Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Adipositas

    Adipositas

    Über Adipositas wird schon lange geforscht und geschrieben, zum schwergewichtigen öffentlichen Thema wurde sie jedoch erst, als differente Medikamente dagegen auf den Markt kamen. Der Einfluss der Pharmaindustrie ist nicht nur für die öffentliche Meinung von Bedeutung, auch medizinische Opinion Leaders sind ihm in beträchtlichem Masse ausgesetzt. Beispiel: Die Waist-Hip-Ratio wird neuerdings „abgelöst“ durch die blosse Waist-Messung (nur Bauchumfang allein), obschon aus wissenschaftlicher Sicht der Quotient mehr Sinn macht.
    Also weiterhin auch Hüftumfang messen! Der Hüftumfang widerspiegelt die Muskelmasse, die Beschränkung auf den Bauchumfang als Mass für das intestinale Fett wird von der Pharmaindustrie als Zielparameter der Pharmakotherapie portiert; der Muskel und die Bewegung sowie die metabolische Fitness haben keine gleich starke „Lobby“!

    Mit der W/H-Ratio kann auch zwischen der gefährlicheren Apfel- und der harmloseren Birnenform unterschieden werden >>> siehe hier!
    Neuerdings auch mit dem Body Roundness Index oder BRI (hier mehr dazu).

    Sarkopenie kommt meist vor Adipositas

    In der ersten Welt gibt es zwei grosse Pandemien:

    • Die SARKOPENIE (=Muskelschwund) und vielleicht als Folge davon
    • die ADIPOSITAS (=Übergewicht).

    Daraus folgt, dass nach Möglichkeit auch beim Abnehmen zuallererst diese Sarkopenie behoben wird.

    Mit mehr Muskeln hat man nur schon einen grösseren Grundumsatz (Energieverbrauch in Ruhe) und erst recht beim Sporttreiben.

    Ist Ihr Sättigungsgefühl noch in Ordnung?

    Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) spüren weniger Sättigung – ihr Körper schüttet deutlich weniger Sättigungshormone aus als der von Normalgewichtigen. Der Grund: Die Zellen im Magen-Darm-Trakt, die diese Hormone bilden, sind bei ihnen stark reduziert. Wissenschaftler kennen viele Hormone, die Hunger und Sättigung steuern, doch die genauen Wechselwirkungen bleiben oft unklar. Ein Überblick über die wichtigsten Sättigungshormone:

    • Leptin informiert den Körper ständig über den Energiestatus. Es ist an die Fettdepots gekoppelt: Sinkt der Leptin-Wert, verspüren wir Hunger. Nach einer Mahlzeit steigt der Wert, und das Hormon fördert das Sättigungsgefühl.
      Hier unterscheidet sich krankhafte Adipositas von Molligkeit (ausser dem BMI). Das Hormon Leptin und die Fettzellen des Körpers stehen in direktem Zusammenhang. Je mehr Fettzellen vorhanden sind, desto höher steigt der Leptin-Spiegel. Bei Übergewicht kann sich eine Leptin-Resistenz entwickeln: Das Sättigungsgefühl bleibt aus. Besonders das Bauchfett spielt dabei eine zentrale Rolle.
    • Ghrelin, das „Hunger-Hormon“, wirkt als Gegenspieler zu Leptin. Ist der Magen leer und der Körper braucht Energie, steigt der Ghrelin-Wert. Nach dem Essen sinkt er wieder.
      Auch eine Diät kann das Sättigungsgefühl stören. Wird die Kalorienzufuhr plötzlich drastisch reduziert, reagiert der Körper mit Hunger. Der Grund: Er produziert verstärkt das Hormon Ghrelin. Bricht man die Diät ab, gerät der Körper aus dem Gleichgewicht – ebenso, wenn man sie fortsetzt und später wieder normal isst.
    • Cholecystokinin entsteht, wenn der Darm Fettsäuren und Aminosäuren aufnimmt. Es trägt ebenfalls zum Sättigungsgefühl bei.
    • Das Verdauungshormon GLP-1 wirkt sättigend, sobald der Körper Glukose und Fettsäuren aufnimmt.
    • Auch Amylin und Insulin, die bei einem Glukoseanstieg freigesetzt werden, fördern das Sättigungsgefühl.

    Medikamente wie Antidepressiva, Antiepileptika und Antipsychotika, die den Hirnstoffwechsel beeinflussen, können ebenfalls das Sättigungsgefühl hemmen. Auch Diabetes-Mittel, Blutdrucksenker und Kortison haben oft diese Nebenwirkung.

    Entzündung und Adipositas

    Adipositas geht mit einer chronischen Entzündung einher. Das Fettgewebe ist ein endokrines Organ, das zahlreiche Zytokine sezerniert, und zwischen Makrophagen, Lymphozyten und Adipozyten bestehen Interaktionen. Von grosser wissenschaftlicher Bedeutung war die Entdeckung der sieben „Sirtuine“ in den letzten Jahren. Bei diesen Sirtuinen handelt es sich um „Deazetylasen“, die den Verlauf von Entzündungen beeinflussen. Die Inaktivierung bestimmter Sirtuine führt zum klinischen Bild einer Entzündung, zu Insulinresistenz sowie Adipositas, wogegen die Aktivierung dieser Enzyme den gegenseitigen Phänotyp zur Folge hat. Hier liegt ein potentieller therapeutischer Ansatz, um die bei Adipositas vorliegende Insulinresistenz zu korrigieren. Da erinnert man sich daran, dass das in gutem Rotwein vorhandene Resveratrol ein Sirtuin-Aktivator ist…! Achtung: Resveratrol ist ein typisches „Hochstaplermolekül„!
    (Diabetes. 2011;60(12):3235-45 und 3100-2)

    Wichtig ist auch, dass insbesondere in Bio-Gemüse und -Früchten mehr von diesen sekundären Pflanzenstoffen zu finden sind als in konventionellen Lebensmitteln!

    Adipositas steigert auch eine Neuroinflammation, also die Entzündung unseres Nervensystems und führt damit zu einer Hypersensibilität, zu chronischen Schmerzkrankheiten, Reizdarm, etc…

    Stark gegen Entzündung – und auch zur nachhaltigen Gewichtsabnahme führt das Kurzfasten, optimal als 16:8, aber auch 14:10.

    Wann sind Sie mit Übergewicht gefährdet, ein metabolisches Syndrom, resp. einen Diabetes zu entwickeln?

    Gehören Sie zu den gesunden Adipösen, auf Englisch auch «happy obese» genannt, also Betroffene, die trotz starkem Übergewicht gesunde Stoffwechselwerte haben?

    Unterscheidung zur „klinischer Adipositas“:
    Im Januar 2025 stellt eine Expertenkommission von Diabetesforschern in der Fachzeitschrift the Lancet die neue Definition vor.
    Der BMI, WHR, BRI allein reicht dabei nicht aus. Sie sind als Screening-Instrument in Ordnung. Aber wenn jemand stark übergewichtig ist, müssen Ärzte zusätzliche Messungen vornehmen, um herauszufinden, ob es sich um „klinische Adipositas“ handelt – oder nicht. Sie untersuchen dann jedes einzelne Organ auf mögliche Anomalien in Zusammenhang mit Adipositas.
    Man spricht dann von „klinischer Adipositas“, wenn bereits Gewebe- und Organanomalien vorhanden sind.

    Für einen ersten Schritt lassen Sie bei Ihrem Hausarzt die Blutfettwerte, den Blutdruck und die Leberwerte messen, aber auch die Nierenwerte – und einen Glukosetoleranztest (http://de.wikipedia.org/wiki/OGTT) durchführen. Falls dabei als Ergebnis eine normale Insulinsensitivität herauskommt, können Sie vorerst beruhigt sein (gutartige Adipositas) – aber bei bestehender Insulinresistenz ist die Gefahr einer „klinischen Adipositas“ gross. Dann wird u.a. Bewegung und Abnehmen lebensnotwendig! (Arch Intern Med 168(15):1609-1616, 2008 – Identification and Characterization of Metabolically Benign Obesity in Humans, Norbert Stefan et al.)

    Es sollte auch keine beginnende Niereninsuffizienz vorhanden sein!

    Nicht zu viel Leberfett
    Anders als die meisten Adipösen haben die „happy obeses“ normale Blutfettwerte, keinen erhöhten Blutdruck und auch nicht zu viel Leberfett. Und sie hatten eine ähnlich gute Insulin-Empfindlichkeit wie Normalgewichtige – ein wichtiger Indikator für einen gesunden Stoffwechsel.
    Die guten Werte änderten sich in Studien auch nicht, als diese glücklichen Dicken im Verlauf des Versuchs an Gewicht zulegten. Man vermutet, dass es den gesunden Adipösen gelingt, zusätzliche Kalorien besser zu verarbeiten und in Hautfettgewebe statt in die Leber einzulagern – und dies ist je nach Studie rund bei einem Zehntel bis zu einem Drittel aller Adipösen möglich.

    Vernachlässigter Lebensstil
    Unklar ist auch, ob die gesunden Adipösen tatsächlich auch kein erhöhtes Risiko für typische Übergewichtsfolgen wie Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall haben. Eine vor zwei Jahren im «American Journal of Clinical Nutrition» publizierte italienische Studie, die 1700 Probanden während fast einem Jahrzehnt verfolgte, kam beispielsweise zum Schluss, dass das Risiko für Diabetes und Herzinfarkte bei allen Fettleibigen ähnlich hoch ist. Möglicherweise verschlechtern sich die Risikowerte bei den sogenannt gesunden Adipösen einfach langsamer, was dann in Kurzzeit-Studien nicht erfasst wird. Allerdings finden andere Langzeituntersuchungen sehr wohl positive Effekte auf Lebenserwartung und Krankheitsanfälligkeit.
    Und wie erklärt sich, dass die einen Übergewichtigen bessere Stoffwechselwerte haben als andere? Die Vererbung dürfte eine Rolle spielen. Aber vielleicht sind die Zusammenhänge auch banaler: Es könnte sein, dass Betroffene schlicht gesünder leben. Das heisst, sie bewegen sich viel, ernähren sich gesund und rauchen nicht. Der Lebensstil ist ein wichtiger Aspekt, der in Studien aber oft nicht objektiv berücksichtigt werden kann.
    Der Gewichtsreduktion wird also häufig eine zu hohe Priorität eingeräumt. Langfristig sind die Erfolgsaussichten bescheiden. Trotzdem lohnt es sich, wenn Betroffene unabhängig vom Gewicht ihr Bewegungs- und Ernährungsverhalten ändern würden. Dies verbessert den Stoffwechsel und senkt so das Risiko für Folgekrankheiten. Am wichtigsten ist es, nicht weiter zuzunehmen.

    Für die grosse Mehrheit der Übergewichtigen gilt also noch immer:
    Sich Abgrenzen lernen, Essgewohnheiten umstellen und mehr Bewegung (v.a. Sport VOR dem Essen)! Damit kann ein Gewichtsverlust von 10 Prozent ohne allzu grosse Mühe auch ohne Medikamente erreicht werden.
    Dazu kann man sagen, dass übergewichtige Personen tatsächlich bereits von einer Gewichtsabnahme von 5- bis 10% profitieren, falls sie sie halten können: Ihr Zuckerstoffwechsel verbessert sich, Blutdruck und Blutfette sowie die Wahrscheinlichkeit eines Diabetes werden reduziert. Lebensgewinn in Jahren siehe hier >>>

    Übergewicht im hohen Alter ist sogar eher gesund

    Bis zum Alter von etwa 85 Lebensjahren hat das Übergewicht einen schädlichen Effekt: Es erhöht die Sterbewahrscheinlichkeit. Danach aber kippt dieser Trend! Bei den Höchstbetagten wirkt das Fett auf den Rippen eher schützend – nicht nur im Vergleich mit Unter-, sondern auch mit Normalgewichtigen. Eine Erklärung könnte sein, dass dicke Alte ein geringeres Risiko für Osteoporose und somit für Knochenbrüche haben. Und Körperfett ist ein Energiespeicher, wenn im hohen Alter der Appetit dramatisch nachlässt. (J Aging Res. 2011;2011:765071. Epub 2011 Sep 28. Is there a reversal in the effect of obesity on mortality in old age? Cohen-Mansfield J, Perach R).

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    06. Juni 2025

  • Alkohol

    Alkohol

    „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot.“ (Herbert Grönemeyer)

    Den Hedonisten unter meinen Lesern empfehle ich Epikur: Er sagt, wir bleiben nur dann frei und geniessen wirklich, was uns Lust bereitet, wenn wir uns nicht davon abhängig machen. Prüfen Sie also Ihren Genuss von Alkohol oder Zigarette genau nach diesem Massstab.

    Krieg der WHO gegen den Alkohol

    Alkohol wirkt je nach Dosis unterschiedlich. Bei geringem Konsum sinkt die Sterblichkeit, was das tägliche Glas Rotwein als gesundheitsfördernd erscheinen lässt. Doch mit steigendem Konsum wachsen die Schäden drastisch. Diese Entwicklung gleicht einer J-Kurve, weshalb die entsprechende Statistik diesen Namen trägt. (Weiterlesen)

    Ein weiteres Paper, das zeitgleich mit demjenigen der Gruppe um Tim Stockwell von der kanadischen Universität Victoria (Journal of Studies on Alcohol and Drugs: Grundtenor: «Schon das kleinste Mass an Alkoholkonsum ist schädlich.») veröffentlicht wurde, stützt diese Annahmen. Der chinesische Wissenschaftler Yalan Tian analysierte Daten von 918.529 Menschen aus den Jahren 1997 bis 2014. Er fand heraus, dass Gelegenheits-, leichte und moderate Trinker im Vergleich zu Abstinenzlern ein geringeres Sterblichkeitsrisiko haben.

    Der Analyse war keine grosse Öffentlichkeit beschieden.

    Einen anderen Aspekt rückte das kanadische Digitalmagazin «The Hub» unter dem Titel «Unmasking the Fun Police» – Die Spasspolizei entlarven – in den Vordergrund. Es machte darauf aufmerksam, dass gleich mehrere Autoren der neuen Leitlinien, unter ihnen Dr. Tim Stockwell selbst, direkt mit Movendi International verbunden sind. Movendi International ist eine Organisation, die aus der Independent Order of Good Templars, den sogenannten Guttemplern, hervorgegangen ist. Bei Movendi handelt es sich um deklarierte Anti-Alkohol-Lobbyisten, eine sogenannte Abstinenzlergruppe. Und diese berät nun die WHO beim Thema Alkohol.

    Die Kollegen von «The Hub» sprachen mir aus der Seele, als sie diese Verbindung so kommentierten: «Es ist nichts falsch daran, auf Alkohol und andere Rauschmittel zu verzichten. Aber seine persönliche Meinung als wissenschaftlich auszugeben, auf Kosten der Steuerzahler, und sich dann bei der Regierung für eine Änderung der Politik einzusetzen, ist etwas anderes. Haben die Steuerzahler darum gebeten, dass ihr Geld für die Finanzierung von Anti-Alkohol-Lobbyarbeit verwendet wird? Sicherlich nicht.»

    Die eindimensionale Wucht der Kampagne gegen das Trinken erinnert mich an die Mechanismen der internationalen Politik, die ebenfalls an vergleichbarer Simplizität krankt: Je einfacher die Botschaft, desto grösser die Wirkung. Umso dankbarer bin ich für Stimmen wie die von Kenneth Mukamal und Eric B. Rimm, zwei Harvard-Wissenschaftler in Epidemiologie und Ernährungswissenschaften. Sie veröffentlichten 2024 im Magazin «Harvard Public Health» einen Artikel mit dem provokanten Titel «Is Alcohol Good or Bad for You? Yes. » – Ist Alkohol gut oder schlecht für Sie? Ja.

    Ihre Antwort: «Es ist alles nuancierter, als Schlagzeilen vermuten lassen (einschliesslich dieser). »

    Mukamal und Rimm, die zusammen sechzig Jahre Forschungserfahrung haben, betonen, dass selbst geringer Alkoholkonsum mit bestimmten Krebsarten, vor allem Brust- und Speiseröhrenkrebs, in Verbindung steht. Starker Alkoholkonsum sei «eindeutig gesundheitsschädlich». Doch trotz unzähliger Studien rechtfertigen die Daten keine pauschalen Aussagen über die Auswirkungen moderaten Alkoholkonsums auf die Gesundheit.

    Hier unten noch weitere Links zu diesem Nulltoleranzthema >>>

    Schädlichkeitsbewertung unterschiedlicher Drogen nach Nutt et al.,
    mit Aufteilung in Schäden für Konsumenten (hellgrau) und Schäden für andere (dunkelgrau)

    Alkohol und koronare Herzkrankheit

    Aus Studien kann man leider keinen Schwellenwert für einen sicheren Konsum ableiten. (thelancet.com/article/S0140-6736(18)31310-2/fulltext)

    Alkohol ist aber sicher gesundheitsfördernd, wenn er in Massen genossen wird. Bei den qualitativ höherwertigen Studien lag das Sterberisiko bei moderatem Konsum gleichauf mit dem von Abstinenz.

    Wer regelmässig sehr wenig Wein trinkt, neigt auch zu einem gesünderen Lebensstil. Beim Vergleich der Lebensgewohnheiten zeigte sich, dass moderate Weintrinker – im Gegensatz zu Bier- oder Schnapstrinker, aber auch zu Abstinenzler – weniger rauchen, sich mehr bewegen und auch weniger fettreich essen (siehe auch die mediterrane Ernährung).

    Dies alles gilt aber erst über 40jährig – und auch nicht im Alter.

    Jünger als 40jährig: am besten sehr wenig Alkohol

    Die Botschaft ist simpel: Junge Menschen sollten nur sehr wenig Alkohol trinken, aber ältere Leute können vielleicht einen Nutzen davon haben, kleine Mengen zu trinken.
    Bis zu einem Alter von 39 konnten Forscher beinahe keinen Nutzen des Al­ko­hol­trinkens finden, hier gibt es vor allem ne­ga­ti­ve Aus­wir­kung­en wie etwa Ver­letz­ung­en durch Unfälle.

    Ich halte es aber für ge­fähr­lich, Men­schen ab 40 zu em­pfehlen, täg­lich ein bis zwei al­ko­hol­isch­e Ge­tränke zu trinken. Weil viele Personen diese Limite nicht einhalten, wird verständlich, warum regelmässiger und massvoller Alkoholkonsum von Gesundheitsbehörden und Ärzt*innen kaum empfohlen wird. Gewichts- und Blutdruckkontrolle, Raucherentwöhnung, pflanzliches anstelle von tierischem Fett und mehr Bewegung sind auf jeden Fall die besseren Mittel fürs Herz als Alkohol. Abstinente beginnen deshalb aus gesundheitlichen Gründen am besten nicht mit Alkoholtrinken.

    Wie viel zu viel ist, ist also Definitions­sache. Kanada empfiehlt der Bevölkerung seit Januar 2023, sich nicht mehr als zwei bis drei Drinks pro Woche zu erlauben.

    Was Sie sich mit (mässig konsumierten) Alkohol sonst noch wohl antun

    oder weshalb es noch nie eine hoch entwickelte Kultur gegeben hat, die nur auf Joghurt basiert…

    Lesen Sie meine Einschüchterungen, was Sie sich mit Alkohol antun NICHT!

    Zur Bedeutung des Alkohols in der Menschheitsgeschichte ein berauschender Beitrag aus der Republik: kurze-geschichte-des-lasters.pdf

    Man hat gemerkt, dass das Alkohol-Craving neben der Verhaltenskonditionierung (Gewohnheit) klar im Zusammenhang steht mit einer selektiv verminderten Amygdala-Antwort des Hirns auf Angstsignale. Dies besteht auch bei allen anderen Drogenabhängigen und ist eventuell auch eine vorbestehende Verletzlichkeit. Deshalb wirken wohl auch die angstmachenden Warnhinweise zu Alkohol rein gar nichts! (bei Rauchen so festgestellt: Onur OA, et al.: Overnight deprivation from smoking disrupts amygdala responses to fear. Hum Brain Mapp 2011;May 26)
    …und denken Sie darüber nach, was viel schädlicher ist als Alkohol oder Rauchen: Der neue Zeitgeist der Nulltoleranz!
    Die Moral, die soziale Kontrolle, funktioniert heute nicht mehr über Sex, sondern über Gesundheit! Die Kontrolle funktioniert über den Körper-, Schlankheit-, Fitnesskult, über die Ernährung und die Leistungsfähigkeit. Seit Sparta gibt es eine Form von Gesundheitsfaschismus. Das gehört zum menschlichen Dasein. Der Kult von Reinheit, Stärke, Körper – bis hin zur Rassereinheit im Nationalsozialismus. Gesundheitsbewegungen hatten immer etwas zutiefst Antiliberales. Umgekehrt hat der Genuss immer etwas Subversives, Ideentreibendes, Verdächtiges. Dadurch bekommt Alkohol und Rauchen heute langsam den Status von Pornografie. Etwas Abstossendes und Anziehendes zugleich.

    Eine eindrückliche Untersuchung:

    Tim Stockwell und die Guttempler mit der WHO gegen den Alkohol

    In den letzten Jahren hat die WHO eine strikte «Zero-Alkohol»-Politik eingeführt. Sie behauptet, es gebe keine sichere Menge Alkohol, selbst kleine Mengen seien schädlich. Dabei stützen sich ihre Richtlinien auffallend oft auf den kanadischen Psychologen Tim Stockwell. Dieser veröffentlichte mehrere Übersichtsstudien, die zu dem Schluss kommen, dass jede Alkoholmenge riskant sei. Doch Alkoholforscher kritisieren Stockwells Arbeiten scharf: Er habe aus Tausenden Studien nur 107 ausgewählt, die seine These stützen – ein klassisches «Cherry-Picking». Viele Studien zeigen, dass moderater Alkoholkonsum das Herz schützt («J-Kurve»), doch Stockwell habe diese ignoriert.
    [Link zur Kritik]

    Copyright: Grafik: Katja Berlin

    Ein kanadischer Forscher wies zudem auf Widersprüche in einer Metastudie hin, an der Stockwell mitgearbeitet hat. Diese Studie gilt weltweit als Beleg dafür, dass selbst geringe Alkoholmengen dem Herzen schaden. Eine genauere Analyse zeigt jedoch einen auffälligen Widerspruch:

    • Die Empfehlungen warnen, ab sieben Standardgläsern pro Woche steige das Risiko für Herzkrankheiten oder Schlaganfälle drastisch (Seite 8).
    • Gleichzeitig gibt die Studie an, dass ein Konsum von ein bis sieben Gläsern pro Woche das Risiko für ischämische Herzkrankheiten um fünf Prozent und für ischämische Schlaganfälle um acht Prozent senkt (Seiten 25 und 26).

