Kategorie: Allgemein

  • Kann man optimal sitzen?

    Kann man optimal sitzen?

    Stühle waren bis vor hundert Jahren kein Möbel für jedermann. In der Bibel, bei Homer oder Shakespeare tauchen sie kaum auf, bei Dickens hingegen schon. Mit der Industrialisierung sass schliesslich auch das einfache Volk, nicht mehr nur die Elite. Die Arbeit verlagerte sich zunehmend vom Stehen ins Sitzen – und machte Stühle unverzichtbar.

    Und heute? Wir sitzen fast ständig. Selbst beim Lesen, Fernsehen oder Gaming.

    Laut der British Heart Foundation verbringen wir etwa 9,5 Stunden täglich im Sitzen. Das heisst, moderne Menschen sind rund 75 Prozent ihrer Zeit inaktiv. Diese Untätigkeit bringt Probleme mit sich, die bis zu tödlichen Krankheiten führen können. Herz-Kreislauf-Leiden und sogar Krebs hängen mit zu langem Sitzen zusammen. Je länger jemand ohne Unterbrechung sitzt, desto schlechter reagiert der Körper auf Insulin. Nach einer Glukoseaufnahme steigt der Blutzucker stärker an. Auch die gesamte Sitzdauer eines Tages beeinflusst den Zuckerstoffwechsel: Je mehr Stunden, desto höher das Risiko für Diabetes.

    Zwar schnitten körperlich aktive Versuchspersonen besser ab als Bewegungsmuffel, doch weder Sport noch ein gesundes Körpergewicht konnten die schädlichen Folgen des Dauersitzens vollständig ausgleichen.

    Eine Studie von 2012, die die Folgen von Inaktivität untersuchte, zeigte: Wer täglich zehn Stunden sass, hatte kürzere Telomere – ein Zeichen für beschleunigtes Altern. Diese Sitzgewohnheiten ließen die Betroffenen biologisch um etwa acht Jahre altern.

    Soviel mal zu „optimalem Sitzen“…

    Was ist eine ökonomische Sitzhaltung?

    Und wenn wir nun gegen alle guten Menschenverstand gezwungen sind, trotzdem länger zu sitzen, tut man dies am besten in einer „ökonomischen“ Haltung. Dies will ich hier darlegen:

    Die Füsse sollen flach am Boden aufliegen (eher etwas auseinander und parallel >>> Knie fallen dadurch etwas nach innen >>> Sitzbeine gehen auseinander >>> Beckenboden wird dabei passiv gespannt). Man gibt  das Gewicht der Beine ganz dem Boden ab. Dies wird etwas besser erreicht, falls die Füsse ein wenig vor den Knien auf dem Boden aufliegen. Dadurch wird das Becken für die folgende Bewegung freier.

    Man versucht nun das Becken nach vorne zu kippen und kommt dabei VOR die Sitzbeinhöcker zu sitzen. Das Becken kann man sich als Schüssel mit flachem Boden vorstellen, die nun das ganze Oberkörpergewicht aufnehmen kann.
    Ich setze meinen Oberkörper so auf den Stuhl als würde ich eine Einkaufstüte hinstellen und der ganze heterogene Inhalt mit seinem Gewicht stabilisiert sich nun, so dass ich mein oberflächliches Gewebe entspannen kann: Die Bauchwand ist locker, das Gesäss entspannt. Der Schultergürtel liegt wie ein leichtes Joch oben auf. Meine Arme hängen locker am Schultergürtel und mein Kopf balanciert wie eine Boje auf der Mittelachse durch die Ohren. Ich versuche dabei mein Kinn wie eine Schublade etwas nach hinten zu schieben (und nicht den Kopf in den Nacken zu kippen). Ich lasse nun das Gewicht meines Oberkörpers noch etwas mehr in meine Beckenschale fallen.

