Autor: Dr. med. Thomas Walser

  • Longcovid und Postcovid

    Longcovid und Postcovid

    Der Unterschied zwischen Post und Long-Covid ist rein zeitlich: Man spricht von Long-Covid, wenn Covid-19-typische Symptome über einen Zeitraum von vier Wochen nach der Infektion auftreten. Haben Patientinnen und Patienten drei Monate nach ihrer Erkrankung immer noch Beschwerden, spricht man von einem Post-Covid-Syndrom.

    Long-COVID: Risiko kaum noch vorhanden

    Neue Daten aus den Niederlanden belegen: Langzeitfolgen nach einer SARS-CoV-2-Infektion treten nur noch selten auf. Das berichten Forscher in The Lancet Regional Health – Europe.

    Im Rahmen der laufenden VASCO-Kohortenstudie verglichen sie die Daten von 5.621 SARS-CoV-2-Infizierten mit ebenso vielen nicht infizierten Erwachsenen. Die Infektionen ereigneten sich zwischen September 2023 und Januar 2024. Ein Jahr lang berichteten die Teilnehmer regelmässig über 23 mögliche Symptome wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Konzentrationsprobleme. Alle sechs Monate liessen sie zudem Bluttests durchführen.

    Die Überprävalenz anhaltender Beschwerden bei Infizierten im Vergleich zur Kontrollgruppe betrug nach 90 Tagen 0,2 %, nach 180 Tagen 0,5 %, nach 270 Tagen 0,7 % und nach einem Jahr 0,0 %. Keiner dieser Werte war statistisch signifikant – das Risiko für Post- oder Long-COVID war also nicht erhöht.

    Die Forscher erklären den Rückgang mit Impfungen, früheren Infektionen und milderen Virusvarianten. Die Daten zeigen: Wer sich 2023 mit dem Coronavirus infizierte, hatte kaum ein höheres Risiko für langfristige Beschwerden als Nicht-Infizierte.

    Post-Covid ist bis 2022 nicht selten und nicht harmlos

    Dies war bis 2022 noch komplett anders: Eine Metastudie von März 2022, die 81 Studien zusammenfasst, zeigt, dass 30% der Covid-Erkrankten nach 6 Monaten noch Erschöpfung verspüren und 20% an kognitiven Beeinträchtigungen leiden. Besonders bemerkenswert: Es gab kaum Unterschiede zwischen Hospitalisierten und mild Erkrankten.
    Eine systematische Analyse, an der über 80 Forschungs­institute weltweit beteiligt waren, schätzt, dass etwa 6 Prozent der Infizierten drei Monate nach einer Infektion noch an Fatigue, kognitiven Störungen oder Atemwegs­problemen litten. Nach einem Jahr waren es noch 2-3%.

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    mehr dazu weiter unten >

    In der Post-Covid-Sprechstunde des Unispitals Zürich sind 80% weiblich und zwischen 25 und 40 Jahre alt. Frauen leiden doppelt bis dreifach häufiger an Post-Covid, da wohl ihr Immunsystem stärker reagiert als das der Männer.

    Durch die Impfungen und die etwas weniger krankmachende Variante Omikron konnte das Risiko zwar deutlich gesenkt werden, wie jüngst eine Schweizer Studie herausfand. Spätfolgen sind aber nach wie vor relativ häufig. Sechs Monate nach einer Infektion mit Omikron leiden noch rund 11 Prozent der Geimpften an Symptomen. Bei der Wildtyp-Variante waren noch 25 Prozent betroffen. Dementsprechend haben sich 2022 die Wartezeiten in den zahlreichen Post-Covid-Sprechstunden kaum verändert, und Kranke müssen weiterhin monatelang auf einen Termin warten.

    Brain Fog, Erschöpfung und mehr…

    6 bis 15% (mind. bis 2022) aller Covid-Kranken erleiden ein „Long Covid“ oder „Post Covid Syndrom“, was bedeutet, dass sie während 8–10 Monaten an einer Fatigue und Hirnfunktionsstörungen (Brain Fog) leiden. Viele davon sind nicht mehr in der Lage, zu lesen oder E-Mails zu beantworten. Laut der WHO liegt Long Covid vor, wenn die Beschwerden innert dreier Monate nach einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten, mindestens zwei Monate andauern und nicht mit anderen Ursachen erklärt werden können. Einen monatelangen Verlust des Geruchssinns beklagen fast alle. Sehr typisch sind auch Depression und Angst, was vorher ein unbekanntes Problem für sie war. Vereinzelt kamen Wortfindungsstörungen vor oder die Unfähigkeit, einem Gespräch zu folgen. Beim Versuch einer körperlichen Aktivität erleben Betroffene anschliessend eine massive Verschlechterung der Erschöpfung, waren noch knapp in der Lage, den Briefkasten zu leeren. Sie konnten nur noch liegen und beim Aufstehen treten Pulsrasen und Ohnmachtsanfälle, ein sogenanntes POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom), auf. Häufig leiden sie unter schweren Schlafstörungen, seltener unter andauernder Atemnot.

    Eine Studie der Universität Oxford zeigte kürzlich, dass sogar Menschen, die sich nach ihrer Covid-Erkrankung wieder gesund fühlten, in kognitiven Tests schlechter abschnitten als Nichterkrankte. Vor allem das Gedächtnis und die Fähigkeit, sich über eine gewisse Zeit zu konzentrieren, litten nach Covid-19 während mindestens sechs Monaten. Schon letzten Sommer hatte eine britische Untersuchung Ähnliches gezeigt.

    Weiterlesen über Brain-Fog: piqd.de/gesundheit/brain-fog-das-am-meisten-missverstandene-covid-symptom

    Was ist nun bereits eine „krankhafte Erschöpfung“?

    Hören Sie diesen Podcast von Radio Atlantic. Er zeigt Ihnen, dass krankhafte Erschöpfung einer normalen Erschöpfung so ähnlich ist wie ein leichter Regenschauer einem Tsunami, der alles niederreisst. Das ist nicht übertrieben. Der Wissenschaftsjournalist Ed Yong, der dazu intensiv recherchiert hat, sprach mit Menschen, die ernsthaft abwägen mussten, ob sie es sich leisten konnten, ein Glas Wasser zu trinken – weil sie später dann die Kraft aufbringen mussten, um zur Toilette zu gehen.

    Neben der Tatsache, dass Yong die körperlichen Mechanismen hinter krankhafter Erschöpfung beschreibt, wie sie auch bei Long Covid auftreten kann, ist auch absolut wichtig, dass Menschen, die darunter leiden, genau die Dinge nicht helfen, die bei „normaler“ Erschöpfung gut tun: Schlafen, Ausruhen, Bewegung. Beziehungsweise: Schlafen und Ausruhen müssen sie sich, aber sie erfahren dabei längst nicht die gleiche Erholung wie Menschen, die sich einfach nur im Fitnessstudio überanstrengt haben oder überarbeitet sind. Ihre Körper sind zu dieser Erholung gar nicht fähig, manche sind sogar gleichzeitig total erschöpft und extrem angespannt.
    Bewegung wiederum, das Mittel, zu dem selbst Ärzt:innen diesen Menschen raten, verschlimmert das Problem.
    Was den Menschen am besten hilft, ist eine mühsam erarbeitete Mässigung, bei der sie genau wissen, wie viel Energie sie aufwenden können, bevor es zu viel ist.

    Eine grosse Schwierigkeit dabei ist die fehlende Anerkennung einer Gesellschaft, die meint, Durchhalten, Durchbeissen und Überwindung sei das beste Mittel gegen Müdigkeit.

    Fatigue-Symptome

    Post-Covid-Symptome sind vielfältig

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    Quelle: More than 50 long-term effects of COVID-19: a systematic review and meta-analysis

    Wie lange muss ich bei einer Erkrankung mit Symptomen rechnen?

    Die gute Nachricht: Bei den meisten Patienten tritt innerhalb von sechs bis zwölf Monaten eine Besserung ein. Nur ein kleiner Prozent­anteil wird chronische Beschwerden entwickeln, die Jahre andauern könnten und die dem sogenannten Chronic-Fatigue-Syndrom ähnelten.
    Eine globale Analyse kommt zum Schluss: War die Covid-19-Erkrankung mild, so dauerte Long Covid bei der Hälfte der Patientinnen etwa vier Monate. Nach einem Jahr hatte nur eine von sieben Betroffenen noch Beschwerden.
    Allerdings muss die Besserung nicht geradlinig verlaufen. Symptome können kommen und gehen. Nach einer Zeit der Besserung kann wieder eine Verschlechterung eintreten. «Corona-Coaster» nennen das Expertinnen und Betroffene – eine Corona-Achterbahn.

    Gehören meine Symptome zu Post-Covid – und wie gross ist mein Risiko LC zu entwickeln?

    Das Modell zur Einschätzung des Post-COVID-Risikos, Unispital Zürich USZ-Immunologie:
    Sie (und auch Ärzt*innen) können mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens das Long-COVID-Risiko besser vorhersagen: pacs-score.com

    Vorbedingungen, die eher zu Post-Covid führen

    Diabetes mellitus & der Epstein-Barr-Virus. Sars-CoV-2 ist fähig, einen altbekannten Übeltäter zu reaktivieren, der untätig in uns schlummert: das Epstein-Barr-Virus. Der Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers wird mit zahlreichen Autoimmun­erkrankungen wie etwa der Multiplen Sklerose in Verbindung gebracht und gilt als mögliche Ursache für das chronische Erschöpfungs­syndrom (CFS).

    Ursachen von Long- oder Post- Covid

    Eine Hypothese ist, dass Post-Covid eine gesteigerte pathologische Immunreaktion zu sein scheint, bei der auch, wie bei vielen anderen Krankheiten, eine chronische Entzündung ein zentraler Mechanismus ist. Dieser Zustand ist durch Müdigkeit (Brain Fog), Überempfindlichkeit und Übererregbarkeit gekennzeichnet (siehe auch die Ähnlichkeit zur Neuroinflammation).

    Daraus ergibt sich auch ein Lebensstil als Therapie, der entzündungswidrig ist – und eigentliche Resets für unseren Körper beinhaltet (siehe unten).

    5 Hypothesen, was hinter Long Covid stecken könnte

    Eine Möglichkeit ist, dass es sich bei Long Covid um eine anhaltende Virusinfektion handelt. Es gibt mehr als hundert Veröffentlichungen, in denen Forscher Teile des Virus oder seines Erbguts noch Monate nach der Infektion in verschiedenen Organen nachgewiesen haben.

