten habe ich bis jetzt im Leben gesetzt? >>> Weiterlesen in dieser Website.
    – Suchen Sie Hilfe bei Problemen am Arbeitsplatz oder in der Familie.
    Mehr Infos:
    Weiterlesen über die (allgegenwärtige) Todesangst >>>
    Merkblatt «Empfehlungen für den Umgang mit belastenden Ereignissen», herausgegeben vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen: www.nfszh.ch/hilfen-fuer-betroffene

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    07. November 2025

  • Histaminintoleranz

    Nahrungsmittelunverträglichkeit

    Von den 20% der Menschen, die an Nahrungsmittel-Unverträglichkeit  leiden, haben nur 10% eine echte Nahrungsmittel-Allergie, also nur etwa 2-4% der Gesamtbevölkerung! Dann 40% eine Kreuzreaktion mit Pollen und 50% eine Fruktose-, Laktose– oder Histamin-Intoleranz (je zu einem Drittel etwa). Daneben ist noch die Zöliakie, die Pseudoallergie und psychische Unverträglichkeit (Bestimmte Nahrungsmittel werden nicht vertragen, weil sie der eigenen Überzeugung widersprechen.) abzugrenzen.

    Histaminintoleranz – eine Pseudoallergie

    Histamin ist eine biologisch hochpotente Substanz: Es reguliert unter anderem die Magensaftsekretion, erweitert die Gefässe, wirkt als Wachstumshormon und Neurotransmitter im Gehirn und wird auch mit einer verbesserten Lernfähigkeit in Zusammenhang gebracht. Und es ist absolut hitze- und kältestabil. Zu einem Histamin-Überschuss kommt es dann, wenn der  Körper zu viel davon produziert, wie in einer plötzlichen Stresssituation oder durch histaminreiche Nahrung: Rotwein, Bier, Käse, Nüsse, Fisch, Rohwurst, Tomaten. An einer „Fischvergiftung“ ist meist eine Histamin-Intoleranz schuld. Zu Symptomen kommt es, wenn der Histamin-Abbau durch das Enzym Diaminoxidase (DAO) nicht funktioniert, wenn also zu wenig oder inaktive DAO vorhanden ist. Aber, DAO ist nicht nur für den Abbau von Histamin, sondern auch für den anderer biogener Amine zuständig (z.B. Tyramin). Das heisst: Auch Speisen, die wenig bis kein Histamin dafür aber viele andere biogene Amine enthalten, können Beschwerden machen beziehungsweise verstärken.

    Eine Modekrankheit? – meist Angst- und Essstörung

    Geradezu Leitsymptom beim hohen Histaminspiegel ist der Kopfschmerz. Aber auch niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Hitzegefühl, ein flauer Magen, Schweissausbrüche nach dem Essen, auch Gesichtsröte, laufende Nase und Juckreiz nach Essen.

    Erschwerend auf die Diagnostik wirkt nicht nur die Vielfalt an Symptomen, sondern dass sich diese oft zeitverzögert, also Stunden nach dem Essen, zeigen.

    Histamin-Intoleranz scheint zu einer Modekrankheit geworden zu sein. Zu mir kommen immer mehr Patienten, die eine Histamin-Intoleranz vermuten, aber bei den meisten haben ihre Beschwerden andere Ursachen. Diese Störung ist meist nur ein Teil eines „Teufelkreislaufes“ mit einer Angststörung und damit einhergehenden Essstörung.

    Die Histaminintoleranz ist eine sog. Pseudoallergie und keine echte Allergie. Es ist keine immunologische Reaktion, es werden keine IgE oder Antikörper gebildet. Charakteristisch für Pseudoallergien ist eine Dosis-Wirkungskurve, die bei Allergien nicht beobachtet werden kann. So können geringe Mengen Histamin freisetzender Substanzen oder Histamin haltiger Lebensmittel toleriert werden, ohne dass Symptome auftreten. Mit steigender Menge an Histamin freisetzenden Substanzen oder aufgenommenem Histamin nimmt die Schwere der Symptome zu. Weil die Pseudoallergien nicht-immunologische Reaktionen sind, also nicht über spezifische Antikörper vermittelt werden, können sie bereits beim ersten Kontakt mit Histamin freisetzenden Substanzen bzw. stark Histamin haltigen Lebensmitteln auftreten. Eine Diagnose von Pseudoallergien kann daher auch nicht über das Messen von Antikörpern in Blutproben erfolgen.

    Kopfschmerz nach Wein

    Den meisten ist bekannt, dass Wein Kopfschmerzen verursachen kann. Insbesondere natürlich, wenn zuviel konsumiert wird. manchmal aber treten Kopfschmerzen und allergische Hautrötungen bereits schon bei kleinen Mengen auf. Auslöser dafür sind in erster Linie diese biogene Amine. Hinzu kommt, dass Alkohol die Wirkung von Histamin verstärkt. Wichtig zu wissen ist, dass Wein beileibe nicht der einzige Histamin Lieferant ist. Durch bakterielle Tätigkeit bei Reifungsvorgängen in Lebensmitteln entstehen teilweise beträchtliche Mengen an Histamin. Als Faustregel gilt: Frische Lebensmittel enthalten meistens wenig Histamin. Lange gelagerte Käsesorten, Essig, Sauerkraut, Salami und vor allem überlagerte Lebensmittel wie beispielsweise nicht mehr frischer Fisch (insbesondere Thunfisch und Makrelen) können beträchtliche Mengen Histamin aufweisen. Alkoholgenuss und Rauchen verstärken die Wirkung. Ein anderes biogenes Amin, Tyramin, kann in Kakao (Schokolade) in grösseren Mengen vorkommen und bei Migränepatienten Kopfschmerzen auslösen. Tyramin ist auch in gewissen Weinen in erhöhten Konzentrationen vorhanden. Weissweine haben in der Regel einen tieferen Histamin Gehalt als Rotweine. Wird bei der Weinherstellung und -lagerung unsauber gearbeitet, liegt der Histamin Gehalt höher, während frisch vergorene Weine kaum Histamin enthalten. heikel ist der biologische Säureabbau, den praktisch alle Rotweine durchlaufen. Dabei wird die sauer schmeckende Apfelsäure in die mildere Milchsäure umgewandelt. Probleme beim Säureabbau resultieren sofort in hohen Histamin Werten. Untersuchungen zeigten, dass insbesondere Rioja und Châteauneuf-du-Pape anfällig auf höhere Histaminwerte sind.

    Als Fazit gilt: Nicht immer ist der Wein schuld an Kopfschmerzen. Sind Sie empfindlich, sollten Sie gewisse Lebensmittel meiden oder nur in kleinen Mengen verzehren, insbesondere dann, wenn Sie gleichzeitig Alkohol konsumieren.

    Wie testen?

    Schwierig ist auch die Testung in der Praxis, da es wohl ein Testkit für das Enzym DAO gibt, aber für den Histamin-Nachweis das Blut sofort in Eiswasser und in eine Kühlzentrifuge gelangen muss.
    Es ist bisher auch überhaupt nicht nachgewiesen, dass die beschriebenen Symptome tatsächlich durch einen Mangel an dem Diaminoxidase-Enzym verursacht werden. Durch Messung des Enzyms im Blut kann man ausserdem nicht darauf schliessen, wie gut das Enzym im Darm wirklich arbeitet.
    Inzwischen kennt man zudem mindestens vier verschiedene Stoffwechselwege, über die Histamin abgebaut werden kann. Eine Schwäche in einem dieser Wege sollte also nicht dazu führen, dass man Histamin nicht mehr verträgt.

    (vielen Dank an Prof. Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologie, USZ – Ärztekongress Arosa, 2014)

    Auch hier – wie so oft bei Nahrungsmittelbedingten Krankheiten – zeigt nur ein Verzicht auf die vermuteten Nahrungsmittel und später das Testessen mit einzelnen dieser Esswaren, was genau schuld ist.
    Ich bitte die Patienten, einige Wochen lang genau aufzuschreiben, was sie essen und welche Beschwerden auftreten. Ich prüfe anschliessend, ob diese mit dem Histamin Gehalt in den Nahrungsmitteln korrelieren. Verträgt man Histamin nicht, sollten nach einer zweiwöchigen Histamin armen Diät die Symptome verschwinden und bei Wiedereinführung einer Histamin reichen Ernährung wieder auftreten.

    Bei über 95 Prozent der Patienten ist das aber nicht der Fall. Daraus lässt sich schliessen, dass sie keine Histamin-Intoleranz haben.

    Manche Experten raten – ähnlich wie bei Allergien – zu einem Provokationstest, bei dem man entweder Histamin oder Placebo-Kapseln schluckt und wartet, ob dadurch Symptome ausgelöst werden. Das Problem dabei ist aber, dass die üblicherweise verwendete Dosis von 75 mg Histamin auch bei vielen gesunden Probanden zu Beschwerden führt. Man empfiehlt stattdessen einen titrierten Provokationstest mit steigenden Dosen Histamin, um die individuell verträgliche Dosis zu ermitteln. Die kann aber auch bei einem Betroffenen selbst stark schwanken. So hemmen etwa bestimmte Medikamente oder Alkohol die Aktivität der Enzyme.

    Therapie

    Bei Histamin entscheidet die Menge über das „Gift“. Die nachhaltigste Therapie ist natürlich eine Diät (>>> hier eine genaue Anleitung).

    …und hier vom Unispital Zürich:

     Nach kurzer Zeit nimmt die Zahl der Histamin-Rezeptoren ab und es werden wieder grössere Mengen Histamin haltiger Speisen vertragen. Ob das allerdings auf biologische Effekte zurückzuführen ist oder sich die Patienten durch die ausführliche Ernährungsberatung besser fühlen, ist unklar. Die Psyche spielt dabei eine Rolle. Auch Stress im Beruf oder in der Partnerschaft verursachen manchmal solche Beschwerden.

    Wer auf seinen Käse und seine Schokolade nicht verzichten will, für den gibt es auch medikamentöse Hilfe. Gerade bei Patienten mit Durchfall haben sich H1-Rezeptorblocker bewährt (Dimetinden, Clemastin). Diese wirken so blitzartig, dass man sie eventuell auch zur Diagnose verwenden kann.

    Ein sehr guter Übersichtsartikel hat Brunello Wüthrich in der Dermatologie Praxis 2/2011 geschrieben: Hier zu lesen.

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    07. Mai 2024

  • Homöopathie

    Homöopathie

     Ist Homöopathie nichts weiteres als ein Placebo?!

    Die Homöopathen wehren sich vehement gegen diese These – und übersehen womöglich, dass dieses Urteil eher ein Lob ist als ein Vorwurf. Denn offenbar heilt der Mensch sich vor allem selber, mit seiner eigenen „Lebenskraft“. Warum sollte ein solcher, längst nachgewiesen mächtiger Effekt sich nicht noch steigern lassen mit einer homöopathischen Behandlung? Einer Methode, die noch den schwächsten Hauch eines körperlichen Symptoms zu erspüren sucht, dazu die Seele streichelt und sich so dem Dunkelgeschöpf Mensch auf besonders geschickte Weise nähert?
    Die homöopathische Arznei ist ein kommunikativer Prozess, die Homöopathie eine „Beziehungsmedizin“. 

    Hilfe zur Selbsthilfe

    Wer mit der Homöopathie eine Lösung seiner gesundheitlichen Probleme mittels eines Kügelchens erhofft, befindet sich in der Irre und wird scheitern.