    Diese Haltung vor den Sitzbeinhöcker schafft einen flachen Beckenboden, bei dem man sogar seitlich auf den beiden Schambeinästen (wie auf Schlittenkufen) und vorne auf die Schambeinfuge (Symphyse) zu sitzen kommt. Das Hohlkreuz ist beim Sitzen also nur nützlich.
    Diese Vorkippung des Beckens wird natürlich durch eine Lordosenunterstützung der Stuhllehne unterstützt. Dazu muss man natürlich auf dem Stuhl ganz nach hinten gegen die Lehne rutschen. In vielen Autositzen ist diese Ausbuchtung auf Höhe unserer Lendenwirbelsäule schon eingebaut. Falls nicht, kann man sich ein kleines Kissen ins Kreuz schieben. Zudem gut beim Autositz ist eine möglichst senkrechtes Einstellen der Rückenlehne.

    In dieser Sitzhaltung erreichen Sie eine nach vorn konvexe Mittellinie. In dieser Stellung wird der Rumpf durch sein Gewicht und die Faszienspannung stabilisiert und benötigt keinerlei Muskelkraft, was eine schöne und entspannte Aufrichtung des Oberkörpers ergibt.
    Die nach hinten konvexe Mittellinie des Rumpfes (beim Sitzen hinter den Sitzbeinhöckern) erfordert dagegen dauernde aktive und energieaufwendige Spannung der gesamten Rückenmuskulatur, sonst würde der Oberkörper sofort kollabieren, da die weiche konkave Vorderseite des Rumpfes der Druckspannung nichts entgegenzusetzen hat.
    Lesen Sie hier mehr zu dieser „Tiefenaktivierung„. Man kann sich den  Oberkörper auch als „wassergefüllten Ballon“ vorstellen, der so hingestellt sehr stabil „von alleine“ dasteht.

    Nie in monotoner Stellung lange sitzen

    Beim Sitzen ist es optimal, falls man häufig die Haltung wechselt und etwas Dynamisches daraus macht. Man kann sich als Beispiel auch mal verkehrt herum auf einen Stuhl setzen und sich dabei mit seinem Brustbein gegen die Lehne stützen. Dazu ist es sinnvoll, falls die Lehne es unten zulässt, dass man die Beine neben einem schmalen Lehnenstiel parallel nach vorne streckt.

    Auch ein Stehpult kann bereits Wunder wirken (über das ökonomische Stehen am Stehpult habe ich hier etwas geschrieben).

    sitzenCopyright© Bild: Dr.med.Hans Flury, Die neue Leichtigkeit des Körpers, dtv ratgeber

    Das linke Bild zeigt die beschriebene ökonomische Sitzhaltung. Sie können diese Haltung betonen und spürbarer machen, indem Sie, wie rechts gezeigt, das Becken durch Entspannen der Bauchmuskeln nach vorn kippen. Lassen Sie Ihr Gewicht den Beckenboden zwischen Sitzbeinen und Stuhlfläche „schmelzen“. Er wird weich und entspannt. Das Gewicht des Rumpfes schiebt das Becken leicht zurück. Verstärken Sie diese Rückwärtsbewegung, indem Sie mit dem vorderen Fuss gegen den Boden drücken. Brustbein und Kopf bleiben stets senkrecht. Die Bauchwand und das Gesäss sind völlig entspannt.

    Diese Technik kann auch den Übergang zu einem ökonomischen Aufstehen erleichtern. Ihr Oberkörpergewicht treibt Sie an. Platzieren Sie die Füsse möglichst weit unter sich. Beugen Sie sich im Hüftgelenk vor, bis Sie Ihr Gewicht vollständig über den Füssen spüren. Das Brustbein bleibt senkrecht, der Kopf sitzt locker und kippt nicht nach vorn. Stossen Sie sich schliesslich sanft vom Boden ab, wie ein Sprinter aus den Startblöcken. Es soll sich geschmeidig und katzenartig anfühlen.

    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    05. April 2026

  • Körper-Stress-Syndrom

    Was Ärztinnen und Ärzte früher als psycho-vegetative Symptome, psychosomatische oder somatoforme Störungen bezeichneten, heisst heute prägnant und treffend „Körper-Stress-Syndrom“ (englisch: „bodily distress disorder“, BDD). Dieses Syndrom beschreibt funktionelle körperliche Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten, vom Patienten stark beachtet werden, den Alltag beeinträchtigen und häufige Arztbesuche nach sich ziehen.

