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Das Gesamte einer Pflanze ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile - befolge
deshalb den Rat der Grossmutter:
Iss mehrmals täglich Früchte und Gemüse!
Viel hilft in der Medizin nicht immer viel. Dies gilt auch für Vitamine,
denen seit Jahrzehnten der unverwüstliche Ruf anhaftet, gesundheitlich
unbedenklich und gleichermassen Allheilmittel, Fitmacher und wichtige Bausteine
einer gesunden Ernährung zu sein. Weil viele Menschen besorgt sind, dass sie
mit der Nahrung nicht genug der vitalen Substanzen aufnehmen, schlucken sie
zusätzlich Vitaminpräparate. Manche Ärzte verabreichen Vitamine sogar in
sogenannten Aufbauspritzen.
Diverse Wissenschaftler haben aber dieser Vitamin-Euphorie heftige Dämpfer
verpasst:
Klares Resultat von grossen medizinischen Studien: Künstliche Vitaminpräparate oder "Antioxydantien"
richten mehr Schaden an als sie gut tun. Experten warnen vor der immer noch
weitverbreiteten Vorstellung, solche künstlichen Vitaminpräparate wären prinzipiell
unschädlich und es sei unbedenklich, sie in hohen Dosen einzunehmen um Krebs
(z.B. Beta-Karotin und Krebs im New England Journal of Medicine
334) oder Herzerkrankungen (siehe Vit.E und Herz hier)
vorzubeugen - so kennt man mittlerweile Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Lähmungen,
Schwäche, Magenschmerzen, Leberstörungen, Gelbsucht, Juckreiz, Schlafstörungen,
Reizbarkeit oder schwere Nervenschädigungen.
Überdosierungen von künstlichem Vitamin C führen zu Durchfall, Magenblutungen,
Eisenüberladung und Nierensteinen.
Unerwünschte Nebenwirkungen und Überdosierungen treten auch besonders bei den
fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K auf. Zuviel Vitamin A kann Kopfschmerzen,
Benommenheit und Schläfrigkeit auslösen. Es kann in der Schwangerschaft Missbildungen
beim Kind verursachen. Zuviel Vitamin D kann zu starkem Durst, Kopfschmerzen,
Knochenschmerzen und hohem Blutdruck führen.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist auch, dass man sich mit zusätzlicher Einnahme
von Vitamin C gegen Erkältungskrankheiten oder Grippe schützen könne. Dem ist, auch
wenn uns die Werbung das gerne weismachen möchte, nicht so (siehe mehr
darüber hier!).
Männer, die zuviel Multivitamin-Präparate einnehmen, haben ein bis zu 30%
erhöhtes Risiko für die tödliche Form von Prostatakrebs.
Den heftigsten Dämpfer kommt nun aus der Universität Kopenhagen (JAMA
2007;297: 842-57, Goran Bjelakovic et al.): Die
regelmässige Einnahme antioxidativer Vitaminzusatzpräparate verkürzen
offenbar sogar das Leben! Die Forscher schliessen aus dieser Studie, dass Beta-Karotin, Vitamin A und Vitamin E die Mortalität steigern, bezüglich Selen
und Vitamin C werden weitere Studien empfohlen.
Ausnahmen von der Regel:
Bei wenigen Personengruppen sind Vitamin- und Mineralsalzpräparate sinnvoll:
- Vegetarier, die auch Milchprodukte und Eier meiden (Veganer)
benötigen häufig Vitamin B12, ev. auch Kalzium. Dies wird besonders für Säuglinge von
Müttern, welche bereits mehr als 5 Jahre Veganerinnen sind, in der Stillzeit gefährlich.
Es kann beim Kind dabei nach etwa 4 bis 8 Monaten zu schweren neurologischen
Entwicklungsstörungen kommen.
- Während und vor der Schwangerschaft wird häufig zusätzliches Eisen
und Folsäure (Folsäure und spina bifida siehe hier!)
benötigt.
- Stark menstruierende Frauen leiden gelegentlich an einem Eisenmangel, da sie
mit dem Blut auch Eisen verlieren (v.a. auch noch in Kombination mit
vegetarischer Ernährung!).
- Alkoholsüchtige haben gelegentlich zu wenig
Vitamine B 1, B2, B6 C, Folsäure, Niacin sowie Magnesiumsalze; allerdings ist es blosse
Symptombekämpfung, wenn man alkoholkranken Menschen Vitamine verabreicht.
- Ausserdem
müssen bei seltenen schweren Magen-Darm-Krankheiten mit Verwertungsstörungen Vitamine
und Mineralsalze zusätzlich eingenommen werden.