    Die zweite Hypothese ist die sogenannte Autoimmunität. Es ist bekannt, dass verschiedene Viren eine Immunreaktion auslösen können, die sich gegen den eigenen Körper richtet. Dazu scheint auch Sars-CoV-2 zu gehören.

    Die dritte Möglichkeit ist, dass im Körper schlummernde Viren wie Epstein-Barr-Viren oder andere Herpesviren reaktiviert werden. Das ist bei einer Untergruppe von Long-Covid-Patienten definitiv der Fall.

    Und die vierte Theorie ist, dass die akute Corona-Infektion zu chronischen Veränderungen und Schäden in verschiedenen Organen führt. Dazu gehört auch eine pathologische Veränderung unseres Pilz-Mikrobioms im Dickdarm.

    Und last but not least:
    Das sogenannte Komplementsystem. Dieses besteht aus mehr als 30 Proteinen und ist Teil des angeborenen Immunsystems. Es wird aktiviert, sobald eindringende Viren oder Bakterien bekämpft werden müssen, es sorgt auch dafür, dass beschädigte oder infizierte Körperzellen beseitigt werden. Normalerweise kehrt das Komplementsystem nach getaner Arbeit schnell wieder in den Ruhezustand zurück.
    Nicht so bei den Long-Covid-Patienten. Bei ihnen bleibt das Komplementsystem überaktiv – und richtet dabei grosse Schäden an: Es aktiviert die Blutplättchen und begünstigt sogenannte Mikrogerinnsel, es schädigt die Innenwand der Blutgefässe, das sogenannte Endothel, es zerstört auch rote Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren. Ein weiterer interessanter Befund: Bei anfänglichen Long-Covid-Patienten, die nach sechs Monaten aber keine Symptome mehr hatten, war das Komplementsystem zum zweiten Zeitpunkt wieder zur Ruhe gekommen.
    Die Zürcher Forschenden haben auch Hinweise darauf gefunden, was das Komplementsystem auf Trab hält: einerseits Antikörper gegen körpereigene Strukturen, sogenannte Autoantikörper, andererseits vermehrt zirkulierende Antikörper gegen schlummernde Viren wie das Epstein-Barr-Virus (EBV) oder das Cytomegalovirus (CMV).
    Diese Erkenntnisse passen sehr gut zu den beschriebenen Symptomen von Long-Covid-Patienten: zur erhöhten Gerinnungsneigung, zur beobachteten Immunaktivierung, zur Unfähigkeit, Anstrengung zu tolerieren, oder auch zur Schädigung verschiedenster Zellen und Organe. 

    ME/CFS

    Screenshot

    Die schwerste Form von Post-Covid ist eine bekannte, jedoch verdrängte Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation nahm sie schon 1969 in ihren internationalen Klassifizierungs-Katalog auf. Die ersten Fälle traten in den Fünfziger nach einer Polio-Epidemie in London auf. Viele Menschen, vor allem Frauen, wurden nach ihrer Polio-Infektion bettlägerig, litten unter unerklärlichen Schmerzen an unterschiedlichen Stelle und konnten nicht mehr aufstehen. Die Ärzte vermuteten damals, es sei eine Art »Pandemie-Hysterie«. Der Grund sei eine schwache Psyche.

    Wir gehen davon aus, dass die sogenannten postakuten Infektionssyndrome, zu denen auch ME/CFS gehört, die Folge verschiedener Infektionen sein können. ME/CFS, das wussten wir schon vor Korona, kann von verschiedenen Viren, Bakterien und Parasiten getriggert werden, zum Beispiel von EBV und Grippe, nach Chlamydien, aber auch von Borrelien, die von Zecken übertragen werden. Korona ist nun ein weiteres Mitglied dieser Gruppe. Das zeigt, dass wahrscheinlich nicht ein einzelnes Oberflächenmolekül oder etwas Ähnliches für diese Infektionssyndrome verantwortlich sein kann. Die Infektionen sind nur eine Art Trigger.

    Heute weiss man noch etwas zweites, dass ein Frauenüberschuss (Frauen erkranken doppelt bis dreimal so häufig wie Männer!) darauf hindeutet, dass es sich um eine übertriebene Reaktion des Immunsystems handeln muss. Denn Östrogene, von denen Frauen logischerweise mehr haben als Männer, stimulieren das Immunsystem; das weibliche Immunsystem ist also aktiver. Die Betroffenen haben Schmerzen, in Gliedern, Kopf und sonst wo. Viele können sich nicht konzentrieren, sind chronisch müde, haben Herzrasen oder Atembeschwerden, ertragen Licht nicht. Einhergehend mit dem Umstand, dass sich ihr Zustand verschlechtert, wenn sie sich anstrengen.

    60% der Erkrankten sind arbeitsunfähig.

    Die Erschöpfungskrankheit trägt den Namen ME/CFS, Myalgische Enzephalomyelitis mit Chronischem Fatigue-Syndrom.

    Im Vergleich zu Krankheiten, die ähnlich häufig sind, ist ME/CFS wenig erforscht:

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    Fortbildung USZ vom 19.03.2024

    Das Chronische Fatigue-Syndrom trifft Millionen von Menschen, und es ist lange bekannt. Doch Patientinnen wurden psychologisiert, stigmatisiert und falsch behandelt. Erst Long Covid brachte ein Umdenken > super recherchierte Arbeit der Wissenschaftsjournalistin Theres Lüthi (Republik, 08.01.25)

    Therapieansätze

    Es gibt ein Vorbild für die Therapie bei Post-Covid, nämlich die Schmerztherapie. Früher wurden unerklärliche chronische Schmerzen mit immer stärkeren Medikamenten behandelt. Dem lag das einfache Modell zugrunde, dass Schmerzen einfach organisch abgestellt werden müssten. Heute geht man davon aus, dass im chronischen Schmerz sowohl die organischen Ursachen als auch die sozialen und psychischen Umstände mitberücksichtigt werden sollten. Bei dem einen mehr diese, bei der anderen mehr jene Komponente. In einer multimodalen Schmerztherapie werden Schmerzmedikamente, Physiotherapie und Psychotherapie also gemeinsam eingesetzt. Für die Patientinnen und Patienten ist genau dies womöglich der entscheidende Schritt, um mit Post-Covid besser leben zu können.

    Mässige, aber regelmässige Bewegung hilft beim Post-Covid. Diese Muskelaktivität führt über diverse komplizierte Vorgänge (siehe folgende Abbildung, die sich auf die verwandte Neuroinflammation bezieht) zu einer starken Verbesserung.
    Die übermässige, leistungsbetonte Bewegung (Leistungssport) verstärkt hingegen die Long- oder Post-Covid-Symptome durch Ausschüttung der Hormone Cortisol, Adrenalin und Entzündungsstoffe, wie die Zytokine! Deshalb spricht man bei der Bewegungsaufnahme bei Fatigue von Pacing:
    Diese Tipps gegen die krankhafte Müdigkeit/Fatigue bringen Sie weiter:
    altea-network.com/long-covid/ratgeber/fatigue/

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    (Copyright Prof. Jürgen Sandkühler, Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität, Wien; http://cbr.meduniwien.ac.at)

    Auch eine spezielle entzündungswidrige Ernährung, d.h. viele Pflanzen, wenig Alkohol und wenig Fleisch, viele Bitterstoffe (Polyphenole, wie schwarze Schokolade, Kaffee, bittere Öle (Lein-, Raps-, Olivenöl) verbessert die Post-Covid-Überreaktion. Dies entspricht in etwa der „mediterranen Ernährung“.
    Die vegetarische (oder sorgfältig vegane) Ernährung ist hier optimal, auch dass unsere Darmflora besser wird.
    Die Darmflora – das Mikrobiom – besteht aus Bakterien, aber auch aus Pilzen. Ein Ungleichgewicht dieser Darmpilze könnte für die überschiessenden Entzündungs­reaktionen bei Patienten mit schwerem Covid-19 oder Long Covid verantwortlich sein, wie Forscherinnen 10/23 im Fachblatt «Nature Immunology» berichteten. Sie beobachteten, dass Individuen mit schwerem Krankheits­verlauf eine erhöhte Konzentration von Darm­pilzen aufwiesen, was zu einer Aktivierung des Immun­systems führen kann. Besonders der Hefepilz Candida albicans spielt hier eine Rolle. Die Ergebnisse passen zu früheren Studien, die zeigen, dass ein verändertes Mikrobiom bei Covid-19 eine Rolle spielt, indem es die Schutzschicht des Darms durchlässiger für Pathogene macht.

    Weiter verweise ich auch auf das 16:8-Kurzfasten, welches enorm entzündungshemmend ist und so auch gegen Post-Covid wirkt!

    Retraining unseres Hirns – Neuroplastizität erhöhen

    >>> Link: https://www.luks.ch/sites/default/files/2022-05/therapiemassnahmen_physio.pdf

    Pacing
    Im Allgemeinen geht es bei Betroffenen aber darum, ihren Alltag so zu gestalten, dass sie ihr eigenes Energie­niveau respektieren lernen. Das heisst: sich nicht zu einer Aktivität zwingen. Man spricht da von «Pacing». Wenn man sich schlecht fühlt, geht man normaler­weise vielleicht spazieren und fühlt sich danach besser. Bei Long Covid funktioniert das jedoch nicht. Wer sich zwingt, «etwas zu tun», dem kann es danach sogar noch schlechter gehen, und die Genesung dauert länger. Die so wichtige Rhythmisierung des Lebens wird hier noch wichtiger.

    Pacing, aus dem Englischen für „sich selbst das richtige Tempo vorgeben“, ist keine heilende Therapie, sondern eine Technik. Sie lehrt Patienten, eigenständig mit ihrer begrenzten Energie und anderen Symptomen umzugehen. 
    Pacing hilft, die eigenen Belastungsgrenzen zu erkennen, zu akzeptieren und im Alltag zu berücksichtigen. Dies erfordert Ausdauer, Geduld bei Rückschlägen und die oft mühevolle Akzeptanz der eigenen Grenzen. Trauer, Wut und Aggression gilt es anzunehmen. 
    Ein Symptomtagebuch verdeutlicht die energetische Komplexität unserer Tätigkeiten. Die „Symptomampel“ und das Aktivitätsprotokoll zeigen, wie diffizil das Zusammenspiel von Tätigkeiten – auch Denken, Lesen, Schauen – und autonomem Nervensystem ist.

    Pacing verspricht keine Wunder, sondern ermutigt die Erkrankten, sich konsequent ernst zu nehmen. Ideen zur mentalen Krankheitsbewältigung und seelischen Stärkung sind zentral.
    (Wunderbare Anleitung: Andrea Brackmann, Katharina Jänicke: Long Covid und Chronisches Erschöpfungssyndrom lindern. Das Pacing-Selbsthilfebuch.)

