der Check-up: Sinn und Unsinn

oder: Wer viel misst, misst auch viel Mist!

 

Wenn sich eine vitale Dreissigerin oder ein kerngesunder Vierziger einem Check-up unterziehen, dann prüfen Ärzte und Ärztinnen auf Herz und Nieren und wissen schon: Sie finden nichts.

 

Es ist schön, Gesunde bei einem Check-up zu untersuchen und ihnen schliesslich zu bestätigen, dass es ihnen tatsächlich gut geht. Störend ist allenfalls, dass im Wartezimmer Kranke warten, mit Schmerzen, Risiken und Ängsten. Bedenklich ist es vielleicht, wenn Patientinnen und Patienten nicht mehr von sich aus wissen, wie es ihnen geht. Haben wir etwa die Kunst vergessen, unsere eigene Befindlichkeit zu spüren und in uns hineinzuhorchen? Denn eigentlich wäre es ja meine Frage, die ich als Arzt gerade stellen wollte: Wie geht es Ihnen? Wenn Sie uns nicht mitteilen können, wo es fehlt, dann können wir als Ärztinnen und Ärzte dies schon gar nicht sagen.

 

Wer hängt eigentlich so, sehr am Check-up? Vielleicht ist er noch ein Relikt aus jener Zeit, als man in der Medizin alles für machbar hielt. Und als man meinte, die moderne Diagnostik könne buchstäblich in den Körper hineingehen. Viele denken heute noch so, einige haben diese Meinung der Realität zuliebe aufgegeben. Der lebendige Organismus funktioniert nicht nach der «Servicementalität», wie dies bei einem Auto der Fall ist. Tatsache ist jedoch, dass die Kassen, die Lebensversicherungen, das Strassenverkehrsamt und viele Arbeitgeber immer noch den Generaluntersuch als Bedingung für den Erhalt des Führerausweises oder für eine Höherversicherung verlangen. Und eine weitere Tatsache ist, dass die Ärzte ungern auf den Check-up verzichten: Sie verdienen glänzend daran. Und so wird sich der Check-up wohl noch eine Weile in der medizinischen Landschaft behaupten können (Eben hat eine Spezialistenvereinigung, die im Raume Zürich massiv Reklame für sich macht und arg absahnt ein "Check-up-Zentrum" eröffnet! Welch medizinischer Unsinn - und welche Goldgrube... verschiedenorts als "Executive Check-up" angeboten, kostet bis zu 3500 Franken und enthält neben einer Vielzahl von Tests auch eine Computer- oder Magnetresonanztomographie (CT, MRI) des gesamten Brust- und Bauchraums - notabene Untersuchungen, die eine 200fache (!) Strahlenbelastung eines Thoraxröntgenbildes aufweisen: also ein "Check-up", der neue Risiken schafft als diese auszuräumen!).

 

 

Infarkt nach normalem EKG

Se non è vero, è buon trovato. Man erzählt sich die Geschichte immer wieder: Ein beschwerdefreier Mann geht zum Herzspezialisten und wünscht eine kardiologische Generaluntersuchung. Dieser untersucht ihn nach allen Regeln der Kunst, er hört ihn ab, macht ein EKG, dann den Belastungstest, schaut mit dem Herzultraschall und entnimmt ihm Blut. Schliesslich kann er nach bestem Wissen und Gewissen mitteilen: Ihrem Herzen geht es ausgezeichnet. Aber nicht viel später kommt es zu einem fatalen Herzinfarkt.

 

Ein ärztlicher Untersuch bei Menschen ohne jegliche Beschwerden bringt selten etwas an den Tag. Ein schlechtes Herz, das bei den erwähnten kardiologischen Untersuchungen krankhafte Befunde zeigt, kündigt sich an. Es meldet sich mit Angina pectoris-Schmerzen bei körperlicher Anstrengung, mit Atemnot, mit deutlich reduzierter Leistungsfähigkeit, mit geschwollenen Füssen. Ein Krebs in einem fortgeschritteneren Stadium macht sich bemerkbar, und so lange er sich noch nicht bemerkbar macht, findet man ihn in aller Regel nicht, und wenn man ihn findet, dann ist es meistens schon reichlich spät. Es gibt - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - keinen Suchtest im Sinne einer Krebsfrüherkennung. Ebenso gibt es keinen Bluttest, der auf das Vorhandensein eines bösartigen Tumors irgendwo im Körper hinweist. Die sogenannten Tumormarker, Bluteiweisse, die auf bestimmte Krebsarten hinweisen sollen, haben sich für ein Screening als ganz und gar unzuverlässig herausgestellt.

