 |
Haben wir vielleicht einfach ein viel zu grosses Hirn für unser Glück?
Dr.med. Hans Flury, geb. 1945, studierte in Zürich
Medizin. Dort praktiziert er seit 1978 als anerkannter "Rolfer"
die Strukturelle Integration nach Ida Rolf und die von ihm entwickelte
Bewegungsschule der normalen Bewegung (Normal Function - Lit.2).
Er nennt sich selbst einen Psychoanarchisten.
lieber hans
mir schwebt ein projekt vor, ein lockeres gespräch
mit dir - stück für stück - über haltung, bewegung, rolfing,
wissenschaft, philosophie, nonsense – das übliche halt...
Meine hinterabsicht dabei ist, dies dann hier zu veröffentlichen
, quasi
als thinktank. Es scheint meine mission zu sein, gute ideen unters volk zu bringen...
Dies könnte z.b. so beginnen:
Lieber Hans,
zuerst will ich mit Dir über die körperliche Haltung
des Menschen sprechen und dort v.a. über den Paradigmenwechsel weg vom
Muskel zum Bindegewebe als tragendes Substrat. "Haltung" ist ja
eigentlich ein völlig falsches Wort, da eine ökonomische Haltung (Du
nennst es "Normal Function") alles andere als mit
"Halten" zu tun hat, welches dann durch Muskeln ausgeführt würde.
Eigentlich muss ein Mensch erst mit Muskel halten, falls er aus dem
Gleichgewicht gefallen ist. Die Integration, meint hier das Finden des
Gleichgewichts ist also das Erste - und dann kann "Losgelassen"
werden, wir können im Gleichgewicht in unserem "Gäder" (ein sehr
malerische Schweizer Wort für das ganze Bindegewebe: Faszien, Sehnen, Bänder)
hängen und werden von dem „getragen“. Die Faltbewegung ist ein
Musterbeispiel für eine Haltung im Stehen z.B., bei der man im
Gleichgewicht alle Muskeln loslassen kann und im Bindegewebe hängt. Kennst
Du mein Merkblatt darüber, das ich weitgehend als Extrakt aus deinem
spannenden Büchlein "Die neue Leichtigkeit des Körpers"
destilliert habe?! >>> www.dr-walser.ch/oekonomie_der_bewegung.pdf.
Das Wunderbare dabei ist ja, dass durch diese Art
Haltung unser Körper eine Ausdehnung in der Längsrichtung erlebt und nicht
gestaucht wird.
Dieses Ganze hat auch eine philosophische Dimension,
die es diesen Ideen wohl auch schwer macht, in der universitären Medizin
anerkannt zu werden: Loslassen, Entspannen, Nicht-Machen, Nicht-Kontrahieren
und dabei noch ökonomischer werden! Geht natürlich unserer
Leistungsgesellschaft gegen den Strich. Deshalb werden wir Mediziner in der
Anatomie mit Muskeln überfüttert, lernen ein sehr mechanistisches,
muskelzentriertes Bild der Bewegung und hören vom Bindegewebe und von der
Schwer- und Normalkraft im Zusammenhang mit Haltung wenig bis nichts.
Es ist wirklich ein Paradigmenwechsel! Was tun?
lieber Gruss, Thomas
(21. Februar 2008)
Lieber Thomas,
mein erster Eindruck ist der eines ziemlichen Durcheinanders, es gilt also
einiges zu klären. Du benützt als Rahmen den
"Paradigmenwechsel". Der Begriff stammt von Thomas Kuhn, glaube
ich. Da ich darüber zu wenig weiss, halte ich mich stattdessen an Gaston
Bachelards "Die Philosophie des Nein" (Lit.3), das Ida Rolf uns ja sehr
ans Herz legt (Rolf S. 199, Lit.1). Bachelard stellt fest, dass wissenschaftliche
Erkenntnis nicht immer stetig verläuft. Manchmal kommt es zu Brüchen. Er
unterscheidet und beschreibt fünf Ebenen oder "Erkenntnisweisen",
die durch solche Brüche geschieden sind. Ida Rolf behauptet wie selbstverständlich,
Rolfing sei auf einer höheren Ebene angesiedelt als die Anatomie (Feitis,
S. 45-47 - Lit.4). Das bedeutet aber, dass es keinen Weg gibt von der Anatomie zum
Rolfing, von der Anatomie des Körpers zur Struktur des Körpers. Anatomie
gehört auf Bachelards zweite Ebene, die er die Ebene des Realismus oder
Empirismus nennt. Wenn wir uns den Begriff der "Haltung" näher
ansehen, gehört er jedoch eindeutig auf die erste Ebene, diejenige des
"naiven Realismus". "Haltung" ist also ein sinnloser
Fremdkörper im Gebiet der Anatomie und auch der Medizin, jedenfalls soweit
sie sich mit dem sogenannten "Bewegungsapparat" beschäftigt. Das
sieht man daran, dass es keine Krankheit wie etwa "schlechte
Haltung" gibt. Aber auch dort, wo sich die Medizin legitimerweise in
den Bereich des Gesunden erstreckt, wo sie Risikofaktoren erkennt, kommt
"Haltung" nicht vor. Ich erinnere mich, dass früher zahlreiche
Kinder ins Haltungsturnen geschickt wurden, eine Praxis, die still und leise
verschwunden ist, soviel ich weiss.
