Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Arthrose

    Arthrose

    Die Arthrose ist nicht nur ein – für sein Alter – übermässiger „Gelenkverschleiss“, d.h. Knorpelabrieb. Es besteht auch immer ursächlich ein Entzündungsvorgang, der die Knorpelschicht im Gelenk angreift. Diese Entzündung zu verhindern oder zu verbessern ist dann auch prophylaktisch und auch therapeutisch bei jeder Arthrose sehr wichtig.

    Eine Arthrose ist insbesondere an der Wirbelsäulegelenken, den Knien, Hüftgelenken und Händen zu beobachten, kann aber an sämtlichen Gelenken auftreten.
    Die Arthrose äussert sich hauptsächlich durch Schmerzen mit mechanischem Charakter, die sich bei Bewegung des Gelenks verstärken und während Ruhephasen, speziell nachts, nachlassen. Die morgens auftretende Versteifung verschwindet nach einigen Minuten. Meist liegen zwischen Schmerzschüben mehr oder weniger schmerzfreie Intervalle.

    Sehr wichtig ist die Unterscheidung zur entzündlichen Arthritis. Ein sehr guter Online-Test der Schweizer Rheumaliga hilft Betroffenen zu beurteilen, ob ihre Gelenkschmerzen eher entzündlichen Ursprungs sind oder von „Abnutzung“ herrühren:
    www.gelenk-schmerzen.ch

    Begünstigende Faktoren für eine Arthrose sind fortgeschrittenes Alter, genetische Prädisposition, jahre- und jahrzehntelange Haltungsfehler, auch sonstige mechanische Überbeanspruchungen (schwere berufliche oder exzessive sportliche Beanspruchung, Übergewicht), Hüftdysplasie, Meniskusentfernung, Unfälle und selten Stoffwechselerkrankungen (vornehmlich Hämochromatose), Erkrankung mit Ablagerung von Kalziumpyrophosphat-Kristallen und rheumatologische Krankheiten – vor allem eine allgemeine Entzündungsneigung (siehe hier).

    Der Schmerz ist auch überwiegend sekundär durch die umgebende verspannte Muskulatur und durch Zwangshaltungen (möglichst still) bedingt. Dies ist dann ein eigentlicher Teufelskreis: Schmerz macht Verspannung und Schonhaltung und dies verschlechtert die Haltungsfehler, was wiederum die Schmerzen verstärkt, etc…

    Haltung

    Alltägliche Bewegungen und Haltungen sollten möglichst entlastet und entspannt sein. Der Körper sollte sich dabei nicht verkürzen, die Gelenke nicht gestaucht werden. Das Gleichgewicht wird im Idealfall in der Bewegung besser statt schlechter. Bewusstsein über die Gesamthaltung und Bewegung im Alltag ist lernbar. Suchen Sie einen Therapeuten z. B. der folgenden Methoden in Ihrer Nähe auf: Alexandertechnik, Feldenkrais oder Rolfing. Vielleicht kann auch ein erfahrener Chiropraktor, Osteopath, PhysiotherapeutIn oder Arzt mit manueller Ausbildung Linderung verschaffen.

    Eine kleine Anpassung beim Gehen – wie im Rolfing gelernt – mit dem Resultat eines Parallelisieren der Fussstellung kann bei Kniearthrose ähnlich wirksam sein wie Medikamente – und den Knorpelabbau verlangsamen. Das zeigt eine randomisierte kontrollierte Studie der Stanford University, veröffentlicht in The Lancet Rheumatology.

    Nichtmedikamentöse Massnahmen

    • Übergewicht muss unbedingt bekämpft werden. Eine Verringerung des Körpergewichts um 1 bzw. 8 % verbessert die Symptome der Gonarthose (Kniearthose) um 3 bzw. 20 % (Christensen R et al., Sustained weight loss as treatment of knee osteoarthritis in obese patients, Ann Rheum Dis 2005; 64 sup III:66).
    • Rauchen verstärkt Arthroseschmerzen – und steigert auch die Entzündungsneigung des Gelenkes und damit wiederum das Fortschreiten der Arthose.
    • Begleitend von haltungs- und bewegungsverbessernden Therapien soll allgemein viel bewegt werden, am besten ohne grosse Belastung, wie Radfahren eben aus, Schwimmen, Gymnastik im warmen Wasser, Gehen oder langsames Laufen auf weichem Boden.
      Auch regelmässiges Joggen, Tennis oder Skifahren, die eher Gelenke belastend gelten, erhöhen laut einer US-Langzeitstudie selbst bei älteren und übergewichtigen Menschen nicht das Risiko einer Kniearthose.
      Speziell bei der Kniearthrose hilft eine Kräftigung der Beinabduktoren.
    • Mit der Erkenntnis, dass die Arthrose auch mit entzündlichen Prozessen zu tun hat, wird eine antientzündliche Ernährung (wie wir sie auch bei Herz-Kreislauf-Krankheiten und bei Diabetes kennen) wichtig. Die sog. Mediterrane Ernährung steht im Mittelpunkt!
    •  Neben Rauchen und Übergewicht sind auch Passivität und ständiges Lamentieren über die eigene ungute Situation ein unabhängiger Faktor für zunehmende Schmerzen. Umgekehrt zeigen psychisch stabile und frohgemute Menschen mit der Zeit eine Abnahme der Schmerzstärke (siehe dazu meine Seite über Entspannung und Meditation)!
    • Kohlwickel lokal aufgebracht – am besten über die ganze Nacht, wirken auch Studien-erhärtet gleich gut wie Voltarensalbe oder ähnliches. Falls Sie schnell eine Salbe aufstreichen wollen, nehmen Sie eine Wallwurzsalbe, die auch ähnlich stark wirkt.

    Medikamentöse Behandlung

    1) Gegen den Schmerz: Paracetamol bis 4 mal 500 mg pro Tag (Die Leber muss gesund sein: 4 mal 1000 mg verursacht bereits in 30% Leberstörungen! Man weiss auch, dass 4 x 1000 mg nicht besser wirken als 4 mal 500 mg!).
    2) Nicht zu früh mit nichtsteroidalen Entzündungshemmern (NSAR) beginnen (Magen-Darm-Nebenwirkungen, Niere-, Leber- und Herz-Kreislauf-Risiko!)!
    3) Mut zur Kombination auch mit nicht pharmakologischen Massnahmen.
    4) Periarthritis (Weichteile um Gelenk) mitbehandeln!
    5) Chondroitinsulfat (Knorpelextrakt z.B. aus Fisch) tgl. 800 mg kann versucht werden. Ob es wirklich wirkt, muss jeder selber erfahren.
    6) Glukosaminsulfat ist als orales Knorpelextrakt, ein sog. „Nutrikament“ erhältlich. Auch GS soll eine schmerzlindernde Wirkung haben und die Gelenkspaltverengung bremsen. Die Studienlage ist aber sehr umstritten.

