Reizdarm

Der “gereizte” Darm

Vorausgeschickt: Ein “Reizdarm” ist wohl gar keine eigenständige Krankheit – und wird momentan von der Pharmaindustrie massiv (mit Berichten und Kongressen) zu einer geformt, da mehrere neue Medikamente dagegen in der Pipeline stecken (sog. “Disease Mongering”).

Der Reizdarm ist eher ein Abweichen vom “guten Gefühl im Bauch”.
Wie könnte dies zustande kommen?

Es existieren verschiedene Bezeichnungen für das Reizdarmsyndrom (RDS): “Irritable Bowel Syndrome” (IBS) oder “Funktionelle gastrointestinale Störungen” (FGS). Ist vor allem der Dickdarm betroffen, spricht man auch vom Reizdickdarm oder “Colon irritabile”, auch vom spastisches Kolon.

Zum “lächelnden” oder “traurigen Darm” siehe die charmante Medizinstudentin und Science Slam – Gewinnerin Giulia Enders: www.youtube.com/watch?v=2qo3ueVlyUY

Ursache

Man geht heute davon aus, dass dem RDS ein komplexes Geschehen zu Grunde liegt, in dem körperliche und psychologische Faktoren zusammenkommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei unser “zweites Gehirn”, das sogenannte enterische Nervensystem (ENS), früher auch Plexus Auerbachii genannt. Im Bereich von Speiseröhre, Magen und Darm besitzen wir ein zweites Nervensystem. Dieses “Bauchhirn” ist mit seinen rund 100 Millionen in den Eingeweiden und Darmwänden verankerten Nervenzellen weitaus komplexer als das gesamte neuronale Netz im Rückenmark (auch 95% des Serotonins werden dort produziert). Man nimmt heute an, dass dieses Nervengeflecht, zusammen mit den 70% des Immunsystems, die im Darm lokalisiert sind, auch über ein Gedächtnis verfügt. Dieses hilft dem Darm, mit den Tausenden von chemischen Stoffen bis hin zu Toxinen, die im Darm anfallen, sehr selbständig fertig zu werden. Verbindungen zum Grosshirn sind vorhanden. Ein wichtiges Indiz für die Selbständigkeit des “Darmgehirns” ist, dass die Bahnen zum Grosshirn sehr ausgeprägt, diejenigen von dort in den Darm nur spärlich sind. Diese Informationen vom Darm ans Grosshirn sind für die Stimmungen und Emotionen des Menschen sehr wesentlich (Die Liebe geht durch den Magen… aus dem hohlen (oder vollen) Bauch entscheiden…). Eine Hypothese lautet, dass beim IBS die vom Bauch gesandten Informationen nicht genügend unbewusst gemacht und ausgefiltert werden können. ( Literatur: Michael Gershon: “Der kluge Bauch”, Goldmann, München, 2001. www.geo.de/themen/medizin_psychologie/zweites_gehirn/index.html ;europäische Neurogastroentorologie: www.neurogastro.org , Deutschland: www.neurogastro.de ).

Zu viele Reize aus dem Darm an unser Grosshirn und eine bestehende Hypersensibilität können beim Reizdarm, analog der Reizblase zu dem bekannten Symptomenkomplex führen.
Zum Beispiel trifft man beim Reizdarm viele Menschen, die immer viele kleine Portionen über den Tag (und die Nacht) weg essen, da sie grössere Mahlzeiten schlecht ertragen. Ein Teufelskreislauf, der zu sehr vielen Reizmeldungen aus dem Darm zum Hirn führt und die Hypersensibiltät (und auch eine damit einhergehende Neuroinflammation!) verstärkt. Dies findet man ja auch bei der Reizblase durch stetes Trinken von kleinen Mengen in kurzen Abschnitten.

Abgrenzung und Überschneidung mit SIBO

SIBO “small intestinal bacterial overgrowth” ist ein häufiges Krankheitsbild und eine mögliche Differentialdiagnose bei therapierefraktären Reizdarmbeschwerden.
Weiterlesen über SIBO : SIBO_small_intestinal_bacterial_overgrowth.pdf
– und die Kritik zu diesem Krankheitsbild: SIBO-Kritik.pdf

Psychosomatische Aspekte

“Man schluckt alles. Etwas schlägt einem auf den Magen. Man hat die Hosen voll.”
Das RDS ist ein Abweichen vom “guten Gefühl im Bauch” mit einer viszeralen Hypersensibilität (=vermehrte Reizbarkeit des Darmes). Vermehrt freigesetztes Serotonin (=hormonähnlicher Stoff) und eine Überempfindlichkeit der Rezeptoren in der Darmwand ergänzen sich, sodass die Schmerzschwelle sinkt. Zudem erhöht die neuronale Hyperaktivität (=erhöhte Nerventätigkeit) die gastrointestinale Motilität (= Darmtätigkeit). Auch hier gleichen sich übrigens unser grosses und kleines Gehirn (die beiden Nervensysteme sind auch über Nerven direkt miteinander verbunden). Während z.B. das Serotonin im Gehirn emotionale Prozesse fördert und stabilisiert, führt es im Bauchgehirn dagegen zu einer gleichzeitigen muskulären “Powerreaktion” mit Magenkrämpfen oder Durchfall (kann die Magen-Darm-Nebenwirkungen der neuen Psychopharmaka erklären).

Ich sehe in meiner Praxis nicht so selten einen Reizdarm bei Menschen, die innerlich immer “auf hundertachtzig” sind, also ganz einfach überreizt. Er zeigt sich dann auch oft kombiniert mit innerer Nervosität und Spannung, einem Reflux des Magens und mit Spannungskopfschmerzen.