    Die Symptome können nahezu jedes Organsystem betreffen.

    Copyright Medix, Zürich

    Der Begriff „Körper-Stress-Syndrom“ soll die Diagnose funktioneller Beschwerden erleichtern, da in der Psychosomatik viele Krankheitsbilder und Definitionen überlappen:

    • Gastrointestinaler Typ (z. B. Reizdarmsyndrom)
    • Muskuloskelettaler Typ (z. B. Fibromyalgie)
    • Herz-Kreislauf Typ (z. B. Herzklopfen, Herzrasen)
    • Generalisierter Typ (z. B. Müdigkeit, Erschöpfung).
    Bild: Medix, Zürich

    Diagnostik

    Das Körper-Stress-Syndrom ist eine klinische Diagnose, basierend auf gründlicher Anamnese und Untersuchung.
    Der Begriff „Körper-Stress“ lässt die Ätiologie eines einzelnen Symptoms zunächst offen, und fokussiert auf die subjektiv empfundene Belastung durch die Beschwerden.
    Wichtig: Es handelt sich nicht um eine Ausschlussdiagnose. Körper-Stress kann mit jeder anderen psychischen oder somatischen Erkrankung koexistieren.
    Die Diagnose kann ohne weitergehende apparative Diagnostik gestellt werden, sofern die definierenden Kriterien (s. o.) gegeben sind.
    Zur Unterstützung können standardisierte Fragebögen eingesetzt werden

    • PHQ-15 Fragebogen (Instrument zur Erfassung der Belastung)
    • HADS-Fragebogen (Instrument zur Beurteilung von Angst und Depression bei Patienten mit somatischen Beschwerden)

    Was hilft?

    Die Aufklärung des Betroffenen mit der Vermittlung von Wissen über das Krankheitsbild ist die zentrale Massnahme. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stressmodells bietet einen guten Gesprächseinstieg und verhindert, dass sich die Konsultation auf Einzelbeschwerden verengt. Es zeigt einen gemeinsamen Nenner für emotionale, kognitive und körperliche Symptome auf. Zudem lässt sich das Thema „Stress“ als Ungleichgewicht zwischen persönlicher Widerstandskraft (Resilienz) und äusseren Belastungen (z. B. Beruf, Familie) darstellen.

    Weitere Massnahmen sollten erst bei anhaltenden Symptomen nach Aufklärung und Selbstmanagement in Betracht gezogen werden.

    Bild: Medix, Zürich
    • Behandlung von Schlafstörungen: Vermittlung schlafhygienischer Massnahmen, App-basierte kognitive Verhaltenstherapie, in Ausnahmefällen vorübergehende medikamentöse (pflanzliche) Unterstützung.
    • Regelmässige moderate Bewegung.
      Falls vorhanden, ein strukturiertes körperliches Aktivierungsprogramm mit speziell geschulten Physiotherapeuten.
    • Eine Überweisung zur ambulanten Psychotherapie ist nur bei erheblicher psychosozialer Belastung oder psychischer Begleiterkrankung notwendig, aber nicht in jedem Fall erforderlich.
    • Je nach Motivation des Patienten können ergänzende Therapieformen wie Atemtherapie, achtsamkeitsbasierte Ansätze (MBSR), Biofeedback, Meditation oder autogenes Training sinnvoll sein.
    • Kein Körperteil, abgesehen vom Gehirn, beeinflusst unsere mentale und emotionale Verfassung so stark wie der zehnte Hirnnerv – der längste Nerv des autonomen Nervensystems. Er steuert unbewusst die inneren Abläufe des Körpers. Der Nervus Vagus, dessen Name vom lateinischen „vagari“ für „umherschweifen“ stammt, zieht vom Gehirn bis zum Darm. Auf seinem Weg berührt er fast jedes Organ, reguliert Herzschlag, Verdauung, Reflexe und sogar unsere Stimmungen. Er bildet den parasympathischen Teil des vegetativen Nervensystems.
      Für uns Westler, oft gestresst und ruhelos, ist es besonders wichtig, diesen parasympathischen Anteil zu stärken. Unser hektisches Leben aktiviert den Sympathikus übermässig – wir sind meist „Sympathikotoniker“. > Weiterlesen!

