- Homöopathie: ein Super-Placebo?
- Hilfe zur Selbsthilfe
- Wie wirkt Homöopathie?
- Was heisst „potenziert“?
- „Schulmedizin“ und Homöopathie
- Wissenschaft und Homöopathie: Mit Unwissen leben lernen!
- Homöopathie und Psychoanalyse
- Indikationen und Grenzen der Homöopathie
- Gurumedizin
- Alles Natürliche ist gut!
- Bücher, die weiterführen
Alternativmedizin? Naturheilkunde?
Warum sie vielleicht wirkt, ohne, dass wir es genau erklären können
Jäger und Sammler bauen erstaunlich gute Bögen. Die Physik hinter der genauen Bauweise können sie einem aber nicht erklären. Die Azteken fügten ihrem Maisbrei Asche hinzu. Dadurch wird Vitamin B besser aus dem Mais gelöst, was man aber erst heute chemisch erklären kann. Joseph Henrich (evolutionärer Anthropologe in The Secret of Our Success ) spricht in diesen Fällen von opaker Kausalität. Es ist ein Begriff, den ich liebe: Etwas funktioniert, aber wir haben keinen Schimmer, warum.
Opazität (lateinisch opacitas „Trübung, Beschattung“) bezeichnet allgemein das Gegenteil von Transparenz, also mangelnde Durchsichtigkeit bzw. mangelnde Durchlässigkeit. Das zugehörige Adjektiv lautet opak (von lateinisch opacus „trüb, dunkel, verschwommen“).
Was genau folgt jetzt daraus für die Naturheilkunde und traditionelle Verfahren, die in der Alternativmedizin Anwendung finden? Zunächst einmal, dass man nicht alles direkt als anachronistisch abtun sollte. Sondern sich – mit einer evolutionären Brille – durchaus fragen kann: Warum hält sich eine bestimmte Praxis eigentlich schon so lange? Waren unsere Vorfahren vielleicht gerade in medizinischen Fragen weise?
Welche erstaunlichen medizinischen Ergebnisse das nach sich ziehen kann, zeigt eine Folge des Wissenschaftspodcasts RadioLab. Darin kochen die Wikingerforscherin Christina Lee und die Mikrobiologin Freya Harrison ein Rezept aus einem 1.000 Jahre alten englischen Arzneimittelbuch nach. Dessen Erfinder, der Wikingerarzt Bald, hatte mit der Salbe Schwellungen am Auge behandelt. Harrison und Lee mischen unter anderem Knoblauch, Wein und Kuhgalle zusammen und lassen die Brühe dann neun Tage in einem Bronzegefäss stehen. Was am Ende herauskommt, ist ein waschechtes Antibiotikum, das aktuell in klinischen Studien erprobt wird.
Was muss man aus all diesen Beispielen schliessen? Vielleicht, dass wir medizinische Praktiken, die sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende herauskristallisiert haben, wissenschaftlich prüfen sollten, ob sie wirken.
Dazu bedarf es aber auch der Offenheit, dass viele Traditionen trotzdem Quatsch sind. Auch das kann man übrigens evolutionär erklären: Es setzt sich ja nicht nur das durch, was dem Überleben und dem Zeugen von Nachwuchs dient, sondern oftmals auch Dinge, die keinen Unterschied machen, also neutral sind (und manchmal sogar Dinge, die schaden). Dazu kommt noch, dass viele traditionelle Verfahren einfach ausgeklügelte Rituale sein dürften, mit denen unsere Vorfahren den Placebo-Effekt aktiviert haben, also die körpereigenen Heilkräfte. Auch weil es nichts Wirksameres gab.
Denkt man den Gedanken zu Ende, wird aber auch klar, worauf unser Blick nicht milder werden sollte: auf all die komplementärmedizinischen Verfahren, all die Heilsversprechen, die nicht nur keinen plausiblen Wirkmechanismus für sich beanspruchen können, sondern auch keine lange Tradition haben. Und davon gibt es viele. All die Dinge, die einfach ausgedacht sind, der wilden Fantasie Einzelner folgen, die mehr auf symbolischem Denken als auf Wissenschaftlichkeit fussen.