Depression und Schmerzkrankheiten fördern gestörte Schmerzwahrnehmung im Darm

Depression und Angststörungen sind häufige, d.h. in 40% Komorbiditäten des Reizdarmsyndroms – bei Chronischen Schmerzkrankheiten (auch Fibromyalgie) sind es fast 50%.  Weitere Komorbiditäten (gemeinsame Krankheitsbilder) sind Schlafmangel, Übergewicht, Diabetes, Drogenkonsum (Opiate!). Erklärbar sind diese Kombinationen nur durch die gemeinsame Hypersensiblität, Hyperreaktivität und gesteigerte Neuroinflammation. Aktuelle Daten weisen den auch in Richtung einer gestörten Verarbeitung viszeraler Schmerzreize in den Gehirnen von IBS-Patienten. Diese Auffälligkeiten sind auch umso ausgeprägter, wenn Patienten deutlichere Anzeichen einer Depression zeigen. Sie sind weniger gut in der Lage, Schmerzsignale aus dem Darm zentral zu unterdrücken.

Darmflora

Die Bereicherung der Darmflora verbessert den Reizdarm.
Was sehr wahrscheinlich bei einer Ernährungsumstellung zur vegetarischen Diät und auch zur Mediterranen Ernährung beim Reizdarm wichtig ist, scheint die Veränderung, die sie auf die Besiedlung mit Darmbakterien bewirkt. Diese Ernährungsweisen bekämpfen die Verarmung dieser Darmbakterien, die höchst wahrscheinlich auch eine sehr wichtige Ursache für den Reizdarm ist.
>>> mehr dazu lesen Sie auf meiner Extraseite zur Darmflora hier: www.dr-walser.ch/darmflora/!

Noch ein therapeutischer Schritt weiter gehen Stuhltransplantationen:
2000 wagte Gerhard Rogler vom Universitätsspital Zürich erstmals den unorthodoxen Eingriff bei einer Patientin, die wegen einer rezidivierenden Infektion mit dem Darmkeim Clostridium difficile an krampfartigen Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber litt. Die Ärzte spülten den Darm der Patientin und spritzten danach gereinigten Kot einer Verwandten ein. Die Therapie war erfolgreich. Seither hat Rogler viele weitere Patienten mit einer chronischen C.-difficile-Infektion behandelt – meist mit kompletter Heilung.
Derweil testen Forscher weltweit die Stuhltransplantation bei einer Reihe weiterer Darmerkrankungen wie Reizdarm, chronischer Verstopfung, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Holländische Forscher haben die Methode bei Patienten, die am metabolischen Syndrom leiden, erprobt – ebenfalls mit Erfolg. Bei den Patienten hat sich nach der Transplantation mit aufgereinigtem Kot eines dünnen Spenders die Insulinsensitivität erhöht.
Wirklich appetitlich ist diese Therapie nicht, dafür anscheinend umso wirksamer: Stuhltransplantationen können lebensbedrohliche Darminfektionen heilen – und möglicherweise noch viel mehr.

Achtung: PPI (Medikamente gegen übermässige Magensäure, Reflux) meiden!
Die Magensäure  ist auch wichtig zur Bekämpfung von pathogenen Bakterien un Viren, die mit dem Essen in den Magen gelangen. Falls diese nun ungefiltert (da keine Säue mehr vorhanden) in den Darm gelangen, leidet das gute Gleichgewicht der Darmflora – und die Symptome eines Reizdarmes können zunehmen!

Ein wichtiger Aspekt des Reizdarmsyndroms scheint auch die sog. “Glutensensitivität” zu sein, die aber – nach neueren Erkenntnissen – wenig mit Gluten, sondern viel mehr mit einer Schnellgärung von Broten (mit Hefe!) zu tun hat. >>>mehr dazu!

Diagnose

Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms (Rom-III-Kriterien: siehe www.medicalforum.ch/pdf/pdf_d/2006/2006-51/2006-51-290.PDF):
Mindestens 3 der zurückliegenden 6 Monate lang Bauchschmerzen, die mit Stuhlentleerung nachlassen oder mit verändertem Stuhlgang während mindestens zwei Tagen pro Woche einhergehen und mindestens zwei der folgenden Punkte erfüllen:

  • Änderung der Stuhlfrequenz (mehr als dreimal tägl. oder weniger als dreimal wöchentlich)
  • Änderung der Stuhlkonsistenz (hart, weich, wässrig)
  • Änderung bei der Stuhlpassage (angestrengtes Pressen, Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung)
  • Schleimabgang
  • Blähungen

Zum RDS gehört auch die “Funktionelle Dyspesie” (störendes Völlegefühl nach dem Essen, beschleunigtes Sättigungsgefühl, Schmerzen in Mitte des Oberbauches, dort auch Brennen), das “Epigastrische Schmerzsyndrom” (intermittierende Schmerzen, mind. mittelschwer, mind. einmal pro Woche in Mitte des Oberbauchs), das “Postprandial distress syndrome” (stöhrendes Völlegefühl nach normalen Mahlzeiten, mehrmals pro Woche und/oder beschleunigtes Sättigungsgefühl), das “Syndrom des zyklischen Erbrechens” und die “Chronische idiopathische Übelkeit”.