    Der homöopathische Prozess sollte immer auch durch Veränderungen im Lebensstil begleitet sein. Weiterlesen >>>

    Stellen Sie sich vor, dass durch diese Therapie die in Ihnen wirkende (eventuell gestörte) Lebenskraft als Heilenergie freigesetzt wird. Sie wirkt primär durch Beeinflussung der mentalen und energetischen Ebene des Menschen. Die Homöopathie ist eine Hilfe zur Selbsthilfe. Sie betrachtet auch z.B. Krankheitssymptome, wie Fieber, Hautausschlag, Durchfall, Entzündung usw. als Ausdrucksformen der Selbstheilung des Organismus, die nicht unterdrückt, sondern vielleicht noch unterstützt werden sollen, um den Heilungsprozess zu beschleunigen -immer vorausgesetzt, sie zeigen sich nicht überschiessend und zerstörerisch.
    Als Ergänzung dazu ist die Allopathie (die sog. „Schulmedizin“) grundsätzlich eine auf die physische Ebene einwirkende Heilmethode und deshalb z.B. in Notfallsituationen, in denen das Leben durch das Versagen einer einzelnen Lebensfunktion akut bedroht ist, die oft einzig mögliche und souveräne Therapie. (Siehe auch „Indikationen und Grenzen der Homöopathie“ am Schluss).

    Wie erreicht die Homöopathie diese Hilfe zur Selbsthilfe?

    Der Begründer der Homöopathie, Samuel HAHNEMANN (1755-1843) stellte die These auf, dass ein Heilmittel, welches „rhythmisch verdünnt“, d.h. „potenziert“ wird und dann in der sog. Arzneimittelprüfung an Gesunden (Der Prüfling nimmt eine Dosis C30 und nach ein paar Tagen nochmals dieselbe Potenz mehrmals innert 1 bis 2 Tagen bis die Symptome erscheinen ein) für dieses Mittel typisches Symptomenbild zeigt; dass nun diejenige Arznei, die die meisten Symptome der Ähnlichkeit (zur Krankheit) zu erzeugen imstande ist (also das Simillium), die ganze gegenwärtige Krankheit schnell, gründlich und dauerhaft aufhebt und in Gesundheit verwandelt. Ein sehr hoher und idealistischer Anspruch, der meist den Therapeuten und Klient überfordert…
    und dann eine „Guru-Heilmethode“ wird.

    Was heisst nun potenziert?

    C1 heisst z.B., dass der Stoff nach genauen Regeln 1:100 mit Milchzucker verrieben worden ist. Meist wird bis C3 verrieben und dann weiter 1:100 mit medizinischem Alkohol verdünnt und dabei nach gewissen Regeln geschüttelt. (Falls man nun nochmals 1:100 verdünnt, erhält man C4, etc.). Während diesem Vorgang wird eine Energie (=Potenzierung) freigesetzt, so die These, welche wissenschaftlich nicht messbar ist.

    Die Homöopathie erhebt hier Anspruch auf strenge Wissenschaftlichkeit, was ein Widerspruch in sich ist. Ein Befürworter eines ganzheitlich-avantgardistischen Weltbildes sollte wenigstens konsequent sein und an die Stelle des mechanischen Verfahrens der Arzneikraftentwicklung ein metaphysisches setzen!
    Ich formuliere mal weiter vorsichtig: Wenn das Arzneimittel nach homöopathischen Grundsätzen angewandt wurde, lösen diese Energien eine Art „Resonanzschwingung“ in den heilenden Strukturen des Organismus aus – was wohl jedes gut angewendete Placebo auch tut. Bis etwa C4 / C6 oder D8/D12 (D1, heisst 1:10) überwiegen die allopathischen Wirkungen. Dies sind also nur Verdünnungen und keine Potenzen! Bei D23 existiert aus wissenschaftlicher Sicht keine Materie mehr. Es werden aber – so die Theses – immer mehr der oben beschriebenen Energien frei. Die heilende Wirkung also umso grösser, die Dosis kleiner, die Intervalle länger.

    Wir sollten hier erkennen, dass dies ein Wieder-Aufkommen eines medizinischen Weltbilds von vor der Renaissance, also aus dem Mittelalter aufgewärmt wird.

    Alte Weltbilder leben weiter

    Was geschieht eigentlich mit den Hintergrund­filmen, die von den Film­studios nicht mehr gebraucht werden? Werden sie zerstört oder in Billig­produktionen wiederverwendet? Anders gefragt: Was geschieht mit den alten Diskursen und Para­digmen, wenn sie ausgedient haben?

    Michel Foucault (der den Begriff Diskurs geprägt hat) und Thomas Kuhn (mit dem Paradigmenwechsel) dachten, sie würden auf dem Abfall­haufen der Geschichte entsorgt. Doch dem ist nicht so: Zwar interessierte sich nach Kopernikus kaum jemand für die ptolemäischen Planeten­bahnen. Doch bei den Flat-earthern haben sie Unterschlupf gefunden. Seit der Renaissance forderte die Medizin nicht mehr eine Ähnlichkeit zwischen Therapeutikum und der Krankheit. In der Homöopathie hat diese Vorstellung aber überlebt. Der Einfluss der Gestirne auf die Gesundheit spielt in der Medizin keine Rolle mehr. Ausser bei ein paar Anhängern der Astrologie. Nach Darwin hielt niemand mehr den Axolotl (ein mexikanischer Lurch) für ein gott­geschaffenes Monster, das die Menschen zur Umkehr mahnen soll. Ausser ein paar US-amerikanische christliche Fundamentalisten.

    Tatsächlich bilden alte, ausgediente Paradigmen den Kern der meisten alternativ-esoterischen Theorien. Doch im Unterschied zu den alten Theorien sind sie nun hermetisch geschlossen und nicht mehr entwicklungs­fähig; sie dienen nicht mehr dem Wissen, sondern nur noch dem Besserwissen: Sie bekämpfen den Mainstream um der eigenen Selbst­vergewisserung willen. (Daniel Strassberg in der Republik, 28.02.23)

    Da beschreibt er auch den Paradigmenwechsel der alten Pazifistinnen (die „sich treu blieben“, wie Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht) und gegen Waffenlieferungen an die Ukraine sind, aber dabei in Kauf nehmen, dass Kiew überrollt und dann vergewaltigt und von Wagner-Söldner mit dem Vorschlaghammer gefoltert und getötet werden

    Homöopathie und Schulmedizin

    Diese und die folgenden Entdeckungen von Hahnemann waren aus einem mittelalterlichen Weltbild erschaffen und dabei noch völlig empirisch, d.h. aus reiner Erfahrung gewonnen. Man kann dies alles wissenschaftlich-theoretisch nicht nachvollziehen, weshalb die Homöopathie universitär abgelehnt wird. Sie ist deshalb auch hermetisch abgeschlossen und kaum mehr entwicklungsfähig.
    Die Schulmedizin kann aber trotzdem neue Impulse aus diesem Prototyp einer, durch ihre Mobilisation körpereigener Kräfte geprägten Heilslehre schöpfen. Andere, ähnliche Heilsformen sind, so gesehen, auch die Akupunktur und andere „energetische“ Therapien der Alternativmedizin, die Pflanzenheilkunde, die Heilung mit Ernährung und Diät und die Psychotherapie. Dinge also, die auch ein rein „schulmedizinisch“ arbeitender Hausarzt bereits schon immer in seiner Heilkunst angewandt hat.

    Die Gefahr einer zu einseitigen  „Schulmedizin“ liegt in der Suche, nur Schmerzen oder Funktionseinbussen zu eliminieren, Alterungs- und Abnützungserscheinungen zu bremsen, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, vorzeitigen Tod oder Invalidisierung zu verhüten. Das heisst, im Wesentlichen irgendwelche lästigen oder potentiell gefährlichen Zustände wegzukurieren bis zu einem üblichen Zustand von Indifferenz, in dem unser Organismus so gut funktioniert, dass wir ihn kaum mehr spüren. Da mit fortschreitendem Alter die Störungen aber zahlreicher und länger dauernd werden, uns in unserer Entfaltung mehr und mehr einschränken, schwächen und schliesslich „umbringen“, ist dieses Zerrbild einer Schulmedizin ein langsames Rückzugsgefecht. Die Schulmedizin rechtfertigt sich selber nicht, gibt uns keinen Lebenssinn, keine Erklärung über den Sinn von Leiden, Schmerz und Tod. weiterlesen über das Kohärenzgefühl in der Salutogenese >>>

    Wissenschaft und Homöopathie – Lernen mit Unwissen zu leben

    Nur soviel zum Begriff  „Wissenschaft“: „Die Wissenschaft verändert sich von Beerdigung zu Beerdigung“ (Max Planck). Oder anders ausgedrückt: Was gestern als „wissenschaftlich“ galt, ist heute schon „mittelalterlich“. kann man aber auch so über die Homöopathie sagen…
    Ein weiser Wissenschafter muss also mit Unwissen und Vorläufigkeit leben lernen (siehe unsichere Anfangszeit von Covid-19 als eigentlicher „Blindflug“!). Auch einem Homöopathen würde gut anstehen, wenn er mehr Unsicherheit und Vorläufigkeit eingestehen könnte – und nicht (wie schon der allmächtige Hahnemann!) Guru-haft, allwissend aufzutreten. Die allmächtige Ablehnung aller Impfungen scheint mir so ein Ausdruck dieser Guruhaltung zu sein. Man muss sich dann nicht wundern, wenn man sich auf diversen Anti-Corona-Hygiene-Demos inmitten rechtspopulistischen Verschwörungstheoretikern wiederfindet, die alle einem doktrinär Gut-und-Böse-Schwarzweiss-Denken frönen! >>>Weiterlesen in meinem Blog.

    Wenn das Ziel einer pathogenetischen Schulmedizin Heilung, Rückführung oder Restitutio zum Vorzustand ist, ist das der „komplementären“, salutogenetischen Medizin also Erklärbarkeit, Sinnfindung, Heilwerden, Reifung. Und genau deshalb, weil das Behandlungsziel nicht dasselbe ist, sind die beiden Sichtweisen häufig kompatibel, ja eigentlich „komplementär“. Was uns fehlt, ist mehr Verständigung, auf welcher Ebene Not ist, und ob wir bereit sind, die Sinnfrage (zum Beispiel auch vom Schmerz) zu stellen, den Hilfesuchenden auf seinem Weg zu begleiten und in die Eigenverantwortung und Selbständigkeit zu entlassen, ob mit „schulmedizinischen“ oder salutogenetischen Methoden.

    Dazu muss man deutlich anfügen, dass auch sehr viele sogenannte Schulmediziner salutogenetisch arbeiten und sehr viele Homöopath*innen pathogenetisch!

    Zudem sollte jeder, der „auf Homöopathie schwört“ (und vielleicht die Schulmedizin primär mal ablehnt, da zu technisch…) bei sich genau hinsehen, ob er dem häufigen Denkfehler von uns modernen Menschen aufsitzt, dass „Natürliches sowieso gut – und besser als alles Wissenschaftlich-Technische ist:  walserblog.ch/alles-natuerliche-ist-gut/

    Sanfte Alternativen? Zum autoritären Welt-und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren

    >>> Ingrid Tomkowiak, Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich >>>

    Über homöopathisches Denken – 7 Denkfehler der Homöopathie

    Dieser Text ist eine Art Fortbildung für Kontrahenten: für Homöopathiefans und -gegner in Spectrum.
    Nathalie Grams, früher praktizierende Homöopathin, jetzt Homöopathiekritikerin, und Nikil Mukerji tragen 7 Denkfehler zusammen, denen man sehr oft im Zusammenhang mit Homöopathie begegnet. Dabei lernt man nicht nur etwas über die Geschichte der Homöopathie und zur Theorie der Wirkweise homöopathischer Mittel, sondern auch über das Denken und die Kommunikationsstrategien von Homöopathen, die ihre Heilmethode verteidigen.
    Zwischendurch gibt es leicht verständliche Infos über klinische Studien und ihre Methoden, über evidenzbasierte Medizin und darüber, warum man die Wirkweise der Homöopathie nicht wissenschaftlich belegen konnte und was Studienergebnisse stattdessen nahelegen.
    Bei wem die Struktur des Textes und die Überschrift einen Widerstandsreflex auslösen: lesen lohnt trotzdem. Denn der Text geht respektvoll mit den Argumenten der Homöopathen um und erklärt gut, was die springenden Punkte sind.
    Wenn man danach immer noch zur Homöopathie greifen will, so tut man es wahrscheinlich mehr im Bewusstsein dessen, wo ihre Grenzen liegen und versteht die Kritik an ihr um einiges besser.
    >>> www.spektrum.de/news/denkfehler-der-homoeopathie/1499429

    Die Ärztin Natalie Grams-Nobmann führte eine Praxis für Homöopathie. Doch als sie für ein Buch recherchierte, kippte ihre Haltung zur Homöopathie komplett. Als sie ihr Buch «Homöopathie neu gedacht. Was Patienten wirklich hilft» dann veröffentlichte, gab es Mord­drohungen. Im Podcast «Denkangebot» spricht Katharina Nocun mit Grams-Nobmann über Erkenntnisse, Wahrheiten und den Placebo­effekt.

