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  • Chronische Entzündungen als zentraler Motor vieler Krankheiten und der Fatigue

    Chronische Entzündungen als zentraler Motor vieler Krankheiten und der Fatigue

    Chronische Müdigkeit

    Persistierende Fatigue ist ein häufiges Symptom. Sie kann zahlreiche Ursachen haben – von endokrinen Störungen über psychiatrische Erkrankungen bis hin zu postinfektiösen Syndromen. Entscheidend ist daher die Identifikation von Merkmalen, die eine Abgrenzung ermöglichen.

    PEM = Post-exertional Malaise

    Eine Zustandsverschlechterung nach geringer körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung (Post-exertional Malaise, PEM) gilt jedoch als das Leitsymptom der Myalgischen Enzephalomyelitis/des Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS) und ist entscheidend für die klinische Einordnung der Erkrankung.

    Charakteristisch ist nicht nur die Intensität, sondern auch die zeitliche Dynamik: Die Verschlechterung tritt oft verzögert auf, typischerweise Stunden bis sogar 1 bis 2 Tage nach der Belastung, und kann über Tage oder Wochen anhalten. Betroffene berichten über eine Zunahme von Fatigue, kognitiven Einschränkungen („Brain Fog“), Schmerzen, vegetativen Beschwerden sowie grippeähnlichen Symptomen. Diese Reaktion unterscheidet sich grundlegend von der physiologischen Erschöpfung gesunder Personen oder auch von Fatigue im Rahmen anderer Erkrankungen.

    Für Ärzte ist PEM von besonderer Bedeutung, weil sie eine klare Abgrenzung zu anderen Ursachen chronischer Erschöpfung ermöglicht, etwa zu Depression, Burnout oder primären Schlafstörungen. Während dort körperliche Aktivität häufig eher stabilisierend oder sogar symptomverbessernd wirkt, führt sie bei ME/CFS-Patienten typischerweise zu einer Verschlechterung.

    Leitlinien betonen daher ausdrücklich, dass PEM obligater Bestandteil der Diagnosekriterien ist. Sowohl die britische NICE-Leitlinie als auch die Kriterien des Institute of Medicine (IOM, heute National Academy of Medicine) stellen PEM in den Mittelpunkt der diagnostischen Definition. Ohne dieses Symptom sollte die Diagnose ME/CFS kritisch hinterfragt werden.

    Zuerst mal der Weltschmerz…

    „Müde. Alle sind ständig müde, und die Müdigkeit nimmt immer neue Formen an: Es gibt die »Ukraine-Müdigkeit« (nicht schon wieder Waffenlieferungsdebatten), die »Klimamüdigkeit« (ist doch eh alles zu spät), die »Mitleidsmüdigkeit« (nach den Opfern Putins jetzt auch noch die im Nahen Osten). Die »Demokratiemüdigkeit« hat ohnehin Dauerkonjunktur (weil Aushandeln anstrengender ist als blindlings folgen). Und wer diesen Begriffen nicht in den Medien begegnet, weil er nichts hört, sieht, liest? Der ist nachrichtenmüde. Das Zeitalter der Polykrise ist auch eines der Polymüdigkeit, der Polyerschöpfung.“
    (Aufwachen von A. Agarwala und  M. Probst aus DIE ZEIT, 08/2024)

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    Müdigkeit – Erschöpfung – Fatigue

    Fatigue – Symptome

    Fatigue und Schmerz

    …und unser Immunsystem

    Hinter solch permanenter Energielosigkeit könnte nicht etwa ein Mangel an Wille, Ideen oder Interesse stecken – sondern: unser Immunsystem!
    Dies berichten Forscher um Michael Treadway von der Emory University. Sie konzentrierten sich auf die Auswirkungen von leichten, aber chronischen Entzündungsprozessen. Solche treten beispielsweise bei anhaltendem Stress, bei chronischen Schlafstörungen, Chronische Schmerzkrankheit, Übergewicht, Metabolischem Syndrom und Dysbiose, einem Ungleichgewicht der Darmflora auf. Aber natürlich auch bei Entgleisungen des Immunsystems nach akuten Infektionen, wie Post-Covid nach Covid-19, Longcolds oder ME/CFS (Chronic-Fatique-Syndrom)… Es sind eigentliche „Schwellbrände“ unseres Körpers (und Seele?).
    Dies auch bei Hypertonie oder Arterienverkalkung.

    Entzündungsneigung als zentraler Mechanismus

    In den vergangenen Jahren hat die Medizin erkannt, dass viele Erkrankungen eine mehr oder weniger ausgeprägte Entzündungskomponente haben. Das gilt selbst für Krankheiten wie Atherosklerose, Darmkrebs oder neurologische Erkrankungen. Die Gerontologie betrachtet chronische Entzündungen inzwischen als zentralen Mechanismus des Alterns. Dieser Zusammenhang wird als Inflammaging bezeichnet. Deswegen ist eine antientzündliche Ernährung so wichtig.

    Bekannt ist, dass im Rahmen des Bluthochdrucks in den Blutgefässen des Körpers eine Entzündungsreaktion auftritt, so dass der Schlüssel einer erfolgreichen Behandlung des Bluthochdrucks möglicherweise in der Abschwächung dieser Entzündungsreaktion liegt. „Seit einiger Zeit geht man davon aus, dass auch die durch Bluthochdruck geförderte Gefässverkalkung (Atherosklerose) nichts anderes als eine chronisch voranschreitende Entzündung des Gefässbettes ist.”(Quelle: Uni Mainz)

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    Pathologische Aktivierung des Immunsystems

    Die Entzündungsparameter im Blut (CRP, Interleukin-5, Interleukin-1 beta (IL-1 beta), Kortisol) sind zum Beispiel bei Patienten mit einem Metabolischen Syndrom erhöht. Es ist bekannt, dass Fettgewebe Entzündungsprozesse begünstigen kann. Die Theorie: Wenn Fettpolster zu schnell anwachsen, werden sie nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt (Hypoxie) und rufen die Fresszellen (Makrophagen) des Körpers auf den Plan. Das Risiko für chronische Entzündungen steigt.
    Selbst der Anblick allein von Süssem kann bei einem Übergewichtigen ein Entzündung auslösen! In Erwartung eines süssen Teilchens schnellt der Insulinspiegel schon vor dem ersten Biss in die Höhe und sorgt so für einen geschmeidigen Abtransport der Kohlenhydrate nach der Mahlzeit.
    Der Blick aufs Essen aktiviert im Gehirn offenbar bestimmte Immunzellen, die sogenannte Mikroglia. Diese Zellen schütten dann einen Entzündungsfaktor namens Interleukin-1 beta (IL-1 beta) aus. Normalerweise ist dieser Faktor an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt, im Verdauungsfall aber stimuliert IL-1 beta über einen bestimmten Nerv die Ausschüttung von Insulin. Mit Entzündungen im eigentlichen Sinne haben all diese Vorgänge nichts zu tun.
    Nun gibt es aber den Verdacht, dass ein chronisch erhöhter Blutspiegel des Entzündungsfaktors IL-1 beta bei übergewichtigen Menschen Diabetes auslösen könnte.
    Diese Gesamtentzündung wird heute als mitverantwortliche Ursache der Insulinresistenz, des Fehlens von Insulinsekretion bei Diabetes und auch der Arteriosklerose, sowie Krebs gesehen.
    Bei einem gesunden Menschen funktioniert IL-1 beta als ganz normale Verdauungshilfe, ein nur etwa zehn Minuten andauernder Prozess: Der Kopf stupst die Bauchspeicheldrüse gleichsam nur an. Bei stark übergewichtigen Menschen aber ist die IL-1-beta-Produktion überschiessend und andauernd wie bei einer chronischen Entzündung.
    Dieser Zusammenhang von Immunsystem und Stoffwechsel (auch Immuno-Metabolismus genannt) beschreibt Jacques Philippe eindrücklich im Schweiz Med Forum 2018 (aber auch die Ernüchterung einer antientzündlichen, medikamentösen Therapie dagegen).

    Auch wenig Sinn im eigenen Leben zu sehen, erhöht nach neueren Studien stets (wie beim Dauerstress) etwas den Kortisolspiegel im Blut, was eine permanente Schwächung des Immunsystems nach sich zieht – und deshalb nachgewiesenermassen eine Erhöhung der Entzündungsneigung: walserblog.ch/2021/07/04/sinn-im-leben/!

    Auch der Darmflora wird eine grosse Rolle zugesprochen. Die Darmwand ist bei Patienten mit Übergewicht und Diabetes weniger dicht: dadurch können bakterielle Wandprodukte, sogenannte Lipopolysaccharide, sie besser durchdringen und Entzündungen in verschiedenen Geweben verstärken. Die Zusammensetzung der Darmflora scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen! Mehr zum Diabetes als Entzündung!

    Aufhorchen lässt, dass neuste Studien zeigen, dass sich Mikroplastik aus unserer Umwelt in vielen Organen unseres Körpers ablagern und Entzündungen hervorrufen können. So fand man in Blutgefäss-Plaques diese Kunststoffteilchen, was auch zu Arterienverkalkung und Herzinfarkt, resp. Hirnschlag führte! Weiterlesen >>>

    Einsamkeit ist ein weiterer Dauerstress und führt zu chronischer Entzündung >>>

    Schwere Verläufe bei Covid-19

    Ob ähnliche Prozesse bei schweren Verläufen bei Covid-19 eine Rolle spielen, wird nun vermutet. Deshalb wirken hier auch Medikamente, die das überschiessende Immunsystem, den „Zytokinsturm“ bremsen, wie Dexamethason (ein potentes Kortison) oder auch die Pestwurz (Tesalin).

    Weiterlesen über ME/CFS nach Covid-19 >>>

    Dopamin durch Entzündung gehemmt

    Die Wissenschaftler haben vorliegende Studien zum Einfluss des Immunsystems auf die Dopaminausschüttung ausgewertet: „Can’t or Won’t? Immunometabolic Constraints on Dopaminergic Drive“.
    Dopamin, ein Hauptakteur im Belohnungssystem des Gehirns, spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation. Sie fanden, dass unsere Aufwandsbereitschaft infolge von Entzündungsprozessen abnimmt.

    Ihr Resümee: Entzündungen führen dazu, dass Botenstoffe (Zytokine) ausgeschüttet werden, die im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin hemmen. Dadurch sinke unsere Bereitschaft, sowohl körperliche als auch geistige Mühe aufzuwenden. Diese Studie erweitert das Verständnis von Motivationsmangel bei körperlichen Erkrankungen, aber auch bei Störungen wie Depressionen.

    Bei akuter Entzündung ist Müdigkeit Zeichen einer guten Immunantwort

    Die motivationshemmende Funktion des Immunsystems ist eine im Prinzip hilfreiche Erfindung der Evolution. Damit ist sichergestellt worden, dass sich ein Mensch nicht überanstrengt, wenn er sich einen Infekt eingefangen hat. Denn die Genesung erfordert viel Energie: Bei Infektionen oder auch bei grossen Wunden kann der Zuckerstoffwechsel des Immunsystems um bis zu 60 Prozent steigen – und diese Energie muss anderswo abgezogen werden. Wir werden dann zu Recht träge.
    Auch bei der Neuroinflammation tritt eine grosse Müdigkeit (als Beispiel während einer Grippe) akut als Zeichen einer guten Immunantwort auf.