Die Bioresonanztherapie zum Beispiel, die sich ein Arzt und Ingenieur in den 1970ern ausgedacht hat. Oder die Vitalblutanalyse, die der Insektenforscher Günther Enderlein vor 100 Jahren entwickelte. Oder eben auch die Homöopathie, die auf das Denken Samuel Hahnemanns zurückgeht.
(Quelle: Und wenn die Naturmediziner doch einen Punkt haben? von Dr. Jakob Simmank, Die Zeit, 25.04.26)
Bei der Homöopathie entsteht Verwirrung, weil man seit Jahrzehnten alles in einen Topf wirft. Homöopathie ist keine Naturheilkunde, sondern geht auf die Ideen eines Einzelnen zurück. Dennoch nährt die berechtigte Kritik an der Homöopathie die allgemeine Skepsis gegenüber Naturheilkunde. Hätte man früher klar unterschieden, wären wir wissenschaftlich heute weiter.
Naturheilkunde hat längst in fast allen medizinischen Bereichen ihren Platz gefunden. Sie ist keine „Alternativmedizin“. Sie ist Medizin. Homöopathie dagegen bleibt „Alternativmedizin“. Massgeblich bleibt die wissenschaftliche Evidenz. Alternativmedizin oder besser Pseudomedizin wie Homöopathie ist nicht evidenzbasiert, Naturheilkunde im eigentlichen Sinne sehr wohl.
Ist Homöopathie also nichts weiteres als ein Placebo?
Die Homöopathen wehren sich heftig gegen diese These – und übersehen dabei vielleicht, dass dieses Urteil eher ein Lob als ein Vorwurf ist. Denn offenbar heilt der Mensch sich vor allem selbst, gestützt auf seine eigene „Lebenskraft“. Warum sollte dieser längst bewiesene, mächtige Effekt sich nicht durch eine homöopathische Behandlung noch verstärken lassen? Eine Methode, die selbst den leisesten Hauch eines körperlichen Symptoms aufspürt, die Seele streichelt und sich dem rätselhaften Wesen Mensch auf besonders einfühlsame Weise nähert.
Die homöopathische Arznei ist ein Dialog, die Homöopathie eine „Medizin der Beziehung“.
Hilfe zur Selbsthilfe
Wer mit der Homöopathie eine Lösung seiner gesundheitlichen Probleme mittels eines Kügelchens erhofft, befindet sich in der Irre und wird scheitern.
Der homöopathische Prozess sollte immer auch durch Veränderungen im Lebensstil begleitet sein… und sehr häufig auch durch (lebenswichtige) „Schulmedizin“: Weiterlesen >>>
Stellen Sie sich vor, dass durch diese Therapie die in Ihnen wirkende (eventuell gestörte) Lebenskraft als Heilenergie freigesetzt wird. Sie wirkt primär durch Beeinflussung der mentalen und energetischen Ebene des Menschen. Die Homöopathie ist eine Hilfe zur Selbsthilfe. Sie betrachtet auch z.B. Krankheitssymptome, wie Fieber, Hautausschlag, Durchfall, Entzündung usw. als Ausdrucksformen der Selbstheilung des Organismus, die nicht unterdrückt werden sollen, um den Heilungsprozess zu beschleunigen – immer vorausgesetzt, sie zeigen sich nicht überschiessend und zerstörerisch.
Als Ergänzung dazu ist die Allopathie (die sog. „Schulmedizin“) grundsätzlich eine auf die physische Ebene einwirkende Heilmethode und deshalb z.B. in Notfallsituationen, in denen das Leben durch das Versagen einer einzelnen Lebensfunktion akut bedroht ist, die oft einzig mögliche und souveräne Therapie. (Siehe auch „Indikationen und Grenzen der Homöopathie“ am Schluss).
Wie erreicht die Homöopathie diese Hilfe zur Selbsthilfe?