    Bei Langzeittherapien sollten aber allgemein Pflanzen an erster Stelle stehen:
    Ist die Knorpelzerstörung vorrangig, dann empfehlen sich Extrakte aus der Teufelskralle (diese wirken gegen die Knorpel zerstörende Zytokine) – z. B. Harpagomed®, Doloteffin®, Pascoe Agil®: 2×1 bis 2×2 täglich zum Essen.

    Steht der Schmerz im Vordergrund, die Weidenrinden-Extrakte (Assalix®: 2×2 täglich – nach Wirkungseintritt (erst druchschnittlich in 1 bis 2 Wochen: 2×1).

    Vielversprechend ist auch ein Brennesselblätter-Extrakt (Hox®) – bei eher hoher Dosierung (dreimal zwei Tabletten täglich) oder die gemeine Heckenrose (Rosa canina) – z. B. als Pulver (Litozin®): 5 g täglich (ev. zu Beginn 10 g) ergibt nach drei bis vier Monaten eine Schmerz- und Steifigkeitreduktion. Zusätzliche Rheuma- und Schmerzmittel können eingespart werden.
    Ausserdem noch die Präparate, die äusserlich angewendet werden und die zum Beispiel Extrakte aus Arnika und/oder Beinwell/Wallwurz enthalten.

    Auf die Wirkung von Pflanzen muss man warten können: Es dauert ein bis zwei Wochen, bei der Teufelskralle sogar bis zu vier Wochen oder länger, bis die volle Wirkung spürbar ist.

    Meiner Erfahrung nach kommen 30 bis 40 Prozent der Patienten nicht allein mit pflanzlichen Mitteln aus – dort muss mit Synthetika kombiniert werden.

    Training bei der Kniearthrose

    Im Allgemeinen wird bei Kniearthrose, auch wenn schmerzhaft, ein Training empfohlen. Offen ist jeweils, was genau trainiert werden soll bzw. ein Training ist oft unmöglich bei Knieschmerzen. Eine systematische Review fand nun eine Schlüsselrolle für die Κräftigung der Hüftabduktoren in Bezug auf Knieschmerz und Kniefunktion bei der Arthrose der Knie. Ein Training der Hüftabduktoren dürfte auch bei fortgeschrittener Kniearthrose bei guter Instruktion möglich und effektiv sein.
    Ein Defizit der Kraft in den Hüftabduktoren kann zu vermehrter Belastung des medialen femorotibialen Gelenkes führen. Diese grosse Studie untersuchte die Wirksamkeit des Abduktoren-Training auf die Kniebelastung, Knieschmerzen sowie Kniefunktion bei Gonarthrose
    (Hip abductor strengthening in patients diagnosed with knee osteoarthritis – a systematic review and meta-analysis; Thomas D.T. et al. BMC Musculoskeletal Disorders 2022;23:622)
    Die Review berücksichtigte sieben randomisierte kontrollierte Studien sowie drei Studien von hoher methodologischer Qualität. Als Resultat zeigte sich, dass die Kräftigung der Hüftabduktoren zu einer signifikanten Verminderung im Schmerz (VAS) sowie in der Funktion (WOMAC Scores) führte. Dieses Resultat war einheitlich über alle Studien hinweg.

    Übungen ohne Hilfsmittel für zu Hause >>>

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    05. Januar 2026

  • Checkup Ihres Arztes

    iconaerzte.gif (1497 Byte)So können Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin beurteilen
    Kreuzen Sie an, wenn dies bei Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin zutrifft & zählen Sie die Punkte zusammen.

    Beim Empfang und in der Praxis:

    • Wenn Sie am Telefon wegen einer wichtigen Sache mit dem Arzt/der Ärztin selber sprechen möchten, ruft Sie der Arzt in nützlicher Frist zurück oder Sie werden direkt verbunden. 3 Punke
    • In ganz dringenden Fällen empfängt Sie der Arzt noch am gleichen oder spätestens am folgenden Tag. 3
    • Der Empfang in der Praxis ist freundlich und familiär. 1
    • Diskretion: Am Empfang fragt man Sie nicht nach Ihren Beschwerden, wenn andere Patienten oder Patientinnen dort stehen oder die Tür zum Wartezimmer offen ist. Beim Warten bekommen Sie nie Telefongespräche und Anliegen von fremden Patienten mit. 2
    • Sofern Sie einen vereinbarten Termin hatten, mussten Sie nur ganz selten über eine halbe Stunde warten, bis Sie den Arzt sahen. 2
    • Sie haben nicht den Eindruck, dass der Arzt häufig zu viele Leute in die Praxis kommen lässt. 2
    • Bei langen Wartezeiten bietet die Praxis-Assistentin einen Ausweichtermin an oder bestellt Sie auf einen späteren Zeitpunkt. 1
    • Das Warten wird so angenehm wie möglich gemacht (Lesestoff, bequeme Sitze, angenehmes Empfangszimmer, Temperatur). 1
    • Die Rechnung des Arztes ist so übersichtlich, dass Sie die Angaben kontrollieren können. 2

    Bei der ärztlichen Behandlung:

