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from cure to care - von der Pathogenese zur
Salutogenese

"From cure to care", der Aufruf der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) zu einer neuen Sichtweise in der Medizin, weist in eindrücklich klarer Form auf den
Kernunterschied zwischen "Krankheits-" und "Gesundheitsmedizin" hin:
Die erstere hat sich darauf spezialisiert, Krankheiten zu kurieren - sie versteht unter
Gesundheit das Nichtvorhandensein von Krankheit - während die andere sich um die
Gesundheit sorgt - sie versteht unter Gesundheit das Vorhandensein von Lebensqualitäten (www.dr-walser.ch/gesund.htm).
Seit Beginn meiner Praxistätigkeit habe ich vermieden, zu
Beginn eines Gesprächs "Was fehlt Ihnen?" zu sagen. Bereits im
Verlauf des ersten Kontakts wird dagegen wichtig, die Frage aufzuwerfen
"Was tut Ihnen gut?!" (Lesen Sie dazu auch meine Seite über Genuss
und Schuldgefühle in der Medizin: www.dr-walser.ch/genuss.htm).
Die Hausarztarbeit beginnt bereits vor der
Sprechstunde. Wenn ich in meiner Arbeit salutogenetisch wirken will, muss ich
selbst wissen und spüren, welches meine eigenen gesundmachenden Ressourcen
sind. Nur wer selbst gesund lebt und sich zu pflegen weiss, kann diese
"Gesamthaltung" auch weitergeben. Fragen Sie sich, was Sie von einem
Arzt erwarten, der Ihre gesunden Ressourcen ansprechen soll - und nicht nur Ihre
kranken Seiten?! Ist er/sie auf Ihren Schmerz fixiert (siehe dazu den
Witz:
Patient: "Überall wo ich meinen Finger hinhalte, tut's mir weh. Was habe
ich, Herr Doktor?!"
"Sie haben ihren Finger gebrochen!". Mehr zum Lachen hier: www.dr-walser.ch/witz.htm!)?
Oder pflegt Ihr Hausarzt/-in Sie auch als einzigartige Persönlichkeit? Pflegt er die
Beziehung zu Ihnen? Pflegt er die Beziehung zu anderen Ärzten (besucht er
Balintgruppen, Ärzte-Qualitätszirkel, etc.)? Wie gesund wirkt er eigentlich
selbst?! Sieht er Sie als Mensch und "ganz", d.h. auch als Teil Ihrer
Nächsten, Ihrer Familie, in Ihrem Beruf...? Interessiert er sich auch für Ihre
Bewegung, für Ihre Ernährung, Ihre Liebe, wie Sie sich pflegen? Interessiert
er sich auch für Ihre Ängste, Ihre existentiellen
Ängste (vor Tod, vor Isolation, vor der Sinnlosigkeit der Krankheit, des
Lebens,...)? Bezieht er Ihr
Umfeld mit ein (schickt er Sie nur zu weiteren Profis des Gesundheitswesens, wie
z.B. Physiotherapeuten - oder rät er Ihnen, sich auch durch Freundin massieren
zu lassen? Braucht er auch selbst seine Ressourcen, z.B. berührt er Sie auch
mit den Händen - oder spricht er nur? Überweist er Sie in eine Kuranstalt (unter lauter Kranken) oder rät
er Ihnen, sich einige Tage in Ihrem Lieblingsgasthof in den Bergen (unter
Gesunden) zu erholen?
Das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky
Das Konzept der Salutogenese wurde vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923
- 1994) entwickelt. Seine beiden Hauptwerke dazu sind "Health, stress and coping: New perspectives on mental and physical well-being" (1979) und
"Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well" (1987).
Aus Kritik an dem vor allem biomedizinischen Krankheits- und Präventionsmodell gibt Antonovsky der Frage, warum Menschen gesund bleiben, den Vorrang vor der
Frage nach den Ursachen von Krankheiten und Risikofaktoren. Primär geht es um die Bedingungen von Gesundheit und Faktoren, welche die Gesundheit schützen und
erhalten.