    Pathophysiologie von ME/CFS

    In den vergangenen Jahren hat sich das Verständnis der Pathophysiologie von ME/CFS grundlegend verändert. Während die Erkrankung früher häufig als psychosomatisch eingeordnet worden ist, sprechen aktuelle Daten zunehmend für eine komplexe systemische Dysregulation, die verschiedene Organsysteme betrifft.

    ME/CFS wird nach heutigem Verständnis nicht mehr als isoliertes Syndrom einzelner Organe betrachtet, sondern als komplexe Multisystemerkrankung, bei der mehrere physiologische Systeme gleichzeitig betroffen sind. Im Zentrum stehen dabei vor allem Veränderungen im Immunsystem, im autonomen Nervensystem sowie im zellulären Energiestoffwechsel.

    Studien liefern Hinweise auf eine anhaltende Immunaktivierung oder -dysregulation, etwa in Form veränderter Zytokinprofile oder einer gestörten Immunantwort. Parallel dazu finden Wissenschaftler Auffälligkeiten im autonomen Nervensystem, die sich klinisch beispielsweise in Form von orthostatischer Intoleranz, Herzfrequenz-Variabilitätsstörungen oder einer gestörten Kreislaufregulation äußern können. Ergänzt wird dieses Bild durch Hinweise auf eine beeinträchtigte zelluläre Energiegewinnung, insbesondere auf Ebene der Mitochondrien, was als möglicher Erklärungsansatz für die ausgeprägte Belastungsintoleranz und die Post-exertional Malaise (PEM) diskutiert wird.

    Ein zentrales Merkmal der Erkrankung ist ihr postinfektiöser Beginn. Viele Patienten berichten, dass die Symptome nach einer akuten Infektion – etwa durch Epstein-Barr-Virus, Influenza oder zuletzt SARS-CoV-2 – einsetzen und anschließend persistieren. Diese Beobachtung wird durch epidemiologische und klinische Daten gestützt und hat im Zuge der COVID-19-Pandemie zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. ME/CFS wird daher zunehmend als postinfektiöse Systemerkrankung verstanden, bei der eine initiale Infektion eine fehlregulierte, chronische Reaktion verschiedener Körpersysteme auslösen kann.

    Differentialdiagnose der Chronischen Müdigkeit oder Fatigue

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    Fortbildung USZ, 19.03.2024

    Therapieansätze

    Die therapeutischen Empfehlungen bei ME/CFS haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Besonders deutlich zeigt sich dies in der aktuellen Leitlinie des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Die früher häufig empfohlene abgestufte bzw. aufbauende Bewegungstherapie (Graded Exercise Therapy, GET) wird heute ausdrücklich nicht mehr empfohlen.

    Hintergrund dieser Neubewertung ist die zunehmende Evidenz – und auch die systematische Einbeziehung von Patientenerfahrungen –, dass GET bei einem erheblichen Teil der Betroffenen zu einer Verschlechterung der Symptomatik führen kann. Insbesondere das Leitsymptom der Erkrankung, die Post-exertional Malaise (PEM), wird durch eine erzwungene Steigerung körperlicher Aktivität häufig verstärkt. Viele Patienten berichten über Rückfälle oder langfristige Verschlechterungen nach solchen Therapieansätzen. Vor diesem Hintergrund kommt die NICE-Leitlinie zu dem klaren Schluss, dass Programme, die eine fixe Steigerung der körperlichen Aktivität unabhängig von der individuellen Belastbarkeit vorsehen, nicht geeignet sind.

    An die Stelle aktivierender Therapieansätze tritt heute das Konzept des sogenannten Pacing (Energy Management), das als zentrale Strategie im Management von ME/CFS gilt. Pacing bedeutet, die verfügbare Energie konsequent zu managen und Aktivitäten so zu steuern, dass eine Überlastung vermieden wird. Ziel ist es, innerhalb der individuellen Belastungsgrenzen („energy envelope“) zu bleiben und damit das Auftreten von PEM möglichst zu verhindern. Anders als bei klassischen Rehabilitationsansätzen geht es also nicht um eine kontinuierliche Leistungssteigerung, sondern um eine Stabilisierung des Krankheitsverlaufs und die Vermeidung von Verschlechterungen.

    Praktisch umfasst Pacing unter anderem die strukturierte Planung von Aktivitäten, regelmässige Pausen, das Erkennen früher Warnsignale von Überlastung sowie die Anpassung des Alltags an die individuelle Leistungsfähigkeit. Dieses Vorgehen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient sowie eine realistische Zielsetzung, die sich an der aktuellen Belastbarkeit orientiert.

    Symptomorientierte Therapien sind sinnvoll und Bestandteil der Behandlung, ersetzen aber nicht die zentrale Rolle von Pacing. Das gilt auch für die Behandlung möglicher Komorbiditäten.

    Ernährung

    Eine wirksame antientzündliche Ernährung hat drei Säulen:

    • Als Erstes gilt es, Über- und Untergewicht zu vermeiden.
    • Zweitens sollte die Kost möglichst viele antientzündliche Komponenten beinhalten wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Beeren, Vollkornprodukte, Obst, Tee und hochwertige Pflanzenöle (Oliven-, Lein- und Rapsöl), auch fermentierte Milchprodukte (Joghurt, Käse).
    • Drittens sollte man wenig entzündungsfördernde Nahrungsmittel zu sich nehmen. Entzündungsfördernd sind rotes und verarbeitetes Fleisch, Alkohol, Kochsalz und Transfette, die vor allem in Lebensmitteln wie Pommes und Chips vorkommen. Ebenfalls ungünstig sind Kokosöl und verarbeitetes Palmöl, weil sie viele gesättigte Fettsäuren enthalten. Kochsalz hemmt das Wachstum antientzündlicher Darmbakterien. Gesättigte Fettsäuren wirken auf einen Rezeptor im Gehirn, wodurch mehr entzündungsfördernde Botenstoffe gebildet werden. Alkohol und das in rotem Fleisch enthaltene Häm-Eisen wiederum erhöhen den oxidativen Stress im Körper: In beiden Fällen entstehen beim Abbau hochreaktive Sauerstoffverbindungen, die mit allem reagieren, was ihnen in die Quere kommt, also auch mit zelleigenen Strukturen. Das Immunsystem reagiert auf solche Zellschäden mit einer Entzündung, weil es die beschädigten Zellen loswerden will. Ausserdem enthält Fleisch viel Arachidonsäure, die eine direkte Vorstufe von Entzündungsfaktoren ist.
      Zucker und Süssstoffe (einschliesslich Xylit, Erythrit, Sucralose), sowie Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Fruktose, Salz oder modifizierte Stärke, die die Darmbarriere schwächen, sind ebenfalls entzündungsfördernd.

    All das erfüllt beispielsweise die mediterrane; auch vegetarische Ernährung.
    (7 spezielle Lebensmittel für eine antientzündliche Ernährung)

    Bewegung

    Mehr Bewegung – mässig und regelmässig. Hier muss man anmerken, dass es auch viele Menschen gibt, denen zuviel Aktivität jeglicher Art (z.B. auch in einer REHA mit den vielen Therapien…) eher schadet, also noch mehr erschöpft. Das Pacing ist wichtig mit all den Pausen.

    Parasympathikus stärken

    • Es besteht eine starkes Übergewicht des Sympathikus:
    • Dieses Ungleichgewicht benötigt dann eine Stärkung des Parasympathikus:
      Mehr Beruhigung, Entspannung, Innerer Frieden…
      Meditieren… Sie sind dadurch weniger gestresst und gereizt.
    >>> Guptaprogramm

    Und zusätzlich…

    • Impfungen von Gürtelrose oder auch Influenza (Grippe) verhindert die Entzündungen (auch Neuroinflammation) durch die Viren. Man vermutet, dass auch Demenz und die Arterienverkalkung (Herz- und Hirninfarkt) seltener auftritt.
    • Oxytocin:

    Weiterlesen >>>

    Hilft Eisen gegen diese Müdigkeit?

    Bei chronischen Entzündungen entsteht manchmal eine Anämie – aber häufig auch eine Eisenüberladung. Hier wäre eine Therapie mit Eisen fatal!

    Was hilft nun diagnostisch abzuklären, ob man Eisen benötigt?
    Ein erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) im Blut ist ein Zeichen, dass im Körper ein Entzündungsprozess stattfindet. In diesem Fall ist der Ferritin-Wert trügerisch, da er normal oder hoch sein kann, obwohl dem Körper zu wenig Eisen für den Stoffwechsel zur Verfügung steht. Dann liefert die Transferrinsättigung einen zuverlässigeren Hinweis auf die Verfügbarkeit von Eisen.
    Die Transferrinsättigung oder TSAT im Blut zeigt an, wie sehr diese Transportproteine mit Eisen beladen sind. Eine zu niedrige Transferrinsättigung bedeutet, dass dem Körper zu wenig Eisen zur Verfügung steht. Dies kann bei erhöhten Entzündungswerten auch dann der Fall sein, wenn die Eisenspeicher gut gefüllt sind. Die Transferrinsättigung ist daher ein guter Laborwert um herauszufinden, ob ein Eisenmangel vorliegt, auch wenn entzündliche Prozesse im Körper vor sich gehen. Die höchste Aussagekraft hat die Erhebung der Transferrinsättigung, wenn das Blut für die Laboruntersuchung morgens nüchtern abgenommen wird.

    Über 70jährig sind ein Drittel aller Anämien durch eine chronische Entzündung verursacht (8% davon durch chronische Niereninsuffizienz). Im hohen Alter (>80j) erhöht sich der pro-inflammatorische Zustand unserer Zellen noch mit Zunahme der entzündlichen Zytokine.

    Es hilft hier nichts, Eisen zu geben (Tabletten oder Infusionen) – man muss die ursächliche Krankheit beheben!

    Lichttherapie kann chronische Erschöpfung lindern

    Krankheiten wie Rheuma, Krebs, Multiple Sklerose (MS), aber auch Long Covid sind oft mit einer chronischen Müdigkeit verbunden. Gegen diese «Fatigue» kann eine Lichttherapie helfen, haben Forschende in Österreich nachgewiesen. Ein Team um den Neurologen Stefan Seidel von der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum AKH Wien nahm sich für seine Untersuchung eine Gruppe von MS-Patientinnen und -patienten vor. Dies aus gutem Grund: Bei kaum einer anderen Krankheit ist die Wahrscheinlichkeit so gross, dass die Betroffenen begleitend auch an Fatigue leiden: Studien gehen von 75 bis 99 Prozent aus. 
    Schliesslich wurden die Studienteilnehmenden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe benutzte eine Tageslichtlampe mit einer Helligkeit von 10’000 Lux, die andere eine baugleiche Lampe mit rotem Licht und lediglich 300 Lux.

    Während das schwache, rote Licht keinerlei Wirkung zeigte, konnten die Forschenden bei der anderen Gruppe bereits nach 14 Tagen messbare Erfolge feststellen: Die Teilnehmenden, die täglich eine halbe Stunde ihre 10’000-Lux-Tageslichtlampe benutzten, wiesen schon nach dieser kurzen Zeitspanne eine verbesserte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auf. Auch litten sie weniger unter Tagesschläfrigkeit als die Kontrollgruppe mit dem schwachen Rotlicht. «Die Erkenntnisse aus unserer Studie stellen einen vielversprechenden nicht medikamentösen Therapieansatz dar», sagt Studienleiter Stefan Seidel.