    • Der Arzt/die Ärztin nimmt sich genügend Zeit, um sich nach Ihrem Befinden und Ihren Beschwerden zu erkundigen. Falls er/sie Ihre Krankengeschichte nicht kennt, fragt er/sie auch danach. 10 Punkte
    • Der Arzt scheint Ihnen gesund, sympathisch und umgänglich. Er gibt sich nicht distanziert, kühl. Er macht seine Arbeit mit Freude und kann sie  mit Begeisterung zu einer Haltungsveränderung einladen, ermutige und inspirieren. 5
    • Der Arzt kann Ihnen zuhören, ist dabei vorurteilslos und auch kritikfähig. Er ist auch weder belehrend noch bestrafend. 6
    • Der Arzt geht auf die geschilderten Beschwerden und Probleme ein. Er nimmt Ihre eigenen Ideen und Phantasien über die Symptome, auch die Bedenken, Unsicherheiten und Ängste ernst. Er erfragt auch Ihre Befürchtungen – und auch ihre Erwartungen an die Therapie und den Arzt. Er hat auch keine Hemmungen vor Themen, wie den Tod, die Einsamkeit, die Sinnlosigkeit, die Angst vor Verantwortung. Sie fühlen sich verstanden. 8
    • Der Arzt erklärt stets, was er gerade tut und weshalb. Er benutzt auch kein unverständliches Ärztelatein. 6
    • Der Arzt erklärt Ihnen die Befunde und mögliche Behandlungen (auch alternative der Komplementärmedizin) so, dass Sie es verstehen. Er gibt auch eventuell andere, geeignete Therapeutinnen an. 6
    • Der Arzt erläutert Ihnen die Vor- und Nachteile von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und Therapien. 8
    • Der Arzt klärt Sie über mögliche Nebenwirkungen und Risiken von Medikamenten auf. 6
    • Der Arzt sieht Sie respektvoll als Menschen. Er scheint Ihnen als beziehungsfähig – auch in dieser ungleichen Beziehung Arzt-Patient. Er missbraucht sein Macht nicht. 8
    • Der Arzt erkundigt sich nach Ihrer allgemeinen Lebensweise und bespricht mit Ihnen, wie Sie Ihr Leiden mit einer angepassten Lebensweise lindern oder beheben können. Er glaubt dabei an eine Heilung (resp. Selbstheilung). 8
    • Der Arzt ermuntert Sie, Fragen zu stellen. 6
    • Der Arzt unterbricht die Konsultation und Behandlung höchstens einmal, um einen Telefonanruf zu beantworten. Er lässt sich nur ganz selten von Drittpersonen stören. 2
    • Sie müssen nie nackt auf den Arzt warten. Bei Untersuchungen müssen Sie nur das Nötigste abziehen. Bei der Gynäkologin müssen Sie sich nie ganz frei machen, sondern brauchen sich zum Beispiel nur unten frei zu machen für eine Prüfung des Unterleibs. Die Brüste werden dann erst untersucht, nachdem Sie sich unten wieder bekleidet haben. 2
    • Sie können sich wieder vollständig anziehen, bevor der Arzt mit Ihnen die Befunde oder mögliche Behandlungen bespricht. 2

    Wenn eine Operation dazu kommt:

    • Der Arzt klärt Sie über mögliche Nebenwirkungen und Risiken von Operationen auf. Er sagt Ihnen, wie oft in vergleichbaren Fällen solche Nebenwirkungen und Risiken auftreten. 10
    • Der Arzt klärt Sie auf, wie oft die vorgeschlagene Operation in vergleichbaren Fällen Erfolg hat. 10
    • Der Arzt gibt Ihnen zusätzlich ein Merkblatt ab, das die wichtigsten Informationen – auch über Risiken und Erfolgsaussichten – der vorgeschlagenen Operation festhält. 6
    • Der Arzt erklärt Ihnen, warum eine Operation seiner Ansicht nach absolut nötig ist. Oder er erläutert Behandlungsmöglichkeiten ohne Operation und bespricht die Vor- und Nachteile. 6
    • Der Arzt klärt Sie vor einer Operation über die voraussichtliche Dauer des Spitalaufenthalts und der Arbeitsunfähigkeit auf. 4

    Total Punkte (bitte selbst zusammenzählen): …..

    Total mögliche Punkte ohne Operationen: 100
    91 bis 100sehr gut iconpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)
    81 bis 90guticonpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)
    71 bis 80mittelmässigiconpille.gif (1289 Byte)
    bis 70ungenügend
    Total mögliche Punkte mit Operationen: 136
    121 bis 136sehr guticonpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)
    111 bis 120guticonpille.gif (1289 Byte)iconpille.gif (1289 Byte)
    101 bis 110mittelmässigiconpille.gif (1289 Byte)
    bis 100ungenügend

    Von einer Hausärztin, einem Hausarzt wünsche ich mir…

    Diese Frage stellten wir HausärztInnen in Zürich und bekamen von 110 anonymen PatientInnen folgende Antworten:

    Genügend Zeit haben40
    Nimmt mich ernst und geht auf meine Beschwerden ein.30
    Zieht Spezialisten bei, wenn nötig.28
    Fachwissen, Fachkompetenz.28
    Fähigkeit und Bereitschaft zu erklären.23
    Hausbesuche im Notfall.21
    Kann ihm/ihr vertrauen.20
    Alternativen anbieten, nennen, Naturheilmittel.19
    Ehrlich und offen, sagt die Wahrheit.14
    Einfühlungsvermögen, Empathie.13
    Schnell aufsuchbar, kurzfristige Termine.12
    Freundlich.11
    Generika verschreiben.10
    Verständnisvoll8
    Kommerzielle Interessen nicht im Vordergrund8
    Kurze Wartezeiten im Wartezimmer7
    Geduldig6
    Fähigkeit zum Zuhören6
    Keine Medikamente aufschwatzen6
    Soziales, familiäres Umfeld kennen6
    Telefonisch konsultierbar6
    24 Stunden erreichbar, im Notfall erreichbar6
    Kann zugeben, nicht alles zu wissen, nicht den/die Allwissende(n) spielen6
    Gute(r) Diagnostiker(in)5
    Menschlichkeit, Wärme5
      

    „Eminenzbasierte“ Medizin

    Was ist ein „Eminenter Doktor“? Er entspricht nicht mehr dem alten „Gott in Weiss“, denn er ist grundsätzlich vertraut mit der „Evidenzbasierten Medizin“.
    Evidenzbasierte Medizin (EbM, von englisch evidence-based medicine (EBM) „auf empirische Belege gestützte Heilkunde“) ist eine jüngere Entwicklungsrichtung in der Medizin, die ausdrücklich die Forderung erhebt, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen.
    Dieser Arzt ist aber auch nicht mehr ein Evidenzbasierter Mechaniker, sondern hat zu einer Eigenverantwortung zurückgefunden, die mit seiner Berufung zusammenhängt. Der „Eminente Doktor“ darf sich wieder zu seinem Arztsein berufen fühlen, denn in einer Eminenzbasierten Medizin hat die Person des Arztes eine ebenso grosse Bedeutung wie das evidenzbasierte Wissen.
    Dies beinhaltet eine ethische Reife des Arztes, die sich durch emotionale Präsenz, empathisches Bezogensein und sensible Antwortfähigkeit auszeichnet.

