Kategorie: Allgemein

  • Das Leben improvisieren

    Das Leben improvisieren

    Improvisieren heisst spontan sein, offen für das was auf mich zu kommt, für die Offenbarungen des Moments – bereit sein auch für Wechsel.

    Wechsel existieren im Leben auf den verschiedensten Ebenen, welche stets um uns sind. Wechsel lassen uns wandeln, lassen uns wachsen und das Gewohnte verändern. Wir wollen diese Veränderungen jedoch oft nicht gerne geschehen lassen, da sie uns auch Halt nehmen, uns verunsichern, uns durchschütteln. Veränderungen durch Wechsel können uns jedoch auch beschenken, weil sie Unbekanntes in uns hervor bringen und uns damit neue Horizonte öffnen. Dies schenkt uns die Möglichkeit, weiter zu werden und mehr von uns selbst zu erleben, uns noch tiefer kennen zu lernen. Das bedeutet auch, aus gewohnten Situationen auszusteigen und sich auf Neuland einzulassen.

    In der Beziehung können Veränderungen durch einen Wechsel aus der Komfortzone in einen sogenannten Wachstumszyklus geschehen (David Schnarch: Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft). Dies macht Angst, da Sicherheiten wegfallen und es zu Entwicklungen kommt, in denen auch eine gewisse Distanz entstehen kann. „…Sie können sich auch ein Beispiel an Christoph Kolumbus nehmen: Man kann die Neue Welt nicht erreichen, ohne den sicheren Hafen zu verlassen. Spannende Erlebnisse, Entdeckungen und Abenteuer liegen ausserhalb des Komfortzyklus…“

    Also auch mal raus aus der Komfortzone, sich selbst oder den andern neu erwecken. Etwas zusammen tun, was man sich nie vorgestellt hat, sich herausfordern mit unbekannten Dingen…sich überraschen, den andern überraschen.

    Wichtig erscheint mir auch der Wechsel in der Sexualität: Hier ist es der Wechsel von Slow Sex (Sich-Nähren, weich, warm, totale Hingabe) zu starkem offensiven, auch forderndem Verlangen. Bleiben wir im körperlichen Zusammensein stets nur auf der einen Seite, vergeben wir uns die immense Kraft, die aus dem Wechsel von weich/stark, von „Nehmen und Genommenwerden“ hervorgeht und uns mit neuer Energie bereichern und nähren kann.

    Hierfür ist die Improvisation ein wunderbares Werkzeug. Es soll etwas sein, was täglich und immer wieder auch spontan möglich ist und Platz hat, auch wenn der Alltag uns fordert. Auf die Idealbedingungen können wir lange warten. Zu improvisieren mit dem, was gerade da ist, schenkt uns viel Lebendigkeit, Freude und Verbindung zueinander.

    Täglich und ständig begegnen wir Improvisationsmöglichkeiten. Wie bereit und offen sind wir wirklich für sie? Finde ich es einfach noch interessant, als spontan-improvisierender Mensch zu wirken, weil es gerade hip ist? Oder lebe ich es und ertrage ich es wirklich, auch wenn es mich herausfordert und die Situation es verlangt, mich auf etwas Ungeplantes einzulassen?

    Es braucht Alltagsmut, Bereitschaft, Toleranz auch, sich von Geplantem zu lösen, das Momentane zu sehen, wahrzunehmen und das Kontrollierende, welches auch zur Planung gehört, aufzugeben.

    Wissen, wie es genau kommt, tun wir nie. Deshalb ist die Improvisation eine wunderbare Möglichkeit, im Augenblick zu leben. Es sind nicht die grossen Entscheidungen gemeint, vielmehr also die kleinen Impro-Schritte im Alltag, das Etwas-Anders-Handeln-Als-Gewohnt, das Beweglichbleiben. Hineinspringen und staunen, was sich bewegt, sich zeigt, wo es mich ungeplant hinzieht… Mehr intuitiv, nicht unbedingt lustbezogen und auch nicht mit dem Kopf, der meist lieber planen und die Kontrolle behalten will.

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    Betrachten wir auch den Tempowechsel in der Kommunikation: Zuhören, Reden, Mitdenken und dann auch mal einen Einschub in einem Dialog zulassen, auch wenn der andere noch nicht ganz geschlossen hat – da ist Feuer drin und Kraft. Wenn es dann wieder ins harmonische Zuhören wechselt, gibt es zwischen den Menschen viel Bewegung und Energie.