In "Unraveling the mystery of health" (deutsch: "Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit", 1997) beschreibt Antonovsky das Konzept der
Salutogenese - im Vergleich zur Schulmedizin - anhand der Metapher eines Flusses:
Die pathogenetische Herangehensweise (die sich ausschliesslich mit der Entstehung
und Behandlung von Krankheiten beschäftigt) gleicht im Bild von Antonovsky dem Versuch, Menschen mit hohem Aufwand aus einem reissenden Fluss zu retten, ohne
sich Gedanken darüber zu machen, wie sie da hineingeraten sind und warum sie nicht besser schwimmen können. Die Salutogenese hingegen sieht den Fluss als den
Strom des Lebens: "Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für
mich klar, dass ein Grossteil des Flusses sowohl im wörtlichen wie auch im herkömmlichen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluss, die zu leichten
Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit
ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: 'Wie wird man, wo immer
man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?'"
Gesundheits- und Krankheitskontinuum
Der üblichen (dichotomen) Trennung in gesund und krank (Gesundheit schliesst hierbei Krankheit aus - und umgekehrt.) stellt das Konzept der
Salutogenese ein Kontinuum mit den Polen Gesundheit / körperliches Wohlbefinden und
Krankheit / körperliches Missempfinden (health ease / disease
continuum) gegenüber. Weder völlige Gesundheit noch völlige Krankheit sind für lebende
Organismen wirklich zu erreichen. Jeder Mensch, auch wenn er sich (überwiegend)
als gesund erlebt, hat auch kranke Anteile, und solange Menschen am Leben sind, sind auch noch Teile von ihnen gesund. Die Frage, so Antonovsky, ist also nicht, ob jemand gesund oder krank ist, sondern wie nahe bzw. wie entfernt er von den Endpunkten Gesundheit und Krankheit jeweils ist.
Kohärenzgefühl
Den zentralen Aspekt des salutogenetischen Modells bildet für
ihn das Kohärenzgefühl
(sense of coherence, SOC - Kohärenz bedeutet Zusammenhang, Stimmigkeit.). Ausgangspunkt für die Überlegungen Antonovskys ist
die Annahme, dass der Gesundheits- bzw. Krankheitszustand eines Menschen (sieht man von Faktoren wie Krieg, Hunger oder schwierigen hygienischen Umständen ab)
wesentlich durch eine individuelle, psychologische Einflussgrösse (oder
vielleicht besser "Geisteshaltung", resp. ein geistiges Konstrukt,
welches seelischer Einflüsse unterliegt) bestimmt wird,
nämlich durch die Grundhaltung des Individuums gegenüber der Welt und dem eigenen Leben. Von dieser Grundhaltung hängt es seinem Verständnis nach nämlich
massgeblich ab, wie gut Menschen in der Lage sind, vorhandene Ressourcen zum Erhalt ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu nutzen. Je ausgeprägter das
Kohärenzgefühl einer Person ist, desto gesünder ist sie bzw. desto schneller wird sie gesund und bleibt es.
Eine erste Definition Antonovskys beschreibt das Kohärenzgefühl als "eine grundlegende Lebenseinstellung, die ausdrückt, in welchem Ausmass jemand ein
alles durchdringendes, überdauerndes und zugleich dynamisches Gefühl der Zuversicht hat, dass seine innere und äussere Erfahrenswelt vorhersagbar ist und
eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich die Angelegenheiten so gut entwickeln, wie man vernünftigerweise erwarten
kann" ("Health,
stress and coping: New perspectives on mental and physical well-being" ,1979). Aus dieser Definition wird
zugleich auch deutlich, dass diese Grundeinstellung zum Leben fortwährend mit neuen Lebenserfahrungen konfrontiert und von ihnen beeinflusst wird.
Einschub für Hirnphysiologen: Das Kohärenzgefühl ist
eventuell eine gute Einfügung der Amygdala-Reize im Hippocampus!
Aus drei Faktoren, so Antonovsky, setzt sich die Grundhaltung, die Welt
zusammenhängend und sinnvoll zu erleben, zusammen:
-
Gefühl von Verstehbarkeit (sense of comprehensibility)
Das Gefühl von Verstehbarkeit meint die Fähigkeit von Menschen bekannte und auch unbekannte Stimuli als geordnete, konsistente, strukturierte Informationen verarbeiten zu können.
-
Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit (sense of manageability)
Das Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit ist die Überzeugung eines Menschen, dass er geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um den Anforderungen zu begegnen - wozu auch der Glaube an die Hilfe anderer Menschen oder einer höheren Macht zählt.
-
Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit (sense of meaningfulness)
Das Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit ist das Ausmass, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet: Dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, das man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet; dass sie eher willkommene Herausforderungen sind, als Lasten, die man gerne los wäre.