    Paracelsus und die Homöopathie

    Das Drama des Paracelsus bestand darin, dass er nach seinem revolutionären Verwerfen der Vier-Säfte-Lehre eine eigene „Guru-Medizin“ schuf: die alchemistische Medizin. Er sprach nicht mehr über das Sieden und Garen von Säften, sondern über die Umwandlung der Grundstoffe Quecksilber, Schwefel und Salz. Dabei suchte er die Quintessenz dieser Stoffe durch chemische Bearbeitung – die Grundlage der Spagyrik und später der Homöopathie. Wie genau dies geschah, bleibt unklar, ausser für den „Guru“, der es behauptete. So entstand eine undurchschaubare neue Lehre aus der mittelalterlichen Alchemie, meist mit unklarem Ausgang und oft einer Quecksilbervergiftung – eine eigentliche Eso-Medizin.

    Homöopathie und Psychoanalyse

    Schaut man genauer hin, finden sich bei beiden Methoden zahlreiche Gemeinsamkeiten: Im Zentrum der Behandlung steht die Patientin oder der Patient und nicht wissenschaftliche Doktrin, rigide Diagnostik und Unterteilung der Krankheiten. Der deutsche Arzt, Psychosomatiker und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hielt fest: „Der zentralste Gedanke ist, dass es der Tiefenpsychologie nicht so sehr auf die Ähnlichkeit der Krankheitszeichen, auf das Typische eines Krankheitsbildes ankommt, als auf den einzelnen in seiner Krankheit.“, Die Lebensumstände des Kranken werden mitberücksichtigt, seine Ausdrucksmöglichkeiten sind für die Beurteilung von besonderer Wichtigkeit.
    Um den Erkrankten mit seinen «auffallenden, ,sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenen (charakteristischen) Zeichen und Symptomen» zu erfassen, wie es Samuel Hahnemann formulierte, wird dem Gespräch viel Platz eingeräumt: auch für alogische und ungeordnete, spontane Einfälle. Freud spricht vom „freien Assoziieren“.
    Unbestritten ist, dass sich Patientinnen und Patienten dabei viel besser verstanden und angenommen fühlen als in einer kalten und eher technisch ausgerichteten (Schul-)Medizin.
    Bereits die homöopathische Bestandesaufnahme respektive das psychoanalytische Erstgespräch können die spätere Genesung in Gang setzen. Auch die Behandlung weist gewisse Parallelen auf: Das „Simile-Prinzip“ (Gleiches mit Gleichem zu behandeln) der Homöopathie findet sich in abgewandelter Form in der Psychotherapie. Die in der Homöopathie durch die Arznei induzierte „Kunstkrankheit“ entspricht der –“Übertragungsneurose“ der Psychoanalyse, also dem Wiederholen der Neurose in der Beziehung zum Therapeuten. In beiden Fällen geht der Heilung eine Rückkehr zu den Quellen der Krankheit mit dem Lösen von Konflikten und (frühen) Verstrickungen voran. Dies kann sich als vorübergehende Verschlechterung der Beschwerden äussern, in der Psychoanalyse wird von Regression gesprochen.
    Der deutsche Psychoanalytiker Tilmann Moser („Körpertherapeutische Phantasien“) vergleicht die psychoanalytische Deutung mit der Verabreichung alternativmedizinischer Essenzen. Deutungen könnten magischen Substanzen gleichen, „die hoch über den Köpfen der Patienten oder tief giftig, aufbauend oder gar destruktiv, assimiliert oder in ihrer Wirkung Einlagerungen gleichend, die sich im seelischen Gewebe festsetzen und still vor sich hin eitern können“.
    Durch das „Potenzieren“ der Arzneimittel bleibt eine „Information“ über das ähnliche Vergiftungsbild zurück und wird dem Patienten gegeben. Man kann dies mit der Bewusstwerdung (Information) des Klienten über die alten „Vergiftungen“ und Blockaden bei der Psychoanalyse gleichsetzen.
    Paradoxerweise ist es gerade die von Patientinnen und Patienten geschätzte Würdigung des Individuellen, des nebenbei und freien Erzählens sowie das Zulassen des Zufälligen und Akausalen, die Homöopathie und Psychoanalyse für den Wissenschaftsbetrieb so ungeeignet erscheinen lassen.

    Indikationen und Grenzen der Homöopathie

    Sehr wichtig erscheint mir, dass man nun nicht in die Euphorie verfällt, alles und jedes sei mit dem Wundermittel „Homöopathie“ absolut heilbar. Homoöpath*innen sind besonders gefährdet, einer Hybris zu erliegen.
    Die Homöopathie hat ihre klaren Grenzen! Einer der grössten Nachteile der Homöopathie liegt darin, dass sie letztendlich eine „passive“ Therapieform ist. Der Homöopath muss den Klienten, den Menschen, der vor ihm sitzt möglichst präzis in ein vorgegebenes Schublädchen einfügen. Dazu verneigt sich die Methode noch vor diversen „Dogmen“ des Herrn Hahnemanns. Die Gefahr besteht, dass dabei vor lauter fast zwanghafter Akribie Ressourcen, Lebensstilveränderungen und Perspektiven des „Patienten“ vernachlässigt werden. Er erhält zum Schluss ein paar Kügelchen, schluckt diese und wartet „passiv“ der Veränderungen, die da kommen sollen…
    Die homöopathische Mittelfindung und -gabe sollte also immer auch von einer allgemeinen und individuell geführten Bewusstseinsbildung des Gesundheitsverhaltens begleitet sein!

    Als sekundäre „Neben“-Therapie ist die Homöopathie immer erlaubt, falls dadurch nicht eine unbedingt notwendige, lebensrettende Therapie verhindert oder aufgeschoben wird.
    Als primäre „Haupt“-Therapie aber kontraindiziert bei allen jenen Verletzungen und Krankheiten, die pharmakologisch nicht beeinflussbar sind und meist chirurgisch angegangen werden müssen, zum Beispiel bei Knochenfrakturen, Hirnblutungen, Magenperforationen, eingeklemmten Hernien usw. und bei jenen Krankheitszuständen, bei denen die eigene Selbstheilungsenergie kaum mehr vorhanden ist und deshalb auch nicht angekitzelt werden kann (Krebs, AIDS, Krankheiten mit zu grossen pathologischen Organveränderungen, starke Infektionen (Lungenentzündung, …), Autoimmunkrankheiten, die organisch zerstörend wirken (z.B. eine gelenkzerstörende Polyarthritis), Vergiftungen,…) oder welche z.B. unbedingt eine Substitutionstherapie erfordern wie zum Beispiel ein Diabetes mellitus, eine Schilddrüsenunterfunktion, etc.. Die „Schulmedizin“ ist in diesen Fällen die Therapiewahl Nummer Eins.

    Eine ausschliesslich homöopathische Therapie ist nur bei jenen Kranken sinnvoll und angezeigt:

    • deren Krankheit nicht durch ständig äussere Einflüsse (z.B. chronische Vergiftung bei Genussmittel-, Drogen- und Medikamentenabusus; durch unvermeidbare Exposition gegenüber schädigenden Umwelteinflüssen; durch stete Re-Infektion; durch andauernde Überanstrengung oder Bewegungsarmut usw.) verursacht ist.
    • deren Krankheit nicht durch ständig innere Einflüsse (z.B. durch genetisch bedingte Enzymdefekte, angeborene Anomalien oder durch bestimmte psychosomatische Konflikte, bei denen der Mensch nicht die Kraft hat oder nicht fähig ist, seinen Lebensweg zu finden oder seinem Leben einen Sinn abzugewinnen, und in die Krankheit flieht usw.) bedingt ist. Die Krankheit kann dabei eine wichtige Funktion erhalten (eine Plombe), deren Wegfall sehr schädlich wäre.
      Bei solchen Krankheiten sollten natürlich auch die äusseren oder inneren Krankheitsursachen therapeutisch angegangen werden.
    • deren Krankheit noch heilbar oder deren Zustand zumindest noch besserungsfähig ist, das heisst also bei Kranken, die noch die Fähigkeit und Kraft zu einer Heilung besitzen.
    • deren Krankheit in einem typischen Krankheitsbild mit ausgeprägten und charakteristischen, subjektiven und objektiven Symptomen in Erscheinung tritt (bei Symptomlosigkeit ist eine homöopathische Therapie zum vornherein unmöglich und bei Symptomarmut schwierig!).

    „Guru-Medizin“

    Noch ein Wort zur Gefahr der „Guru-Mentalität“ (Hybris) gewisser Komplementärtherapeuten oder Ärzte – und auch zum „Guru-Charakter“ gewisser Therapieformen.
    Homöopathie kann es sein – aber es existieren auch sonst sehr viel „Therapien“ und „Therapeuten“ – eine Methode also, die ein „Guru“ anwendet, das heisst ein Mensch, der etwas absolutistisch behauptet, das niemand sonst nachweisen oder nachempfinden kann oder mittels Studien reproduzierbar und verifizierbar ist. Man muss es also schlicht und einfach „glauben“. Machtansprüche und Unfehlbarkeit können Triebfedern auf Therapeutenseite sein – Narzistische Störungen sind weitverbreitet.

    Damit ist jede Mitarbeit und Mitverantwortung des Klienten ausgeschlossen. Der „Patient“ wird zum passiven Gläubigen, der hinnimmt.

    Zum Beispiel wird mit einem (sehr teuren) „Diagnosegerät“  – nach Stellen einer „Glaubensdiagnose“ (zum Beispiel – und sehr häufig: „Weizen- oder Milchallergie“) – mehrere „therapeutische“ Anwendungen dagegen durchgeführt … und zum Schluss sagt der Guru, dass es nun gut und geheilt sei!
    Das Vorher und Nachher ist nicht nachempfindbar. Man kann es nur glauben! Und häufig werden auch unspezifische, psychosomatische Allerweltssymptome „therapiert“, die auch prompt und meist vorübergehend auf das Ritual der  „magischen Behandlung“ anspricht. Amen!