    Übungen gegen den Stress

    Die Anspannung steigt. Sie werden hektisch. Der Rücken schmerzt. Diese Übungen helfen, Körper und Geist zu entspannen:

    • Erdung: Sich barfuss hinstellen. Füsse beckenbreit und parallel. Augen schliessen. Becken ganz sanft wie eine Schublade leicht nach hinten gleiten lassen – ohne Bauch- und Gesässmuskeln – nicht kippen. Bauchwand entspannen. Brustbein hängt frei und ist senkrecht. Schultern nicht nach oben ziehen, sondern locker auf den Oberkörper hinlegen (wie grosses Tuch) – Arme hängen in Schultergelenken. Der Kopf balanciert auf der Mittelachse durch die Ohren – wie eine Boje auf ruhigem Wasser.
    • Fäuste: Eine Kurzform der progressiven Muskelentspannung reicht meist: Legen Sie sich ins Bett, spannen Sie die Gesässmuskeln an, ballen Sie die Hände ganz fest zu Fäusten und drücken Sie den Kopf ins Kissen. Zählen Sie auf 30 und entspannen Sie dann alle Muskeln wieder. Das Ganze wiederholen Sie etwa fünf bis sechs Mal. Hier finden Sie die erweiterte Form dieser Muskelentspannung >>>
    • Atmung: Eine Minute täglich die tiefe Bauchatmung machen. In dieser Minute atmet man sechsmal tief ein und wieder aus, sodass die Bauchdecke sich spürbar hebt und senkt – längere Aus- als Einatmung. Dies ausschliesslich durch die Nase.
    • Sprünge: Wer während eines langen Schreibtischtages schnell Dampf ablassen muss, kann sich ein Springseil zulegen. Seilspringen braucht wenig Platz und treibt den Puls schnell in die Höhe. Oder als Alternative (ohne zusätzliches Gerät) Treppen runter- und wieder hochlaufen, dabei zwei Stufen auf einmal nehmen.
    • Lachen: Im Stress neigen wir dazu, die Stirn in Falten zu legen und die Zähne aufeinander zubeissen. Im Lachen, das man sich auch selbst schenken kann, ist das Gesicht dagegen entspannt und man kommt innerlich zur Ruhe.
      Witze regen dazu an >>>

    >>> Weitere Entspannungsübungen >>>

    Entzündungsneigung als Folge von Dauerstress

    In den vergangenen Jahren hat die Medizin erkannt, dass viele Erkrankungen eine mehr oder weniger ausgeprägte Entzündungskomponente haben. Das gilt selbst für Krankheiten wie Atherosklerose, Darmkrebs oder neurologische Erkrankungen Demenz, Parkinson). Die Gerontologie betrachtet chronische Entzündungen inzwischen als zentralen Mechanismus des Alterns. Dieser Zusammenhang wird als Inflammaging bezeichnet. Deswegen ist eine antientzündliche Ernährung so wichtig.

    Bekannt ist, dass im Rahmen des Bluthochdrucks in den Blutgefässen des Körpers eine Entzündungsreaktion auftritt, so dass der Schlüssel einer erfolgreichen Behandlung des Bluthochdrucks möglicherweise in der Abschwächung dieser Entzündungsreaktion liegt. Seit einiger Zeit geht man davon aus, dass auch die durch Bluthochdruck geförderte Gefässverkalkung (Atherosklerose) nichts anderes als eine chronisch voranschreitende Entzündung des Gefässbettes ist.

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    >>> Weiterlesen über Entzündungsneigung als zentraler Mechanismus in der Medizin >>>

    >>> Mehr über den Dauerstress >>>

    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    26. März 2026

  • Long Colds

    Long Colds

    Erkältet und es geht wochenlang nicht weg

    Es gibt eine neue Erkenntnis, dass manche Menschen nach einer Erkältung, Grippe oder Lungenentzündung noch lange Zeit Symptome haben können. Diese Symptome können mehr als vier Wochen nach Beginn der Krankheit anhalten. Forschende nennen dies „Long Colds“. Es ist wichtig zu beachten, dass es sich hierbei nicht um Corona handelt, sondern um akute Atemwegsinfektionen mit Langzeitsymptomen.