    Dass die Lichttherapie nun auch gegen die Fatigue helfen kann, überrascht nicht: Auch das künstliche Licht einer Lampe wirkt dem schläfrig machenden Prozess entgegen: Wenn genug helles Licht auf die Netzhaut trifft, hemmt es die Melatoninproduktion und macht dadurch aktiver, verbessert die Stimmung und auch die Hirnleistung. Eine korrekt durchgeführte Lichttherapie hilft ausserdem, die innere Uhr, also den Schlaf-Wach-Rhythmus, einzustellen. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Schlafqualität aus.

    Zum Schluss noch ein Tipp ganz ohne Kostenfolgen: Wer nur leicht unter dem «Winterblues» oder der Fatigue leidet, kann es auch mit einem täglichen Morgenspaziergang von mindestens einer Stunde versuchen. Der hat einen ähnlichen Effekt wie die Lichttherapie.

    >>> Weiterlesen über das Körper-Stress-Syndrom >>>

    Foto von Abbie Bernet auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung von Dr.med. Thomas Walser:
    14. Mai 2026

  • Leben ist das langsame Ausatmen der Vergangenheit und das tiefe Einatmen der Gegenwart, um Luft für die Zukunft zu haben

    Leben ist das langsame Ausatmen der Vergangenheit und das tiefe Einatmen der Gegenwart, um Luft für die Zukunft zu haben

    „Was mich fasziniert am Lachen, sind auch die körperlichen und seelischen Polaritäten zum Weinen. Beobachtet man die Atmung, so geht beim Lachen die Luft stossartig nach aussen, und man atmet danach tief ein. Weine oder schluchze ich, ist es genau umgekehrt: Ich atme lange aus und ruckartig ein. Was sich in diesen beiden Gegenbewegungen offenbart, zeigt sich nachher auch im seelischen Befinden. Nach dem Lachen fühlt man sich gelöst und leicht, nach dem Weinen hingegen aufgehoben und mehr „geerdet“. (Erkenntnis und anekdotische Anmerkung vom Schweizer Clown Dimitri).

    Viele von uns haben diese Erkenntnis von Dimitri vom Lachen und Weinen wohl selber schon bei sich wahrgenommen. Ein klares, bewusstes Atmen hilft uns in verschiedenen Situationen, uns gut wahrzunehmen, bei uns zu bleiben, standhaft zu bleiben und/oder uns ganz auf etwas einzulassen.
    Länger auszuatmen oder länger einzuatmen, hat jedoch verschiedene Qualitäten und somit auch unterschiedliche Auswirkungen auf unser Befinden.

    Längeres Ausatmen fördert unsere Entspannung

    So haben Studien gezeigt, dass der Sympathikus beim Einatmen dominant ist und der Parasympathikus beim Ausatmen. Wird der Parasympathikus stimuliert, gehen beruhigende Signale ans Gehirn. Das Herz schlägt langsamer, Muskeln lockern sich, ein wohliges Gefühl breitet sich aus. Man kann das direkt am Puls messen. Wenn man einatmet, steigt die Herzfrequenz, und wenn man ausatmet, fällt sie.

    Die 4-6-10-Methode:
    Bei dieser Methode atmet man vier Sekunden lang ein und sechs Sekunden lang aus, und das für zehn Minuten. Es kommt dabei aber nicht auf die Sekunde an, Hauptsache, der Rhythmus stimmt in etwa. Wichtig ist, das Ausatmen nicht krampfhaft, sondern entspannt zu verlängern – auch wenn man dann zunächst vielleicht keine sechs Sekunden schafft.

    Es stellt sich bei jedem zweiten Menschen ein nachhaltiger Effekt auf den Körper schon nach drei Minuten solchen Atems ein, jeder fünfte braucht aber mehr als fünf Minuten. Ich empfehle daher, zweimal am Tag zehn Minuten entschleunigt zu atmen.

    Ausatmen für mehr Boden

    Dinge, die mit viel Ausatmung gemacht werden, helfen also mehr Boden zu erhalten, ist demnach gut für luftige, ätherische Leute. Meditationen mit Betonung der Ausatmung lässt unsere Lebensenergie (Kundalini) nach unten fliessen ( man sollte also eine sogenannte Chakrawelle eher von oben nach unten ausführen).

    Einatmen für mehr Leichtigkeit

    Methoden, die aber das Einatmen betonen, helfen (zu) erdigen Menschen, die etwas luftiger und freier werden wollen. Meditationen mit Betonung der Einatmung (wie zum Beispiel das Sufiatmen oder die Chakrawelle von unten nach oben) lässt die Energie steigen.

    So können wir uns mit unserem Atem eigentlich jederzeit selber etwas regulieren. Wir können uns bei schwierigen Situationen mehr Boden geben, indem wir länger ausatmen und uns selber so wieder stärker ins Gleichgewicht bringen.

    Unsere Emotionen und der Atem

    Ich möchte nun eine einfache, praktische Methode zeigen, mit deren Hilfe man die Hindernisse der Angst, des Kummers und des Zorns beseitigen und die Verkrampfung lösen kann, die unserem natürlichen Zustand der Gelassenheit und des Glücks im Weg steht. Diese Methode basiert auf der Beobachtung, dass sich in der Atmung unsere emotionale Verfassung widerspiegelt und umgekehrt. Unsere Atemzüge spiegeln unseren Gemütszustand wider und beeinflussen ihn gleichzeitig. Wenn wir ruhig und innerlich offen sind, atmen wir leicht, langsam und gleichmässig. Sind wir dagegen innerlich aufgewühlt, gerät unser Atemrhythmus aus dem Gleichgewicht.

    1. Wenn wir Angst haben, atmen wir unterdrückt oder gar nicht mehr.
    2. Wenn wir traurig sind, atmen wir kräftig ein, aber nur schwach aus, zum Beispiel, wenn wir schluchzen oder nach Luft schnappen. Darin spiegelt sich das Bedürfnis wider, getröstet zu werden, uns von der Energie und Aufmerksamkeit anderer Menschen zu nähren (starkes Einatmen). Wenn der Kummer uns im Griff hat, sind wir wie ein Energievakuum, und es fällt uns schwer, Energie nach aussen abzugeben (schwaches Ausatmen).
    3. Wenn wir zornig sind, passiert das Umgekehrte mit unserem Atem. Wir atmen kräftiger aus, als wir einatmen. Das gibt unsere psychophysische Verfassung exakt wieder. Im Zorn stossen wir etwas von uns fort oder schlagen zu (starkes Ausatmen). Uns geht vorübergehend oder auf Dauer die Fähigkeit verloren, zu empfangen, uns zu öffnen, zu akzeptieren, zugänglich für die Informationen zu sein, die von aussen auf uns einströmen (schwaches Einatmen). Chronischer Zorn kann Asthma verschlimmern.

    Wie man wieder ruhig und gelassen wird

    Die direkteste Methode, emotionale Hindernisse aus dem Weg zu räumen, besteht darin, unseren Atemrhythmus wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

    1. Wenn du Angst hast, denke einfach daran, zu atmen! Der einzige Unterschied zwischen Angst und freudiger Erregung besteht darin, ob du atmest oder nicht.
    2. Wenn du traurig bist, achte besonders darauf, voll und kräftig auszuatmen, bis dein Atem wieder im Gleichgewicht ist. Gestatte dir, dich stark zu fühlen. Projiziere beim Ausatmen Energie ins Leben hinein.
    3. Wenn du zornig bist, achte besonders darauf, kräftig und tief einzuatmen, bis dein Atem wieder im Gleichgewicht ist. Gestatte dir, dich offen und verletzlich zu fühlen, zu empfangen.

    Ist unsere Atmung wieder ausgeglichen, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass die Gedankenformen, die die Erschütterung erzeugt haben, sich in Nichts auflösen. Auch das äussere Problem, das die Gedanken in Gang gesetzt hat, löst sich dadurch keineswegs. Trotzdem ist die Wiederherstellung des Atemgleichgewichts eine wirksame Methode, die emotionale Kontraktion, die Energieblockade, auszuschalten, so dass wir uns wieder öffnen können. Mit anderen Worten: Sie trägt dazu bei, die Lähmung (Angst), Schwäche (Kummer) oder Spannung (Zorn) zu beseitigen, so dass wir uns wirkungsvoller mit dem zugrundeliegenden Problem auseinandersetzen können.
    (aus Dan Millman: die goldenen Regeln des friedvollen Kriegers)

    Atemübung zur Wertschätzung

    Der Dalai Lama schlägt die folgende Praxis vor:

    1. Verbringe 5 Minuten zu Beginn eines jeden Tages damit, Dich daran zu erinnern, dass wir alle die gleichen Dinge wollen (Innerer Frieden, glücklich sein und geliebt werden) und wir alle miteinander verbunden sind.
    2. Verbringe 5 Minuten mit dem Einatmen, dem Schätzen deiner selbst und dem Ausatmen, dem Schätzen anderer. Wenn du an Menschen denkst, die du schwer zu schätzen weisst, dann versuche deine Wertschätzung trotzdem auf sie zu erweitern.

    Wichtigste Voraussetzung einer guten Atmung sind freie Nasengänge

    Nasenatmung provozieren – Mundatmung verhindern:
    vor allem nachts (hilft auch gegen das Schnarchen):
    Mund mit kleinem, Briefmarkengrossen Stück chirurgischem Gewebeband, das man vor dem Einschlafen auf die Mitte des Lippenspalts geklebt hat. Man gewöhnt sich nur langsam daran (deshalb in erster Nacht vielleicht nur 30 Minuten, dann 60, usw…).
    Tagsüber (vor allem während Sport) ist das Nasenatmen eine Bewusstseinsübung. Vor allem ein Mensch mit chronisch verstopfter Nase sollte erreichen, dass er schlussendlich ausschliesslich mit geschlossenem Mund, nur noch durch die Nase atmen kann!

    Weitere Atemübungen >>>

    Wichtigste Voraussetzung einer guten Atmung sind freie Nasengänge

    Letzte Aktualisierung von Thomas Walser:
    03. Februar 2025

  • Neuroinflammation

    Neuroinflammation

    Neuroinflammation, ein Immunsystem nur fürs Gehirn

    Unser Immunsystem würde im Gehirn mehr schaden als schützen. Daher hat das Nervensystem eigene Abwehrmechanismen, vor allem die Neuroinflammation, also die Entzündung von Nerven und Gehirn. Bei akuten Krankheiten signalisiert diese Entzündung eine gute Immunantwort. Sie äussert sich etwa bei einer Grippe durch allgemeines Unwohlsein (Malaise), grosse Müdigkeit (Malaise), Kopf- und Gliederschmerzen.
    Die Neuroinflammation schützt unser Nervengewebe im Gehirn mit speziellen Zellen, den Mikroglia, und einer starken Blut-Hirn-Schranke vor Krankheitserregern.

    Gerät diese Immunreaktion ausser Kontrolle, kann sie chronisch werden und zu Fehlfunktionen führen, vor allem zu Hypersensibilität (Überempfindlichkeit), Übererregbarkeit und vermehrten Schmerzen.