"Haltung" ist also nicht einmal in der Medizin ein sinnvoller
Begriff, und wo er noch in Gebrauch ist, handelt es sich um einen
ideologischen Fremdkörper aus der ersten Ebene. Haltung beruht ja darauf,
dass Muskeln arbeiten. Das tun sie immer, auch wenn jemand eine schlechte
Haltung hat. Nicht-Haltung würde heissen, dass jemand plötzlich gelähmt
ist, dann fällt er hin. Laut Bachelard werden die Erkenntnisse auf der
tieferen Ebene jedoch nicht entwertet. "Gute Haltung" ist deshalb
für die Kampfrichter beim Turnen oder Turniertanz möglicherweise ein nützlicher
Begriff. Haltung auf der ersten Ebene wird auf der zweiten zu
"Muskelkraft", auf der dritten zu "aktive Spannung".
Leider ist mit dem Gang auf eine höhere Ebene ein Verlust an
Anschaulichkeit verbunden, was wahrscheinlich zu dem beiträgt, was
Bachelard ein "obstacle épistémologique" nennt.
Der Mensch muss sich also immer halten, wenn er nicht gerade liegt, das
Muster und der Betrag der notwendigen aktiven Spannung hängen vom
Arrangement des Körpers im Raum und seiner Struktur ab.
Der Mensch kann auch nicht aus dem Gleichgewicht fallen. Man könnte das
vielleicht sagen, wenn es sich um ein stabiles Gleichgewicht im
physikalischen Sinn handelte. Ein Ball in einer Schale ist ein Beispiel dafür.
Wenn der Ball bewegt und dann losgelassen wird, kehrt er von selbst an den
Ausgangspunkt zurück - ausser, er wird über den Rand gebracht. Dann würde
er was man den Bereich des stabilen Gleichgewichts nennen könnte verlassen.
Beim menschlichen Körper handelt es sich jedoch immer um labile
Gleichgewichte, da gibt es keinen Bereich, bei dem nicht gehalten werden müsste,
ja man kann dieses Gleichgewicht gar nicht genau erreichen.
Das Wort "hängen" gebrauche ich nie. Einerseits gibt es das Bild
"in den Bändern hängen", so wie ein groggy Boxer in den Seilen hängt.
Wichtiger ist, dass ich jedes mal, wenn ich meinen strukturellen
Integrationsgrad wieder einmal erhöhen lasse, das wunderbare Gefühl habe,
dass die Füsse völlig am Boden angekommen sind, der mich stützt, ob ich
will oder nicht. Ich muss aber zugeben, dass mir die Sache nicht genügend
klar ist. Mein Eindruck ist, dass es darauf hinauslaufen wird, dass wir mit
guter Struktur im normalen Stehen weitgehend von unten nach oben gestützt
sind. Dass, wenn wir "lang" stehen, die passive Spannung des
Fasziennetzes hilft, das System nahe am Gleichgewichtspunkt subtil um diesen
Punkt kreisen zu lassen. Wirklich ins Spiel kommen die Faszien aber erst bei
Bewegung, beim Falten, beim Gehen und Laufen.
Ich bin auch anderer Meinung, was die Medizin betrifft. Ich sehe nämlich
seit vielen Jahren, dass ich die (westliche) Medizin verteidige. Sie wird ja
so viel kritisiert, und in vielem zu Recht. Ich glaube aber nicht, dass man
den "Stoff" erweitern sollte, - er ist ja schon riesig! -, sondern
dass es darum geht, sich der Grenzen bewusst zu sein. Eine Grenze ist ja,
dass der Patient auch juristisch frei ist, eine Therapie zu wählen, oder
auch keine. Wir brauchen schon sorgfältige und zuverlässige Diagnosen,
dann kann man offerieren, was die Medizin an Therapie zu bieten hat und
darauf hinweisen, dass es sehr viele alternative Möglichkeiten gibt. Und
von dem, was ich so höre, hat sich die Situation doch schon gewaltig
verbessert.
Ich hatte diese Woche einen neuen Klienten, der vor 3 Monaten eine
Diskushernienoperation hatte. Man sah die Hernie sehr schön im MRI. Nach
der Operation teilte ihm der Chirurg etwas betroffen und verlegen mit, er
habe in situ eigentlich nichts operationswürdiges gesehen. Wann gab es so
etwas schon!
mit herzlichen Grüssen
Hans
(24. Februar 2008)
Lieber Hans,
Ich habe es vermutet, dass es eine Knacknuss wird, mit Dir ein einigermassen
„verständliches“ und „lockeres“ Geplauder zu führen. Ich, der
Vertreter der Vereinfachung, des Volkverstandes und Du der Komplexe, der
Streng-Präzise. Sehr gut, dass Du Gaston Bachelard ins Spiel gebracht hast,
einen Erkenntnistheoretiker (Epistemologe), der sich also fragte, wie wir
Wissen schaffen. Durch ihn sehe ich auch klarer, wie ich der kartesischen
Versuchung erliege, die Suche nach Allgemeinheit und Einfachheit stark zu
gewichten (Descartes: „Ich denke, also bin ich“). Bachelard nennt dies
ein Erkenntnishindernis und gibt seine Auflösung: „Ich denke Differenz,
also ändert sich mein Ich“! Nicht zuletzt auch als Hausarzt bin ich in
Alltagserfahrungen verhaftet, in welchen Komplexes in Einfaches überführt
wird und Du eher in der „Wissen-schaft“, die Einfaches in Komplexes überführt.