    Post-Covid ähnlich häufig wie ME/CFS nach anderen Infektionen

    Seit Beginn der Covid-19-Pandemie liegt das Augenmerk von Forschenden stark auf Long-/Post-Covid, einem Krankheitsbild, das der Myalgischen Enzephalomyelitis bzw. dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ähnelt – oder womöglich damit identisch ist. Neue Daten zeigen, dass die Häufigkeit von Long-/Post-COVID mit postinfektiösen Beschwerden durch andere Viren vergleichbar ist. 

    Zu den häufigsten Symptomen gehören Husten, Magenschmerzen und Durchfall mehr als vier Wochen nach der ersten Infektion. Der Schweregrad einer Erkrankung scheint ein Schlüsselfaktor für das Risiko von Langzeitsymptomen zu sein.

    Die von der Queen Mary University of London geleitete Studie wurde in der Zeitschrift Lancet veröffentlicht.

    Die Experten untersuchten die Daten von 10.203 Personen, die an der Covidence UK-Studie über Coronaviren in der Bevölkerung teilgenommen hatten. Zum Zeitpunkt dieser Analyse hatten 1.343 Personen eine Covid-Infektion durchgemacht und 472 hatten eine Atemwegsinfektion, die negativ auf Covid getestet wurde.
    Die Ergebnisse zeigten, dass 22 % der Personen mit Covid-19 nach der Infektion unter anhaltenden Symptomen litten, ebenso wie 22 % derjenigen, die eine Infektion hatten, die nicht Covid war.

    Man kann also sagen, dass ein ähnliches Risiko für anhaltende Symptome besteht, unabhängig davon, ob es sich um eine Covid- oder eine Nicht-Covid-Infektion handelt.

    Auch die Behandlung bei Long Colds und Long Covid ist dieselbe

    Weiterlesen: https://www.dr-walser.ch/longcovid-und-postcovid//#therapie

    Post-Lyme-Syndrom, eine „Long-Borreliose“

    Ähnliches wie bei Long-Colds oder Long-Covid sieht man bei der Zeckenkrankheit Borreliose: Bakterienreste bleiben im Körper und können langanhaltende Symptome auslösen.

    Forscher berichten in Science, dass krankmachende Moleküle selbst nach der Abtötung von Borrelien im Körper verbleiben und möglicherweise langanhaltende Beschwerden verursachen.

    Hintergrund: Eine Infektion mit Borrelia burgdorferi, dem Erreger der Lyme-Borreliose, kann trotz erfolgreicher Behandlung anhaltende Symptome hinterlassen. Viele Betroffene klagen über Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder neurologische Störungen – ein Krankheitsbild, das als „Post-Lyme-Syndrom“ oder „postinfektiöse Lyme-Borreliose“ bekannt ist.

    Frühere Studien zeigten, dass Patienten selbst nach einer erfolgreichen Antibiotikatherapie oft noch Zellwandreste von Borrelia burgdorferi in entzündeten Gelenken aufweisen. Die zugrunde liegenden Mechanismen blieben jedoch unklar.

    Um dies zu untersuchen, entwickelten Forscher ein Modell, das die Verteilung von Borrelia-Peptidoglykan im Körper von Mäusen in Echtzeit sichtbar macht. Die Ergebnisse zeigen: Das Peptidoglykan von B. burgdorferi unterscheidet sich chemisch deutlich von anderen bakteriellen Zellwänden und reichert sich vor allem in der Leber an. Dort nehmen Kupffer-Zellen und Hepatozyten die Moleküle auf, die über Wochen im Gewebe verbleiben. Dieser Prozess verursacht nur geringe Gewebeschäden, verändert jedoch das Proteom in Gewebe und Blut. Die dabei entstehenden Proteinmuster ähneln denen, die bei Menschen mit chronischen Beschwerden nach einer Infektion beobachtet werden. Transkriptom-Analysen zeigen zudem, dass das Borrelia-Peptidoglykan den Energiestoffwechsel in peripheren mononukleären Blutzellen beeinflusst.