    Jahreszeitenwechsel und auch bereits ein Wechsel des Wetters (vom Regen zur Sonne!) tut uns nachweislich sehr gut und belebt uns ungemein.

    Wechsel wie der Fluss, der mal ruhig fliesst und dann wieder über Stromschnellen mit vielen Turbulenzen, schnell und langsam…

    Beim starken Improvisieren und Wechseln pendeln wir manchmal von einem Extrem ins andere – so ist das Leben. Ich habe gelernt, dass ich dann nicht auf das Pendel schaue, sondern auf die Aufhängung:

    So komm ich vermehrt vom „aber“ zum „und“ und vom „entweder/oder“ zum „sowohl-als-auch“.

    Aktualisiert durch Thomas Walser:
    27. Januar 2025

  • Hohlkreuz

    Hohlkreuz

    Es ist ein falscher Mythos, dass das sogenannte Hohlkreuz (die Lendenlordose) immer schlecht sei, wie dies viele Körperarbeiter und Physiotherapeuten annehmen. Bereits zur Stabilität beim Sitzen benötigt man zum Beispiel ein (entspanntes) Hohlkreuz, damit man vor den Sitzbeinhöckern zu sitzen kommt und damit auf den flachen Beckenboden.

    Das Hohlkreuz eignet sich zudem kaum als Bild für den Patienten, da wir im Rücken wenig spüren. Stattdessen sollten wir uns auf die bewusste Vorderseite des Körpers konzentrieren, die lang und entspannt sein muss, besonders die oberflächliche Bauchwand, also der Rektusmuskel. Dafür brauchen wir, wie gegen den Rundrücken, die drei Bedingungen des Gleichgewichts:

    A) Tiefe aktiv und Oberfläche entspannt

    Unser Gleichgewicht profitiert, wenn tiefe Strukturen im Körper aktiv werden und Stabilität schaffen, während sich die oberflächlichen Muskeln entspannen. Diese tiefen Strukturen, auch „tiefe Rumpfstabilisatoren“, „lokale Muskeln“ oder „Core“ genannt, umfassen den Psoasmuskel, den Beckenboden (M. Pubococcygeus), den M. Transversus abdominis, die Mm. Multifidi und Mm. Rotatores, den M. Serratus und den M. Longus colli.

    Jede optimal ausgeführte Alltagsbewegung und -haltung beginnt mit der Aktivierung dieses lokalen Systems, also der tiefen Rumpfstabilisatoren. Erst wenn sie aktiv sind, können die globalen, oberflächlichen Muskeln effizient und entspannt arbeiten.

    B) Hüftachse hinter dem Lot

    Für das Gleichgewicht ist es wichtig, dass die Hüften vor den Knien aktiv werden. Wenn wir in die Knie gehen, verbessert es unser Gleichgewicht, wenn die Hüften zuerst nach hinten gleiten. Man beugt also zuerst die Hüften und erst danach leicht die Knie.

    Als schönes Beispiel hierfür gilt die „Halbe Hocke“, die vor allem aus den Hüftgelenken kommt.

    Dann auch die Federung aus der Hüfte beim Gehen (nur möglich bei Hüftachse hinter der Schulterachse) – oder die leichte Faltung beim Stehen, …

    Um die Hüftachse hinter das Lot zu bekommen, sollte das Becken wie eine „gut geölte Schublade“ nach hinten gleiten (und nicht kippen). So bleibt die Lendenwirbelsäule lang und es entsteht nie ein Hohlkreuz.

    C) Vorne lang und konvex

    Eine lange Mittel- und Frontallinie des Rumpfs, von Kinn bis Schambein, fördert die Balance und die beiden genannten Qualitäten. Diese Linie schafft einen langen Innenraum im Oberkörper, den man durch eine vorne konvexe Mittellinie erreicht. Dabei bleibt das Brustbein senkrecht, und das Schambein liegt hinter dem Lot. So können Schultergürtel und Kopf auf dem Rumpf balancieren.

    Studien zeigen, dass die aufrichtenden Muskeln der Wirbelsäule, die Mm. Multifidi, nur aktiv werden, wenn die Mittellinie des Rumpfs vorne konvex ist. Bei einem Rundrücken, der hinten konvex ist und das Becken vor das Lot bringt, bleiben sie inaktiv.