    Das bedeutet: Sieben Gläser pro Woche senken das Risiko, statt es zu erhöhen. Erst bei 14 bis 21 Gläsern steigt es laut Tabelle auf plus vier Prozent. Daten für acht bis 13 Gläser fehlen, dürften aber zwischen minus fünf und plus vier Prozent liegen.
    [Link]

    Kritiker werfen Stockwell zudem mangelnde Unabhängigkeit vor. Dokumente belegen seine Verbindungen zu den Guttemplern, einer Abstinenzbewegung aus den USA, die sich heute «Movendi International» nennt. Stockwell schrieb Artikel für deren Webseite, trat bei Movendi-Veranstaltungen in Schweden auf und war Gast in einem Movendi-Podcast. In mehreren wissenschaftlichen Arbeiten gibt er selbst Interessenkonflikte an: Movendi habe ihm Reisen, Hotels und Mahlzeiten bei Konferenzen finanziert.
    [Link zu den Interessenkonflikten (Seite 23)]

    Was man sich mit Alkohol antut!

    Alkohol hebt die Stimmung?
    Ernüchterndes Resultat

    Eine amerikanische Studie kommt zu einem ernüchternden Resultat: Negative affektive Zustände wie Ängste und Depressionen werden durch den Alkoholgenuss eher verstärkt als gelindert. Unter affektivem Verhalten versteht man, dass man etwas aus einer impulsiven Gefühlsregung heraus macht. Das würde also bedeuten, dass, wenn man aus einer niedergeschlagenen Stimmung heraus trinkt, diese nicht besser wird, sondern sich noch zusätzlich verschlechtert.

    Mit Alkohol nimmt man doppelt zu

    Alkohol beeinflusst das Gleichgewicht zwischen Hunger- und Sättigungsgefühl: Er reduziert unter anderem die Bildung des Sättigungshormons Leptin, das das Hungergefühl hemmt. In der Folge nehmen das Sättigungsgefühl ab und der Appetit zu. Alkohol greift aber auch direkt in der Hungerregulation im Gehirn an.
    Im Hypothalamus – so wird ein Teil des Gehirns genannt, das unter anderem eine zentrale Rolle bei der Appetitregulation spielt – wirkt Alkohol ähnlich wie diejenigen Hormone, die den Appetit steigern. Das ist doppelt problematisch: Alkohol selbst enthält nämlich enorm viele Kalorien. Eigentlich müsste der Regelkreis des Körpers deshalb nach der Zufuhr von Alkohol sagen, dass der Appetit gesenkt werden kann, weil ja eine Menge Energie reingekommen ist. Aber Alkohol bringt beides: Appetit und Energie. Man isst also unter Alkohol nicht nur mehr, man nimmt zusätzlich auch noch die Kalorien des Alkohols zu sich.

    Die Droge der Frauen

    Frauen in höheren Positionen trinken doppelt so viel Alkohol, wie solche in niedrigeren. Grund? Gut ausgebildete Frauen, die später Kinder bekommen, haben ein aktiveres soziales Leben – da gehört das Trinken einfach dazu…
    Alkohol geht nicht ins Fettgewebe über, sondern verteilt sich auf den geringen Flüssigkeitsgehalt. Daher werden Frauen bei gleicher Menge Alkohol schneller betrunken als Männer und auch die Schäden sind gravierender, da ihre Leber Alkohol langsamer abbaut.
    Alkohol ist heute auch die bevorzugte Entspannungsdroge (nach längerer Arbeit).
    Was dabei nicht beachtet wird:

    • Alkohol ist der Hautkiller Nummer eins!
    • Bereits moderates Trinken reduziert die Fruchtbarkeit.
    • Alkohol fördert gewisse Krebsformen.

    Alkohol und Krebs bei Frauen

    Forscher der Uni Oxford zeigen in einer gross angelegten Studie (Allen NE et al., Moderate Alcohol Intake and Cancer Incidence in Women, J Natl Cancer Inst., 2009 Feb 24), dass schon ein Glas Alkohol täglich bei Frauen das Risiko an Krebs zu erkranken um fast 13 Prozent erhöht. Schlussworte der Studie: „Es gibt keinen sicheren Bereich für Alkoholkonsum bei Frauen!“.

    Alkohol und Krebs – welche Dosis ist ungefährlich?

    Inzwischen sind die Daten ausreichend, um eindeutig zu bestätigen, dass Alkoholkonsum eine direkte Ursache von 7 Krebslokalisationen darstellt: des Mund- und Rachenraums, des Kehlkopfes, der Speiseröhre, der Leber, des Kolons und Rektums sowie der weiblichen Brust. Dies ist das Fazit von jahrzehntelanger Forschung – und wird auch durch aktuelle Analysen und Metaanalysen bestätigt. Die Assoziation Alkohol-Krebs ist dabei dosisabhängig – linear oder exponentiell:
    Es sprechen einige Studien dafür, dass wenig Rotwein (und dann nichts anderes, wie Bier und Schnaps trinken) keine Erhöhung des Krebsrisiko bewirkt.
    Es ist von der Lokalisation abhängig, wie ausgeprägt der Zusammenhang tatsächlich ist: stark für den oberen Gastrointestinaltrakt (relative Risikoerhöhung um das 4 bis 7-Fache bei einem Konsum von 50 g Alkohol pro Tag im Vergleich zu einem Nicht-Trinker), weniger ausgeprägt für das Kolon, das Rektum, die Leber und die weibliche Brust (relatives Risiko ca. 1,5 bei 50 g Alkohol pro Tag oder mehr).
    Das mit dem Alkoholkonsum assoziierte Risiko ist im Übrigen reversibel, wenn man mit dem Trinken aufhört. Aus gepoolten Analysen lässt sich auch schliessen, dass das Risiko für Oesophaguskarzinome und Karzinome des Kopfes und Halses über die Jahre des Konsums zunehmen, danach aber wieder abnimmt und nach rund 20 Jahren Abstinenz wieder auf dem Niveau eines Nicht-Trinkers ist. Für die Leber gibt es eine Metaanalyse, die ebenfalls auf eine mögliche Reversibilität hindeutet, nach der das Risiko eines hepatozellulären Karzinoms nach dem Alkohol-Stopp um 6 bis 7% pro Jahr abnimmt und nach etwa 23 Jahren wieder auf dem Niveau des Nichttrinkers ist.

    Alkohol in der Jugend – Komatrinken

    Wie gefährdet man durch Alkohol ist,  kann man in einem Online-Test gut ermitteln:
    „Konsumcheck“ (auch für Drogen allgemein) auf www.rauschzeit.ch.

    Alkohol im Alter

    Alterung geschieht nicht kontinuierlich, sondern in Schüben. Schon in der ersten dieser Wellen mit etwa 44 Jahren sind Zellen betroffen, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen. Auch die Fähigkeit, Koffein, Alkohol und Lipide (Fette) zu verstoffwechseln, verändert sich stark. Der Abbau von Alkohol verlangsamt sich dadurch so, dass Alkoholschädigungen sehr viel schneller entstehen.
    In der zweiten grossen Alterungswelle um 60jährig wird diese Veränderung noch massiver, so dass s
    chon drei Gläser Wein am Tag für einen Achtzigjährigen pures Gift sind.
    Ältere Männer ab 60 genehmigen sich am besten nur einen Drink pro Tag – ältere Frauen noch weniger. Alkohol wirkt auf einen Senioren etwa doppelt so stark wie auf einen jüngeren Erwachsenen. Leber, Herz, Nieren und Verdauungstrakt leiden stärker unter Alkoholeinfluss. Auch das Gehirn reagiert heftig auf Alkohol: Eine Stange Bier hat auf einen alten Menschen etwa dieselbe psychische Wirkung wie zwei Stangen für einen jüngeren.
    Der Grund sind folgende körperliche Veränderungen, die im Alter eintreten:

    • Senioren haben weniger Wasser im Körper. Dadurch wird der Alkohol im Körper weniger verdünnt.
    • Bereits im Magen wird ein Teil des Alkohols unschädlich gemacht – allerdings bei alten Menschen weniger als bei jüngeren. Deshalb gelangt bei ihnen mehr Alkohol ins Blut.
    • Die Leber arbeitet langsamer. Dadurch ist der Alkohol länger im Körper und schädigt ihn stärker.

    Zudem nehmen viele Senioren Medikamente ein, die die Wirkung des Alkohols verstärken.
    Für Frauen gilt: Sie trinken am besten schon in jungen Jahren höchstens halb so viel Alkohol wie Männer, da ihr Körper stärker darauf reagiert. Das gilt auch im Alter. Ältere Frauen trinken am besten nicht mehr als einen halben Drink pro Tag (siehe oben).

    Das heisst nicht, dass Senioren ganz aufs Anstossen verzichten sollen. Es dürfen auch einmal mehrere Drinks pro Tag sein – aber insgesamt nicht mehr als sechs Drinks pro Woche für Männer, höchstens vier Drinks für Frauen. Nach einer Ausnahme geben also gerade ältere Menschen ihrem Körper idealerweise eine längere Pause vom Alkohol.

    Zusammengefasst:

    •  Männer trinken am besten erst ab 40jährig und nicht mehr als einen Drink pro Tag- und dies nur 3 bis 4mal in der Woche!
      Ein Drink ist:
      – eine Stange Bier (3dl)
      – ein Glas Wein (1dl)
      – ein Glas Sherry (0,5dl)
      – ein Glas Whisky (0,3dl)
    • Frauen und alte Menschen (über 60) vertragen nur halb so viel Alkohol wie jüngere Männer. Ein halber Drink pro Tag (und dies auch nur 3-4mal in der Woche) ist hier das Limit.
    • Wenn Senioren mehrere Drinks an einem Tag getrunken haben, so geben sie dem Körper eine Pause: mindestens so viele Tage, wie sie zu viele Drinks getrunken haben.
    •  Alkohol erhöht für Senioren auch die Gefahr zu stürzen.
    • Viele Senioren nehmen Medikamente. Sie fragen deshalb den Arzt, ob Sie überhaupt Alkohol trinken dürfen.

    Alkohol und Vorhofflimmern

    Die Risikoerhöhungen für eine Vorhofflimmerepisode beträgt gemäss guter Studien für einen Alkoholkonsum innerhalb der letzten vier Stunden: ein Drink = Verdoppelung, zwei Drinks = Verdreifachung. Je höher die Alkoholkonzentration im Blut ausfiel, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorhofflimmern ausgelöst wurde.
    Bescheidener oder moderater Alkoholkonsum ist also ein Episodentrigger bei einer Population mit durch Screening diagnostiziertem rezidivierendem Vorhofflimmern. Die enge Dosis-Wirkungs-Beziehung ist überraschend und rechtfertigt entsprechende Interventionen/Beratungen, da das Vorhofflimmern auch ein Risikofaktor für den Schlaganfall ist.
    (Ann Intern Med. 2021, doi.org/10.7326/M21-0228).

    Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. Das Herz schlägt dabei unregelmässig und meist schneller als normal. Wie schon der Name verrät, flimmern die Vorhöfe des Herzens dabei nur, statt sich regelmässig zusammenzuziehen.
    Betroffene spüren, dass ihr Herz rast oder seltsam zu stolpern scheint. Auch Unruhe und Angst, Atemnot, Schwindel oder Schwächegefühl können damit einhergehen. Viele Betroffene bemerken allerdings auch gar keine Symptome. Wichtige Hinweise kann auch ein hoher und unregelmässiger Puls geben.
    Risiko Schlaganfall: Auf Dauer kann Vorhofflimmern zum einen das Herz schwächen und zum anderen das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen.
    Da beim Vorhofflimmern das Blut in den Vorhöfen des Herzens langsamer fliesst, kann es dort leichter gerinnen und einen sogenannten Thrombus bilden. Wenn dieser sich löst, kann er über den Blutkreislauf in die Gehirngefässe gelangen und dort einen Schlaganfall verursachen: Die Blutversorgung wird dann in Teilen des Gehirns unterbrochen.
    Umgekehrt konnten australische Kardiologen die positive Wirkung des Alkoholverzichts bei Vorhofflimmern nachweisen: Wenn Patienten, die zuvor zehn oder mehr alkoholische Getränke pro Woche zu sich genommen hatten, einige Monate weitgehend abstinent lebten, besserte sich ihr Vorhofflimmern deutlich im Vergleich zu anderen Patienten, die auf demselben Niveau weitertranken (New England Journal of Medicine: Voskoboinik et al., 2020).

    Kopfschmerz nach Alkohol

    siehe auf dieser Seite: Histaminintoleranz

    Nicht-alkoholische Fettleber und Alkoholtrinken

    Die nicht-alkoholische Fettleber ist die häufigste Lebererkrankung. Der Begriff «nicht-alkoholische Fettlebererkrankung» («non- alcoholic fatty liver disease», NAFLD) ist definiert als Steatose der Leber, die nicht durch hohen Alkoholkonsum bedingt ist. (Als hoher Alkoholkonsum wird bei Frauen eine Menge von ≥20 g/Tag, bei Männern von ≥30 g/Tag angesehen.) Eine spezifische medikamentöse Therapie ist nicht bekannt. Gewichtsreduktion und Anpassung des Lebensstils wirken sich positiv aus. Der Einfluss von moderatem Alkoholkonsum bei vorhandener NAFLD ist jedoch unklar. In der hier besprochenen niederländischen Studie wurden die Auswirkungen der Menge des konsumierten Alkohols, der Art der Getränke und des Geschlechts auf eine Leberfibrose untersucht. Risikofaktoren sind Übergewicht und Typ-2- Diabetes. Mässiger Alkoholkonsum ist protektiv für das Herz, dies zeigte nun diese grosse niederländische Studie von 2018 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=mitchell+t+gastroenterol+113). Ein mässiger Alkoholkonsum wird definiert als weniger als 70 g/Woche, vor allem Wein. Im Vergleich zu nicht-alkoholtrinkenden Kontrollpersonen hat er auch einen protektiven Effekt auf die Progression der Leberfibrose (weniger Fibrose und weniger schwere Fibrose). Der Vorteil verschwand, wenn diese Menge in einer Sitzung getrunken wurde. Ob der Alkoholkonsum mit einem positiven Langzeiteffekt einhergeht, kann noch nicht gesagt werden. Eine Empfehlung zum Alkoholtrinken kann somit noch nicht gegeben werden, bis weitere Langzeitstudien dies beweisen.

    Was gewinne ich mit dem Stopp von jeglichem Alkohol?

    Die Leber entfettet und der Schlaf wird besser, wenn man auf Wein und Bier verzichtet. Aber auch das Herz, die Psyche und das Immunsystem profitieren von weniger Alkohol.

    1. Wir schlafen besser
      Ein paar Gläser Wein oder Bier am Abend, um noch behaglicher wegzuschlummern? Lieber nicht. Besser schläft es sich ohne. Wenn Sie ein, zwei Gläser Wein getrunken haben, schlafen Sie zwar sicherlich schneller ein. Tatsächlich kann Alkohol die Tiefschlafphase zu Beginn der Nacht sogar verlängern. Das führt aber nicht zu einem erholsameren Schlaf, wie manche vielleicht erwarten würden. Denn: Die Erholsamkeit des Schlafes hängt nicht vom Tiefschlaf ab, sondern von der Schlafkontinuität. Und letztere kann Alkohol in mehrfacher Hinsicht stören.
      Der Schlaf ist nämlich unruhiger. Sie wachen nach drei oder vier Stunden wieder auf und kommen dann schlecht in die zweite Schlafhälfte rein. Denn nach diesen drei bis vier Stunden hat der Körper den Alkohol verstoffwechselt. Die Stoffe, die dabei übrig bleiben, führen aber dazu, dass er Adrenalin ausschüttet und der Blutdruck steigt (Alcoholism – Clinical and Experimental Research.: Ebrahim et al., 2013).
      Überhaupt reagiert das autonome Nervensystem sensibel auf Alkohol. Das zeigt ein Grossversuch finnischer Forscherinnen und Forscher mit mehr als 4.000 Freiwilligen (JMIR Mental Health: Pietilä et al., 2018). Diese trugen nachts ein Gerät, das ihre Herzfrequenz mass. Und zwar sowohl in trunkenen als auch in nüchternen Nächten. Dabei zeigte sich, dass schon nach geringen Mengen Alkohol der Herzschlag im Schlaf erhöht war. Daraus schlossen die Forscherinnen, dass der sogenannte Sympathikus länger das Geschehen im Körper dominierte – also der Teil des Nervensystems, der körperliche und geistige Leistungen vorbereitet. Wenn die Menschen hingegen nach einem alkoholfreien Abend einschliefen, konnte eher der Parasympathikus übernehmen – also der Gegenspieler, der den Körper zur Ruhe kommen lässt.
      Alkohol wirkt aber nicht nur über das Nervensystem auf den Schlaf. Weil er die Muskeln erschlaffen lässt und so die Atemwege verengt, fangen viele Menschen an zu schnarchen, wenn sie getrunken haben. Und wer ohnehin zum Schnarchen neigt, atmet alkoholisiert mitunter für kurze Zeit gar nicht. Schon bei geringen Mengen Alkohol kann es bei Schnarchern häufiger zu kurzen Atemaussetzern kommen. So eine Apnoe setzt den Körper unter Stress. Der Mensch wacht immer wieder auf und schnappt nach Luft, der Schlaf leidet. Das ist so, als führe man statt auf der Autobahn über eine Schotterstrasse. Betroffene ahnen von all dem meist nichts, weil sie sich morgens an die Atemaussetzer nicht erinnern können. Schlafmediziner können die Aussetzer dagegen im Schlaflabor unter anderem anhand einer schlechten Sauerstoffsättigung im Blut erkennen.
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    2. Die Leber entfettet
      Dass die Leber leidet, wenn der Mensch trinkt, weiss jeder. Umgekehrt profitiert sie aber auch schnell, wenn ihr Alkohol erspart bleibt. Denn die Leber ist eine Meisterin der Regeneration. Eine Studie zeigt das exemplarisch: Bei Probanden, die vier Wochen lang täglich eine halbe Flasche Wein tranken, stiegen die Leberwerte an. Nachdem sie damit aufgehört hatten, sanken sie aber binnen zwei Wochen nahezu auf den Ausgangswert zurück (Journal of Clinical Laboratory Analysis: Randell et al., 1998).
      Wenn die Leber damit beschäftigt ist, Alkohol abzubauen, belastet sie das gleich in zweifacher Hinsicht: Der Abbau von Fettsäuren wird blockiert und der Aufbau von Fettsäuren favorisiert. Wird die Leber davon fett, merkt ein Mensch das zunächst nicht. Unter bestimmten Umständen kann sie sich aber entzünden – Fachleute sprechen dann von alkoholischer Hepatitis.
      Eine alkoholische Hepatitis kann zu einer Fibrose oder gar Leberzirrhose führen. So nennt man eine stark vernarbte und steife Leber, die ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Im Stadium der Zirrhose führt der Weg zurück zu einer gesunden Leber nur über eine Transplantation.
      Sogar eine alkoholische Fettleber kann wieder auf gesunde Masse abnehmen. Wenn wir nur sieben Tage auf Alkohol verzichten, kann die Leber schon um die 20 Prozent entfetten. Das beugt Krankheiten wie Leberfibrose oder -zirrhose vor. Und wer bereits an Hepatitis oder Fibrose leidet, kann diese durch Abstinenz teilweise sogar rückgängig machen. Eine Leberzirrhose dagegen verschwindet nicht mehr – betroffene Patienten, die nicht mehr trinken, leben aber deutlich länger (Addiction: Verrill et al., 2009).
      Allgemein gilt: Je länger ein Mensch abstinent bleibt, desto besser regeneriert sich die Leber. Wer nicht ganz auf Alkohol verzichten will, könnte zumindest eine Regel beherzigen: Nach dem Alkoholtrinken sollte die Leber genug Zeit zur Erholung bekommen – mindestens zwei bis drei Tage, selbst dann, wenn es nur ein, zwei Gläser Rotwein waren. Denn auch eine Leber braucht mal Ruhe.
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    3. Wir nehmen ab
      Auf Alkohol zu verzichten, ist ein ziemlich einfacher Weg, Kalorien zu reduzieren. Zum einen, das liegt auf der Hand, weil Bier, Wein und Schnaps recht viel davon enthalten. Zum anderen, weil Alkohol uns obendrein mehr essen lässt. Er regt nämlich den Appetit an (British Journal of Nutrition: Kwok et al., 2019, PDF). Erstens aus Gewohnheit, weil wir gelernt haben, dass zum Alkohol ein Snack oder eine Mahlzeit gehört. Zweitens beeinflusst er die Hormonausschüttung, über die im Gehirn das Sättigungsgefühl reguliert wird (Current Opinion in Clinical Nutrition and Metabolic Care: Yeomans et al., 2003).
      Niederländische Forscherinnen demonstrierten das in einem kleinen Experiment: Sie servierten ihren Versuchspersonen entweder Wodka-Orange oder nur Orangensaft. Danach gab es Mittagessen. Diejenigen, die Wodka-Orange getrunken hatten, assen beim folgenden Mahl im Schnitt elf Prozent mehr. Ausserdem hatten sie grössere Lust auf fettreiche und herzhafte Speisen (Appetite: Schrieks et al., 2015).
      Das liege unter anderem daran, dass der Blutzuckerspiegel sinkt, wenn wir Alkohol trinken. Die Leber baut zunächst nach Kräften den Alkohol ab und schafft es kurzzeitig nicht, Blutzucker zu produzieren. Dadurch kann der Blutzuckerspiegel sinken und uns überkommt – mit einiger Verzögerung – der Appetit.
      Zwar ist die Beweislage zum Zusammenhang zwischen Alkohol und Übergewicht nicht eindeutig (Current Obesity Reports: Traversy & Chaput, 2015), Studien weisen aber in der Tendenz darauf hin, dass Menschen, die viel Alkohol trinken, auch leichter zunehmen (European Journal of Clinical Nutrition: Lourenco et al., 2012). Vor allem starker und regelmässiger Alkoholkonsum wirkt sich offenbar auf das Gewicht aus. Das gilt besonders für Männer, die im Schnitt mehr Alkohol trinken und mit Vorliebe eine Sorte: hochkalorisches Bier (Health Economics: French et al., 2010).
      Alkohol führt aber nicht nur dazu, dass wir mehr Kalorien zu uns nehmen, sondern auch dazu, dass wir weniger verbrennen. Denn er bindet Menschen an den Esstisch oder die Couch, er macht träge. Wer den Feierabend erst mal mit einem Bier eingeläutet hat, geht danach wohl eher nicht mehr ins Fitnessstudio.
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    4. Das Krebsrisiko sinkt
      Zugegeben, es dauert Jahre, bis der Verzicht auf Alkohol sich hier bemerkbar macht: Aber Menschen, die wenig oder gar keinen Alkohol trinken, haben ein geringeres Risiko, an Krebs zu erkranken.
      Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation liessen sich im Jahr 2020 vier Prozent aller neu diagnostizierten Krebserkrankungen in Deutschland auf Alkoholkonsum zurückführen. Insgesamt geht es um 22.000 Krebsfälle in einem Jahr. Auch wenn es vor allem hohe Alkoholmengen sind, die zu einem Grossteil dieser Krebsfälle beitragen, sind sich viele Fachleute in Sachen Krebs inzwischen einig: Je weniger Alkohol, desto geringer das Risiko. Am besten: gar keiner.
      Denn auch schon geringe Mengen Alkohol erhöhen über die Zeit das Risiko für Krebs im Mund- und Rachenraum, in der Speiseröhre und im Kehlkopf. Dasselbe gilt für Brustkrebs bei Frauen. Im Hinblick auf das Brustkrebsrisiko gibt es ebenso wie für Speiseröhrenkrebs gar keine völlig unbedenkliche Trinkmenge (World Cancer Research Fund, 2018, PDF).
      Das Risiko von Darmkrebs steigt ab etwa zwei alkoholischen Getränken pro Tag (30 Gramm reiner Alkohol) deutlich an. Zu einem leicht erhöhten Risiko tragen aber offenbar auch schon niedrigere Konsummengen bei (Annals of Oncology: Fedirko et al., 2011). Ab drei Gläsern (45 Gramm) werden auch Leber- und Magenkrebs wahrscheinlicher. Besonders hoch ist das Risiko, wenn man nicht nur trinkt, sondern auch raucht.
      Dass Alkohol Krebs verursachen kann, liegt unter anderem daran, dass seine Abbauprodukte zu DNA-Schäden führen. Zwar hat der Körper ein Reparatursystem, um solche Schäden zu korrigieren. Nur, Alkohol schädigt unglücklicherweise auch unser Reparatursystem. Die gute Nachricht: Lässt man das Trinken sein, kann sich das System erholen und die Schäden an der DNA reparieren.
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    5. Das Herz bleibt leichter im Takt
      Die Beziehung von Herz und Alkohol ist kompliziert: Zwar deuteten in der Vergangenheit Studien darauf hin, dass etwa Rotweinkonsum in Massen positiv aufs Herz wirken könnte. Doch die Beweislage ist umstritten. Insgesamt mehren sich die Hinweise, dass auch fürs Herz gilt: Je weniger Alkohol, desto besser.
      So zeigte erst kürzlich eine Studie mit mehr als 370.000 Teilnehmern, dass Menschen mit leichtem bis moderatem Alkoholkonsum generell einen gesünderen Lebensstil pflegen – auch im Vergleich zu reinen Abstinenzlern (JAMA: Biddinger et al., 2022, PDF). Es sei demnach wohl weniger der Alkohol, der das Herz schützt, sondern eher der ansonsten gesunde Lebensstil, folgern die Autoren. Sie kamen zu dem Schluss, dass Alkoholkonsum in jeglicher Höhe mit einem erhöhten Risiko etwa für Erkrankungen der Herzkranzgefässe einhergeht.
      Auch Alkohol und Blutdruck zeigen eine Wechselwirkung. Alkohol kann niedrigen Blutdruck noch weiter senken und hohen Blutdruck weiter erhöhen. Umgekehrt lässt sich auch bei Bluthochdruck mit Alkoholverzicht gegensteuern: Eine Analyse verschiedener Studien ergab, dass bei Menschen, die mehr als zwei alkoholische Getränke am Tag tranken, der Blutdruck sank, wenn sie den Alkoholkonsum deutlich reduzierten. Und je höher das anfängliche Trinkniveau, desto stärker der Effekt (The Lancet Public Health: Roerecke et al., 2017).
      Zwar spielen bei Herzkreislauferkrankungen meist verschiedene Dinge eine Rolle. Wenn Patienten mit Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder anderen Beschwerden zu mir kommen, rate ich ihnen trotzdem stets den Alkohol wegzulassen. Ich kann ja nur überlegen: Welche Faktoren kann ich in meinem Lifestyle verändern? Und das ist eben der Alkohol.
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    6. Das Immunsystem arbeitet effektiver
      Wer keinen Alkohol trinkt, hilft seinem Immunsystem. Das gilt zum Beispiel für die weissen Blutkörperchen, die eindringende Krankheitserreger bekämpfen und Botenstoffe ausschütten, um weitere Zellen des Immunsystems zu aktivieren. Alkohol hemmt diesen Prozess gleich an mehreren Stellen (BMC Immunology: Pruett & Fan, 2009). So werden zum Beispiel weniger Botenstoffe ausgeschüttet, während gleichzeitig die Zahl der sogenannten Monozyten sinkt, die zu den weissen Blutkörperchen gehören und sich in Makrophagen, sogenannte Fresszellen, verwandeln.
      Häufiger und übermässiger Alkoholkonsum hat darüber hinaus offenbar negative Effekte auf die Darmbakterien – was ebenfalls Folgen für das Immunsystem haben kann. Regelmässiger Alkoholkonsum kann die Zusammensetzung der Darmflora verändern und dadurch die Darmbarriere schwächen. Bakterien könnten dann aus dem Darm ins Blut gelangen, wo das Immunsystem auf sie reagiert. Dadurch werde das Immunsystem kontinuierlich stimuliert. Ausserdem schüttet der Körper Entzündungsbotenstoffe aus. Das kann andere Organe schädigen und letztendlich auch zu einer Immunschwäche führen, weil sich der Körper nicht leisten kann, das Immunsystem ständig hochzuregulieren. Deshalb sind Menschen, die dauerhaft und in einer schädlichen Menge Alkohol konsumieren, anfälliger für Infektionen (Alcohol Research: Sarkar et al., 2015).
      Wer auf Alkohol verzichtet, lässt also die körpereigenen Abwehrkräfte ungestört arbeiten. Und auch bei Menschen, die durch regelmässigen Alkoholkonsum ein bereits beeinträchtigtes Immunsystem haben, führt Abstinenz immer zu einer Verbesserung.
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    7. Der Psyche geht es besser
      Die psychische Gesundheit eines Menschen hängt zwar von vielen Faktoren ab. Doch es gibt erste Hinweise darauf, dass Alkoholverzicht positiv auf sie wirken könnte. So fanden Forscherinnen und Forscher der Universität Hongkong heraus, dass sich das mentale Wohlbefinden von Menschen verbesserte, wenn sie keinen Alkohol mehr tranken (CMAJ: Yao et al. 2019).
      Kurzfristig kann der Verzicht auf Alkohol allerdings auch zu einem Stimmungsabschwung führen. Alkohol hat pharmakologische Effekte, es wirkt in unserem Gehirn also wie ein Medikament. Der Haupteffekt von Alkohol ist, dass er die sogenannten GABA-Rezeptoren aktiviert und ihre Gegenspieler, die Glutamat-Rezeptoren, hemmt. Das, macht zum einen müde oder weniger aktiv, kann zum anderen aber auch angstlösend wirken.
      Dabei tritt mit der Zeit jedoch ein Gewöhnungseffekt ein. Wer regelmässig trinkt, bei dem reguliert der Körper die GABA-Rezeptoren herunter, die gleiche Menge Alkohol hat dann einen deutlich geringeren Effekt.
      Wer ans Trinken gewöhnt ist und dann aufhört, bei dem muss der Körper sich also gewissermassen zurück anpassen, was einige Tage dauert. Die Effekte kehren sich vorübergehend um: Die Person wird möglicherweise unruhiger, ängstlicher, reizbarer und kann schlechter einschlafen.
      Warum Alkoholverzicht langfristig aber dem psychischen Wohlbefinden dienen kann, wird biochemisch erklärt. Alkohol wirkt nämlich auch auf das Belohnungssystem des Gehirns. Wenn ein Mensch nun häufig trinkt, fokussiert sich das Belohnungssystem irgendwann auf den Alkohol. Andere Stimuli, die belohnend wirken könnten, wie Sport oder eine glückliche Paarbeziehung, werden weniger bedeutend.
      Deshalb können sich schon durch moderaten, regelmässigen Alkoholkonsum die Interessen, Hobbys und sozialen Interaktionen verändern. Für Menschen, die viel Alkohol trinken, wird alles attraktiver, was Alkoholkonsum beinhalten kann: Fussballgucken oder in die Kneipe gehen beispielsweise. Und Dinge, die früher wichtig waren, machen weniger Spass. Umgekehrt heisst das: Wenn diese Menschen aufhören zu trinken, haben andere Interessen – und damit andere Glücksmacher – wieder grössere Chancen.
      (aus DIE ZEIT, 19/2022)