    Diese gesteigerte, pathologische Neuroinflammation tritt bei folgenden Krankheitszuständen auf:

    Neuroinflammation und Chronischer Schmerz durch Dauerstress und Schlafstörungen

    Dass lang anhaltender psychosozialer Stress zu Schmerzerkrankungen  führen kann, wurde in den letzten Jahren gut belegt. Eine wesentliche  Rolle spielen auch hier neuroinflammatorische Prozesse, also entzündliche  Vorgänge in unserem Nervensystem. Diese führen zusätzlich auch zu Schlafstörungen (Insomnie), welche wiederum im Teufelskreislauf das Schmerzerleben noch  weiter verschlechtern. Beide Faktoren (chronischer Stress und Insomnie)  und ihre Folge, die Neuroinflammation ist auch bedeutsam beim  Fibromyalgie-Syndrom. Man spricht denn heute auch bei der  Fibromyalgie von einer generalisierten, Stress assoziierten,  neuroinflammatorisch mit bedingten Hypersensibilitätserkrankung.

    Es existiert eine klare Interaktion zwischen unserem Stoffwechsel im Dauerstress und dem Immunsystem. Steroidhormone (Adrenalin, Kortisol) werden bei Stress ausgeschüttet (auch bereits bei einer starken körperlichen Belastung, sprich Leistungssport) sind potente Immunsuppressoren, führen also zu einer Drosselung (bei akuten Belastungen günstig) oder Fehlfunktion (bei langzeitiger Ausschüttung). Fieber führt zu einer tiefen Veränderung im Metabolismus. Als exemplarisches Beispiel ist die Insulinresistenz und der Insulinsekretionsdefekt beim Diabetes in wesentlichen Aspekten eine pathologische Reaktion des Immunsystems – auch die wichtigsten Komplikationen des Diabetes: Herz-Kreislauf, Nieren- und Augen-Krankheiten.

    Dieser Zusammenhang von Immunsystem und Stoffwechsel (auch Immuno-Metabolismus genannt) beschreibt Jacques Philippe schön in einem Artikel der Schweiz Med Forum 2018 (dabei aber auch die Ernüchterung der Therapieversuch mit antientzündlichen Medikamenten).

    Auch die Zusammensetzung unserer Darmflora spielt in diesem Zusammenhang wahrscheinlich eine sehr grosse Rolle (Beispiel Diabetes: bei der Entstehung der Insulinresistenz).

    Hypersensibilität und Übererregbarkeit (Hyperreaktivität)

    Ständige Reize, die wenig abgefedert werden, sind bei uns Menschen am gefährlichsten. Dazu gehören Dauerstress, langzeitige Schlafstörungen, auch Traumatisierungen (psychischer oder körperlicher Art). Bei sensitiven Menschen auch bereits schon der alltägliche „kleine Ärger“, auch mehrmals tägliches Essen kleiner Mengen (kann zu Reizdarm führen) oder ständig viele kleine Mengen trinken (Reizblase).

    Diese Reiz-Vorgeschichte lässt unser Immunsystem und unsere Psyche aus dem Ruder laufen und birgt die Gefahr für chronische Erregungs- oder Entzündungszustände, die heute in der Medizin als wichtige Grundursachen für die obengenannten Leiden gelten.

    Wichtig ist hier klar gegen die Modediagnose „Hochsensibilität/Hochsensitivität“ abzugrenzen – die ist hier nicht gemeint!

    Therapieansätze

    So lässt sich dann auch ableiten, weshalb mässige, aber regelmässige Bewegung beim Chronischen Schmerzsyndrom hilft. Diese Muskelaktivität führt über diverse komplizierte Vorgänge (siehe folgende Abbildung) zu einer starken Verbesserung auch der Neuroinflammation. Die übermässige, leistungsbetonte Bewegung (Leistungssport) verstärkt hingegen die Neuroinflammation durch Ausschüttung der Hormone Cortisol, Adrenalin und Entzündungsstoffe, wie die Zytokine!

    (Copyright Prof. Jürgen Sandkühler, Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität, Wien;
    http://cbr.meduniwien.ac.at)

    Auch eine spezielle entzündungswidrige Ernährung, d.h. viele Pflanzen, wenig Alkohol und wenig Fleisch, viele Bitterstoffe (Polyphenole, wie schwarze Schokolade, Kaffee, bittere Öle (Lein-, Raps-, Olivenöl) senkt die neuroinflammatorische Neigung. Dies entspricht in etwa der „mediterranen Ernährung“. Die vegetarische (ev. sogar sorgfältige vegane) Ernährung ist hier optimal, auch da damit unsere Darmflora massiv besser wird!

    Weiter verweise ich auch auf das 16:8-Kurzfasten, welches enorm entzündungswidrig ist und so auch gegen die Neuroinflammation wirkt!

    • Ernährung entzündungssenkend: mediterran; auch vegetarisch oder (sorgfältig) vegan (bessere Darmflora!); Kurzfasten, wie 16:8.
    • Mehr Bewegung – mässig und regelmässig.
    • Mehr Beruhigung, Entspannung, Innerer Frieden… Meditieren… Sie sind dadurch weniger gestresst und gereizt.
    • Soziale Isolation vermeiden…

    Ozytocin

    Meditation + Achtsamkeitstraining

    Sternstunde Philosophie

    Guptaprogram

    Entzündungshemmende Medikamente wirken nicht, schaden aber! Heute ist unbestritten, dass NSAR (Nicht-steroidale Antirheumatika, wie Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen…) eine protektive Wirkung gegen M. Alzheimer haben. In der Physicians Health Study nun konnte beim 25jährigen Follow-up bei über 600 Patienten mit einem M. Parkinson kein Hinweis gefunden werden, dass diese Analgetika auch das Risiko an einem Parkinson zu erkranken, reduzieren (Driver JA et al. Use of non-steroidal anti-inflammatory drugs and risk of Parkinson’s disease, BMJ 2011;342:d198). Die Nebenwirkungen dieser Medikamentengruppe sind aber bei Langzeitanwendung so häufig und vielfältig, teils dramatisch gefährlich, dass sie zur breiten Anwendung überhaupt nicht in Frage kommen!

    Entzündungen bei Schmerzen: Unterdrücken oder zulassen?Wer die Neuroinflammation erforscht, legt den Grundstein für die Zukunft der Schmerztherapie. Medikamente gegen Schlüsselproteine wie CGRP, die Stärkung des Immunsystems und internationale Kooperation bilden die Basis für wirksame Behandlungen bei chronischen Schmerzen, Migräne, Rheuma und Gesichtsschmerzen.

    Ein zentrales Molekül in Schmerz- und Entzündungsprozessen bei Migräne ist das Protein CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide). Es reguliert die Durchblutung und fördert Entzündungen – ein Mechanismus, den die Migräneforschung zunehmend therapeutisch nutzt. Die Blockade von CGRP durch monoklonale Antikörper oder kleinmolekulare Substanzen dient bereits der Migräneprophylaxe. Dieser Ansatz könnte auch bei anderen Schmerzerkrankungen helfen, da CGRP-bedingte Gefässerweiterungen und Entzündungen in vielen Bereichen auftreten.

    Schmerzerkrankungen entstehen oft durch Verletzungen oder Schädigungen, etwa bei einem Bandscheibenvorfall. Das Immunsystem reagiert darauf, indem es den Schaden beseitigt und Reparaturprozesse anstösst. Dabei entsteht eine niedriggradige Entzündung, die sich bei Migräne, Spannungskopfschmerz, Sinusitis, Arthrose, chronischem Rückenschmerz und möglicherweise auch bei Fibromyalgie zeigt.

    Entzündungen zu unterdrücken, scheint jedoch nicht immer sinnvoll. Eine kanadische Studie zu chronischem Rückenschmerz legt nahe, dass schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen (und vermutlich alle NSAR) keinen Vorteil bringen.
    (Quelle: Neuroinflammation bei Rheuma, Migräne und Gesichtsschmerz: Entzündungen bei Schmerzen lieber nicht unterdrücken? – Medscape – 13. Oktober 2025.)

    Massagen bei Neuroinflammation (z.B. Chronische Rückenschmerzen): Es ist ein Fehler hier zuviel und regelmässig zu massieren, da dies weitere Reize bedeuten, die schlussendlich die Neuroinflammation verstärken. Dasselbe kann übrigens auch von (so harmlos scheinenden) häufig wiederholten homöopathischen Mitteln (oder wiederholten energetischen Reizen, wie Akupunktur, Shiatsu, …) gesagt werden.

    Soziale Isolation schützt zwar vor Infektionen (Corona!), doch der Stress des Abgeschiedenseins fördert seinerseits Entzündungen im Körper, wie bei einer Analyse von 30 Studien nachgewiesen wurde.Isolierte Personen, besonders Männer, haben mehr Entzündungsmarker im Blut.

    Die Diabetesmedikamente GLP-1-Rezeptoragonisten sind eventuell auch sinnvoll bei der Neuroinflammation. Neurodegenerative Erkrankungen, v.a. der M. Parkinson, dürften angesichts des ungebrochenen Trends zur Langlebigkeit (in der 1.Welt) weiter zunehmen. Die sogenannte Neuroinflammation wird heute nicht mehr als Reaktion auf die Zelldegeneration des Zentralnervensystems (ZNS), sondern zumindest als eines der wichtigen «primum movens» in der Neurodegeneration angesehen. Aktivierte (Mechanismus?) Mikroglia (Makrophagen) sezernieren Entzündungsfaktoren (u.a. TNF, Interleukin-alpha), welche die Astrozyten zur Sekretion eines neurotoxischen Faktors verleiten (sog. Konversion der Astrozyten in einen neuro­toxischen A1-Phänotypen). Dieser Faktor induziert dann Aggregate von alpha-Synuklein («Lewy bodies», Lewy-Neuriten), gefolgt von extrapyramidalen Bewegungsstörungen. Auf den ZNS-Mikrogliazellen wird der «glucagon-like peptide-1»-Rezeptor (GLP-1R) exprimiert, dessen Aktivierung diese Entzündungskaskade hemmt. Mittels eines pegylierten, ZNS-gängigen Agonisten bei zwei verschiedenen Mäusegruppen (transgene Erhöhung oder ­externe Zufuhr von Alpha-Synuklein-Aggregaten) führte dieser Agonist via die unter ­anderem aus Lymphozyten bekannte Hemmung von NF-kappaB in der Mikroglia zu ­einer Hemmung der Entzündungsantwort und einer Verlängerung der Überlebenszeit der dopaminergen Neuronen. Die Mäuse lebten auch länger mit signifikant reduzierter Verhaltens- und Bewegungsstörung. (Nature Medicine 2018, doi.org/10.1038/s41591-018-0051-5)

    Sehr wichtige, aber seltene Neuroinflammation: die Autoimmunenzephalitis

    Häufigkeit – Eine Autoimmunenzephalitis ist eine akute Entzündung des Gehirns und tritt jährlich bei 5 bis 10 von 1 Million Menschen auf. Die Häufigkeit variiert stark zwischen den Unterformen, am häufigsten ist die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

    Eine zweite Gruppe von Autoimmunenzephalitiden tritt in Verbindung mit bösartigen Tumoren auf.

    Hauptsymptome – Meist beginnt die Erkrankung plötzlich mit Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsproblemen, psychiatrischen Auffälligkeiten, Wesensveränderungen oder epileptischen Anfällen. Gelegentlich kommen Bewegungs- oder Bewusstseinsstörungen hinzu.
    Deshalb wird auch nicht selten primär eine Demenz oder Schizophrenie vermutet!

