Es ist mir ein Anliegen, etwas zur Gefahr der „Guru-Mentalität“ (Hybris) gewisser Komplementärtherapeuten oder Ärzte zu schreiben – und auch zum „Guru-Charakter“ gewisser Therapieformen.
Was sich salutogenetisch ausgibt, ist absolutistisch pathogenetisch
Ich spreche hier von Methoden, die ein „Guru“ anwendet, das heisst ein Mensch, der etwas absolutistisch behauptet, das niemand sonst nachweisen oder nachempfinden kann oder mittels Studien reproduzierbar und zu verifizieren wäre. Man muss es also schlicht und einfach „glauben“.
Damit ist jede Mitarbeit und Mitverantwortung des Klienten ausgeschlossen. Der „Patient“ wird zum passiven Gläubigen, der hinnimmt.
Guru-Therapeuten glauben im Grunde, dass der Mensch zu schwach zur Selbsthilfe ist. Sie misstrauen den Selbstheilungskräften des Klienten.
Machtansprüche und Unfehlbarkeit können Triebfedern auf Therapeutenseite sein – Narzistische Störungen sind unter ihnen weitverbreitet.
Es ist ein geschlossenes System ohne Ausweg zur wirklichen Heilung.
Weiterlesen: Welches Menschenbild hat mein Therapeut/Therapeutin?
Glaubensdiagnosen und exotische Therapien
In der Homöopathie wimmelt es von Gurus. Doch auch abseits davon spriessen zahllose „Guru-Therapien“ und „Guru-Therapeuten“ aus dem Boden.
Ein Beispiel: Mit einem (sehr teuren) „Diagnosegerät“ stellt der Guru eine „Glaubensdiagnose“ – häufig etwa „Weizen- oder Milchallergie“, „Übersäuerung“, „Verschlackung“ oder einen „Mangel“ an irgendetwas. Darauf folgen mehrere „therapeutische“ Anwendungen. Am Ende verkündet der Guru, alles sei nun gut und geheilt.
Ob sich etwas verändert hat, bleibt unüberprüfbar. Man muss es glauben. Meist behandeln sie unspezifische, psychosomatische Beschwerden, die auf das Ritual der „magischen Behandlung“ oft prompt und vorübergehend ansprechen. Amen!
Übrigens: Die Bedienung solcher Geräte erlernt der selbsternannte Guru oft in wenigen Stunden.

Weitere typische Beispiele:
- Lassen Sie sich nicht den Genuss am Leben vergällen und madig machen, z.B. von Therapeuten, die ein Bild vom „Menschen als Müllhalde“ haben, der entgiftet werden muss (Darmspülungen, Entgiftung, Trinkkuren, Ausleitung, Dauerbrause, Detoxikationen…), die ein Horrorszenario von Umweltgiften, Pilzen und Mikroorganismen ausmachen – „madig“ eben… Gurus beschäftigen sich oft mit „Entgiftung und Entschlackung“ unseres so unreinen Körpers…
Dies können wir kosten- und Nebenwirkungsfrei selbst in jeder unserer Körperzelle mittels der wunderbaren Autophagie anregen: walserblog.ch/2019/01/12/detox-intervallfasten/ - Sie lobpreisen auch Mittel oder Therapien gegen „Übersäuerung des Körpers“ und verkaufen Urintests dazu und Basenpulver, etc. – dabei hat unser Körper starke Selbstkräfte, die unseren Säure-Basen-Haushalt stets im Gleichgewicht halten – und fleischlos essen mit viel Gemüse und Früchte ist das Allerbeste!
>>> walserblog.ch/2021/08/19/uebersaeuerung/ - Gegen Elektrosmog und Wasseradern benötigt man keine teuren Abschirmungen. Falls man das Gefühl hat, sensibel darauf zu sein, findet man im Internet auch Bastelanleitungen für wenig Geld. Das Bett verstellen oder den Radiowecker, das Freihandtelefon, den Router und Repeater ausziehen und das Smartphone nachts in den Flugmodus setzen, kann schon reichen.
- Diätpläne müssen nicht teuer erkauft werden (ernaehrung/). Auch Fitness nicht (bewegung/; jogging/). Anti-Aging auch nicht (anti-aging/).
- Nicht gegen alles und jedes impfen – aber auch nicht nichts: Individuell entscheiden ist hier wichtig (www.impfo.ch).