    Dazu folgende wichtige Überlegung für Männer über ihren Arzt, resp. eben Ärztin:

    (durch Anklicken vergrössern)

    Literatur für Ärzt*innen, die besser werden wollen

    Was wir von Ärzten nie wieder hören wollen: „Das sieht aber gar nicht gut aus!“ oder „Ich kann im Moment nichts mehr für sie tun.“ oder „Sie sind ein Risikopatient!“…Die meisten Patienten wähnen sich nach solchen Aussagen fast schon auf dem Totenbett – dabei meint der Arzt oft nur Harmloses. Der Autor Werner Bartens („Das sieht aber gar nicht gut aus.“, Pantheonverlag, 2013) ist selbst Arzt. Er klopft in seinem Buch 99 typische Arztsätze auf ihr Missverständnis-Potenzial ab. Viele Mediziner äussern sich zu gedankenlos und schnoddrig. In der Ausbildung kommt die Kommunikation mit den Patienten zu kurz. Und Ärzte nehmen sich häufig nur wenig Zeit für jeden Patienten. Dabei wäre Einfühlung gefragt. Das Wort ist das wichtigste therapeutische Hilfsmittel.
    Die Patienten sollten sich einen sympathischen Arzt wählen, der gut zuhört und verständlich erklärt – und keine Angst macht, sondern eher auf das Positive und die guten Ressourcen der Patienten fokussiert ist.

    Medizin im Glashaus

    Gäbe es einen Papst der Medizin, würde er die 300seitige Anleitung «Examining your Doctor» des in Boston praktizierenden Dr. Timothy B. McCall auf den Index der verbotenen Bücher setzen und den Autor exkommunizieren. Damit wäre dem anregenden Werk, das allzu viele unangenehme Wahrheiten enthält, eine grosse Leserschaft gesichert.
    Der als Do-it-yourself-Handbuch gestaltete Text richtet sich an das amerikanische Publikum und gibt ausführliche Hinweise und präzise Checklisten, die dazu dienen sollen, die Qualität der Ärzte und Ärztinnen zu beurteilen. Der Autor belegt durch eigene Erlebnisse und durch viele Literaturangaben, dass Staatsexamen und Facharztdiplome, moderne Geräte, luxuriöse Räume und freundliche Umgangsformen weder im Spital noch in der Praxis eine gute Medizin garantieren: Some of the most dangerous doctors I know are nice people. So wie man vor dem Kauf eines Toasters den Consumers Report studiere, solle man sich auch bei der Auswahl eines Arztes oder Spitals von Kriterien leiten lassen, die in «Examining your Doctor» bis in alle Details beschrieben sind:
    Hat Sie der Arzt zu Beginn der Konsultation schon nach wenigen Sekunden unterbrochen und mit suggestiven Ja-Nein-Fragen bombardiert oder Ihnen zumindest einige Minute Zeit gelassen, um Ihr Anliegen ungestört vorzubringen? Interessiert er sich auch für Ihre familiäre und berufliche Situation? Umgeht er heikle Themen? Konnten Sie Ihre eigenen Vermutungen und Befürchtungen vorbringen?
    Durften Sie sich für die körperliche Untersuchung ungestört ausziehen? Hat man Ihnen Blut abgenommen oder ein EKG angefertigt, bevor Sie der Arzt gesehen hat? Wäscht er sich vor der Untersuchung die Hände? Fragen Sie im Zweifelsfall oder achten Sie darauf, ob das Lavabo feucht und der Seifenspender nachgefüllt sind …
    Vielen anderen genauen Empfehlungen zur Beurteilung der Qualität von Anamnese und Status folgen Kapitel über Abklärungsverfahren, medikamentöse Therapien, invasive Kardiologie und einige Operationsindikationen, die auch bei uns umstritten sind. Als Insider zeichnet der Autor schonungslos ein Unsittenbild der Medizin, in der überflüssige Untersuchungen und falsche Behandlungen weit verbreitet sind, die zahlreiche und oft fatale Nebenwirkungen verursachen und zu immensen Kosten führen, welche durch rationelleres Vorgehen und präventive Beratung stark verringert werden könnten. McCall glaubt, dass auch medizinische Laien beurteilen können, welche Tests und Therapien bei ihnen vorzunehmen seien, und er rät ihnen, sich höflich, aber bestimmt zu wehren, wenn die Indikationen nicht stimmen. Sie sollen sich im Internet oder in der Fachliteratur so informieren, dass sie durch gezielte Fragen überprüfen können, ob ihr Arzt noch «up to date» sei. Ein Blick auf das Bücherregal im Sprechzimmer verrate, ob dort nur veraltete Ausgaben stehen. Es werden sogar einige verbreitete Periodika genannt, die als medizinische Schundliteratur in einer anständigen Praxis nichts zu suchen hätten.
    Better informed patients force their doctors to stay on their toes … und treiben sie wohl auch einmal die Wände hoch, wenn sie einige der von McCall empfohlenen bohrenden Fragen stellen. Immerhin ruft er auch die Patienten mehrmals dazu auf, ihren Teil zu einer guten therapeutischen Beziehung beizutragen, und nennt dafür praktische Beispiele:
    Sie sollen sich vor den Konsultationen duschen, ihr Hauptanliegen nicht last minute erst bei der Verabschiedung vorbringen und ihre Beschwerden und Wünsche nicht überängstlich durch die letzte TV-Sendung beeinflussen lassen.
    Informativ sind die Kapitel über die unterschiedlichen ärztlichen Temperamente, über Generalisten und Spezialisten und über die verschiedenen Organisationsformen in Klinik und Praxis. Es folgt der bekannte Ratschlag, Spitäler im Juli und an Wochenenden nach Möglichkeit zu meiden, um nicht unerfahrenen Teams in die Hände zu fallen. Die Vor- und Nachteile der Finanzierungsmodelle werden fair und gut verständlich dargestellt, wobei auch die unsauberen Praktiken der Versicherungen und das Abschieben der Bedürftigen aus Notfallstationen nicht unerwähnt bleiben. Im Anhang folgen Adressen zahlreicher Organisationen, die sich mit spezifischen Krankheiten und Problemen befassen. Wertvoll ist auch ein ausführliches Literaturverzeichnis, das viele provozierende Aussagen und fast unglaubliche Zahlenangaben des Textes abstützt.
    Das Buch ermuntert zu mehr Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten und will sie durch mehr Wissen dazu ermächtigen. Der Autor, der nur zur Welt kam, weil seine Mutter eine empfohlene Hysterektomie verweigert hatte, geht aber in missionarischem Eifer etwas weit und breitet soviel schmutzige Wäsche aus, dass es ihm schwerfällt, Vertrauen in die noch verbleibenden kompetenten Ärztinnen und Ärzte aufzubauen. Es lohnt sich dennoch sehr, das gut strukturierte Buch zu lesen. Für die Älteren unter uns ist es ein Rückspiegel für eigenes Fehlverhalten, für die Jüngeren ein praktischer Leitfaden, wie man es nicht machen soll, brillant dargestellt im Kapitel Pharmakotherapie. Diese Kundenanleitung lässt erahnen, dass wir inskünftig bei allem, was wir tun oder unterlassen, immer mehr im Glashaus sitzen werden. Händewaschen nicht vergessen! (von Dr.med. B. Gurtner, Wetzikon)
    McCall TB. Examining your doctor: a patient’s guide to avoiding harmful medical care. New York: Birch Lane Press Book; 1995. ISBN 1-55972-282-7