    Diagnostik – Ärzte weisen die Autoimmunenzephalitis durch spezifische Autoantikörper im Blut oder Nervenwasser (Liquor) nach. Ergänzend erfolgen Schichtaufnahmen des Gehirns (MRT) und eine Hirnstrommessung (EEG). Zudem suchen sie stets nach bösartigen Tumoren.

    Behandlung – Die Therapie setzt auf unterschiedlich starke Immuntherapien, die den Angriff des Immunsystems auf den Körper (durch Antikörper) unterdrücken.

    Wichtig zu beachten – Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung entscheidet über die langfristige Prognose. Patienten mit Tumoren haben eine schlechtere Aussicht.

    Migräne

    »Die Migräne nimmt mir einen Sinn nach dem anderen. Das Hören, Fühlen, den Geruch, am Ende die Sicht. Sie schluckt mein halbes Vokabular. Legt sich über Begriffe, mit denen ich mir die Welt erkläre, spült Details und Erinnerungen für eine Weile aus meinem Kopf, entzieht mir Namen, die eben noch etwas bedeuteten.« Carlotta Walds in ihrem sehr persönlichem Stück »Bis die Welle bricht« und zeigt auf wie ausgeliefert Betroffene dieser neurologischen Erkrankung sind. Wie Carlotta nach langer Odyssee auf der Suche nach Linderung einen Weg gefunden hat, mit ihrer Krankheit umzugehen, lesen Sie hier.

    Millionen von Menschen stehen den Symptomen einer Migräne ratlos gegenüber – einer Volkskrankheit, die immer noch unterdiagnostiziert ist. »Viele haben Migräne, ohne es zu wissen. Bis zu einem Viertel der Bevölkerung ist von Migräne betroffen, und laut Schätzungen ist rund der Hälfte davon gar nicht klar, was hinter ihren Beschwerden steckt«, erklärt die Neurologin Dagny Holle-Lee im Interview mit der ZEIT. Wie vielfältig das Krankheitsbild ist und wann Kopfschmerzen zur Migräne werden, erfahren Sie hier.

    Eine Migränediagnose ist zudem wichtig, da auch Begleiterkrankungen wie Schlafstörungen, Depressionen und Herz-Kreislauf-Probleme besser eingeschätzt werden können. Sogar das Risiko für einen Schlaganfall ist bei Migräne-Betroffenen erhöht. Was genau im Gehirn bei einem solchen »Notfall im Kopf« passiert, haben Christian Heinrich und Anna Wilkens für die ZEIT in einer Infografik veranschaulicht.

    Veröffentlicht am 29. Juni 2019 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    14. Mai 2026

  • Dauerstress

    Dauerstress

    Dauerstress treibt viele Krankheiten an. Besonders hervorzuheben ist seine Rolle als Hauptursache chronischer Entzündungen, die wiederum viele Zivilisationskrankheiten und auch das Altern selbst begünstigen.

    Was verursacht bei uns Menschen Dauerstress:

    Dauerstress wird meist durch eine Mischung aus äusseren Belastungen und inneren Faktoren verursacht. Häufige Auslöser sind anhaltender Zeitdruck, hohe Arbeitslast, Konflikte, Schlafmangel, finanzielle Sorgen, Pflege- oder Beziehungsbelastungen sowie das Gefühl, wenig Kontrolle zu haben.

    • Arbeitsstress: Überforderung, Schichtarbeit, unklare Erwartungen, Dauererreichbarkeit. Sinnentfremdete Arbeit, die in unsere Freizeit, Auszeit und Lebenszeit eindringt
    • Private Belastungen: Elternschaft, Konflikte, Trennung, Trauer, Krankheit in der Familie, Care-Arbeit
    • Lebensumstände: Geldsorgen, unsichere Wohnsituation, Lärm, fehlende Erholung, Armut macht Stress
    • Innere Faktoren: Perfektionismus, Grübeln, hohe Selbstansprüche, Angst, Schwierigkeiten beim Nein-Sagen
    • Körperliche Faktoren: Schlafmangel, chronische Schmerzen, hormonelle oder andere Erkrankungen.
    • Verlust unserer Rhythmen, die zyklische Regeneration ermöglichen: Arbeit vs. Lebenszeit, Kontakt vs. Rückzug, Spannung vs. Entspannung, Tag vs. Nacht, Essen vs. Essenspausen, Sitzen vs. Bewegung
    • Falsche Glücksziele: zu viel Konsum, der zu mehr Arbeit und weniger Lebenszeit führt (Miswanting)
    • Zu viel Zeit in Social Media, die unglückliche Vergleiche und Popularitätswettbewerbe fördert
    • Übermässiges Optimieren und Selbstkontrolle, einschliesslich Ernährung oder Sport
    • Toxische „Freunde“ mit der „dunklen Triade“
    • Einsamkeit
    • Dauerlärm,…

    Was den Stress verstärkt:

    • Zu wenig Pausen und Erholung
    • Zu wenig Bewegung (die nicht auf Optimierung abzielt!) oder zu viel belastender Alltag ohne Ausgleich
    • Viel Koffein, Alkohol oder andere Substanzen als “Bewältigung”
    • Ein dauerndes Gefühl, nicht abschalten zu können – zu wenig Entspannung

    Neuroinflammation und Chronischer Schmerz durch Dauerstress und Schlafstörungen

    Dass lang anhaltender psychosozialer Stress zu Schmerzerkrankungen  führen kann, wurde in den letzten Jahren gut belegt. Eine wesentliche  Rolle spielen auch hier neuroinflammatorische Prozesse, also entzündliche  Vorgänge in unserem Nervensystem. Diese führen zusätzlich auch zu Schlafstörungen (Insomnie), welche wiederum im Teufelskreislauf das Schmerzerleben noch  weiter verschlechtern. Beide Faktoren (chronischer Stress und Insomnie)  und ihre Folge, die Neuroinflammation ist auch bedeutsam beim  Fibromyalgie-Syndrom. Man spricht denn heute auch bei der  Fibromyalgie von einer generalisierten, Stress assoziierten,  neuroinflammatorisch mit bedingten Hypersensibilitätserkrankung.

    Es existiert eine klare Interaktion zwischen unserem Stoffwechsel im Dauerstress und dem Immunsystem (Immuno-Metabolismus). Steroidhormone (Adrenalin, Kortisol) werden bei Stress ausgeschüttet (auch bereits bei einer starken körperlichen Belastung, sprich Leistungssport) sind potente Immunsuppressoren, führen also zu einer Drosselung (bei akuten Belastungen günstig) oder Fehlfunktion (bei langzeitiger Ausschüttung). Fieber führt zu einer tiefen Veränderung im Metabolismus. Als exemplarisches Beispiel ist die Insulinresistenz und der Insulinsekretionsdefekt beim Diabetes in wesentlichen Aspekten eine pathologische Reaktion des Immunsystems – auch die wichtigsten Komplikationen des Diabetes: Herz-Kreislauf, Nieren- und Augen-Krankheiten.

    Auch die Zusammensetzung unserer Darmflora spielt in diesem Zusammenhang wahrscheinlich eine sehr grosse Rolle (Beispiel Diabetes: bei der Entstehung der Insulinresistenz).

    Dauerstress erhöht dauerhaft das Cortisol

    Bei Stress schüttet die Nebenniere Cortisol, Adrenalin und andere Hormone aus. Adrenalin wirkt schnell: Es verursacht Herzrasen und feuchte Hände, was unangenehm ist, aber nach wenigen Minuten vergeht und dem Körper nicht schadet. Cortisol hingegen wird erst nach zwanzig bis dreissig Minuten freigesetzt. Man spürt es nicht direkt. Es erhöht den Blutzuckerspiegel, versorgt das Gehirn mit Energie, stoppt die Verdauung und drosselt das Immunsystem, um alle Kräfte auf die Stressbewältigung zu konzentrieren. Die Wirkung von Cortisol kann Stunden anhalten. Bleibt der Stress, bleibt auch der Cortisolspiegel hoch.

    Zahlreiche Studien zeigen: Menschen mit hohem Selbstwertgefühl und Extrovertierte gewöhnen sich an stressige Momente. Ängstliche Personen hingegen schütten bei jedem stressigen Vorfall mehr Cortisol aus. Der Feuermelder wird bildlich gesehen sensibler auf Rauch.

    Forscher fanden heraus, dass Menschen, die schwierige Situationen als Herausforderung sehen, weniger Cortisol ausschütten als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Man kann lernen, Herausforderungen statt Bedrohungen zu sehen.

    Vor allem zeigen die Studien auch, dass Stress oft mit sozialen Erwartungen zusammenhängt. Er ist teilweise ein gesellschaftliches Konstrukt. Menschen empfinden Stress, wenn sie glauben, eine Aufgabe nicht zu meistern und dafür schlecht beurteilt zu werden. Dann steigt der Cortisolspiegel.

    Stress hat auch sein Gutes

    Stress kann kurzfristig nützlich sein. Er aktiviert und fokussiert uns, ähnlich wie eine Übung im Flugsimulator. Evolutionär diente die Stressreaktion dem Kampf oder der Flucht. Sie half dem Menschen, in Gefahrensituationen zu überleben, indem sie alle Kräfte mobilisierte. Der Steinzeitmensch rannte vor Raubtieren davon. Der Mensch des 21. Jahrhunderts evakuiert ein Flugzeug oder beendet eine Kundenpräsentation, beides fühlt sich oft gleich wichtig an.

    Nach kurzer Zeit entkam der Steinzeitmensch dem Raubtier (oder wurde gefressen), die Evakuierungsübung endet, die Präsentation ist fertig. Dann baut der Körper das Cortisol ab.

    Problematisch wird es, wenn der Stress anhält. Das geschieht, wenn eine Stresssituation die nächste jagt oder Gedanken kreisen: War ich gut genug? Werde ich es bleiben? Dann kann der Körper nicht regenerieren. Bei einem hohen Cortisolspiegel kann der Mensch in akuten Stresssituationen kein weiteres Cortisol ausschütten und bewältigt zusätzlichen Stress schlecht. So entwickeln chronisch Gestresste eine biologische Dünnhäutigkeit: Sie reagieren empfindlich auf den kleinsten Stress, wie ein Feuermelder, der zu sensibel eingestellt ist und sofort Alarm schlägt.

    Auch zuwenig Cortisol kann krank machen

    Durch die Messung der Cortisol-Einlagerung im Haar weiss man, dass Herzinfarkt-Patienten schon vor dem lebensbedrohlichen oder sogar tödlichen Ereignis einen besonders hohen Cortisolspiegel hatten. Burn-out-Patienten wiederum haben einen sehr niedrigen Cortisolspiegel. Bei ihnen ist der Feuermelder defekt und meldet sich kaum mehr. Von der Hyper-Cortisolproduktion sind die Burn-out-Patienten in die Hypo-Cortisolproduktion gerutscht. Die Ausgebrannten, auch das kann man an ihren Haaren sehen, produzieren viel zu wenig Cortisol.

    Dauerstress herrscht überall, wo das Kohärenzgefühl fehlt

    Mangelndes Kohärenzgefühl (Zusammenhang, Stimmigkeit) ist das Gefühl des Ausgeliefertseins ohne Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit und Verstehbarkeit – auch bei Krankheitssymptomen. Vertrauen in sich und seine Selbstheilungskräfte, in die Gesellschaft, Freundinnen und die Therapeuten spielt eine sehr grosse Rolle – und natürlich Abwesenheit von Krieg, Klimasorgen, Hunger, schwere Armut.