    Übrigens lernt oft der selbsternannte Guru die Anwendung eines solchen Gerätes in wenigen Stunden…

    Copyright beim Tages-Anzeiger, 01.09.2020

    Guru-TherapeutInnen glauben im Grunde, dass der Mensch zu schwach zur Selbsthilfe ist. Sie misstrauen den Selbstheilungskräften des Klienten. Gute Beispiele dafür:

    • Gurus beschäftigen sich oft mit „Entgiftung und Entschlackung“ unseres so unreinen Körpers… Dies können wir kosten- und Nebenwirkungsfrei selbst in jeder unserer Körperzelle mittels der wunderbaren Autophagie anregen: walserblog.ch/detox-intervallfasten/
    • Sie preisen auch Mittel oder Therapien gegen „Übersäuerung des Körpers“ an und verkaufen Urintests und Basenpulver, etc. – dabei hat unser Körper starke Selbstkräfte unseren Säure-Basen-Haushalt stets im Gleichgewicht zu halten!
      walserblog.ch/uebersaeuerung/

    Bücher

    • Zur Selbsthilfe in akuten Fällen: Werner Stumpf: „Homöopathie“, GU-Ratgeber (auch als Anleitung zu einer homöopathischen Hausapotheke)
    • Für Einsteiger, die Fallbeispiele mögen: Georges Vithoulkas: „Medizin der Zukunft“, Georg Wenderoth Verlag, Kassel
    • Für wahrhaft Lern- und Wissbegierige: Georges Vithoulkas: „Die wissenschaftliche Homöopathie – Theorie und Praxis naturgesetzlichen Heilens“, Verlag Urban + Fischer
    • Und natürlich his masters voice: „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann, Haug-Verlag, Heidelberg

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    20. Januar 2025

  • Hypertonie / Hoher Blutdruck

    Hypertonie / Hoher Blutdruck

    Disease Mongering

    Zuallererst etwas zum Disease Mongering bei der Hypertonie:
    Von einem Tag auf den anderen schnellte in den USA 2017 die Zahl jener, die an zu hohem Blutdruck litten, von 72 auf 103 Millionen hoch. Über Nacht war nicht mehr ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung davon betroffen, sondern die Hälfte. Was war geschehen? Die zwei einflussreichsten Kardiologie-Gesellschaften des Landes hatten die bislang geltenden Grenzwerte gesenkt und damit auch viele, die bislang als gesund galten, zu Kranken gemacht.
    Dasselbe geschieht nun wieder im 2024 durch aggressivere Zielwerte der ESC-Leitlinien. Angsteinflössend wirkt dabei auch die Umbenennung der „hochnormalen“ Blutdruckwerte zu „erhöhten“…
    Weiterlesen >>>

    Entzündungsneigung als zentraler Mechanismus

    Bekannt ist, dass im Rahmen des Bluthochdrucks in den Blutgefässen des Körpers eine Entzündungsreaktion auftritt, so dass der Schlüssel einer erfolgreichen Behandlung des Bluthochdrucks möglicherweise in der Abschwächung dieser Entzündungsreaktion liegt. „Seit einiger Zeit geht man davon aus, dass auch die durch Bluthochdruck geförderte Gefässverkalkung (Atherosklerose) nichts anderes als eine chronisch voranschreitende Entzündung des Gefässbettes ist.“(Quelle: Uni Mainz)

    Der Schweregrad des Metabolischen Syndroms, welches auch der Hypertonie zu Grunde liegt, korreliert mit einem Anstieg der Entzündungsneigung! Studien zeigen, dass die Stammfettsucht und die Hypertonie die gefährlichsten Risikofaktoren für die chronische Entzündung im Rahmen des Syndroms sind. (Santos et al., International Journal of Obesity, Dec 2005;29:1452-1456).

    Deshalb will ich hier gleich eine Massnahme erwähnen, die zentral diese Entzündungsneigung angeht: das Intervallfasten.

    Entzündung kann auch Folge einer Überreizung sein. Gründe für Überreizung und damit von hohem Blutdruck sind u.a. Lärmexposition oder nächtliche Lichtexposition (Computer oder TV nachts)! Eine Desynchronisation der zirkadianen Rhythmen ist ursächlich wichtig. Hochdruckpatienten sollten deshalb einen möglichst regelmässigen Tagesablauf haben und die Nachtruhe einhalten.
    Hierhin gehört auch, dass eine stete Störung unseres Inneren Friedens, d.h. eine mangelnde Gelassen- und Zu-Friedenheit auch unseren Blutdruck mit der Zeit steigen lässt. Hierzu mehr in meinem Blog und auf dieser Website.
    Und… ein Internet/Social Media, welches mich beherrscht und nicht mir dient.

    Pathologische Aktivierung des Immunsystems

    Die Entzündungsparameter im Blut (CRP, Interleukin-5, Kortisol) sind bei Patienten mit einem Metabolischen Syndrom, also auch bei der Hypertonie erhöht. Dies führt zur Rekrutierung von Immunzellen. Diese Gesamtentzündung wird heute als mitverantwortliche Ursache der Insulinresistenz, des Fehlens von Insulinsekretion wie auch der Arteriosklerose gesehen.
    Weitere Faktoren, die zur Entzündung beitragen können, sind zum Beispiel die Hypoxie, welche durch die rasche Zunahme von Fettzellen mit inadäquater Zunahme der Blutgefässe im Fettgewebe entstehen kann.
    Auch der Darmflora wir eine grosse Rolle zugesprochen. Die Darmwand ist bei Patienten mit Übergewicht und Diabetes weniger dicht: dadurch können bakterielle Wandprodukte, sogenannte Lipopolysaccharide, sie besser durchdringen und Entzündungen in verschiedenen Geweben verstärken. Die Zusammensetzung der Darmflora scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen! Weiterlesen: www.dr-walser.ch/darmflora/ und über Diabetes als Entzündung

    Risikofaktor für die Arterienverkalkung und damit für den Herzinfarkt oder den Hirnschlag

    Hier muss auch angemerkt werden, dass wir uns mit einem erhöhten Blutdruck bereits irgendwo weit vorne in der Folgekette von primären Ursachen befinden. Wie ich auf meiner Seite über Herz/Kreislauf deutlich gemacht habe, ist ursächlich der chronische psychosoziale Stress (vs. Entspannung), das Bauchfett bei Bewegungsarmut und ein hoher Alkoholkonsum (neben dem Rauchen!) ins Visier zu nehmen – prophylaktisch und therapeutisch.

    Wie messen?

    Ein Blutdruck, der Ihr Hausarzt misst, ist durchschnittlich 20% zu hoch – doch aufgepasst auf den Weisskittelhochdruck gleich unten.
    Ihr Hausarzt sollte den einfachen Tiefatem-Test beherrschen (Anleitung)- oder Sie setzen oder legen sich beim Arzt in ein ruhiges Zimmer und messen nach 10 bis 20 Minuten ein paar Mal in guter Entspannung über weitere 10 Minuten weg.

    Messen Sie selbst zu Hause – und zwar morgens, gleich nach dem Erwachen, aufsitzen und mit einem Oberarm-Gerät (und keines für das Handgelenk, welches meist ungenauer ist). Gleich dreimal hintereinander messen – und nur niedrigsten Wert notieren.
    Am optimalsten ist es, falls Sie nach einer 4-7-11 Atemübung messen. Lernen Sie diese Übung auf jeden Fall, auch zur Therapie.

    Hängt der Arm bei Blutdruckmessungen herunter oder liegt er im Schoss, kann dies Blutdruckmessungen erheblich verfälschen – und zu vermeintlich hohen Werten führen. Darüber berichten Forscher in JAMA Internal Medicine. Den Arm deshalb auf einen Tisch legen, wobei sich die Hand auf Herzhöhe befinden sollte.

    Dieser Morgenwert sollte dann im Normbereich sein.

    Nehmen Sie ihr Messgerät auch zum Arzt mit und machen Sie dort Vergleichsmessungen mit dem Profi-Apparat.

    Die 24-Stunden-Blutdruckmessung ist der Goldstandard und korreliert am besten mit der Sterblichkeit (nächtliche Werte)

    Mit dem Sterberisiko korrelieren die nächtlichen systolischen Blutdruckwerte am meisten, nämlich sechsmal stärker als die Praxis-Blutdruckwerte. Demgegenüber findet sich keine Beziehung zwischen den diastolischen Blutdruckwerten (mit Ausnahme der nächtlichen Werte) und dem Sterberisiko. Personen mit «maskierter» Hypertonie (erhöhte 24-Stunden-Werte bei normalem Praxis-Blutdruck) hatten das gleiche Sterberisiko wie jene mit konstanter Hypertonie, wogegen die «Weisskittel-Hypertonie» sogar mit einem verminderten Sterberisiko assoziiert zu sein schien (HR 0,90, 95% 0,84-0,97). Ähnliche Resultate ergaben sich auch bei separater Analyse der Personen mit und ohne antihypertensive Therapie.

    Die vorliegende Studie bestätigt mit Langzeitdaten die Rolle der 24-Stunden-Blutdruckmessung als Goldstandard und die Wichtigkeit der nächtlichen Werte für Prognose und Steuerung der antihypertensiven Therapie.
    (Staplin N, et al. Relationship between clinic and ambulatory blood pressure and mortality: an observational cohort study in 59?124 patients. Lancet. 2023 Jun 17;401(10393):2041-2050. doi: 10.1016/S0140-6736(23)00733-X. [Link])

    Vielleicht kann das Messen nach 20 Minuten Liegen diesen nächtlichen Blutdruck abbilden. Versuchen Sie auch dies mal.

    Weisskittelhypertonie mit vermindertem Sterberisiko

    Ob eine Weisskittelhypertonie – auch „Praxishypertonie“genannt – klinisch von Bedeutung ist, darüber wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Sie gilt insofern als ein harmloses Blutdruckverhalten, als Ausdruck gesteigerter Blutdruckreagibilität ohne eigentlichen Krankheitswert, da offensichtlich die Mortalität nach der obengenannten Studie fast schon niedriger ist, las bei Gesunden.
    Man nimmt heute an, dass Weisskittelhypertoniker auf unterschiedliche Stressoren mit einem überschiessenden Blutdruckanstieg reagieren, d.h. sie haben auch im Alltag in belastenden Situationen oder bei körperlicher Aktivität erhöhten Blutdruck. Doch soll man daraus nicht die allgemeine Empfehlung ableiten, jeden davon antihypertensiv zu behandeln. Sehr wahrscheinlich ist es besser, sich auf die (nächtlichen) Werte der 24-Stunden-Blutdruckmessung zu verlassen.

    Eine Weisskittel-Hypertonie ist Ausdruck eines Menschen, der zuviel Feuer hat. Versuchen Sie also zuerst mit verändern Ihres Lebensstil, wegzukommen von einem „feurigen“, aufgeregten Alltag damit sich auch Ihr „feuriger Typ“ langsam harmonisiert – als Beispiel zweimal täglich 10 Minuten entspannende Atemübung.

    Blutdruck immer an beiden Armen messen

    Seitenunterschiede von 10 – 15 mmHg und mehr bei der Messung des systolischen (oberen) Blutdrucks können wichtige Hinweise auf Gefässerkrankungen liefern, die weitere Abklärung bedürfen. Britische Wissenschaftler (C.E. Clark et al., The Lancet online 2012) analysierten Daten aus 20 Studien zu diesem Thema, von denen fünf eine Angiographie einschlossen. Zeigte diese eine mehr als 50%ige Einengung der Subclavia-Arterie, betrug der Unterschied zwischen dem rechten und linken Arm gemessenen systolischen Blutdruck im Mittel 37 mm Hg. Erhöht war das Risiko einer Subclaviastenose bereits ab einem Rechts-Links-Unterschied von 10 mm Hg. Ein Unterschied von 15 mm Hg oder mehr bei den nicht invasiven Studien erwies sich als starker Hinweis auf eine PAVK (=Periphere Arterielle Verschlusskrankheit >> Risikoerhöhung um das 2,5fache) oder eine zerebrovaskuläre Erkrankung (RR 1,6). Die kardiovaskuläre Mortalität war um 70%, die Gesamtmortalität um 60% erhöht. Grundsätzlich sollte deshalb an beiden Armen gleichzeitig gemessen werden.

    Das Wichtigste in Kürze

    •     Die Diagnostik beginnt mit Blutdruckmessungen in ruhiger Umgebung und mit korrekter Technik. Als Goldstandard gilt derzeit das 24-Stunden-Blutdruckprofil. Sie korreliert auch am besten mit der Mortalität durch eine Hypertonie.

    •     Die beste Evidenz und damit eine unumstrittene Indikation für die Einleitung einer medikamentösen antihypertensiven Therapie besteht für Personen unter 65 ab 140/90, zwischen 65 und 80 Jahren ab 150/90 und über 80 ab 160/90 mmHg.

    •     Die Therapieziele richten sich nach bereits etablierten Folgeerkrankungen und nach Alter und zusätzlichen Risikofaktoren – aber mit Mass. Immer soll ein Blutdruck von unter 140/90 mm Hg angestrebt werden, wenn möglich jünger als 65 Jahren unter 130/80.

    •     Für Individuen mit etablierten Folgeerkrankungen und multiplen Risikofaktoren sollten gemäss eines Cochrane-Review von 2022 kaum niedrigere Werte angestrebt werden.