    (Zu) schnelles, unkritisches, ja autistisches Denken der Mediziner >>>

    Welches Menschenbild hat mein Arzt? >>>

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    17. Januar 2025

  • Beckenboden

    Beckenboden

    Beckenboden und aufrechte Haltung

    Auf dem wunderbaren Bild der graziös schreitenden Afrikanerin sieht man schön, wie der Hauptteil des Beckenbodens bei ihr hinter dem Körperlot zu liegen kommt! So muss kein Gewicht von inneren Organen (Gebärmutter, Darm, Blase) bei jedem Schritt vom BB gehalten werden und er kann voll entspannt bleiben. Dagegen muss ein BB, der mehrheitlich unter oder vor dem Lot liegt, ständig kontrahieren. Dies lässt den BB immer mehr verkürzen und später auch schwächen.
    Beim BB ist also Entspannung durch ein Becken hinter dem Lot günstig und nicht die vordere Lage genau unter dem ganzen Bauchorgangewicht.

    Körperhaltung in der Schwangerschaft

    Daraus kann man natürlich auch schliessen, dass speziell in der Schwangerschaft, wo der Bauchinhalt durch den Embryo noch viel schwerer wiegt und stärker auf den Beckenboden aufliegt, ein Becken, das weit hinter dem Lot liegt, sehr günstig und ökonomisch ist! Dies übrigens nicht nur im Stehen und Gehen, sondern auch beim Sitzen, Bücken, etc..

    Auf der untenstehenden Foto ist das Körperlot, resp. die Hauptachse des Bauchinhaltgewichts mit einem schwarzen Pfeil gekennzeichnet und die Beckengürtel- und Schultergürtelachse mit einem roten Punkt.

    Wir haben immer noch den Oberkörper und das Becken der Vierbeiner, will heissen, dass die Strebe (die Achse – also hier die Wirbelsäule) im Thorax hinten geblieben ist und nicht (wie bei allen Lebewesen, die lange Zeit schon aurecht waren) in die Mitte kam. Dies ist auch beim Menschen im Hals mit der Halswirbelsäule bereits geschehen ist. Sie liegt bereits in der Mitte des Halses.
    So hängen und beschweren unsere inneren Organe unsere (weichen und schwachen) Horizontalebenen (Thoraxeingang, Zwerchfell und Beckenboden) und werden kaum (mehr) von der Wirbelsäule und der Rückwand getragen.  Man könnte auch sagen, dass wir noch zu wenig lang aufrecht stehen und gehen und deshalb unser (Ober-) Körper diese Entwicklung noch nicht ganz mitgemacht hat.

    Das können wir mit einer leichten Faltbewegung im Becken/Hüftgelenk wieder etwas ausgleichen! Diese optimale Haltung habe ich hier auf meiner Website genauer beschrieben.

    Wir besitzen übrigens auch noch das Becken der Vierbeiner mit einem Hüftgelenk, das nur nach vorne falten kann und hinten sehr viel mehr Gewebe besitzt als vorne. So ist es nur natürlich, dass das Becken eher hinten ist und ohne Muskelspannung in den „Gummibändern“ des vielen Bindegewebes (elastische Spannkraft!) des Po ruht.

    Beckenboden im Sitzen

    Eine Voraussetzung zur guten „Stärkung“ des Beckenbodens wird meist vergessen: Der Beckenboden muss unbedingt immer auch alltäglich passiv weit gespannt sein – sonst wird er meist durch das (ach so beliebte) aktive Beckenbodentraining auch verkürzt und zieht die Schambeinäste zwischen denen er wie ein Trommelfell ausgespannt ist enger zusammen, was zu vielen Beschwerden führen kann (engere Verhältnisse für Enddarm, Harnröhre und Scheide).

    (Copyright bei Frau B. Bexte)

    Wie erreicht man eine passive Spannung im Beckenboden und damit weite anatomische Verhältnisse, die erst ein gutes aktives Beckenbodentraining ermöglichen? Durch eine „gute“ Sitzhaltung!
    Setzen Sie die Füsse (am besten barfuss und gut gegen den Boden geöffnet) etwas auseinander auf den Boden, parallel zueinander (d.h. Fussspitzen leicht gegen innen). So fallen die Knie nach innen – und so gehen die Sitzbeine und die Schambeinäste auseinander – das Becken bekommt unten und hinten mehr Platz, der Beckenboden wird passiv gespannt – das Becken ist eine entspannte Schüssel mit flachem Boden. Nehmen Sie das Gesäss nach hinten, so dass Sie vor Ihre Sitzbeinhöcker zum sitzen kommen. Man hat ein leichtes und lockeres Hohlkreuz (ev. kleines Kissen dort hinein), das Gewicht des ganzen Oberkörpers kann in das Becken abgegeben werden. Der hinterste Teil des Beckenbodens, der Ischio-Coccygeus-Muskel zwischen Steissbein und Sitzbeinhöcker ist dabei völlig entspannt und bleibt es auch während all den untenstehenden Übungen!
    Das Brustbein schwebt hoch und vorne (nicht hochziehen) und die Schultern hängen frei (und sind nicht nach hinten gezogen). Der Kopf sitzt locker und frei wie eine Boje oben auf der Mittelachse der Halswirbelsäule (geht durchs Ohrloch). Diese Sitzhaltung können Sie so oft einnehmen, wie es geht. Sie sollte (übrigens auch für einen Mann mit Prostatabeschwerden – oder z.B. auch Menschen mit rezidivierenden Ilio-Sacral-Gelenk-Blockaden) zur Normalhaltung werden.