    Diese drei Regeln oder Merkmale bedingen und fördern sich gegenseitig.

    Dieses „Gleichgewicht“ kann man im Rolfing lernen.

    Letzte Aktualisierung von Dr.med. Thomas Walser:
    30. Januar 2025

  • Placebo

    Placebo

    Dass die Vorstellungskraft heilen oder krank machen kann, klingt wie Zauberei – ist aber wissenschaftlich belegt. Ein hoffnungsvolles Gespräch mit dem Arzt hebt die Stimmung, während das Lesen eines Beipackzettels die beschriebenen Nebenwirkungen spürbar machen kann. Im ersten Fall spricht man vom Placebo-, im zweiten vom Noceboeffekt. Entscheidend ist die Erwartung des Patienten: Stellt er sich eine Besserung vor, setzt das Gehirn Botenstoffe frei, die den Körper darauf vorbereiten – und die erhoffte Wirkung tritt ein.

    Selbsterfüllende Prophezeiung

    Diese selbsterfüllende Prophezeiung zeigt sich besonders bei Schmerzpatienten. Positive Gedanken können Schmerzsignale im Rückenmark dämpfen oder verstärken, körpereigene Opioide freisetzen und so die Schmerzverarbeitung beeinflussen.

    Doch wie so oft im Leben hat das Gute einen schwereren Stand als das Schlechte. Das zeigt eine neue Studie der Placebo-Forscherin Ulrike Bingel von der Universität Duisburg-Essen, veröffentlicht im Fachjournal eLife. Sie belegt, dass negative Erwartungen das Schmerzempfinden stärker und nachhaltiger prägen als positive. Teilnehmer mit pessimistischen Erwartungen bewerteten ihre Schmerzen im Schnitt um elf Punkte höher (auf einer Skala von 0 bis 100) als unter neutralen Bedingungen. Optimistische Erwartungen senkten die Schmerzbewertung dagegen nur um vier Punkte. Der Noceboeffekt war also mehr als doppelt so stark wie der Placeboeffekt – bei identischen Versuchsbedingungen. Selbst eine Woche nach der ersten Scheinbehandlung blieb das Ergebnis nahezu unverändert. Das zeigt, wie nachhaltig der Erwartungseffekt wirkt.

    Menschen rechnen offenbar eher mit dem Schlimmsten – und das beeinflusst die Schmerzverarbeitung. Evolutionsbiologen vermuten, dass diese Neigung das Überleben sicherte: Wer Gefahren früh erkannte, war vorsichtiger und lebte länger. Optimisten mögen glücklicher sein, doch ihr Leichtsinn konnte evolutionär zum Nachteil werden. Psychologen nennen dieses Phänomen Negativbias oder Negativverzerrung.

    Für die Medizin ergibt sich daraus eine klare Lehre: Es reicht nicht, positive Erwartungen zu fördern (»Das wird schon wieder«). Ebenso wichtig ist es, unbeabsichtigte negative Erwartungen zu vermeiden.

    Was also tun?

    Müssen Sie Medikamente einnehmen? Mit welchen Emotionen nehmen Sie ihre Medikamente ein? Nehmen Sie sie mit optimistischen Heilserwartungen an oder eben nicht?
    Zunächst: Beipackzettel mit Bedacht lesen – zu viel Detailwissen kann Nebenwirkungen verstärken.
    Und vor allem: Die positive Wirkung des Medikaments bewusst in den Fokus rücken – am besten doppelt so intensiv.

    Ideal wäre, dass die Einnahme der Medikamente stimmig und richtig für Sie wird – ein Placebo. Dann erst ist ihr Kohärenzgefühl stark.

    Wie kann eine Ärztin dies positiv beeinflussen?

    Wenn es einem Arzt gelingt, den Patienten davon zu überzeugen, dass eine Behandlung wirksam sein wird, dann tritt häufig tatsächlich Besserung ein – ganz gleich, ob der Arzt eine Therapie einleitet oder nicht. Die blosse Überzeugung, so scheint es, vermag die Medizin dann zu ersetzen. Ärzte können den Placeboeffekt nutzen, um erstaunliche Veränderungen im Körper anzustossen. So vermag allein die Gabe von Scheinmedikamenten (die keinerlei Wirkstoffe enthalten) den Blutdruck zu verändern oder das zentrale Nervensystem anzuregen, körpereigene Schmerzmittel auszuschütten. Placebos sind dann besonders häufig wirksam, wenn nicht nur der Körper leidet, sondern auch die Psyche – etwa bei Depressionen, Schlaflosigkeit, Parkinson und bei den verschiedensten Arten von Schmerz, v.a. auch bei Migräne.