    •     Mit höherem Alter ist genauer auf die Verträglichkeit der Behandlung zu achten.

    •     Jede Blutdrucksenkung (auf 140/90), auch wenn die Ziele nicht zu 100% erreicht werden, verhindert Komplikationen und Folgeerkrankungen.

    •     In 5 bis 10% der Fälle liegt eine sekundäre Hypertonieform vor. Bei einigen von diesen ist primär die zugrunde liegende Erkrankung zu behandeln.

    (aus pharma-kritik Jahrgang 42, Nr.3 & infomed-screen Jahrgang 26(2022): Blutdruck senken: mit Mass!)

    Was ist noch normal?

    Der Ziel-Blutdruck für alle Menschen mit Hypertonie, die ein Medikament dagegen nehmen, liegt laut ESC-Guidelines 2018 unter 140/90 oder laut ESC-Leitlinie 2024 sogar unter 130/80 (für jünger als 65jährig).

    Aggressiver (oder angsteinflössender):
    Neue ESC-Bluthochdruck-Leitlinie (2024) senkt die Zielwerte und empfiehlt neue Lebensstil-Änderungen

    Die aktualisierte Hypertonie-Leitlinie der European Society of Cardiology (ESC) setzt auf vereinfachte, aber aggressivere Zielwerte. Für die meisten Patienten, die eine Blutdrucktherapie erhalten, liegt der neue Zielwert für den systolischen Blutdruck nun bei 130 mmHg.

    Das beim ESC-Kongress 2024 in London vorgestellte Update definiert Hypertonie weiterhin als systolischen Blutdruck von mindestens 140 mmHg und diastolischen Blutdruck von mindestens 90 mmHg. Neu ist die Kategorie „erhöhter Blutdruck“ (angsteinflössend), die bisher „hochnormal“ hiess.

    Hochnormal bedeutet einen systolischen Wert von 120 bis 140 mmHg und einen diastolischen Wert von 80 bis 90 mmHg. Bei diesen Patienten soll eine kardiovaskuläre Risikobeurteilung erfolgen, bevor über eine Therapie entschieden wird – besonders bei einem Blutdruck von ≥130/80 mmHg.

    Das Angstmachende dieser neuen aggressiven Leitlinien und deren Wortwahl ist umso problematischer, da sie starke Spannungen verursacht und die mangelnde Entspannung notabene eine der Hauptursachen für die Hypertonie ist.

    Blutdruck-Kategorien:

    • Nicht erhöhter Blutdruck: < 120/70 mmHg
    • Hochnormaler Blutdruck: 120-140 mmHg/80-90 mmHg
    • Hypertonie: ≥ 140/90 mmHg

    Die aktualisierte Hypertonie-Leitlinie der European Society of Cardiology (ESC) setzt auf vereinfachte, aber aggressivere Zielwerte. Für die meisten Patienten, die eine Blutdrucktherapie erhalten, liegt der neue Zielwert für den systolischen Blutdruck nun bei 130 mmHg.

    Das beim ESC-Kongress 2024 in London vorgestellte Update definiert Hypertonie weiterhin als systolischen Blutdruck von mindestens 140 mmHg und diastolischen Blutdruck von mindestens 90 mmHg. Neu ist die Kategorie „erhöhter Blutdruck“ (angsteinflössend), die bisher „hochnormal“ hiess.

    Hochnormal bedeutet einen systolischen Wert von 120 bis 140 mmHg und einen diastolischen Wert von 80 bis 90 mmHg. Bei diesen Patienten soll eine kardiovaskuläre Risikobeurteilung erfolgen, bevor über eine Therapie entschieden wird – besonders bei einem Blutdruck von ≥130/80 mmHg.

    Das Angstmachende dieser neuen aggressiven Leitlinien und deren Wortwahl ist umso problematischer, da sie starke Spannungen verursacht und die mangelnde Entspannung notabene eine der Hauptursachen für die Hypertonie ist.

    Neuer niedrigerer Zielwert

    Die Absenkung der Blutdruck-Zielwerte basiert auf neuen Studiendaten, die zeigen, dass ein niedrigerer Blutdruck mit weniger kardiovaskulären Ereignissen (Herzinfarkt, Hirnschlag) einhergeht. Der neue systolische Zielwert liegt bei 130 mmHg für die meisten Patienten, die blutdrucksenkende Medikamente erhalten.

    Dieser Zielwert stellt eine bedeutende Änderung gegenüber der vorherigen ESC-Leitlinie dar, die einen Zielwert von unter 140/90 mmHg empfahl.

    Die Empfehlung hat jedoch Vorbehalte: Die Behandlung muss gut vertragen werden. Bei Patienten mit symptomatischer orthostatischer Hypotonie (Symptome vom tieferen Blutdruck v.a. beim plötzlichen Aufstehen), bei Patienten ab 85 Jahren, bei moderat bis schwer gebrechlichen Patienten und bei Patienten mit begrenzter Lebenserwartung können weniger strenge Therapieziele angesetzt werden. Für diese Patienten empfiehlt die Leitlinie einen Zielwert, „der so niedrig ist, wie in vernünftiger Weise erreicht werden kann.“

    Neue Lebensstil-Empfehlungen

    Die aktualisierte Leitlinie enthält auch neue Empfehlungen zur Senkung des Blutdrucks durch Lebensstil-Änderungen, etwa zur körperlichen Aktivität und zur Kalium-Supplementation.

    Regelmässige Bewegung:

    • 2,5 Stunden moderate körperliche Aktivität pro Woche oder mindestens 75 Minuten Sport von hoher Intensität.
    • Ergänzt durch 2- bis 3-mal wöchentliches dynamisches oder isometrisches Krafttraining von geringer bis moderater Intensität.

    Empfohlen wird auch, dass Patienten mit Hypertonie ihre Kaliumzufuhr erhöhen, entweder durch Salzersatzprodukte (Kaliumsalz statt Natriumchlorid) oder eine Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist.

    Typischerweise ist der Blutdruck nachts tiefer als am Tag, bei Anstrengung steigt er. Mit zunehmenden Alter ist er höher als in der Jugend. Bei manchen Menschen ist der Blutdruck an einem Arm höher als am anderen. In diesem Fall zählt der höhere Wert. Bei tiefen Aussentemperaturen (Winter) ist er höher als im Sommer.

    Die Angaben der Grenzwerte für den Blutdruck unterlagen in der medizinischen Fachliteratur in den letzten Jahren grossen Schwankungen: Normal ist sicher unter 120 mmHg systolisch (d.h. für den oberen Blutdruckwert) und unter 80 mmHg diastolisch.
    Die Beziehung zwischen Blutdruck und kardiovaskulärem Risiko scheint kontinuierlich, konsistent und von anderen Risikofaktoren unabhängig zu sein. Je höher der Blutdruck, desto höher das Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Hirnschlag und Nierenerkrankung. Für Menschen zwischen 40 und 60 Jahren verdoppelt jeder BD-Anstieg über 135/85 systolisch um 20mmHg und diastolisch um 10 mmHg das kardiovaskuläre Risiko.

    Hochnormaler (oder neu erhöhter) Blutdruck erfordert also Kontrolle – nicht Therapie… und rufen nach Änderungen des Lebensstils.

    Es gibt Stimmen von medizinischen Forschern, bei Menschen im Alter über 70 Jahren künftig nur noch den systolischen (den oberen) Blutdruckwert zu bestimmen – und zu behandeln.

    Blutdrucknormwerte im Alter

    • Isolierter systolische Hypertonie im Alter über 65 ist ein gängiges Problem. Während bei Mann und Frau der systolische Blutdruck mit dem Alter ansteigt, reduziert sich der diastolische Druck oder bleibt gleich. Das bedeutet, dass die isolierte systolische Hypertonie jenseits des 50. Lebensjahrs stetig häufiger wird. Solange der systolische Druck unter 140 mmHg bleibt, genügen zunächst „Lifestyle“-Modifikationen (Gewichts- und Alkoholreduktion, mehr Kalium, Bewegung usw.).
      Bei BD-Werten über 140 bis 150 mmHg: Standard-Hypertoniebehandlung mit Ziel systolischer Druck 140 mmHg:  Thiaziddiuretika oder ACE-Hemmer.
      Achtung! Unklar sind Bedeutung und Folgen abnorm tiefer diastolischer Werte.
    • Bei Patienten über 80 Jahren mit isolierter systolischer Hypertonie ist der Nutzen einer Behandlung nur ab einem Druck von 160 mmHg klar dokumentiert. Der Nutzen zur Reduzierung kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkt, Hirnschlag) zeigt sich dabei bereits innerhalb eines Jahres.
    • Über 85jährige haben nach anderen Studien sogar die höchste Überlebensrate mit einem systolischen Blutdruck von 160 mmHg und sollten nicht unter systolisch 140 mmHg  sein! (Journal of the American Geriatrics Society, 2008, Vol 56, Issue 10, 1853-59 – Lower Systolic Blood Pressure is associated with greater mortality in people aged 85 and older. Lena Moalneder et al.)
    • US-Neurologen haben in einer Studie mit 559 Frauen und Männer über 90 Jahren festgestellt, dass hoher Blutdruck, der erst im Alter auftrat, sogar vor Demenz schützt! Möglicherweise ist bei Hochbetagten ein höherer Druck erforderlich, um das Gehirn ausreichend mit Blut zu versorgen. (DOI: 10.1016/j.jalz.2016.09.007).
    • Erschwerend ist bei über 80jährigen, dass ihr Blutdruck mit zunehmenden Aussentemperaturen sinkt, also auch stark Jahreszeiten-abhängig ist. In diesem Alter sollte also eine blutdrucksenkende Therapie auch übers Jahr variiert werden (Arch Intern Med: 169(1):75-80, 12 January 2009; Relationship Between Blood Pressure and Outdoor Temperature in a Large Sample of Elderly Individuals – The Three-City Study. Annick Alperovitch, Jean-Marc Lacombe, Olivier Hanon, et al.)

    Der diastolische (untere) Blutdruck beeinflusst die (frühzeitige) Sterblichkeit ebenfalls. Hier gilt jedoch:
    Je niedriger die Werte, bzw. je grösser die Blutdruckamplitude (Unterschied zwischen oberem und unterem Blutdruckwert), desto grösser die Gefahr für die Patienten! (Jan A. Staessen, Hypertension an Cardiovascular Research Unit, Uni of Leuven, et al.; The Lancet, Vol.355, No. 9207 (2000), S. 865-871: Metaanalyse von acht Interventionsstudien mit 16’000 Patienten über 60 Jahre).

    Prognostischer Wert von systolischem und diastolischem Blutdruck

    Bei Personen über 50 Jahre ist der systolische (obere) Blutdruck ein guter Prädikator des kardiovaskulären (Arterienverkalkung im Herz-Kreislauf) und koronaren (Verkalkung der Herzkranzgefässe: Herzinfarkt) Risikos. Der diastolische Blutdruck ist immer noch Hauptkriterium zur Abschätzung der Medikamentenwirksamkeit, scheint aber zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos nur geringen Wert zu haben (Athanase Benetos et al.: Prognostic value of systolic and diastolic blood pressure in treated hypertensive Men. Arch.Intern.Med. 2002; 162: 577-581).

    Weitere Risikofaktoren?

    Zudem wäre wichtig zu wissen, ob man mit diesem Blutdruck noch weitere Risikofaktoren für die Arterienverkalkung aufweist:
    Nikotinkonsum, Diabetes, hohe Blutfette, Übergewicht, Bewegungsmangel >>>Weiterlesen über das metabolische Syndrom.
    Falls dies zutreffen würde, wäre eine strengere Therapie sowieso angebracht. (Risikoberechnung unter  www.chd-taskforce.de : PROCAM Risk Calculator und speziell für Frauen: Framingham Risk Assessment).

    Was tun?

    Rauchen und Alkohol stoppen!