    Es besteht eine Aktivierung des Sympathikus

    Deshalb ist eine Stärkung des Parasympathikus wesentlich >>>

    Vorsicht: zu früh und zu viel Sport nach Covid kann auch Post-Covid fördern

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    Copyright Sonntagszeitung

    Medikamente gegen Post-Covid gibt es bisher nicht

    Ausnahmen: Positive Erfahrungen mit Nikotinpflastern bei Long-Covid-Symptomen

    Im Februar 2025 publizierten Forschende eine Studie mit Nikotinpflastern. Diese zeigt bei knapp drei Vierteln von 231 Postcovid Erkrankten eine subjektive Verbesserung des Gesundheitszustands um durchschnittlich 20 Prozent.
    Die Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue), Schwäche, Kurzatmigkeit und Belastungsintoleranz gingen bereits nach spätestens sechs Tagen zurück. Bei vermindertem Geruchs- und Geschmackssinn dauerte es rund zwei Wochen, bis sich eine Erholung einstellte.

    Der Ansatz basiert auf früheren Forschungsarbeiten zur Entstehung von Long Covid. Diese legen nahe, dass das Coronavirus bei einigen Menschen die Andockstellen des Neurotransmitters Acetylcholin blockiert. In der Folge funktioniert die Reizübertragung zwischen den einzelnen Nervenzellen sowie mit dem zentralen autonomen Nervensystem nicht mehr einwandfrei. Nikotin scheint das Virus von den Rezeptoren zu verdrängen. Darauf kann es vom Immunsystem bekämpft werden. Demnach handle es sich wahrscheinlich um eine nachhaltige Behandlung, schreiben die Autoren.

    Bei einem ersten Versuch empfiehlt man nun eine deutlich niedrigere Dosierung als die im Handel erhältliche geringste Dosis von 7,5 Milligramm täglich. Da die Pflaster nicht zerschnitten werden sollten, muss die Wirkstofffläche teilweise abgedeckt werden. Aufgrund der vielfältigen Krankheitsbilder ist die optimale Dosierung jedoch individuell und muss ausprobiert werden. Zu Beginn der Behandlung kommt es oft zu einer Verschlechterung der Situation. Tritt dann eine dauerhafte Verbesserung ein, sollte die Dosis langsam reduziert werden. Betroffene tauschen sich unter anderem in der Facebook-Gruppe «The Nicotine Patch Test» über ihre Erfahrung aus. Einige berichten von verblüffenden Erfolgserlebnissen, andere profitieren kaum davon.

    ZUSAMMENFASSUNG:

    • Ernährung entzündungssenkend: mediterran; auch vegetarisch oder (sorgfältig) vegan (bessere Darmflora!); Kurzfasten, wie 16:8.
    • Mehr Bewegung – mässig und regelmässig.
    • Soziale Isolation vermeiden…(Metastudie)
    • Was den Menschen am besten hilft, ist eine mühsam erarbeitete Mässigung, bei der sie genau wissen, wie viel Energie sie aufwenden können, bevor es zu viel ist (Pacing).
    • Mehr Beruhigung, Entspannung, Innerer Frieden…
    • Meditieren… Sie sind dadurch weniger gestresst und gereizt.

    Was hat Ärztin und Spitzenradfahrerin Marlene Reusser bei ihrem Post-Covid geholfen?

    Macht Covid ganze Gesellschaften dauerhaft kränker?

    Es gibt beunruhigende Hinweise, dass Covid diverse Folgeerkrankungen nach sich zieht.
    Expert*innen aus verschiedenen Teilen der Welt sind aber auch fast durchwegs der Meinung, dass die Pandemie wichtige und längst fällige Veränderungen im Gesundheitssektor angestossen hat.
    Hat man vor der Pandemie Infektionskrankheiten getrennt von Zivilisationskrankheiten betrachtet, ist das nun anders. Inzwischen setzt sich die Meinung durch, dass die Trennlinien nicht so scharf gezogen werden können. Menschen, die Krankheiten haben, die mit dem Lebensstil assoziiert sind, wie zum Beispiel starkes Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, haben auch ein höheres Risiko, an Infektionskrankheiten zu sterben oder dauerhaft noch kränker zu sein. Das hat die Covid-Pandemie deutlich gezeigt. 
    (Quelle: piqd.de/gesundheit/macht-covid-ganze-gesellschaften-dauerhaft-kranker)

    Und Post-Vac? Also Long Covid nach der Impfung?

    Hier muss zuerst einer der stärksten Denkfehler in der Medizin in Westeuropa erwähnt werden. Es ist die Kernüberzeugung, dass alles „Natürliche“ (eben auch eine Covid-Erkrankung) immer besser ist, als etwas „Wissenschaftlich-Technisches“ (die Impfung dagegen…): „Post-Vac“, also Long-Covid-Verläufe nach Impfungen kommen 500mal weniger häufig vor, als nach einer Covid-Erkrankung!

    Covid-Impfung und seine Nebenwirkungen

    Was kann ich heute (Anfang 2025) noch zur Impfung hinzufügen? Die Coronaimpfungen sind bisher die grösste Impfung der Menschheitsgeschichte. Entsprechend ist inzwischen auch die grösste Phase 4 der Menschheitsgeschichte vorbei. Was ich 2020 nur spekulieren, aber nicht wissen konnte: Durch die schiere statistische Power wurden tatsächlich seltene Nebenwirkungen sichtbar – leider oder zum Glück, je nachdem wie man es sieht. Natürlich wäre es besser gewesen, es hätte diese Nebenwirkungen nicht gegeben. Aber dass sie entdeckt wurden und man auf sie reagiert hat, zeigt, dass die Phase-4-Kontrolle tatsächlich stattfindet.(1)
    Der sogenannte »AstraZeneca-Impfstoff«, der im Januar 2021 zugelassen wurde, sorgte bei vielen Menschen nachvollziehbarerweise für grosse Verunsicherung, als klar wurde, dass er in seltenen Fällen Hirnvenenthrombosen auslösen kann. Was heisst selten? Machen wir erst mal eine kleine statistische Einordnung zur Orientierung: Bei 2,5 von 100000 Impfungen traten beim »AstraZeneca-Impfstoff« Hirnvenenthrombosen auf. Bei der Coronainfektion traten in 4,3 Fällen von 100000 Infektionen Hirnvenenthrombosen auf.(2)
    Und noch ein anderer Vergleich zur allgemeinen Grössenordnung: Bei dem viel verkauften Erkältungsmedikament Aspirin Plus C treten »schwerwiegende Blutungen, wie z.B. Hirnblutungen« (also eine vergleichbar schwere Nebenwirkung) in 10 bis 100 Fällen pro 100000 auf.(3) Das ist ein gutes Stück häufiger als eine Hirnvenenthrombose nach AstraZeneca – aber selten genug, um Aspirin Plus C trotzdem zu nehmen.(4)
    Trotzdem kann ich nur zu gut nachvollziehen, wenn man sich fragt: Aber was, wenn es mich doch trifft? »Selten« ist nun mal nicht gleich »nie«. Die Wissenschaftlerin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim wurde während der AstraZeneca-Verunsicherung in einem Interview gefragt: »Wenn ein Käsebrot in 2,5 von 100000 Fällen eine Hirnvenenthrombose auslösen würde, würdest du es dann essen?« Ihre Antwort war und ist klar: Nö. Wieso sollte ich? Denn auch wenn das Risiko »2,5 von 100000« (oder: 0,0025 Prozent) sehr klein ist, kann ich das Risiko ja auf null reduzieren, indem ich das Käsebrot einfach nicht esse. Kein Käsebrot, kein Risiko.
    Aber, ganz wichtig: Impfen ist kein Käsebrot. Denn »keine Impfung, kein Risiko« gilt hier nicht. Erst mal, ja – indem ich mich gegen eine Impfung entscheide, gehe ich kein Risiko für Impfnebenwirkungen ein. Aber dafür ein anderes. Entscheide ich mich gegen eine Impfung, entscheide ich mich dadurch für das Risiko, mich ungeimpft mit Corona zu infizieren und infolge dessen zum Beispiel auch eine Hirnvenenthrombose zu erleiden. Oder im schlimmsten Fall zu sterben. Es gibt bei einer Impfentscheidung also in jedem Fall ein Risiko. Ich muss mich nur entscheiden, welches ich lieber trage.

    Aber enden wir mit einer guten Nachricht, die wir nach Phase 4 ebenfalls verkünden können: Die Coronaimpfungen haben allein im Jahr 2021 laut Schätzungen 14,4 Millionen Leben weltweit gerettet.(5) (zitiert aus „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit: Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft“ von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim)

    Quellen dieses Abschnitts:

    1) pei.de/DE/newsroom/…
    2) bmj.com/content/373/bmj.n1114
    3) thelancet.com/journals/
    4)aspirin.de/document/5441
    5) pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9537923/

    Long Colds

    Von Long Covid hat mittlerweile fast jeder gehört. Aber wusstest du, dass es offenbar auch „Long Colds“ gibt? Das ist kein Corona, sondern „akute Atemwegsinfektionen mit Langzeitsymptomen“, wie Forschende festgestellt haben. Anders gesagt: Du hast eine Erkältung, Grippe oder Lungenentzündung  – und vier Wochen nach Beginn der Symptome sind sie immer noch nicht ganz weg.
    Weiterlesen >>>

    Letzte Aktualisierung durch Dr.med. Thomas Walser:
    04. Oktober 2025

  • Alles Natürliche ist gut! Wirklich?

    Alles Natürliche ist gut! Wirklich?

    Unsere irrationale Liebe zur Natur

    So betitelt Psychologie Heute das spannende Interview mit Michael Siegrist, Psychologe und Professor für Konsumentenverhalten an der ETH Zürich. Er beschreibt ein Phänomen, das ich schon seit Jahrzehnten in der (Komplementär-) Medizin beobachte. Und obwohl ich immer ein grosser Verfechter des „Natürlichen“ und der „alternativen“ Natur-Medizin war, setze ich dahinter auch immer grössere Fragezeichen.

    Was natürlich ist, finden viele Menschen automatisch gut. Dabei ist es das oft gar nicht. Diese Art, verzerrt zu denken, beeinflusst immer mehr, was wir kaufen, welche Medizin wir wünschen und wie wir leben.