    Quellen:
    Lancet, Nov. 2023, Giulia Vivaldi et al.: Long-term symptom profiles after COVID-19 vs other acute respiratory infections: an analysis of data from the COVIDENCE UK study
    The Guardian, 06.10.2023, Andrew Gregory: People may suffer ‘long colds’ more than four weeks after infection, study shows

    Foto von Volodymyr Hryshchenko auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    04. Mai 2025

  • Der Untergang der Füsse…

    Der Untergang der Füsse…

    Der Entengang steht am Anfang

    Als „Entenfüsse“ wird der Aussenrotationsgang oder auch Zehenaussengang deiner Füsse bezeichnet. Deine Zehen zeigen beim Gehen und Stehen nach aussen. Auch wenn das bei kleinen Kindern häufig vorkommt und sie daraus normalerweise herauswachsen, kann sich der Aussenrotationsgang auch ausbilden oder verschlimmern, während man heranwächst.

    Dies wird als „Untergang der Füsse“ angesehen, da dabei die Hauptkraftlinie im Fuss über die schwächste Stelle des grossen Balkons des Innengewölbes wegläuft, welches dann beginnt einzusinken. Optimal würde diese Kraftlinie von der Ferse in der Mitte des (parallel stehenden!) Fusses zu den Zehen verlaufen.

    Hauptkraftlinien im normal oder im aussenrotiert ausgerichteten Fuss.

    Bei dieser geraden Fusshaltung wird der Fuss ideal als eigentliche Längsfeder genutzt. Alle federnden Gewölbe des Fusses (innen, aussen und das vordere) führen dazu, dass der Fuss durch das eigene Körpergewicht in der Standphase des Gehens/Laufens nach unten gedrückt wird. Dann kann vor der Schwungphase durch Lösen dieser Federspannung 70 Prozent der Energie für das Abstossen geliefert werden. Bei parallelen Füssen geschieht also das Abstossen entspannt und ohne grossen Energieaufwand.

    Eine kleine Anpassung beim Gehen mit dem Resultat eines Parallelisieren der Fussstellung kann bei Kniearthrose ähnlich wirksam sein wie Medikamente – und den Knorpelabbau verlangsamen. Das zeigt 2025 eine randomisierte kontrollierte Studie der Stanford University, veröffentlicht in The Lancet Rheumatology.

    Senk- und Plattfüsse – auch Spreizfuss …

    Dramatischer für unsere Füsse wirkt sich aber aus, dass beim nach aussen gerichteten „Entenfuss“ durch die drastisch vermehrten Kräfte, die auf das Innere Längsgewölbe wirken, dieses langsam kollabiert – und damit der Beginn des Senk- und Plattfusses besiegelt wird.
    Zudem bewirkt der immer damit einhergehende Fersengang (Gewicht nur im hinteren Teil des Fusses und Vorfuss nicht belastet) ein Untergang und Einsinken des vorderen Quergewölbes und damit die Entstehung des Spreizfusses mit der Komplikation Hallux valgus und Hammerzehen.
    Dies geschieht beim Joggen viel schneller und stärker, da die Kräfte, die dabei die Gewölbe unserer Füsse aushalten müssen, bis zum dreifachen Körpergewicht gesteigert sind.

    Die Lösung dieses Haltungsproblems liegt nun nicht in den Füssen, sondern in unserer Gesamthaltung, die bewirkt, dass unsere Füsse als Endorgan dann nach aussen gezogen werden. Diese Haltung wiederum wird durch unsere Funktion im Gehen und Laufen bedingt (und auch verändert!). Wir müssen also die Haltung und Funktion unseres ganzen Körpers anschauen.

    Welche Haltung/Funktion verursacht diese Aussenrotation?

    Wir werden unten sehen, dass eine verspannte und dann auch verkürzte Extensoren- oder Streckermuskelschlinge des Beines den Fuss erst nach aussen zieht!

    Extensorenschlinge des Beines
    1) Stärkste Aussenrotatoren der Hüfte sind die Gesässmuskeln (v.a. Musculus gluteus maximus und medius)
    2) Strecker im Kniegelenk (v.a. M. quadriceps femoris)
    3) Unterschenkelstrecker (v.a. M. tibialis anterior >> Shin Splint)

    Welche Haltung und welcher Laufstil verspannt diese Muskelschlinge?