    Zuallererst: Stoppen Sie ein allfälliges Zigarettenrauchen! Das Rauchen zusammen mit dem hohen Blutdruck ist eine enorme Zeitbombe für die Arterienverkalkung!

    Darauf reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum auf höchstens drei Gläser Rotwein pro Woche (übermässiger Alkoholkonsum ist die häufigste Ursache einer mässigen Hypertonie). Regelmässiger Alkoholkonsum über 30 Gramm täglich (d.h. mehr als 2-3 Standarddrinks, Frauen 1-2) steigert den Blutdruck massiv!

    Normalgewicht und Kurzfasten zur Entzündungsreduktion

    Versuchen Sie auf ein Normalgewicht (resp. auf einen normalen Bauchumfang – das Bauchfett ist dabei wichtig – das Fett um Hüften und an den Oberschenkeln ist sogar Blutdruck-senkend!) abzunehmen. Am besten wirken hier längere Zeitabschnitte (16 bis 72 Stunden) ohne Nahrung: Kurz- oder  Intervallfasten (16:8 oder 5:2)!
    Der Stoffwechsel wird dadurch umgestellt und auch die Entzündungsneigung vermindert sich, dass auch der Blutdruck sinken kann.
    >>> sensationelle Studie übers Abnehmen und seine Wirkung auf die Arterienverkalkung >>>
    Achtung: Eine Gewichtszunahme bei Frauen nach den Wechseljahren wird häufig durch Blutdruckmedikamente verursacht oder verschlimmert.

    Bewegung

    Bewegen Sie sich täglich 30 oder dreimal die Woche 60 Minuten lang. Strammes Spazieren reicht durchaus – oder ein halbstündiges Ausdauerprogramm zu Hause (Liegestütze, Springseil, Boxerlauf, Kniehebelauf und Anfersen, Skaten an Ort, Squat Jumps, Hampelmann…).
    2018 werteten Forscher der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie 34 Übersichtsstudien aus. Besonders überraschend: Krafttraining, das lange als schädlich bei Bluthochdruck galt, wirkt gut. Am meisten profitieren davon Menschen mit nur leicht erhöhten Blutdruckwerten. Zum Krafttraining gehören Übungen mit Gewichten. Aber auch Kniebeugen und Liegestütz, die mit dem eigenen Körpergewicht arbeiten, sind wirksam. Um einen messbaren Effekt zu erreichen, sollte man mehrmals pro Woche trainieren. Dabei ist das richtige Atmen wichtig: Beim Training mit hohen Lasten setzt meist automatisch eine Pressatmung ein. Dabei hält man während der Übung die Luft kurz an und atmet dann kraftvoll wieder aus. Das lässt jedoch den Blutdruck hochschnellen. Eine schonendere Atemtechnik ist die Lippenbremse. Bei dieser atmet man durch die Nase ein und durch die locker aufeinander liegenden Lippen aus.
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    Ein neuer Favorit am Bewegungshimmel ist aber (seit 2023) das isometrische Krafttraining. Bei diesen Übungen hält man die Körperspannung für eine gewisse Zeit an (Beispiel Unterarmstütz=Planks).
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    Im British Journal of Sports Medicine https://bjsm.bmj.com/content/early/2023/07/02/bjsports-2022-106503  untersuchten britische Wissenschaftler von Cambridge vier grundsätzlich verschiedene Trainingsansätze auf ihre blutdrucksenkende Wirkung: hochintensives Intervalltraining mit kurzen, extrem intensiven Übungseinheiten; aerobes Training wie Laufen oder Fahrradfahren, ohne ausser Atem zu geraten; dynamisches Widerstandstraining zum Beispiel Kniebeugen; und isometrisches Training, bei dem die Muskeln zwar angespannt werden, ihre Länge aber nicht verändern. Aerobes Laufen galt lange Zeit als probates Trainingsmittel gegen Hypertonie. Nun destillierten die Forscher aus 270 Studien mit insgesamt 16.000 Probanden einen neuen Favoriten: das isometrische Training.

    Mit Übungen wie der Unterarmstütz – heute besser bekannt als Planks (dr-walser.ch/rueckenschmerzen/#prophylaxe) – oder dem Sitzen in der Hocke an der Wand sank der Druck um 8 (oberer Wert) und 4 mmHg (unterer Wert). Mit Ausdauertraining wie Laufen hingegen konnten Probanden ihren Blutdruck durchschnittlich nur um 4,5 und 2,5 mmHg senken.

    Das als Trainingsmethode in den vergangenen Jahren gefeierte hochintensive Intervalltraining senkte den Blutdruck am wenigsten.

    Nun sollte niemand der Illusion erliegen, dass isometrische Übungen weniger schweisstreibend sind als eisenhartes Krafttraining oder moderates Joggen. Für eine kurze Zeit senkt die Anspannung im Muskel die Durchblutung, deshalb sollten Anfänger nur langsam die Belastung steigern – und dabei das gleichmässige Atmen nicht vergessen. Die Pressübungen verführen dazu, die Atemmuskulatur ebenfalls anzuspannen, was schon deshalb kontraproduktiv ist, weil dann in die Muskulatur noch weniger Sauerstoff strömen kann.

    Immerhin ist der Aufwand für zwei bis vier Mal isometrisches Training pro Woche in den eigenen vier Wänden geringer, als bei jedem Wetter vor die Tür gehen zu müssen. Der Nachteil: Bei den statischen Übungen wird die Koordination der Muskeln nicht trainiert.

    Optimal ist auch hier sicher ein Mix dieser drei Bewegungsarten (aerobe Ausdauer, isometrische Muskelübungen und Krafttraining) auf die Länge.

    Ernährung

    • Essen Sie kochsalzarm (wenig Natrium, aber viel Kalium: siehe gleich unten) und Pflanzenfasern reich (viel Obst, Getreide und rohes Gemüse). Diese Massnahme ist für ältere Menschen über 65 absolut wichtig.
      Mehr als etwa 5 Gramm pro Tag ist sehr schädlich (aber auch dies nur für Hypertoniker – Menschen ohne Hypertonie ertragen sogar dies).
      Vor allem abends sollte kein Salz eingenommen werden! Salz am Abend wirkt stark Blutdruck erhöhend!
    • Kalium wirkt natriuretisch. Kochsalz ist Natriumchlorid und meist Blutdruck steigernd (siehe oben). Eine hohe Kaliumzufuhr bewirkt das Gegenteil. Viel Kalium hat man im Obst, Nüssen und Gemüse! Sehr kaliumhaltig sind Bananen, Spinat, Broccoli, Nüsse und Vollkorn (siehe auch hier >>>)
    • Eine vegetarische Ernährung senkt gemäss einer grossen Metastudie den systolischen BD um 10 mmHg und den diastolischen um 5 mmHg (Yokoyama Y et al., JAMA Intern Med 2014).
    • Mehr als 3 Kaffees pro Tag wirken ebenfalls etwas blutdrucksteigernd. Wer drei Tassen Kaffee pro Tag trinkt, hat aber trotzdem ein geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben als Menschen, die keinen Kaffee trinken. Trinkt man noch mehr Kaffee, schadet das zwar nicht, die schützende Wirkung wird aber nicht stärker. Zu diesem Ergebnis kamen britische Forscher, die mehr als 200 Studien ausgewertet haben.
    • Tee, massvoll senkt den Blutdruck: Forscher aus Kalifornien haben mit einer neuen Studie eine Erklärung dafür gefunden, warum grüner und schwarzer Tee blutdrucksenkend wirken: Gewisse Bestandteile der Tees stellen die Blutgefässe weit, indem sie Ionenkanäle in der Gefässwand aktivieren, die dafür sorgen, dass sich die Muskulatur entspannt. Schon frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass grüner und schwarzer Tee den Blutdruck senken können, und man wusste bereits, dass sogenannte Katechine daran beteiligt sind.
      Schwarzer Tee wird oft mit Milch getrunken. Obwohl Milch in der Studie die vorteilhaften Wirkungen von Tee in Laborexperimenten verringerte, gehen die Forscher davon aus, dass dies beim Menschen nicht der Fall ist. Man muss also beim Trinken von Tee nicht auf Milch verzichten, um die vorteilhaften Eigenschaften von Tee zu nutzen.
      Diese Annahme wird durch andere Untersuchungen bestätigt, die die blutdrucksenkende Wirkung von Tee unabhängig vom Zusatz von Milch belegen. Bei 35 Grad scheinen die Katechine ihre beste Wirkung zu entfalten. Auch dies ist kein Problem, denn unabhängig davon, ob Tee nun kalt oder heiss getrunken wird: Durch die Körpertemperatur entfalten sie automatisch ihre optimale Wirkung.
      Aber auch Tee/Grüntee immer massvoll (also nicht zu viel). Einer meiner Patienten mit therapieresistentem Bluthochdruck über Jahre hatte nach Reduktion von Grüntee von täglich 1.5 Liter auf 2 Tassen völlig normalen Blutdruck.
    • Der antioxydativen Radikalfängereffekt kann auch den BD senken : Deshalb wirkt wohl Fischöl, Grüntee und Kaffee in Massen und Kakao (schwarze Schokolade). Es zeigte sich in einer grossen und exakten Studie eine progressive Blutdrucksenkung mit Einnahme von täglich nur 7 Gramm dunkler, polyphenolreicher Schokolade abends. Der systolische Blutdruck wurde im Mittel um 3 mmHg, der diastolische Blutdruck um 2 mmHg gegenüber der Kontroll-Gruppe gesenkt; in dieser (mit Einnahme von weisser, polyphenolfreier Schokolade) blieben die Blutdruckwerte unverändert (Dirk Taubert et al. Effects of Low Habitual Cocoa Intake on Blood Pressure and Bioactive Nitric Oxide. JAMA. 2007; 298(1):49-60).
    • 100 Gramm Heidelbeeren pro Tag senken nach 8 Wochen den systolischen Blutdruck um 7mmHg und den diastolischen um 5mmHg. Dies tun wohl auch alle regelmässig eingenommen Früchte und auch Gemüse durch ihren Kaliumgehalt.
    • 3 Tassen Hibiskus-Tee täglich (Hibiskus-Tee wird auch unter den Namen Karkade oder ägyptischer Malventee verkauft) senkt den systolischen Blutdruck um 13 mmHg. (Studie der Tufts-Uni Boston, USA, D. McKay et al.: systolisch zwischen 120 und 150 mmHg und diastolisch niedriger als 95 mmHg als Ausgangspunkt. Studie über 6 Wochen täglich drei Tassen frisch aufgebrühten Hibiskus-Tee. Dies senkte systolisch im Schnitt um 7 mmHg, das Placebo nur um 1,3 mmHg. Besonders gut sprachen Probanden mit hochnormalen oder schon leicht hypertensiven Blutdruckausgangswerten (130 mmHg oder höher) an: In dieser Subgruppe sank der systolische Wert sogar im Schnitt um 13 mmHg (Placebo: 1,3 mmHg).
    • Einen Viertel Liter Randensaft senkt den Blutdruck via Nitrit und Stickoxid (siehe unten beim Mundwasser) innert drei Stunden systolisch im Schnitt um 10 mmHg; diastolisch um 8 mmHg. (Studie von 2018 in Hypertension)

    Kochsalzarm essen

    In einer grossen Meta-Analyse von 2020 zu der ein sehr übersichtliches visuelles Abstract erhältlich ist (https://pkweb.ch/visabstr), wurde untersucht, wie sich eine reduzierte Kochsalzzufuhr auf den Blutdruck auswirkt. 133 Studien mit über 12’000 beteiligten Personen wurden berücksichtigt. Bei älteren Leuten und solchen mit höheren systolischen Blutdruckwerten war diese Wirkung deutlicher ausgeprägt. Studien, die weniger als 15 Tage dauerten, erfassten die Wirkung der NaCl-Reduktion nicht gut; in längeren Studien war die Abnahme des systolischen Blutdrucks (durchschnittlich um 2,13 mm Hg) viel eindeutiger.
    Eine weitere Bestätigung der schon in vielen Studien dokumentierten Bedeutung der Kochsalz-Zufuhr. Das Ausmass der mit einer salzarmen Diät erreichten Blutdrucksenkung mag geringfügig erscheinen, muss aber im Rahmen einer umfassenden nicht-medikamentösen Therapie gesehen werden, bei der ganz sicher auch die Kalorien und eine reichliche Kaliumzufuhr (Früchte, Gemüse!) eine wichtige Rolle spielen und die dann zweifellos eine durchaus relevante Blutdrucksenkung erreichen kann.