    Dry January

    Beginnen wir mit der Leber. Bereits im Jahr 2017 haben Forscher 64 starke Alkoholkonsumenten, die für 4 Wochen komplett auf Alkohol verzichteten, eingehend untersucht. Zu Beginn und am Ende des Zeitraums wurde die Steifigkeit der Leber mithilfe eines nicht-invasiven FibroScan-Verfahrens gemessen. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: 80% der Teilnehmer zeigten eine Verbesserung der Lebersteifigkeit, im Durchschnitt um etwa 15%. Die Effekte waren so deutlich, dass die Autoren der Studie sogar vermuteten, das Messverfahren könne während aktiven Alkoholkonsums die Lebersteifigkeit überschätzen – anders ließe sich die schnelle Verbesserung kaum erklären.

    Wahrscheinlich handelt es sich dabei weniger um eine echte Rückbildung von Leberfibrose, die erfahrungsgemäss  mehr Zeit benötigt, sondern eher um eine rasche Verringerung von Entzündungsprozessen in der Leber. Darauf deutet auch hin, dass sich in dieser kleinen Studie bereits nach 4 Wochen Alkoholkarenz die Leberwerte signifikant verbesserten.

    Nicht nur die Leber profitiert

    Doch Alkohol belastet nicht nur die Leber. Ein oft unterschätzter Aspekt ist sein hoher Kaloriengehalt: Mit 7 Kilokalorien pro Gramm ist Alkohol energiereicher als Kohlenhydrate oder Eiweiss und nur geringfügig weniger kalorienreich als Fett. Entsprechend verloren Teilnehmer des Dry January im Schnitt etwas an Gewicht – rund 1,3 Kilogramm innerhalb eines Monats. Das ist kein Wundermittel wie die bekannten GLP-1-Therapien, aber durchaus ein spürbarer Effekt.

    Einige Studien zeigen noch deutlichere biochemische Veränderungen. In einer Untersuchung, veröffentlicht in BMJ Open, wurden 94 Dry-January-Teilnehmende mit 47 Personen verglichen, die weiter Alkohol tranken. In der abstinenten Gruppe verbesserte sich die Insulinresistenz um 25% und der systolische Blutdruck sank um 7%. Besonders überraschend waren Veränderungen bei einigen Biomarkern: Die VEGF-Spiegel sanken um 42%, die EGF-Spiegel sogar um 74% – beides Faktoren, die in Zusammenhang mit dem Krebsrisiko stehen.

    Ein alkoholfreier Januar ist damit mehr als der typische Neujahrsvorsatz. Zumindest bei einigen Menschen lassen sich bereits nach 4 Wochen messbare Veränderungen im Stoffwechsel und in zentralen Risikomarkern beobachten – vorausgesetzt, man bringt den Monat auch wirklich nüchtern hinter sich (Abb. 2).  

    photo of Dry January
    Abb. 2: Einige Effekte des Dry January.

    Während des Dry January verbesserte sich auch die Schlafqualität der Teilnehmer deutlich. In Grossbritannien berichteten 71% der Befragten, dass sie während dieses alkoholfreien Monats besser schliefen und sich insgesamt energiegeladener fühlten. Tatsächlich fällt es schwer, überhaupt einen physiologischen Messwert zu finden, der sich in dieser Zeit nicht verbessert. 

    Doch damit war die entscheidende Frage noch nicht beantwortet: Was passiert eigentlich, wenn der Dry January vorbei ist?

    Messbare Effekte noch im August

    Forscher (Studie) untersuchten frühere Teilnehmer des Dry January im August, also mehrere Monate nach dem Ende des alkoholfreien Monats, um zu analysieren, wie sich ihr Verhältnis zum Alkohol langfristig verändert hatte. 

    Das Ergebnis war insgesamt klar positiv. Die Anzahl der Trinktage pro Woche war im Durchschnitt von 4,3 auf 3,3 gesunken. Wenn Alkohol konsumiert wurde, tranken die Teilnehmer weniger als zuvor. Auch die Zahl der Tage, an denen sie betrunken waren, nahm deutlich ab – von 3,4 Tagen auf 2,1 Tage pro Monat. Statt eines Rebound-Effekts oder einer Rückkehr zum Ausgangsniveau zeigen sich damit messbare, nachhaltige Veränderungen, die weit über den Dry January hinausreichen (Abb. 3).

    photo of Dry January
    Abb. 3: Langzeit-Effekte des Dry January

    Warum das so ist, wissen wir nicht genau. Es gibt jedoch einige plausible Erklärungen: Möglicherweise zeigt der Dry January vielen Menschen ganz konkret, dass sie Alkohol im Alltag gar nicht brauchen. Sie erleben, dass sie soziale Situationen bewältigen oder mit Stress umgehen können, ohne zu trinken.

    Im Kern geht es dabei um Selbstwirksamkeit – also um die Erfahrung, die eigene Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Denn sich selbst zu zeigen, dass man etwas schafft, kann eine besondere Dynamik entfalten. Und offenbar wirken einige der im Januar neu etablierten Gewohnheiten sogar weit über diesen Monat hinaus und prägen das Verhalten im gesamten Jahr.

    Alkoholsucht
    KEINE Willensleistung, sondern eine Veränderung des Hirns

    (aus der REPUBLIK, republik.ch/2023/03/30/gibt-es-fuer-alkoholkranke-einen-reset)

    Was ist „Sucht“? Zum einen wiederholt rausch­trinken (Rauschtrinker), zum anderen regelmässig und lange zu viel trinken (Pegeltrinker).
    Und das Wichtigste zuerst: Sucht hat nichts mit Willensleistung oder mit Schuld zu tun! Dies wurde klar, als Forscher in den Hirnen nach Erklärungen für die Sucht zu suchen begannen. Die Forscher, das sind Christian Lüscher und sein Team von der Universität Genf. Lüscher ist Mediziner und Neurologe und erforscht, wie Sucht im Gehirn entsteht. Begonnen hat er damit vor über 20 Jahren.
    Sie fanden den Ursprung und die Hirnveränderungen bei Süchtigen im Nucleus accumbens, jenem Teil des Belohnungs­systems, wo der Dopamin-Hahn aufgedreht wird. Genau dort kommen auch Informationen aus dem orbitofrontalen Kortex an. Das ist ein Teil der Grosshirn­rinde hinter der Stirn, der als Wächter gilt. Er sagt uns, was wir tun und lassen sollen.
    Die Nerven­zellen des Wächters leiten ihre Informationen über Synapsen, also neuronale Verknüpfungs­stellen, in den Nucleus accumbens weiter. Doch dort schwirrt das ganze Drogen-Dopamin herum, und das sorgt dafür, dass sich die Biochemie der Verknüpfungs­stellen dauerhaft verändert. Und somit ändert sich auch der Informations­fluss vom Wächter.

    «Wer süchtig ist, hat ein verändertes Gehirn», sagt Christian Lüscher. «Das führt dazu, dass man Entscheidungen anders trifft.» Man konsumiere die Substanz, auch wenn das negative Folgen habe.

    Zudem sind bei Süchtigen das limbische System, das Angst und Stress steuert, verändert und aktiv, obwohl es keine Bedrohung gibt. Diese Menschen sind immer in Alarm­bereitschaft. Sie trinken Alkohol nicht, um eine Belohnung zu erfahren, sondern um diese negativen Emotionen und dieser unangenehme innere Zustand loszuwerden.

    Die Genetik spielt auch eine grosse Rolle. Bei der Alkohol­sucht wird die Vererbbarkeit auf etwa 50 Prozent geschätzt. Zudem spielen auch Umwelt­einflüsse und Erfahrungen eine Rolle. Obwohl z.B. Labormäuse, die ja alle dieselben Gene besitzen, ein nicht sehr erfülltes Leben haben, gibt es dennoch individuelle Unterschiede. Zum Beispiel, welchen Platz sie in der Hierarchie ihrer Gruppe einnehmen.

    Solche Erfahrungen können sich im Erbgut bemerkbar machen, indem sie kleine Veränderungen an der Verpackung von Genen auslösen. Dadurch bestimmen sie, ob ein Gen an- oder ausgeschaltet ist. Man spricht von epigenetischen Veränderungen.

    WAS TUN?

    Selbsttest zu meinen Trinkgewohnheiten >>>

    Alkoholsucht und Aufhören

    Das Rückgängigmachen und die „Auslöschung“ dieser oben beschriebene Hirnveränderungen sind grundsätzlich wohl möglich, falls man das Belohnungs­system mithilfe der Tiefen Hirnstimulation durch Hirn­elektroden behandelt, wie dies bei Parkinson-Patienten bereits erfolgreich getan wird. Dies ist aber noch zu wenig erforscht.

    Die Hoffnung liegt nun auf den Psychedelika. Von ihnen nimmt man an, dass sie die synaptischen Verbindungen, die Verknüpfungs­stellen im Hirn, sozusagen auflockern und so die süchtig machende Veränderung rückgängig machen.
    An der Universität Zürich läuft derzeit ein Versuch, Alkohol­abhängigkeit mit Psilocybin, dem Wirkstoff aus magic mushrooms, zu behandeln. Eine erste, kleine Studie aus dem Jahr 2022 macht Hoffnung. Nach Psilocybin-Behandlungen tranken Patienten weniger häufig als Patienten, die Psycho­therapie oder ein Placebo erhalten hatten. Auch Lüscher in Genf will die Wirkung der Psychedelika in seinem Tier­modell nun genauer erforschen.

    Wie beginne ich das Aufhören: mit Willenskraft? Nein: mit Gewohnheiten

    Wir überschätzen uns und unsere Willenskraft. Wir glauben, wenn wir uns nur am Riemen reissen, könnten wir jederzeit unser Verhalten steuern und unsere Ziele erreichen. Das stimmt aber leider nicht.

    Die Antidiabetesmittel Ozempic oder Wegovy als Antisuchtmittel?

    Es hat sich nun gezeigt, dass Semaglutid & Co neben dem Appetit auch ein Suchtverlangen (gegen Rauchen, Alkohol,…) unterdrückt. Dies passt natürlich zum gehypten Auftritt dieser Medikamente. Die Social-Media-Posts gehen nun mit Erfolgsmedlungen durch die Decke…
    In solcher Euphorie wird immmer übers Ziel ausgeschossen, weshalb man noch nicht mit gutem Gewissen diese neue Indikationsausweitung als bare Münze nehmen kann.
    Zudem hatten wir dies schon etliche Male, dass eine Sucht mit Medikamenten behandelt wurde, worauf man darauf regelmässig von diesen neuen Mittel abhängig wurde, deren Langzeit-Nebenwirkungen man noch gar nicht kennt. Dies geschah auch intensiv mit Amphetaminen zum Abnehmen, mit Nikotinersatzpräparate gegen das Rauchen, usw..

    Warten wir also die laufenden Studien aus der Forschung ab – und auf mehr Langzeiterfahrung.
    Weiterlesen >>>

    Das «10-Punkte-Programm zum kontrollierten Trinken»

    Hilft denen, die öfter mal ein Bier über den Durst trinken. Die Therapie wird sogar bei Alkoholikern angewandt. Kritiker warnen aber: Bei Süchtigen führt es erst recht in die Sucht.
    Wie läuft dies ab?
    In der ersten Sitzung mit dem Suchtberater bekommt man ein Büchlein, in das man Tag für Tag minutiös aufschrieb, was und wie viel man wann trank. So merkt man vielleicht zum ersten Mal, wie viel man eigentlich trinkt. Dann legt man Woche für Woche fest, wie viel man trinken wollte. Es dauert häufig ein halbes Jahr, bis man seinen Alkoholkonsum wieder im Griff hat. Der Konsum liegt als Ziel zum Beispiel etwa bei 15 «Standarteinheiten» pro Woche, das entspricht 15 Gläser Wein oder 4,5 Liter Bier. Das Potential für eine Sucht ist da. Doch man hat gelernt, mit seinem Alkoholkonsum umzugehen.
    Das Programm zum «kontrollierten Trinken» hat der Psychologieprofessor Joachim Körkel von der Evangelischen Hochschule Nürnberg (D) begründet. Die Therapie richtet sich sowohl an «normale» Zuvieltrinker wie auch an schwere Alkoholiker, wie Körkel sagt: «Das Programm ist für alle Menschen, deren Alkoholkonsum zu hoch ist und die ein gänzlich alkoholfreies Leben nicht anstreben oder für die das unrealistisch ist.»
    Man erreicht damit Menschen, die in einem Grenzbereich zwischen Sucht und Zuvieltrinken sind. Das kontrollierte Trinken ist ein gutes Programm für Leute, denen das Trinken langsam entgleitet und die es wieder unter Kontrolle bringen wollen.
    In den letzten sechs Jahren haben über 300 Betroffene bei den Beratungsstellen der Berner Gesundheit das Programm durchgeführt. Vier von Fünf konnten nach zehn Wochen Ihren Alkoholkonsum und einen Drittel bis die Hälfte reduzieren. Jeder Fünfte hat das Programm abgebrochen.
    Ob das Programm auch für schwere Alkoholiker etwas taugt, ist allerdings heftig umstritten. Körkel ist zwar überzeugt, dass seine Methode auch diesen Patienten helfen kann. Doch viele Fachleute und auch Betroffene lehnen es ab. Die deutsche Internet-Selbsthilfegruppe A-connect «warnt eindringlich vor kontrolliertem Trinken». Viele trockene Alkoholiker würden durch das kontrollierte Trinken in den Irrglauben fallen, sie könnten nach längerer Abstinenzphase wieder mit Alkohol umgehen, schreibt der Verein auf seiner Website. «In zahlreichen uns bekannten Fällen wurde die vereinbarte Alkoholmenge nach und nach gesteigert. Am Ende wurde exzessiver getrunken als zuvor.» Derartige Experimente seien nichts anderes als schleichende Rückfälle.
    Auch Mitglieder der Anonymen Alkoholikern sagen, dass aus ihrer Erfahrungen und aus Äusserungen von Freunden Betroffene immer wieder versucht haben, kontrolliert zu trinken. Langfristig sei es aber nur weiter bergab gegangen.
    Joachim Körkel rechtfertigt sich: «Es gibt nichts, was für alle gilt». Doch es sei fatal, dass die «im Kreise einiger Anonymer Alkoholiker gesammelten Erfahrungen zum sakrosankten Glaubenssystem erhoben werden».
    Doch auch die Erfahrungen der Zürcher Forel Klinik bestätigen, dass das Programm für Süchtige wenig geeignet ist. In der Klinik ist das kontrollierte Trinken als Therapiemethode nicht sinnvoll, so der Tenor. Ein Nebeneinander von kontrolliertem Trinken und Abstinenz unter einem Dach wäre zu risikoreich.
    In einer Untersuchung von ehemaligen Patienten der Forel Klinik waren nur 5 Prozent nach einer stationären Behandlung in der Lage, kontrolliert zu trinken. Sogar die Patienten selber wollten lieber abstinent bleiben. Die Mehrzahl der Patienten entschied sich für eine dauerhafte Abstinenz, da zuvor ein kontrolliertes Trinken gescheitert war oder sie es sich selber nicht zutrauten.
    Das kontrollierte Trinken dient allerdings oft als «Köder» für einen Entzug, so die Forel Klinik: «Wenn sich der Alkoholabhängige mit der dauerhaften Abstinenz nicht arrangieren kann, dann ist das Programm zum kontrollierten Trinken ein guter Einstieg in eine weiterführende Behandlung.»