Die “Diagnose” Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose, d.h. erst wenn alles andere im Darm ausgeschlossen ist, das ebenfalls die obigen Symptome mal produzieren kann, darf von “Reizdarm” gesprochen werden. Deshalb auch:
Bei einem Alter über 40 Jahren und/ oder gleichzeitigen “Alarmsymptomen”, wie Gewichtsverlust, nächtlichen Schmerzen, Fieber, pathologischen Befunden bei der Bauchabtastung, pathologischen Leberwerten, Blut im Stuhl, Blutarmut, Nahrungsmittelaversionen, Schluckstörungen, frühzeitige Sättigung sollte unbedingt eine Darmspiegelung erfolgen (da dies dann kein Reizdarm ist)!

Ursächlich kann auch eine bakterielle Nahrungsmittel-Vergiftung in 25% zu längerdauernden Darmstörungen führen, von denen immerhin ein Drittel (7%) die Kriterien eines Reizdarms erfüllen (bei Frauen dreimal mehr als bei Männer; allg. mehr, je stärker und längerdauernd die vorangehende Vergiftung und auch im jugendlichen Alter).

Nicht vergessen darf man differentialdiagnostisch auch eine Sprue (Zöliakie): Viermal häufiger bei IBS-Symptome (einer von 25), als in der “Normalbevölkerung” (Arch Intern Med 169(7):651-658, 13 April 2009 © 2009 to the American Medical Association
Yield of Diagnostic Tests for Celiac Disease in Individuals With Symptoms Suggestive of Irritable Bowel Syndrome – Systematic Review and Meta-analysis. Alexander C. Ford et al.
)

Nicht vergessen: Es existiert auch eine Weizenunverträglichkeit ohne Zöliakie! Also: Weizen meiden ist vor allem bei Blähungen sehr effektiv!  Und allgemein ist Brot aus Hefeschnellgärung und v.a. Weissbrot sehr blähend. Sauerteigbrote aus langsamer Gärung macht meist keine Reizdarmsymptome! >>>mehr dazu!

Auch die Laktoseintoleranz ausschliessen.

Und chronisch entzündliche Darmkrankheiten ausschliessen: Der Hausarzt macht dies z.B. mit Biomarker-Bestimmung im Stuhl (Calprotectin).

Der Hausarzt sollte auch Schilddrüsenstörungen ausschliessen (TSH-Messung)!

Bei Neigung zu Durchfall und Blähungen auch Kaugummis mit Sorbit, Mannit oder Xylit weglassen – und auch nicht häufige Smoothies!

Achtung bei Frauen im gebärfähigen Alter: Die Endometriose kann häufig zusammen oder als Fehldiagnose eines Reizdarms bestehen! Sie auszuschliessen ist wichtig. (BJOG published online 19 August 2009 Vol 115 Issue 11 Pp 1392 – 1396 © RCOG: Endometriosis and its coexistence with irritable bowel syndrome and pelvic inflammatory disease: findings from a national case-control study—Part 2. HE Seaman, KD Ballard, JT Wright and CS de Vries)

Therapie

  • Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist geprägt durch Hypersensibilität und Hyperreaktivität (vor allem im Darm natürlich) und durch eine Neuroinflammation. Alles dies wird durch eine Ernährungsumstellung mit langen Essenspausen stark gebessert. Das Kurzfasten, optimal als 16:8, hilft hier enorm und wirkt auch stark Entzündung senkend! Wichtig dabei ist, dass man in den 8 Essens-Stunden nur maximal dreimal isst und keinerlei Zwischenmahlzeiten macht!
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  • Das “Nervöse” hinter diesem Reizdickdarm lohnt sich anzugehen: Entspannung mit Anschauen und Lösen von anstehenden Problemsituationen, Lernen von autogenem Training, Biofeedback, Teilnahme an Yoga- oder Tai-Chi-Gruppen.
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  • Patienten mit einem Reizdarm neigen auch zu Angststörungen und Depressionen (“Schiss haben!”). Auch ein früherer sexueller Missbrauch kann damit verbunden sein. Dies sollte man gemeinsam angehen (Psychotherapie).
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  • Körperliche Aktivität verbessert die Symptome bei RDS: Da Fibromyalgie und auch Depression mit dem Reizdarm assoziiert sind, und bei diesen zwei Krankheiten die Bewegung gut hilft, war naheliegend, dass man in Studien auch den Effekt von mehr Bewegung beim Reizdarm gesucht hat. Man fand wirklich, dass körperlich aktive Reizdarm-Patienten weniger Symptomverschlechterung haben als inaktive Patienten. Daher sollte die Bewegung als Erstlinienmassnahme beim RDS eingesetzt werden!
    (Sadik R, et al. Physical activity improves symptoms in irritable bowel syndrome: A randomized controlled trial; Am.J.Gastroenterol. 106:915-922 (2011))
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  • Der Hausarzt sollte Schilddrüsenstörungen ausschliessen (TSH-Messung)!
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  • Vegetarische Ernährung oder auch die sog. Mediterrane Ernährung kann der Verarmung der Darmbakterien entgegenwirken, welche auch eine Ursache des Reizdarms sein kann!
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  • Gewisse Patienten scheinen von einer Diät zu profitieren, die als „Low-FODMAP“ Diät bekannt ist. FODMAP steht für fermentierbare, Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Poliole. Unter dieser Bezeichnung zusammengefasst werden schlecht absorbierbare, kurzkettige Kohlenhydrate, wie z.B. Laktose. Hypothetisch führen diese FODMAPs osmotisch zu einer Dehnung des Darmes, sowie durch Fermentation zu Blähungen mit konsekutiven Beschwerden bei RDS. Diese Studie prüft die Effektivität einer Diät, die sehr arm an FODMAPs ist. Zwischen den Gruppen zeigten sich signifikante Unterschiede der Beschwerden. Diese waren unter der Low-FODMAP Diät halb so stark, verglichen mit der Kontroll-Diät.
    (Halmos EP, Power VA, Shepherd SJ, Gibson PR, Muir JG. A Diet Low in FODMAPs Reduces Symptoms of Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology. 2014;146(1):67-75.e65.)>>>Lesen Sie dazu den interessanten Zusammenfassung aus dem Medicalforum: fodmap.pdf