Dabei sei klar (in Bachelards Sinn) gesagt, dass Wissenschaft nicht
„verbesserte“ Alltagserfahrung ist.
Mein Anliegen – auch in diesem „Geplauder“ –
wird also sein: „wie sag ich’s meinem Klienten – und zwar verständlich?“.
Gregory Bateson würde sagen, dass man als
wissenschaftlicher Forscher stets sowohl streng wie auch locker denken soll
(strict and loose thinking).
Dich habe ich immer als ein Rolfer und Denker erlebt,
der Ida Rolfs visionäre Ideen und die eher „vorwissenschaftliche“
(heisst kindlich-naive) Interpretation ihrer ersten Schüler mit deiner
Lehre der „Normal Function (NF)“ auf den Boden (oder die Füsse)
stellst, quasi ins „Surrationale“. Du wirkst vielleicht auch deshalb auf
viele Rolfer als „zu kompliziert“, „zu genau“, „zu wenig
einfach“, als unverständlich. Für mich war dies aber unheimlich
brauchbar in der alltäglichen Arbeit und schuf ein ganz neues Verständnis
für Bewegung und Haltung. Der „Verlust an Anschaulichkeit“ wird
wettgemacht mit einer Stimmigkeit in der praktischen Anwendung.
Will heissen: Selber renne ich im Jungfraumarathon mit
„normalem“ Laufstil (siehe Lit.6) die 42 Kilometer, inklusive 2000 Höhenmeter
von Interlaken auf die Kleine Scheidegg und komme nach 5 Stunden katzenartig
und frisch im Ziel an. Und in meiner Rolfingpraxis vermittle ich den Leuten
Deine „Merkmale“ der Normalen Bewegung (Lit.5): das Spüren von Gewicht
(z.B. der Schwerkraft, die beim ökonomischen, normalen Gehen vor unserer Körperachse
liegen sollte und als Bild des Fadens, der uns vom Brustbein aus nach vorne
zieht, einleuchtet.), das Spüren der Dehnung (z.B. des
„Auseinandergehens“ des Oberkörpers (Brustbein nach vorne, Sitzbeine
nach hinten) in der Faltbewegung, NF.) und was Du bereits selbst schön
beschrieben hast, das Gestütztwerden von den Füssen aus oder im Sitzen vom
Becken aus.
Warum verwendest Du eigentlich den Begriff „Normal“
(in Normal Function, NF, Normale Bewegung, normal stance, usw.)?
Wie vermittelst Du dies in Deiner alltäglichen Praxis?
Wie bildest Du Verständnis in den Leuten?
Lieber Gruss, Thomas
(28. Februar 2008)
Lieber Thomas
dein Anliegen, es verständlich zu erklären, ist leider nicht möglich.
Ich versuche zu erklären weshalb (falls es möglich ist). Da ist einmal das
seltsame Paradox, dass das Einfache schwierig ist, das Komplexe einfach.
Vereinfachen kann bedeuten, Komplexität zu reduzieren oder anschaulich zu
machen. Das ist ein Widerspruch. Bei "Struktur" abstrahieren wir
vom Funktionellen, es wird weniger komplex, aber abstrakter, also
"schwierig". Nur schon die Definition von "Struktur" ist
ziemlich alltagsfern, nicht anschaulich. Wir können damit dies oder jenes
über Struktur und ihre Integration sagen, aber eine erkennbare klare
Theorie liegt in weiter Ferne. Dagegen ist die Theorie von NF, also dem
Komplexeren, ziemlich abgeschlossen und fast lachhaft einfach. Ich glaube,
das hat mit dem zu tun, was man heute "top-down" Modelle nennt (SI
inkl. NF), gegenüber "bottom-up" Modellen (Anatomie).
Das Interessante - und Unerklärliche! - ist doch, dass unsere
Alltagsvorstellungen, auf denen auch der gesunde Menschenverstand beruht,
eigentlich alle grundfalsch sind. Trotzdem funktionieren sie hervorragend -
meistens. Wenn einmal nicht, ignoriert man das am besten, oder erfindet
Katapulte (dann stimmen aber alle diese Gleichungen nicht mehr). Wenn man
auf etwas trifft, das man nicht versteht, gibt es zwei entgegengesetzte
Einstellungen dazu. Weitaus häufiger ist die erste, bei der man nach Ähnlichkeiten mit dem Bekannten sucht, und das Unbekannte mit ein bisschen
Würgen einordnet. Rolfing ist wie eine Massage z.B. Das ist legitim, führt
jedoch nicht zu etwas wirklich Neuem. Daraus folgen Weisheiten wie
"Nichts Neues unter der Sonne" oder "schon die alten Römer...".