    Schauen Sie nur mal kurz in Ihren Küchenschrank: Die Kaffeefilter sind „naturbraun“, das Mehl ist ein „Naturprodukt“, der Reis hat einen „unverwechselbaren, natürlichen Duft“ und auf der Salzpackung steht „natürliches Meersalz“…

    Wir haben solch vereinfachende Schwarz-Weiss-Faustregeln bereits bei Daniel Kahneman („schnelles Denken – langsames Denken“) angetroffen. Wir stecken voller solcher verzerrende Denkfehler und Irrtümer. Bei „Natürlich ist besser!“ ist das nicht anders.

    Aber die Natur ist doch wunderbar und wohlwollend?

    Ich empfinde dieses, unser Bild von Natur und Natürlichkeit immer mehr als paradox. Denn damit einher geht oft auch eine Skepsis gegenüber Wissenschaft und Technik – also ein klares Schwarz-Weiss-Denken. Michael Siegrist fragt uns, ob wir dann lieber vor 200 Jahren leben wollten. Damals waren die Lebensmittel nicht sicher. Sie haben etwas gegessen und sind davon krank geworden oder sogar gestorben. Naturgefahren haben sehr viel Menschen ums Leben gebracht. Die Medizin war voller Irrtümer und Gefahren. Die Lebenserwartung war bei uns um 40 Jahre.

    Auch heute noch werden viele Menschen krank oder sterben sogar, falls man zu stark mit dieser stark vereinfachenden Faustregel im Kopf lebt und nichts anderes gelten lässt: Schwarz-Weiss oder Gut-und-Böse. Beispiele erleben wir täglich: Die Diskussionen um die Covid-Impfungen (böse), um das Wurmmittel Ivermectin gegen Covid (gut), um Vitamine (gut), E-Stoffe (immer böse, obwohl auch absolut natürliche Stoffe darunter sind…), Gentechnik (immer böse), „Naturwein“ (immer gut, obwohl sich hier auch klare Weinfehler neu verkaufen lassen…),…

    Gerade Wein, aber z.B. auch Käse werden von uns traditionell als natürliche Produkte gesehen. Beide sind aber industriell produziert. Dahinter stecken viele Verarbeitungsschritte und Technologie. Also ein weiterer Denkfehler: fast alle traditionelle Verfahren werden von uns intuitiv als natürlich betrachtet. Auch dies ist irgendwie paradox.

    Natürlich ist beim Auflösen dieser Schwarz-Weiss-Sicht auch nicht das Gegenteil wahr. Wein und Käse sind nicht „böse und schlecht“, wie auch die Covid-Impfungen nicht „böse“ sind. Es ist sehr wichtig, unsere vereinfachenden Denkfehler zu erkennen – und das Ganze differenzierter anzuschauen. Alles Natürliche ist eben nicht nur gut.

    Pflanzen können (auch) krank machen

    Denken wir an den weisen Satz von Paracelsus, das die Dosis das Gift macht. Fingerhut (Digitalis) kann in tiefer Dosis ein wunderbares Herzmittel sein. Etwas stärker dosiert, wirkt es aber absolut tödlich. Bei den häufigen Allergien gegen Pflanzen spielt dann nicht mal mehr die Dosis eine Rolle, schon eine Spur davon kann krank machen. Beispiele sind die zunehmenden Pollenallergien. Dann die vielen Kontaktallergien mit Pflanzen: draussen (als Beispiel Arnika, Riesenkerbel, …) und drinnen (Gummibaum (Latexallergie) oder in Salben: Perubalsam, Käslikraut,…)…

    In einer neuen, kostenlos im Internet verfügbaren Nummer präsentiert das «Adverse Drug Reaction Bulletin» eine Übersicht zu unerwünschten Wirkungen von Pflanzen und pflanzlicher Heilmittel. Vier wichtige Mechanismen werden diskutiert: Pflanzen können bekannte pharmakologisch aktive Wirkstoffe enthalten, die eventuell zu Problemen führen. Einzelne davon sind dosisabhängig (z.B. die in Senna-Präparaten enthaltenen Glykoside), andere «idiosynkratischer» Natur wie bei verschiedenen hepatotoxischen Wirkstoffen (z.B. Traubensilberkerze, Cimicifuga). Anders erklären sich Nebenwirkungen, die auf der Substitution von bestimmten Pflanzen beruhen – so wurden unter einem Präparat, das statt der Mondsamenpflanze (Stephania) Osterluzei (Aristolochia) enthielt, Fälle von Nierenversagen beobachtet. Werden einem Pflanzenmittel zusätzliche, ebenfalls pflanzliche Ingredienzen beigemischt, so kann dies ebenfalls ungünstige Folgen haben. Dies war z.B. der Fall, als ein Beinwell-Präparat mit Bestandteilen der Tollkirschen-Pflanze kontaminiert war. Schliesslich ist es nicht selten, dass ein pflanzliches Mittel weitere, toxische Bestandteile (z.B. Schwermetalle) oder verschreibungspflichtige Medikamente (z.B. Sildenafil) enthält. Gemäss einer toxikologischen Untersuchung konnten in fast 500 chi-nesischen Mitteln solche «Verunreinigungen» nachgewiesen werden. Oft handelte es sich dabei um relativ riskante Substanzen wie Kortikosteroide, Diuretika und Antidiabetika
    Diese Übersicht erinnert einmal mehr daran, wie wichtiges ist, eine vollständige Medikamenten-Anamnese zu erheben. Es genügt nicht, nur ärztlich verschriebene Arzneimittel zu erfassen; auch die oft zahlreichen, gewissermassen «unter dem Radar» laufenden mehr oder weniger alternativen Mittel können zu Problemen führen.
    (Quellen: pharma-kritik-Jahrgang 43 , Nummer 6, PK1186 & https://journals.lww.com/adversedrugreactbull/fulltext/2021/12000/)

    Finger weg von Kratom: Das BfArM warnt vor gefährlichen Gesundheitsrisiken durch vermeintlich harmlose Phytopharmaka

    BfR warnt vor Ayurveda-Mittel: Schlafbeeren (Ashwagandha) können für manche Patienten gefährlich sein

    Arme Leber! Wie beliebte Nahrungsergänzungsmittel wie Kurkuma, Grüntee und Rotschimmelreis dem Entgiftungsorgan schaden können

    Die Natur wird romantisch verklärt

    Dies ist noch nicht lange so. Noch 1950 galt das „Wonder Bread“ aus Amerika oder Nescafé („gefrier-getrocknet“!) als technischer Fortschritt und damit als sehr positiv.
    Heute haben wir aber ein Idealbild von Natur, das im Grunde nur eine Imitation ist, welche das Original sogar übertreffen soll. Daraus resultierten dann in der „Komplementärmedizin“ Ideen von Verschlackung, Übersäuerung und dagegen Methoden der Entgiftung, Entschlackung – also „Reinigung“ (von Gift und Chemie).

    Hierhin gehört auch, dass der 22-jährige Student Christopher McCandless 1990 zu einer Reise in die Wildnis Alaskas aufbrach. Er war Leser der Naturromantiker Jack London, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau (Walden). Er erwartete von einem einsamen abenteuerlichen Leben in der Wildnis eine höhere Lebensintensität, ja eine spirituelle Erneuerung. Dinge, mit denen wohl auch der heutige Boom an Survivalkursen verkauft wird. Die von Menschen unangetastete wilde Natur ist für sie rein im Unterschied zur verdorbenen Zivilisation. Und auch das eigene Leben wird in dieser wilden Natur wieder gereinigt, denn in lebensgefährlichen Situationen in der Wildnis sind keine Kompromisse mehr möglich. Entweder man übersteht die Lebensgefahr, oder man übersteht sie aufgrund eines Fehlers, den man macht, eines Fehltritts oder einer Fehleinschätzung des Wetters, eben nicht. Entweder man schafft es auf den Gipfel, oder man schafft es nicht (Mount Everest-Tourismus!).
    McCandless schaffte es nicht. Er schaffte es nicht, das Fleisch des geschossenen Wild zu konservieren. Es verdarb zum grössten Teil. Als er auf dem Rückweg zu seinem Auto war, bemerkte er, dass ein Fluss, den er auf dem Hinweg watend durchquert hatte, in der Zwischenzeit durch Schmelzwasser angeschwollen und unüberwindbar geworden war. Er versuchte darauf von Früchten und Wurzeln zu leben. Er verwechselte aber die geniessbaren Kartoffelknollen mit denen einer giftigen Pflanze und starb.

    Die „Rache der Natur“ ist dann auch (gemäss Michael Siegrist) schon fast religiös überhöht. Der Mensch wird bestraft für seine Hybris. Früher hat Gott zurückgeschlagen. Heute ist es die Natur (Klimakrise). Der Umweltschutz kann dabei eine Art kirchlicher Ablasshandel werden. Ich bezahle heute Geld, um meinen CO2-Fussabdruck auszugleichen – und schon kann ich mit gutem Gewissen fliegen.

    Unser Natürlichkeitsideal sagt uns also, wie ein gutes, moralisches Leben auszusehen hat. Bis vor wenigen Jahren war für so etwas die Kirche zuständig.

    Infektionen stärken unser Immunsystem – Nicht?

    Zum Beispiel verbreiten Anthroposophen die Meinung, Masern „schulen“ und stärken das kindliche Immunsystem. Diese Meinung ist bereits bei Masern gefährlich, da man damit eingeht, dass dann wenige der Kinder auch eine Hirnhaut- oder im schlimmsten Fall eine invasive Hirnentzündung entwickelt.
    Falls Sie bisher also auch glaubten, unser Immun­system brauche alle Infektionen, um sich zu stärken: Die Genfer Professorin für Virologie Isabella Eckerle sagte kürzlich zum Norddeutschen Rundfunk, das sei der grösste Irrtum in ihrem Fachbereich. Und der Berliner Virologe Christian Drosten schrieb vor ein paar Tagen, das wäre ein bisschen, wie wenn man Steaks essen müsste, um seine Verdauung zu trainieren.

    Können Dinge böse sein?

    Antibiotika sind schlecht, Zwiebel­wickel gut. Auch heute noch neigen Menschen dazu, Dingen moralische Eigen­schaften zuzusprechen. Doch Dinge gehorchen Natur­gesetzen, sie sind darum per se weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie und wozu sie eingesetzt werden. Allerdings konnte sich diese moderne Erkenntnis nie ganz durchsetzen, schreibt Daniel Strassberg (in der REPUBLIK, 24.01.23) in seiner Kolumne und fordert mit dem Philosophen Bruno Latour: Zeigt nicht mit den Fingern auf Dinge. Sondern fragt nach den Macht­verhältnissen, in denen sie wirken.