    Geh mal raus und schau dir all die Jogger*innen an. Dort siehst du schön, wie ein zu aufrechter Laufstil mit Fersengang und dem Schwerpunkt hinter dem Lot (meist auch Kopf als Ausgleich vorne, also mit leichtem Rundrücken) zu einer allgemeinen Aussenrotation des Beines führt und die Füsse dann nach aussen zeigen.

    Was tun?

    Zuerst mal: Niemals das „Endorgan“ Fuss gerade stellen wollen! Ist zwar einleuchtend, aber grundfalsch. Die Füsse sollen (vor allem in der Schwungphase) voll entspannt sein können.
    Die Veränderung des Laufstils wird dann schlussendlich auch den Fuss wieder mehr nach innen rotieren lassen. Die Fussstellung verbessert sich also passiv, von selbst – bis unsere Füsse dann optimalerweise wieder parallel zueinander sind.

    Oben haben wir gesehen, dass die verspannten und verkürzten Strecker und Aussenrotatoren des Beines den Fuss nach aussen ziehen. Wie kann ich diese Muskelschlinge in der Schwungphase des Beines voll entspannen? Wie verändere ich diese zu aufrechte Haltung, die mich (durch die Schwerkraft) eher nach hinten zieht und die ein aktives Heben des Beines in der Schwungphase bewirkt – und damit eine verspannte Streckerschlinge?

    Die Antwort kann man in Stichwörtern umschreiben: Gehen/Laufen mit dem Gewicht des (vorne konvexen) Oberkörpers, mit der Schwerkraft also – Ganzfusslaufen (nicht nur Vorfuss allein) – entspanntes Schwingen der Beine aus dem Hüftgelenk heraus: eine Bewegung, die entspannt, beinahe passiv wie ein Pendel, von selbst geschieht – mit völlig entspanntem Quadrizeps, Gluteus- und Unterschenkelstrecker-Muskeln in der Schwungphase …
    Auf meiner Joggingseite habe ich darüber bereits ausführlich geschrieben – und dies beantwortet all unsere Fragen >>>
    Auch hier an anderem Ort >>>

    Auch Charlie Chaplins Oberkörper ist vorne konkav und neigt nach hinten (Becken ist vor dem Lot) und der Kopf nach vorne…

    Gehen, Wandern, Joggen: Bewegung aus Entspannung und von innen >>>

    Bein- und Fussfehlstellungen sind Fehlhaltungen des ganzen Körpers >>>

    Folgen einer verspannten Extensorenschlinge des Armes >>>

    Photo by Umanoide on Unsplash

    Letzte Aktualisierung durch Dr. med. Thomas Walser:
    30. März 2026

  • Rückkopplungsprobleme zum Hirn

    Rückkopplungsprobleme zum Hirn

    Diverse (lästige) Symptome des Menschen entstehen wohl aus einer ungenügenden Hemmung von Signalen aus unserer Peripherie, unseren Organen.
    Es ist zur reibungslosen Funktion unseres Organismus sehr wichtig, dass viele Signale, die unser Hirn aus unserem Körper (und natürlich auch von ausserhalb) empfängt, gar nicht bewusst wahrnimmt. Unser Hirn würde dadurch sehr schnell überfordert sein…

    Ungefilterte Sinneseindrücke können psychotisch machen

    Wir würden wohl sofort durchdrehen, wenn unsere „mickrige“ Hirnleistung von 40 Bits/sec die 11 Mio Bits/sec Sinneseindrücke ungefiltert wahrnehmen würden. Ein Mensch in einer psychotischen Krise scheint eine solche „Filterstörung“ aufzuweisen und dadurch völlig überfordert, ein Denkfehler nach dem anderen produziert, die sich dann in Bedeutungs-, Beeinflussungs- und Beziehungswahn zeigt (selbst das Geräusch des Kühlschranks wird wahrgenommen, hat etwas mit dem Psychotiker zu tun und will ihm etwas mitteilen…).
    Es wird nun versucht, mittels gewissen Medikamenten (Neuroleptika) diesen Filter zu verstärken, was aber nie selektiv und präzise gelingt, weshalb die Medikamente auch den Menschen als Ganzes von seiner Umwelt und auch von allen eigenen Gefühlen abschottet und damit auch zum eigentlichen gefühlsstumpfen “Untoten“ verwandeln kann!