Die andere Tendenz sucht nach Unterschieden auf die Gefahr hin, dass sich
das Ich verändert. Zu diesem Zweck muss man es schwierig machen, sagt
Bachelard. Ansatzweise ist das dann der Fall, wenn wie kürzlich ein
Klient auf dem Tisch sagt: "Es kommt mir eher wie bildhauern vor".
Kurz gesagt, achte ich auf diesen Moment, wenn jemand es verstehen möchte.
Dann gebe ich eine kurze Antwort, die teilweise befriedigt, die Frage aber
offen lässt. Dann hat der andere die Wahl, ob er weiter ins Neuland
vorstossen will oder nicht. Es gibt keinen Grund, weshalb er sollte, es sei
denn, er möchte es. Das ist schön!
Kurz gesagt funktioniert die einfache Erklärung nicht, weil sie das
schon lange überholte Kommunikationsmodell vom Sender und Empfänger
voraussetzt. Und wir überschätzen das Informationsbedürfnis der Leute
gewaltig.
"Kompliziert", "zu genau", unverständlich: ja, es
geht nicht anders. Es herrscht ein verbreitetes Missverständnis vor von
dem, was Theorie sein soll. Sie soll sich nicht eins-zu-eins mit der Realität
decken, sondern sie soll einen Kontrast herstellen zwischen dem Absoluten
und dem unverständlichen, chaotischen, unberechenbaren Realen. Theorie verhält
sich zur Realität wie die Karte zum Territorium: Wenn du auf einer
Strassenkarte die Strassen massstab- und farbgetreu einzeichnest, wirst du
sie nicht einmal sehen! Es ist manchmal schwierig, diese Diskrepanz
auszuhalten, einen Teil Ungewissheit zu bewahren. Manchmal wird man dann
belohnt, wenn auf der neuen Ebene etwas so Schönes, Konkretes, Einfaches
auftaucht, wie du es beim Marathon beschreibst. Und da musst du doch
zugeben, das kannst du den anderen Läufern nicht anschaulich und leicht
verständlich vermitteln.
Ida Rolf meinte "normal" wie in "normal structure"
sicher als "ideal", nicht als durchschnittlich oder natürlich.
Sie hatte sicher "die Normale" im Sinn, ein altes Wort für die
Senkrechte, den rechten Winkel. Der Begriff ist also so besetzt. Was mir
besonders gefällt, ist, dass es eine willkürlich gesetzte Norm ist, die
man akzeptieren kann oder nicht. Man hat die freie Wahl, es gibt keinen
Grund und keinen Druck. Freiheit ist wichtig, aber zugegeben, oft mühsam.
Andrerseits verpflichtet einen diese "Willkür" dazu, die
Normsetzung zu begründen. Und das ist spannend.
Spannend geht nicht ohne "schwierig", ein tieferes Verständnis
geht nicht ohne Ungewissheit. Kürzlich habe ich im Magazin gelesen: Der
Wissenschafter weiss, dass er nur glaubt. Der Gläubige glaubt, er wisse.
Ich wünsche dir spannende Gedankengänge!
Hans
(3. März 2008)
Lieber Hans,
Mit "Alltagserfahrungen" meinte ich nicht "Präkonzepte",
also Hypothesen, die "man" zu einem Phänomen besitzt, ohne dabei
den wissenschaftlichen Hintergrund zu kennen. Nein, ich sprach eine
"Eidetische Reduktion" (Husserl), eine Rückführung des Erlebten
auf das "Wesentliche" an. Während dieser phänomenologischen
Reflexion sollte man natürlich jegliche ungesicherte Urteile vermeiden.
Diese Wesensschau bringt eine allgemeine Form zutage, die allen
Einzeldingen, auch dem Menschen innewohnt (vergleiche die Phänomenologie
Edmund Husserls).
Du schaffst dies meisterhaft mit "Bildlichmachen": Du
gebrauchst sehr viele eindrückliche Bilder in Deinen Kursen und Schriften:
Sich wie eine Einkaufstasche hinsetzen und von unten gestützt werden. Wie
durch einen Hubstapler zuerst die Sitzbeine steigen lassen (beim Entfalten).
Bilder von Katzen und Affen. Becken als Platzhalter (Spacer), der nach der
Rolfingarbeit nicht mehr sichtbar sein sollte. Kopf wie eine Strumpfkugel
(im Strumpf). Körpermodell als Wassersack oder Mettwurst (hydrostatischer
Ballon). Fuss als Saugnapf, usw., usw..
Hier erscheint doch alles sehr "einfach" und wird (für Klient
und Rolfer) erklärbar.
Danke Dir für die spannenden Gedankengänge!
Thomas
(9. März 2008)
Lieber Thomas,
ich bedanke mich für das Lob, das mich etwas überrascht. Ich halte mich
nämlich nicht für besonders begabt mit Bildern, und ich fühle mich immer
etwas unwohl dabei. Und zwar, weil sie eindeutig sekundär sind. Sie
verhalten sich wie eine Illustration zu einem Text, den man dadurch besser
versteht. Illustrationen ersetzen aber nie den Text. Sie sind sogar etwas
gefährlich - ich spreche nur für mich! -, weil sie allein genommen meist
sofort an der Sache vorbeiführen ins grosse Irgendwie.