Der Begründer der Homöopathie, Samuel HAHNEMANN (1755-1843) stellte die These auf, dass ein Heilmittel, welches „rhythmisch verdünnt“, d.h. „potenziert“ wird und dann in der sog. Arzneimittelprüfung an Gesunden (Der Prüfling nimmt eine Dosis C30 und nach ein paar Tagen nochmals dieselbe Potenz mehrmals innert 1 bis 2 Tagen bis die Symptome erscheinen ein) für dieses Mittel typisches Symptomenbild zeigt; dass nun diejenige Arznei, die die meisten Symptome der Ähnlichkeit (zur Krankheit) zu erzeugen imstande ist (also das Simillium), die ganze gegenwärtige Krankheit schnell, gründlich und dauerhaft aufhebt und in Gesundheit verwandelt. Ein sehr hoher und idealistischer Anspruch, der meist den Therapeuten und Klienten überfordert…
und dann eine „Guru-Heilmethode“ wird.
Was heisst nun potenziert?
C1 heisst z.B., dass der Stoff nach genauen Regeln 1:100 mit Milchzucker verrieben worden ist. Meist wird bis C3 verrieben und dann weiter 1:100 mit medizinischem Alkohol verdünnt und dabei nach gewissen Regeln geschüttelt. (Falls man nun nochmals 1:100 verdünnt, erhält man C4, etc.). Während diesem Vorgang wird eine Energie (=Potenzierung) freigesetzt, so die These, welche wissenschaftlich nicht messbar ist.
Die Homöopathie beansprucht strenge Wissenschaftlichkeit – ein Widerspruch in sich. Wer ein ganzheitlich-avantgardistisches Weltbild vertritt, sollte konsequent sein und das mechanische Verfahren der Arzneikraftentwicklung durch ein metaphysisches ersetzen.
Ich bleibe vorsichtig: Wendet man das Arzneimittel nach homöopathischen Grundsätzen an, sollen diese Energien eine „Resonanzschwingung“ in den heilenden Strukturen des Organismus auslösen – was wohl jedes gut eingesetzte Placebo ebenfalls bewirkt. Bis etwa C4/C6 oder D8/D12 (D1 heisst 1:10) überwiegen die allopathischen Wirkungen. Hier handelt es sich nur um Verdünnungen, nicht um Potenzen. Bei D23 existiert aus wissenschaftlicher Sicht keine Materie mehr. Dennoch, so die These, setzen sich immer mehr der beschriebenen Energien frei. Die heilende Wirkung wächst also, je kleiner die Dosis und je länger die Intervalle.
Wir sollten erkennen: Hier kehrt ein medizinisches Weltbild aus dem Mittelalter zurück – aufgewärmt und als Fortschritt verkauft.
Alte Weltbilder leben weiter
Was geschieht eigentlich mit den Hintergrundfilmen, die von den Filmstudios nicht mehr gebraucht werden? Werden sie zerstört oder in Billigproduktionen wiederverwendet? Anders gefragt: Was geschieht mit den alten Diskursen und Paradigmen, wenn sie ausgedient haben?
Michel Foucault (der den Begriff Diskurs geprägt hat) und Thomas Kuhn (mit dem Paradigmenwechsel) dachten, sie würden auf dem Abfallhaufen der Geschichte entsorgt. Doch dem ist nicht so: Zwar interessierte sich nach Kopernikus kaum jemand für die ptolemäischen Planetenbahnen. Doch bei den Flat-earthern haben sie Unterschlupf gefunden. Seit der Renaissance forderte die Medizin nicht mehr eine Ähnlichkeit zwischen Therapeutikum und der Krankheit. In der Homöopathie hat diese Vorstellung aber überlebt. Der Einfluss der Gestirne auf die Gesundheit spielt in der Medizin keine Rolle mehr. Ausser bei ein paar Anhängern der Astrologie. Nach Darwin hielt niemand mehr den Axolotl (ein mexikanischer Lurch) für ein gottgeschaffenes Monster, das die Menschen zur Umkehr mahnen soll. Ausser ein paar US-amerikanische christliche Fundamentalisten.
Tatsächlich bilden alte, ausgediente Paradigmen den Kern der meisten alternativ-esoterischen Theorien. Doch im Unterschied zu den alten Theorien sind sie nun hermetisch geschlossen und nicht mehr entwicklungsfähig; sie dienen nicht mehr dem Wissen, sondern nur noch dem Besserwissen: Sie bekämpfen den Mainstream um der eigenen Selbstvergewisserung willen.