- Nanging=Missbrauch von N2O (Stickstoffoxid) als "recreational
inhalant" (z.B. kapselweise aus einer Schlagrahmbombe - Kisag)
führt zu irreversibler Oxidation des Vitamins B12, zu B12-Mangel und
entsprechender Myeloneuropathie vorwiegend der Hinterstränge
(Parästhesien=Kribbeln, Einschlafen an Füssen und Händen,
Verstopfung, Urininkontinenz). (Ng J, Frith R. nanging.
Case report. Lancet 2002;360:384)
- Medikamente und Rauchen:
Rauchen kann wie auch Aspirin und
ähnliche Medikamente zu Vitamin C- Mangel führen. Medikamente gegen Epilepsie zu Vitamin
D, B12, K und Folsäure-Mangel. Die Antibabypille zu B6, Folsäure, C und
B12-Mangel, Metformin senkt das Vitamin B12, Protonenpumpenhemmer
(Magensäurehemmer) senken neben dem Calcium auch das Vitamin B12.
- Alte Leute (in Pflegeheimen?) benötigen häufig Vitamin D mit
Kalzium.
-
Lassen Sie Ihren Vitamin D-Spiegel vom Hausarzt messen (25(OH)D):
Heute haben sehr viele Leute einen Vitamin-D-Mangel, da auf konsequenten
Sonnenschutz geachtet wird und das Vitamin D durch Sonnenlichtbestrahlung
unserer Haut entsteht. Das Vitamin D benötigen wir vor allem für einen
guten Knochenbau.
Falls eine
Hypertonie besteht und ein Mangel an Vitamin D
vorhanden ist, verbessert die tägliche Einnahme von 1000 IU Vitamin D den
Blutdruck! (Vitamin D status and arterial hypertension: a
systematic review, Pilz S, Tomaschitz A, Ritz E et al. Nature Rev Cardiol
2009 (October); 6: 621-30 (October 2009, http://fulltext631.notlong.com/)
Ältere Personen ab 60 Jahren sollten mindestens 800 IE pro Tag
aufnehmen (über Sonnenlicht auf der nackten Haut oder über fetten Fisch,
resp. Tropfen/Tabletten)
- Täglich mindestens 600 IU Vitamin D reduziert das Risiko für ein Prostatakrebs
um 40%! (Vitamin D and prostate cancer risk: a review
of the epidemiological literature, Gupta D, Lammersfeld CA, Trukova K et
al. Prostate Cancer Prostatic Dis 2009 (September); 12: 215-26, http://fulltext627.notlong.com/)
- In den ersten vier Tagen einer Virusinfektion (Erkältung, Grippe,
...), also in der Zeit der Virenvermehrung (Virämie) reduziert täglich
ein Gramm Vitamin C (plus zusätzlich alle 2 bis 3 Stunden 15mg Zink)
die Schwere und die Dauer der Erkrankung.
Vitamine beim Abmagern:
Während einer strengen, langandauernden Abmagerungskur mit weniger als 1000 Kalorien
Nährwert pro Tag sind ab der zweiten bis dritten Woche zusätzliche Vitamine und
Ballaststoffe manchmal günstig. Solche extremen Diäten dürfen aber nicht ohne
ärztliche Kontrolle durchgeführt werden.
Da während der Abmagerungskur vor allem die Vitamine B 1, B6, C, D, Folsäure
Niacin knapp werden können, sollte ein Vitaminpräparat diese Vitamine in ausreichender
Menge enthalten. Von Vitamin A legt der Körper genügend grosse Vorräte an, so dass sie
auch durch eine Fastenkur nicht aufgezehrt werden.
natürliche Vitamin-Quellen
Anstatt künstliche Vitaminpräparate zu schlucken, raten Ernährungs- und
Gesundheitswissenschaftler, sich diese einfach auf natürliche Weise zu besorgen, da in
frischen Früchten und Gemüse schätzungsweise mehrere tausend sog. bioaktive Substanzen
oder sekundäre Pflanzenstoffe bei Heilungsprozessen als hochwirksame Medikamente
beteiligt sind:
| Vitamin |
ist enthalten
in folgenden |
Nahrungsmitteln: |
| A |
-------- |
Aal, Camembert, Grünkohl, Hühnerei, Milch, Karotten, Spinat, Thunfisch,
Kakifrüchte, Leber |
| Beta-Carotin (Provitamin A) |
-------
|
Grünkohl, Karotten, Leber, Spinat, Sanddorn, Orangen |
| D (Calciferol) |
-------- |
Sonnenlicht auf Haut!
