 |
Wann Kaffee trinken?
Kaffee beeinflusst unseren inneren Rhythmus gewaltig, falls man ihn
irgendwann tagsüber trinkt. Man sollte seinen individuellen täglichen
Energie-Rhythmus kennen lernen (Literatur dazu: Verena Steiner,
Energiekompetenz) und den Kaffee dann nur in den "Up-Phasen" vor
unseren Energiehochs einnehmen und nie zur (gesundheitlich bedenklichen)
Überbrückung unserer "Down-Phasen"! Aus diesem Grund sollte man auch
auf den Espresso nach dem Mittagessen verzichten (und erst recht nach dem
Abendessen).
Übrigens: Kaffee, ausnahmsweise zum Wachhalten eingesetzt, hilft viel besser, falls
man viele einzelne, kleinere Schlückchen über den Tag verteilt einnimmt, als die
eine grosse Tasse am Morgen (James Wyatt in Sleep, 27, S.374).
Wirkungen und Nebenwirkungen
- Zuerst mal: Auch wer viel Kaffee trinkt, setzt seine Gesundheit nicht aufs
Spiel: Das zeigt eine grosse Studie des Deutschen Instituts für
Ernährungsforschung (Floegel A et al; Am
J Clin Nutr. 2012 Apr;95(4):901-8.). Bei 43000 Menschen
wurden zwei Gruppen verglichen: Vieltrinker, die täglich vier oder mehr
Tassen Kaffee tranken, und Wenigtrinker mit weniger als eine Tasse pro Tag.
Nach neun Jahren konnten sie weder für Krebs noch für Herzinfarkt oder
Schlaganfall ein erhöhtes Risiko feststellen. Bei Diabetes fiel der
Vergleich gar zugunsten der Vieltrinker aus: Ihr Risiko war deutlich tiefer.
- Medizinische Studien über Kaffee haben ihre Tücken: Sorgfältige Arbeiten (z.B. über
Kaffeekonsum in der Schwangerschaft und vermehrte Früh- oder Fehlgeburten und
untergewichtige Kinder bei der Geburt) zeigen, dass diese Komplikationen meist nur
scheinbar mit dem Kaffeekonsum zusammenhängen. Berücksichtigt man nämlich dass sich bei
den "schweren" Kaffeetrinkerinnen (mehr als 4 Tassen täglich) auch die Mehrheit
der Raucherinnen und ein Drittel der alkoholkonsumierenden Frauen, bei den
Kaffee-Abstinentinnen aber nur 16% Raucherinnen und 14% Alkoholtrinkende befinden, so
liess sich kein erhöhtes, durch Kaffeegenuss bedingtes Risiko mehr feststellen! (The New England Journal of Medicine 343, 1839-1845 (2000))
Diesen Störfaktor in Studien bezeichnet man als "Confounder"
(darüber siehe hier>>>).
- Dieselben Überlegungen muss man beim vermeintlichen Osteoporoserisiko durch
Kaffeekonsum anstellen, denn chronischer Alkohol- und Nikotinkonsum sind dort
nachgewiesenermassen ein hohes Risiko. Sonstige Risikofaktoren für die Entwicklung einer Osteoporose im Alter sind auch viel höher einzustufen: Frauen
nach der Menopause; enge Verwandte leiden bereits unter Osteoporose; Kalzium- und
kalorienarme Ernährung und wenig Bewegung vor 15jährig; Frauen mit früher Menopause,
entfernten Eierstöcken und Kinderlosigkeit; aber auch Konsum vieler phosphathaltiger
Nahrungsmittel (wie "Soft-Drinks"=Colagetränke, Knäckebrot und bestimmte
Wurstwaren, die entsprechend gesalzen sind); und eben chronischer Alkohol-, Nikotin- und
möglicherweise Kaffeekonsum.
- Dasselbe gilt auch wieder bei Kaffee und Herz/Kreislauf: Obwohl nicht zu bezweifeln
ist, dass Koffein auf Herz und Kreislauf einwirkt, ergeben Studien der letzten Jahre kein
einheitliches Bild: Herzrhythmusstörungen können eventuell bei Kaffeekonsumenten und
vorbestehenden Herzkrankheiten öfters auftreten. Auch dies ist aber umstritten (auch
wieder wegen der Mitbeteiligung der Risikofaktoren Nikotin und Alkohol). Ein Zusammenhang
dann von Kaffee und Herzinfarkt oder Angina pectoris ist durch neuere Studien wieder
widersprüchlich im
Gespräch: Einerseits steigt das Gesamtcholesterin und LDL-Cholersterin bei über 6 Tassen Kaffee
täglich. Anderseits: Bei regelmässigen Kaffeetrinkern bleiben die
Halsschlagader elastischer und das Infarkt-Risiko sinkt. Bereits eine
bis zwei Tassen pro Tag genügen. Das fanden Forscher der Universität
Athen in einer Studie mit 235 Senioren heraus. Förderlich sind
vermutlich die Polyphenole und andere gesunde Inhaltsstoffe von Kaffee.
(European Society of Cardiology)
- Kaffee hält Gefässe im Hirn fit:
Frauen, die ein bis fünf Tassen Kaffee am Tag trinken, verringern ihr
Risiko für einen Schlaganfall um rund einen Viertel. Dies zeigte
Susanna Larsson vom Karolinska Institut, die mit ihrem Team die
Gesundheitsdaten von mehr als 34 000 Frauen analysierte. Eine frühere
Studie aus Finnland weist darauf hin, dass Kaffee auch Männerhirne schützt.