    Unser Leben ist immer irgendwie „stressvoll“. Stress ist nicht zu vermeiden. Entscheidend aber ist, ob ich dem stressvollen Ereignis, etwa einer Prüfung, Sinn verleihen kann, ob mir klar ist, dass diese Prüfung notwendig ist (zum Beispiel, um mir bewusst zu machen, ob ich genügend Kompetenz besitze, um dann in einem bestimmten Bereich zu arbeiten), ob ich die Prüfungsfragen verstehe (Verstehbarkeit), ob ich mit der Prüfungssituation zurecht komme (pünktlich sein, nicht panisch sein, mir genügend Zeit für jede Frage nehme, usw.). Das wäre die Handhabbarkeit. All dies fällt auch unter den Begriff „Selbstwirksamkeit“. Weiterlesen >>> Salutogenese.

    Dauerstress schwächt Kohärenz und Lebensmut

    Menschen, die ihr Leben als kohärent – also als sinnvoll, versteh- und bewältigbar – empfinden, sind gut gerüstet gegen Krankheiten. Doch auch körperliche Einflüsse bestimmen das Kohärenzgefühl: Gerät der Organismus dauerhaft aus dem Gleichgewicht, etwa durch ständigen Stress, sinkt langfristig das Kohärenzgefühl; die Betroffenen empfinden ihren Alltag zunehmend als sinnentleerte Zumutung.

    Ein schwedisches Forschungsteam wies auf diesen Zusammenhang hin. Es wurden medizinische Labordaten von 369 gesunden Frauen analysiert, die im Alter von 43 Jahren einen ärztlichen Routinecheck absolviert hatten. Sie zählten, wie viele Kennwerte (etwa Blutdruck, Blutfette, Waist-Hip-Ratio) im riskanten oberen Viertel lagen. Die individuelle Summe dieser Risikowerte bildete ein Mass für die sogenannte “allostatische Last”. Die Allostase ist der Prozess, durch den der Körper in Anforderungssituationen (also im Stress) durch körperliche und psychologische Verhaltensänderungen die Stabilität aufrechterhält.

    Sechs Jahre später kontaktierten die Forscher die Frauen erneut und liessen sie einen Fragebogen zu ihrem Kohärenzempfinden ausfüllen. Sie fragten, inwieweit die Frauen “die Dinge, die ihnen alltäglich widerfahren” im Grossen und Ganzen verstehbar fanden, ob Probleme sie hoffnungslos stimmten oder zur Suche nach Lösungen anspornten und ob sie den Alltag als “eine Quelle persönlicher Befriedigung” empfanden. Das Ergebnis: Je höher die “allostatische Last” einer Teilnehmerin sechs Jahre zuvor war, desto schlechter stand es nun um ihren Sinn für Kohärenz. Übrigens: Auch Rauchen, geringe Bildung und ein (unglückliches) Singleleben schadeten der Kohärenz.

    Die “allostatische Last” misst, wie stark das Gleichgewicht des Körpers gestört ist – vor allem durch wiederholten und chronischen Stress. Stress ist eine natürliche Anpassungsreaktion des Körpers auf Anforderungen; er ist unschädlich, wenn der gestresste Organismus anschliessend ausreichend Zeit zur Erholung findet. Ist dies nicht gewährleistet, etwa weil der Stress über Tage und Wochen anhält, findet der Körper nicht vollständig zum Gleichgewicht zurück: Allostatische Last häuft sich an.

    Dieses körperliche Ungleichgewicht wirkt sich auch seelisch aus und schmälert das Kohärenzempfinden und damit den Lebensmut – ein Teufelskreis, fürchten die schwedischen Forscher: “Ein schwaches Kohärenzempfinden reduziert die Fähigkeit eines Menschen, seinen Alltag erfolgreich zu bewältigen, was wiederum Spannung und Stress verstärkt, die körperlichen Ressourcen verschleisst und das Gesundheitsrisiko erhöht.” Andererseits gilt wohl auch umgekehrt: Wer sein Leben als kohärent und sinnhaft empfindet, baut Stress rascher ab und schont seine körperlichen Ressourcen.

    Dauerstress ist Atemlosigkeit, Spannung, Enge. Die neuen “Simultanten” unserer Beschleunigungs-Gesellschaft (“Zeit ist Geld!”) leben im Dauerstress von simultanem E-Mailen, Simsen, Essen, Telefonieren, das Kind versorgen, sich fortbewegen…!

    Stress ist übrigens auch “ansteckend”! Man sollte sich von gestressten Menschen fernhalten, um selbst zur Ruhe zu kommen.

    Armut macht Stress

    Schweizerische statistische Daten von 2026 zeigen, dass Menschen mit tieferem Einkommen deutlich häufiger an chronischen Erkrankungen leiden. Besonders extrem ist der Unterschied bei Depressionen und chronischen Schmerzen, von denen die ärmste Schicht dreimal so oft betroffen ist wie die reichste.

    Menschen mit niedrigem Einkommen haben wohl eher Berufe, die krank machen, oder leiden unter Geldstress. Zudem erhalten ärmere Menschen dreimal häufiger starke Schmerzmittel wie Opioide, was das Risiko von Abhängigkeiten erhöht.

    Viele Betroffene verzichten aus Angst, Franchisen und Selbstbehalt nicht bezahlen zu können, möglichst lange auf einen Arztbesuch. Das führt oft zu schweren Krankheitsverläufen und hohen Folgekosten.

    Screenshot

    Druck auf Jugendliche

    Und wenn wir schon beim Stress sind: In einem neuen BAG-Bericht steht, dass sich der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz verschlechtert hat. Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen, bei denen psychische Probleme, Klinikaufenthalte wegen Suizidversuchen und körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen stark zunahmen.

    Als Ursachen gelten gestiegener Leistungsdruck in Schule und Lehre sowie problematische Social-Media-Nutzung. Man muss dies mit Vorsicht bei der Interpretation geniessen, da Mädchen Symptome oft klarer äussern. Unabhängig vom Geschlecht fordern Fachleute, den enormen Druck auf Jugendliche zu senken.

    Tragödie oder nur Unannehmlichkeit?

    Forscher fanden heraus, dass Menschen, die schwierige Situationen als Herausforderung sehen, weniger Cortisol ausschütten als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Man kann lernen, Herausforderungen statt Bedrohungen zu sehen.

    Wenn Sie das nächste Mal gestresst sind, fragen Sie sich: Ist das eine Tragödie oder nur eine Unannehmlichkeit? Laut Harvard-Professorin für Psychologie, Dr. Ellen Langer kann diese Frage Sie beruhigen. Sie mindert die physiologischen Schäden durch Stress und hilft Ihnen, das Problem besser zu bewältigen. Manchmal sind Ihre Probleme echte Tragödien. Dann hilft es, sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen und Ihre Ressourcen für den Ernstfall zu schonen.

    Gereizter Dauerspannungstonus

    Ob sich ein starkes oder ein schwaches Kohärenzgefühl herausbildet, hängt auch von den gesellschaftlichen Gegebenheiten ab, insbesondere von der Verfügbarkeit generalisierter Widerstandsressourcen, die ein starkes Kohärenzgefühl entstehen lassen.

    In dieser Hinsicht beobachte ich bei meinen Patient:innen und in der Gesellschaft eine ständige Gereiztheit, begleitet von der Angst, Privilegien zu verlieren. Die Menschen stehen unter Strom und können die Spannung nicht abbauen. Beziehungen werden unruhiger, private Konflikte eskalieren, und zur Sorge, den Anforderungen nicht zu genügen, gesellt sich die Angst vor äusseren Gefahren: Kriege, Klima.

    Steigt deshalb also die Zahl psychischer Störungen? Ich halte wenig von einer inflationären Pathologisierung und dem ständigen Absenken der Krankheitslevel. Das Angebot an medizinischer Hilfe hat eine wachsende Nachfrage erzeugt, die sich prächtig rentiert. Diese Nachfrage führt zu einem Krankheitsgewinn in jedem Sinne. Wir neigen zunehmend dazu, unser Leiden in Diagnosen zu verpacken und behandeln zu lassen. Doch ist die Nervosität nicht eine angemessene Reaktion auf die Welt, wie sie ist? Und so auch das Leiden?

    Manchmal verspüre ich den unprofessionellen Impuls, den Menschen zu sagen: „Denk nicht so kompliziert, mach einfach etwas Schönes. “ Resilienz lässt sich jederzeit erlernen – durch Musik oder durch die Wiederbelebung sozialer Kontakte, etwa beim Zusammensitzen mit verschiedenen Menschen. Warum nicht auch den Vagusnerv aktivieren?

    Das wäre einmal etwas Neues: in aller Ruhe nervös zu sein. Diese Gesellschaft ist nervös, und das ist nicht schlimm, sondern realitätstüchtig – sogar klug. Katastrophenrealismus rechtfertigt keine Krankschreibung. Im besten Fall zeigt sich Nervosität als lebhaftes Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus. Gerade die Nervosität signalisiert Offenheit, Wachheit und Aufnahmebereitschaft – im Gegensatz zur Verdrängung der Wirklichkeit und zur Leugnung der komplizierten Tatsachen.

    Diese Leugnung breitet sich aus und ist ein guter Grund, beunruhigt zu sein. Eine Nervosität, die in die Leugnung von Tatsachen umschlägt, ist problematisch. Doch wer in aller Ruhe nervös ist, kann gelassen sagen: „Nerv mich ruhig, denn nervös bin ich sowieso – ich bin gespannt, was jetzt kommt. Auf das Unvorhergesehene. “

    Ein Ausweg aus diesem Dauerstress kann sein, dass wir zwar unsere Erlebnisse und unser Schicksal, einschliesslich Krankheiten, nicht wählen können, aber wir können entscheiden, wie wir sie wahrnehmen und beurteilen. Diese Einstellung, unser Selbsturteil, unsere Gedanken und Gefühle über das, was wir erleben, unterliegt unserem freien Willen. „Nicht was wir erleben, sondern wie wir wahrnehmen, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“

    Elternsein belastet Schweizer stärker als Jobsorgen und Zukunft

    Jeder vierte Erwachsene in der Schweiz leidet an einer psychischen Erkrankung. Eine Studie zeigt: Kindererziehung ist hierzulande der häufigste Belastungsfaktor.

    Die psychische Gesundheit der Schweizer bereitet weiter Sorge. Jeder vierte Erwachsene gibt an, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Das zeigt die aktuelle «Mind Health»-Studie der Axa-Versicherung mit 19’000 Teilnehmenden, davon 1000 aus der Schweiz. Im Vorjahr lag der Anteil mit 27 Prozent etwas höher. In der EU (31 Prozent), in Deutschland (30 Prozent) und in den USA (43 Prozent) sind die Zahlen noch höher.

    In allen Ländern dominieren Depressionen, gefolgt von Angststörungen, das Bild der psychischen Krankheiten, teilt Axa am Mittwoch zur Studie mit. Die Gründe für psychische Belastungen unterscheiden sich jedoch. In der Schweiz nennen 45 Prozent das Elternsein und die Herausforderungen der Kindererziehung als grössten Belastungsfaktor. Danach folgen die Ungewissheit über die Zukunft (43 Prozent) sowie Sorgen um Finanzen und Job (42 Prozent), gefolgt von Arbeitsstress.