    Kontrolliertes Trinken: So funktioniert’s:
    – Führen Sie ein Tagebuch über Ihr Trinkverhalten
    – Schreiben Sie jeden Tag auf, was Sie trinken, wieviel, zu welcher Uhrzeit, mit wem und aus welchem Anlass. Eine Anleitung finden Sie unter www.kontrolliertes-trinken.de
    – Setzen Sie sich ein Ziel, wieviel Sie pro Woche maximal trinken wollen.
    – Schreiben Sie am Anfang der Woche genau auf, was sie wann trinken werden. Setzen Sie zwei bis drei abstinente Tage fest.
    – Kontrollieren Sie Ende Woche, ob sie Ihren Trinkplan eingehalten haben und legen Sie die neue Woche fest.

    Und die Angehörigen…

    „Mein Mann trinkt bei jeder Gelegenheit sehr viel Alkohol. Es stört mich und ich mache mir Sorgen. Leider versteht er das nicht. Was soll ich tun?“

    Es ist schön, dass Sie Ihrem Mann helfen wollen. Doch leider kann man niemanden dazu zwingen, sein Konsumverhalten zu verändern. Wichtig ist, dass Sie Ihre Gefühle ernst nehmen. Klären Sie für sich, wo Ihre Grenzen liegen und was Sie nicht mehr tolerieren möchten. Sprechen Sie in einem ruhigen Moment mit Ihrem Mann und erklären Sie ihm Ihre Sorgen. Versuchen Sie, ihm dabei keine Vorwürfe zu machen. Vielleicht ist er sich nicht bewusst, wie stark sein Verhalten Sie belastet. Sollten die Gespräche ins Leere laufen und sich nichts ändern, rate ich Ihnen, sich Unterstützung zu holen. Beratungsstellen wie zum Beispiel «Sucht Schweiz», das «Blaue Kreuz» oder regionale Fachstellen helfen Angehörigen von Suchtkranken. Indem Sie aktiv werden, gewinnen Sie wieder mehr Klarheit und Handlungsspielraum. Wichtig: Sie sind nicht für das Trinkverhalten Ihres Mannes verantwortlich – aber Sie dürfen für sich sorgen und Hilfe annehmen.

    Kostenlose Onlinetrainings von Universitäten-Gruppe erarbeitet:
    https://geton-training.de/

    Weniger trinken – wie gelingt der Vorsatz?

    Guter Link zur Online-Selbsthilfe bei Alkoholsucht: www.selbsthilfealkohol.de/Portal

    Zur Bedeutung des Alkohols in der Menschheitsgeschichte ein berauschender Beitrag aus der Republik: kurze-geschichte-des-lasters.pdf

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    07. Februar 2026

  • Alzheimer und Depression

    Alzheimer-Krankheit

    Eine progressive und fatale neurodegenerative Erkrankung tritt mit einer Frequenz von 1% bei Sechzigjährigen und bis zu 30% bei 85jährigen auf.

    Lesen Sie darüber ausführlich hier: dr-walser.ch/alzheimer >>>

    Abgrenzung zur Depression:

    In der Praxis ist die Unterscheidung zwischen einer Depression und einer Demenz durch die Alzheimer-Krankheit oft recht schwierig. Demenz und Depression können gleichzeitig auftreten. Depressionen bei demenzkranken Menschen sind nicht so leicht zu diagnostizieren, weil die Betroffenen oft nicht mehr in der Lage sind, ihre affektive Befindlichkeit mit Worten auszudrücken. Es gibt aber auch die sogenannte „Depressive Pseudodemenz“, d.h. Leistungsstörungen bei Depressiven.
    Es gibt aber doch klare Unterscheidungen:

    Kriterien für die Diagnose einer Demenz (neben Alzheimer auch sogenannte Multi-Infarkt-Demenz durch Hirndurchblutungsstörungen oder Arzneimittelnebenwirkung, Mangelernährung.) sind Gedächtnisstörungen und Störungen in mindestens einem der folgenden kognitiven Funktionen: Sprache, räumliche Orientierung, logisches Denken, Abstraktionsvermögen, Urteilsvermögen, Konzentration. Dies bei erhaltenem Bewusstsein.

    Für eine Depression spricht eine familiäre Belastung, eine persönliche Vorgeschichte mit Depressionen, rascher Beginn (Die Multi-Infarkt-Demenz beginnt aber auch rasch.), subjektive Klagen (Der Demente bagatellisiert.), detaillierte Klagen, depressive Stimmung (Der Demente ist allgemein gefühlslabil.), die Umgebung hat die Symptome wahrgenommen (Beim Dementen werden Symptome lange Zeit nicht wahrgenommen.), Schuldgefühle und Versagensangst (Der Demente verneint und fordert.), „ich weiss es nicht“-Antworten (Der Demente beschuldigt andere für eigenes Versagen.), depressive Symptome treten vor den kognitiven Verlusten auf (Beim Dementen umgekehrt.), keine Orientierungsstörungen.

    Beim Depressiven heissen die klassischen Schlüsselfragen:

    • Verlust der Fähigkeit, Freude zu empfinden?
    • Verlust des Interesses?
    • Verlust von Elan, Entschlusskraft, Lustempfindung?
    • Verlust der Konzentrationsfähigkeit und Hemmung des Denkens?
    • Verlust des Selbstwertgefühls mit Suizidimpulsen?
    • Schlafstörungen?

    Depressive Symptome sind:

    • Hemmung, Verlangsamung, Antriebsschwäche, Apathie
    • Traurige Verstimmung, Bedrücktheit, Niedergeschlagenheit
    • Angst, Krankheitsangst, funktionelle Organbeschwerden

    Überlappende (gemeinsame) Symptome von Demenz und Depression sind:

    • Antrieb
    • Energieverlust
    • Interessenverlust
    • Müdigkeit
    • Schlafstörung
    • Gewichtsverlust
    • Agitiertheit
    • Verlangsamung
    • Konzentrationsstörung
    • Merkfähigkeitsstörung

    Sehr hilfreich ist die Cornell-Skala. Dieses Instrument umfasst 19 Items, welche Veränderungen der Stimmung, des Verhaltens, vegetativer Funktionen wie Appetit und Schlaf sowie weitere Störungen erfassen. Von anderen Depressionsskalen unterscheidet sich die Cornell-Skala dadurch, dass sie nicht nur durch ein Gespräch mit dem Patienten erhoben wird, sondern sich vor allem auf Beobachtungen der Pflegenden stützt, die im Zeitraum von einer Woche erhoben werden.

    Therapeutisch wirkt übrigens unspezifisch bei beiden Störungen (M.Alzheimer und Depression) etwas Unvorhergesehenes: ein bis zwei Stunden Sitzen im Schaukelstuhl beruhigt und wirkt antidepressiv.
    Siehe Weiteres hier >>>

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    11. Februar 2025

  • Demenz und Alzheimer

    Demenz und Alzheimer

    Ist dies noch normale Altersvergesslichkeit oder schon Demenz?

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    Demenz muss nicht sein

    Lange Zeit galt Demenz als unvermeidliches neurobiologisches Schicksal, das manchen Menschen bevorsteht. Zwar gibt es genetische Faktoren, doch neuere Studien zeigen immer deutlicher, dass man schon im mittleren Lebensalter das spätere Demenzrisiko erheblich beeinflussen kann. Fast die Hälfte aller Demenzfälle liesse sich verhindern oder zumindest aufschieben, wenn man frühzeitig bestimmte Risikofaktoren meidet. Das belegt eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Lancet.

    Obwohl Demenz meist erst im hohen Alter auftritt, markiert die Lebensmitte, also die Phase zwischen 40 und 60 Jahren, eine entscheidende Wende in der Hirnalterung. In dieser Zeit beschleunigen sich Umbauprozesse im Gehirn, die späteren Erkrankungen wie Demenz den Weg bereiten können. Daher ist Prävention in dieser Phase besonders wirksam.

    Die Autoren der Lancet-Studie haben genau berechnet: Würde man 14 Risikofaktoren bekämpfen, könnte man 45 Prozent aller Demenzfälle vermeiden oder zumindest aufschieben. Diese theoretische Zahl zeigt das grosse Potenzial der Demenzprävention. Fachleute sind sich einig: Man muss früh genug damit beginnen.

    Fast die Hälfte der Demenz-Fälle wären vermeidbar:
    15 Risikofaktoren

    Aufsummiert liessen sich 45% der Demenzfälle theoretisch verhindern, wenn alle Risikofaktoren eliminiert würden. (Studie dazu)

    Weitere Demenzprävention

    • Nochmals, da so wichtig: Präventiv gilt allgemein eine Verhinderung des Hirnschlags (optimaler Blutdruck, Diabetes gut behandelt und Blutfette nicht erhöht) und eine Erhöhung der zerebralen Reserve (Kombination von körperlicher Bewegung, die über 3 Stunden pro Woche zum Schwitzen führt und tägliches Gedächtnistraining). Es scheint, dass ein erhöhter (systolischer = oberer) Blutdruck und ein erhöhter Cholesterinwert im mittleren Lebensabschnitt das Risiko einer Alzheimerschen Krankheit im Alter erhöht. (BMJ 2001; 322: 1447-51; Kivipelto M et al.). Aber: Möglichst tiefen Blutdruck (systolisch unter 130 mmHg) vermeiden – d.h. auch die Blutdruckmedikamente nicht überdosieren! Studie hier! (Neuere Arbeiten zeigen, dass eine Behandlung einer Hypertonie zwar kognitive Defizite vorbeugt, aber einer Demenz nicht! Studie hier.) .
    • Täglicher Spaziergang als Demenzprophylaxe:
      2025 in Nature Medicine veröffentlichte Studie: Demnach könnte schon ein Spaziergang von 3.000 Schritten am Tag das Fortschreiten von Alzheimer um bis zu drei Jahre verzögern. Also etwa zwei Kilometer, die gemütlichen Schrittes in einer halben Stunde gegangen sind. Bei 5.000 bis 7.500 Schritten ist der Zusammenhang noch stärker, für noch mehr Schritte nimmt er nur noch minimal zu.
    • Hirntraining oder „Gehirnjogging“ hilft prophylaktisch eine beginnende Demenz um Jahre zu verzögern. Aber: Es hat sich in vielen Studien gezeigt, dass darunter nicht nur das Lösen von Kreuzworträtsel oder Sudokas gemeint ist, sondern komplexe Hirntätigkeiten, die neue neuronale Verknüpfungen entstehen lassen:
      * Musizieren (Singen – Idealfall: neues Instrument erlerne oder altes wieder reaktivieren)
      * Tanzen
      * Meditieren
      * Lernen von (neuen) Fremdsprachen
      * Umgang mit kleinen Kindern (Enkel)
      *
      Hirn anregen durch rhythmische Bewegung: Gehen/Flanieren
      *
      Was raubt uns Hirnleistung?

    Ernährung:

    • Allgemein gilt präventiv eine sog. mediterrane oder Mittelmeerkost:
      5 Portionen mehrfarbige Früchte oder Gemüse pro Tag.
      Fett, vor allem aus Pflanzenölen (Oliven-, Raps-, Leinöl).
      Wenig Fleisch (optimal nur einmal pro Woche).
      2 Portionen Fisch pro Woche (vegetarische Variante: eine Handvoll Walnüsse und Mandeln pro Tag).
      Energie, vor allem durch Vollkorn- oder Kartoffelprodukte.
      Menschen also, die vermehrt Salat, Nüsse, Fisch, Tomaten, Geflügel, Gemüse, Früchte und wenig Fleisch, Butter oder fettreiche Lebensmitteln zu sich nahmen, haben ein viel geringeres Risiko an M. Alzheimer zu erkranken.
      Zusätzlich positive kann angemerkt werden, dass diese Ernährungsweise auch das Risiko für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen senkt. (Arch Neurol 67(6):699-706, June 2010 © 2010 to the American Medical Association Food Combination and Alzheimer Disease Risk-A Protective Diet. Yian Gu, Jeri W. Nieves, Yaakov Stern, Jose A. Luchsinger, Nikolaos Scarmeas. Link zum Abstract)
    • Prophylaktisch hilft das regelmässige Essen von Fisch. Senioren, die durchschnittlich einmal pro Woche Fisch assen, hatten ein um 60 Prozent geringeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken, als solche, die kaum oder keinen Fisch zu sich nahmen (Rush-Presbyterian St.Luke’s Medical Center, Chicago 2003).
    • Auch übermässigen Alkoholkonsum haben die Forscher als neuen Risikofaktor hinzugefügt. Wer pro Woche mehr als 21 Einheiten (3 Standardgläser pro Tag) Alkohol trinkt, erhöht demnach sein Risiko für eine Demenz. Zwar wird schon seit Jahrhunderten beobachtet, dass schwere Trinker Hirnschädigungen und geistige Einbussen erleiden. Doch erst jetzt fanden die Wissenschaftler genügend hochwertige Studien, um den Zusammenhang zu belegen.
    • Wurst und Speck schaden dem Gehirn
      Wer viel Fleisch isst, erkrankt eher an Demenz. Besonders schlecht fürs Gehirn sind Würste, Speck und Salami.
      Rund 91’000 Tonnen Würste, Aufschnitt und Fleischkonserven waren 2023 in Schweizer Läden im Verkauf, so die Zahlen des Branchenverbands Proviande. Im Durchschnitt sind das rund 30 Gramm pro Person und Tag.
      Doch fürs Gehirn sind solche Mengen schlecht. Das zeigt jetzt eine Studie der Harvard-Universität in Boston (USA, 2024). Die Wissenschafter analysierten die Daten von über 130’000 Teilnehmern. Im Laufe der Jahre erkrankte jeder Zwölfte von ihnen an Demenz. Das traf besonders jene, die oft verarbeitetes Fleisch wie Wurst und Speck assen. Das Risiko war bereits bei täglichen Mengen ab etwa 25 Gramm deutlich erhöht. Das Gehirn der Wurstliebhaber alterte schneller und sie hatten mehr Mühe, sich an Wörter zu erinnern. Auch rotes Fleisch wie Steak und Schnitzel liess das Risiko steigen, allerdings erst bei grösseren Mengen.
      Fachleute gehen davon aus, dass Fleisch chronische Entzündungen im Körper fördert und damit das Risiko für Demenz erhöht. Zusätze in Fleischwaren wie Salz, Nitrit oder das Räuchern verstärken dies wahrscheinlich noch.
      Man sollte möglichst wenig rotes Fleisch und Fleischwaren essen. Besser für das Gehirn sind Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch sowie viel Gemüse und Vollkorngetreide.
    • Regelmässiges Teetrinken hilft auch prophylaktisch: englische Forscher fanden, dass schwarzer (ca. ein Tag lang) oder grüner (ca. 7 Tage lang) Tee bestimmte Enzyme (Acetylcholinesterase-Hemmer u.a.) im Gehirn blockieren, die an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sind. Die Inhaltstoffe von grünem Tee, die Catechine, haben sich als eigentliche multifunktionale neuroprotektive Substanzen erwiesen. Diese sog. Polyphenole durchdringen die Blut-Hirn-Schranke und wirken unter anderem auch als Eisenchelatoren, Antioxidanzien und Entzündungshemmer.
      Neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson entstehen multifaktoriell durch komplexe toxische Einflüsse, die das Absterben von Neuronen provozieren. Wo Neurone absterben, wurde bei diesen Erkrankungen als zentrale biochemische Veränderung eine Ansammlung von Eisen festgestellt. Dadurch entstehen freie Sauerstoffradikale, die bei der Bildung toxischer Aggregate – Alpha-Synuclein bei der Parkinsonkrankheit und Beta-Amyloid bei der Alzheimerdemenz – beteiligt sind.
      Deshalb ist die Entzündungshemmung und  Eisenbindungsfähigkeit der Polyphenole auch so wichtig.
      Was muss ich beachten, wenn Grünteetrinken wirklich einen medizinischen Wert haben soll:
      – Ein bis eineinhalb Liter täglich trinken.
      – Drei gehäufte Esslöffel Pulver auf einen Liter.
      – Pestizidfreien Grüntee wählen („Bio“).
      – Kalziumarmes Wasser benützen.
      – Zwischen 60 und 80 Grad warmes Wasser zum Aufguss benützen.
      – Fünf bis zehn (besser sogar zwanzig!) Minuten ziehen lassen.
      – Ein paar Tropfen Zitronensaft im Tee schützt die Polyphenole vor den Verdauungssäften.
      – Kann mit Traubensaft (auch Polyphenol-reich) ergänzt werden.
      Grünteeregeln als PDF-Datei

    Entzündungen – oder: Ist Alzheimer eine entzündliche Krankheit?

    • Entzündliche Prozesse spielen in der Entstehung der Alzheimer-Krankheit eine wichtige Rolle. Eine Vielzahl von Studien zeigte, dass Personen, die längere Zeit entzündungshemmende Medikamente (NSAR) einnahmen, ein deutlich niedrigeres Alzheimerrisiko haben. Es war übrigens wichtig, dass diese Medikamente vor Ausbruch der Demenz genommen werden müssen. Bei Patienten, die schon erste Anzeichen zeigten, verschlechtern die Entzündungshemmer den Krankheitsverlauf.
    • Billiger und nebenwirkungsärmer ist hier das Trinken von Grüntee (siehe oben).
    • Es laufen zur Zeit mehrere Interventionsstudien mit entzündungshemmenden Substanzen. Bis zum Vorliegen der Ergebnisse dieser kontrollierten Studien kann jedoch aufgrund von Resultaten epidemiologischer Studien allein die Einnahme von Entzündungshemmern noch nicht empfohlen werden. Interessant ist aber sicher, dass die lange als Ursache beschuldigten Plaques (Beta-Amyloid-Eiweiss-Ablagerungen) im Gehirn „nur“ die Folge einer durch Entzündung geschädigten Hirnzelle sind.
    • Zu den Entzündungen gehören auch gesunde Zähne. Sie mindern im Alter das Risiko, geistig abzubauen: Je weniger Zähne wir noch haben, je höher ist unsere Demenzrisiko. Karies, Parodontose und Zahnverlust sollte mit einer guten Zahnhygiene vermieden werden. (T. Yamamoto u.a.: Association between self-reported dental health status and onset of dementia. Psychosomatic Medicine, 74/3, 2012, 241-248)

    Sonstiges:

    • Häufige Kopfverletzungen, die zu einer Gehirnschädigung führen, können für sich genommen bereits kognitive Einbussen verursachen. Untersuchungen von Sportlern, die Kontaktsportarten wie Boxen oder Fussball ausüben, haben gezeigt, dass häufige kleinere Kopfverletzungen zu vermehrten Amyloid-Ablagerungen im Gehirn führen, die als wesentlicher Entstehungsfaktor für die Alzheimer-Erkrankung gelten.
    • Präventiv wirkt also das Verhindern von Hirntraumas: Helmtragen beim Velofahren oder anderen gefährlichen Sportarten (auch beim Kopfball im Fussball, wenigstens im Jugendalter!).
    • Einsamkeit ist ein wichtiger Risikofaktor für Demenz. (Salinas J, Beiser A, Jasmeet K et al. Association of loneliness with 10-year dementia risk and early markers of vulnerability for neurocognitive decline. Neurology. 2022 Mar 29;98(13):e1337-e48. [Link])
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      Zur Einsamkeit gehört: Wer im mittleren Alter unter eingeschränkter Hörfähigkeit leidet, hat ebenfalls ein grösseres Risiko, später an einer Demenz zu erkranken. Der daraus folgende Kontaktmangel und Depressionen scheint dann ursächlich zu wirken. Das gute Hörgerät ist also auch demenzverhütend.
    • Bildung und regelmässige kognitive Stimulation stärken die Fähigkeit des Gehirns, bei Bedarf neue Nervenzellverbindungen zu knüpfen. Die Menschen haben dann eine kognitive Reserve, mit der sie Schädigungen durch eine beginnende Demenz kompensieren können. Wenn aber etwa durch den Verlust des Gehörs oder durch Einsamkeit die Stimulation fehlt, fällt dieser Schutz weg, und die Krankheit macht sich schneller bemerkbar. 
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    • Man sollte nicht näher als 50 Meter zu einer Hochspannungsleitung wohnen. Gemäss einer Schweizer Studie (American Journal of Epidemiology, 2008: http://aje.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/kwn297) war das Risiko, an einer Alzheimerkrankheit zu erkranken nach 15 Jahren stark erhöht.
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    • Feinstaubbelastung zählt neu auch zu den Gefahren, die zur Demenz beitragen können. Die Autoren berufen sich dabei hauptsächlich auf Tierstudien, in denen gezeigt wurde, dass die Schmutzpartikel neurodegenerative Prozesse beschleunigen können. Man sollte auch nicht direkt an einer stark befahrenen Strasse wohnen!
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    • Keine Benzodiazepine (Valium, Temesta, …) länger als 1 Monat einnehmen!
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    • Fraglich und vielleicht auch gefährlich: Das altbekannte Diabetes-Medikament Metformin löste vor einigen Jahren einen echten Hype aus. Es sollte Krebs aufhalten, Herzleiden bekämpfen und als Abnehmhilfe dienen. Schon lange wird vermutet, dass Metformin das Risiko für eine Demenzerkrankung mindert. Nun haben Forscher der Boston University im Fachjournal JAMA den Beweis geführt, dass Metformin tatsächlich segensreich für das Gehirn sein kann. 12.000 von 29,000 Patienten in dieser Studie mit DM Typ 2 und einer Metformin-Therapie mussten schon frühzeitig Metformin absetzen. Entweder waren ihre Nieren durch den Diabetes zu stark geschädigt, oder sie litten unter Nebenwirkungen der Therapie – so kann Metformin starke Blähungen verursachen. Durch das Absetzen der Tabletten in einer Gruppe von Patienten hatten sich nun auf natürliche Weise zwei Gruppen gebildet. So liess sich der Einfluss des Diabetes-Mittels auf die Häufigkeit von Demenz beobachten. Das Ergebnis: Patienten, die Metformin abgesetzt hatten, erkrankten deutlich häufiger. In dieser Gruppe war das Demenzrisiko 21 Prozent höher als in der Vergleichsgruppe. Obwohl Metformin einst für Diabetes entwickelt wurde und den überbordenden Zuckerspiegel im Blut senken soll, hat es offenbar noch andere Wirkungen. Einerseits sorgt es dafür, dass die Leber eine überschiessende Glukoseproduktion drosselt, andererseits senkt es den Energiebedarf der Zellen – die Energiekraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, werden gebremst. Krebszellen mit ihrem enormen Glukoseverbrauch werden ausgehungert und sterben ab. Viele randomisierte Studien mit Metformin konnten keinen Effekt auf das Krebsrisiko nachweisen. In Molecular Cancer aber zeigten Autoren kürzlich, dass Metformin das Wachstum bestimmter Prostata-Karzinome erheblich verlangsamen kann. Zudem hemmt Metformin Entzündungen – möglicherweise beruht die Anti-Demenz-Wirkung auf diesem Effekt. Das alles kann wie Werbung für die prophylaktische Einnahme des Medikaments klingen. Doch es ist eine Sache, wenn Diabetiker ein erprobtes Medikament einnehmen und sich erfreuliche Nebenwirkungen zeigen, und eine andere, wenn sich Gesunde unbekannten Risiken aussetzen. Vor vier Jahren ergab eine Studie zum Beispiel, dass die Mitochondrienbremse Metformin die positiven Effekte von sportlichen Aktivitäten aufheben kann. Für Gesunde gibt es zudem auch andere Möglichkeiten der Prävention vor Alzheimer und anderen Demenzformen (siehe oben).