Antonovsky sieht diese motivationale Komponente als den wichtigsten Aspekt des Kohärenzgefühls an, denn ohne das Erleben von Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben vor allem als Last zu empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als Qual.
Diese drei Komponenten einbeziehend definiert Antonovsky das Kohärenzgefühl an
anderer Stelle als "eine globale Orientierung, die das Ausmass ausdrückt, in dem
jemand ein durchdringendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderungen aus der inneren oder äusseren
Erfahrenswelt im Verlauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den
Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investitionen und Engagement verdienen".
Ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl führt dazu, dass ein Mensch flexibel auf
Anforderungen reagieren kann. Es aktiviert die für diese spezifische Situation angemessenen Ressourcen und wirkt damit als flexibles Steuerungsprinzip, das den
Einsatz verschiedener Verarbeitungsmuster (Copingstrategien) in Abhängigkeit von
den Anforderungen anregt.
Vergleichen Sie auch dieses Kohärenzgefühl mit der
"Resilienz",
die psychische und physische Stärke bezeichnet, die es Menschen ermöglicht,
Lebenskrisen, wie schwere Krankheiten ohne langfristige Beeinträchtigungen zu
meistern. Kurz: Gedeihen trotz widriger Umstände.
Entwicklung und Veränderung des Kohärenzgefühls
Das Kohärenzgefühl entwickelt sich im Laufe der Kindheit und Jugend und wird von
den gesammelten Erfahrungen und Erlebnissen beeinflusst. Während sich das Kohärenzgefühl in der Adoleszenz noch umfassend verändern kann, ist es mit etwa
dreissig Jahren, so Antonovsky, ausgebildet und relativ stabil. Im Erwachsenenalter ist es deshalb nur noch schwer veränderbar, und eine solche
Veränderung erfordert eine harte und kontinuierliche (z.B. therapeutische) Arbeit.
Ob sich ein starkes oder ein schwaches Kohärenzgefühl herausbildet, hängt für
Antonovsky vor allem von den gesellschaftlichen Gegebenheiten ab, d.h. insbesondere von der Verfügbarkeit generalisierter Widerstandsressourcen, die
ein starkes Kohärenzgefühl entstehen lassen.
Stressoren und Stressreaktionen
Stressoren sind im Verständnis von Antonovsky "eine von innen oder
aussen
kommende Anforderung an den Organismus, die sein Gleichgewicht stört und die zur
Wiederherstellung des Gleichgewichts eine nicht-automatische und nicht unmittelbar verfügbare, energieverbrauchende Handlung erfordert".
Zunächst einmal führen Stressoren - unterscheiden lassen sich physikalische, biochemische und psychosoziale Stressoren - zu einer psychophysiologischen
Aktivierung, da das Individuum nicht weiss, wie es reagieren soll. Dabei kann die
Wirkung physikalischer und biochemischer Stressoren (z.B. Einwirkung durch Waffengewalt, Hungersnot, Gifte oder Krankheitserreger) so stark sein, dass sie
sich direkt auf den Gesundheitszustand auswirken. Da in den Industrienationen die Gefährdung durch physikalische und biochemische Stressoren abgenommen hat,
rückt die Bedeutung der psychosozialen Stressoren in den Vordergrund. Verfügt die betreffende Person über ein hohes
Mass an Kohärenzgefühl (sense of coherence, SOC), so kann sie einen Reiz, den eine andere Person mit schwachem SOC als
spannungserzeugend erfahren würde, unter Umständen als neutral bewerten
("primäre Bewertung I"). Aber auch dann, wenn eine Person mit hohem Kohärenzgefühl einen Reiz als Stressor bewertet, kann sie noch unterscheiden ob
der Reiz bedrohlich, günstig oder irrelevant ist ("primäre Bewertung II"). Wird
der Stressor als günstig oder irrelevant bewertet, wird zwar die Anspannung wahrgenommen, gleichzeitig nimmt die Person aber an, dass die Anspannung ohne
das Aktivieren von Ressourcen wieder aufhört. Der Stressor, der die Anspannung auslöste, wird zum Nicht-Stressor umdefiniert.