    Rhythmisierung

    • Auch ein regelmässiger Tagesablauf mit gut eingeplanten Essenszeiten ist sehr wichtig. Licht und Nahrung sind die wichtigsten Zeitgeber für den Menschen. Sie sollten synchron sein. Das heisst man sollte eine Hauptmahlzeit und eins bis zwei kleinere Mahlzeiten regelmässig planen.
    • Hypertonie kann auch Folge einer Überreizung sein. Gründe für Überreizung und damit von hohem Blutdruck sind u.a. Lärmexposition oder nächtliche Lichtexposition (Computer oder TV nachts)! Eine Desynchronisation der zirkadianen Rhythmen ist ursächlich wichtig. Hochdruckpatienten sollten deshalb einen möglichst regelmässigen Tagesablauf haben und die Nachtruhe einhalten.
    • Dann natürlich der Dauerstress durch ein Internet und vor allem Socialmedias, die mir nicht nützlich sind, sondern mit Energie absaugen und mich in hohe Touren bringen!
    • Schlafen Sie genug, gut und ungestört?
      Falls Sie durch Lärm oder Licht gestört werden oder durch eigenes Schnarchen unruhig schlafen, probieren Sie dies unbedingt zu verbessern. Gestörter Schlaf kann ebenfalls eine (Mit-)Ursache für einen hohen Blutdruck sein (auch an das Schlaf-Apnoe-Syndrom denken!).
      Man fand, dass eine Schlafdauer von 5 Stunden pro Nacht bei Personen zwischen 30 und 60 Jahren mit einem signifikant erhöhten Risiko für Hypertonie einhergeht. (James E. Gangwisch et al. Hypertension 2006; 47: 833).
      Als Regel kann man aus diversen Studien sagen, dass 1 Stunde mehr Schlaf den systolischen Blutdruck um 16 mmHg senkt!
    • Zudem senkt auch ein regelmässiges Mittagsschläfchen von mindestens 30 Minuten den Blutdruck eindrücklich (ESC-Kongress 2015).

    Entspannung

    • Zweimal täglich 11 Minuten eine entspannende 4/7-Atemübung wirkt Wunder (auch direkt vor der Blutdruck-Messung!):
    • Eine tägliche zwanzig minütige (oder einfach zweimal am Tag 10 Minuten bewusst tief atmen!) Atemmeditation senkt den Blutdruck. Sie senkt das Stresshormon Kortisol und entspannt die Blutgefässe. Als Nebeneffekt tritt auch weniger Kopfschmerzen und Asthma ein.(V.Barnes, Psychosomatic Med, Bd.66/6, 2004)
      Bauen Sie ein paar Entspannungsübungen in Ihren Tagesablauf ein >>> Weiterlesen >>>
      Bei der Hypertonie mache ich mit dem „Inner Smile“ beste Erfahrungen. Es ist für die Betroffenen auch eindrücklich, während der Konsultation den „vorher/nachher-Effekt“ zu sehen, messbar, wobei ein grosser Teil sicher der „Deep-Breath-Effekt“ ist.
      Ich instruiere die Leute mit einer geführten inneren Reise durch ihre Arterien, das Lächeln wird dabei erst ins Herz geschickt, dann fliesst es durch die Aorta in den Kopf, dann in die Arme, in die Lungen, Nieren, Bauchraum, Beine. Beim Einatmen aufs Lächeln im Herzen konzentrieren, beim Ausatmen an den entsprechenden Ort schicken. Das wird täglich in Zusammenhang mit der Blutdruckmessung geübt und bei jeder Aufregung im Alltag angewandt. So ist auch ein Langzeiteffekt garantiert.
      Mehr zum „Inner Smile“ hier auf meiner Seite zur: www.dr-walser.ch/entspannung/#inner_smile
    • Ein verspannter Nacken erhöht den Blutdruck. Eine entspannende Nackenmassage kann deshalb den Blutdruck senken. Die Nackenmuskeln schicken ständig Signale in einen Teil des Gehirns, der für die Steuerung von Blutdruck, Herzschlag und Atmung zuständig ist. Sind die Nackenmuskeln verspannt oder verletzt, schicken sie falsche Signale. Dadurch erhöht sich der Blutdruck. (Journal of Neuroscience, www.jneurosci.org/cgi/content/full/27/31/8324)

    Zudem?

    • Regelmässiges Blutspenden senkt den Blutdruck! Bei viermal jährlich sinkt der Blutdruck systolisch und diastolisch um 10mmHg oder mehr – und dies nur bei Hypertonie (und nicht bei normalem Ausgangsblutdruck).(Kamhieh-Milz S et al.; Epub Dec, 2015)
      .
    • Blutdrucksteigernde Substanzen (Medikamente, Drogen):
      Einige Medikamente können als unerwünschte Nebenwirkung den Blutdruck erhöhen: so zum Beispiel das Schmerzmittel Paracetamol (bei mehrmals 1 Gramm pro Woche) oder alle Schmerzmittel der NSAR-Gruppe (Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen,…).
      Dann auch die Sympathomimetika, Kontrazeptiva (Antibabypille), Erythropoietin, Ciclosporin, Tacrolimus; Anabole Steroide (Anabolika, Testosteron), Alkohol, Kokain; Lakritze (in Kaugummi, etc…), Ma Huang („herbal ecstasy“)!
      .
    • Nie regelmässig ein antiseptisches, desinfiszierendes Mundwasser anwenden. Anorganisches Nitrat aus der Nahrung wird durch Bakterien in der Mundhöhle n zu Nitrit umgewandelt. Dieses wird dann aufgenommen und zu gefässerweiternd wirkendem Stickoxid (NO) umgewandelt. Durch das Mundwasser wird die Bakterienpopulation in der Mundhöhle dezimiert und die Produktion von Stickoxid reduziert.
      Mehr über gesunde Zahnpflege hier: walserblog.ch/zahnpflege/

    Deshalb können auch Nitrat-reiche Nahrungsmittel – wie z.B. Randen – den Blutdruck auf diese Art via Nitrit und Stickoxid senken (siehe oben).

    Medikamente gegen den hohen Blutdruck (Antihypertensiva)

    Und erst wenn Sie alles Obige 3 Monate regelmässig getan haben und keine Verbesserung bemerkt haben, denken Sie (mit Ihrem Hausarzt zusammen) an die Einnahme eines Medikamentes.
    Falls nur dieser eine Risikofaktor vorliegt, kann eine Blutdrucknormalisierung die Arteriosklerose und damit den Herzinfarkt, den Hirnschlag etc. verhindern. Eine andere Frage ist, ob dies wirklich lebensverlängernd wirkt oder ob die Nebenwirkungen der Medikamente dies verhindern .

    Einmal täglich einzunehmende Blutdrucksenker können zu einem Zeitpunkt eingenommen werden, der den Wünschen und den Gegebenheiten des Patienten am besten entspricht.

    Ergebnisse der Studien TIME von 2022 (https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(22)01786-X/fulltext ), BedMed und BedMed-Frail sowie eines systematischen Reviews mit Metaanalyse aller derzeit verfügbaren Studien zeigen, dass Blutdrucksenker dann eingenommen werden sollten, wenn die grösste Chance besteht, dass der Patient die Einnahme nicht vergisst.

    Die bisher grösste Studie zur Hochdrucktherapie mit Medikamenten, die sog. ALLHAT-Studie (2020, infomed) zeigte, dass die langfristigen Risiken für Endpunkte wie Gesamtmortalität und kardiovaskuläre Morbidität, aber auch Mortalität und Morbidität in Bezug auf KHK, Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz im Endstadium und Krebs zwischen den Gruppen vergleichbar waren. Sie zeigte aber eine Überlegenheit des alten Diuretikums Chlorthalidon gegenüber neueren Blutdruckmitteln in Bezug auf das Schlaganfallrisiko. Niedrig dosierte Diuretika (Thiazid-Diuretika) müssen als wirksamste, sicherste und verträglichste blutdrucksenkende Wirkstoffe gelten und sind Mittel der ersten Wahl (23 Jahre Nachbeobachtungszeit).

    Mit einer Monosubstanz kann aber maximal eine Blutdrucksenkung von etwa 20/10 erreicht werden. Man benötigt also bei höheren Werten meist eine Kombination von zwei Mitteln. Dabei kommt es nicht so darauf an, was man kombiniert (Diuretika, Betablocker, ACE-Hemmer oder Sartane, Kalziumantagonisten) sondern nur wie stark die Senkung des BD wird (Schlechte Kombinationen wegen der Potenzierung von Nebenwirkungen sind: ACE-Hemmer + Sartane oder Betablocker + Sartane). Es wird überhaupt allgemein als besser angesehen (und zeitigt weniger Nebenwirkungen), falls 2 oder 3 Hochdruck-Medikamente in niederen Dosen (anstatt 1 in hoher Dosis) eingenommen wird.

    Keine systematische medikamentöse Behandlung erhöhter Blutdruckwerte während eines akuten Spitalaufenthalts

    Erhöhte Blutdruckwerte sind während eines akuten Spitalaufenthalts häufig und führen oft zu einer Verstärkung (Intensivierung) der antihypertensiven Therapie oder zur Initiierung einer medikamentösen Therapie bei Personen ohne vorbekannte Hypertoniediagnose. Mehrere Faktoren können tatsächlich den Blutdruck während eines akuten Spitalaufenthalts erhöhen, zum Beispiel Schmerzen, Stress, Angst, Schlafmangel, unbehandelte Schlafapnoe, Entzug oder Fieber. Bei fehlenden Hinweisen für einen hypertensiven Notfall («hypertensive emergency », das heisst mit Endorganschädigung) oder für eine hypertensive Krise («hypertensive urgency », das heisst mit Risikofaktoren für Komplikationen) gibt es während eines akuten Spitalaufenthalts keine Indikation, eine antihypertensive Therapie zu starten oder zu intensivieren. Im Gegenteil kann der Beginn oder die Intensivierung einer solchen Therapie Komplikationen (z.B. Schwindel, Stürze) begünstigen, ohne die Einstellung des Blutdrucks langfristig zu verbessern. Während eines akuten Spitalaufenthalts muss man vorerst hypertensive Notfälle und hypertensive Krisen erkennen und in anderen Situationen auf eine medikamentöse Therapie verzichten. Parallel dazu müssen externe Faktoren, die zu einer Blutdruckerhöhung führen können, gesucht und behandelt werden.
    (aus der Top-5-Liste der „smarter medicine“ für die stationäre Allgemeine Innere Medizin, 2023)

    Morgens oder abends einnehmen?