    Demenzprophylaxe zusammengefasst:
    Neugierig bleiben – Neues dazulernen, etwa Instrumente, Tänze oder Sprachen – uns mit Menschen mit verschiedenen Ansichten umgeben: aktives Sozialleben – und körperliche Betätigung bis in hohe Alter.
    Oder: Alles, was für das Herz gut ist, ist dies auch fürs Hirn!

    60 Prozent geht aber auf die Gene zurück

    Andererseits zeigen viele Studien, dass 60 Prozent aller Demenzfälle auf Einflüsse wie die Gene zurückgehen. Es wäre also fatal, wenn Betroffene oder Angehörige denken, dass sie allein die Schuld an einer Demenzerkrankung trügen.
    Jedoch sind auch unsere Gene keine Autisten, sondern ihre Wirkung wird durch unsere sozialen und psychischen Einflüsse verstärkt oder vermindert (sog. Epigenetik).

    Ist dies noch normale Altersvergesslichkeit oder schon Demenz?

    Man muss unterscheiden zwischen Altersvergesslichkeit und Demenz. Ein persönliches Beispiel: Heute Morgen ist mir der Zugangscode für mein Bankkonto nicht eingefallen. Jetzt könnte ich sofort einen Termin in einer neurologischen Praxis ausmachen. Aber oft hat Vergesslichkeit nur mit Überforderung oder Müdigkeit zu tun oder mit Interferenz, also dass einem mehrere Inhalte gleichzeitig im Hirn herum schweben. Man kennt das, wenn man in den Abstellraum geht und auf dem Weg vergisst, was man dort holen wollte. Das passiert allen. Der Unterschied zwischen Altersvergesslichkeit und Demenz ist, dass man sich bei Vergesslichkeit irgendwann wieder an den Code fürs Bankkonto erinnert. Wenn man aber gar nicht mehr auf die Information zugreifen kann und vielleicht sogar das „Gesamtpaket“ ablehnt, also sagt: „Ich habe nie einen Code fürs Banking bekommen“, könnte es sich um eine demenzielle Veränderung handeln.

    „Mir kommt der Name eines Bekannten nicht gleich in den Sinn“

    Ist es der Name allein, der im richtigen Augenblick nicht abrufbar ist, ist es halb so wild. Dies ist eine ganz normale Alterserscheinung. Namen sind viel schwieriger zu finden als andere Wörter, weil sie weder einen inneren Zusammenhang mit den Eigenschaften einer Person haben, noch einfach umschrieben oder durch Synonyma ersetzt werden können. In höherem Alter kann das zu Schwierigkeiten führen. Dies zeigte eine Untersuchung mit Erwachsenen bis über 80 Jahren, im Vergleich zu Personen mit beginnender Alzheimererkrankung (wie die Schweiz.Fachgesellschaft für Geriatrie mitteilt). Die Untersuchten mussten jeweils Namen von 25 ihnen bekannten Personen nennen, deren Foto ihnen vorgelegt wurde. Bis zum Alter von 69 Jahren war die Aktion problemlos. Über 70jährige und erst recht über 80jährige hatten zunehmend Schwierigkeiten. Bei 30 bzw. 40% der gezeigten Personen lag ihnen der Name zwar auf der Zunge, sie wussten, woher sie die Person kannten und was sie tat. Half man ihnen mit dem Anfangsbuchstaben oder mit dem Vornamen, fiel er ihnen sofort wieder ein. Alzheimererkrankte dagegen zeigen nicht nur Schwierigkeiten mit Namen, sie erkennen auch die Person nicht oder haben entscheidende biografische Informationen der gezeigten Person vergessen. Anfangsbuchstaben oder andere Hinweise führen bei ihnen auch nicht zum Ziel.

    10 Warnsymptome der Alzheimer-Krankheit

    • zunehmende Gedächtnisprobleme: Daraus resultierende Einschränkung der beruflichen Fähigkeiten. Einfaches Sich-Nicht-Erinnern an Namen ist noch völlig normal (v.a. über 70). Hilft man etwas, erinnert man sich wieder. Alzheimerkranke dagegen zeigen nicht nur Schwierigkeiten mit Namen, sie erkennen auch die Person nicht oder haben entscheidende biografische Informationen der Person vergessen. Anfangsbuchstaben oder andere Hinweise, führen bei ihnen nicht zum Ziel. Sie finden auch nicht mehr den bisher alltäglich gegangenen Weg zum Einkaufsladen.
    • Schwierigkeiten beim Erfüllen häuslicher Pflichten: Vergessen ganzer Erlebnissequenzen. Fähigkeit zum Finanzmanagement und Geldzählen überhaupt nimmt ab (Rechnungen werden zweimal bezahlt, etc.).
    • Sprachschwierigkeiten: Wortfindungsstörungen, falsches Verwenden bzw. Verstehen abstrakter Begriffe.
    • Zeitliche und räumliche Orientierung: Verlaufen in bekannter Umgebung, beeinträchtigte Zeichen- und Schreibfähigkeit, falsche Wiedergabe von Datum und Jahreszeit.
    • Urteilsvermögen herabgesetzt: Unpassende Kleidung.
    • Probleme beim abstrakten Denken: Formalitäten werden zum Problem, knifflige Aufgaben unlösbar.
    • Sachen verlegen: Versorgen von Gegenständen an inadäquaten Orten (z.B. Kleider in Kühlschrank).
    • Stimmungsschwankungen
    • Persönlichkeitsveränderungen: Verwirrung, Misstrauen, Ängstlichkeit
    • Antriebslosigkeit

    Acht Fragen helfen, Alzheimer frühzeitig zu erkennen (AD8-Test)

    Die US-Forscher der Washington University stellten Angehörigen von Patienten acht Fragen über die Betroffenen (der „AD8“, Galvin JE et al., Brain 2010 Nov;133(11):3290-3300). Sie fragten,

    Der Verdacht auf Alzheimer besteht den Wissenschaftlern zufolge bei den Patienten, deren Angehörige zwei oder mehr Fragen mit “Ja” beantworten können. Hier finden Sie ein Testblatt dieses AD8 >>>

    Eine interessante Alzheimer-Früherkennung könnte das fehlende Unterscheiden von Gerüchen sein (z.B. Seife, Erdnüsse, Kaffeebohnen und Menthol kann frühzeitig nicht mehr unterschieden werden) (https://ajp.psychiatryonline.org/cgi/content/abstract/157/9/1399). Diese Geruchsverminderung tritt aber auch bei schweren Depressionen auf.

    Wann erkrankt man genau?

    Wann jemand an Demenz erkranken wird, lässt sich vorhersagen, bis auf 8 Monate genau, und ganz ohne Messung von Biomarkern in Blut oder Liquor, wie es bei bisherigen Verfahren der Fall ist. Das versprechen die Ergebnisse einer Studie, über die australische Forschende jetzt in JAMA berichten.
    Um den Zeitpunkt vorherzusagen, zu dem eine Alzheimer-Demenz oder eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) auftreten werden, benötigt der Florey Dementia Index (FDI) den Forschenden zufolge nur 2 Informationen: das Alter des Patienten und den CDR-SB-Score (Clinical Dementia Rating-Sum of Boxes).

    Abgrenzung zur Depression

    In der Praxis ist die Unterscheidung zwischen einer Depression und einer Demenz durch die Alzheimer-Krankheit oft recht schwierig. Demenz und Depression können gleichzeitig auftreten. Depressionen bei demenzkranken Menschen sind nicht so leicht zu diagnostizieren, weil die Betroffenen oft nicht mehr in der Lage sind, ihre affektive Befindlichkeit mit Worten auszudrücken. Es gibt aber auch die sogenannte depressive Pseudodemenz, d.h. Leistungsstörungen bei Depressiven. Es gibt aber doch klare Unterscheidungen >>>

    Seh- oder Hörbehinderung und Weiteres kann mit Demenz verwechselt werden

    Neue Studien geben Hinweise darauf, dass Demenz-Diagnosen nicht immer zutreffen. Manche Betroffenen haben in Wirklichkeit Seh- oder Hörprobleme. 
Auch Nebenwirkungen von Medikamenten, die Folgen einer Alkoholsucht, eines Vitaminmangels oder eines Schlaganfalls gleichen den Anzeichen einer Demenz.
 Wenn man befürchtet, an einer Demenz erkrankt zu sein, sollte man mögliche Symptome gründlich abklären lassen. Die Hausärzte sind die erste Anlaufstelle. Für genauere Abklärungen verweisen sie die Person an Nervenärzte oder an eine Memory-Klinik (spezialisierte neurologische Abteilungen). Es empfiehlt sich auch, bei einem Verdacht auf Demenz die Augen und die Ohren von einem Facharzt gründlich untersuchen zu lassen.

    Nicht medikamentöse Therapien

    • Nicht medikamentöse Therapien von Frühstadien von Demenzkranken sind wirkungsvoller als die heute erhältlichen Pharmakotherapien, wenn sie in Kombination angewendet werden (Wettstein A, Nicht-pharmakologische Therapie der Demenz, Schweiz Med Forum 2004;4:632-635). Besonders wirkungsvoll ist die Kombination von Beratung, Schulung, Entlastungsangeboten und regelmässigen Besuchen von Aussenstehenden, was eine Heimverzögerung um etwa ein Jahr bewirken kann. Besuche, auch kurze, von Angehörigen verbessern zudem die Lebensqualität der Demenzkranken erheblich.
    • Zweimal täglich „therapeutisches Berühren“ (im Schulter-Nackenbereich) während 5 – 7 Minuten führte zu einer signifikanten Reduktion von Agitation bei Alzheimerpatienten (Woods DL, Seattle). Voraussetzung ist genaues Beobachten, wann im Tagesablauf die Agitation jeweils einsetzt und die Anwendung der Massage ca. eine halbe Stunde vor diesem Zeitpunkt am nächsten Tag. Alzheimerkranke werden auch ruhiger, wenn sie regelmässig Fische in einem Aquarium beobachten können. Schon nach 4 Wochen waren diese weniger nervös und assen auch wieder mehr (Studie aus Indianapolis, USA).
    • Auch regelmässige Fussreflexzonenmassage scheint bei Demenzpatienten den Allgemeinzustand klar zu verbessern (Hodgson NA et al: The clinical efficacy of reflexology in nursing home residents with dementia. J Altern Complement Med 2008;14:269-275).
    • Eine Metastudie zeigte einen deutlichen Effekt von Ginkgo biloba-Extrakt (3 bis 6 Monate 120 bis 240 mg täglich), der vergleichbar der bis 1997 verfügbaren Medikamente war (Arch Neurol 1998 Nov;55(11):1409-15). Es werden aber auch über viele Verdachtsfälle von Herzrhythmusstörungen berichtet (arznei-telegramm, 08/20).
    • Die Einnahme eines hoch dosierten Extraktes aus Zitronenmelisse besserte Gedächtnis, Aufmerksamkeit, die Agitiertheit und die Fähigkeit, Probleme zu lösen deutlich stärker als Plazebo (New Scientist 2003; 178: 20).
    • Manchmal helfen Kleinigkeiten: Eine Studie im „American Journal of Alzheimer’s Disease and other Dementias“ zeigt, dass zwei Gläser Apfelsaft am Tag Patienten mit mittlerer bis schwerer Alzheimer-Demenz helfen kann. Zwar bringt das Getränk ihnen nicht ihre Erinnerungsfähigkeit zurück, aber sie meistern ihren Alltag wieder ein wenig besser. Ihre Angstzustände wurden weniger (auch psychotische) und ihre Beweglichkeit verbesserte sich. (http://aja.sagepub.com/cgi/content/abstract/25/4/367)
    • Nikotinpflaster (15mg/Tag) hilft älteren Nichtrauchern bei leichten kognitiven Schwächen (v.a. Aufmerksamkeit, Gedächtnis und psychomotorische Reaktionsfähigkeit) (Neurology 2012;78:91).

    Überlebenszeit nach der Diagnosestellung M.Alzheimer:

    Von 23’000 über 60jährigen Alzheimer-Patienten wurde 521 mit neu diagnostiziertem Alzheimer (in den Jahren 1987 bis 96) verfolgt. Das Überleben betrug im Mittel für Männer 4,2 und für Frauen 5,7 Jahre. Prädiktoren der Mortalität sind schlechte Kognition, signifikante funktionelle, vor allem frontale Ausfälle, Gangstörungen, Stürze und bedeutsame komorbide Erkrankungen (Diabetes, Herzinsuffizienz). Achtung: Es geht um das Überleben nach Diagnosestellung, nicht um das Gesamtüberleben! (Larson EB, et al. Survival after initial diagnosis of Alzheimer disease. Ann Intern Med 2004;140:501-9).

    Alzheimer und pathologische Neuroinflammation

    Weiterlesen >>>

    Hier noch ein paar externe Links:

    • forum.demenzforum.ch Die Berichte informieren und berühren zugleich: Betroffene Menschen schreiben über ihren Umgang mit der schleichenden Vergesslichkeit, Angehörige tauschen sich rege aus. Die Seite ist informativ und wird rege benutzt.
    • sonnweid.ch > Demenz-Info Das Krankenheim Sonnweid in Wetzikon ZH hat sich auf die Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz spezialisiert. Auf der Website findet man auch Überraschendes zum Thema – etwa über den idealen Lebensraum oder die Kreativität dementer Menschen.
    • alz.ch > Demenzkrankheiten An wen soll man sich bei Verdacht auf Demenz melden? Wie stellt der Arzt die Diagnose? Wie geht es danach weiter? Infos, Hintergründe und Neues aus der Forschung.
      .
    • Literatur für Angehörige: Hildegard Nachum: Die Weisheit der Demenz. Wegweiser zum würdevollen Umgang mit desorientierten Menschen. Kneipp, Wien 2022 . Jahrelang musste die Tochter die Aggressionen ihrer Mutter ertragen. Sie war an Demenz erkrankt, und der Vater wollte sie selbst pflegen. Ein Fall, der Michael Schmieder besonders berührte. Sein Rat: Angehörige sollten rechtzeitig Unterstützung suchen, zum Beispiel von einem Pflegedienst. Michael Schmieders neues Buch ist spannend zu lesen und macht Mut. Er erklärt, die Demenz müsse eine lange, harmonische Beziehung nicht zerstören – sie könne diese sogar bereichern. Der Autor weiss genau, worüber er schreibt: Der frühere Leiter des Heims Sonnweid in Wetzikon ZH gilt als Pionier in der Betreuung von Demenzkranken. Michael Schmieder: «Dement, aber nicht vergessen», Ullstein Verlag

     Foto von Rad Cyrus auf Unsplash

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    18. August 2024

     

  • Angst und Panik

    Angst und Panik

    „Wir haben gelernt, keine Angst zu haben. Jetzt bitten wir den Rest von Ihnen, keine Angst zu haben.“ Oleksij Resnikow, Verteidigungs­minister der Ukraine, 2022

    „In meinem Leben habe ich unvorstellbar viele Katastrophen erlitten. Die meisten davon sind nie eingetreten.“ Mark Twain

    Was kann ich sofort gegen meine Angst tun?

    • Den Atem checken Bei Stress und Angst wird die Atmung flacher, der Atem stockt mitunter sogar. Das signalisiert dem Gehirn: Hier herrscht höchste Gefahr. Dieser Signalweg lässt sich aber auch umkehren: Wenn die Atemzüge wieder länger werden, beruhigen sich automatisch auch Körper und Geist.
    • Bewegung kann eine gute Erste Hilfe sein: Aufstehen, Arme heben, sich strecken, räkeln, schütteln. Ein paar Mal tief ausatmen. Noch besser: herumtanzen oder drei Minuten lang im Hampelmann springen, sodass man leicht ins Schwitzen kommt.
    • Die Muskeln lockern Unter Angst spannt der Körper sofort die Muskulatur an. Und so kontrahieren Nacken- oder Kiefermuskeln auch am Schreibtisch, beim Spülen oder im Schlaf. Je höher die Dauerbelastung, desto eher gerät man zudem in eine anhaltende Habachtstellung. Eine erste schnelle Gegenmassnahme, wenn man körperliche Anspannung registriert: aufrichten, aufstehen, ein paar Schritte gehen. Schauen, ob man die Schultern lösen und den Unterkiefer etwas fallen lassen kann, sodass sich der Mund leicht öffnet. Wenn man es richtig macht, fühlt es sich an, als sähe man aus wie ein mässig intelligenter Karpfen. Gelöste Muskeln signalisieren dann allmählich auch dem Geist: Du kannst wieder runterkommen. Mach die Kurzform der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson: Leg Dich ins Bett (geht auch im Sitzen, z.B. im Flugzeugsitz!), spanne die Gesässmuskeln an, balle die Hände ganz fest zu Fäusten und drücke den Kopf ins Kissen. Zähle auf 30 und entspanne dann alle Muskeln wieder. Das Ganze wiederhole etwa fünf bis sechs Mal.
    • Komm ins Hier und Jetzt! Achte auf 5 Dinge um Dich, die Du im Moment siehst. Dann auch 3 Dinge, die Du jetzt riechst. Und auch 5 Dinge, die Du um Dich abtasten kannst! Achte auf Deinen Atem – und mache ihn ruhiger, langsamer. Atme länger aus als ein! Leg Dein Smartphone weg und schalte es aus – und nimm Deine Airpods aus den Ohren!

    Die Angst als Überbleibsel unserer Evolution

    Angst ist vielleicht das älteste Gefühl der Menschheit. Ohne sie überlebt niemand. Die erste Antwort auf Gefahr ist bei keinem einzigen Tier der Kampf. Sondern immer die Flucht. Angst ist also etwas extrem Physisches – der Körper macht sich bereit zur Flucht. Das Herz pumpt. Der Atem geht schneller. Man scheisst – und wird dabei buchstäblich leichter. Der präfrontale Kortex schaltet ab. Angst ist deine beste Freundin in Gefahr. Panik hast du ab dem Moment, an dem die Angst nicht mehr funktional ist. Etwa wenn du erstarrst oder in die falsche Richtung rennst. Sie ist eine übersteigerte Angst, die in Schockstarre oder Aktionismus kippen kann. Bei Angst und Panik erlebt man eine Notfallreaktion. Die ist extrem sinnvoll, wenn Sie von einem Löwen gejagt werden. Nur leider zündet sie bei uns häufig im falschen Moment: Es gibt Fehlalarme.

    Die Rauchmelder-Erklärung verändert, wie Menschen über ihre Angststörung denken. Sie kooperieren viel besser in der Therapie, wenn ihnen erklärt wird, dass ihre Emotionen in anderen Situationen sinnvoll sein können, aber dass sie einfach zu viel davon haben.

    Und tatsächlich ist es so, dass Menschen, die mehrere Panikattacken haben, oftmals erleben, wie die Schwelle sinkt – dass schon kleinere Reize ausreichen, um eine Attacke auszulösen. Dass hilft mir zu erklären, warum angsthemmende Mittel wichtig sind. Wenn sie die Feedbackschleifen blockieren und verhindern, dass es in den nächsten sechs Monaten zu einer Attacke kommt, wird das ganze System unempfindlicher.

    „Unangenehme“ Gefühle?

    „Gefühle wie Enttäuschung, Verlegenheit, Irritation, Groll, Wut, Eifersucht und Angst sind, anstatt schlechte Nachrichten zu sein, eigentlich sehr klare Momente, die uns lehren, wo wir uns zurückhalten. Sie lehren uns, aufzustehen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir lieber zusammenbrechen und uns zurückziehen würden. Sie sind wie Boten, die uns mit erschreckender Klarheit genau zeigen, wo wir feststecken. Genau dieser Moment ist der perfekte Lehrer, und, zum Glück für uns, ist er bei uns, wo immer wir sind.“ Pema Chödrön

    Die drei grossen Ängste des Menschen

    • Angst vor dem Tode
    • Angst, Verlassen zu werden
    • Angst, nichts wert und bedeutungslos zu sein

    Alle drei sind unter sich verbunden – und das Zepter führt wohl immer die Todesangst. Alle drei begleiten uns auch durch unser ganzes Leben, mehr oder weniger. Sie sind immer irgendwie präsent. Wir sind trotz aller Sicherheitsmassnahmen extrem verwundbar. Wir können unser Leben nicht wirklich kontrollieren. Corona-Pandemie, die Klimakrise, Kriege und letztlich unsere Sterblichkeit sind soviel stärker, als wir das wahrhaben wollen. Wir haben verlernt, mit dieser Grundunsicherheit und Angst zu leben. Wie wäre es, wenn wir jetzt beginnen uns mit dieser Angst und dem Nicht-Wissen anzufreunden. Sie macht uns wach und hellhörig und sensibel füreinander. Diese drei Ängste können dich auch, wie liebe Freundinnen, immer wieder darauf hinweisen, dass ein „höheres Selbst“, welches über unser Ego hinausgeht, nicht sterben kann – auch nie verlassen werden kann und auch immer einen grossen Wert besitzt, ein grosses Licht, das wir nie verlieren. Der Körper ist im Geist – und nicht umgekehrt.