Auch dann, so das Konzept der Salutogenese, wenn ein spannungserzeugender Stressor, der als potentiell bedrohlich definiert wird, wird sich eine Person
mit hohem Kohärenzgefühl nicht wirklich bedroht fühlen. Es schützt sie ihr grundlegendes Vertrauen, dass sich die Situation schon bewältigen lassen wird.
Auch geht Antonovsky davon aus, dass Menschen mit einem hohen SOC auf bedrohliche Situationen eher mit situationsangemessenen und zielgerichteten
Gefühlen reagieren (z.B. mit Ärger über einen bestimmten Sachverhalt), wohingegen Personen mit einem niedrigen SOC eher mit diffusen, schwer zu
regulierenden Emotionen (z.B. mit blinder Wut) reagieren und handlungsunfähiger
werden, weil ihnen das Vertrauen in die Bewältigbarkeit des Problems fehlt ("primäre Bewertung III").
Generalisierte Widerstandsressourcen
Als generalisierte Widerstandsressourcen bezeichnet Antonovsky sowohl
individuelle (z.B. körperliche Faktoren, Intelligenz, Bewältigungsstrategien) als auch soziale und kulturelle Faktoren (z.B. soziale Unterstützung,
finanzielle Möglichkeiten, kulturelle Stabilität), die als Ressourcen die Widerstandsfähigkeit einer Person erhöhen.
Solche Widerstandsressourcen haben zweierlei Funktionen. Zum einen prägen sie kontinuierlich die Lebenserfahrungen und ermöglichen es, bedeutsame und
kohärente Lebenserfahrungen zu machen, die wiederum das Kohärenzgefühl formen.
Und zum anderen wirken sie als Potential, das aktiviert werden kann, wenn es für
die Bewältigung eines Spannungszustandes erforderlich ist.
Verena Steiner teilt in ihrem sehr brauchbaren Buch
"Energiekompetenz" (Pendo Verlag, 2005) die Ressourcen des
Menschen in drei Bereiche auf:
| Ich-Bereich |
| physisch |
emotional |
mental |
Atmung
Schlaf, Rhythmus
Gesundheit
Fitness
Ernährung
Sinne |
Selbstachtung
Selbstvertrauen
Stimmung
Lebensfreude
Optimismus
Sozialkompetenz (mit Sich-Einfühlen-Können in andere und
Beziehungsfähigkeit) |
Wille
Selbstdisziplin
Konzentration
Realitätssinn
geistige Offenheit
fachliche Kompetenzen |
| Beziehungs-Bereich |
| zu Menschen |
zur Arbeit |
zu Dingen |
Partnerschaft
Familie, Freundschaft
Gemeinschaft |
Interesse
Commitment
Arbeitsfreude |
Achtsamkeit
Ordnung, Ästhetik
Vollendung |
| Perspektiven und Lebenssinn |
Ziele
Engagement für die Gesellschaft
Herausforderungen
Reflexion, Philosophie
Träume, Hoffnung
Religion, Spiritualität |
Der Einfluss des Kohärenzgefühls auf die Gesundheit
Da ein zu grosses Mass an anhaltendem oder wiederholtem Erleben von Stress
zusammen mit körperlichen Schwächen eine Gefährdung des Gesundheitszustandes mit
sich bringt, geht es im Konzept der Salutogenese vor allem darum, zu verhindern,
dass Spannung sich in eine Belastung verwandelt. Dabei können nach Antonovsky unterschiedliche Wirkungsweisen des Kohärenzgefühls angenommen werden:
-
Das Kohärenzgefühl beeinflusst verschiedene Systeme des Organismus (z.B. Zentralnervensystem, Immunsystem, Hormonsystem) direkt, indem es bei
den kognitiven Prozessen mitwirkt, die über die Bewertung einer Situation als gefährlich, ungefährlich oder willkommen entscheidet. Im Bereich der Psychoneuroimmunologie sieht Antonovsky seine Auffassung
bestätigt, dass kognitiv-motivationale Aspekte direkten Einfluss auf Organsysteme und damit auf die körperliche Gesundheit bzw. Krankheit nehmen
können.)
-
Das Kohärenzgefühl mobilisiert vorhandene Ressourcen, die zu einer Spannungsreduktion führen und damit indirekt auf die physiologischen Systeme der Stressverarbeitung wirken. Während eine kurzfristige physiologische Stressreaktion (Anspannung) von Antonovsky als nicht gesundheitsschädigend eingeschätzt wird, wenn sie durch eine anschliessende Erholungsphase ausgeglichen wird, entsteht eine Schädigung dann, wenn die selbstregulierenden Prozesse des Systems gestört sind.