 

 

Viele Tests sind unsinnig

Was bedeutet Screening? Man versteht darunter eine breit angelegte Suchmethode nach einer bestimmten Krankheit. Die in Frage kommende Bevölkerung soll dabei möglichst vollständig diesem Suchtest unterzogen werden. Die zytologische Untersuchung des Abstrichs vom Gebärmutterhals ist ein solches Screening (siehe auch meine Site dazu). Die Messung des Augendrucks bei älteren Menschen gehört ebenfalls dazu, wie auch die typischen Hausarzttätigkeiten des Blutdruckmessens, der Blutzucker. und Blutfettbestimmung und der Blickdiagnose einer Adipositas. Aber viele solcher Tests, die auch Sinn machen und einfach durchzuführen sind, gibt es nicht. Und mancher derartige Untersuch, noch unlängst regelmässig durchgeführt, ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar und wird aus dem Repertoire der Präventivmediziner gestrichen. In Tabelle 1 sind die heute gängigen und gebräuchlichen Untersuchungen zusammengestellt. Eine gute und ausführliche Arbeit darüber finden Sie hier: Hunziker S, Hengstler P, Zimmerli L, Battegay M, Battegay E. Check-up-examinations in internal medecine. Internist. 2006;47:55-65.

 

Es geht hier nicht darum, Angst zu verbreiten, aber die Illusionen sind gefährlich. Es geht auch nicht darum, Patientinnen und Patienten vom Praxisbesuch fernzuhalten; sie sollen gehen, wenn sie sich ängstigen oder schlecht fühlen. Es ist aber unerlässlich, dass wir alle wieder lernen, mehr in uns selber und in unser Gespür zu vertrauen. Mindestens solange man gesund ist und auch so lebt, sollte man. sich selbst mehr vertrauen als seinem Arzt. Mancher Patient oder manche Patientin, die sich bei uns untersuchen lassen, sehen in einem unauffälligen Check-up und in einem normalen Screeninguntersuch geradezu einen Freibrief, die bisherige ungesunde Lebensart munter weiterzuführen. Es ist ja alles in Ordnung: Die Ärztin hat gesagt, das Rauchen habe mir nichts angehabt. Screening, so scheint es mir, ist häufig ein Ritual, um mit der Angst vor Krebs und Krankheiten fertig zu werden.

 

 

Check-up gegen die Angst - hidden agenda

Hinter jedem Wunsch nach einem Check-up verbirgt sich ein Grund. Häufig ist es Angst. Weit wichtiger als der Untersuch an sich ist es, dieser Angst auf die Spur zu kommen und mit den Patientinnen und Patienten das Gespräch darüber zu finden. Ich beginne mein Gespräch beim Checkup-Wunsch des Patienten deshalb häufig mit dem Satz: "Es existieren zwei Risiken, die für den "Checkup" wichtig sind: ein familiäres (siehe unten) und ein persönliches. Sind Sie in letzter Zeit grosse gesundheitliche Risiken eingegangen?!" Hier hat dann plötzlich Platz, dass der Mann in letzter Zeit eine Prostituierte besucht hat (und nun fürchtet, eine Geschlechtskrankheit aufgelesen zu haben) - oder hatte unsicheren Sex mit einer "Unbekannten" - oder nahm "irgendeine" Droge an der letzten Party. Dies gehört zur "hidden agenda" seines Wunsches nach einem Checkup. Sehr oft erweist es sich dann auch, dass ein Bekannter oder Verwandter eine bestimmte Krankheit hat, die man nun fürchtet. Oder die Lebensumstände haben einen grossen Wandel genommen und zur Verunsicherung geführt. Oder am Fernsehen wurde wieder einmal über eine gefährliche Krankheit aufgeklärt. Oder eben: Der frühere Hausarzt hat den Check-up empfohlen, mindestens einmal jährlich.  "Hidden agenda" bezeichnet seitens des Patienten nicht deklarierte  Beweggründe für einen Arztbesuch. Hierzu gehören auch Erwartungen, Gefühle und Ängste, welche dem Arzt nicht ohne weiteres preisgegeben werden. Mögliche Hinweise auf eine noch nicht entdeckte "hidden agenda" können sein: spürbare oder geäusserte Unzufriedenheit des Patienten; häufiger Arztwechsel; häufige Konsultationen ohne Veränderungen des klinischen Status; Patienten, welche übertrieben durch ihre Symptomatik beeinträchtigt zu sein scheinen; "schwierige" Patienten. Das Erkennen einer "hidden agenda" verhindert unnötige, fruchtlose, im schlimmsten Fall falsch positive Abklärungen, die mit dem Konsultationsgrund eigentlich nicht im Zusammenhang stehen (mehr dazu von Edouard Battegay im Schweiz med Forum 2004;4:196-199 -> check_up.PDF ).