Ich bringe diese Bilder immer erst, nachdem ich einen theoretischen Punkt
kurz und klar erläutert habe. (Dafür würde ich gerne gelobt, das mache
ich gut!) Wen man nur mit Bildern arbeitet, kommt man nie zu NF, behaupte
ich. Wenn sie dir also dermassen einleuchten, beweist das, dass du den
kognitiven Schritt vollzogen hast. Das müsste man krasser formulieren, denn
man kann nicht von einer erkenntnistheoretischen Ebene auf die nächste
schreiten, man muss über den Bruch (la rupture!) springen!
Natürlich ist die Bildwelt so viel attraktiver als die rationale
Beschreibung. Ich habe aber doch etwas gestaunt, als ich Fotoillustrationen
von zwei Kollegen sah, die früher bei der Entwicklung von NF dabei waren.
Der eine bezieht sich explizit auf NF. Das war mitnichten NF, nah dran
vielleicht. "Nah dran" ist meine Standardantwort, wenn ich wieder
einmal höre, jene Menschen am Amazonas (oder sonst wo, meist weit weg), oder
Kinder, oder Tiere bewegten sich in "perfekter NF". (Dieses
obsessive Fantasma, dass Kinder oder "Wilde" natürlich seien, lässt
sich nie ausrotten! Die Natur des Menschen ist seine Kultur.) Das lässt
meinem Gegenüber dann die Wahl, es als Zustimmung zu nehmen oder als
Widerspruch. Denn "nah dran" ist nicht NF. Wie wir
Fussballer sagen (die keine 10 m rennen, wenn kein Ball im Spiel ist): knapp
vorbei ist auch daneben.
Ich insistiere vielleicht dermassen auf die neue Erfahrung, weil ich das bei
meiner ersten Rolfingstunde eindrücklich erlebt habe. ich hätte mir nie
vorstellen können, auch wenn man es mir erklärt hätte, dass es so was gibt
und wie das ist.
Ich habe dafür eine kleine private Typologie der Menschen. Nach der ersten
Stunde, wenn der Klient wieder auf den Beinen ist, frage ich unauffällig,
wie er sich fühlt. Da gibt es einen Typ, der nichts spürt und vielleicht
sagt: "Nun ja, wie immer". Ein zweiter Typ hat keine Mühe, sein
Gefühl ins Bekannte einzuordnen, und sagt z.B.: "Ich fühle mich so
entspannt". Ein dritter Typ bemerkt, dass etwas neuartig ist, und sagt
so etwas wie einer kürzlich: "Ich glaube, ich bin höher." Der
vierte Typ, vielleicht zur Zeit die grösste Gruppe, sagt gar nichts. Ich
sehe, wie der Geist angestrengt arbeitet und nach einem adäquaten Ausdruck
sucht, aber keinen findet. Ich erlöse ihn dann gerne, z.B. indem ich sage:
"Am liebsten wäre mir, sie sagten, es sei anders." Meist stimmen
sie erleichtert zu.
Zum Phänomenologischen kann ich nichts sagen mangels Kenntnis und Neigung.
Sicher steht aber eine neuartige Erfahrung im Gegensatz zu den
Alltagserfahrungen. Ich habe den Eindruck, diese spielen die gleiche Rolle
wie das Vor-Wissen auf der kognitiven Ebene: sie bilden ein
epistemologisches Hindernis. Man muss sie ja nicht gleich
"ausrotten" - das geht ja gar nicht - aber umspielen, unterlaufen,
aufweichen, andröseln - das schon!
Um auf dein Anliegen zurückzukommen: natürlich schulden wir den Klienten
eine Erklärung. Da dies nicht möglich ist, müssen wir mit dem nächstbesten
vorlieb nehmen. Nämlich, auf die explizite oder implizite Frage zu achten,
dazu etwas erhellendes zu sagen, sie aber offen zu lassen - oder sogar
weiter zu öffnen? -, damit ein Springen auf die neue Ebene möglich bleibt.
Vielleicht ist das nächstbeste sogar das bessere?
Hans
(16. März 2008)
Lieber Hans
Deine Botschaft ist klar:
Zuerst muss die Theorie klar sein, dann erst kann ein Bild
"einleuchten" und auf eine neue Ebene führen. Allein betrachtet,
besteht die Gefahr, dass Bilder eine Aura von Beliebigkeit besitzen, die in
die Irre führen können.
Also: Rechtfertige hier Dein "Eigenlob" und erläutere hier
kurz und klar die theoretischen Punkte hinter den obigen Bildern!
um Beispiel das Sitzen (NF), was ja die meisten der Leser im Moment tun.
Dann auch das Falten (in Normal Function) - und wer (normal) falten kann
auch normal stehen und normal gehen (würdest Du das auch so sagen?!).
Schiess los!
Thomas
(21. März 2008)
Ja, lieber Thomas, wenn es so einfach wäre!
Lass mich zuerst noch etwas am gesunden Menschenverstand, der
"Alltagslogik", kratzen. Nicht nur, weil es amüsant ist; ich
falle ihr auch jetzt noch immer wieder einmal zum Opfer.