    Toxische „Freund:innen“ mit der „dunklen Triade“ sind krankmachend

    Unter Menschen zu sein, macht nicht automatisch glücklich. Eine Studie der University of California von 2014 zeigt, dass zwischenmenschlicher Stress und soziale Ausgrenzung Depressionen und körperliche Leiden wie chronische Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettleibigkeit verursachen können.

    Es kommt darauf an, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben. Vielleicht lohnt sich eine soziale Entgiftungskur, bei der man sein Umfeld – Freunde, Chefs, Ehepartner – auf „soziale Raubtiere“ prüft, die rücksichtslos durchs Leben gehen und viel Energie kosten. Typisch dafür sind Menschen mit den Charakterzügen der „dunklen Triade“. Psychologen bezeichnen damit Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Ein wenig davon steckt in vielen von uns, und in kleinen Dosen können diese Eigenschaften im Job nützlich sein. Solche Menschen sind oft durchsetzungsstark und charmant, sie sind Macher. Gleichzeitig können sie impulsiv und manipulierend sein, selbstherrlich und eitel. Sie zeigen weder Reue noch Einfühlungsvermögen und biegen sich die Wahrheit zurecht. Man sollte sich von ihnen fernhalten und sich nicht in sie verlieben. Menschen der dunklen Triade findet man eher in künstlerischen, unternehmerischen und sozialen Berufen. Wirklich glücklich sind sie selten.

    Am besten wählt man die gleiche Strategie wie überall im Leben: auf die hellen Seiten fokussieren. Sprich: nicht die Psychopathen meiden, sondern die freundlichen Menschen suchen. Der Kognitionswissenschaftler Scott Barry Kaufman skizziert eine „helle Triade“ von Tugenden: Humanismus, Glaube an die Menschheit und Kantianismus (andere Menschen nicht instrumentalisieren, sondern sich um ihrer selbst willen mit ihnen abgeben). Kaufmans Bevölkerungsstichprobe zeigt, dass 50 Prozent der Menschen der hellen Triade angehören (gegenüber 7 Prozent der dunklen Triade).

    Dauerstress durch Social Media bei jungen Frauen

    Psychologen der Uni San Diego unter der Leitung von Jean Twenge veröffentlichten ein neues Paper über Depressionen und Mental Health Issues unter Jugendlichen, in dem sie einen starken Anstieg seit 2011 feststellen und zwar vor allem unter Millennials, also den nach 1980 geborenen. Gleichzeitig stellten die Forscher einen signifikanten Anstieg von Stress und Selbstmordgedanken unter Jugendlichen fest.

    Die Zunahme von Mental Health Issues ist bei Mädchen deutlich stärker als bei Jungs. Der Grund dafür scheint der Popularitätswettbewerb zu sein, der unter Mädchen gnadenloser und härter ist, gerade im Hinblick auf soziale Interaktion, was sich in diesen Zahlen deutlich abbildet. Knaben können im Netz ihre Kompetitionsbereitschaft im Gamen ausleben, was sich psychologisch kaum negativ auswirkt.

    Zusätzlich sind reichere Einkommensschichten eher von Stress und Selbstmordgedanken geplagt, die unteren Einkommensschichten leiden eher unter Depressionen. Auch hier scheint vor allem der Wettbewerb um Sichtbarkeit und Popularität relevant, der unter reicheren Menschen ausgeprägter ist.

    Der Anstieg verläuft praktisch parallel zum Siegeszug von Social Media und die Psychologen halten klar das Netz, Smartphones und Soziale Medien für die Ursache dieses Anstiegs.

    Jean Twenge untersuchte Umfrageergebnisse von über 200.000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren von 2005 bis 2017 und von fast 400.000 Erwachsenen im Alter von 18 Jahren und darüber von 2008 bis 2017. Die Zahl der Jugendlichen, die Symptome angaben, die auf eine schwere Depression hinweisen, stieg um 52 Prozent (von 8,7 auf 13,2 Prozent), der Anstieg unter jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) betrug sogar 63 Prozent. Bei Älteren stiegen Depressionen zwischen 2005 und 2017 unter 26-29-Jährigen um 29 Prozent, in den anderen Altersgruppen wurden sie weniger.

    (Quelle: Jim Sliwa, „Mental Health Issues Increased Significantly in Young Adults Over Last Decad“; American Psychological Association , 04/2019)

    Dauerstress und Depression

    Auf diesen starken Zusammenhang kamen Forscher nun wieder bei der Enträtselung der antidepressiven Wirkung der psychedelisch wirkenden Drogen, wie Ketamin. Diese Droge verbessert die Übertragung von Informationen zwischen den Hirnzellen, stellten die Forscher fest. Sie lässt sogar neue Verbindungsstellen, Synapsen, entstehen. Herkömmliche Antidepressiva tun das auf Umwegen auch. »Plastizität« nennen Fachleute dieses Phänomen. Es ist entscheidend für das Lernen. Eine neue Hypothese war geboren: Depressionen entstünden, wenn diese Plastizität unseres Hirns sinke. Erhöhe man sie, lasse sich die Krankheit lindern.

    Für diese Vermutung spricht einiges, denn Stress senkt die Plastizität. Und Stress entsteht durch akute oder chronische Überlastungen genauso wie durch frühe Traumata – alles bekannte Ursachen von Depressionen. Wenn Menschen aber nicht mehr so gut Neues lernen können, bleiben sie leichter in Grübelschleifen hängen, ziehen sich zurück. Die Verbindungen (Synapsen) im Gehirn leiden, die Verbindungen im Leben ebenfalls.

    Eine weitere Erklärung für den Zusammenhang von Dauerstress und Depression führt über unseren Darm und sein Mikrobiom: Der Stress lässt unsere Darmflora massiv verarmen, was wiederum zur Depression führen kann.

    30 bis 40 Prozent der Menschen essen bei Stress mehr energiereiche Lebensmittel

    Emotional Esser greifen zu Nahrung, um Traurigkeit oder Frust zu bewältigen. Studien zeigen, dass 30 bis 40 Prozent der Menschen bei Stress mehr energiereiche Lebensmittel essen. Schon kleine Stressfaktoren – eine Arbeitsdeadline oder ein Streit mit der Partnerin – führen dazu, dass Menschen vermehrt zu ungesunden Snacks wie Schokolade oder Chips greifen. Gleichzeitig vernachlässigen sie Hauptmahlzeiten und damit auch Gemüse. 

    Menschen, die ihr Essverhalten stark regulieren – etwa durch Diäten –, sind laut diesen Studien besonders anfällig für Stressessen. Das Einschränken von Nahrung erfordert viel Selbstkontrolle. Bricht diese in Stresssituationen zusammen, folgt oft eine Gegenreaktion. Auch Frauen und Menschen mit höherem BMI sind stärker betroffen, wobei unklar bleibt, ob dies physiologische oder soziale Ursachen hat.

    Dauerstress durch Selbstoptimierung

    In den letzten Jahren zeigt sich ein seltsames Phänomen: Ein neuer Typ von Leidenden tritt auf. Menschen, die ein achtsames, entschleunigtes Leben führen wollen und dabei alles, wirklich alles richtig machen möchten. Sie schreiben Tagebuch, notieren Gedanken und Ideen, ernähren sich bewusst, gehen zum Yoga – aber nicht aus Freude, sondern weil sie glauben, es tun zu müssen. Und dann sitzen sie hier, bei mir in der Sprechstunde, weil das alles nicht funktioniert.

    Natürlich ist Yoga gut. Doch wer es nur macht, um es abzuhaken, schafft sich einen neuen Zwang. Dann wird das Anti-Stress-Programm selbst zum Stress.

    Es scheint, als habe die Gesellschaft ein wichtiges Gefühl verloren: die Nüchternheit, Arbeit als Tauschgeschäft zu begreifen. Meine Anstrengung, meine Ideen, mein Wissen gegen Geld. Heute reicht das nicht mehr. Arbeit soll Sinn stiften, so viel Sinn, dass viele kaum ertragen, wenn ein Job einfach nur ein Job ist.

    Gleichzeitig fällt es den Menschen schwer, Unzufriedenheit auszuhalten. Doch niemand ist immer glücklich, niemand immer entspannt. Ein Leben ohne Stress, ohne Cortisol, wäre ein Leben ohne Herausforderungen, ohne Lernen – ein Leben, in dem man morgens nicht einmal aus dem Bett käme.

    Zu viel Cortisol führt in die Erschöpfung, gar keins ins Nichts. Wie also findet man die Balance?

    Die Antwort ist unspektakulär, aber wirksam: regelmässig und gut essen, sich bewegen, regelmässige Waldspaziergänge, ausreichend schlafen. Und dann gibt es noch ein Mittel, vielleicht das beste. Es ist gut erforscht, von vielen Studien belegt: Zuwendung.

    Ein empathischer Partner, ein guter Freund, jemand, der zuhört und berührt – diese Nähe wirkt wie eine Rüstung gegen Stress. Psychologen nennen es „Social Support“. Es kostet nichts, ist aber unbezahlbar.

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    Energetische Menschen

    Manche stemmen mühelos eine 40-Stunden-Woche, Haushalt, Sport und Selbstverwirklichung. Andere schaffen es gerade so aufs Sofa. Doch: Eine High-Energy-Person kann man werden.
    (Simone Kamhuber, ZEIT am Wochenende, 01/2025)

    Man könnte meinen, manche Menschen hätten mehr als 24 Stunden am Tag. Chefinnen, die von früh bis spät arbeiten, am Wochenende Gletscher erklimmen und in der Mittagspause für den Marathon trainieren. Eltern, die neben dem Job drei Kinder grossziehen, den Haushalt schmeissen und nebenbei Oboe lernen oder in der Kreisliga Badminton spielen. Andere hingegen greifen nach Feierabend nur noch zur Fernbedienung. Woher nehmen manche bloss ihre Energie? Und: Kann man selbst so eine Power-Person werden, wenn man es vom Sofa hochschafft?

    Energie – ein abstrakter Begriff, keine greifbare Grösse. Sie beschreibt die Fähigkeit, Leistung zu erbringen. Schon das blosse Überleben kostet Kraft: Bis zu 75 Prozent der Körperenergie fliessen in lebenswichtige Funktionen. Umso erstaunlicher, wie viel manche aus den übrigen 25 Prozent herausholen. Und tatsächlich: Menschen unterscheiden sich darin, wie effizient sie Energie aufnehmen, verarbeiten und wie schnell sie ermüden (Plos One: Jiang et al., 2018, PDF). Doch das bedeutet nicht: einmal Couch-Potato, immer Couch-Potato. Es gibt Faktoren, die das Energielevel beeinflussen – und einige davon hat man selbst in der Hand.

    Mitochondrien: Die Kraftwerke der Zellen

    Essen liefert Energie – das ist bekannt. Doch der Körper muss diese Energie erst umwandeln. Die entscheidenden Prozesse laufen in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Sie verwandeln Triglyceride und Kreatinphosphat aus der Nahrung in Adenosintriphosphat (ATP), den Treibstoff des Körpers. Täglich verbraucht ein Mensch davon etwa so viel wie sein Körpergewicht.

    Damit die Energiespeicher gefüllt bleiben, braucht der Körper Fette, Kohlenhydrate und Proteine – Letztere sind die Bausteine der Mitochondrien. Nüsse, Tofu oder Eier liefern das nötige Material zur Regeneration. Zucker gibt zwar einen schnellen Energieschub, verpufft aber rasch. Zuckerarmes, sättigendes Essen hält den Energiespiegel länger stabil.