(Daniel Strassberg in der Republik, 28.02.23)
Homöopathie und Schulmedizin
Diese und die folgenden Entdeckungen von Hahnemann waren aus einem mittelalterlichen Weltbild erschaffen und dabei noch völlig empirisch, d.h. aus reiner Erfahrung gewonnen. Man kann dies alles wissenschaftlich-theoretisch nicht nachvollziehen, weshalb die Homöopathie universitär abgelehnt wird. Sie ist deshalb auch hermetisch abgeschlossen und kaum mehr entwicklungsfähig.
Die Schulmedizin kann aber trotzdem neue Impulse aus diesem Prototyp einer, durch ihre Mobilisation körpereigener Kräfte geprägten Heilslehre schöpfen. Andere, ähnliche Heilsformen sind, so gesehen, auch die Akupunktur und andere „energetische“ Therapien der Alternativmedizin, die Pflanzenheilkunde, die Heilung mit Ernährung und Diät und die Psychotherapie. Dinge also, die auch ein rein „schulmedizinisch“ arbeitender Hausarzt bereits schon immer in seiner Heilkunst angewandt hat.
Die Gefahr einer zu einseitigen „Schulmedizin“ liegt in der Suche, nur Schmerzen oder Funktionseinbussen zu eliminieren, Alterungs- und Abnützungserscheinungen zu bremsen, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, vorzeitigen Tod oder Invalidisierung zu verhüten. Das heisst, im Wesentlichen irgendwelche lästigen oder potentiell gefährlichen Zustände wegzukurieren bis zu einem üblichen Zustand von Indifferenz, in dem unser Organismus so gut funktioniert, dass wir ihn kaum mehr spüren. Da mit fortschreitendem Alter die Störungen aber zahlreicher und länger dauernd werden, uns in unserer Entfaltung mehr und mehr einschränken, schwächen und schliesslich „umbringen“, ist dieses Zerrbild einer Schulmedizin ein langsames Rückzugsgefecht. Die Schulmedizin rechtfertigt sich so selber nicht, gibt uns keinen Lebenssinn, keine Erklärung über den Sinn von Leiden, Schmerz und Tod.
Weiterlesen über das Kohärenzgefühl in der Salutogenese >>>
Wissenschaft und Homöopathie – Lernen mit Unwissen zu leben
Nur soviel zum Begriff „Wissenschaft“: „Die Wissenschaft verändert sich von Beerdigung zu Beerdigung“ (Max Planck). Oder anders ausgedrückt: Was gestern als „wissenschaftlich“ galt, ist heute schon „mittelalterlich“. kann man aber auch so über die Homöopathie sagen…
Ein weiser Wissenschafter muss also mit Unwissen und Vorläufigkeit leben lernen (siehe unsichere Anfangszeit von Covid-19 als eigentlicher „Blindflug“!). Auch einem Homöopathen würde gut anstehen, wenn er mehr Unsicherheit und Vorläufigkeit eingestehen könnte – und nicht (wie schon der allmächtige Hahnemann!) Guru-haft, allwissend aufzutreten. Die allmächtige Ablehnung aller Impfungen scheint mir so ein Ausdruck dieser Guruhaltung zu sein. Man muss sich dann nicht wundern, wenn man sich auf diversen Anti-Corona-Hygiene-Demos inmitten rechtspopulistischen Verschwörungstheoretikern wiederfindet, die alle einem doktrinär Gut-und-Böse-Schwarzweiss-Denken frönen!
>>>Weiterlesen in meinem Blog.
Wenn das Ziel einer pathogenetischen Schulmedizin Heilung, Rückführung oder Restitutio zum Vorzustand ist, ist das der „komplementären“, salutogenetischen Medizin also Erklärbarkeit, Sinnfindung, Heilwerden, Reifung. Und genau deshalb, weil das Behandlungsziel nicht dasselbe ist, sind die beiden Sichtweisen häufig kompatibel, ja eigentlich „komplementär“. Was uns fehlt, ist mehr Verständigung, auf welcher Ebene Not ist, und ob wir bereit sind, die Sinnfrage (zum Beispiel auch vom Schmerz) zu stellen, den Hilfesuchenden auf seinem Weg zu begleiten und in die Eigenverantwortung und Selbständigkeit zu entlassen, ob mit „schulmedizinischen“ oder salutogenetischen Methoden.