- Mangelvorstellungen sind in diesem Umfeld auch sehr häufig: Es fehlt an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen,. Mikronährstoffe, … Wieder eine potentielle Schwächung unseres Selbstbildes („Ich bin voller Schlacken, übersäuert und es fehlt mir dazu noch Einiges…!“). Keine Salutogenese!
Nahrungsergänzungsmittel: Was Sie wissen sollten
Haben Sie heute schon ein Nahrungsergänzungsmittel geschluckt? Die Chancen stehen gut: Laut den Centers for Disease Control and Prevention greift mehr als die Hälfte der Amerikaner zu solchen Präparaten. Mit dem Alter steigt der Konsum. Fast ein Viertel der über 60-Jährigen nimmt vier oder mehr Mittel ein.
Der Begriff „Nahrungsergänzungsmittel“ (Supplemente, Mikronährstoffe…) umfasst vieles: Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin D und Kalzium, aber auch pflanzliche Stoffe wie Kurkuma oder Grüntee-Extrakt.
Manche Menschen brauchen diese Präparate, um einen Mangel auszugleichen. Darüber hinaus bleiben Experten sehr skeptisch.
Risiken und Nebenwirkungen
Nahrungsergänzungsmittel können gefährlich sein. Eine Studie zeigt: In den USA landen jährlich etwa 23.000 Menschen wegen Nebenwirkungen solcher Präparate in der Notaufnahme.
Anders als Medikamente prüft die Food and Drug Administration Nahrungsergänzungsmittel nicht vor dem Verkauf auf Sicherheit und Wirksamkeit. Die Branche bleibt weitgehend unreguliert. Wer ein solches Produkt einnimmt, geht ein Risiko ein.
Selbst wenn sie nicht schaden, wirken viele Mittel schlicht nicht. Wissenschaftlich orientierte Anbieter raten meist von ihnen ab.
Was Sie beachten sollten
Bevor Sie ein Nahrungsergänzungsmittel kaufen, sollten Sie einige Dinge wissen.
- Vertrauen Sie nicht den sozialen Medien.
Hersteller dürfen keine Heilversprechen machen, etwa dass ein Mittel Alzheimer heilt oder Diabetes vorbeugt. Doch in sozialen Medien verbreiten Influencer solche Behauptungen oft ungeprüft. Ignorieren Sie diese Versprechen. Fragen Sie sich stattdessen: Welches Problem habe ich wirklich? Und kann ein Nahrungsergänzungsmittel es lösen? Besprechen Sie das mit Ihrem Arzt. - Prüfen Sie das Produkt.
Nahrungsergänzungsmittel enthalten oft nicht, was das Etikett verspricht. Suchen Sie nach Produkten, die von unabhängigen Stellen wie der U.S. Pharmacopeia (USP) oder der National Sanitation Foundation (NSF) zertifiziert sind. Achten Sie darauf, dass der Stempel auf der Flasche und nicht nur auf der Website zu finden ist. Weitere Informationen bietet die Website des Office of Dietary Supplements der National Institutes of Health. - Halten Sie sich an die empfohlene Dosis.
Mehr ist nicht besser. Eine Überdosierung kann Organe wie die Leber schädigen. Es gibt Fälle, in denen Menschen durch zu viele Kurkuma-Kapseln akute Leberschäden erlitten. Schätzungsweise 20 Prozent der Leberschäden stehen im Zusammenhang mit pflanzlichen Präparaten. Behandeln Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Medikamente – mit Vorsicht. - Meiden Sie lange Zutatenlisten.
Wählen Sie Produkte mit nur einem Inhaltsstoff. Diese lassen sich leichter auf Nebenwirkungen und Wechselwirkungen prüfen. Komplexe Mischungen sind oft nicht zertifiziert und können verbotene oder ungenannte Stoffe enthalten. Fehlen genaue Mengenangaben auf der Flasche, sollten Sie das Produkt meiden. - Bringen Sie Ihre Präparate zum Arzt.
Packen Sie alle Nahrungsergänzungsmittel in eine Tüte und nehmen Sie sie zum nächsten Arzttermin mit. Zeigen Sie Ihrem Arzt die Flaschen, damit er mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten erkennen kann. Nur so lässt sich eine fundierte Entscheidung treffen. Denken Sie daran: Kein Hersteller hat eine Studie speziell für Sie durchgeführt.
Fazit
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Prüfen Sie kritisch, was Sie einnehmen, und holen Sie ärztlichen Rat ein. Ihre Gesundheit sollte nicht von Versprechen der Werbung abhängen.