Ein wunderbares Beispiel ist "Lesen durch Schreiben". Das geht
natürlich nicht, denn zuerst muss man die Buchstaben visuell erkennen,
lesen also, bevor man sie schreiben kann. Der frische Erstklässler kommt
also nach Hause, und gespannt bitte ich ihn, ein Wort zu schreiben. Mit
seiner Tabelle malt er Buchstaben um Buchstaben, besser: Laut um Laut, und
da steht das Wort. Ich frage ihn, was er geschrieben habe. Er weiss es
nicht, hat es vergessen, und lesen kann er es nicht.
Das erste Wort, das er lesen konnte, war übrigens "Biogaze".
Das erste Mal erkennt man leicht an der riesigen Freude und dem Stolz, mit
dem diese höchst dringliche Nachricht überbracht wird. Dieses Wort hatte
er sicher nie gehört und wusste auch nicht, was es bedeutet.
Das hat insofern mit deiner Frage zu tun, als du wahrscheinlich meinst,
Sitzen und Stehen seien einfach. Das Gegenteil ist der Fall: Stehen ist
wahrscheinlich das schwierigste überhaupt! Ein Grund liegt in der
Physiologie. Unsere Propriozeptoren, die inneren "Sensoren", auf
die unsere Wahrnehmung angewiesen ist, melden uns hauptsächlich
Unterschiede, Veränderungen, nicht Zustände. Wenn wir uns also kaum
bewegen, kommt nur wenig Information, unser Hirn darbt, und das Bewusstsein
kann sich kein richtiges Bild machen. Beim Stehen muss man ausserdem
mehrfach Richtungsänderungen um 180° auf kleinstem Raum wahrnehmen. Und
beim Sitzen gibt es oft strukturelle Hindernisse.
Ich fange eigentlich immer mit etwas Einfachem an, dem Schwerpunkt beim
Gehen. Ich erkläre, dass wir uns auf den Moment konzentrieren, bei dem das
Gewicht voll auf das Standbein kommt. Es kann dann zu weit vorn oder zu weit
hinten sein. Wenn wir uns vorstellen, wir gingen mit neuen feinen
Lederschuhen auf spiegelglattem Eis, würden wir bei jedem Schritt
ausgleiten und hinfallen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Der Fuss
rutscht nach vorn und ich falle auf den Hintern, oder er rutscht nach hinten
und ich falle aufs Gesicht. Natürlich gibt es dabei die üblichen
Schwierigkeiten, mit dem Gewicht wirklich nach vorn zu kommen, aber es
funktioniert recht gut. Und ja, das Bild, das es für mich sonnenklar macht,
ist, dass ich beim üblichen Gehen den festen Eindruck habe, hinter den
Beinen her zu gehen. "Ich" ist etwa am oberen Rand des Brustbeins
lokalisiert. Ich bringe ein Bein nach vorn, dann folgt der Körper, dann das
andere Bein, wie man sich Gehen eben vorstellt. Man geht schliesslich mit
den Beinen, und die müssen was tun dafür! Beim normalen Gehen laufe ich
vor den Beinen her, und es geht wie von selbst. Und weil sich alle Welt
immer nur für Muskeln, Stärke, den "Motor" des Gehens
("spinal engine") interessiert, habe ich ein Merksätzchen, das du
sicher nachempfinden kannst: Normal Walking is powered by inertia.
Ich merke, ich habe deine Frage schon wieder nicht beantwortet, dafür
immerhin eine andere, leichtere.
Hans
PS: Zum Gehen noch ein interessantes Detail. Wenn du schneller gehen
willst und die Schrittlänge vergrösserst, greifst du nicht weiter nach
vorne aus, sondern lässt das hintere Bein maximal lang werden. Wenn du das
Tempo weiter erhöhst, kommt das hintere Bein nicht mehr rechtzeitig nach
vorn unter den Rumpf. Du beginnst dann automatisch zu laufen, ohne dass sich
an der gleichmässigen waagrechten Bewegung des Rumpfes etwas ändert.
Diesen flüssigen Phasenübergang finde ich besonders hübsch.
(29. März 2008)
Lieber Hans
Jetzt hat's aber doch schon etwas Fleisch am Knochen: Das Gewicht (des
Oberkörpers) als treibende Kraft des "Normalen Gehens" und nicht
(primär) die Beinmuskeln. Die Beine, die "nachschwingen", träg,
hängend, eben "inert" hinterher gehen. Könnte man hier nicht das
Bild des Fadens geben, der uns vom Brustbein her nach vorne zieht und es
waagrecht nach vorne gleiten lässt.
Versuchen wir es doch trotzdem gleich noch mit dem ökonomischen,
normalen Sitzen:
Stichworte: Füsse am Boden, Knie nach innen fallen lassen, so dass die
Sitzbeine etwas auseinander gehen und der Beckenboden passiv gespannt wird.
Das Becken etwas nach hinten gleiten lassen. Man kommt so vor die
Sitzbeinhöcker zum Sitzen: das Becken ist eine entspannte Schüssel mit
flachem Boden. Bauch, Gesäss und Hüfte sind locker. Das Gewicht des ganzen
Oberkörpers in diese Schüssel abgeben. Das Brustbein schwebt hoch und
vorne (nicht hochziehen), die Schultern hängen frei und sind nicht nach
hinten gezogen und der Kopf sitzt frei wie eine Boje oben drauf.