Achtung bei low-FODMAP-Diät!
Eine neue Studie in dem BMJ-verwandten Fachblatt „Gut“ zeigt jedoch, dass eine low-FODMAP-Diät nur über kurze Zeit angewandt werden sollte, da die stark  eingeschränkte Vielfalt an Lebensmitteln die Darmflora negativ so verändert, dass schädliche Bakterien es leichter haben, sich dort anzusiedeln. Die FODMAP-Karenzzeit sollte daher mit genügend Ballaststoffen ergänzt und danach zügig auf eine Ernährung umgestellt werden, die FODMAP-haltige Lebensmittel nur der individuellen Toleranzschwelle entsprechend reduziert.
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  • Viele Menschen mit einem Reizdarmsyndrom haben eine Laktoseintoleranz. Bei entsprechender Diät verbessern sich die Symptome eindeutig.
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  • Ebenfalls scheint die Fruktose, der Fruchtzucker bei vielen IBS-Patienten eine Rolle zu spielen. Fruktoseintoleranz kann einen Reizdarm zu triggern. Der versuchsweise, dreiwöchige Verzicht auf alle Früchte und Fruktose-haltigen Getränke und Lebensmittel kann bei starker Besserung eine langfristige Therapie des IBS sein. (Clinical Gastroenterology and Hepatology July 2008 Vol 6 Issue 7 Pp 765-771). Nach ein paar fruchtfreien Wochen kann man wieder eine halbe bis eine Banane pro Tag und manchmal ein paar Heidelbeeren essen.
  • Probiotika, vor allem Bifidobakterien helfen bei Blähungen und Obstipation! (Guyonnet et al., APT 2007)
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  • Noch besser hilft hier ein Synbiotikum die kombinierte Anwendung von Probiotikum und einem für das Probiotikum als “Nahrung” dienendes spezifisches Präbiotikum :
    z.B. Bifidus-Natur-Joghurt mit einem geraffelten Apfel!
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  • Das Weglassen künstlicher Süssstoffe (Sorbit, Mannit, Xylit) hat besonders bei Blähungen einen guten Effekt.
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  • Padmed Laxan®, ein pflanzliches Kombinationspräparat aus der tibetischen Medizin, bessert ein RDS mit vorherrschender Obstipation, auch Bauchschmerzen und Blähungen.
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  • Bei Verstopfungen sollte auch eine faserreiche Kost und genügende Flüssigkeitszufuhr (mehr als 2 Liter pro Tag) angestrebt werden. Flohsamen (Psyllium) wirkt dabei viel besser als Kleie (27 August 2009;339:b3154 © 2009 BMJ Publishing Group Ltd., Soluble or insoluble fibre in irritable bowel syndrome in primary care? Randomised placebo controlled trial. C J Bijkerk, N J de Wit, J W M Muris et al. auch als Metaanalyse: Moayyedi P. et al. The Effect of Fiber Supplementation on Irritable Bowel Syndrome: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Gastroenterol. 2014;109:1367-1374)
    Aber Achtung:
  •  Allzu viel ist auch hier ungesund: Ballaststoffe enthalten reichlich pflanzliche Abwehrstoffe. Diese reizen den Darm und können Entzündungen verursachen. Sie stehen in Verdacht, eine Ursache des sogenannten Reizdarms zu sein.
  • Also: Weizen meiden ist vor allem bei Blähungen sehr effektiv!  Und allgemein ist Brot und v.a. Weissbrot sehr blähend.
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  • Durchfall und IBS:
    Als Probiotika helfen hier die Laktobazillen (Lactobacillus acidophilus, Lactobac. GG, L. paracasei…)
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  • Als Komplikation eines Reizcolons kann auch ein feuchter oder gar stuhlverschmierter After auftreten, auch ein Analekzem, Risslein oder Pilzinfekte um den After.
    Ein natürliches “Verdickungsmittel” wären mal getrocknete Heidelbeeren (vom Apotheker mahlen lassen), zweimal täglich ein Teelöffel in Müsli oder ins Trinken. In dieselbe Richtung geht: mehrmals täglich etwas Magerquark mit ungesüsstem Cassis- oder Heidelbeersaft. Reis und Haferspeisen bremsen auch etwas.
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  • Bei Schmerzen, Krämpfe und IBS hilft als Probiotikum das Escherichia coli Nissle (auch bei Verstopfung).
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  • Eine 14-tägliche Kur mit Pfefferminzöl kann einen nervösen Dickdarm auch lange Zeit ruhigstellen: Colpermin® ist Pfefferminzöl in einer Kapsel, die sich – nüchtern eingenommen – erst im Dünn- und Dickdarm auflöst und dort krampflösend und entspannend wirkt (4mal täglich).
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  • Chilipulver (Gewürzpaprika, roter Pfeffer) wirkt gegen die “funktionelle Dyspespie”, d.h. speziell gegen die Oberbauchschmerzen (epigastrisch), das Völlegefühl und die Übelkeit (Mauro Bortolotti et al., New England Journal of Medicine 2002;346:947-48). Das Capsaicin darin wirkt in der Magenschleimhaut auf afferente nozizeptive C-Fasern, die initial stimuliert werden, sodass nach einiger Zeit ein schmerzlindernden Effekt resultiert. Die Tagesdosis beträgt fünf Kapseln zu je 0,5 g Chilipulver (Capsaicingehalt 0,7 mg/g Chilipulver), die jeweils 15 Minuten vor dem Essen eingenommen werden (1-2-2 Kapseln). Ab der dritten Behandlungswoche reduziert die Chilitherapie die Dyspepsiesymptome. Nach fünf Wochen vermindert Placebo die Symptome um 30%, Chilipulver dagegen um 60%.
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  • Gegen Übelkeit hilft ein einfaches „Hausmittelchen“ genau so gut wie teure und Nebenwirkungsreiche Medikamente:
    Schnüffeln Sie an einem geöffneten Alkoholtupfer, den Sie sicher in Ihrer Hausapotheke finden. Gemäss einer grossen Studie wirkt dieses Isopropylalkohol wunderbar, falls es 1 bis 2 cm von der Nase entfernt, tief eingeatmet wird, bis die Übelkeit abnimmt.
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  • Bei Frauen kann die Antibabypille einen Reizdarm wesentlich verschlimmern.
allgemeine Ernährungsempfehlungen
Verstopfung Durchfall Blähungen
Reduzieren Fleisch
Raffinierter Zucker
Fettes Essen
Fettes Essen
Rohes Obst
Kaffee
Milch
Thunfisch, Makrelen
künstliche Süssstoffe
Hülsenfrüchte (Bohnen)
Milch
Zwiebeln
Getreide
Erhöhen Flüssigkeit
Bewegung
Vollkornprodukte
Gemüse
Früchte
Geriebene Äpfel
Bananen
Karotten
Reis
Schwarztee
gedünstete Möhren
Fenchel
Gewürze: Anis, Kümmel, Koriander
Allgemeine Massnahmen
  • Milch und Milchprodukte stark reduzieren
  • Nicht zuviel Früchte und Fruchtsäfte
  • nicht zuviel Ballaststoffe
  • regelmässige Mahlzeiten
  • kleiner, über den Tag verteilte Portionen sind besser verträglich als wenige üppige Mahlzeiten
  • das Essen gut kauen, nicht herunterschlingen
  • vor allem zwischen den Mahlzeiten trinken
  • körperliche Aktivität (Bewegung)