Dazu muss man deutlich anfügen, dass auch sehr viele sogenannte Schulmediziner salutogenetisch arbeiten und sehr viele Homöopath*innen pathogenetisch!
Zudem sollte jeder, der „auf Homöopathie schwört“ (und vielleicht die Schulmedizin primär mal ablehnt, da zu technisch…) bei sich genau hinsehen, ob er dem häufigen Denkfehler von uns modernen Menschen aufsitzt, dass „Natürliches sowieso gut – und besser als alles Wissenschaftlich-Technische ist: walserblog.ch/alles-natuerliche-ist-gut/
Sanfte Alternativen? Zum autoritären Welt-und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
>>> Ingrid Tomkowiak, Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich >>>
Über homöopathisches Denken – 7 Denkfehler der Homöopathie
Dieser Text ist eine Art Fortbildung für Kontrahenten: für Homöopathiefans und -gegner in Spectrum.
Nathalie Grams, früher praktizierende Homöopathin, jetzt Homöopathiekritikerin, und Nikil Mukerji tragen 7 Denkfehler zusammen, denen man sehr oft im Zusammenhang mit Homöopathie begegnet. Dabei lernt man nicht nur etwas über die Geschichte der Homöopathie und zur Theorie der Wirkweise homöopathischer Mittel, sondern auch über das Denken und die Kommunikationsstrategien von Homöopathen, die ihre Heilmethode verteidigen.
Zwischendurch gibt es leicht verständliche Infos über klinische Studien und ihre Methoden, über evidenzbasierte Medizin und darüber, warum man die Wirkweise der Homöopathie nicht wissenschaftlich belegen konnte und was Studienergebnisse stattdessen nahelegen.
Bei wem die Struktur des Textes und die Überschrift einen Widerstandsreflex auslösen: lesen lohnt trotzdem. Denn der Text geht respektvoll mit den Argumenten der Homöopathen um und erklärt gut, was die springenden Punkte sind.
Wenn man danach immer noch zur Homöopathie greifen will, so tut man es wahrscheinlich mehr im Bewusstsein dessen, wo ihre Grenzen liegen und versteht die Kritik an ihr um einiges besser.
>>> www.spektrum.de/news/denkfehler-der-homoeopathie/1499429
Die Ärztin Natalie Grams-Nobmann führte eine Praxis für Homöopathie. Doch als sie für ein Buch recherchierte, kippte ihre Haltung zur Homöopathie komplett. Als sie ihr Buch «Homöopathie neu gedacht. Was Patienten wirklich hilft» dann veröffentlichte, gab es Morddrohungen. Im Podcast «Denkangebot» spricht Katharina Nocun mit Grams-Nobmann über Erkenntnisse, Wahrheiten und den Placeboeffekt.
Paracelsus und die Homöopathie
Das Drama des Paracelsus bestand darin, dass er nach seinem revolutionären Verwerfen der Vier-Säfte-Lehre eine eigene „Guru-Medizin“ schuf: die alchemistische Medizin. Er sprach nicht mehr über das Sieden und Garen von Säften, sondern über die Umwandlung der Grundstoffe Quecksilber, Schwefel und Salz. Dabei suchte er die Quintessenz dieser Stoffe durch chemische Bearbeitung – die Grundlage der Spagyrik und später der Homöopathie. Wie genau dies geschah, bleibt unklar, ausser für den „Guru“, der es behauptete. So entstand eine undurchschaubare neue Lehre aus der mittelalterlichen Alchemie, meist mit unklarem Ausgang und oft einer Quecksilbervergiftung – eine eigentliche Eso-Medizin.
Homöopathie und Psychoanalyse
Schaut man genauer hin, finden sich bei beiden Methoden zahlreiche Gemeinsamkeiten: Im Zentrum der Behandlung steht die Patientin oder der Patient und nicht wissenschaftliche Doktrin, rigide Diagnostik und Unterteilung der Krankheiten. Der deutsche Arzt, Psychosomatiker und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hielt fest: „Der zentralste Gedanke ist, dass es der Tiefenpsychologie nicht so sehr auf die Ähnlichkeit der Krankheitszeichen, auf das Typische eines Krankheitsbildes ankommt, als auf den einzelnen in seiner Krankheit.“, Die Lebensumstände des Kranken werden mitberücksichtigt, seine Ausdrucksmöglichkeiten sind für die Beurteilung von besonderer Wichtigkeit.