-
Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl sind eher in der Lage, sich gezielt für gesundheitsfördernde Verhaltensweisen (z.B. gesunde Ernährung, rechtzeitig einen Arzt aufsuchen) zu entscheiden und gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen zu vermeiden.
Dauerstress schwächt Kohärenz und Lebensmut
Menschen, die ihr Leben als kohärent - also als sinnvoll,
versteh- und bewältigbar - empfinden, wird nachgesagt, dass sie vor Krankheiten
besser geschützt sind. Allerdings hängt, wie oben beschrieben, das
Kohärenzempfinden auch seinerseits von körperlichen Einflüssen ab: Gerät der
Organismus dauerhaft aus dem Gleichgewicht, zum Beispiel durch permanenten
Stress, so senkt dies auf längere Sicht das Kohärenzgefühl; die Betreffenden
empfinden dann ihren Alltag zunehmend als sinnentleerte Zumutung.
Auf diesen Zusammenhang machte jetzt wieder ein schwedisches
Forschungsteam aufmerksam (Psychosomatic Medicine, Bd. 68/5, 2006). Petra
Lindfors und ihre Kollegen von der Uni Stockholm griffen auf medizinische
Labordaten von 369 gesunden Frauen zurück, die im Alter von 43 Jahren einen
ärztlichen Routinecheck absolviert hatten. Für jede Teilnehmerin wurde nun
abgezählt, in wie vielen Kennwerten (etwa Blutdruck, Blutfette, maximale
Pumpleistung des Herzens, Waist-Hip-Ratio) sie im
riskanten oberen Viertel landeten. Die individuelle Summe dieser Risikowerte
bildete ein Mass für die so genannte "allostatische Last": das
Ausmass der Abweichung vom physiologischen Gleichgewicht.
Sechs Jahre später wurden die Frauen nochmals kontaktiert und
füllten einen Fragebogen zu ihrem Kohärenzempfinden aus. Sie wurden gefragt,
inwieweit sie "die Dinge, die ihnen alltäglich widerfahren" im
Grossen und Ganzen verstehbar fänden, ob Probleme sie hoffnungslos stimmten
oder eher zur Suche nach Lösungen anspornten und ob sie den Alltag als
"eine Quelle persönlicher Befriedigung" empfänden. Es stellte sich
heraus: Je höher die "allostatische Last" einer Teilnehmerin sechs
Jahre zuvor ausgefallen war, desto schlechter stand es nunmehr um ihren Sinn
für Kohärenz. (Übrigens: Auch Rauchen, geringe Bildung und ein Singleleben
waren der Kohärenz abträglich.).
Die "allostatische Last" ist ein Mass dafür, wie
stark das Gleichgewicht des Körpers gestört ist - mutmasslich vor allem durch
wiederholten und chronischen Stress. Stress ist eine natürliche
Anpassungsreaktion des Körpers auf Anforderungen; er ist unschädlich, wenn der
gestresste Organismus anschliessend ausreichend Zeit findet, sich wieder von dem
Aufruhr zu erholen. Ist dies nicht gewährleistet, zum Beispiel weil der Stress
über Tage und Wochen anhält, so findet der Körper nicht wieder vollständig
zum Gleichgewicht zurück: Allostatische Last häuft sich an.
Dieses körperliche Ungleichgewicht wirkt sich offenbar auch
seelisch aus und schmälert das Kohärenzempfinden und damit den Lebensmut - ein
Teufelskreis, fürchten die schwedischen Untersucher: "Ein schwaches
Kohärenzempfinden wird die Kapazität eines Menschen, seinen Alltag erfolgreich
zu bewältigen, weiter reduzieren, was wiederum Spannung und Stress verstärkt,
die körperlichen Ressourcen verschleisst und das Gesundheitsrisiko
erhöht." Andererseits gilt wohl auch umgekehrt: Wer sein Leben als
kohärent und sinnhaft empfindet, baut Stress rascher ab und schont seine
körperlichen Ressourcen.
Ich habe hier einiges aus dieser Quelle zitiert:
Jürgen
Bengel, Regine Strittmatter & Hildegard Willmann: "Was erhält Menschen
gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese - Diskussionsstand und
Stellenwert". Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 6,
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2001
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 11.10.2009
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