Medikamente gegen Reizdarm

Thompson vertritt in der BMJ die Meinung, dass ein Reizdarm (vorderhand) keiner medikamentösen Therapie bedarf, bis wirksamere und unbedenklichere Präparate auf den Markt kommen! (Farthing MJG. Treatment of irritable bowel syndrome. BMJ 2005;330:429-30)

Ein ausgezeichneter Übersichtsartikel für Profis und Laien findet sich im Schweiz.Med.Forum Nr.15, 11.04.2001: reizdarm.pdf

Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
07. Juli 2019

Glutenunverträglichkeit: Zöliakie oder Sprue

Gluten

Die Glutenintoleranz wurde eine Modediagnose. Ich höre sogar viel in meiner Sprechstunde die “Diagnose” einer “Weizenallergie”, die ja in Wirklichkeit sehr, sehr selten ist. Dies hat gar nichts mit seriöser Diagnostik der Zöliakie zu tun und ist eine grobe Begriffsverwirrung.
“Intoleranz” oder Unverträglichkeit heisst, man kann ganz wenig Restmengen ertragen. Sie provozieren keine Reaktion des Abwehrsystems. Unverträglichkeiten lösen Bauchweh oder Unwohlsein aus, ev. Durchfall.
Im Gegensatz dazu löst bei einer “Allergie” schon Spuren des allergischen Stoffes teils sehr schwere Symptome aus (auch generelle, wie Quaddeln auf der Haut, Jucken und Schleimhautschwellungen)! Die “wahre” Weizenallergie ist unter Erwachsenen höchst selten. Die häufigsten Allergieauslöser beim Essen sind Meeresfrüchte (0.9%), gefolgt von Obst und Gemüse (0.7%), Milchprodukten und Erdnüssen (jeweils 0.5%).

90% aller “Glutenunverträglichkeiten” sind wohl aber eine sogenannte “Glutensensitivität“, was wiederum aber herzlich wenig mit Gluten zu tun hat, sondern eine Folge von Schnellgärungen mit Hefe sind. Lesen Sie weiter unten mehr darüber.
Zudem ist eine Ernährung ohne Gluten meist eine sehr schädigende!

Die wahre Zöliakie oder Sprue, wie die Krankheit häufig bezeichnet wird, ist eine chronische Überempfindlichkeit gegenüber einer Gruppe von Klebeproteinen, dem Gluten (oder Gliadin). In der Schweiz leiden nur geschätzte 1% der Bevölkerung unter Zöliakie. Früher ein Kindheitsproblem, wird sie heute vorwiegend im Erwachsenenalter manifest und diagnostiziert.
Gluten kommt hauptsächlich in einigen Getreidearten wie Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Einkorn, Emmer und Kamut vor. Hafer (aber nur nicht mit anderem Getreide “verseuchter”) hingegen ertragen Zöliakie-Patienten auch auf lange Sicht! Der Hafer durchläuft leider immer noch ab und zu dieselben Verarbeitungswege wie glutenhaltiges Getreide. Man muss also auch hier auf den Vermerk “glutenfrei” achten!