    Besonders empfänglich für den Placeboeffekt sind Menschen, die generell zu Optimismus neigen. Denn wer die Dinge meist von ihrer guten Seite sieht, hört aus den Aussagen des Arztes eher das für ihn Positive heraus – und erhöht so die Chance, dass der Effekt eintritt. Wer dagegen eher die Risiken einer Behandlung wahrnimmt, Nebenwirkungen erwartet oder auch nur wenig Zutrauen zur Therapie hat, ruft womöglich das Gegenteil hervor: Je eher der Patient vom schlechten Verlauf einer Behandlung ausgeht, desto eher wird sie auch tatsächlich nicht wirken.

    Doch welche Erwartung ein Patient hat, hängt nicht allein von seinem Naturell ab. Inzwischen konnten Forscher etliche weitere Faktoren ausmachen. So trauen Patienten Originalpräparaten eher als nachgeahmten Produkten (Generika), obwohl die Inhaltsstoffe gleich sind. Auch die Menge beeinflusst die Erwartung: Von vier Tabletten täglich versprechen sich Kranke mehr als von einer. Und wer viel Geld für eine Arznei bezahlt, glaubt an einen grösseren Effekt. Und: Wir sind sogar von der Wirkung einer Behandlung eher überzeugt, wenn sie besonders unangenehm ist. Eine Spritze hilft deshalb häufig besser, als Tabletten. Den wohl grössten Einfluss auf unsere Erwartung aber hat der Arzt. Kranke versprechen sich mehr von einer Behandlung bei einem Professor als bei einem Assistenzarzt; sie glauben an die Wirkung eines Medikamentes eher, wenn es ein Mediziner verabreicht und nicht ein Krankenpfleger.

    Selbst der weisse Arztkittel scheint grosse Hoffnung zu wecken. Forscher vermuten, dass diese Ehrfurcht vor dem Heiler auch vielen alternativmedizinischen Verfahren zum Erfolg verhilft, etwa Homöopathie, Chiropraktik oder selbst Bioresonanz.

    Der Placeboeffekt könnte also künftig genutzt werden, um die Wirkung wissenschaftlich erforschter Behandlungen zu ergänzen, vielleicht sogar zu vervielfachen – indem Mediziner ihren Patienten gezielt vermitteln: Ich umsorge dich, verstehe dich und gebe dir ein wirksames Mittel gegen dein Leiden. Der Arzt ist selbst ein Heilmittel, wenn er seine Macht zu nutzen weiss; wenn er Einfühlungsvermögen und Verständnis zeigt, Wissen und Vertrauen vermittelt. Darauf beruht die Heilkunde seit Jahrtausenden – seit besondere Menschen in der Steinzeit begannen, Gebrechen durch Zauber zu behandeln. So sehr die Medizin seither zur Wissenschaft geworden ist: Auch heute noch profitieren die Patienten von viel Magie – und damit eigentlich von ihrer ureigenen Selbsthilfe!

    Nocebo – mächtiger als der Placebo-Effekt

    Sätze wie „Das sieht aber gar nicht gut aus“ haben im Arztgespräch nichts verloren.

    Überlegen Sie selbst, welche Worte Ihr Vertrauen erschüttern würden. „Puh, das sieht aber gar nicht gut aus“, „Da weiss ich auch nicht weiter“ oder „Wir können nichts für Sie tun“ – solche Aussagen möchte niemand hören. Selbst ein nüchternes „Sie sind ein Risikopatient“ vor einer Operation klingt weniger beruhigend als: „Wir werden alles tun, um Sie trotz Ihrer Vorerkrankungen sicher durch die Operation zu bringen.“

    Nutzen Sie also diesen «Placeboeffekt», diese Selbsthilfe auch, indem die Einnahme der Medikamente für Sie im besten Fall stimmig und richtig, d. h. ihr Kohärenzgefühl dabei hoch ist und Ihre «Lebenskraft» damit gesteigert wird. Umso mehr Heilung ist möglich, umso mehr helfen Sie sich selbst.