(Quelle: Jancee Dunn, NYT, 23.01.26)
„Aber mir hat es doch geholfen?“
Ein Ausspruch, der immer mal wieder in Mail-Kommentaren steht (aus piqd.de: www.piqd.de/gesundheit/bin-ich-krank/). Immer dann, wenn wir in einem unserer Texte über eine Therapie oder einen Test berichtet haben, der zwar stark beworben wird – aber nicht funktioniert. Im besten Fall. In vielen Fällen macht Pseudo-Medizin nicht nur nicht wirklich gesund, sondern kränker, ärmer oder es wird verhindert, dass sich ein Mensch einer erprobten Behandlung der wissenschaftlichen Medizin unterzieht.
Wenn wir in unseren Texten dann aber die Fakten anführen, warum eine angeblich rettende Therapie, ein „Wundermittel“ eben keine sind, nehmen dies Leser in ihren Rückmeldungen an uns als – höflich formuliert – überheblich, arrogant und fern ihrer Realität war.
Hier die ausführlichere Antwort des MedWatch-Team >>>
(Weitere Literatur: Christian Kreil, «Fakemedizin», Verlag Komplett-Media)
Paracelsus
Das Drama des Paracelsus bestand darin, dass er nach seinem revolutionären Verwerfen der Vier-Säfte-Lehre eine eigene „Guru-Medizin“ schuf: die alchemistische Medizin. Er sprach nicht mehr über das Sieden und Garen von Säften, sondern über die Umwandlung der Grundstoffe Quecksilber, Schwefel und Salz. Dabei suchte er die Quintessenz dieser Stoffe durch chemische Bearbeitung – die Grundlage der Spagyrik und später der Homöopathie. Wie genau dies geschah, bleibt unklar, ausser für den „Guru“, der es behauptete. So entstand eine undurchschaubare neue Lehre aus der mittelalterlichen Alchemie, meist mit unklarem Ausgang und oft einer Quecksilbervergiftung – eine eigentliche „Eso-Medizin“.
Der „Gute Guru“
Ein Guru ist ursprünglich ein spiritueller Lehrer (im Hinduismus oder im tantrischen Buddhismus). Und eine sehr wichtige Eigenschaft eines wahren Gurus ist es, dazu zu stehen, dass man nicht alles wissen kann, nicht zu allem eine Antwort hat. Dazu Pema Chödrön:
„Raum für Unwissenheit zu lassen, ist das Wichtigste von allem. Wenn es eine grosse Enttäuschung gibt, wissen wir nicht, ob das das Ende der Geschichte ist. Vielleicht ist es nur der Anfang eines grossen Abenteuers. So ist das Leben. Wir wissen gar nichts. Wir nennen etwas schlecht; wir nennen es gut. Aber in Wirklichkeit wissen wir es einfach nicht.“
Es hat etwas zutiefst Erregendes zu sagen: „Ich weiss nicht“, es gibt ein unmittelbares Gefühl der Freiheit, das mit dieser Aussage der Tatsache einhergeht. Das Nichtwissen ist Stärke. Manche könnten fragen: „Wie kann das Nichtwissens Stärke sein: es erfüllt mich mit Angst?“ Nun, Nichtwissen ist Stärke, solange dieses „Nichtwissen“ fest damit verbunden ist, dass dies ein wohlwollendes Universum ist und dass alles, was mir geschieht, gut und für mich ist.
Uns Ärzt*innen und Therapeuten tut es sehr gut und stärkt uns, auch sagen zu können „Ich weiss es nicht!“ – und nicht immer „Besserwisser“ zu spielen, also eine (falsch verstandene) Guru-Mentalität einzunehmen.
Alles in der Welt war mein Guru
Zum Ende dieses Blogs frage ich mich, wer denn meine Lehrer sind und waren. Und meine Antwort war die gleiche wie die von Ramana Maharshi in der letzten Überschrift:
Alle, die ich je getroffen habe! Es ist eine wunderbare Art zu leben, jeden und alles als einen liebevollen Lehrer zu sehen. So sind auch alle meine Patient*innen meine Gurus, meine Freunde, meine Lebenspartnerin (vor allen!) und Kinder (ja, genau die!), aber auch meine „Feinde“ (hab ich die überhaupt?) – und selbst die pathogenetisch ausgerichteten, oben arg kritisierten Ärzte und Therapeuten. Und so wird auch kein „Guru“ allein zur Obsession…
Alle waren meine Gurus und gaben mir etwas und viel.
Alles, was mir begegnet ist FÜR mich.
Foto von Deva Darshan auf Unsplash
Letzte Aktualisierung von Thomas Walser:
25. Januar 2026