 

 

Gespräch als Alternative

Also kann auch der an sich unsinnige Check-up durchaus mal Sinn machen. Im Gespräch zwischen Ärztin und Patient wird erörtert, was zur Konsultation geführt hat, was genau ist der Grund, warum gerade jetzt, was sind die Erwartungen, Hoffnungen, Ängste? Und um allfällige Befürchtungen zu zerstreuen, dürfen schon mal einige wenige und einfache Tests durchgeführt werden. Dann gibt es das Gespräch über allfällige Missverständnisse und Illusionen, was den Check-up und die Screening-Untersuchung betrifft. Im weiteren kann aufgrund früherer schwerer Krankheiten, auch in der nächsten Verwandtschaft, das persönliche Risiko abgeklärt und ein Untersuchungsplan besprochen werden. Und schliesslich ist es durchaus sinnvoll, auch einmal über die Lebensgewohnheiten zu sprechen: das Rauchen, den Sport, das Übergewicht, den Alkohol, die Essgewohnheiten usw. Und wenn Sie dann als Patientin oder Patient von dieser Konsultation und vom Gespräch etwas von all dem nach Hause nehmen können, dann hat sich der Gang zum Arzt gelohnt. Vielleicht kann man dann diese Art von «Check-up» anstelle des bisherigen periodischen Generaluntersuchs wärmstens empfehlen.

 

Und noch was: Bei erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten sind regelmässige Untersuchungen nötig. Solche Risikokonstellationen liegen etwa vor, wenn in der Familie gewisse Krankheiten aufgetreten sind, von denen man weiss, dass sie familiär gehäuft vorkommen. Wenn etwa ein Verwandter ersten Grades (Eltern, Geschwister oder Kind) an Dickdarmkrebs erkrankt oder verstorben ist, sind entsprechende Untersuchungen alle paar Jahre angezeigt. Siehe speziell dazu über den Brustkrebs. In Tabelle 2 sind die Risikogruppen und die empfohlenen Untersuchungen zusammengefasst.

 

 

Tabelle 1: Die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen

Was: Wer: Wie oft:
Blutdruck alle ab dem 21. Altersjahr alle 3-5 Jahre Messung in Arztpraxis - ev. häufiger, falls in Familie metabolisches Syndrom
Cholesterin + weitere Blutfette a) Männer und Frauen ab 40 Jahren ohne Risiko
b) ab 20 Jahren für Personen, die rauchen oder mit familiärer Belastung für Herzkrankheiten oder erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck.
a) alle 5 Jahre Blutfettmessung
b) nach ärztlichem Rat, mind. alle 5 Jahre
Blutzucker
(Diabetes mellitus)
über 40 Jahre: übergewichtige Patienten mit einer familiären Belastung für Zuckerkrankheit (Diabetes) Nüchternblutzucker, ev. HbA1c, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Bauchumfangmessung Männer über 94 cm
Frauen über 80 cm
Kontrollen gehen zusammen mit Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker!
Brustkrebs:
a) Selbstuntersuchung
b) medizinische Untersuchung
c) Mammographie
Hohes Risiko haben Frauen mit einer Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kind) mit Brustkrebs, der vor 40 Jahren aufgetreten ist oder 2 Verwandte 1.Grades vor 60.
a) alle Frauen
b) alle Frauen
c) lesen Sie dazu meine spezielle Site
Bei hohem Risiko: genetische Beratung und jährliche Mammographie nach 35-50jährig!
a) ideal ist monatlich nach der Menstruation
b) bei gynäkologischer Routinekontrolle
c) allgemein sehr umstritten (siehe hier!)
Eierstockkrebs Hohes Risiko haben Frauen mit 2 Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester, Tochter) mit Eierstockkrebs jeden Alters oder ein Fall von kombiniertem Brust- und Eierstockkrebs oder 1 Verwandte 1.Grades mit Eierstockkrebs jeden Alters und 1 Verwandte 1.Grades mit Brustkrebs unter 50. genetische Beratung und jährlich CA 125, Mammographie und Ultraschall!
Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom)
(lesen sie auch!)
3 Jahre nach Beginn Geschlechtsverkehr bis 65--70jährig 1. und 2. Jahr jährlich, dann 3-jährlich Krebsabstrich (PAP).
Hodenkrebs
(Anleitung hier!)
alle Männer ab Pubertät siehe Anleitung!: oft.
Dickdarmkrebs
 (kolorektales Krazinom)
Hohes Risiko bei einem Verwandten 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) mit Dickdarmkrebs, der vor 40jährig auftrat - oder 2 Verwandte 1.Grades vor 70 - oder familiärer adenomatöser Polypose (FAP). Zwischen 60 und 70jährig (v.a Männer): Stuhluntersuchung auf Mikroblutspuren jährlich, Dickdarmspiegelung auf ärztlichen Rat (siehe unten speziell!)
Augendruck (grüner Star) a) alle ab 50
b) Grüner Star in Familie, Diabetes, schwere Fehlsichtigkeit
a) alle 5 Jahre anlässlich Augenkontrolle
b) ab 40 Jahren, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Hautkrebs (Melanom) siehe Risikogruppe auf ärztlichen Rat
Prostatakrebs Männer ab 50 Jahren - bei familiärem Vorkommen: ab 40 je nach erstem Resultat (siehe meine Seite dazu!