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    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    03. Januar 2026

  • Distanz zu sich

    Distanz zu sich

    Was tut ein Mensch, der in Treibsand geraten ist? Natürlich: er will sich befreien. Er strampelt mit den Beinen, rudert mit den Armen – und bringt sich damit immer mehr in Schwierigkeiten.
    Was würde helfen? Innehalten, Ruhig-Werden und sich ganz flach hinlegen. So kann er dann langsam auf tragfähigen Boden robben.

    Dies verdeutlicht, welche Fehler Menschen oft machen, die mit belastenden Dingen, also emotionalen Triebsand fertig werden wollen. Mit quälenden Fragen wie „Warum musste mir das passieren?“ oder „Warum hat man mir das angetan?“ suchen sie Erklärungen, hoffen auf eine Befreiung von der seelischen Last… und erreichen das Gegenteil: Demütigungen, Kränkungen, Niederlagen, Fehler bleiben gerade dadurch in der Erinnerung lebendig. Der Versuch, das Erlebte „rückwärts“ zu erklären, verbaut ihnen häufig die Chance, befreit „vorwärts“ zu leben.

    Wenn wir versuchen, über Enttäuschungen und Kränkungen (oder auch eigenes Versagen) hinwegzukommen, machen wir einen grundlegenden Fehler: Wir sind zu nah dran. Wir hören die beleidigenden Worte des Freundes. Wir sehen sein verächtliches Gesicht. Wir spüren erneut die Demütigung, die Beschämung. Diese selbstzentrierte Art, über Zurückliegendes nachzudenken, hält uns in der Negativität gefangen.

    Mit einer einfachen Möglichkeit kann man in solchen Situationen innerlich etwas zurücktreten, um sich aus gewisser Distanz anzuschauen:
    Man kann sich vorstellen, dass man sich selbst aus der Perspektive einer Fliege an der Wand betrachtet – man nennt dies auch die „fly on the wall“-Perspektive.
    Statt über das „Warum“ nachzugrübeln, ermöglicht die distanzierte Sichtweise eine neutrale Beschreibung: „Was ist geschehen?“ Der Freund, dessen Bemerkung uns gekränkt hat, war durch extreme Arbeitsüberlastung gestresst. Er hatte sich nicht unter Kontrolle. Das war nicht schön, ist aber verständlich…


    Hierhin gehört auch ein Gedanke zu den grasierenden Selfies: Auch hier muss man aufpassen, dass man damit nicht immer und immer wider die eigenen Bilder von sich wiederholt, sich nur immer um sich selbst dreht und damit Dinge, wie Selbstverwirklichung, Egoismus, Leistungsdenken und Geltungssucht festigt. Ich denke viel mehr zu unserer Entfaltung und in die Weite führen uns Dinge, wie Demut, Hingabe, Gemeinschaftssinn und Spiritualität.

    Ja, es ist wichtig, mit sich im Guten zu sein, gut für sich zu schauen, sich an erste Stelle zu bringen. Aber der Egoismus und die Selbstverwirklichung sollten nicht einen übergrossen Raum im eigenen Leben einnehmen, damit die Weite in und um uns dabei nicht verloren geht. Die „fly on the wall“- Methode ist ein ideales Werkzeug, die momentane Egozentrierung (in der Treibsandsituation) etwas zu lockern und uns somit neue Perspektiven zu öffnen.

     Auch führt das Innehalten, Ausatmen, Nach-Innen-Reisen viel weiter. Mit der fly-on-the-wall Haltung nimmst Du das Aussen wahr und damit auch das Spiegeln in deinem Innern.

    Reisen nach innen und immer wieder Innehalten helfen gut, mit sich selbst gut unterwegs zu sein, sich aber doch auch nicht als zu wichtig zu nehmen und der Selbstverwirklichung etwas weniger Kraft zu geben. Das ermöglicht Abstand von Sich-im-Kreis-zu-drehen und hilft uns gleichzeitig mehr in der Hingabe, der Spiritualität zu sein.

    Löst man sich mehr und mehr von starken Bildern, die man in sich trägt, ist die Möglichkeit stets offen, sich immer wieder neu zu entdecken und neu zu finden, so wie wir es vielleicht nie erwartet hätten.