    Das „höhere Selbst“, Demut, Mystik

    Der Philosoph Ernst Tugendhat hat uns Menschen (in seinem Buch «Egozentrizität und Mystik») als Ich-Sager beschrieben: Wir können als sprachliche Wesen nicht anders, als von uns aus auf die Welt zu blicken. Drei Möglichkeiten macht er aus, um uns von dieser Ich-Fixierung auf die eigene Gegenwärtigkeit zu lösen. Eine erste, wenn wir lebensklug planend von aktuellen Bedürfnissen Abstand nehmen, um uns zukünftige eigene Wünsche erfüllen zu können. Eine zweite, wenn wir von uns absehen, um die legitimen Perspektiven anderer zu ihrem Recht kommen zu lassen. Das nennt man dann Ethik. Und Demut oder Mystik nennt er eine dritte Perspektive: Wenn wir unser Ich in Relation setzen zu etwas, was uns schlechterdings übersteigt. Was grösser ist als wir, wie zum Beispiel der gestirnte Himmel über uns, an den uns schon Kant erinnerte. Oder die Jahrtausende der Erdgeschichte, gegen die unser Leben sich wie ein Nichts ausnimmt. So könnte man das, was uns das Coronavirus über das Leben lehrt, sehen und dafür den Ausdruck «Demut» verwenden. Aber hat das alles wirklich diese grundsätzliche Dimension? Ja, die Dinge entgleiten uns, das ist schon ein sehr bestimmendes Gefühl. Es ist, als wären wir in Treibsand geraten. Oder in eine Nebelbank, wo die Orientierung plötzlich weg ist. Mir scheint, das tatsächlich sehr gefährliche Virus verstärkt eine fiebrige Befindlichkeit, die schon da war. Diese demütige Haltung zeigt eindrücklich und mit viel Erfolg der Schweizerische Fussballnationalmannschaftstrainer: Dies, nachdem er eben den Fussballgott Italien aus der direkten WM-Qualifikation rausgeschossen hat – notabene mit mindestens 7 fehlenden Stammspieler…

    Nimmt mir die Religion meine Angst?

    #kindleqoutes

    Sind Stress und Angst Gewohnheiten wie Rauchen oder schlechte Ernährung?

    Kann ich mir Angst abgewöhnen wie Rauchen, fragt sich Theresa Bäuerlein im Krautreporter: Angst kann man auch als ein Gefühl von Nervosität oder Unruhe denken, dieses Unbehagen, das man fühlt, wenn man sich etwas vorstellt, das man nicht unter Kontrolle hat. Dieses Gefühl löst dann ein bestimmtes Muster aus. Zum Beispiel fängt man an, sich Sorgen zu machen und verstrickt sich immer mehr in grübelnde Gedanken. Dieses Verhalten wird zur Gewohnheit. Wir bekommen für dieses Muster eine „Belohnung“, nämlich das Gefühl, etwas zu tun. Wir bekommen die Illusion, dass wir die angstauslösende Situation besser kontrollieren können. „Wenn wir ein unangenehmes Gefühl haben, löst es gewohnte Muster aus, mit denen wir das Gefühl schwächen oder auslöschen wollen. Wir fangen zum Beispiel an, zu grübeln und uns Sorgen zu machen. Das kann sich anfühlen, als würden wir tatsächlich etwas tun, um mit der Situation umzugehen. In Wirklichkeit lenkt es uns ab und gibt uns ein Gefühl von Kontrolle, auch wenn wir eigentlich keine haben.“ Der Psychiater und Neurowissenschaftler Judson Brewer meint, dass dieses Muster deshalb so erfolgreich ist, weil es uns davon abhält, die Angst wirklich zu spüren. Der Preis dafür ist jedoch, dass sich die Ängste weiter steigern können. Man kann sich Fragen stellen, zum Beispiel: „Was habe ich davon, wenn ich mir Sorgen machen?“ und so ein wirksames Gegengift gegen die Spirale aus Angst und Sorgenmachen aktivieren: die Neugier. Wichtig dabei, so Brewer, sei es, den ganzen Körper mit einzubeziehen. „Der Körper wird sehr unterschätzt. Unser Kopf ist ziemlich laut, deshalb kriegt er die ganze Anerkennung für alles. Währenddessen zieht unser fühlender Körper hinter den Kulissen die Hebel für unser Verhalten. Als Nächstes können wir uns also fragen: Was fühlt sich besser an? Hier kommt Neugier ins Spiel.“ Mithilfe dieser beiden Ressourcen – die Angst fühlen und neugierig sein – lässt sich das eingeübte Muster nach Brewers Erfahrungen abgewöhnen, so wie eine schlechte Angewohnheit. (Quelle: Silke Jäger in piqd.de) Weiterlesen: walserblog.ch/2022/03/05/angst-aufsuchen/ dr-walser.ch/angst-surfen.pdf

    Habe ich wirklich schon eine „Angststörung“?

    Jede zehnte Person, die sich an den Hausarzt wendet, schlägt sich mit einer Angststörung herum. Doch nur zur Hälfte wird die Angstkrankheit vom Arzt auch wirklich erkannt, da die Patienten selten von sich aus über ihre Angstgefühle sprechen, sondern in der Regel über körperliche Symptome berichten. Doch bereits mit vier einfachen Screening-Fragen kann der Hausarzt einer Angststörung auf die Spur kommen:

    • Fühlten Sie sich in letzter Zeit angespannt, nervös, angetrieben?1 Punkt
    • Machten Sie sich viel unnötige Sorgen oder ängstigten Sie sich sehr?1 Punkt
    • Waren Sie in letzter Zeit sehr reizbar?1 Punkt
    • Hatten Sie starke Mühe, sich zu entspannen?1 Punkt

    Falls mindestens 2 dieser Fragen bejaht werden, können noch weitere 5 Screening-Fragen beantwortet werden:

    • Haben Sie in letzter Zeit sehr schlecht geschlafen?1 Punkt
    • Hatten Sie regelmässig Kopf- oder Nackenschmerzen?1 Punkt
    • Hatten Sie regelmässig folgende Beschwerden: Zittern, Kribbelgefühle, Schwindelgefühle, Schwitzen, Druck auf der Brust, Atemnot, häufiges Wasserlassen, Durchfall?1 Punkt
    • Haben Sie sich unnötige starke Sorgen um Ihre Gesundheit gemacht?1 Punkt
    • Hatten Sie starke Mühe mit Einschlafen?1 Punkt

    >>> Beträgt das Total 6, so kann bereits zu fünfzig Prozent eine Angststörung vorliegen. Mehr als 6 Punkte vergrössern diese Wahrscheinlichkeit.

    Angst und Depression

    Die Zukunft macht uns Angst die Vergangenheit hält uns fest deshalb können wir die Gegenwart nicht geniessen. Angst vor dem Kommenden, vor der Zukunft – und Niedergeschlagenheit angesichts des Gewesenen, vor der Vergangenheit: Die Angst und Depression sind zwei Seiten derselben Medaille, ängstliche Menschen sind nicht selten auch depressiv und umgekehrt. Im Persönlichkeitsmodell der „Big Five“ sind Ängstlichkeit und Niedergeschlagenheit zwei Facetten ein und derselben Grundeigenschaft, des „Neurotizismus“, der emotionalen Labilität. Besonders frappant ist die Verkoppelung bei der „generalisierten Angststörung“, bei der sich die Angst verselbständigt hat und frei von Auslösern kommt und geht, wie sie will. Meist kommt erst die Angst im Leben, und wenn sie nicht vergehen will, gesellt sich in späteren Jahren die Depression hinzu. Auch Studien haben nun ergeben, dass Menschen während einer Depression ihr Denken auf die Vergangenheit fokussieren. Haben Menschen hingegen Angst, so gehen ihnen vor allem zukünftige Ereignisse durch den Sinn, die sie als Bedrohung empfinden. Vergangene Dramen stimmen also eher depressiv, künftige ängstlich! (A.Pomeranz, P.Rose: Is depression the past tense of anxiety? Int Journal of Psych, DOI: 10.1002/ijop.12050). Therapeutische Folgerungen zeigen zeitlich in die Mitte: Das achtsame Fokussieren auf die Gegenwart, auf das, was gerade in diesem Moment, im Hier und Jetzt geschieht, hilft sowohl gegen Angst als auch gegen die Depression!  Die verschiedensten Meditationsformen sind dazu häufig ein wirksames Instrument: Erst kürzlich (2023) berichteten US-Wissenschaftlerinnen im Fachblatt «Jama Psychiatry», dass das Meditationsprogramm «Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion» (MBSR) bei bestimmten Angsterkrankungen ebenso erfolgreich sein kann wie das Antidepressivum Escitalopram. Das gleiche Programm wurde schon mit besserer Schmerzregulation und mit Linderung von Migräne in Verbindung gebracht. Speziell die Yoga-typische Kombination aus Bewegung, Atemübungen und/oder Meditation scheint sich auf leichte und moderate Depressionen oder Angstzustände positiv auszuwirken, zumindest als ergänzende therapeutische Massnahme.

    Soziale Phobie

    Durch unsere evolutionäre Entwicklung und Biologie kann man sinnvoll die Soziale Angst erklären. Die Biologin Mary Jane West-Eberhard sagt dazu, dass unsere Fähigkeit zur Moral uns einen evolutionären Vorteil gebracht hat, weil sie uns bessere Partner verschafft. Wir alle suchen unentwegt nach den bestmöglichen Partnern für unsere Gruppe, unsere Projekte und natürlich die Liebesbeziehung. Und wir wollen jemanden, der gut ist, ehrlich, vertrauenswürdig, empathisch und der viele Ressourcen hat, die er mit uns teilen kann. Das ist soziale Selektion, sie führt zur Fähigkeit, moralisch zu handeln, zu lieben und sich zu binden.

    Und sie führt dazu, dass es uns sehr wichtig ist, was andere über uns denken… Dies wiederum zieht oft eine erdrückende soziale Angst nach sich.

    „All die Jahre habe ich mich gefragt, warum zum Teufel sich Menschen mit sozialer Angst so viele Sorgen darüber machen, was andere über sie denken. Die Antwort ist, dass die Evolution uns derart geformt hat: Wir denken sorgfältig und unentwegt darüber nach, was andere über uns denken, und versuchen, es anderen recht zu machen. Früher habe ich zu meinen Patienten mit Angststörung gesagt: Andere Leute denken gar nicht so viel über Sie nach! Warum sind Sie eigentlich so ichbezogen? Als ich es besser wusste, begann ich zu sagen: Sie sind eine sehr sensible Person, und das ist etwas Wunderbares. Es gibt Menschen, die es nicht interessiert, was andere über sie denken. Die sind das Problem, nicht Sie. Augenblicklich fingen meine Patienten an zu sehen, dass sie etwas Wertvolles an sich hatten und nicht fehlerhaft waren.“ (Randolph Nesse, Mitbegründer der evolutionären Medizin in Der Zeit, 12/23)

    Achtung: Disease Mongering

    In der Bevölkerung sind Angststörungen weit verbreitet. Grosse Studien zeigen, dass jede vierte befragte Person in ihrem Leben schon an einer Angststörung litt. Hier ist Achtsamkeit angebracht, um nicht dem „Disease Mongering“, meint: der Problem- und Mengenausweitung zu unterliegen. Krankheiten werden ins Gespräch gebracht und dann „verkauft“… Von der Pharmaindustrie in letzter Zeit massiv betrieben – so auch bei der „Sozialen Phobie“! Dasselbe gilt auch beim ADHS, der Glatze, Schüchternheit, Restless-Legs-Syndrom und der Impotenz… Bereits ein simpler Namenswechsel von der altbekannten „Schüchternheit“ zur „Sozialen Phobie“ hat weitreichende Folgen für die Einschätzung der „Krankheit“! So glaubten Teilnehmer einer Studie (M.E. Young et al.: The role of medical language in changing public perception of illness. PLoS ONE, 3/12, 2008, e3875) nicht nur, dass etwa „Hyperhidrosis“ oder „Androgenetische Alopezie“ sehr viel ernster zu nehmende Krankheiten seien, als ihre alltäglichen Namensvettern, sondern sie befürchteten obendrein, dass die mit medizinischen Fachausdrücken beschriebene Wehwehchen auch noch besonders selten sind. Ältere, bereits etablierte medizinische Fachbegriffe hatten diesen Effekt allerdings nicht (hier also „übermässiges Schwitzen“ oder „männlicher, genetischer Haarausfall“). Neuerdings hat sich also die Soziale Phobie als häufigste Angststörung entpuppt. Hauptsächlich das Sprechen in der Öffentlichkeit oder vor einer Gruppe fällt den Betroffenen extrem schwer, da sie eine Riesenangst vor den kritischen Blicken und dem vermeintlich vernichtenden Urteil ihrer Zuhörer haben. Auch die Kontaktaufnahme für Gespräche mit anderen Personen ist schwer beeinträchtigt, weil Patienten mit Sozialer Phobie befürchten, Dummheiten zu sagen und sich lächerlich zu machen. Es handelt sich um ein stilles Leiden, auf das sich nicht selten noch eine Depression aufpfropft. Es ist wichtig zu wissen, dass Betroffene der „wahren“ Sozialen Phobie vermehrt Suizidgedanken haben und gehäuft Suizidversuche unternehmen. Die Soziale Phobie kann mit zentralen Beziehungskonflikten des Menschen zusammenhängen. Dieser Beziehungskonflikt hat drei Komponenten: Die erste ist der Wunsch, „Ich möchte mich zeigen und Bestätigung bekommen.“ Dieser Wunsch, sich vor anderen zu bewähren, ist den Betreffenden meist gar nicht bewusst, weil in diesen Situationen die Angst dominiert. Der Wunscherfüllung steht eine bestimmte Erwartung – die zweite Komponente – entgegen: „Die anderen werden schlecht von mir denken.“. Daher rührt die Vermeidung, die dritte Komponente. In der Therapie geht es deshalb zentral darum, den verschütteten Wunsch nach sozialer Bestätigung wieder bewusst zu machen und ihn in einen Zusammenhang mit der sozialen Angst zu bringen.

    Klimaangst: Panik oder Verleugnung

    Immer häufiger begegnet mir bei Mitmenschen (wie auch bei mir) eine neue Angst, eine neue Art Weltschmerz, ein enormes Ohnmachtsgefühle durch die Klimakrise, die immer deutlicher und bewusster wird. Diese Angst ist primär eine sehr reale Angst (wie die, wenn ein wirklicher Löwe vor uns stehen würde) – sie steigert sich nun aber bei nicht wenigen in eine Panik – oder eben ins Gegenteil, in die Verleugnung.

    Manche Forscher sehen übrigens inzwischen einen Zusammenhang zwischen unserem Individualismus, dem zu mehr Konsum führenden Versprechen auf Selbstverwirklichung und der Umweltkrise. Es kann nun sogar sein, dass herkömmliche Psychotherapie-Ansätze Teil des Problems sind. Damit wurde auch mit geholfen, eine Kultur des Egoismus und der monströsen, mit fossilen Brennstoffen betriebene Wirtschaft, von der diese Kultur abhängig ist, zu erschaffen.

    Eine neue Art Psychotherapie sollte zunächst  klar machen, dass es darum geht, „die Ungewissheit auszuhalten“, die das Problem hervorruft, also über die „Reptilienhirn“-Reaktionen von Panik oder eben Verleugnung der Klimakrise hinauszukommen.

    Es tut uns nicht gut, diese Angst zu ersticken. Es tut uns nicht gut, vorzugeben, sie sei nicht existent. Stattdessen schauen wir uns an, was dahinter steckt. Und was hinter dieser Panik steckt, ist die Angst vor Verlust.

    Der Wendepunkt ist die Anerkennung meiner eigenen Sterblichkeit und dann auch der Sterblichkeit meiner Umgebung, meines Umfelds. Es ist die existentielle Angst vor dem Tod. Menschen neigen in der Folge dazu, sich zu öffnen, wenn sie sich den Themen Tod und Katastrophe stellen. Sie werden weniger panisch und sie können wieder produktiv aktiv werden und (gemeinsam) etwas gegen die Klimakatastrophe in Angriff zu nehmen. Denn es wird eine enorme kollektive Anstrengung nötig sein, die ohne all die individuellen nicht zu denken ist.

    Ängste nach der Krebsdiagnose

    Mit der Angst ist es so eine Sache. Sie wird kleiner, je mehr man sich ihr nähert. Deshalb lohnt es sich, behutsam auf das zuzugehen, vor dem man sich fürchtet: Was genau macht mir Angst? Sind es die nächsten Behandlungsschritte, die anstehen? Nebenwirkungen, die nach der Chemotherapie oder Bestrahlung auftreten könnten? Graut es mir vor allem davor, anderen zur Last zu fallen? Oder fürchte ich insgeheim, mich äusserlich zu verändern? Was hilft, ist, sich den bedrohlichen Gedanken zu stellen. Nimmt die Angst überhand, sollte man sich dafür psychotherapeutische Unterstützung holen. Eine meiner Patientinnen fürchtete sich am meisten davor, sie könnte eines Tages tot in ihrer Wohnung liegen und niemand findet sie. Dabei ruft ihre Schwester täglich an und würde sofort merken, wenn sie nicht ans Telefon geht. Die Frau musste das Szenario gezielt zu Ende denken, um ihm den Schrecken zu nehmen. Es ist immer besser, den Scheinwerfer in die Dunkelheit zu richten und sich das, wovor man sich fürchtet, einmal genau anzusehen. Bei den meisten weckt eine Krebserkrankung Gedanken an die eigene Endlichkeit – selbst wenn die Prognose gut ist. Erstaunlich vielen gelingt es, die Angst vor dem Tod zu bewältigen. Einigen hilft es, die eigene Beerdigung zu planen. Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht mit dem Thema befassen möchten. Manche können durch einen veränderten Bewusstseinszustand existenzielle Ängste bewältigen: An der Johns Hopkins University im US-amerikanischen Baltimore nahmen Krebspatienten begleitet von einem Psychotherapeuten den Wirkstoff Psilocybin ein, der in sogenannten magic mushroomsenthalten ist, also psychoaktiven Pilzen. Ähnliche Studien wurden in der Schweiz bereits mit LSD durchgeführt. Durch die Substanz schafften es die Patienten, eine neue Perspektive einzunehmen. Sie konnten die Widrigkeiten, die mit der Krankheit kamen, besser akzeptieren – und das auch noch Monate später. Einige kamen auf ihrem psychedelischen Trip sogar zu Einsichten, die ihre Einstellung zum Tod von Grund auf veränderten. Es geht aber auch weniger radikal: Hypnose kann ebenfalls erwiesenermaßen Ängste bei Krebspatienten lindern. Weiterlesen >>>

    Generalisierte Angststörung (GAD)

    Das Generalisierte Angstsyndrom (monatelang ununterbrochen anhaltende Angst und unnötige Sorgen) kommt einher mit eigentlichen Panikattacken, d.h. abgegrenzte, plötzliche Perioden mit Ängstlichkeit oder Furcht (ohne klare Ursache oder Phobie) mit diversen körperlichen Symptomen während der Attacken: Atemnot, Herzklopfen oder -rasen, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust, Erstickungs- oder Beklemmungsgefühlen; Übelkeit, Durchfall, Reizdarm; Benommenheit, Schwindel oder Gefühl der Unsicherheit oder der Unwirklichkeit, Kribbeln in Händen oder Füssen, Hitze- und Kältewellen, Schwitzen, Schwäche, Zittern oder Beben, Furcht zu sterben, verrückt zu werden oder während einer Attacke etwas Unkontrolliertes zu tun. Gemäss DSM-IV bzw. -V handelt es sich bei der GAD um eine übermässige Angst und Sorge (bezüglich mehrere Ereignisse oder Tätigkeiten), die während mindestens sechs Monaten an der Mehrzahl der Tage auftraten. Die Person kann die Sorgen nur schwer kontrollieren. Mindestens drei der folgenden Symptome kommen hinzu: 1. Ruhelosigkeit 2. Leichte Ermüdbarkeit 3. Konzentrationsschwäche oder Leere im Kopf 4. Reizbarkeit 5. Muskelspannungen 6. Schlafstörungen Obwohl sie die Angst im Namen trägt, zeigt sich die GAD meist nicht primär mit diesem Symptom! Körperliche Symptome, Schmerz, Schlafstörungen und Depression (in 90% bei der GAD auch vorhanden!) zeigen sich prominenter und zuerst! Deshalb wird die GAD in der Hausarztpraxis zu selten erkannt.

    Angst als Teenagerproblem

    Angststörungen haben Depressionen in den USA als häufigstes Teenager-Problem überholt. Was, wenn man es positiv sieht, auch damit zu tun haben  könnte, dass Teenager Hilfe suchen, wenn sie Angst haben. Diese  beruhigende Erklärung ist aber zu einfach, meinen Schulpsychologen: Wahrscheinlich liegt der Anstieg wirklich daran, dass mehr Teenager ernsthaft überfordert sind. „Es gibt nie den Punkt, an dem sie sagen können: Jetzt habe ich genug getan, jetzt kann ich aufhören“, sagt Suniya Luthar, Psychologie-Professor an der Arizona State University.

    Gleichzeitig wird Angst als Krankheit immer noch stärker unterschätzt als Depression, weil Angst – nun, normal und nachvollziehbar scheint. Es gibt wahrlich genug Gründe, aus denen Menschen sich fürchten können, und die Grenze zur Störung ist manchmal nur hauchdünn. Wenn man Glück hat und wie Jake in einer privilegierten Umgebung aufwächst, landet man als Angstpatient in einer behutsam geführten Institution mit Maltherapie und Achtsamkeitsübungen. Angstgeschüttelte Teenager aus schwächeren Schichten müssen einfach klarkommen oder sind Lehrern sogar willkommen, weil sie als schüchtern gelten und weniger Ärger machen.

    Smartphones und Social Media sind weitere Faktoren, die Ängste schüren. Smartphones geben eine Illusion von Kontrolle, aber  Facebook, Instagram etc sind das perfekte Medium, um sich ständig mit anderen zu vergleichen.

    Phobien

    Weitere häufige Angststörungen sind die einfachen Phobien (z.B. Furcht vor Sessel- oder Seilbahn, vor Tieren, vor dem Anblick von Blut), die Agoraphobie (Furcht vor Menschenmengen), etc..

    Therapie

    Angst ist primär ein lebenswichtiges Gefühl. Dies vor allem immer dann, wenn sie reale Gefahren anzeigt. Manchmal trauen sich die Menschen nicht, die reale Gefahr zu sehen, z.B. vor einer Trennung, einem Tod, einem atomaren Unfall. Man kann versuchen, Angst nicht mit allen „Huchs“ und „Achs“ zu zelebrieren, sondern auf etwas zu beziehen, um in ihrer Bedeutung erkannt zu sein. Angst kann immer auch als Impuls zum Nachdenken, zum Suchen genutzt werden. Also nicht gegen die Angst etwas tun, sondern aus ihr etwas machen: Um die Angst herumgehen, sie von allen Seiten angucken, ihr zuhören. Die besten drei Faustregeln sind:  Nicht versuchen, die Angst wegzumachen. Die Angst im Körper spüren. Herausfinden, was die Angst beschützen will. Was ist das Dümmste, was man tun kann? Zu sagen, sie sollen keine Angst haben. Ihnen irgendwelche Zahlen vorlesen und sagen, es sei gar nicht so schlimm. Kann ich mir die Angst abgewöhnen, da sie nur eine Gewohnheit ist? >>>

    Angst-machende oder -verstärkende Drogen absetzen!