 

Tabelle 2: Risikogruppen

Anstelle von allgemeinen Empfehlungen werden heute viele Vorsorgeuntersuchungen gezielt für Risikogruppen empfohlen:

Hautkrebs Brustkrebs Dickdarmkrebs Herz-Kreislauf-Krankheiten
Personen, in deren direkter Verwandtschaft Hautkrebs vorgekommen ist, Hellhäutige, Lichtempfindliche, die häufig einen Sonnenbrand erlitten haben oder die oft in Aequatornähe waren und kaum braun werden, sowie Patienten mit vielen "Leberflecken" oder Flecken, die asymmetrisch, grösser als 5 mm sind oder sich schnell verändern oder wachsen. (ausführlicher hier) Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Nichtraucherinnen. Durch regelmässige Selbstuntersuchung können viele Formen frühzeitig erfasst werden. Eine Röntgendarstellung der Brüste (Mammographie) wird Frauen über 35 mit bekannter Brustkrebserkrankung der Mutter oder Geschwister vor deren Abänderung empfohlen. Bei allen übrigen Frauen ist sie als Screening-Methode stark umstritten (siehe hier!) Über 50jährige, in deren Familie Darmkrebs vorgekommen ist, oder Frauen, die bereits an einem Tumor der weiblichen Geschlechtsorgane oder der Brüste erkrankt sind, sowie solche mit einer bekannten entzündlichen Darmerkrankung sollten jährlich Stuhlproben auf versteckten Blutverlust untersuchen lassen. Bei Dickdarmkrebs in der direkten Verwandtschaft sollten regelmässig Darmspiegelungen veranlasst werden (wieviel und wann genau: siehe hier unten!). Angehörige von Familien, in denen gehäuft Erkrankungen der Herzkranzgefässe oder Schlaganfälle vorgekommen sind, sowie Raucher und Übergewichtige und junge Glatzenträger sollten sich regelmässig bezüglich Blutdruck, Zuckerkrankheit oder einer Fettstoffwechselstörung untersuchen lassen. Das Ruhe-EKG hat praktisch keinen Vorhersagewert, ob jemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Seine Bedeutung liegt darin, die Ursache bestimmter Brustschmerzen zu erklären.

 

 

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Tabelle 3: Überwachung Dickdarmkrebsgefährdeter (kolorektales Karzinom) Familien:

Kriterien Methode Alter
1 Verwandte 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder)
über 40jährig (bei  Auftreten des Dickdarmkrebses
nichts tun -
1 Verwandte 1.Grades
unter 40jährig
Coloskopie alle 5 Jahre Beginn mit 25 Jahren
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter >70
nichts -
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 60-70
einmalige Coloskopie 55 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 50-60
Coloskopie alle 5 Jahre 35-65 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter unter 40
Coloskopie alle 3-5 Jahre 30-65 Jahre
3 nahe Verwandte Coloskopie alle 2 Jahre 25-65 Jahre
Familiäre adenomatöse Polypose (FAP) Coloskopie jährlich 12-40

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 09.09.2009


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