Um den Erkrankten mit seinen «auffallenden, ,sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenen (charakteristischen) Zeichen und Symptomen» zu erfassen, wie es Samuel Hahnemann formulierte, wird dem Gespräch viel Platz eingeräumt: auch für alogische und ungeordnete, spontane Einfälle. Freud spricht vom „freien Assoziieren“.
Unbestritten ist, dass sich Patientinnen und Patienten dabei viel besser verstanden und angenommen fühlen als in einer kalten und eher technisch ausgerichteten (Schul-)Medizin.
Bereits die homöopathische Bestandesaufnahme respektive das psychoanalytische Erstgespräch können die spätere Genesung in Gang setzen. Auch die Behandlung weist gewisse Parallelen auf: Das „Simile-Prinzip“ (Gleiches mit Gleichem zu behandeln) der Homöopathie findet sich in abgewandelter Form in der Psychotherapie. Die in der Homöopathie durch die Arznei induzierte „Kunstkrankheit“ entspricht der –“Übertragungsneurose“ der Psychoanalyse, also dem Wiederholen der Neurose in der Beziehung zum Therapeuten. In beiden Fällen geht der Heilung eine Rückkehr zu den Quellen der Krankheit mit dem Lösen von Konflikten und (frühen) Verstrickungen voran. Dies kann sich als vorübergehende Verschlechterung der Beschwerden äussern, in der Psychoanalyse wird von Regression gesprochen.
Der deutsche Psychoanalytiker Tilmann Moser („Körpertherapeutische Phantasien“) vergleicht die psychoanalytische Deutung mit der Verabreichung alternativmedizinischer Essenzen. Deutungen könnten magischen Substanzen gleichen, „die hoch über den Köpfen der Patienten oder tief giftig, aufbauend oder gar destruktiv, assimiliert oder in ihrer Wirkung Einlagerungen gleichend, die sich im seelischen Gewebe festsetzen und still vor sich hin eitern können“.
Durch das „Potenzieren“ der Arzneimittel bleibt eine „Information“ über das ähnliche Vergiftungsbild zurück und wird dem Patienten gegeben. Man kann dies mit der Bewusstwerdung (Information) des Klienten über die alten „Vergiftungen“ und Blockaden bei der Psychoanalyse gleichsetzen.
Paradoxerweise ist es gerade die von Patientinnen und Patienten geschätzte Würdigung des Individuellen, des nebenbei und freien Erzählens sowie das Zulassen des Zufälligen und Akausalen, die Homöopathie und Psychoanalyse für den Wissenschaftsbetrieb so ungeeignet erscheinen lassen.
Indikationen und Grenzen der Homöopathie
Die Homöopathie hat ihre klaren Grenzen!
Einer der grössten Nachteile der Homöopathie liegt darin, dass sie letztendlich eine „passive“ Therapieform ist. Der Homöopath muss den Klienten, den Menschen, der vor ihm sitzt möglichst präzis in ein vorgegebenes Schublädchen einfügen. Dazu verneigt sich die Methode noch vor diversen „Dogmen“ des Herrn Hahnemanns. Die Gefahr besteht, dass dabei vor lauter fast zwanghafter Akribie Ressourcen, Lebensstilveränderungen und Perspektiven des „Patienten“ vernachlässigt werden. Er erhält zum Schluss ein paar Kügelchen, schluckt diese und wartet „passiv“ der Veränderungen, die da kommen sollen…
Die homöopathische Mittelfindung und -gabe sollte also immer auch von einer allgemeinen und individuell geführten Bewusstseinsbildung des Gesundheitsverhaltens begleitet sein.
Als sekundäre „Neben“-Therapie ist Homöopathie vielleicht möglich, sofern sie eine unbedingt notwendige, lebensrettende Therapie nicht verhindert oder verzögert.
Als primäre „Haupt“-Therapie aber ist sie kontraindiziert bei allen Verletzungen und Krankheiten, die sich pharmakologisch nicht beeinflussen lassen und meist chirurgisch behandelt werden müssen, etwa Knochenfrakturen, Hirnblutungen, Magenperforationen oder eingeklemmte Hernien.