Symptome

Die Symptome sind mannigfaltig; sie reichen von den “klassischen Magen-Darm-Symptomen”: (heftige) Bauchschmerzen, begleitet von Durchfall und Gewichtsverlust, bis zu einer schleichenden, ohne äusserliche Beschwerden ablaufenden Degeneration der Dünndarmschleimhaut. Dabei kann Blutarmut (Eisen-, Folsäuremangel), Milchunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) oder chronische Müdigkeit und Depressionen, Knochenschmerzen vorhanden sein. Auch bei Zungenbrennen, v.a. wenn noch ein geröteter, atrophischer Zungenrücken sichtbar ist, sollte man an die Spitze des Eisbergs Zöliakie denken (NEJM 356;24: 2547).
Die Spätfolgen einer unbehandelten, da nicht erkannten Zöliakie können dann sehr gefährlich sein: Mangelerscheinungen, Osteoporose, Unfruchtbarkeit und in besonders gravierenden Fällen sogar Krebserkrankungen im Verdauungstrakt.
Wie das mit der Nahrung aufgenommene Gluten letztlich die Beschwerden der Zöliakie auslöst, ist noch immer nicht in allen Einzelheiten bekannt. Es gilt aber als erwiesen, dass ein kleines Bruchstück des Glutens von nur wenigen Aminosäuren, das bei der Verdauung des Glutens im Magen-Darm-Trakt entsteht, bei Betroffenen eine übersteigerte Immunreaktion hervorruft. Diese führt zu Entzündungen im oberen Bereich des Dünndarms, welche mit der Zeit die Darmschleimhaut angreifen. Winzige, in das Innere des Darmes reichende, fingerähnliche Zotten, sogenannte Villi, degenerieren bei andauerndem Glutenverzehr nach und nach, bis sie gänzlich verschwunden sind. Man spricht von Zottenatrophie. Da über die Villi die Aufnahme von Nährstoffen ins Blut stattfindet, werden bei fortschreitender Schädigung immer weniger Nährstoffe absorbiert. Im Falle von Eisen kann dies zu einer Unterversorgung der roten Blutkörperchen führen, was sich dann als Anämie (Blutarmut) bemerkbar macht.
Wie für so viele Krankheiten gibt es auch für die Zöliakie eine genetische Komponente. Diese Gene spielen eine wesentliche Rolle bei der Erkennung von eingedrungenen Fremdproteinen durch das Immunsystem. Ausserdem bringt man diesen Genkomplex mit einigen Autoimmunerkrankungen, wie z. B. dem insulinabhängigen Diabetes, in Verbindung. So sind Zöliakie-Patienten denn auch überdurchschnittlich häufig von Autoimmunerkrankungen betroffen: Diabetes mellitus Typ I, Autoimmunthyreoiditis, primäre biliäre Zirrhose und mit der Dermatitis herpetiformis.

Dermatitis herpetiformis

Patienten mit Dermatitis herpetiformis Duhring sollten unbedingt auf Zöliakie getestet werden, da die Krankheit häufig damit assoziiert ist. In solchen Fällen führt die glutenfreie Ernährung langfristig meist zum Verschwinden der Hautläsionen. Die Dermatitis herpetiformis oder Morbus Duhring ist eine stark juckende, papulovesikulöse (Papeln=Knötchen und Vesikel=Bläschen) Dermatose. Die wenige Millimeter messenden rötlichen primären Knötchen entwickeln sich innerhalb von sieben bis zehn Tagen zu Bläschen mit klarem, später trüben und manchmal blutigem Inhalt. Diese Läsionen treten symmetrisch auf, vor allem an den Streckseiten der Unterarme, den Ellbogen, Schultern und Achselhöhlen, Knien und unteren Gliedmassen. Seltener sind Gesicht, Nacken und Rücken betroffen. Nachdem die Bläschen geplatzt sind, verschwindet der starke Juckreiz, die Läsionen trocknen ein und heilen ab. Als Residuen können kleinere Narben und Hautverfärbungen verbleiben (Fotos aller Stadien findet man hier: http://health.nytimes.com/health/guides/disease/dermatitis-herpetiformis/overview.html).
Die Diagnose wird mit einer Hautbiopsie in einem gesunden Hautareal gemacht.
Patienten mit Morbus Duhring weisen in bis zu 25% der Fälle auch eine Zöliakie auf, obschon typische Symptome letztgenannter Erkrankung häufig fehlen können. In Dünndarmbiopsien haben sogar bis zu 85% der Dermatitis herpetiformis- Kranken in Dünndarmbiopsien zöliakietypische Veränderungen mit variabler Zottenatrophie. Deshalb sollte man alle Erkrankten mittels der Bestimmung der entsprechenden Autoantikörper (siehe unten) testen.
Die glutenfreie Diät zeigt erst nach langer Zeit ihre Wirkung: Bis zur vollständigen Heilung der Hautläsionen kann es bis zu zwei Jahren dauern. Bei den meisten Patienten stellt sich nach sechs bis zwölf Monaten eine signifikante Besserung ein. Wie bei der Zöliakie muss jedoch die Diät lebenslang beibehalten werden.

Diagnose

Bei chronischen Durchfällen oder sonstigem Verdacht auf Zöliakie kann der Hausarzt vorerst einen einfachen und hilfreichen Screeningtest mit einer pH-Messung des Stuhls mittels Lackmuspapier machen: pH-Werte >5 sind ein fast sicherer Hinweis für einen osmotischen Durchfall (Zöliakie, Laktoseintoleranz oder osmotisch wirkende Abführmittel).