    Beispiel Delilah: Die 16-Jährige wird von ihren Eltern zu Anna Lembke geschickt, weil sie zu viel kifft. Im Eingangsgespräch offenbart sie einen bestürzend umfangreichen Mix an Substanzen, die sie konsumiert. Ihr eigentliches Problem aber sei ein anderes: „Ich kiffe, weil ich Angst habe, und wenn Sie etwas gegen meine Ängste tun könnten, bräuchte ich das Gras nicht.“ Die Autorin befürchtet zunächst, das Mädchen werde sich gar nicht erst auf ihre Therapie einlassen, denn sie verlangt von der Jugendlichen Abstinenz – für mindestens vier Wochen. Lembke erläutert, warum: „Jede Droge, die die Belohnungspfade in unserem Gehirn so stimuliert wie Cannabis , verfügt über das Potenzial, in unserem Gehirn die Grundlinie, ab der wir Angst verspüren, zu verändern.“ Was sich beim Konsum von Cannabis so anfühle, als ob es Angstzustände lindere, könne in Wahrheit das Gefühl sein, eine Linderung der Entzugserscheinungen nach der Einnahme der letzten Dosis zu verspüren. Somit sei Cannabis die Ursache der Angstzustände und nicht ein Mittel, sie zu beheben. Vielleicht war diese Ansage genau das, was Delilah brauchte. Sie schaffte das „Dopaminfasten“ und befreite sich im Laufe der Therapie von ihren Ängsten. (Anna Lembke: Die Dopamin-Nation. Balance finden im Zeitalter des Vergnügens. Unimedica, 2022)

    Wann ist Angst vernünftig? Wann nicht?

    Das ist exakt die falsche Frage. Dafür ist es exakt der Punkt: Dass Menschen unfähig sind, ihre Gefühle wahrzunehmen, hat damit zu tun, dass sie von klein auf lernen, dass ein Gefühl wie Angst nicht sein darf. Aber wir brauchen die Angst, sie weist uns auf Gefahr hin. Beispielsweise: nicht auf die Strasse zu rennen, wenn ein Auto kommt. Doch wenn die Angst nicht sein darf, wenn wir sie unterdrücken, nimmt sie eine hinderliche Dynamik an. Wenn wir zum Beispiel einem kleinen Kind sagen: „Du musst keine Angst haben“ führt das nicht dazu, dass es sich beruhigt. Sondern dazu, dass es sich fragt, was es falsch gemacht hat. Das gilt für Kinder. Aber sollte man sich als Erwachsener nicht zusammenreissen? Im optimalen Fall sind Gefühle ein Hinweis darauf, etwas zu ändern. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, wenn wir anfangen, Gefühle zu unterdrücken, schlägt Angst in Panik um. Oder in Gewalt. Oder in Depressionen. Gefühle sind ein schlaues Warnsystem unseres Körpers. Sie weisen darauf hin, dass etwas nicht in der Balance ist. Nur hat unsere Gesellschaft einen tragischen Umgang mit unangenehmen Gefühlen wie Angst, Trauer oder Verzweiflung. Weil es für uns schwierig ist, sie auszuhalten, versuchen wir sie auszuschalten, indem wir relativieren, beschwichtigen oder uns ablenken. Und machen so alles schlimmer. Was sagt man in dem Fall seinen Kindern, wenn sie Angst haben? „Du hast Angst, und ich verstehe das. Ich habe manchmal auch Angst.“ Diese zu benennen, ist wichtig, dem Kind zu versichern, dass es okay ist, dass es Angst hat, und dass man bei ihm bleibt. (teilweise zitiert von Tanja Walliser aus der Republik vom 07.03.20)

    Nicht WAS wir erleben, sondern WIE wir wahrnehmen was wir erleben, macht unser Schicksal aus

    Wir sind keine „Opfer“ unseres Schicksals. Nicht WAS wir erleben, sondern WIE wir wahrnehmen was wir erleben, macht unser Schicksal aus! Man darf sogar – analog unserer Wut (Niemand kann dich wütend machen, ausser Du selbst!) – von unserer Angst oder unserem Glück behaupten: Niemand kann dich ängstlich oder glücklich machen, nur du dich selbst. Doch… Konstruktivismus erklärt nicht alles. Es ist immer auch ein Mischmasch zwischen einer „realen Wirklichkeit“ (der Coronavirus!) und dem Konstruierten, Projizierten… Meine Lieblings­definition der Wirklichkeit stammt vom kanadischen Philosophen Charles Taylor (*1931): „Real ist das, womit man fertig werden muss, was nicht allein deshalb verschwindet, weil es nicht den eigenen Vorurteilen entspricht. Aus diesem Grund ist das, was man im Leben unweigerlich in Anspruch nehmen muss, etwas Reales bzw. etwas so annähernd Reales, wie man es zurzeit erfassen kann.“ (Aus: Charles Taylor, «Quellen des Selbst», S. 117) Davon gibt es eine Populärversion von John Lennon: «Life is what happens to you while you’re busy making other plans.» Nach diesen Definitionen ist das Coronavirus ungemein wirklich. Wir müssen mit ihm fertig werden, obwohl wir andere Pläne hatten. (Daniel Strassberg, 31.3. in der Republik)

    Angst und Hypnose

    Hypnose ist weit mehr ist als ein billiger Trick – auch bei Angst und Depression. Ihre Wirksamkeit wurde wiederholt wissenschaftlich belegt. Es existieren mehrere Metaanalysen, das sind Auswertungen möglichst aller relevanten Studien, die es zu einem Thema gibt. Zwei Metaanalysen von 2019 stellen eine Wirksamkeit bei Depressionen und Angstzuständen fest.

    Geh an die Orte, vor denen du dich fürchtest

    „Fliehe vor dem, was bequem ist. Vergiss die Sicherheit. Lebe dort, wo du Angst hast zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt. Ich habe lange genug versucht, klug zu planen. Von nun an werde ich verrückt sein.“ ~ Rumi

    Komfort und Sicherheit sind die verlockenden Ersatzprodukte des Egos für „das Echte“. Ich werde Komfort, Miswanting und Sicherheit auch in Zeiten von nahen Kriegswirren suchen und es wird mich immer wieder enttäuschen. Obwohl sie immer versagt haben, renne ich immer noch mit pathetischer Beharrlichkeit hinter ihnen her: dieses Mal, dieses Mal …

    Die drei grossen Orte unserer Ängste

    Die drei grossen Orte der Angst des Menschen  sind:

    Sie sind in jedem Krieg schmerzlich, unverdeckt und ungeschminkt im Zentrum. Sie sind aber auch ohne Krieg immer mit Dir, mehr oder weniger, verdeckt oder bewusst. Das angstmachende Unwägbare unserer Welt schürt sie alltäglich. Die meisten wichtigen Erfahrungen widerfahren uns, ohne dass wir sie geplant oder uns für sie entschieden hätten. Wir sind der Wirklichkeit ausgesetzt, wie der Mönch am Meer in Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde. Verliebtheit, Krankheit, Naturkatastrophen, Krieg, Pandemien, oft auch die Geburt des Nachwuchses, sind Ereignisse, die in den „normalen“ Alltag einbrechen und das Leben von Grund auf verändern. Obwohl sich viele Menschen im satten Westen über die Ereignislosigkeit ihres Lebens beklagen, tun sie alles, um sich das Leben bis in den letzten Winkel verfügbar zu machen. Um alles unter Kontrolle zu haben, lebt man gesund, plant die Zukunft und sichert sich gegen alle Unwägbarkeiten ab. Falls dies einmal nicht gelingt, ist man für alle Fälle gewappnet. Man könnte die Kultur als einen riesigen Apparat verstehen, der die Macht des Zufalls und das Eintreten von unerwarteten Ereignissen verhindern und ihre allfälligen Folgen abfedern soll. Mythen waren vielleicht die ersten Versuche der Menschheit, sich gegen den Absolutismus der Wirklichkeit (Hans Blumenberg) abzusichern. Später kamen Religion, Wissenschaft, Erziehung und Medizin hinzu, um nur einige der Abwehrstrategien zu nennen. In der Philosophie gab und gibt es aber immer auch Versuche, die Unverfügbarkeit des Glücks, des Todes, der Lebensgestaltung, ja selbst des Wissens zu denken – von den Stoikern der Antike über den amerikanischen Pragmatismus bis zum Existentialismus. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts hatte das „Ereignis“ Hochkonjunktur, weil sich darin etwas zeigen soll, was durch die alltäglichen Routine verstellt ist. Aber auch auf einer viel trivialeren Ebene suchen wir in Zeiten des gefügig gemachten Lebens in Meditationskursen, Extremsportarten oder Horrorfilmen das Hereinbrechen dieser angstmachenden Ereignisse. Aber trotzdem werden die Ängste davor zur Gewohnheit, diese gefangene Energie zerstörerisch und kommt im schlimmsten Fall als Panikattacke oder generalsierte Angststörung zurück.

    Häufig bauen wir auch ein Abwehrsystem auf

    Wir versuchen auch Kontrolle über unsere Ängste, personifiziert in der Angst vor dem  Andersartigen, dem Fremden, zu erlangen und beginnen die Welt um uns in Gut und Böse einzuteilen, in Schwarz und Weiss. Wir beginnen ab- und auszugrenzen, werden zu Nationalisten, Rechts- oder Linksextreme. Diese abgrenzende Schwarz-Weiss-Malerei trifft man überall an: Wir werden Anhänger einer Sekte – oder auch nur schon Veganer und fühlen uns ganz „anders“ als die Mehrheit der Mitmenschen: ausgeschlossen, aber auch meist viel besser, edler…

    Genie als Ausweg aus der Angst

    Superstars wie Jay-Z oder Kendrick Lamar sind an Orten aufgewachsen, an denen nicht einmal ihr Überleben garantiert gewesen ist. Orte denen man nur als aussergewöhnliches Genie entkommen kann, weil es so etwas wie Chancengleichheit nicht gibt.

    „Ich habe Jay-Z einmal interviewt, und er wäre meiner Meinung nach in jedem Bereich herausragend gewesen, ob als Anwalt oder Manager. Es zeigt nur, was man draufhaben muss, um einen Ort wie die Marcy Projects zu überwinden. Und das Leben sollte so nicht sein. Man sollte nicht aussergewöhnlich sein müssen, um zu überleben.“ (die britische Schriftstellerin Zadie Smith). Man kann also in angstmachenden Orten aussergewöhnlich wachsen, selbst ein Genie werden, um zu „überleben“! Wie machen die das? Philosophen formulieren es so: Diese Grundängste können dich, wenn bewusst erlebt, auch wie Freundinnen immer wieder darauf hinweisen, dass ein „höheres Selbst“ (auch Spiritualität oder Übersinn genannt), welches über unser Ego hinausgeht, nicht sterben kann, nicht verlassen werden kann und immer den „grössten Wert“ ausmacht.

    „Auf der Angst surfen“ und neugierig bleiben

    Stelle dir Fragen wie: „Was bringt es mir, wenn ich mir Sorgen mache? “ So aktivierst du ein wirksames Gegengift gegen die Spirale aus Angst und Sorgen: die Neugier. Wichtig ist, den ganzen Körper einzubeziehen.

    Der Körper wird oft unterschätzt. Unser Kopf ist laut und erhält die ganze Aufmerksamkeit, während unser fühlender Körper im Hintergrund unser Verhalten steuert. Frage dich: Was fühlt sich besser an? Hier kommt die Neugier ins Spiel.

    Mit diesen beiden Ressourcen – die Angst fühlen und neugierig sein – lässt sich das eingeübte Muster ablegen, wie eine schlechte Angewohnheit.

    Wie surfe ich auf meinen Emotionen?

    Lass dich nicht von Emotionen überwältigen, sondern lerne, auf ihnen zu surfen wie auf einer Welle. Du zerbrichst, wenn du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist. Strebe nach oben, zum Licht und zur Luft, um atmen zu können.

    Woher weiss man, wo oben ist?

    Loslassen ist der Schlüssel. Lass den Kampf los, wehre dich nicht gegen das, was passiert ist. Gegen das Schicksal. Denn das ist der erste Impuls.

    Wenn du kämpfst und deine Energie im Kampf verbrauchst, ertrinkst du leicht. Lässt du los, treibt dein Körper an die Oberfläche. So sind wir Menschen geschaffen, in der physischen Welt und metaphorisch.

    Welche Psychotherapierichtungen?

    „Die Angst, die es uns im Leben so schwer macht, entspringt nicht nur unserem biologisch-genetischen Substrat (ein pharmazeutisches Modell), nicht nur unserem Kampf mit unterdrückten instinktiven Trieben (ein Freudscher Standpunkt), nicht nur wichtigen, von uns verinnerlichten Erwachsenen, die vielleicht nicht mitfühlend, nicht liebevoll oder neurotisch waren (eine objektbezogene Position), nicht nur gestörten Denkformen (eine Position der kognitiven Therapie), nicht nur Scherben vergessener traumatischer Erinnerungen oder aktueller Lebenskrisen, die die Karriere und die Beziehung zu bedeutsamen Mitmenschen involvieren, sondern auch der Konfrontation mit unserer Existenz.“ (aus „In die Sonne schauen“ von Irvin D. Yalom). Es ist wichtig, zu verstehen, wie therapeutische Modelle Menschen Möglichkeiten bieten, sich selbst zu beschreiben. Diese Modelle sind aber keine objektiven Beschreibungen der Psyche, sondern Hilfsmittel, um sich an ihr abzuarbeiten. Das funktioniert aber nur, wenn man an bestimmte Konzepte glaubt. Haben wir wirklich „Kernüberzeugungen“? Sind wir wirklich von unseren „automatischen Gedanken“ geprägt? Allein dadurch, dass wir solche Vorstellungen äussern, können wir sie fast wahr machen. Indem wir an die Beschreibungen glauben, ermöglichen wir es der Therapie, von der Theorie in die Praxis zu gleiten.  Gesprächstherapie kann eine Begleitung zu aktiverem, bewussterem Leben sein. Die Verhaltenstherapie: „Hören Sie auf, sich die Szene vorzustellen – und entspannen Sie sich!“ (Joseph Wolpe. 1915-97). Hintergrund: Wer entspannt ist, kann nicht zugleich Angst empfinden – d.h., Menschen können nicht zwei entgegengesetzte Gefühle gleichzeitig fühlen. Also: Wer Tiefenentspannung als konditionierte Reaktion auf ein gefürchtetes Objekt erlernt hat, kann nicht zur selben Zeit Angst empfinden! „Problem Solving Treatment“ ist eine Kurzform einer kognitiven Therapie. Sie fokussiert auf dem Hier und Jetzt und hilft Patienten ihre eigenen Fertigkeiten und Ressourcen besser zu nutzen. Es wird ihnen erklärt, dass ihre Beschwerden mit psychosozialen Problemen zusammenhängen. Gelingt es diese Probleme zu lösen, könnten sich ihre Symptome bessern. Problem Solving erfolgt in folgenden Schritten:  Klärung und Definition des Problems, Wahl erreichbarer Ziele, Lösungsoptionen generieren, Wahl bevorzugter Lösungen, Implementierung bevorzugter Lösungen, Evaluation. Wirksamkeitsstudie hier>>>

    Kritische Gedanken zur Kognitiven Verhaltenstherapie

    Die Vorstellung, dass wir unsere automatischen Gedanken in Frage stellen und anpassen können, wie in der kognitiven Verhaltenstherapie eingeübt, gibt uns das Gefühl, die Kontrolle zu haben, aber das ständige Ringen mit unseren Gedanken kann selbst zu einer schlechten mentalen Angewohnheit werden: Wenn Sie sich ängstlich fühlen, besteht die beste Herangehensweise vielleicht nicht darin, Ihre ängstlichen Gefühle zu hinterfragen oder einen rationalen Gegenangriff zu starten, sondern einfach die Angst zu bemerken und sie dann vorübergehen zu lassen. Sie verschwindet von selbst. Wenn man sie wegschiebt oder sich mit ihr beschäftigt oder sich mit ihr herumschlägt, wird sie wachsen.

    Ich bin deshalb mittlerweile ein überzeugter Vertreter einer von Achtsamkeit geprägten Theorie der persönlichen Veränderung, die ihre Wurzeln in der sogenannten buddhistischen Psychologie hat.

    Ein Therapeut mit Wissen von den „Existentiellen, Letzten Fragen“ des Lebens greift die Angst vor dem Tod, die Freiheit zur Verantwortung und die Isolation im Leben direkt auf. Wenn man aber auf die Sinnlosigkeit trifft, kann der Therapeut dem Patienten dabei helfen, „von der Frage wegzuschauen“: Lösungen für das Engagement zu suchen, statt in das Problem der Sinnlosigkeit einzutauchen und durch dieses hindurchzuschwimmen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist, wie Buddha uns gelehrt hat, nicht erbaulich. Besser wäre es, in den Fluss des Lebens einzutauchen und die Frage davonschwimmen lassen. (Lesen Sie dazu das fantastische  Buch „Existentielle Psychotherapie“ von Irvin D. Yalom) Achtsamkeitstraining, z.B. die Mindfulness-Based-CognitiveTherapy (MBCT) kann den Betroffenen einen Weg weisen, ihren Ängsten und depressiven Episoden entgegenzutreten, sich selbst aus den düsteren Gedankenzirkeln zu befreien und vor Rückfällen zu schützen. Achtsamkeit hilft, statt im Tun-Modus, im Sein-Modus offen zu sein für die Erfahrung im jeweiligen Augenblick, ohne sie verändern zu wollen. Literatur dazu: Petra Meibert: Der Weg aus dem Grübelkarussel. Achtsamkeitstraining bei Depression, Ängsten und negativen Selbstgesprächen. Das MBCT-Buch. Kösel, 2014. Siehe dazu auch die zeitliche Zusammenhang zwischen Depression und Angst – und der Ausweg über die „Mitte“, über das „Hier und Jetzt“. 2023 berichteten US-Wissenschaftlerinnen im Fachblatt «Jama Psychiatry», dass das Meditationsprogramm «Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion»  (MBSR) bei bestimmten Angsterkrankungen ebenso erfolgreich sein kann wie das Antidepressivum Escitalopram. Das gleiche Programm wurde schon mit besserer Schmerzregulation und mit Linderung von Migräne in Verbindung gebracht. Speziell die Yoga-typische Kombination aus Bewegung, Atemübungen und/oder Meditation scheint sich auf leichte und moderate Depressionen oder Angstzustände positiv auszuwirken, zumindest als ergänzende therapeutische Massnahme. Aber Achtung: Viel hilft viel, das mag für Sonnencremes gelten, aber nicht für die „Achtsamkeit“! Vielmehr kann zu häufiges oder zu lang andauerndes Training negative Effekte haben (Willoughby B. Britton: Can mindfulness be too much of a good thing? The value of a middle way. Current Opinion in Psychology, 2018. DOI: 10.1016/j.copsyc.2018.12.011). Die dabei auftretende Selbstfokussierung kann Ängste und Depressionen nach sich ziehen. Man sieht hier ein interessantes Phänomen (wie häufig bei Medikamenten auch), dass Nebenwirkungen ähnliche Bilder wie die Indikationsdiagnose selbst produzieren kann. Auch hier gilt also „Alles mit Mass!“, was schon im Fries vom altgriechischen Tempel zu Delhi stand…

    Wie beruhigt man jemanden mit Panik?

    • Hat die Person noch rationale Impulse – dann liefere ihr den Realitätscheck. Frage nach, was genau sie fürchtet. Frage weiter nach. Frage sie, was alles eintreten wird. Lass sie alle Schreckensszenarien zu Ende denken. Tu das, weil bei Panik das Denken stecken bleibt. Beharrt das Gegenüber auf dem schwärzesten Szenario, lass es Alternativen denken. Zuhören. Nicht urteilen, keine Ratschläge, nicht relativieren – einfach nur zuhören. Und bei Bedarf Nachfragen stellen.
    • Als Angehöriger hilft: umarmen und festhalten. Bei Kindern nennt man das die Bärenumarmung. Aber es klappt auch bei Erwachsenen. Je fester, desto besser. (Aus dem gleichen Grund wird Schlachtvieh zusammengepfercht – Enge beruhigt.) Mit Vorteil ist man dabei grösser und stärker als die andere Person – falls nicht, mach dich so gross wie möglich. Denn jemand Grösseres und Stärkeres gibt Sicherheit.
    • Sei streng. Bei Panik sollte man scharf einfahren – das ist immer auch ein Beziehungsangebot. Aber man muss aus der Opferrolle rauskommen – und das ziemlich rigid. Befiehl der Person zu atmen, die Füsse auf den Boden zu stellen, schick sie unter die heisse Dusche, hol sie wieder heraus, mach einen Tagesplan. (Angst richtet sich immer auf die Zukunft; zurück auf den Boden kommt man durch basismässige, körperliche Dinge.) . Dazu zwei Zusatztipps:
    • Bei Paaren spielt gelegentlich die Paardynamik. Und der Partner ist die letzte Person auf Erden, die einen beruhigen kann. In diesem Fall hilf es, eine vernünftige Nachbarin zu rufen: Denn je fremder eine Person ist, desto erwachsener werden wir.
    • Angehörige sollten die Erlaubnis zur Wut haben. Wenn sie sagen: „Jetzt reicht’s!“ Nicht zuletzt, weil Wut eine andere Energie hat. Denn Angst spielt sich, wie gesagt, in der Zukunft ab; bei Streit bist du sofort zurück in der Gegenwart. . Das Dümmste, was du tun kannst: dich von der Angst anstecken zu lassen. Die gesunde Antwort auf Angst heisst: Mut!
    • Zu gehen. Etwa mit einem Satz wie: „Ich kann dein irrationales Gerede nicht mehr hören…“ Selbst unkontrolliertes Anschreien ist besser als Gehen.
      .
    • Wie beruhigst du dich selbst? Falls die Panik dich erwischt, hast du ähnliche Möglichkeiten wie oben. Etwa:
      • Entspanne Dich! Mach die Kurzform der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson: Leg Dich ins Bett (geht auch im Sitzen, z.B. im Flugzeugsitz!), spanne die Gesässmuskeln an, balle die Hände ganz fest zu Fäusten und drücke den Kopf ins Kissen. Zähle auf 30 und entspanne dann alle Muskeln wieder. Das Ganze wiederhole etwa fünf bis sechs Mal.
      • Komm ins Hier und Jetzt! Achte auf 5 Dinge um Dich, die Du im Moment siehst. Dann auch 3 Dinge, die Du jetzt riechst. Und auch 5 Dinge, die Du um Dich abtasten kannst! Achte auf Deinen Atem – und mache ihn ruhiger, langsamer. Atme länger aus als ein! Nimm Deine Airpods aus den Ohren. leg Dein Smartphone weg und schalte es aus!
      • Sei streng mit dir. Komm aus der Opferrolle! Befiehl dir, eine alltägliche Sache nach der andern zu tun: aufstehen! Heisse Dusche! Kaffee machen! Et cetera. Es ist auch hilfreich, wenn du auf dich wütend wirst.
      • Beruhige dich wie ein Kind. Sei geduldig mit dir. Denn Angst ist etwas Natürliches.
      • Ruf jemanden an. Angst isoliert. Sie schrumpft, wenn man sich verbindet. Denn was in Notlagen wirklich hilft, ist Gemeinschaft. Angst trennt. Aber Gemeinschaft hebt Angst auf. (zitiert von Dorothee Wilhelm aus der Republik vom 07.03.20)

    Es existieren auch organische Krankheiten, die eine Angstsymptomatik zur Folge haben:

    Organische Angstursachen

    Gemäss einer Untersuchung (Arch Intern Med, März 97) litten über die Hälfte der Patienten mit der Diagnose „Panikattacke“ unter einer Herzrhythmusstörung mit schnellem Puls, der sog. paroxysmalen supraventrikulären Tachykardie, die während Jahren nicht erkannt worden war! Dann kann das Ganze natürlich auch durch Einnahme von Drogen oder auch von Arzneimitteln verursacht sein!