    Vaginismus bei Frauen kann auch über Entspannung des Beckenbodens gebessert werden. Hierzu ein eindrücklicher Bericht (in englisch) einer Frau die Schmerzen beim Sex hatte. Nicht „nur“ beim ersten Mal, was ja angeblich normal sein soll (aber angezweifelt werden darf), sondern geschlagene fünf Jahre lang. Fünf Jahre schmerzhafter Sex unter Alkohol und mit vorgetäuschten Orgasmen, weil sie unter Vaginismus litt, einer unwillkürlichen Verkrampfung der Vagina, die Sex zu einer Erfahrung macht, wie der Schmerz von tausend kleinen Messerstichen – bis sie selbst nach Behandlungsmöglichkeiten suchte.

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    20. Januar 2025

  • Bein- und Fussfehlstellungen

    Bein- und Fussfehlstellungen

    Fehlstellungen von Beinen und Füssen haben ihren Ursprung in der Haltung des Oberkörpers und in der Weise wie sich die Beine aus dem Rumpf heraus bewegen.

    Die leichte Schwerpunktverlagerung beim Gehen nach vorne zeigt dies schön auf:
    Falls unser Brustbein beim Gehen eine leichte Schiebebewegung nach vorne vollführt (1), das Becken dadurch etwas zurückbleibt  (2) und dann die Beine locker hinten nach schwingen (3), können alle Bein- und Fussmuskeln in dieser Schwungphase völlig entspannt bleiben.

    Dadurch hängt das Schwungbein durch seine natürlich so angeordneten Strukturen spiralartig und in schön „gerader“ Achse aus der Hüfte. Es pendelt dadurch eigentlich am Psoasmuskel und seinen Faszien („im Filet“) aus dem Bauch.

    Auch die Füsse setzen so automatisch parallel zueinander optimal gerade auf und ebenfalls in einer Spiralbewegung (beim entspannten Fuss immer von der Ferse, hinten lateral bis ganz vorne über die Grosszehe – also nie nur auf dem Vorfuss!), was sehr viel zur Stabilität und Federung beiträgt. Weiterlesen >>>

    Beinachsenfehlstellungen (X-Beine = Genu valgum und O-Beine = Genu varum)

    Zur Korrektur ist es absolut wichtig, dass die Gangart ökonomischer wird: Schwerpunktverlagerung, wie oben beschrieben, lockere Aufhängung der Beine in der Schwungphase, parallel und gerade aufsetzende Füsse sind wesentlich.
    Absolute Voraussetzung zur Vorbeugung von lateraler oder medialer Arthrose des Kniegelenkes ist die Entlastung der Knie durch die bessere Federung im Hüftgelenk (Becken hinten beim Gehen) und in den Füssen (Der Fuss wird nur als Längsfeder von der Ferse bis ganz nach vorne benützt, falls der Schwerpunkt des Oberkörpers beim Gehen etwas vor dem Lot ist!).

    (Bei den O-Beinen (1) wird das innere, mediale Kniegelenk mehr abgenützt, bei den X-Beinen (2) das äussere, laterale.)

    Chondropathia Patellae (Jogger’s Knee, Runner’s Knee)

    Durch chronische Überlastung kommt es hier zu einer schmerzhaften Reizung des retropatellaren Gelenkknorpels (also auf der Rückseite der Kniescheibe). Es liegt meist ein zu straffe Patellarsehen vor (die Kniescheibe ist eine Verknöcherung in dieser Sehne des M.Quadriceps). Die Ursache davon ist ein Fehlgebrauch der Quads  beim Gehen und Stehen: Die Quads können sich in der Schwungphase der Beinbewegung nicht entspannen, da das Becken zu weit vorne ist und der Körperschwerpunkt zu weit hinten liegt (siehe Abb. unten). So verkürzen die Quadricepsmuskeln mit der Zeit enorm und lassen die Kniescheiben immer straffer und enger am darunter liegenden Knochen reiben! Es können auch embryonal abartige Formen der Kniescheiben vorliegen, welche aber auch unbedingt entspannte, lange Quads benötigen.

    Becken hinten und Kopf wie Boje locker obenauf ist optimal – Becken vorn und Kopf vorn ergibt viele Fehlhaltungen und Probleme…

    Der Rundrücken (Kyphose) hat dieselben Ursachen wie das Runner’s Knee und deshalb sollte beides ganzheitlich angegangen werden! Weiterlesen >>>

    Zum retropatellaren Schmerzsyndrom siehe auch hier >>>

    Fussfehlstellungen sind Fehlhaltungen des ganzen Körpers

    Auch beim Fuss gilt, was ich oben beschrieben habe: Die Haltung und Bewegung unseres ganzen Körpers macht dann erst zum Schluss vielleicht auch noch eine Fussfehlstellung. Der Fuss ist nur das „End-Organ“. Übungen der Füsse und auch Schuheinlagen müssen deshalb immer mit Änderungen der Körperhaltung einhergehen! Aus diesem Grund „macht“ man am besten in der Bewegung nichts Aktives in den Füssen. Die gute Fusshaltung „passiert“ dann passiv zum Schluss einer optimalen, sprich ökonomischen Bewegung! Das entspannte Rausschwingen des Schwungbeines mit lockerer Muskel-Aufhängung des Beines auf allen vier Seiten  (vorne, hinten, aussen und innen) ist die absolute Voraussetzung, dass ein Fuss mit der Zeit wieder in eine bessere Form kommen kann, respektive sich geschwächte Längs- oder Quergewölbe wieder kräftigen und aufrichten können!