    Tinnitus

    Der Tinnitus scheint ebenfalls eine solche mangelnde Hemmung eines Ton-/Geräusch-Signals aus dem Innenohr zurück zum Hirn zu sein. In einem schalldichten Raum, in dem nichts von diesem Signal ablenkt hören beinahe alle Menschen einen Tinnitus.
    Eine Therapie könnte also sein, die Hemmung zu verstärken, indem ich mein Hirn regelmässig und stark mit genau diesem Ton/Geräusch eindecke und damit eine „Erschöpfung“ der Hirnregion erreiche.

    Mouches Volantes

    Die täglich neu auftretenden Mouches Volantes („fliegende Mücken“ oder Glaskörperflocken), die jederman/frau sieht, wenn man auf eine weisse Fläche schaut – und mit unserer Augenbewegung wie Fliegen durch den Raum huschen – sind ein Musterbeispiel, wie unser Hirn erfolgreich alltäglich (überflüssige) Symptome ausfiltert, um uns nicht wahnsinnig zu machen. Es sind ganz normale kleine Narben im Glaskörper unseres Auges, die ständig entstehen und völlig harmlos sind.

    Sehr eindrücklich ist eine erfolgreiche Unterdrückung eines peripheren Reizes, der fehlende Schmerzreiz eines abgetrennten Armes beim Frontsoldaten bis er in den sicheren Unterstand geflohen ist – und dort beim Versuch, das Gewehr zu zücken, erst bemerkt, dass etwas fehlt! Diese Rückkopplungshemmung ist dabei überlebenswichtig.

    Reizdarm / Reizblase

    Beim Reizdarm und auch bei der Reizblase scheint diese Hemmung von Signalen aus dem Darm oder der Blase nicht zu gelingen. Die lästigen Symptome sind zuviel Rückmeldung dieser Organe, die überlebenswichtig sein können (Blinddarm- oder Harnwegsenfzündung), hier aber bereits entstehen (und ebenso unser „Alarmsystem“ in Gange setzen), obwohl ein wenig Luft oder eine kleine Menge Urin vorhanden ist.

    Weitere unvollständige Ausfilterungen

    Es gibt eine endlose Liste an harmlosen Signalen aus unserer Peripherie oder aus inneren Organen, die wir Menschen plötzlich wahrnehmen – und die dann meist zu ängstlichen Deutungen führen und dabei sehr viel Energie fressen.
    Hier ein paar Beispiele aus meiner langen Hausarztpraxiszeit:

    • Plötzlich hört man/frau den Puls im Ohr oder spürt ihn sonst wo im Körper…
    • Oder ein Mann sieht plötzlich den ganzen Tag seine Nasenspitze – und kann sich nicht mehr davon lösen…
    • Natürlich gehören viele Juckreizphänomene bis Neuralgien dazu. Auch hier wirkt eine Überreizung der Nerven dieses befallenen Areals z.B. mittels einer Salbe aus Pfefferschottenextrakt (täglich mehrmals über Wochen/Monate), durch „Kratzen“ mit einem Lederstück oder durch ständiges Draufdrücken…
      oder dann „Weg-Meditieren“: den Fokus wie ein Leuchtturmfeuer anderswo hinsteuern…
    • Dann findet jemand eine der Normalvarianten unseres Körpers, die völlig harmlos sind, wohl schon lange Zeit vorhanden, aber plötzlich mitten im Fokus und nicht mehr wegzudrängen… Eine Liste dieser „Normalvarianten“ finden Sie hier >>>

    Illustration von Monika Niedermann, Die Pause GmbH, aus dem Buch «Magic Beyond Form» von Silvia Hagen.

    Letzte Aktualisierung durch Dr.med. Thomas Walser:
    03. März 2026