    Auch Bio-Kosmetik ist Chemie

    Die Ironie ist: Bio-Kosmetik heisst nicht automatisch, dass sie auch zwingend besser für den Planeten ist. Damit eine Pflanze wie Lavendel am Ende als Tropfen Öl in einer Creme landet, muss sie durch viele chemische Prozesse. Punkt. Und bei Sonnencreme heisst es jetzt, mineralische sei besser als chemische. Aber wer denkt eigentlich darüber nach, dass dafür Zink aus einer Mine geholt werden muss – bei der Kinderarbeit immer noch ein grosses Thema ist?
    Dazu passen auch Begriffe, wie „bioidentisch“:

    Bioidentische Hormone?

    Diese Bezeichnung klingt so natürlich, pflanzlich, gut: dies muss doch wunderbar sein und all unsere Wünsche erfüllen?
    Bei Hypes bin ich immer sehr vorsichtig und warte Langzeitstudien ab, schaue genauer hin. Es sind zuerst mal chemisch hergestellte Hormone aus Inhaltsstoffe der Yamswurzel. Darf man dies überhaupt „bioidentisch“ nennen? Ist sicher mal einfach gutes Marketing!
    Die Datenlage dazu ist noch sehr dünn – wenig Studien, vor allem sind noch  keine Langzeit-Nebenwirkungen bekannt. Bis dann bin ich skeptisch, ob grosse Unterschiede zu den anderen Hormone bestehen. Hier zu behaupten, die machen „keine Nebenwirkungen“ ist fahrlässig und falsch.
    Erste seriöse Studien (Cochrane) zeigen bei Wallungen kaum eine Wirkung über dem Placebo-Niveau…

    Und… wo es wohl wirklich „wahr“ ist, dass das „Natürliche“ (meist) besser ist:

    • In der Ernährung gilt ein Grundsatz, dass unverarbeitete, vollwertige Esswaren (die auch unsere Urgrossmutter noch erkannt hätte) wohl gesünder sind, als raffinierter, bearbeiteter, stark konservierter oder aufgeteilter (Functional-) Food. Hier hält man sich auch am besten an die Regel: möglichst regional und saisonal einzukaufen (auf dem Markt) – selber kochen – geniessen!
    • Den Jahreszeiten entsprechend, „saison-gerecht“ leben, ist viel gesünder! Überhaupt: „Im Rhythmus mit der Natur“!
    • Die Vitaminstory: Für Vitamine, Spurenelemente, Mineralstoffe,… gilt (mit sehr wenigen Ausnahmen), dass die vollständige Pflanze immer besser wirkt, als nur ihre Bestandteile.
    • „Natürliche“ Komplexbewegungen, die wir auch ständig im Alltag benötigen (wie die Gehbewegung…), sind auch im Training, im Fitnessraum, an Kraftmaschinen wohl besser als (vor allem mehrfach wiederholte, monotone) isolierte Übungen, die nur einzelne oder wenige Muskelgruppen belasten. Dabei besteht schneller die Gefahr der Überlastung und Schädigung. Wechselstellungen und -haltungen sind im Alltag, im Beruf und auch im Training immer gesünder.
    • Indigenes Wissen:
      Von Fritz Habekuß in DER ZEIT:
      Es gibt schlechte, mittelgute und hervorragende Bücher, und ganz selten gibt es solche, bei denen man sich als Leser dabei beobachten kann, wie der eigene Blick auf die Welt sich während der Lektüre verändert. Robin Wall Kimmerers Geflochtenes Süßgras gehört zu der letztgenannten Kategorie.
      Die Autorin ist Professorin für Botanik an der State University of New York und Mitglied der Potawatomi Nation, einer indigenen Gruppe im Mittleren Westen der USA. In ihrem Schreiben vereint sie beide Seiten auf eine elegante Art und Weise.
      Die Autorin hat die klassische, harte Schule der naturwissenschaftlichen Ausbildung und Forschung durchlaufen, ist aber geläutert aus ihr hervorgegangen. »Die Fragen, die Wissenschaftler stellten, lauteten nicht: ›Wer bist du?‹, sondern: ›Was ist das?‹ Niemand fragte die Pflanzen: ›Was habt ihr uns zu sagen?‹ Die wichtigste Frage hieß: ›Wie funktioniert das?‹ Die Botanik, die man mir beibrachte, war reduktionistisch, mechanistisch und strikt objektiv.‹ Kimmerers Denken hingegen nimmt die Natur aus dem Kontext menschlicher Verfügbarkeitslogik und gesteht ihr ein inneres und äußeres Eigenleben zu. Hier wird das Buch wichtig.
      Vieles von dem, was Kimmerer auf den über 400 Seiten schreibt, könnte man in einem ersten Reflex als romantisch, vielleicht sogar – Achtung, böses Wort: esoterisch abtun, wenn ihr Schreiben nicht in einem tiefen Verständnis ökologischer Zusammenhänge wurzeln würde. In einer Szene beschreibt sie, wie sie ihre Studierenden befragte, ob Mensch und Natur in einem antagonistischen oder einem positiven Verhältnis zueinander stehen. Fast alle antworteten, dass wir eher schlecht für unsere Umwelt sind, niemand meldete sich für das Gegenteil.
      Wie aber soll das Verhältnis zur Natur wieder in Ordnung kommen, wenn wir uns als Gegner alles Lebendigen verstehen? Das titelgebende Süßgras etwa, ein Getreideverwandter: Für viele Indigene war es seit Jahrtausenden Lieferant von Nahrung, Textilfasern und Medizin. Dass die Pflanze aber in den vergangenen Jahrhunderten immer mehr verschwand, war nicht Folge einer Übernutzung, sondern der Tatsache, dass immer weniger geerntet wurde. Denn so sehr, wie menschliche Gemeinschaften das Süßgras brauchten, so sehr ist das Süßgras darauf angewiesen, dass Menschen es ernten. Kimmerer spricht von der »ehrenhaften Ernte«. Damit beschreibt sie einen ihrer Kerngedanken: Das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt ist auf Gegenseitigkeit ausgelegt. Heilung kann erst dort beginnen, wo dieses Verhältnis zu einem Miteinander wird.
      Solche Beispiele machen Kimmerers Buch besonders, weil es Annahmen infrage stellt, die im Öko- und Klimadiskurs oft unhinterfragt getroffen werden, weil es Lösungen anbietet dafür, wie unser Verhältnis zur lebendigen Welt wieder ins Lot kommen könnte.
      Mit ihrem Ansinnen ist Kimmerer nicht allein. Indigenes Wissen – sofern eine Verallgemeinerung von weltweit etwa 5000 verschiedenen Gruppen hier überhaupt zulässig ist – erlebt in den letzten Jahren eine kleine Renaissance. Im Wissenschaftsbetrieb etwa durch den Weltbiodiversitätsrat, der traditionelles Wissen in die globalen Berichte aufnimmt. In der Politik zum Beispiel durch Initiativen der Regierungen von Kolumbien oder Ecuador, ihre Verfassungen anzupassen. In der öffentlichen Debatte durch Bücher, etwa von indigenen Denkern wie Ailton Krenak aus Brasilien oder Tyson Yunkaporta aus Australien. Viel zu lange waren solche indigenen Stimmen kaum zu hören. Das ändert sich gerade langsam. Kimmerers Buch ist ein wunderbares Beispiel, wie sehr es sich lohnt, ihnen zuzuhören.

    Quellen:

    • „Unsere irrationale Liebe zur Natur“, Interview mit Michael Siegrist in Psychologie Heute, 01/2022
    • Können Dinge böse sein? Daniel Strassberg in der REPUBLIK, 24.01.2023
    • Michael Hampe, Die Wildnis, über das wirkliche Leben, Carl-Hanser-Verlag, 2020
    • Robin Wall Kimmerer, Geflochtenes Süssgras, Die Weisheit der Pflanzen, Aufbau-Verlag,
    • Photo by Nils Lindner on Unsplash

    Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
    28. Januar 2025

  • Gurumedizin

    Gurumedizin

    Es ist mir ein Anliegen, etwas zur Gefahr der „Guru-Mentalität“ (Hybris) gewisser Komplementärtherapeuten oder Ärzte zu schreiben – und auch zum „Guru-Charakter“ gewisser Therapieformen.

    Was sich salutogenetisch ausgibt, ist absolutistisch pathogenetisch

    Ich spreche hier von Methoden, die ein „Guru“ anwendet, das heisst ein Mensch, der etwas absolutistisch behauptet, das niemand sonst nachweisen oder nachempfinden kann oder mittels Studien reproduzierbar und zu verifizieren wäre. Man muss es also schlicht und einfach „glauben“.
    Damit ist jede Mitarbeit und Mitverantwortung des Klienten ausgeschlossen. Der „Patient“ wird zum passiven Gläubigen, der hinnimmt.

    Guru-Therapeuten glauben im Grunde, dass der Mensch zu schwach zur Selbsthilfe ist. Sie misstrauen den Selbstheilungskräften des Klienten.
    Machtansprüche und Unfehlbarkeit können Triebfedern auf Therapeutenseite sein – Narzistische Störungen sind unter ihnen weitverbreitet.
    Es ist ein geschlossenes System ohne Ausweg zur wirklichen Heilung.

    Weiterlesen: Welches Menschenbild hat mein Therapeut/Therapeutin?

    Glaubensdiagnosen und exotische Therapien

    In der Homöopathie wimmelt es von Gurus. Doch auch abseits davon spriessen zahllose „Guru-Therapien“ und „Guru-Therapeuten“ aus dem Boden.

    Ein Beispiel: Mit einem (sehr teuren) „Diagnosegerät“ stellt der Guru eine „Glaubensdiagnose“ – häufig etwa „Weizen- oder Milchallergie“, „Übersäuerung“, „Verschlackung“ oder einen „Mangel“ an irgendetwas. Darauf folgen mehrere „therapeutische“ Anwendungen. Am Ende verkündet der Guru, alles sei nun gut und geheilt.

    Ob sich etwas verändert hat, bleibt unüberprüfbar. Man muss es glauben. Meist behandeln sie unspezifische, psychosomatische Beschwerden, die auf das Ritual der „magischen Behandlung“ oft prompt und vorübergehend ansprechen. Amen!

    Übrigens: Die Bedienung solcher Geräte erlernt der selbsternannte Guru oft in wenigen Stunden.