Die Früherkennung mit Hilfe von Antikörpertests im Blut (v.a. die Endomysium-AK (EMA) und der Antitransglutaminase-AK (IgAtTG)) sind beim Erwachsenen aussagekräftig, kostengünstig, stellen keinen grossen Eingriff dar und sind mit 95% Trefferquote sehr sensitiv. Da häufig auch ein selektiver IgA-Mangel besteht, sollte zusätzlich das Total-IgA bestimmt werden. Da sowohl die Endomysium- wie auch die Transglutaminase-Antikörper IgA-Antikörper sind, können bei einem IgA-Mangel diese Tests gar nicht positiv ausfallen! Bei positiven Blutresultaten muss man die Zöliakie durch mehrere Dünndarmbiopsien bestätigen. Diese weitgehend schmerzfreie Entnahmen von kleinen Gewebeproben ist der einzige als sicher geltende Nachweis für die Erkrankung. Jedoch können auch Biopsie und Antikörpernachweis wiederholt negativ ausfallen (Furse RM, Mee AS. Atypical presentation of coeliac disease. BMJ 2005;330:773-4; Sanders DS, et al. Antibody negative coeliac disease presenting in elderly people. An easily missed diagnosis. BMJ 2005;330:775-6.)

Es kursiert auch die Meinung, dass durch die kombinierte Messung mehrerer Antikörper (IAtTG, IgA Endomysium, IgA- und IgG-Gliadin) Biopsien ganz zu vermeiden wären: Sind nämlich alle drei AK-Tests positiv, liegt in 99,8 Prozent der Fälle eine Zöliakie vor.
Praktisch alle Patienten mit einer einheimischen Sprue weisen einen sekundären Laktasemangel auf. Da jedoch der primäre Laktasemangel bei Erwachsenen zwischen 5 bis 20 % sehr häufig ist, kann auf Grund eines pathologischen Laktosetoleranz-Tests nicht auf eine Zöliakie geschlossen werden. Ein normaler Laktosetoleranztest spricht aber eher gegen eine Sprue.

Therapie

Die Erkrankung kann weder medikamentös behandelt noch wirklich geheilt werden. Einzig eine lebenslange Gluten (oder Gliadin-) -freie Ernährung kann ein beschwerdefreies, gesundes Leben gewährleisten. Je früher Betroffene von ihrer Erkrankung erfahren, um so eher können sie ihre Ernährung umstellen und somit die Schäden, die das Gluten im Dünndarm anrichtet, gering halten oder gar verhindern.
(Quelle: British Medical Journal 318, 164-167 (1999).)

Übrigens kann Gluten auch versteckt in völlig anderen Nahrungsmittel vorkommen: Z.B. bei sogenannten «Meeresfrüchten» muss genau auf die Deklaration geachtet oder nachgefragt werden: Denn Weizen kann auch in einem angeblichen Hummer drin sein, wenn der aus Surimi besteht. Aus Surimi kann man noch vieles andere machen: Mit Hilfe eines anderen Industrie-Aromas wird es zu Schweinswürsten oder Wienerli. Es kann auch in Backwaren, Milchprodukten und Pasta zum Einsatz kommen.
“Surimi” wird aus dem billigen Mintai-Fisch oder gar aus Krill, einem Leuchtkrebs hergestellt. Der Mintai-Fisch taucht normalerweise nicht auf Speisekarten auf, und der Leuchtkrebs dient bislang eher dem Bartwal als Sättigungsbeilage. Damit sich solche Meeresbewohner in «Hummer» verwandeln, ist viel Aufwand und ein starker Magen nötig. Zunächst entfernt man maschinell Kopf, Eingeweide und den Hauptteil der Mittelgräte. Dann müssen Blutfarbstoff, Fischfett und dergleichen herausgelöst werden. Nach dem Entwässern durch eine Schraubenpresse setzt man Zucker, Sorbit und Polyphosphat und eben ev. Weizen zu.
Die so entstehende Masse formen Arbeiter in der Fischfabrik zu Blöcken. Daraus kann man nach Belieben Hummer-Imitate, Garnelenkopien oder falsche Krabben machen. «Surimi» nennt das der Fachmann. Verbrauchertäuschung nennen es Kritiker.

Hirse ist das einzige glutenfreie Getreide und Hafer gilt als verträglicher als andere Getreidesorten. Auch viele  Menschen mit Zöliakie können reinen Hafer in kleinen Mengen problemlos essen, weil der  unverträgliche Stoff Gluten chemisch anders aufgebaut ist, als in  anderen Getreidesorten. (siehe auch bei Diabetes).

Eine interessante Alternative zu (glutenhaltigem) Getreide bieten “Pseudogetreide”, wie Quinoa, Buchweizen oder Amaranth, da sie Eigenschaften von Getreide aufweisen (auch hoher Proteingehalt von gegen 20%), aber Knöterich- oder Gänsefussgewächse sind. Sie sind sättigend und gut verdaulich – und absolut glutenfrei!
Hier ist eine (seltene) medizinische Gefahr zu beachten: Quinoarispen, die immer wieder mal im gekauften Quinoa gefunden werden, können wie Fischgräte im Hals stecken bleiben: quinoa-rispe.pdf

Am Universitätsklinikum Leipzig wurde ein interessantes computerbasiertes Trainings- und Informationsprogramm für Zöliakie-Betroffene entwickelt, welches auch durch die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft vertrieben wird. Man kann mit dieser CD-ROM die zunächst schwierigen/ungewohnten/schwer nachvollziehbaren Situationen (z.B. beim Essen im Restaurant oder bei Freunden, beim Einkauf…) durchspielen und kennen lernen. Vor allem die Zeit nach der Diagnose ist sehr schwierig. Dieses Programm hilft auch in dieser Situation Menschen  weiter und erleichtert ihnen die Ernährungsumstellung. Weitere Informationen finden Sie zum Beispiel auf der Homepage www.scias.de .