     „Erlaube dir in inniger Bezogenheit, dich von deinen Vorstellungen über dich und das Leben zu lösen, auf das du dich jeden Tag neu kennen lernst und überraschen lässt von nie Gedachtem.“

    (Vielen Dank an Psychologie Heute und Ursula Nuber, die ich hier teilweise zitiert habe – und herzlichen Dank an die kreative Mitarbeit von Franziska B.)

    Ich fühle, also stimmt es – die grosse Selbsttäuschung

    Die Welt wird immer gefühls­betonter. Was auf den ersten Blick gar nicht so schlecht tönt, birgt Gefahren: Wenn Gefühle wichtiger sind als Fakten, darf man in allen Lebenslagen einfach seinem Gefühl folgen. Es gibt dann keine Biodiversitäts­krise, wie jüngst der Bundesrats­kandidat Markus Ritter erklärte – da er das so empfand. Mit diesen und anderen bedrohlichen Auswüchsen der Selbst­täuschung befasst sich Daniel Strassberg in seiner Philosophie-Kolumne. Dabei geht er zurück bis ins 17. Jahrhundert. Schon damals wurde diese Gefahr erkannt.

    „Die 68er, vor allem die Hippie­bewegung, nahmen diese These auf und feierten, um dem kalten Kapitalismus etwas entgegen­zusetzen, den Einzelnen und seine Gefühle. Make love, not war! war ihr all­gegenwärtiges Motto.

    Diese Aufwertung und Idealisierung der Gefühle war nur möglich geworden, weil man die Errungenschaften der Aufklärung für garantiert und unhintergehbar hielt. Doch man schüttete das Kind mit dem Bade aus: Man hatte nicht bemerkt, dass die Ersetzung der Wissenschaft durch die Liebe die Basis der gesellschaftlichen Verständigung allmählich zerstörte. Make science, not war! war, wenn auch nicht explizit, das Motto der wissen­schaftlichen Revolution gewesen, um die gemeinsame Grundlage der Verständigung zu erhalten und so den Krieg zu verhindern. Man hatte mit anderen Worten nicht gesehen, dass der Verzicht auf rationale Begründungen der Täuschung und vor allem der Selbst­täuschung Tür und Tor öffnet.

    Sie wollen sich lediglich über die Begründungs­pflicht, die Grundlage der Aufklärung und der Demokratie, lustig machen: Ich kann jeden Schwach­sinn erzählen, ich muss nichts begründen, weil ich die Macht dazu habe! Das ist die eigentliche Botschaft. Trump hat ja behauptet, er können auf der 5th Avenue in New York jemanden erschiessen und käme damit durch. Es ist zu befürchten, dass er recht hat.

    An die Stelle der rationalen Begründung tritt die Spiegelung der Gefühle in Foren, Chatrooms und auf Social Media. Wo Begründungen fehlen, müssen die Gefühle dauernd bestätigt werden: Mein Gefühl ist wahr, weil es mein Gefühl ist und von vielen anderen geteilt wird. In allen politischen Lagern beobachten wir die Ersetzung der Begründungs­pflicht durch das massenhaft gespiegelte Gefühl. Dass es nicht mehr darum geht, Probleme zu lösen – vielleicht, weil sie unlösbar geworden sind –, sondern die Gefühle mit anderen zu teilen, hat Francis Bacon bereits im 17. Jahrhundert erfasst: „Für Lehren, welche sich auf vorgefasste Meinungen und Ansichten stützen, ist der Gebrauch der Antizipationen und der Dialektik gut, denn hier kommt es darauf an, die Zustimmung zu erzwingen, nicht aber die Dinge zu meistern.“ (Francis Bacon: «Novum Organum» Bd. 1. Aphorismus 29)

    Von der Inthronisierung des gemeinsamen Gefühls als oberste Wahrheits­instanz zu Gewalt und Krieg sind es nur wenige Schritte.“
    (Dani Strassberg in der Republik, 11.03.25)

    Weiterlesen: Nimm Dich nicht so ernst >>>

    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    11. März 2025

  • Übergänge und Zwischenräume

    Übergänge und Zwischenräume

    „Es ist die Stille zwischen den Tönen, die Musik von Lärm unterscheidet, die Stille des Bodens, die die Samen keimen lässt, damit sie aufblühen. In der Lücke der Abwesenheit lernen wir Vertrauen, in der Lücke zwischen Wissen und Geheimnis entdecken wir das Wunder. Jeder Akt der Raumschaffung ist in gewisser Weise ein kreativer Akt und ein Akt des Glaubens. Doch in seiner Offenheit und Unbestimmtheit, in seinem Werben um die Ungewissheit, stellt er unsere grundlegendsten Instinkte darüber, wie wir unser Leben regeln sollen, in Frage und erschüttert die Grundlage unserer Illusion von Kontrolle (die immer das Gegenteil von Glauben ist).“ (Die italienische Schriftstellerin Paola Quintavalle und der Künstler Miguel Tanco in Making Space)