Ergänzungen, lieber Hans?
(5. April 2008)
Lieber Thomas,
ja, es hat Knochen im Fleisch, um die Perspektive zu wahren, denn das
Fleisch ist primär.
Gegen deine Stichworte gibt es nichts zu sagen; vielleicht funktioniert es
so, vielleicht nicht. Ich möchte nur zwei Dinge dazu bemerken. In der
Praxis vermeide ich den Begriff "Entspannung" konsequent. Er gehört
zum Vor-Wissen, das den Weg zu einem strukturellen Wissen effektiv
versperrt. Natürlich ist das Konzept von passiver plus aktiver Spannung -
und das reziproke Verhältnis der beiden - neu und schwierig. Ohne dieses
Konzept kann man aber NF nicht verstehen. (Es gibt übrigens einen Vorläufer
in der Medizin: in der Unterscheidung von Kontraktion (Spasmus, Krampf) und
Kontraktur.)
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die Gebiete Therapie und Lernen
auseinander halten, weil sie völlig unterschiedlich strukturiert sind. Das
Therapeutische ist natürlich enorm wichtig, und wenn ein Erfolg erzielt
wird, ist die Art und Weise eher unwichtig. Ich kann mich gut an eine
Klientin erinnern, eine junge, aufgeweckte Frau, die zu einer post-ten
Stunde kam. Strahlend erzählte sie mir, sie habe nie mehr Rückenschmerzen,
seit sie einfach immer den Bauch rausstrecke, wie ich es ihr gesagt hätte.
Keine Rückenschmerzen ist definitiv besser als Rückenschmerzen! Aber
normalerweise kann man den therapeutischen Effekt von NF nicht haben, ohne
wenigstens ein bisschen zu verstehen, also zu lernen.
Und es geht nicht über Lernen Null, wie Bateson es nennt (Lit.7): Man kann sich nicht
ausbilden lassen in NF, man muss es sich selbst aneignen. Es braucht also
mindestens Lernen 1, für Rolfer sogar Lernen 2. Man kann also nicht die
Theorie, oder Stichworte, wie ein Programm installieren. Sondern es geht nur
über die Wahrnehmung, durch spielerisches Ausprobieren und Vergleichen von
normaler und üblicher Bewegung, immer wieder. Es ist also etwas Dynamisches
dabei, NF erwirbt man nur, indem man es praktisch im Gegensatz zum Üblichen
wahrnimmt. Du möchtest ein Bild haben? Klar, wenn man schwimmen lernt, kann
man dies als eine zusätzlich erworbene Fähigkeit ansehen. Das ist etwas
Additives. Oder man kann es so sehen, dass man jetzt "Schwimmer"
ist. Das ist etwas Transformatives, und also Irreversibles.
deshalb irreversibel skeptisch
Hans
(14. April 2008)
Lieber Hans
hier nähern wir uns ja den Existentialisten, z.B. Sartre, der sagt, dass
unser Bewusstsein nichts ist, ehe es nicht empfindet. Denn Bewusstsein ist
immer das Bewusstsein von etwas. Und was dieses "etwas" ist, hängt
ebenso sehr von uns selber ab wie von unser Umgebung. Wir tragen selber dazu
bei, was wir empfinden, denn wir wählen das aus, was für uns von Bedeutung
ist. Hieraus wächst auch die Differenz der zwei "Filme"
in der Therapiebeziehung, wie Du es ansprichst: der Film des Klienten und
der des Therapeuten...
Vorleben ist in der Therapie halt so wichtig wie in der
Erziehung. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das, wie ich mich selbst
bewege viel wichtiger für den Klienten ist, als das, was ich darüber sage.
Ich höre es deshalb immer sehr gerne, wenn jemand sagt, er wolle erreichen,
dass er sich bewegen will, wie ich es tue (ganz abgesehen von
meinem dadurch befriedigten Narzissmus natürlich...).
In diesem Zusammenhang wäre mal interessant, etwas über
die Entwicklungsgeschichte der NF zu erfahren. Wie kamst Du überhaupt auf
die Idee, dass die Grundbedingung der Auslösung einer ökonomischen
Bewegung die selektive Reduktion der aktiven Spannung (Muskelkraft) ist (Lit.
5)? Etwas also, dass noch vor zehn bis zwanzig Jahren völlig schräg
in der Therapielandschaft stand! Wie viel Einfluss hatte hier Dein Schwager
Willi Harder?
Thomas
(20. April 2008)
Lieber Thomas,
ein schöner Gedanke, falls er einschliesst, dass im Bewusstsein etwas gehen
kann, wenn ich mich ärgere oder sogar Wut empfinde...
Ich beschäftigte mich ja damals intensiv mit grundlegenden Fragen des
Gebiets - nichts war klar! - und NF entstand eigentlich als Nebenprodukt,
"with a little help from my friends". Willi (Harder) und Wolf
(Wagner) waren aktiv dabei und beförderten das Ganze mit Nachfragen,
Kritik, eigenen Ideen. Ich brütete über dem Blockmodell, bei dem die Blöcke
genau senkrecht übereinander stehen sollten, "wie jedes Kind
weiss" gemäss Ida Rolf.