    Oder anders gesagt:
    Ein Fuss der (mit der Spitze) nach aussen zeigt, ist der Beginn eines kollabierenden Fusses!
    Dieser Fuss ist eine Notmassnahme des menschlichen Körpers gegen ein Nach-Hinten-Fallen (zusammen mit dem Spannen der vorderen „Zuggurten“, also der oberflächlichen Bauchmuskeln (>>>ergibt – zusammen mit dem Nach-vorne-Kommen der Halswirbelsäule und des Kopfes – eine vordere Verkürzung und Kollabieren im Oberkörper und der Quadricepsmuskeln (>>>siehe Chondropathia Patellae).
    Der nach aussen gerichtete Fuss hat auch immer eine gespannte (und verkürzte) äussere (Hüften, Fascia Lata) und hintere (Pomuskeln) Aufhängung des Beines.

     Plattfuss (Pes planus) – Senkfuss – Knickfuss – Hohlfuss

    Die Längsgewölbe sind beim Plattfuss auch in der Ruhestellung der Füsse zum Boden hin durchgedrückt. Eine weniger ausgeprägte Form davon ist der Senkfuss, bei dem dies nur bei Belastung geschieht. Der Knickfuss (Pes valgus) geht oft mit dem Senk- oder Plattfuss einher. Dort ist der innere Fussrand platt, aber der seitliche Fussrand angehoben. Der Knickfuss ist übrigens im Kleinkindesalter bis etwa 10jährig völlig normal und behebt sich später meist von selbst.

    Als Therapie muss die Gangart so verändert werden, dass der ganze Fuss von Ferse bis zu den Zehen wieder federartig gegen den Boden gespannt werden kann >>> siehe unter anderem hier: dr-walser.ch/laufen/

    Dasselbe kann man auch über den Hohlfuss (hoher, starrer Rist) sagen.

    Spreizfuss (Hallux valgus, Hammerzehen, Krallenzehen)

    Ein Spreizfuss mit seinem eingefallenen vorderen Quergewölbe entsteht meist durch Nicht-Gebrauch des Vorfusses, d.h. durch ausgeprägten Fersengang bei zu weit hinten liegendem Körperschwerpunkt beim Gehen (siehe oben). Dies muss auf jeden Fall auch korrigiert werden. Einlagen allein führen hier zu einer weiteren und endgültigen Schwächung des vorderen Quergewölbes mit dem Resultat, dass zuletzt schmerzfreies Barfussgehen unmöglich wird!
    Dieses optimale, entspannte Gehen ist nicht das „Vorfussgehen“ nur auf den Fussballen, sondern immer (auch bergauf z.B.) ein „Ganzfussgehen“. Ein voll entspannter Fuss setzt immer zuerst mit der Ferse auf – das Hauptgewicht erfolgt dann aber im Mittel- und Vorfuss.

    Zur Unterstützung der meist fast verschwunden Muskeln im Vorfuss kann auch folgende Übung regelmässig, am besten mehrmals täglich gemacht werden:

    Lumbricales-Muskelübung:
    Man stellt den Fuss im Sitzen locker, flach auf den Boden auf, tastet die vorderen Köpfchen der Mittelfussknöchelchen von oben (violett abgebildet).

    Man hebt diese Knochenköpfchen dann so an, dass das Quergewölbe etwas schmaler wird. Mit der Hand kann man diese Art Bewegung der Lumbricalesmuskeln gut vormachen.

    Man zieht dabei nicht die Zehen an, sondern hebt nur das Quergewölbe, was zu Beginn sehr schwer fällt, da unser Hirn die Verbindungen zu diesen kleinen Wurmähnlichen Muskeln etwas verloren hat!
    Übung mehrmals wiederholen – und auch mehrmals täglich bei jeder Gelegenheit (auf der Toilette, beim Warten,…). Man klebt sich am besten an mehreren Orten daheim und am Arbeitsort rote kleine Punkte hin. Wenn man dann einen solchen sieht, beginnt man die Übung…

    Hier auch mein Blogbeitrag zum Untergang unseres Fusses >>>

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    10. Januar 2025

  • Berglauf / Trailrunning

    Berglauf / Trailrunning

    Trailrunning ist gesünder

    Ich bin ein überzeugter Fan von Bergläufen, die mir aus verschiedensten Gründen gesundheitlich viel lohnender erscheinen wie monotone Stadtläufe auf harter, ebener Unterlage.
    Bergläufe beanspruchen das menschliche Gewebe auf unterschiedlichste Weise (ebenaus, bergauf, bergab – meist auf weicher, unebener Unterlage) und verhindern durch fehlende Monotonie einseitige Abnützungen und Überbeanspruchungen von kritischen Laufzonen unseres Körpers (wie Sehnenansätze, einzelne Gelenke, gewisse Muskelgruppen) und machen mehr Spass.
    Laufen wir im Gelände, sind wir stetig fokussiert. Wir schauen immer auf den Boden vor uns, wo die nächste Wurzel ist oder ein grosser Stein liegt. Wir sind ganz im Moment, nicht abgelenkt durch andere Gedanken oder durch unser Handy. Unser Gehirn ist genau für das gemacht, für die absolute Fokussierung im Einklang mit unserem Körper. Das haben wir heute nur noch selten in unserem Alltag.

    Schon mein Trainingsgelände befindet sich weitgehend an einem Hügel- und Berghang, der unterschiedlichste Waldwege und Pfade aufweist. Komplexe Kraftanteile sind damit beim alltäglichen Joggen bereits enthalten und müssen nicht mehr mühsam an Kraftmaschinen unnatürlich isoliert nachgeholt werden.

    Dasselbe gilt aber auch für Wanderungen in den Bergen, z.B. Passwanderungen durch die Alpen, die man auch in wunderschönen, mehrtägigen Etappen hintereinander begehen kann (wanderland.ch/nationale-routen).