    Im Alltag hetzen wir ruhelos von einem zum anderen, atmen kaum aus, bleiben ständig angespannt. Jede Lücke füllen wir mit dem Blick aufs Smartphone, immer in Kontakt mit der Aussenwelt. Doch gerade diese kleinen Pausen und Zwischenräume, die leer und langweilig erscheinen, sind wichtige Rückzugsorte für unser Gleichgewicht.

    In meiner Hausarztpraxis klagen immer mehr Menschen über Müdigkeit. Ich empfehle ihnen, bewusst die Übergänge zu pflegen und Belastendes wie Arbeit und Pflichten rituell hinter sich zu lassen. Gehen Sie eine halbe Stunde ruhig zu Fuss oder setzen Sie sich auf eine Bank und schauen ins Wasser, bevor Sie in den nächsten Tagesabschnitt eintauchen. So lassen Sie das Mühsame zurück und schleppen es nicht in die Freizeit.

    Der Übergang vom Tag zur Nacht: Schliessen Sie den Tag mit einem kleinen Ritual ab, während Sie im Bett liegen. Blicken Sie auf die Tagesereignisse zurück: Was ist passiert, was haben Sie erlebt, wie haben Sie sich gefühlt? Gehen Sie gedanklich vom Abend bis zum Morgen zurück.

    Von der Nacht in den Tag: Bleiben Sie noch etwas liegen, statt sofort aufzustehen. Scannen Sie kurz Ihren Körper: Wie fühlen sich die Füsse an? Warm, kalt, belebt, entspannt? Gehen Sie weiter zu den Unterschenkeln, Oberschenkeln, dem Becken bis zum Scheitel.

    Ein weiterer wichtiger Übergang ist der zwischen Ferien und Arbeit. Nehmen Sie sich einen Tag frei, ohne Verpflichtungen, um sich in Ruhe auf den Alltag einzustellen.

    In meinen Rolfing-Sitzungen höre ich oft, wie mühsam es sei, ständig an die neuen Haltungen zu denken.
    Ökonomische Alltagsbewegung und –haltungen (wie ich im Rolfing vermittle) sind ähnlich einer Meditation:
    Zuerst beginnt man achtsam bei beiden mit dem Einnehmen der neuen Haltung. Dieser bewusste Übergang braucht einen eigenen Raum und auch etwas Zeit. Nachher kann man nur noch die Früchte ernten und alles wird leichter. Die Bewegung geht wie von selbst, also ökonomisch weiter – und die Sitzposition zum Meditieren wird leicht und ruhig. Man kommt in seinen Flow.

    Der Übergang, der Zwischenraum ist wichtig – nachher läuft es wie von selber.

    Und dies ist auch möglich auf dem Bahnsteig, im Warten – oder vor dem Ladengeschäft, das noch nicht geöffnet hat. Es sind diese fünf Minuten im Alltag, die uns viele kleine Übungsräume schenken – wenn wir sie auch wahrnehmen…
    An die Haltung nicht nur denken, sie ausprobieren im Kleinen, sich einlassen auf den kurzen Moment der Übung im Jetzt. Nicht immer nur die stillen, passenden Momente suchen, wo wir es schaffen, innezuhalten.
    Mit Meditation ist auch gemeint: Das Bei-Sich-Verweilen und Innehalten in den Alltag zu integrieren.
    Kleine Momente finden sich immer. Tun wir es einfach.

    Man kann zur Hilfe auch „Übergangs-Objekte“ benützen: Ich denke, die homöopathischen Kügelchen sind wie die Oblaten in der Kirche (oder wie der Teddybär für das Kleinkind!) solche „Objekte“, die das so wichtige Übergangsritual begleiten und verstärken.

    Zwischenräume sind auch eher unbemerkt und bescheiden, leer – und trifft man zudem im Leben an vielen unerwarteten Orten. Es braucht eine gewisse Aufmerksamkeit dafür. Diese Offenheit für das Ungewöhnliche Dazwischen ist die Voraussetzung.