Ausführliche Diät-Dossier sendet die Interessengemeinschaft für Zöliakie Schweiz, sekretariat@zoeliakie.ch , www.zoeliakie.ch.

Weitere gute Treffpunkte für Menschen mit Zöliakie: www.zoeliakie-treff.de .

www.gfShop.ch bietet mehr als 130 glutenfreie Produkte von verschiedenen Herstellern an, und man kann sich die Sachen erst noch Hause schicken lassen.

Refraktäre Zöliakie!

aus Ars Medici (CongressSelection: Gastroenterologie, Februar 2014)

Glutensensitivität ohne Zöliakie!

aus Ars Medici (CongressSelection: Gastroenterologie, Februar 2014)

Aber liegt diese häufige Sensitivität wirklich am Gluten?!
Die entscheidende Frage ist offensichtlich nach neueren Studien nicht, ob Brot Gluten enthält oder nicht. Sondern wie der Teig behandelt wurde. Viele Menschen, die schlecht auf Gluten reagieren, haben mit Sauerteigbroten (oder Brote mit Backfermentgärung), deren Teige über mehrere Tage gereift sind, deutlich weniger Probleme. Viele Brote, die man heutzutage im Supermarkt – und mittlerweile auch in vielen Bäckereien – kauft, sind mit Hefe gemacht und haben eine viel kürzere Teigführung, und damit Fermentierung, hinter sich. Der Körper braucht deshalb deutlich länger, um sie zu verdauen – daher das Gefühl der Schwere und Aufgeblähtheit nach dem Sandwich, und manchmal sogar die Bauchschmerzen!

Der Begriff “Glutensensitivität” ist also irreführend und sollte wohl besser “Hefeschnellgärung-Sensitivität” heissen!
Und… eine glutenfreie Diät führt hier zu nichts!

Hier können Sie sich noch weiter einlesen: https://www.independent.co.uk/life-style/food-and-drink/bread-how-to-make-eat-top-tips-bloating-gluten-intolerance-chef-francisco-migoya-modernist-kitchen-a7935931.html

Glutenfreie Ernährung ist gefährlich!

Viele verzichten auf Gluten, obwohl sie nicht müssten. Statt Brot und Teigwaren essen sie Reis, Kartoffeln oder Hirse. Viele glauben, dass sie sich dadurch gesünder ernähren und sich etwas Gutes tun…
Doch nun zeigen Studien: Eine Ernährung ohne Gluten bringt nicht nur nichts, sondern sie ist sogar ein Risiko für die Gesundheit. Eine internationale Forschergruppe wertete 2018 drei Studien mit insgesamt 200’000 Teilnehmern aus. Sie befragten sie während 20 Jahren über ihre Ernährung. Das Resultat: Je weniger Gluten man isst, umso mehr steigt das Risiko für Diabetes. Die Ursache könnte sein, dass Betroffene auf wertvolle Vitamine, Eisen und Ballaststoffe aus Getreide verzichten. Ballaststoffe sind wichtig, weil durch sie der Zucker langsamer ins Blut übergeht. Zudem verändert sich die Zusammensetzung der Darmbakterien. Eine Diät ohne Gluten verringerte die Häufigkeit von nützlichen Bakterien und erhöhte die Zahl von potenziell krankmachenden Bakterien im Darm.
Bereits frühere Studien zeigten, dass Gluten nichts Schlechtes ist: Wer mit Brot jeden Tag 60 bis 80 Gramm Gluten ass, hatte bessere Blutwerte und ein geringeres Risiko für Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems.
US-amerikanische Forscher belegten zudem kürzlich, dass Blut und Urin von Leuten, die auf Gluten verzichten, stärker mit Schwermetallen wie Arsen und Quecksilber belastet sind. Grund: Die Betroffenen essen mehr Reis, und Produkte ohne Gluten enthalten oft Reismehl. Der Gesundheitstipp zeigte in einem Test, dass vor allem Vollreis zum Teil massiv mit dem Giftstoff Arsen belastet ist (Ausgabe 8/2017).
Produkte ohne Gluten enthalten zudem bis zu dreimal weniger Eiweiss, aber mehr Fett und damit mehr Kalorien. Das zeigten spanische Forscher letztes Jahr. Sie untersuchten 700 Produkte, darunter Brot, Teigwaren und Guetsli.
Wer Verdauungsbeschwerden hat, sollte zum Arzt. Ohne Gluten sollte man sich nur ernähren, wenn ein Arzt die Diagnose Zöliakie gestellt hat. Wer keine Zöliakie hat, aber unter ähnlichen Symptomen leidet, ist womöglich einfach empfindlich auf Gluten. Hier sollte man aber nicht selbst pröbeln, sondern sich von Arzt oder Ernährungsberaterin helfen lassen. Wenn man selbst experimentiert, sind die Risiken für die Gesundheit und die Kosten zu hoch.
Produkte ohne Gluten sind übrigens auch teurer als normale. Eine Packung Spaghetti ohne Gluten kostet meist neun Mal so viel wie normale. Trotzdem verkaufen die Grossverteiler immer mehr dieser Produkte. Das Ganze ist zur Mode entartet. (aus Gesundheitstipp, 09/2018)

Veröffentlicht am 06. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung: 02. Oktober 2018