Fetter Fisch (Wildlachs mehr als Zuchtlachs, Thunfisch, Hering, ...) - wenig in Joghurt, Milch, Sahne |
| E (Tocopherol) |
-------- |
Weizenkeimöl, Nüsse, Feldsalat, Grünkohl, Haselnüsse, Margarine,
Distelöl, Rapsöl,
Sojaöl, Walnüsse |
| Folsäure |
-------- |
Rosenkohl,Erdbeeren, Brokkoli; weitere Quellen: Kartoffeln,
Hülsenfrüchte, Weizenkeime, Vollkornprodukte, Leber, Eigelb, Tomate, Nüsse,
Sojabohnen, Spargel, Fenchel, Fleisch, Kartoffeln, Milchprodukte, Orangen,
Spinat, Gurken, Orangen, Erdbeeren, Trauben |
| C (Ascorbinsäure) |
-------- |
Paprika, Orangensaft oder Orangen, Acerolakirschensaft,
Johannisbeeren, Sanddornsaft, Papaya, Kiwis; weitere Quellen: sehr hoher
Gehalt in Hagebutten (1250 mg/100 g), Sanddorn (450 mg/100 g), Brennnessel
(300 mg/100 g), Paprika (120 mg/100 g), Broccoli (115 mg/100 g) und
Rosenkohl (112 mg/100 g), hoher Gehalt in Zitrone, Tomaten, Grünkohl,
Blumenkohl, Kartoffeln, Grapefruit, Sauerkirsche, Limetten, Apfel; Ananas, Apfelsinen, Blumenkohl, Broccoli, Erdbeeren, Fenchel, Grünkohl,
Melone, Sauerkraut, Spinat, Stachelbeeren, Tomaten |
| H (Biotin) |
-------- |
Kalbsleber, Sojabohnen; weitere Quellen: Milch,
Haferflocken, Nüsse, Champignons, Hülsenfrüchte, Spinat |
| K (Phyllochinon) |
-------- |
Haferflocken, Hühnerfleisch, Sauerkraut, Kohl, Schweineleber, Spinat, Tomaten |
| B1 (Thiamin, Aneurin) |
-------- |
Sojabohnen, Hühnerbrust, Haferflocken, Haselnüsse, Hefe, Linsen, Milch, unpolierter Reis,
Schweinefleisch, -leber und -niere, Vollkornbrot, Weizenkeime |
| B2 (Riboflavin) |
-------- |
Milch oder Champignons; weitere Quellen: Käse, Getreide,
Geflügel, Fisch, Sanddornsaft, rote Beete, Orange, Grapefruit, Spinat,
Banane, Birne |
| B3 (Niacin, Nikotinsäure) |
-------- |
Hühnerbrust, Lachs, Champignons; weitere Quellen:
Vollkornbrot, Erdnüsse, Erbsen, Grüne Bohnen, Sojabohnen |
| B5 (Pantothensäure) |
-------- |
Steinpilze oder Leber; weitere Quellen: Blumenkohl und
Brokkoli, Seefisch, Pute, Milch, Kalbfleisch, Naturreis, Haferflocken |
| B6 (Pyridoxin) |
-------- |
Weizenkeime, Lachs, Banane; weitere Quellen: Kirschen,
Orangen, rote Beete, Kartoffeln, Vollkornprodukte, Soja, Fleisch und
Fisch, Naturreis, Avocado |
| B12 (Cobalamin) |
-------- |
Rinderfilet, Seelachs, Camembert; weitere Quellen: Milch,
Eier, Quark, Sanddornsaft, Hering, Leber, Sauerkraut, Schweinefleisch |
| Antioxidantien (Polyphenole) |
-------- |
Grüntee,
Fischöl (fette Meerfische v.a.), schwarze Schokolade (70% oder mehr
Kakao-Anteil), Nüsse |
Folsäure
in der Schwangerschaft (Spina bifida):
Diese Missbildung "Spina bifida", ein Neuralrohrdefekt
(und wird deshalb auch «offener
Rücken» genannt) ist tragisch. Betroffene Kinder leiden an Lähmungen und anderen
körperlichen Behinderungen.
Die USA hatten im Jahre 2005 auf 100'000 Lebendgeburten rund 18 Neugeborenen mit
Spina bifida und 11 mit Anenzephalie (keine Ausbildung des Hirns). Der Konsum
von täglich 0,4 bis 0,8 mg Folsäure reduzierte diese Frequenz auf ein Neuntel!
Die optimale Substitution beginnt 1 Monat vor der Zeugung und dauert 2 - 3
Monate.
Die Empfehlung ist also: Alle Frauen, die ein Kind planen oder im gebärfähigen
Alter sind, sollten täglich 0,4 bis 0,8 mg Folsäure konsumieren.
Das ist eine klare Grad-A-Empfehlung - ohne Einschränkung (Ann
Intern Med. 2009;150:626-31/632-9).
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 21.03.2010
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