    Die Elemente des „Ökonomischen Lauf- und Gehmusters“, die man auf ebenem Gelände aus den neuen Erkenntnissen der Orthopädischen Medizin anwenden kann (Einbezug des Körpergewichts/Schwerkraft, Tiefenaktivierung, Entspannung in der Schwungphase,…) kann auch 1:1 in den Berglauf übernommen werden: oekonomie_der_bewegung.pdf

    Bergauf

    Man probiert möglichst mit dem Gewicht des Oberkörpers in Vorlage in den Hang „reinzuliegen“. Man lässt sich bildlich wie eine Standseilbahn schräg nach oben ziehen. Das Seil ist am Brustbein angehängt. Man ist aber nur im Hüftgelenk gebogen, der Po bleibt hinten und das Brustbein und der Kopf drauf bleiben senkrecht  (vorne konvexe Mittellinie des Oberkörpers). Dieser auf dem Hals balancierende Kopf (mit Blick nach vorn und nicht nach unten) wiegt nur 6 bis 8 Kilogramm, im Gegensatz zum Kopf, der nach vorne hängt und dann 40 bis 50 Kg schwer ist, was vor allem vom Trapezius-Muskel gehalten werden muss, der stark zu Verspannungen und Verkürzungen neigt. Was aber noch schlimmer wiegt, ist die Verkürzung im Innenraum durch die mangelnde Aktivität unserer tiefen Rumpfstabilisatoren.
    Dies ist also eher ein „Vorschieben“ der Brust, als eine „Vorlage“ des Oberkörpers. Das ganze Gewicht des Oberkörpers wirkt so als Schwerkraft gegen vorne und zieht uns bildlich den Hang rauf.
    Im Schwungbein beuge ich das Knie zuerst etwas mehr  als im ebenen Gelände und lasse dann das Bein locker und entspannt aus der Hüfte raus nach vorne schwingen (auch dies eine Aktion der tiefen Kernmuskeln, hier des Psoasmuskels). Der Fuss „schlägt“ dann mit kleinen Schritten wieder in den Hang – man „stolpert“ quasi den Berg rauf. Die gefühlte Anstrengung sollte dabei beim Laufen kaum grösser sein als wenn man Gehen würde. Man macht wirklich ganz kleine Schritte.
    Ich versuche auch hier immer zuerst mit der Ferse zu landen – der entspannte Fuss wird dann federartig gegen den Boden gespannt (seine Form ist ja wie eine Längsfeder und gibt so – auch dies ein Wunder unseres fantastischen Körpers – 70% der Energie zurück).
    Des Weiteren kann ich mit dieser Haltung versuchen auch die Hüllmuskeln des Oberkörpers zu entspannen: vor allem die oberflächliche Bauchwand, der Po, der Schultergürtel und Nackenneigen zu Verspannungen und können mit dieser Haltung locker bleiben.

    Das ökonomische Bewegungsmuster beim Treppensteigen kann dabei auch als optimale Vorlage fürs Bergsteigen und Berglaufen benützt werden:


    Bergab

    Auch hier  mit fast noch grösserer „Vorlage“ als beim Bergauf-Laufen (mit konvexer Mittellinie des Oberkörpers mit senkrechtem Brustbein weit vorne – also mehr ein „Vorschieben“ der Brust) und starker Beugung im Hüftgelenk . So hat man den Schwerpunkt immer weit vorne über den drei wichtigen Federn unseres Körpers: Fuss, Knie und Hüftgelenk.
    Bei der häufig gesehenen Rücklage werden die Knie durch den schlechten Hebel und durch den Ausfall der Federung im Hüftgelenk und auch im Fuss massiv belastet. Zudem ist der Stand durch den Schwerpunkt, der hinter den Füssen liegt, sehr schlecht und bei nassem, glitschigen Grund ist die Gefahr gross, dass man nach hinten hinfällt. Die Bergsteiger kennen dies schon immer: „Wie ein Affe“ sollte man mit Falten im Hüftgelenk (Po hinten und Brustbein vorne, oben) eine steile Geröllhalde oder nasse Wiese runtergehen – aber auch einen normalen Bergweg abwärts.
    Auch bei anderen Sportarten mit geringer Reibung würde uns nie in den Sinn kommen, Rücklage zu geben (Skifahren, Snowboard, Eislaufen…).
    Das Becken scheint vergleichsweise weit hinten zu „hängen“. Dadurch schwingen die Beine wie von selbst (aus den tiefen Schwingmuskeln, dem Filet = Iliopsoasmuskeln) und es entsteht kein muskelaktives Vorsetzen (durch den „oberflächlichen“ Quadriceps-Muskel). So vermeidet man auch den „Knieschnapper“, der allein durch diese Überlastung des Quad-Muskel und seiner Sehne um die Kniescheibe entsteht.

    Auch bergab kann das optimale Treppabsteigen als Vorlage verwendet werden:
    Beim Bergablaufen hat man zudem alle Vorteile des exzentrischen (negativ dynamischen) Krafttrainings: Die Spannungsspitzen sind weit über dem positiv dynamischen (konzentrischen – beim Bergauflaufen) mit Maximalkraftwerten (exzentrisches Kraftmaximum 30-40% grösser als das isometrische, dieses 10-15% über dynamisch-konzentrischem Kraftmaximum). Es kommt zu einer ausgeprägteren Hypertrophie des Muskels (langer Reiz) und zu einem deutlichen Muskelzuwachs auch bei hohem Trainingsniveau.

    Diese Haltung ist nicht nur die (tritt-)sicherste, sondern aus verschiedenen Gründen (Tiefenaktivität und oberflächliche Entspannung, grösste Federung, Trittsicherheit und Gleichgewicht) die gesündeste!
    …und zudem ist das Laufen damit ökonomisch, d.h. Kräfte sparend und deshalb schneller!

    Die meisten der Vorbehalte zum Bergablaufen sind inzwischen ausgeräumt oder zumindest relativiert. Besonders interessant ist, was die Wissenschaft über die Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System nachweisen konnte. Um zu prüfen, ob auch das Bergablaufen das kardiovaskuläre Risiko senkt, liessen österreichische Forscher 45 Erwachsene (29 Frauen, 16 Männer) eine Alpenroute begehen: eine Gruppe bergauf, die andere bergab (für den Rückweg stand eine Seilbahn zur Verfügung). Die Strecke hatte einen Höhenunterschied von 540 Metern und musste drei- bis fünfmal pro Woche bewältigt werden. Das Fazit nach zwei Monaten: Die Bergabwanderer verbesserten ihre Blutzucker- und Blutfettwerte fast genauso wie die Bergaufwanderer.

    Mehr zu Wanderungen hier: dr-walser.ch/wandern/
    Mehr zum Joggen hier: dr-walser.ch/jogging/
    Mehr zum Marathonlaufen: dr-walser.ch/jogging/#marathon
    Die Essenz der Strukturellen Bewegungslehre nach Ida Rolf als Grundlage auch im Berglauf: oekonomie_der_bewegung.pdf

    Zusammengefasst in Kürze >>>

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    07. September 2024