    Die medikamentöse Behandlung der Hypertonie hat in erster Linie zum Ziel, kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern. Soll im Hinblick auf diese Zielsetzung die Einnahme der Medikamente vorzugsweise morgens oder eher abends empfohlen werden? Zu dieser Frage wird seit über 20 Jahren geforscht – trotzdem gibt es dazu bis heute anhaltende Diskussionen und kontroverse Ansichten. Um hier Klarheit zu schaffen, wurde im Jahr 2011 in Grossbritannien eine Studie gestartet, die unter dem Akronym TIME («Treatment In Morning versus Evening») lief. Das Forschungsprojekt war als prospektive randomisierte Studie angelegt. Je gut 10’000 Personen mit erhöhtem Blutdruck nahmen die Medikamente am Morgen bzw. am Abend ein. Ansonsten unterschieden sich die beiden Populationen nicht: die Beteiligten waren im Mittel um 65 Jahre alt und durchschnittlich leicht übergewichtig, die meisten rauchten nicht. Als primärer Endpunkt galt eines der folgenden Ereignisse: Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulär bedingter Tod.
    Die Studie kommt zum Schluss, dass bezüglich kardiovaskulärer Ereignisse statistisch keine Differenz ersichtlich ist, die Einnahme der Medikamente am Morgen oder am Abend also keinen Unterschied mache. Man kann deshalb empfehlen, den Zeitpunkt nach persönlichen Vorlieben zu wählen, allenfalls unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen. (Studie)

    Kommentar im zitierten infomed-screen:
    „Als Hausarzt kann ich nun in der Sprechstunde die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt der Tabletteneinnahme locker angehen. Wichtiger als diese Frage sind wohl Themen rund um den Lebensstil. Immerhin rauchten fast 5% der an der Studie Beteiligten, ein Grossteil war übergewichtig und über 10% hatten Diabetes. Diese Faktoren fallen letztlich eher ins Gewicht, sie sind die eigentlichen Knackpunkte.“

    Vorsicht: Ältere Patienten (über 70) und solche mit bereits bestehenden Kranzgefässkrankheiten (KHK) – oder vielleicht immer vor Beginn einer Medi-Therapie immer eine 24-Stunden-Blutdruckmessung (und wo der BD nachts sowieso schon abfällt (= Dipping) auch nicht abends geben.

    Im Winter (höhere Blutdruckwerte bei tieferen Temperaturen) sollte intensiver behandelt werden als im Sommer (dann Neigung zu tiefen Werten und Kreislaufkollaps).

    Vorsicht Sturzgefahr! Bei betagten Menschen können Blutdrucksenker genauso viel schaden wie nützen. Der Grund: Die Senioren stürzen unter Blutdruckmitteln häufiger. Zu diesem Resultat kommt eine US-Studie mit rund 5000 über 70-Jährigen. Besonders gefährdet waren jene, die bereits einmal gestürzt waren und unter mehreren Krankheiten litten.

    Achtung: Bei einer systolischen Blutdrucksenkung auf unter 140 mmHg muss auch der diastolische Blutdruck beachtet – und falls möglich – nicht zu stark, d.h. möglichst nicht unter 80 mmHg gesenkt werden!
    ( http://www.evimed.ch/journal-club/artikel/detail/schaedigt-ein-diastolischer-blutdruck-das-myokard-unabhaengig-vom-systolischen-blutdruck/)

    Man muss sich hier im Klaren sein, dass die Blutdruckmittel ein Riesengeschäft bedeuten (v.a. seit die Guidelines in den vergangenen Jahren immer tiefere Blutdruckwerte für noch normal erklären). Dieser „Kuchen“ ist im Jahr weltweit auf 36 Milliarden Dollar angewachsen und die vier bestverkauften Medikamente gegen Bluthochdruck brachten allein 8 Milliarden Dollar ein!

    Gewichtszunahme nach Menopause durch Medikamente

    Frauen nach der Menopause Vorsicht vor Antidepressiva und Betablockern: Viele Pillen gegen Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen und andere psychische Probleme begünstigen eine Gewichtszunahme. Sie werden Frauen oft verschrieben beim Übergang in die Wechseljahre – einem Zeitpunkt, wo viele häufig bereits übergewichtig sind.
    US-Forscher fanden gemäss der Zeitschrift «Menopause» in einer Studie heraus, dass schon die Einnahme von einem solchen Medikament mit einer stärkeren Erhöhung des Body-Mass-lndex und des Taillenumfangs verbunden war im Vergleich zu Frauen, die keine dieser Arzneien einnahmen. Mit steigender Anzahl der geschluckten Medikamente nahm der Effekt noch zu. Frauen mit einem zu Beginn höheren Gewicht waren zudem anfälliger für eine weitere Zunahme. Die Forscher hatten die Gewichtsveränderungen der Patientinnen nach Beginn der Einnahme von Antidepressiva, Insulin und Betablockern während dreier Jahre verfolgt.
    Auf Lebensstil achten
    Als Reaktion auf die Ergebnisse der Studie raten die Forscher zur Wachsamkeit bei der Verschreibung solcher Medikamente nach der Menopause: Sie sollten nur mit Bedacht eingesetzt werden. Neben einer minimalen Medikation gelte es im Kampf gegen eine Gewichtszunahme im Alter aber auch, auf Aktivität, Ernährung und Schlafqualität zu achten.

    Entscheidend ist, wo sich das Fett befindet

    Gute Nachricht für all die Menschen, die mit ihren massigen Beinen hadern: Laut einer neuen Studie haben sie ein geringeres Risiko für Bluthochdruck und Herzkrankheiten. Diese überraschenden Ergebnisse wurden an der Jahrestagung der Amerikanischen Herzgesellschaft (AHA) präsentiert (SOURCES: Aayush Visaria, MPH, Rutgers New Jersey Medical School, Newark, N.J.; Sept. 10, 2020, presentation, American Heart Association virtual hypertension meeting).
    Im Vergleich zu Personen mit dünnen Beinen hatten Teilnehmende mit mehr Fett, insbesondere an den Oberschenkeln, eine um 60 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck und Herzprobleme: Der erste Blutdruckwert, der sogenannt systolische, war bei ihnen zu 55 Prozent seltener erhöht; und der zweite Wert, der diastolische, zu 40 Prozent.
    Es geht also nicht nur darum, wie viel Fett jemand hat, sondern auch darum, wo sich das Fett befindet. Wir wissen, dass Fett um die Taille herum gesundheitsschädlich ist, aber von Fett an den Beinen (und an den Hüften – man spricht dann von „Reithosen“) kann man das offenbar nicht sagen. Es schützt nach allen bisherigen Erkenntnissen möglicherweise sogar vor Bluthochdruck.

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    11. September 2024

  • Trinken beim Marathon – Hyponatriämie

    Ausgetrocknet oder überwässert?

    Flüssigkeitsersatz beim Sport ist ein ganz schöner Balanceakt: Trinken die Athleten zu wenig, dehydrieren sie und bekommen Probleme mit Herz und Kreislauf, der Thermoregulation und der Muskelfunktion. Trinken sie zu viel oder falsch, droht eine Hyponatriämie, die zu epileptischen Anfallen, intrakranieller Druckerhöhung, Lungenödem und Atemstillstand führen kann.
    Leider sind die Symptome von Überwässerung und Austrocknung zu Beginn jedoch so ähnlich, dass die Sportler daraus kaum Rückschlüsse auf ihren Hydratationszustand ziehen können: Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Orientierungsstörungen und Kopfschmerzen treten sowohl bei Überwässerung als auch bei Austrocknung auf. Allerdings wird der Dehydratations- Kopfschmerz meist als pulsierender Schmerz im Gehirn beschrieben und ist oft mit Überhitzung des Organismus assoziiert.

    ausgetrocknet oder überwässert?
    Dehdratation (Austrocknung)Hyponatriämie (Überwässerung)
    ÜberhitzungKörperkerntemperatur normal
    pulsierender KopfschmerzKopfschmerz nimmt stetig zu
     Hände und Füsse schwellen
    Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Orientierungsstörungen

    Ring kneift, Schuh drückt? Todesgefahr!

    Bei der Hyponatriämie ist die Körperkerntemperatur dagegen normal, und der Kopfschmerz nimmt stetig zu. Zudem tritt der Natriummangel in der Regel erst nach vier Stunden Sport auf, wenn die Athleten zu viel bzw. zu natriumarm getrunken haben, sodass das herausgeschwitzte Salz nicht ersetzt, sondern das Blut sogar weiter verdünnt wurde. Charakteristischerweise schwellen dann die Hände und Füsse an. Wenn also der Ehering anfängt zu kneifen, die Armbanduhr das Handgelenk einschnürt oder die Schuhe plötzlich drücken, sollten die Sportler an einen Natriummangel denken.
    Bei der Dehydratation gelingt es meist, die fehlende Flüssigkeit oral zu ersetzen. Nur bei Bewusstseinsstörungen oder Magen-Darm-Problemen muss man i. v. substituieren. Ein Sportler mit Verdacht auf Hyponatriämie muss dagegen sofort in eine Klinik gebracht werden, wo man ihn per Monitor überwachen und ggf. hypertone Natriumlösung infundieren kann, heisst es in den Leitlinien des amerikanischen Leichtathletikverbandes USA Track & Field (www.usatf.org).
    Doch wie viel soll ein Sportler während eines Marathons denn nun trinken, um solchen Problemen vorzubeugen? Am besten ermittelt er einen Flüssigkeitsbedarf vor dem Wettkampf per Selbst-Test (s. Kasten). Geeignet sind Getränke mit einem Natriumgehalt von 0,5 bis 0,7 g pro Liter. Wird die sportliche Belastung voraussichtlich sehr hoch oder dauert länger als 45 bis 50 Minuten, sollten auch Kohlenhydrate enthalten sein, in einem Anteil von 6%. Fruchtsäfte oder Limonade mit 8% Kohlenhydratgehalt sind als Basisgetränk während des Wettkampfes nicht geeignet. Denn dann konzentriert sich der Magen zu sehr auf Resorption des Zuckers und entleer t sich nur verzögert.

    Wie viel trinken? Schwitz-Test zeigt’s!
    (Nacktgewicht in kg vor dem Sport – Nacktgewicht in kg nach einer Stunde Rennen) x 1000 + zwischenzeitlich getrunkene Flüssigkeit (in ml) = Trinkmenge pro Stunde (in ml)
    Mit einem einfachen Schwitz-Test kann der Sportler selbst bestimmen, wie viel er während des Marathons trinken muss: Aufwärmen, Urin lassen und nackt wiegen. Dann eine Stunde in Marathon-Geschwindigkeit laufen und dabei nach Durst trinken. Anschliessend wieder nackt wiegen, ohne vorher Urin zu lassen. Die obenstehende Formel ergibt die Trinkmenge.

     Mit Salzbrezeln zum Marathon

    Glukose und Maltodextrin sind als Zuckerlieferanten gut geeignet, Fruktose führt dagegen häufiger zu gastrointestinalen Problemen. Auf  Alkohol, Koffein und Kohlensäure sollte man während des Sportes verzichten. Denn Alkohol und Koffein erhöhen das Urinvolumen und entziehen dem Körper somit zusätzlich Flüssigkeit, Kohlensäure sorgt für ein Völlegefühl und erniedrigt damit das Trinkvolumen.
    Zudem sollten die Läufer natürlich den Marathon gut hydriert beginnen. Der amerikanische Leichtathletikverband empfiehlt, zwei bis drei Stunden vor dem Wettkampf 500 bis 600 ml Flüssigkeit zu trinken und in den letzten zehn Minuten vor dem Start nochmals etwa 300 bis 360 ml. Während des Marathons sollten die Athleten nicht an jeder Verpflegungsstelle trinken, sondern nur, wenn sie wirklich Durst haben, so die Autoren im British Medical Journal (Timothy David Noakes, BMJ 2003; 327: 113-114,  http://bmj.bmjjournals.com/cgi/content/full/327/7407/113 ). So lässt sich die Gefahr der Überwässerung minimieren. An heissen Tagen kann es zudem sinnvoll sein, vor dem Lauf und in der zweiten Hälfte ein paar Salzbrezeln oder salzige Snacks zu essen bzw. ein kleines Tütchen Salz als Notfallreserve für besonders schwitziges Wetter einzustecken.
    Treten schwäche und Kollapsneigung erst nach dem Wettkampf auf, liegt dies meist weder an Dehydratation noch an Natriummangel, sondern daran, dass das Blut nach dem Lauf in den Beinen versackt und dem Oberkörper (also auch dem Hirn) fehlt. „Beine hoch“, heisst dann die Devise.

    Abschliessend nochmals die wichtigsten Trinktipps für Sportler:

    • Vor dem Wettkampf trinken – am besten mit etwas Kochsalz

    • Während Wettkampf nur bei Durst trinken
    • Keine Kohlensäure, Alkohol, Koffein

    • Kneifender Ehering, einschnürende Socken: Natriummangel!

    Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    18. November 2024