Das gilt auch für Krankheitszustände, bei denen die körpereigene Selbstheilungsenergie kaum noch vorhanden ist und sich deshalb nicht anstossen lässt. Dazu zählen Krebs, AIDS, Krankheiten mit pathologischen Organveränderungen, Infektionen wie Lungenentzündung, organisch zerstörend wirkende Autoimmunkrankheiten wie eine gelenkzerstörende Rheumatoide Arthritis sowie natürlich Vergiftungen.
Ebenso gilt es für Krankheiten, die zwingend eine Substitutionstherapie erfordern, zum Beispiel Diabetes mellitus oder eine Schilddrüsenunterfunktion.
In all diesen Fällen ist die „Schulmedizin“ die Therapie der ersten Wahl.
„Guru-Medizin“
Noch ein Wort zur Gefahr der „Guru-Mentalität“ (Hybris) gewisser Komplementärtherapeuten oder Ärzte – und auch zum „Guru-Charakter“ gewisser Therapieformen.
Homöopathie kann es sein – aber es existieren auch sonst sehr viel „Therapien“ und „Therapeuten“ – eine Methode also, die ein „Guru“ anwendet, das heisst ein Mensch, der etwas absolutistisch behauptet, das niemand sonst nachweisen oder nachempfinden kann oder mittels Studien reproduzierbar und verifizierbar ist. Man muss es also schlicht und einfach „glauben“. Machtansprüche und Unfehlbarkeit können Triebfedern auf Therapeutenseite sein – Narzistische Störungen sind weitverbreitet.
Damit ist jede Mitarbeit und Mitverantwortung des Klienten ausgeschlossen. Der „Patient“ wird zum passiven Gläubigen, der hinnimmt.
Zum Beispiel wird mit einem (sehr teuren) „Diagnosegerät“ – nach Stellen einer „Glaubensdiagnose“ (zum Beispiel – und sehr häufig: „Weizen- oder Milchallergie“) – mehrere „therapeutische“ Anwendungen dagegen durchgeführt … und zum Schluss sagt der Guru, dass es nun gut und geheilt sei!
Das Vorher und Nachher ist nicht nachempfindbar. Man kann es nur glauben! Und häufig werden auch unspezifische, psychosomatische Allerweltssymptome „therapiert“, die auch prompt und meist vorübergehend auf das Ritual der „magischen Behandlung“ anspricht. Amen!
Übrigens lernt oft der selbsternannte Guru die Anwendung eines solchen Gerätes in wenigen Stunden…

Guru-TherapeutInnen glauben im Grunde, dass der Mensch zu schwach zur Selbsthilfe ist. Sie misstrauen den Selbstheilungskräften des Klienten. Gute Beispiele dafür:
- Gurus beschäftigen sich oft mit „Entgiftung und Entschlackung“ unseres so unreinen Körpers… Dies können wir kosten- und Nebenwirkungsfrei selbst in jeder unserer Körperzelle mittels der wunderbaren Autophagie anregen: walserblog.ch/detox-intervallfasten/
- Sie preisen auch Mittel oder Therapien gegen „Übersäuerung des Körpers“ an und verkaufen Urintests und Basenpulver, etc. – dabei hat unser Körper starke Selbstkräfte unseren Säure-Basen-Haushalt stets im Gleichgewicht zu halten!
walserblog.ch/uebersaeuerung/
Bücher
- Zur Selbsthilfe in akuten Fällen: Werner Stumpf: „Homöopathie“, GU-Ratgeber (auch als Anleitung zu einer homöopathischen Hausapotheke)
- Für Einsteiger, die Fallbeispiele mögen: Georges Vithoulkas: „Medizin der Zukunft“, Georg Wenderoth Verlag, Kassel
- Für wahrhaft Lern- und Wissbegierige: Georges Vithoulkas: „Die wissenschaftliche Homöopathie – Theorie und Praxis naturgesetzlichen Heilens“, Verlag Urban + Fischer
- Und natürlich his masters voice: „Organon der Heilkunst“ von Samuel Hahnemann, Haug-Verlag, Heidelberg
Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
03. Juni 2026