    Wo findet man Zwischen-Räume?

    • Wir blinzeln von 16 Stunden ganze 1.5 Stunden lang! Unglaublich, aber offensichtlich ganz wichtig für unser Hirn, welches dadurch einen Augenblick lang in einen Ruhemodus geht. Forscher vermuten, dass diese kurzen Zwischenräume der Ruhe und Selbstwahrnehmung dienen und uns womöglich helfen, uns zu fokussieren und mehr auf die Welt um uns zu achten, sobald wir die Augen wieder öffnen.
    • Im Rolfing: das Bindegewebe als wichtiger Zwischen-Raum.
    • Die Pause zwischen Ein- und Ausatmung.
    • Der Raum zwischen Menschen, die auch sehr nahe, ja verschmolzen sein können und trotzdem dieser Membran zwischen ihnen bewusst sein sollten.
    • Die Langeweile – leere Momente, die sich durch alles füllen können, falls man sie zulassen und nicht-wissend, ziellos warten kann.
    • Die drei Pünktchen in den Mails… die ich häufig setze, da ich die Erweiterung meiner Gedanken damit für mich und das Gegenüber offen lasse…
    • Die eindrückliche, langsame Sprache in wichtigen, gehaltvollen Sätzen (oder beim Erzählen einer Schlüsselstelle), wo jedes Wort für sich steht…
    • …am Körper die Zwischenräume erforschen: in der Ellbeuge, Kniekehle – zwischen den Brüsten, in der Achsel, „the gap“ – Übergänge, Verbindungen: dort geschehen die unerwarteten Dinge…und es riecht verführerisch (was direkt unter Umgehung der Hirnrinde in den Hirnstamm, unser Reptilienhirn geht!)…
    • „und“ sagen statt „aber“- Zwischenraum vs. Gegeneinander und eng ohne Raum…
    • ja sogar diese Zwischenwelt der Geister, Dämonen, Energien…
    • in der Musik: die Improvisation…
    • …überhaupt die Grautöne – und nicht eine Schwarzweissmalerei, die uns immer in die Enge führt…
    • Die Atmosphären wahrnehmen: Der Welt Raum geben in der Wahrnehmung, den Raum erfühlen…
    • Durch den eigenen Körper Reisen: Wie fühlt es sich in meinem Körperzwischenraum an? Im Bein, im Bauch? Ist es warm? Unangenehm? Da kann ich mich verweilen, Dinge zulassen, die sonst im „machen“ nicht hervor kommen.
    • In den kleinen Zwischenzeiten im Alltag, die oft nur wenige Minuten dauern können: Bewusst innehalten, auf dem Klo, vor dem Spiegel, beim Warten… die Welt um sich und in sich empfinden! …Nicht nur denken, was man noch tun sollte.
    • Im Beobachten von Menschen, ohne zu werten…
    • Die Übergänge sind auch vor dem Schlafen da: zwischen hier und da… wenn ich mich nochmals ganz bewusst im Körper wahrnehme, bevor ich einschlafe, bin ich mir dem Übergang der zwei Welten auch bewusster und mir selbst. Auch ein Zwischenraum.
    • Auch Flirten ist ein Zwischenraum bei Menschen – im Zug, auf der Strasse, unter Freunden. Es trägt zur Beziehungsfähigkeit von uns Menschen bei und stärkt uns im Alltag. Wir werden gesehen und wahrgenommen. Ein Raum entsteht zwischen Menschen, ein Dazwischen, welches farbig und immer wieder neu gefüllt werden kann.

    Zwischenraum und Glück

    Wir halten Glück für etwas Zufälliges, was ich nicht ganz zutreffend finde. Glück hat mit Wachsamkeit zu tun, mit dem Bemerken der Gelegenheiten, die sich einem bieten – also mit dem bewussten Leben dieser Übergänge und dem Wahrnehmen dieser vielen Zwischenräume im Alltag.
    Man kann dem eigenen Glück nachhelfen – wenn man sich nicht auf einen Standpunkt versteift, sondern beweglich, offen und weit bleibt.

    Häufig geht es wahrscheinlich nur um das Rhythmisieren unseres Lebens.

    Veröffentlicht am 04. Mai 2015 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    30. Januar 2025