    • Kaffee und Koffein in jeglicher Form ist eine der Drogen, die am stärksten empfindlich auf Ängste macht. Mit Angststörungen sollte man Kaffee meiden!

    Was kann man sonst noch tun?

    • Benütze Deine Airpods nur noch daheim gezielt für Onlinemeetings, im Homeoffice oder für YouTube oder einen Podcast – draussen nicht mehr. Dein Kopf wird durch das ständige Tragen von Airpods stets gefüllt. Sie nehmen Dir Deinen inneren Frieden. Du kannst gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Alles Dinge, die Deine Angst steigern.
    • Anregung des Speichelflusses kann eine Panikattacke beenden. Mit Einsetzen einer vermehrten Salivation (z.B. mit Zitronensaft, sauren Bonbons, Kaugummi,…) wird der X. Hirnnerv, der Vagusnerv angeregt. Dieser ist der „Herrscher“ des parasympathischen Teils des vegetativen Nervensystems. Dadurch wird der sympathische Systemteil gehemmt und damit die Panikattacke, die diesem Teil zugehörig ist, leichter.
    • Rennen hilft sehr gut gegen krankhafte Panik – „Wegrennen“ oder Flüchten quasi: d.h. im Anfall sofort losrennen (und damit der Angst und dem schnellen Puls einen „Grund“ geben) und auch zwischendurch viel Lauftraining.
    • Schaukeln hilft: ein bis zwei Stunden täglich im Schaukelstuhl verbringen, beruhigt ungemein (wie der Säugling in den Mutterarmen)!
    • Schafft man es durch ein gewisses mentales Training, während der Attacke positive Tagträume zu initiieren, kann man sich manchmal frühzeitig aus diesem Anfall „ausklinken“.
    • Auch Kava-Kava-Extrakt (Pfefferartige Pflanze aus dem Pazifik) ist zur Behandlung generalisierter und diffuser Angstzustände mit körperlicher und vegetativer Symptomatik geeignet. Organische Ursachen oder endogene Depressionen sollten dabei ausgeschlossen sein. Als Stufenschema kann Kava-Kava im Anschluss an eventuell primär gegebenen Benzodiazepinen genommen werden (nie in der Schwangerschaft). Im Gegensatz zu den Benzodiazepinen weisen Kava-Kava-Extrakte kein Suchtpotential auf, besitzen jedoch vergleichenden Studien zufolge eine ähnlich hohe Wirksamkeit. Eine Sedierung tritt ebenfalls nicht auf. Autofahren oder Arbeiten an Maschinen sind ungestört möglich.
    • Nachrichten sehen (TV, Internet oder Zeitschriften) kann Ängste fördern! Eine Fitnessstudio-Kette in den USA lässt nicht zu, dass die Menschen beim Sport auf ihren Bildschirmen Nachrichten sehen. Das vertrage sich nicht mit der „Health Philosophy“ des Unternehmens. Dahinter steckt also die Annahme, dass es ungesund ist, Nachrichten zu sehen. Ob das wirklich stimmt, ist aus wissenschaftlicher Sicht noch unklar. Immerhin scheint erwiesen, dass Journalisten, die sich bei ihrer Arbeit regelmässig mit extremer Gewalt beschäftigen, öfter unter Problemen wie Angststörungen und Depressionen leiden. Gleichzeitig gilt aber auch, dass das häufige Betrachten solcher Bilder Menschen desensibilisiert. Inwiefern Nicht-Journalisten dieses Problem haben, ist wissenschaftlich aber noch nicht geklärt. Ein wichtiger Aspekt ist aber, dass die meisten Studien dazu vor Trumps Amtsantritt gemacht worden. Die Nachrichten sind seitdem deutlich stressiger geworden…
      Hier einige Websites, die sich speziell den „Good News“ widmen:
      https://cdn.repub.ch/pdf/2020/01/01/gute-nachrichten.pdf
      https://www.telegraph.co.uk/good-news/
      https://krautreporter.de/3151-99-gute-nachrichten-von-denen-du-2019-wahrscheinlich-nichts-mitbekommen-hast
      https://www.goodnewsnetwork.org/
      https://nur-positive-nachrichten.de/
      https://www.positive.news/

    • Ernährung: Eine grosse Studie scheint hier sehr interessant. Sie liefert zwar auch keine endgültigen Beweise, scheint aber Hinweise zu liefern, dass Menschen, die weniger Kohlenhydrate und mehr Obst essen, weniger unter Ängsten und Depressionen leiden. Was den Forschern ein neues Rätsel aufgibt, weil Kohlenhydrate die Produktion von Serotonin fördern (einer der Gründe dafür, warum Schokolade glücklich macht). Klar scheint immerhin, dass es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Stimmung gibt.

    Interessante Literatur zum Thema:

    • David Servan-Schreiber: Die neue Medizin der Emotionen: Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente, 2003, Goldmann.
    • Panikattacken – Angst ohne Grund? Ursachen, Therapie, Praktische Hilfe zur Selbsthilfe, Christine Barsch/Inga-Maria Richberg, Mosaik-Verlag, 1996
    • Ängste verstehen und hinter sich lassen. Wie Sie belastende Ängste und Depressionen aufgeben, eigene Stärken entdecken und endlich Ihr Leben leben. Cornelia Dehner-Rau, Harald Rau, Trias, Stuttgart 2007 – sehr gelungen und alltagstauglich! Botschaft: Die Befreiung aus dem „inneren Gefängnis“ ist realisierbar!
    • Thorsten Glotzmann erzählt mit Selbstironie von den Erkenntnissen aus Philosophie, Wissenschaft und Spiritualität, die seine diffuse Angst erträglicher gemacht haben: Thorsten Glotzmann: Herr G. hat Angst. Und macht sich auf eine Reise durch Philosophie, Wissenschaft und Spiritualität.
    • Da ein „depressiver Zustand“ sehr viel Nähe zu Ängsten hat, lesen Sie auch: www.dr-walser.ch/depression/

    Die allgegenwärtige Angst vor dem Tod

    Jason, 8jährig auf die Frage, warum wir Angst vor der Dunkelheit hätten:

    „Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit, sondern vor Sachen in der Dunkelheit. Man weiss ja nie, was um die Ecke springen kann, wenn man nichts sieht. Also haben wir eigentlich Angst vor der Ungewissheit.“ (PhiloMag, 06/2021)

    Todesangst und Angst vor der Dunkelheit sind nah verwandt – „Es ist das Unbekannte, das wir fürchten, wenn wir auf den Tod und die Dunkelheit blicken, nichts weiter.“ (J.K. Rowling)

    Es ist nicht möglich, das wirklich Unbekannte zu fürchten. Was ich fürchte, ist nicht das Unbekannte, sondern das, was ich mir ausdenke, dass es passieren wird. Im Falle des Todes stelle ich mir vor, wie es wäre, nicht zu existieren; das macht mir eine Heidenangst. Wer wäre ich ohne meine kostbare, selbst geschaffene Identität?

    Das zerrissene Netz. Die letzte Zeichnung an der Dr. med. Anna Regula Hartmann-Allgöwer bis zu ihrem Tod 2025 gearbeitet hat.

    Die Angst vor dem Tod ist meiner Meinung nach allgegenwärtig, fest in uns verankert, prägt den innersten Kern unseres Seins. Sie spielt eine wesentlich grössere Rolle in unserer Psyche als gemeinhin angenommen wird. Ich glaube, dies ist unmöglich ganz auszumerzen. Dennoch können Therapeuten eine grosse Hilfe für Patienten mit übermässiger Todesfurcht sein. Wir können zwei Dinge tun: die Angst vor dem Tod lindern und die Erfahrung, sich des Todes bewusst zu werden als Weckruf nutzen, um auf mannigfaltige Weise persönliches Wachstum zu fördern. Ich werde mich hier kurz auf einige der wichtigsten Ideen konzentrieren, mit denen wir die Angst vor dem Tod vielleicht durch die Macht von Gedanken mildern können. Das Symmetrie-Argument Dafür stehen uns Therapeuten viele Argumente zur Verfügung, manche von ihnen sind seit über zwei Jahrtausenden Teil des Kanons der abendländischen Zivilisation. Epikur (341- 270 v. Chr.), einer unserer grossen Vorfahren im Geiste, entwickelte eine Reihe davon. Betrachten wir nur eines, das besonders überzeugend ist: Das »Symmetrie-Argument« in dem darauf hingewiesen wird, dass wir uns nach dem Tod im selben Zustand befinden wie vor unserer Geburt. Viele haben diesen Gedanken im Lauf der Jahrhunderte weiter ausformuliert. Keiner aber schöner als Vladimir Nabokov, der russische Romancier, der in seinen Memoiren schreibt, das Leben sei nur ein kurzer Lichtfunke zwischen zwei Ewigkeiten aus Dunkelheit. Diese beiden Ewigkeiten sind identisch und doch betrachten wir sie seltsamerweise ganz unterschiedlich: Voller Angst und Zittern beschäftigen wir uns mit der zweiten Dunkelheit und schenken der freundlicheren, vielleicht sogar tröstlichen ersten Dunkelheit kaum Beachtung. Ungelebtes Leben und die Angst vor dem Tod Wenn ich mit Patienten arbeite, die grosse Angst vor dem Tod haben, stelle ich oft schon am Beginn der Therapie folgende Frage: »Können Sie mir sagen, was genau Sie am Tod am meisten ängstigt?« Die Antworten sind sehr unterschiedlich und eröffnen häufig neue therapeutische Wege. Zum Beispiel hört man oft: »All die Dinge, die ich nicht getan habe.« Falls man dieser Entgegnung auf den Grund geht, ergibt sich ein für den Therapeuten sehr aufschlussreicher Gedanke: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausmass der Angst vor dem Tod und dem Ausmass, in dem man sich selbst verwirklicht hat. Je mehr Leben das Individuum bei sich selbst für ungelebt hält, desto grösser ist die Furcht vor dem Tod. Daher kann die Linderung dieser Furcht oft darin bestehen, dass der Therapeut dem Patienten hilft, sich zu verwirklichen. »Werde, der du bist«, sagte Nietzsche (und bezeichnete dies als einen seiner »granitenen Sätze«). Ich empfehle, den Gedanken therapeutisch zu nutzen. Wellen schlagen Wellen schlagen ist das Phänomen, konzentrische Wirkungskreise zu erzeugen, die andere über Jahre, Generationen, unendlich lange beeinflussen können. Ohne bewusste Absicht oder Kenntnis hinterlassen wir etwas von unserer Lebenserfahrung, irgendein Merkmal, eine Spur von Weisheit, eine gute Tat, Anleitung, Trost, etwas, das sich auf andere überträgt, so wie die von einem in den Teich geworfenen Kiesel verursachten Wellen sich ausbreiten, bis sie nicht mehr sichtbar und trotzdem auf einer Nano- Ebene noch wirksam sind. Die Vorstellung, etwas von uns zu vermitteln, auch ohne unser Wissen, ist eine Antwort an diejenigen, die behaupten, unsere eigene Endlichkeit bedeute unweigerlich Sinnlosigkeit und Schrecken. Natürlich meine ich nicht, dass unsere persönliche Identität erhalten bleibt. Der Wunsch danach, so stark er auch sein mag, ist vergeblich: Vergänglichkeit ist ewig. Therapeuten und andere Menschen in helfenden Berufen sind sich des Wellenschlagens oft besonders bewusst, wenn sie feststellen, dass sie nicht nur ihren Patienten helfen, sich zu verändern und zu wachsen, sondern damit auch eine Kettenreaktion von diesen Patienten zu anderen in Gang setzen – zu Kindern, Ehepartnern, Schülern und Freunden. (aus dem „Panamahut“ von Irvin D. Yalom)

    Todesangst bestimmt unsere Kultur

    Was lässt uns zu Helikoptereltern werden, warum raffen wir Reichtümer zusammen, warum schreiben wir Bücher oder spritzen uns Botox? Weil wir Angst vor dem Tod haben. Das Wissen um unsere Endlichkeit treibt uns jeden Tag an – selbst beim Shoppengehen. Ich habe, also bin ich (noch). Wir wollen alle nicht sterben, nicht mal die, die für einen gelassenen Umgang mit dem Tod plädieren – wie die Interviewpartner im folgenden Stück. Auch wenn sie ganz darauf vertrauen, dass unser Ende auch der Anfang für etwas Gutes sein kann. Sie haben sich eingehend damit beschäftigt. Wie genau sie die Angst vor dem eigenen Vergehen angegangen sind, bleibt zwar etwas im Nebulösen, aber mir gefällt in erster Linie, dass sie uns wieder einmal darauf hinweisen, warum wir machen was wir tun – jeden Tag. Was all dem zugrunde liegt. Das auch Konsum so ein Todvermeidungsgebaren ist. Klamottenkaufen. Brauche ich wirklich das achte Paar Chucks? Oder gebe ich da nur Geld aus, um mich zu trösten? Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Buch der Psychologie-Professoren Solomon, Greenberg und Pyszczynski der University of Arizona „Der Wurm in unserem Herzen – Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Lesen beeinflusst“. Interessantes Detail aus den von ihnen zitierten Studien: „Wenige Minuten, nachdem sie sich mit ihrer Vergänglichkeit befasst hatten, verlangte es Männer stärker nach ungeschütztem Sex und nach mehr Partnern oder Partnerinnen.“ Da sage nochmal einer, die Alleingänge unseres Unterbewusstseins wären nicht wahr und totaler Schmarrn! „Todesangst bestimmt unsere Kultur. Das spiegelt sich in Körperkult und Jugendwahn. Gier, Zeitnot, Hektik, das Gefühl, etwas zu verpassen, die Panik, dass einem die Zeit davon läuft, der Druck, dass man unbedingt Kinder bekommen will oder dass man ein Werk schaffen muss – dahinter steckt immer die Angst: Mein Gott, ich werde verschwinden, es muss dringend irgendetwas von mir weiterleben!“ (tabuthema-tod-1.pdf & tabuthema-sterben-2.pdf).

    Sich selbst gut kennen lindert die Angst vor dem Tod

    Eine Studie mit rund 2000 Teilnehmenden zeigte, dass Menschen, die sich selbst gut kennen, weniger Angst vor dem Tod haben. Das Gefühl, dass das Leben sinnvoll ist, hilft auch gegen die Angst vor dem Tod. Die Ergebnisse legen nahe, dass der Zusammenhang zwischen empfundenem Lebenssinn und Todesangst komplexer ist, als bisher angenommen. Die Wissenschaftler arbeiteten mit der These der sozialpsychologischen Terror Management Theory, nach der Menschen sich Sinn fürs Leben schaffen, weil sie dann weniger Angst vor dem Tod haben. In den vier Studien beantworteten die Teilnehmenden Fragen wie, ob sie sich von sich selbst entfremdet fühlten und welche Auswirkungen dies auf ihre Angst vor dem Tod habe. Es zeigte sich, dass diejenigen, die ein Gefühl von Sinn im Leben und eine geringe Selbstentfremdung empfanden, am wenigsten Sorgen über ihren Tod machten. (Joseph Maffly-Kipp et al: When meaning in life protects against fear of death: The moderating role of selfalienation. Journal of Personality, 2023. DOI: 10.1111/ jopy.12875)

    PTBS – posttraumatische Belastungsstörung

    Das Gefühl, bedroht zu sein, niemandem vertrauen zu können, begleitet Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) durch ihre Tage und ihre Nächte. Grauenvolle Erinnerungen drängen sich in ihr Bewusstsein. Viele fühlen sich abgestumpft, gefühlstaub. Sie ziehen sich zurück. Sie gehen dem Gespräch über das Geschehene aus dem Weg. Oft sind frühe Missbrauchs- und Gewalterfahrungen die Ursache für die Erkrankung.

    Vielleicht sollten wir viel weniger über unsere Probleme reden

    Der US-Psychiater Bessel van der Kolk ist einer der renommiertesten und bekanntesten Traumatherapeuten. Zu seinen Verdiensten gehört es, den Blick auf die Erkrankung der Postraumatischen Belastungsstörung zu weiten und zu erkennen, dass nicht nur Kriegsveteranen davon betroffen sein können, sondern auch viele Menschen, die in ihrer Kindheit Missbrauch und Gewalt erfahren haben. In diesem Interview geht es um die Frage, was Traumata sind, und warum so viele Menschen in der westlichen Welt fest daran glauben, dass psychische Probleme sich am besten über Gesprächstherapien und Medikamente lösen lassen – und was es für Alternativen gibt.

    Schreckliche Ereignisse, so van der Kolk, werden nicht automatisch zu Traumata – es müssen Gefühle von Machtlosigkeit und Verlassenheit dazukommen. In der Frage der Heilung steht er Medikamenten eher kritisch gegenüber:

    „Traditionelle Psychopharmaka können sehr wichtig und hilfreich sein, wenn jemand schwere Symptome hat. Aber sie tun eben nicht mehr, als Symptome zu lindern, sie lösen nichts.“

    Ebenso zweifelt er an der Wirksamkeit therapeutischer Gespräche:

    „Zu wissen, warum alles falsch gelaufen ist, macht es nicht rückgängig. Es mag hilfreich sein, zu verstehen, welche Fehler man gemacht hat oder was man Schlimmes erlebt hat. Aber gelöst ist dadurch erst mal nichts.

    Damit es Menschen besser geht, müssen die Wege im Gehirn verändert werden, damit sie nicht mehr durch kleinste Reize in ihr traumatisches Erlebnis zurückgeworfen werden. Sie müssen körperlich spüren, dass es Vergangenheit ist und dass sie jetzt sicher sind. Das klappt aber meist nicht, indem man nachdenkt und redet (…)  Eine Traumatisierung passiert auf diesem Level, es ist eine sehr primitive Reaktion, weswegen der Verstand hier nur ganz schwer eingreifen kann. Auch nach Hunderten Gesprächen nicht.“

    Er empfiehlt eher andere, körperliche Methoden, Yoga zum Beispiel, Kampfsport, Tanzen und Theater. Auf die Frage, warum das funktionieren soll, sagt er:

    „Wieso funktioniert darüber sprechen? Ich finde es immer interessant, dass in unserer Kultur überhaupt nicht angezweifelt wird, dass und wie Sprachtherapie funktioniert, während alles andere sich erst einmal rechtfertigen muss. Auch die Wirkung von Medikamenten wird kaum hinterfragt. Die Wirkungsweise von Prozac zum Beispiel, eines der bekanntesten Antidepressiva, sei medizinisch nur teilweise verstanden, werde aber trotzdem gerne von Ärzt:innen verschrieben.“

    Deutschland, findet van der Kolk übrigens, habe das Trauma des Zweiten Weltkriegs ziemlich gut verarbeitet.

    „Die Deutschen sind viel weniger traumatisiert als noch vor einigen Generationen, auch weil sie ihre Kinder ganz anders behandeln als früher. Kinder bekommen heutzutage viel Aufmerksamkeit, ihnen wird zugehört. Eltern bemühen sich sehr, Sicherheit zu vermitteln, anstatt ständig zu drohen und zu strafen. Die ganze Kultur des Lernens hat sich völlig verändert, zum Glück. Und auf diese Weise ist die ganze Gesellschaft viel freier und freundlicher geworden.“ (Süddeutsche Zeitung)

    MDMA bei PTBS

    Nun weckt auch eine Partydroge neue Hoffnung: MDMA, in den 1980er-Jahren der Hauptbestandteil von Ecstasy (heute enthalten die Pillen oft auch andere Substanzen). Das Kürzel steht für Methylendioxymethylamphetamin. Der Stoff macht die Psychotherapie von PTBS wirksamer, das zeigte jetzt ein Forschungsteam um die Neurologin Jennifer Mitchell von der University of California. 2023 veröffentlichte es seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature Medicine. Die Patienten hatten zusätzlich zu einer Psychotherapie dreimal MDMA bekommen. Nach 18 Wochen waren 71 Prozent der Teilnehmenden so weit genesen, dass sie die Diagnosekriterien für PTBS nicht mehr erfüllten. In der Kontrollgruppe, die zusätzlich zur Psychotherapie ein Placebo-Mittel bekam, war das nur bei 48 Prozent der Fall. Zugleich wurden andere Nebenwirkungen wie eine körperliche Abhängigkeit nicht beobachtet. Im Sommer 23 bereits hatte die australische Zulassungsbehörde die Traumabehandlung mit MDMA erlaubt – als erste weltweit. Zugleich genehmigte sie die Therapie von Depressionen mit Psilocybin, dem Wirkstoff aus psychoaktiven Pilzen. Was sonst starkes Eingreifen des Therapeuten erfordert, geht mit MDMA oft fast wie von allein. Das Mittel wirkt wie ein Katalysator. Es löst die Angst vor der Erinnerung und, wichtiger noch, die Hemmung, darüber zu sprechen. Was genau dabei im Körper der Patienten vor sich geht, ist noch nicht vollständig erforscht. Klar ist, dass MDMA die Ausschüttung der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin im Gehirn erhöht und, besonders wichtig, die von Oxytocin. Jenem Hormon also, das Bindung und Vertrauen fördert. Der Stoff erleichtert den Patienten also die harte Arbeit der Konfrontation mit ihren Erlebnissen. Die Substanzen öffnen ein Fenster, das man in der Psychotherapie dann noch weiter aufdrücken kann.

    Weltschmerz

    In einer Zeit, in der wir mit Nachrichten über Kriege, politische Veränderungen und Konflikte konfrontiert werden, kann sich ein Gefühl der Überforderung und des Unbehagens breitmachen. Besonders in Zeiten des Rechtsrucks und der Eskalation des Nahost-Konflikts scheint alles zu viel zu sein. Dieses Gefühl, das viele von uns kennen, hat einen Namen: Weltschmerz. Kann man ihn heilen? Darüber hat Salon5, die Jugendredaktion von CORRECTIV mit der Psychotherapeutin Marlene Huemer gesprochen. Sie zeigt auch verschiedene Möglichkeiten auf, wie man mit Weltschmerz umgehen kann. In einem Beitrag auf Instagram präsentieren die jungen Menschen von Salon5 einige dieser Möglichkeiten. Ihr wichtigster Tipp: Weniger Zeit in den Sozialen Medien verbringen. Und, auch wenn es zu einfach klingt: Spazieren gehen!

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    Wertvolle Links:

    Veröffentlicht am 17. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    01. Januar 2026