(Larsson SC et al, Coffee consumption and risk of stroke
in women; Stroke, 2011 Apr;42(4):908-12. Epub 2011 Mar 10)
-
Hoher Koffeinkonsum ist sogar mit einer signifikant tieferen
Wahrscheinlichkeit verknüpft, an Morbus Parkinson zu
erkranken (jama.ama-assn.org/issues/v283n20/full/joc91293.html).
Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass ein moderater Kaffeekonsum die
Entwicklung einer Demenz bei älteren Frauen verhindern kann (Neurology
2007;69:536-545 August 7 2007 American Academy of Neurology The
neuroprotective effects of caffeine. The Hree City Study. K.Ritchie et al.)
- Gicht: Je mehr Kaffee Männer trinken, desto seltener erkranken sie
an Gicht (Arthritis
& Rheumatism). Männer, die vier bis fünf Tassen täglich tranken,
hatten ein 40% geringeres Risiko an Gicht zu erkranken wie Männer, die
keinen Kaffee tranken. Bei sechs oder mehr Kaffees pro Tag sank das
Gichtrisiko sogar um 60%.)
- Krebs: Reichlich Kaffeegenuss bewahrt Frauen möglicherweise vor
Brustkrebs. Trägerinnen gewisser Genvarianten, die mindestens zwei Tassen
Kaffee pro Tag tranken, erkrankten zu 30% seltener als die anderen (E.Bageman
et al., Cancer Epidemiology Biomarkers & Prevention 17: 895-901).
- Sonstige Nebenwirkungen von Kaffee hingegen sind unbestritten: Pulsbeschleunigung,
Reizbarkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Zittern und Muskelschmerzen. Absetzen von
Koffein vermag Entzugskopfschmerz auszulösen. Kaffee steigert Angst. (Leute, die unter Ängstlichkeit leiden oder sogar
Panikattacken erleben, sollten auf Kaffee ganz verzichten!). Personen mit Leberzirrhose
oder Schilddrüsenüberfunktion laufen Gefahr verstärkter Koffein-Störwirkungen.
- Schon fünf Tassen Kaffee am Tag steigern das Risiko (akustische) Halluzinationen
zu bekommen, vorrausgesetzt man hat eine Neigung dazu.
Australische Wissenschaftler in der Zeitschrift “Personality and
Individual Differences” kamen zu diesem erschreckenden Ergebnis.
“Koffein und Stress in Kombination steigern das Risiko für Psychose-
ähnliche Symptome”, so Studienleiter Simon Crowe von der La Trobe
University.
Die Wissenschaftler haben 92 gesunde Studienteilnehmer in Situationen mit
viel oder wenig Stress versetzt. Anschliessend befragten sie die Teilnehmer,
wie viel Kaffee sie an diesem Tag getrunken hatten. Man spielte ihnen ein
Tonbeispiel mit einem weissen Rauschen vor und bat sie jedes Mal sich zu
melden, sobald sie das Lied “White Christmas” von Bing Crosby hörten.
Das Lied wurde tatsächlich nie eingespielt, trotzdem glaubten mehrere es zu
hören, und zwar vor allem jene, die unter hohem Stress standen und viel
Kaffee getrunken hatten.
Wer in dieser Hinsicht bereits verletzbar ist, kann durch Stimulanzien
derart erregt und unruhig werden, dass das Sensorium durchdreht. Ängste,
Schlaflosigkeit bis hin zu Halluzinationen im Sehen oder Hören können die
Folge sein.
Vor allem Nikotin und Koffein nehmen Schizophrene häufig zu sich, was nur
plausibel ist: Neben Produktivsymptomen wie etwa Trugbilder sind auch
sogenannte "Negativsymptome" Kennzeichen der Krankheit. Dazu
zählen die Antriebsschwäche, Kraftlosigkeit, Müdigkeit sowie
Konzentrationsstörungen. Durch Zigaretten und Kaffee versuchen viele, diese
Probleme zu überwinden.
Ohne entsprechende Vorgeschichte wird niemand halluzinieren, auch wenn er
fünf Tassen Kaffee pro Tag trinkt.
Die Australier mahnen dennoch zur Vorsicht. Zuviel Koffein verbunden mit
hohen Stress könnten auch bei normalen Menschen miteinander interagieren,
wie die Untersuchung gezeigt habe. Kaffee als häufigste Alltagsdroge sei
deshalb weniger harmlos wie oft dargestellt wird.
Achtung: Der Mode-Putscher GUARANA enthält mit 3-8% deutlich mehr Koffein als
Kaffeebohnen (1-2%) oder Teeblätter (1-4%).
Nochmals Achtung: Koffein ist in vielen Mischmedikamenten gegen Schmerzen enthalten (die
man sowieso meiden sollte).
Mit Paracelsus muss man wieder mal zum Schluss erwähnen, dass jede Droge, mässig
eingenommen (d.h. bei Kaffee vielleicht 1-3 Tassen täglich) auch Gutes bewirken kann.
Lesen Sie auch dies!
Copyright© by Dr. med. Thomas
Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 16.04.2012
Lassen Sie sich über die News
dieser Website durch meinen Blog informieren!
Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen
unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine konkrete
Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes möglich (siehe auch Disclaimer).
|