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    Copyright beim Tages-Anzeiger, 01.09.2020

    Weitere typische Beispiele:

    • Lassen Sie sich nicht den Genuss am Leben vergällen und madig machen, z.B. von Therapeuten, die ein Bild vom „Menschen als Müllhalde“ haben, der entgiftet werden muss (Darmspülungen, Entgiftung, Trinkkuren, Ausleitung, Dauerbrause, Detoxikationen…), die ein Horrorszenario von Umweltgiften, Pilzen und Mikroorganismen ausmachen – „madig“ eben… Gurus beschäftigen sich oft mit „Entgiftung und Entschlackung“ unseres so unreinen Körpers…
      Dies können wir kosten- und Nebenwirkungsfrei selbst in jeder unserer Körperzelle mittels der wunderbaren Autophagie anregen: walserblog.ch/2019/01/12/detox-intervallfasten/
    • Sie lobpreisen auch Mittel oder Therapien gegen „Übersäuerung des Körpers“ und verkaufen Urintests dazu und Basenpulver, etc. – dabei hat unser Körper starke Selbstkräfte, die unseren Säure-Basen-Haushalt stets im Gleichgewicht halten – und fleischlos essen mit viel Gemüse und Früchte ist das Allerbeste!
      >>> walserblog.ch/2021/08/19/uebersaeuerung/
    • Gegen Elektrosmog und Wasseradern benötigt man keine teuren Abschirmungen. Falls man das Gefühl hat, sensibel darauf zu sein, findet man im Internet auch Bastelanleitungen für wenig Geld. Das Bett verstellen oder den Radiowecker, das Freihandtelefon, den Router und Repeater ausziehen und das Smartphone nachts in den Flugmodus setzen, kann schon reichen.
    • Diätpläne müssen nicht teuer erkauft werden (ernaehrung/). Auch Fitness nicht (bewegung/; jogging/). Anti-Aging auch nicht (anti-aging/).
    • Nicht gegen alles und jedes impfen – aber auch nicht nichts: Individuell entscheiden ist hier wichtig (www.impfo.ch).
    • Mangelvorstellungen sind in diesem Umfeld auch sehr häufig: Es fehlt an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen,. Mikronährstoffe, … Wieder eine potentielle Schwächung unseres Selbstbildes („Ich bin voller Schlacken, übersäuert und es fehlt mir dazu noch Einiges…!“). Keine Salutogenese!

    Nahrungsergänzungsmittel: Was Sie wissen sollten

    Haben Sie heute schon ein Nahrungsergänzungsmittel geschluckt? Die Chancen stehen gut: Laut den Centers for Disease Control and Prevention greift mehr als die Hälfte der Amerikaner zu solchen Präparaten. Mit dem Alter steigt der Konsum. Fast ein Viertel der über 60-Jährigen nimmt vier oder mehr Mittel ein.

    Der Begriff „Nahrungsergänzungsmittel“ (Supplemente, Mikronährstoffe…) umfasst vieles: Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin D und Kalzium, aber auch pflanzliche Stoffe wie Kurkuma oder Grüntee-Extrakt.

    Manche Menschen brauchen diese Präparate, um einen Mangel auszugleichen. Darüber hinaus bleiben Experten sehr skeptisch.

    Risiken und Nebenwirkungen

    Nahrungsergänzungsmittel können gefährlich sein. Eine Studie zeigt: In den USA landen jährlich etwa 23.000 Menschen wegen Nebenwirkungen solcher Präparate in der Notaufnahme.

    Anders als Medikamente prüft die Food and Drug Administration Nahrungsergänzungsmittel nicht vor dem Verkauf auf Sicherheit und Wirksamkeit. Die Branche bleibt weitgehend unreguliert. Wer ein solches Produkt einnimmt, geht ein Risiko ein.

    Selbst wenn sie nicht schaden, wirken viele Mittel schlicht nicht. Wissenschaftlich orientierte Anbieter raten meist von ihnen ab.

    Was Sie beachten sollten

    Bevor Sie ein Nahrungsergänzungsmittel kaufen, sollten Sie einige Dinge wissen.

    1. Vertrauen Sie nicht den sozialen Medien.
      Hersteller dürfen keine Heilversprechen machen, etwa dass ein Mittel Alzheimer heilt oder Diabetes vorbeugt. Doch in sozialen Medien verbreiten Influencer solche Behauptungen oft ungeprüft. Ignorieren Sie diese Versprechen. Fragen Sie sich stattdessen: Welches Problem habe ich wirklich? Und kann ein Nahrungsergänzungsmittel es lösen? Besprechen Sie das mit Ihrem Arzt.
    2. Prüfen Sie das Produkt.
      Nahrungsergänzungsmittel enthalten oft nicht, was das Etikett verspricht. Suchen Sie nach Produkten, die von unabhängigen Stellen wie der U.S. Pharmacopeia (USP) oder der National Sanitation Foundation (NSF) zertifiziert sind. Achten Sie darauf, dass der Stempel auf der Flasche und nicht nur auf der Website zu finden ist. Weitere Informationen bietet die Website des Office of Dietary Supplements der National Institutes of Health.
    3. Halten Sie sich an die empfohlene Dosis.
      Mehr ist nicht besser. Eine Überdosierung kann Organe wie die Leber schädigen. Es gibt Fälle, in denen Menschen durch zu viele Kurkuma-Kapseln akute Leberschäden erlitten. Schätzungsweise 20 Prozent der Leberschäden stehen im Zusammenhang mit pflanzlichen Präparaten. Behandeln Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Medikamente – mit Vorsicht.
    4. Meiden Sie lange Zutatenlisten.
      Wählen Sie Produkte mit nur einem Inhaltsstoff. Diese lassen sich leichter auf Nebenwirkungen und Wechselwirkungen prüfen. Komplexe Mischungen sind oft nicht zertifiziert und können verbotene oder ungenannte Stoffe enthalten. Fehlen genaue Mengenangaben auf der Flasche, sollten Sie das Produkt meiden.
    5. Bringen Sie Ihre Präparate zum Arzt.
      Packen Sie alle Nahrungsergänzungsmittel in eine Tüte und nehmen Sie sie zum nächsten Arzttermin mit. Zeigen Sie Ihrem Arzt die Flaschen, damit er mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten erkennen kann. Nur so lässt sich eine fundierte Entscheidung treffen. Denken Sie daran: Kein Hersteller hat eine Studie speziell für Sie durchgeführt.

    Fazit
    Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Prüfen Sie kritisch, was Sie einnehmen, und holen Sie ärztlichen Rat ein. Ihre Gesundheit sollte nicht von Versprechen der Werbung abhängen.
    (Quelle: Jancee Dunn, NYT, 23.01.26)

    „Aber mir hat es doch geholfen?“

    Ein Ausspruch, der immer mal wieder in Mail-Kommentaren steht (aus piqd.de: www.piqd.de/gesundheit/bin-ich-krank/). Immer dann, wenn wir in einem unserer Texte über eine Therapie oder einen Test berichtet haben, der zwar stark beworben wird – aber nicht funktioniert. Im besten Fall. In vielen Fällen macht Pseudo-Medizin nicht nur nicht wirklich gesund, sondern kränker, ärmer oder es wird verhindert, dass sich ein Mensch einer erprobten Behandlung der wissenschaftlichen Medizin unterzieht.

    Wenn wir in unseren Texten dann aber die Fakten anführen, warum eine angeblich rettende Therapie, ein „Wundermittel“ eben keine sind, nehmen dies Leser in ihren Rückmeldungen an uns als – höflich formuliert – überheblich, arrogant und fern ihrer Realität war.

    Hier die ausführlichere Antwort des MedWatch-Team >>>

    (Weitere Literatur: Christian Kreil, «Fakemedizin», Verlag Komplett-Media)

    Paracelsus

    Das Drama des Paracelsus bestand darin, dass er nach seinem revolutionären Verwerfen der Vier-Säfte-Lehre eine eigene „Guru-Medizin“ schuf: die alchemistische Medizin. Er sprach nicht mehr über das Sieden und Garen von Säften, sondern über die Umwandlung der Grundstoffe Quecksilber, Schwefel und Salz. Dabei suchte er die Quintessenz dieser Stoffe durch chemische Bearbeitung – die Grundlage der Spagyrik und später der Homöopathie. Wie genau dies geschah, bleibt unklar, ausser für den „Guru“, der es behauptete. So entstand eine undurchschaubare neue Lehre aus der mittelalterlichen Alchemie, meist mit unklarem Ausgang und oft einer Quecksilbervergiftung – eine eigentliche „Eso-Medizin“.

    Der „Gute Guru“

    Ein Guru ist ursprünglich ein spiritueller Lehrer (im Hinduismus oder im tantrischen Buddhismus). Und eine sehr wichtige Eigenschaft eines wahren Gurus ist es, dazu zu stehen, dass man nicht alles wissen kann, nicht zu allem eine Antwort hat. Dazu Pema Chödrön:
    „Raum für Unwissenheit zu lassen, ist das Wichtigste von allem. Wenn es eine grosse Enttäuschung gibt, wissen wir nicht, ob das das Ende der Geschichte ist. Vielleicht ist es nur der Anfang eines grossen Abenteuers. So ist das Leben. Wir wissen gar nichts. Wir nennen etwas schlecht; wir nennen es gut. Aber in Wirklichkeit wissen wir es einfach nicht.“

    Es hat etwas zutiefst Erregendes zu sagen: „Ich weiss nicht“, es gibt ein unmittelbares Gefühl der Freiheit, das mit dieser Aussage der Tatsache einhergeht. Das Nichtwissen ist Stärke. Manche könnten fragen: „Wie kann das Nichtwissens Stärke sein: es erfüllt mich mit Angst?“ Nun, Nichtwissen ist Stärke, solange dieses „Nichtwissen“ fest damit verbunden ist, dass dies ein wohlwollendes Universum ist und dass alles, was mir geschieht, gut und für mich ist.
    Uns Ärzt*innen und Therapeuten tut es sehr gut und stärkt uns, auch sagen zu können „Ich weiss es nicht!“ – und nicht immer „Besserwisser“ zu spielen, also eine (falsch verstandene) Guru-Mentalität einzunehmen.

    Alles in der Welt war mein Guru

    Zum Ende dieses Blogs frage ich mich, wer denn meine Lehrer sind und waren. Und meine Antwort war die gleiche wie die von Ramana Maharshi in der letzten Überschrift:
    Alle, die ich je getroffen habe! Es ist eine wunderbare Art zu leben, jeden und alles als einen liebevollen Lehrer zu sehen. So sind auch alle meine Patient*innen meine Gurus, meine Freunde, meine Lebenspartnerin (vor allen!) und Kinder (ja, genau die!), aber auch meine „Feinde“ (hab ich die überhaupt?) – und selbst die pathogenetisch ausgerichteten, oben arg kritisierten Ärzte und Therapeuten. Und so wird auch kein „Guru“ allein zur Obsession…
    Alle waren meine Gurus und gaben mir etwas und viel.
    Alles, was mir begegnet ist FÜR mich.