    Manche Menschen produzieren mehr Energie als andere. Profisportler haben in ihren Muskelzellen bis zu doppelt so viele Mitochondrien wie Bewegungsmuffel. Regelmässige Bewegung verbessert nicht nur die Funktion der Mitochondrien, sondern erhöht auch ihre Anzahl.

    Bewegung als Energiequelle

    Nach der Ernährung ist Bewegung der zweite Schlüssel zum Energiehaushalt. Menschen mit hohem Arbeitspensum, etwa Führungskräfte, treiben oft viel Sport. Wer geistig viel leistet, braucht körperliche Aktivität als Ausgleich. Menschen, die sich regelmässig bewegen, verfügen über grössere Energiereserven und wirken oft, als fiele ihnen alles leicht.

    Zudem hebt Bewegung die Stimmung, baut Stresshormone ab, kurbelt den Fettstoffwechsel und die Sauerstoffaufnahme an. Doch Vorsicht: Zwischen Auslastung und Überlastung liegt ein schmaler Grat. Eine Studie der Universität Jaén zeigte, dass Sport bei moderatem Stress Energie spendet, bei starkem Stress jedoch auszehrt (Current Psychology: Cortés-Denia et al., 2023).
    Mässig, regelmässig ist auch hier der gute Mix.

    Schlaf: Die Basis für Energie

    Um energiegeladen in den Tag zu starten, braucht der Körper Schlaf. Doch wir leben in einer Ära der „globalen Fatigue“. Eine Metastudie von 2022, die 91 Studien auswertete, ergab: Jeder fünfte Erwachsene fühlte sich schon einmal bis zu sechs Monate lang dauerhaft erschöpft. Das Problem ist weniger die Belastung als die fehlende Regeneration. Neben Bewegungsmangel und falscher Ernährung ist Schlafmangel eine Hauptursache.

    Im Schlaf stärkt der Körper das Immunsystem, repariert Zellen und Muskeln. Schlafentzug stört diese Prozesse und erhöht das Risiko für Krankheiten wie Krebs oder Stoffwechselstörungen. Die Studie „Mitochondrien brauchen ihren Schlaf“ (2023) belegt: Ohne Schlaf geraten die Reparaturmechanismen der Zellen ins Stocken.

    Resilienz: Der Schlüssel zur Energie

    Ein stabiles Energielevel entsteht aus der Kombination von Genetik, Lernerfahrungen und Umwelt. Mentale Stärke, körperliche Gesundheit und ein stabiles soziales Netzwerk spielen dabei eine zentrale Rolle.

    Resilienz – die Fähigkeit, psychisch gesund zu bleiben und sich nach Rückschlägen zu erholen – hilft, langfristig vital zu bleiben. Zwillingsstudien zeigen, dass Resilienz zu 30 bis 50 Prozent genetisch bedingt ist. Doch sie entwickelt sich vor allem durch die aktive Bewältigung von Herausforderungen. Resiliente Menschen setzen Prioritäten, ziehen Grenzen, nutzen Ressourcen gezielt und legen Pausen ein. Sie wissen, wie man mit Stress umgeht.

    Stress mindert die Vitalität, weil er die psychische Gesundheit belastet und zu Erschöpfung führt. Der Körper schüttet Cortisol aus, was das Einschlafen erschwert. Eine Studie von 2022 mit 16.000 chinesischen Beamtinnen und Beamten zeigte: Arbeitsstress oder Geldsorgen verdoppeln das Risiko für Erschöpfung. Zudem schädigt anhaltender Stress die Mitochondrien und schwächt das Immunsystem (Psychosomatic Medicine: Picard & McEwen, 2018).

    Grenzen erkennen und akzeptieren

    Doch nicht alle Leistungsmenschen haben unerschöpfliche Energie. Viele überfordern sich, halten den Schein aufrecht, bis der Körper streikt. Um dem Optimierungswahn zu entkommen, sollte man die eigenen Grenzen respektieren und das Beste aus dem Möglichen machen.

    Der Alltag lässt sich mit kleinen, realistischen Schritten gestalten. Bewusste Selbstfürsorge hilft, sich energiegeladener und zufriedener zu fühlen. Und manchmal ist ein Abend auf dem Sofa genauso wertvoll wie ein Lauf auf dem Laufband.

    >>> Weiterlesen über das Körper-Stress-Syndrom >>>

    Quellen:
    Self-rated recovery from work stress and allostatic load in women, J Psychosom Res. 2006 Aug;61(2):237-42
    Warum so nervös?, DIE ZEIT, 34/2024
    Simone Kamhuber, Energetische Menschen, ZEIT am Wochenende, 01/2025
    Stress, Spannung, nervös: den Parasympathikus stärken

    Foto von Foto von Kevin Ku auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
    26. März 2026

  • Zahnpflege, die uns nicht schädigt

    Zahnpflege, die uns nicht schädigt

    Der wichtigste Faktor für viele pathologische Vorgänge in der Mundhöhle ist die Entzündungsneigung. Eine gute Mundflora (und Darmflora) ist dabei matchentscheidend und bekämpft die Entzündung und damit auch die Karies! Dabei gehört eine reiche Mundflora zu einer reichen Darmflora oder verbessert diese.

    Wie kann ich mein Mikrobiom in der Mundhöhle verbessern?

    Zu viel Zahnpasta bekämpft zwar die Kariesbakterien, verschlechtert aber allgemein unsere Mundflora. Die mechanische Reinigung unserer Zähne ist sowieso viel wichtiger als die zusätzliche Zahnpasta. Die optimale Zahnpflege (Neudeutsch: Oralcare) sieht dementsprechend wie folgt aus: – Zweimal täglich den Biofilm um die Zähne mit 2 Minuten Reinigung durch eine elektrische Zahnbürste (Ultraschall oder Rotation) entfernen. – Dazu einmal täglich Interdentalbürstchen (in den richtigen Grössen) kurz zwischen den Zähnen durchziehen. – Und keine Zahnseide mehr – oder wenn man dies beherrscht, wenigstens nur die oberste Kontaktfläche der jeweiligen benachbarten Zähne damit reinigen – nicht tiefer, da dies unser Zahnfleisch verletzen oder sogar abledern kann! – Dazwischen nur mit Wasser spülen und nicht mit speziellen Spüllösungen…

    Nach säurehaltigen Mahlzeiten lieber nicht putzen?

    Die Warnung kursiert noch immer: Wer Säurehaltiges wie Wein, Saft oder Obst zu sich genommen hat, solle die Zähne erst mal in Ruhe lassen. Tatsächlich macht Säure den Zahnschmelz weicher, sodass die Zahnbürste ihn schädigen kann. Würde man dagegen ein Weilchen warten – so die Theorie –, könnten Mineralien aus dem Speichel wieder in den Zahnschmelz eingelagert werden und ihn erneut härten.
    Als Forscherinnen und Forscher die Literatur zu dem Thema systematisch auswerteten, konnten sie allerdings keinen Beleg für diese These finden. Der Speichel remineralisiert den Zahnschmelz nur in geringem Masse und das auch nur sehr langsam: Selbst vier Stunden nach dem Kontakt mit Säuren hatte sich die Zahnoberfläche noch nicht so weit erholt, dass sie der Zahnbürste genug Widerstand entgegensetzen könnte.
    Das Putzen um eine halbe Stunde zu verschieben, dürfte also kaum einen schützenden Effekt haben. Hilfreich ist eher, den Konsum von säurehaltigen Getränken zu begrenzen, damit Säureschäden gar nicht erst entstehen. Das heisst, nicht mehr als dreimal täglich maximal zehn Minuten lang säurehaltige Getränke zu trinken.

    Wichtig gegen Erosion: Kein Druck beim Bürste anwenden

    Worauf kommt es bei der Zahnpasta an? Sehr wichtig: So wenig Zahnpasta wie nötig benützen! Die deutsche Stiftung Warentest gibt den meisten Zahnpasten gute und sehr gute Noten. Unter den bestbewerteten sind auch die zwei preiswertesten. Als mangelhaft bewerteten die Tester einige Naturkosmetik-Produkte, die kein Fluorid enthalten. Fluorid ist die einzige Substanz, für die eine schützende Wirkung vor Karies durch viele gute Studien belegt ist. Das Mineral stärkt den Zahnschmelz und macht ihn widerstandsfähiger gegen Säuren. Vor allem sollte man nach dem Zähneputzen den Mund nicht ausspülen sondern nur ausspucken, damit das Fluorid einen Film auf den Zähnen bildet.

    Mundwasser?

    Mit Mundwasser sollte man sehr vorsichtig sein. Wie eine Studie aus dem Jahr 2020 nahelegt, kann Mundwasser mit dem Wirkstoff Chlorhexidin die Mundflora massiv durcheinanderbringen, weil es auch nützliche Bakterien abtötet, offenbar ausgerechnet auch jene, denen man eine wesentliche Eigenschaften gegen die Parodontitis zuspricht.

    Ist die professionelle Zahnreinigung (Dentalhygiene) nötig?

    Für Menschen mit gesunden Zähnen und Zahnfleisch konnten Studien keinen eindeutigen Nutzen der professionellen Reinigung belegen. Ein Überblicksartikel von 2015 kam zu dem Schluss: Wenn überhaupt, scheinen die Patienten womöglich gar nicht so sehr von den Massnahmen in der Mundhöhle zu profitieren, sondern davon, dass ein Experte sie individuell aufklärt, berät und motiviert. Schwierig zu bewerten ist die Profi-Reinigung auch deshalb, weil unter demselben Namen durchaus Unterschiedliches angeboten werden kann. Abgesehen von den Kosten scheint die professionelle Reinigung jedoch auch keine Nachteile zu haben.
    Gegen einmal jährlich Zahnstein entfernen, ist wohl nichts einzuwenden.

    Interessant scheinen auch archäologische Befund zu sein: Bei den Samurai wurde nicht gebürstet. Sie nahmen einen kleinen Lappen, der um ein Bambus gewickelt war und wischten quasi die Zähne sauber. Mit gutem Erfolg offenbar. Das andere sind Kauhölzchen, nicht aber Zündhölzer und Zahnstocher auf denen gekaut wird, eher faserig wie das Süssholz. Es scheint ebenso eine beachtliche Wirkung zu entfalten. Bei den alten Ägypter war eine systematisch Zahnpflege bereits vorhanden. Und doch hatten schon immer einige, auch ohne Zucker, Kariesprobleme. Und man starb auch schon mal daran, wenn Abszesse bis auf die Knochen gingen. Zudem: Die Ernährung ist ebenso wichtig, denn da wo Mangel herrschte, waren die Zähne selten gut. Und zu guter Letzt ist Rauchen und Saufen besonders schlecht – da hilft das Putzen nur wenig.

    Weshalb denn eine gute, reiche Darmflora so wichtig ist:

    Und was kann ich sonst noch zum Aufbau einer guten, reichen Darmflora tun?!

    Vegetarische Ernährung mit wenig Fett und Zucker.
    Mediterrane Ernährung.
    Mehr Dreck.
    Mehr enge, soziale Kontakte.
    Weniger Mobilität, weniger Rumfliegen.
    Probiotika…
    >>> www.dr-walser.ch/darmflora/

    Foto von Lesly Juarez auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung durch Dr.med. Thomas Walser:
    12. Januar 2025