    Foto von Deva Darshan auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung von Thomas Walser:
    25. Januar 2026

  • PAINS, „Hochstaplermoleküle“

    PAINS, „Hochstaplermoleküle“

    All pain, no gain

    Das typische an PAINS sind lange Listen von wundersamen Heilwirkungen, die im Internet rumgeistern. Doch Achtung: Es sind allesamt sogenannte Hochstaplermoleküle oder eben PAINS (Pan-assay-interference-compounds). Sie gaukeln uns alles im Reagenzglas vor – und halten dann nichts in den klinischen Versuchen am Menschen.
    Eben: „all pain, no gain!“ (J. Baell & M.A. Walters in Nature).

    Curcumin in Kurkuma und Resveratrol im Wein

    Ein Musterbeispiel dafür ist das Curcumin (Kurkuma). Ich habe gleich an zwei Stellen meiner Website Kurkuma rausnehmen müssen, nachdem ich das entlarvende Video von maiLab zu PAINS gesehen habe: youtu.be/TjqhsbGUoJw. Dieser YouTube-Kanal ist höchst empfehlenswert – diese Frau ist eine Wucht!

    Auch Resveratrol aus der Weinbeere wurde als Pan-Assay-Interferenzmaterial identifiziert, das in vielen verschiedenen Laboruntersuchungen positive Ergebnisse liefert. Diverse In-vitro-Studien zeigen „wunderbare Wirkungen“, z.B. dass Resveratrol das Sirtuin 1 aktiviert (hier auf meiner Website).

    Oder die Zistrose, hoch angepriesen gegen den Coronavirus!

    Dies ist typisch: PAINS zeigen in unzähligen Screenings (Assays) positive Hits, gehen unzählige Bindungen mit z.B. krankhaften Eiweissstoffen von Krebszellen ein und blockieren diese. Deshalb sind sie aber noch lange nicht krebsheilend! Und trotzdem geistern nun die langen Listen mit „Heilwirkungen“ im Internet rum…

    Chemische Hochstapler vereiteln Medikamentenentwicklung

    Vielleicht gelingen mit den PAINS dann auch einige Versuche an Mäusen (In-vivo-Studien) noch ganz ordentlich. Jedoch die entscheidenden klinischen Studien mit dem Menschen misslingen dann alle komplett!
    Auch bei den Multi-Effekt-Substanzen Kurkuma/Curcumin und Weintraube/Resveratrol fand ich keine einzige relevante (heisst doppelblind-randomisierte), positive klinische Studie am Menschen… und trotzdem stehen selbst in Apotheken diverse „Medikamente“ mit Curcumin oder Resveratrol – und werden dementsprechend grossmundig angepriesen.

    „Naivität über promiskuitive, Assay-missbrauchende Moleküle verschmutzt die Literatur und verschwendet Ressourcen“, warnen in Nature Jonathan Baell und Michael A. Walters.

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    aus: Nature 513, 481–483 (25 September 2014)

    Quellen:
    Nature und maiLab erwähnt!
    (Nature 513, 481–483 (25 September 2014: J. Baell und M. A. Walters; Chemistry: Chemical con artists foil drug discovery – https://www.nature.com/articles/513481a
    )

    Veröffentlicht am 06. März 2021 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    02. Februar 2025

  • Chronische Entzündungen als zentraler Motor vieler Krankheiten und der Fatigue

    Chronische Entzündungen als zentraler Motor vieler Krankheiten und der Fatigue

    Chronische Müdigkeit

    Leonardo da Vinci litt grosse Teile seines Lebens an Schlaffheit und Antriebslosigkeit. An schöpferischer und rastloser Motivation schien es ihm nicht zu fehlen. In einem Brief an den Herzog von Mailand schrieb er 1480, er könne mobile Brücken bauen, alle Arten von Kanonen herstellen und auch Skulpturen aus Ton, Bronze sowie Marmor erschaffen. (Quelle).

    Allermeist nicht körperlich…

    Zu viel Sport, Konflikte, Depression… – in den allermeisten Fällen ist Müdigkeit nicht auf eine körperliche Erkrankung zurückzuführen…

    Zuerst mal der Weltschmerz…

    „Müde. Alle sind ständig müde, und die Müdigkeit nimmt immer neue Formen an: Es gibt die »Ukraine-Müdigkeit« (nicht schon wieder Waffenlieferungsdebatten), die »Klimamüdigkeit« (ist doch eh alles zu spät), die »Mitleidsmüdigkeit« (nach den Opfern Putins jetzt auch noch die im Nahen Osten). Die »Demokratiemüdigkeit« hat ohnehin Dauerkonjunktur (weil Aushandeln anstrengender ist als blindlings folgen). Und wer diesen Begriffen nicht in den Medien begegnet, weil er nichts hört, sieht, liest? Der ist nachrichtenmüde. Das Zeitalter der Polykrise ist auch eines der Polymüdigkeit, der Polyerschöpfung.“
    (Aufwachen von A. Agarwala und  M. Probst aus DIE ZEIT, 08/2024)

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    Müdigkeit – Erschöpfung – Fatigue

    Fatigue – Symptome

    Fatigue und Schmerz

    …und unser Immunsystem

    Hinter solch permanenter Energielosigkeit könnte nicht etwa ein Mangel an Wille, Ideen oder Interesse stecken – sondern: unser Immunsystem!
    Dies berichten Forscher um Michael Treadway von der Emory University. Sie konzentrierten sich auf die Auswirkungen von leichten, aber chronischen Entzündungsprozessen. Solche treten beispielsweise bei anhaltendem Stress, bei chronischen Schlafstörungen, Chronische Schmerzkrankheit, Übergewicht, Metabolischem Syndrom und Dysbiose, einem Ungleichgewicht der Darmflora auf. Aber natürlich auch bei Entgleisungen des Immunsystems nach akuten Infektionen, wie Post-Covid nach Covid-19, Longcolds oder ME/CFS (Chronic-Fatique-Syndrom)… Es sind eigentliche „Schwellbrände“ unseres Körpers (und Seele?).
    Dies auch bei Hypertonie oder Arterienverkalkung.

    Entzündungsneigung als zentraler Mechanismus

    In den vergangenen Jahren hat die Medizin erkannt, dass viele Erkrankungen eine mehr oder weniger ausgeprägte Entzündungskomponente haben. Das gilt selbst für Krankheiten wie Atherosklerose, Darmkrebs oder neurologische Erkrankungen. Die Gerontologie betrachtet chronische Entzündungen inzwischen als zentralen Mechanismus des Alterns. Dieser Zusammenhang wird als Inflammaging bezeichnet. Deswegen ist eine antientzündliche Ernährung so wichtig.

    Bekannt ist, dass im Rahmen des Bluthochdrucks in den Blutgefässen des Körpers eine Entzündungsreaktion auftritt, so dass der Schlüssel einer erfolgreichen Behandlung des Bluthochdrucks möglicherweise in der Abschwächung dieser Entzündungsreaktion liegt. „Seit einiger Zeit geht man davon aus, dass auch die durch Bluthochdruck geförderte Gefässverkalkung (Atherosklerose) nichts anderes als eine chronisch voranschreitende Entzündung des Gefässbettes ist.”(Quelle: Uni Mainz)

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    Pathologische Aktivierung des Immunsystems

    Die Entzündungsparameter im Blut (CRP, Interleukin-5, Interleukin-1 beta (IL-1 beta), Kortisol) sind zum Beispiel bei Patienten mit einem Metabolischen Syndrom erhöht. Es ist bekannt, dass Fettgewebe Entzündungsprozesse begünstigen kann. Die Theorie: Wenn Fettpolster zu schnell anwachsen, werden sie nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt (Hypoxie) und rufen die Fresszellen (Makrophagen) des Körpers auf den Plan. Das Risiko für chronische Entzündungen steigt.
    Selbst der Anblick allein von Süssem kann bei einem Übergewichtigen ein Entzündung auslösen! In Erwartung eines süssen Teilchens schnellt der Insulinspiegel schon vor dem ersten Biss in die Höhe und sorgt so für einen geschmeidigen Abtransport der Kohlenhydrate nach der Mahlzeit.
    Der Blick aufs Essen aktiviert im Gehirn offenbar bestimmte Immunzellen, die sogenannte Mikroglia. Diese Zellen schütten dann einen Entzündungsfaktor namens Interleukin-1 beta (IL-1 beta) aus. Normalerweise ist dieser Faktor an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt, im Verdauungsfall aber stimuliert IL-1 beta über einen bestimmten Nerv die Ausschüttung von Insulin. Mit Entzündungen im eigentlichen Sinne haben all diese Vorgänge nichts zu tun.
    Nun gibt es aber den Verdacht, dass ein chronisch erhöhter Blutspiegel des Entzündungsfaktors IL-1 beta bei übergewichtigen Menschen Diabetes auslösen könnte.
    Diese Gesamtentzündung wird heute als mitverantwortliche Ursache der Insulinresistenz, des Fehlens von Insulinsekretion bei Diabetes und auch der Arteriosklerose, sowie Krebs gesehen.
    Bei einem gesunden Menschen funktioniert IL-1 beta als ganz normale Verdauungshilfe, ein nur etwa zehn Minuten andauernder Prozess: Der Kopf stupst die Bauchspeicheldrüse gleichsam nur an. Bei stark übergewichtigen Menschen aber ist die IL-1-beta-Produktion überschiessend und andauernd wie bei einer chronischen Entzündung.
    Dieser Zusammenhang von Immunsystem und Stoffwechsel (auch Immuno-Metabolismus genannt) beschreibt Jacques Philippe eindrücklich im Schweiz Med Forum 2018 (aber auch die Ernüchterung einer antientzündlichen, medikamentösen Therapie dagegen).

    Auch wenig Sinn im eigenen Leben zu sehen, erhöht nach neueren Studien stets (wie beim Dauerstress) etwas den Kortisolspiegel im Blut, was eine permanente Schwächung des Immunsystems nach sich zieht – und deshalb nachgewiesenermassen eine Erhöhung der Entzündungsneigung: walserblog.ch/2021/07/04/sinn-im-leben/!

    Auch der Darmflora wird eine grosse Rolle zugesprochen. Die Darmwand ist bei Patienten mit Übergewicht und Diabetes weniger dicht: dadurch können bakterielle Wandprodukte, sogenannte Lipopolysaccharide, sie besser durchdringen und Entzündungen in verschiedenen Geweben verstärken. Die Zusammensetzung der Darmflora scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen! Mehr zum Diabetes als Entzündung!

    Aufhorchen lässt, dass neuste Studien zeigen, dass sich Mikroplastik aus unserer Umwelt in vielen Organen unseres Körpers ablagern und Entzündungen hervorrufen können. So fand man in Blutgefäss-Plaques diese Kunststoffteilchen, was auch zu Arterienverkalkung und Herzinfarkt, resp. Hirnschlag führte! Weiterlesen >>>

    Einsamkeit ist ein weiterer Dauerstress und führt zu chronischer Entzündung >>>

    Schwere Verläufe bei Covid-19

    Ob ähnliche Prozesse bei schweren Verläufen bei Covid-19 eine Rolle spielen, wird nun vermutet. Deshalb wirken hier auch Medikamente, die das überschiessende Immunsystem, den „Zytokinsturm“ bremsen, wie Dexamethason (ein potentes Kortison) oder auch die Pestwurz (Tesalin).

    Weiterlesen über ME/CFS nach Covid-19 >>>

    Dopamin durch Entzündung gehemmt

    Die Wissenschaftler haben vorliegende Studien zum Einfluss des Immunsystems auf die Dopaminausschüttung ausgewertet: „Can’t or Won’t? Immunometabolic Constraints on Dopaminergic Drive“.
    Dopamin, ein Hauptakteur im Belohnungssystem des Gehirns, spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation. Sie fanden, dass unsere Aufwandsbereitschaft infolge von Entzündungsprozessen abnimmt.

    Ihr Resümee: Entzündungen führen dazu, dass Botenstoffe (Zytokine) ausgeschüttet werden, die im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin hemmen. Dadurch sinke unsere Bereitschaft, sowohl körperliche als auch geistige Mühe aufzuwenden. Diese Studie erweitert das Verständnis von Motivationsmangel bei körperlichen Erkrankungen, aber auch bei Störungen wie Depressionen.

    Bei akuter Entzündung ist Müdigkeit Zeichen einer guten Immunantwort

    Die motivationshemmende Funktion des Immunsystems ist eine im Prinzip hilfreiche Erfindung der Evolution. Damit ist sichergestellt worden, dass sich ein Mensch nicht überanstrengt, wenn er sich einen Infekt eingefangen hat. Denn die Genesung erfordert viel Energie: Bei Infektionen oder auch bei grossen Wunden kann der Zuckerstoffwechsel des Immunsystems um bis zu 60 Prozent steigen – und diese Energie muss anderswo abgezogen werden. Wir werden dann zu Recht träge.
    Auch bei der Neuroinflammation tritt eine grosse Müdigkeit (als Beispiel während einer Grippe) akut als Zeichen einer guten Immunantwort auf.

    Differentialdiagnose der Chronischen Müdigkeit oder Fatigue

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    Fortbildung USZ, 19.03.2024

    Therapieansätze

    Diese habe ich hier bereits hier erwähnt >>>.
    Sie können auch bei der Chronischen Müdigkeit so übernommen werden. Es geht häufig um ein eigentliches Herunterfahren unseres Organismus und Stoffwechsels – um einen Reset mit einer Erholungsphase.

    Eine wirksame antientzündliche Ernährung hat drei Säulen:

    • Als Erstes gilt es, Über- und Untergewicht zu vermeiden.
    • Zweitens sollte die Kost möglichst viele antientzündliche Komponenten beinhalten wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Beeren, Vollkornprodukte, Obst, Tee und hochwertige Pflanzenöle (Oliven-, Lein- und Rapsöl), auch fermentierte Milchprodukte (Joghurt, Käse).
    • Drittens sollte man wenig entzündungsfördernde Nahrungsmittel zu sich nehmen. Entzündungsfördernd sind rotes und verarbeitetes Fleisch, Alkohol, Kochsalz und Transfette, die vor allem in Lebensmitteln wie Pommes und Chips vorkommen. Ebenfalls ungünstig sind Kokosöl und verarbeitetes Palmöl, weil sie viele gesättigte Fettsäuren enthalten. Kochsalz hemmt das Wachstum antientzündlicher Darmbakterien. Gesättigte Fettsäuren wirken auf einen Rezeptor im Gehirn, wodurch mehr entzündungsfördernde Botenstoffe gebildet werden. Alkohol und das in rotem Fleisch enthaltene Häm-Eisen wiederum erhöhen den oxidativen Stress im Körper: In beiden Fällen entstehen beim Abbau hochreaktive Sauerstoffverbindungen, die mit allem reagieren, was ihnen in die Quere kommt, also auch mit zelleigenen Strukturen. Das Immunsystem reagiert auf solche Zellschäden mit einer Entzündung, weil es die beschädigten Zellen loswerden will. Ausserdem enthält Fleisch viel Arachidonsäure, die eine direkte Vorstufe von Entzündungsfaktoren ist.
      Zucker und Süssstoffe (einschliesslich Xylit, Erythrit, Sucralose), sowie Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Fruktose, Salz oder modifizierte Stärke, die die Darmbarriere schwächen, sind ebenfalls entzündungsfördernd.

    All das erfüllt beispielsweise die mediterrane; auch vegetarische Ernährung.
    (7 spezielle Lebensmittel für eine antientzündliche Ernährung)

    • Es besteht eine starkes Übergewicht des Sympathikus:
    • Dieses Ungleichgewicht benötigt dann eine Stärkung des Parasympathikus:
      Mehr Beruhigung, Entspannung, Innerer Frieden…
      Meditieren… Sie sind dadurch weniger gestresst und gereizt.
    >>> Guptaprogramm
    • Weiterlesen über die Aktivierung des Parasympathikus >>>
    • Soziale Isolation vermeiden… (Metastudie)
    • Lichttherapie
    • Impfungen von Gürtelrose oder auch Influenza (Grippe) verhindert die Entzündungen (auch Neuroinflammation) durch die Viren. Man vermutet, dass auch Demenz und die Arterienverkalkung (Herz- und Hirninfarkt) seltener auftritt.
    • Oxytocin:
    Screenshot

    Weiterlesen >>>

    Hilft Eisen gegen diese Müdigkeit?

    Bei chronischen Entzündungen entsteht manchmal eine Anämie – aber häufig auch eine Eisenüberladung. Hier wäre eine Therapie mit Eisen fatal!

    Was hilft nun diagnostisch abzuklären, ob man Eisen benötigt?
    Ein erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) im Blut ist ein Zeichen, dass im Körper ein Entzündungsprozess stattfindet. In diesem Fall ist der Ferritin-Wert trügerisch, da er normal oder hoch sein kann, obwohl dem Körper zu wenig Eisen für den Stoffwechsel zur Verfügung steht. Dann liefert die Transferrinsättigung einen zuverlässigeren Hinweis auf die Verfügbarkeit von Eisen.
    Die Transferrinsättigung oder TSAT im Blut zeigt an, wie sehr diese Transportproteine mit Eisen beladen sind. Eine zu niedrige Transferrinsättigung bedeutet, dass dem Körper zu wenig Eisen zur Verfügung steht. Dies kann bei erhöhten Entzündungswerten auch dann der Fall sein, wenn die Eisenspeicher gut gefüllt sind. Die Transferrinsättigung ist daher ein guter Laborwert um herauszufinden, ob ein Eisenmangel vorliegt, auch wenn entzündliche Prozesse im Körper vor sich gehen. Die höchste Aussagekraft hat die Erhebung der Transferrinsättigung, wenn das Blut für die Laboruntersuchung morgens nüchtern abgenommen wird.

    Über 70jährig sind ein Drittel aller Anämien durch eine chronische Entzündung verursacht (8% davon durch chronische Niereninsuffizienz). Im hohen Alter (>80j) erhöht sich der pro-inflammatorische Zustand unserer Zellen noch mit Zunahme der entzündlichen Zytokine.

    Es hilft hier nichts, Eisen zu geben (Tabletten oder Infusionen) – man muss die ursächliche Krankheit beheben!

    Lichttherapie kann chronische Erschöpfung lindern

    Krankheiten wie Rheuma, Krebs, Multiple Sklerose (MS), aber auch Long Covid sind oft mit einer chronischen Müdigkeit verbunden. Gegen diese «Fatigue» kann eine Lichttherapie helfen, haben Forschende in Österreich nachgewiesen. Ein Team um den Neurologen Stefan Seidel von der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum AKH Wien nahm sich für seine Untersuchung eine Gruppe von MS-Patientinnen und -patienten vor. Dies aus gutem Grund: Bei kaum einer anderen Krankheit ist die Wahrscheinlichkeit so gross, dass die Betroffenen begleitend auch an Fatigue leiden: Studien gehen von 75 bis 99 Prozent aus. 
    Schliesslich wurden die Studienteilnehmenden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe benutzte eine Tageslichtlampe mit einer Helligkeit von 10’000 Lux, die andere eine baugleiche Lampe mit rotem Licht und lediglich 300 Lux.

    Während das schwache, rote Licht keinerlei Wirkung zeigte, konnten die Forschenden bei der anderen Gruppe bereits nach 14 Tagen messbare Erfolge feststellen: Die Teilnehmenden, die täglich eine halbe Stunde ihre 10’000-Lux-Tageslichtlampe benutzten, wiesen schon nach dieser kurzen Zeitspanne eine verbesserte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auf. Auch litten sie weniger unter Tagesschläfrigkeit als die Kontrollgruppe mit dem schwachen Rotlicht. «Die Erkenntnisse aus unserer Studie stellen einen vielversprechenden nicht medikamentösen Therapieansatz dar», sagt Studienleiter Stefan Seidel.

    Dass die Lichttherapie nun auch gegen die Fatigue helfen kann, überrascht nicht: Auch das künstliche Licht einer Lampe wirkt dem schläfrig machenden Prozess entgegen: Wenn genug helles Licht auf die Netzhaut trifft, hemmt es die Melatoninproduktion und macht dadurch aktiver, verbessert die Stimmung und auch die Hirnleistung. Eine korrekt durchgeführte Lichttherapie hilft ausserdem, die innere Uhr, also den Schlaf-Wach-Rhythmus, einzustellen. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Schlafqualität aus.

    Zum Schluss noch ein Tipp ganz ohne Kostenfolgen: Wer nur leicht unter dem «Winterblues» oder der Fatigue leidet, kann es auch mit einem täglichen Morgenspaziergang von mindestens einer Stunde versuchen. Der hat einen ähnlichen Effekt wie die Lichttherapie.

    >>> Weiterlesen über das Körper-Stress-Syndrom >>>

    Foto von Abbie Bernet auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung von Dr.med. Thomas Walser:
    26. März 2026