Nur genügt das nicht. Die These braucht eine
Begründung, obwohl sie so trivial wahr scheint. Ich fand dann eine: die
These ist wahr, wenn die Blöcke und der Körper möglichst ökonomisch
stehen sollen. Damit war ich aber im Bereich des "Funktionellen",
von dem wir mühsam das "Strukturelle" abgetrennt hatten, um die
beiden in Beziehung setzen zu können.
Im Zusammenhang damit beschäftigte mich die fast etwas einfältige Frage:
"Was ist mit Bücken?" Dabei können die Blöcke nicht mehr
senkrecht übereinander stehen. Diese Frage ist aber nur ein Beispiel für
die allgemeinere Frage: "Wie entsteht Bewegung?" Dafür braucht es
eine Kraft, und aus Erfahrung (!) sagt dann jeder, dass Muskeln arbeiten müssen.
Diese Antwort ist aber kurzschlüssig und ziemlich unphysikalisch. Ich
erinnerte mich daran, dass bei einem ruhenden Körper oder einem, der sich
gleichmässig und gradlinig bewegt, alle Kräfte im Gleichgewicht sind und
sich neutralisieren. Die richtige Antwort lautet also: das Gleichgewicht der
Kräfte muss gestört werden. Dann taucht eine Nettokraft (schönes Wort!)
auf, die bewegt. Wir können das Gleichgewicht der Kräfte nur über die
Muskeln stören, vom ökonomischen Gesichtspunkt aus aber auf zwei
entgegengesetzte Weisen: wir erhöhen aktive Spannung, oder wir vermindern
sie. Im ersten Fall verbrauchen wir mehr Energie, im zweiten sparen wir
Energie ein. Damit war das Prinzip von NF formuliert, ohne dass ich mich
konkret mit Bewegungen beschäftigt hätte. Typisch
"rationalistisch" halt! Die Ausarbeitung der speziellen
Bedingungen war bei dieser Ausgangslage relativ einfach.
Eine Folge davon befriedigt mich ausserordentlich, weil sie ganz unerwartet
kam. Die Nettokräfte, die Bewegung auslösen oder verändern, sind nämlich
immer die Schwerkraft oder die elastische Kraft der Faszien oder beide. Das
passt dann, hinten herum sozusagen, sehr schön und haargenau dazu, dass die
Schwerkraft und die Faszien die "zwei fruchtbaren Ideen" sind, die
Ida Rolf in die Betrachtung des Körpers einbrachte. Als zweites gefällt
mir besonders, dass es sich um eine verständliche und eindeutig systemische
Beschreibung handelt. Es ist ja trotz allen gegenteiligen Beteuerungen auch
im Gebiet der SI so, dass wir immer wieder auf lineare Ketten von Ursache
und Wirkung zurückgreifen, wenn wir konkret werden.
Es gibt natürlich Parallelen auf ganz anderen Gebieten. Bei der
Kommunikation zum Beispiel glaube ich, dass ein wesentlicher Aspekt der ist,
dass immer versucht wird - oft unbewusst - das Verhalten, Denken und Fühlen
wechselseitig zu beeinflussen. Zu diesem Zweck wird entweder "Druck
aufgesetzt" oder Druck weggenommen. Das zweite gefällt mir natürlich
viel besser, schön krass formuliert z.B. bei Morgenthaler (Lit.8):
"...und wir können keinen analytischen Prozess einleiten, wenn wir uns
nicht eingestehen, dass wir ihn (den Analysanden) dazu verführen."
(Und ja, ich nehme an, ich bin soeben dabei, dein Denken in eine etwas
andere Richtung zu verführen...)
Wenn wir etwas hilflos "System" denken, bei mir jedenfalls,
vergessen wir oft, dass Systeme (der Körper, Beziehungs- oder
Gesellschaftssysteme) von widerstrebenden Kräften erfüllt sind, dass es
nur so brodelt. Ich stosse mich sofort am Wort "Erziehung" das du
beiläufig benützt. Ich verstehe nämlich überhaupt nicht, weshalb da
gezogen werden soll. Ich sehe zwei mögliche Gründe für diese befremdliche
Vorstellung. Die eine ist die, dass nichts geschieht, wenn nicht gezogen
wird. Jeder, der einmal mit kleinen Kindern zu tun hatte, weiss, dass diese
Vorstellung komplett absurd ist. Die andere würde auf der Angst beruhen, es
würde falsch laufen, wenn nicht in die richtige Richtung gezogen wird. Das
ist fast genau so absurd. Der Begriff "Erziehung" lässt sich
vielleicht nicht vermeiden, er führt aber das Denken mit Sicherheit zuerst
einmal in eine Sackgasse.
Zu "Vorleben" möchte ich dich fragen: was ist der Unterschied
zwischen "Vorleben" und "Leben"? Das soll kein Argument
dagegen sein, eine Bewegung zu zeigen. Oft führt das schnell zu einer Klärung.
Am liebsten mache ich das, auch wenn es etwas boshaft ist, bei den nicht so
seltenen Klienten, die zwar spüren, dass normales Gehen in jeder Beziehung
besser ist, die aber nicht aufhören können, lauthals zu schimpfen, dass
das lächerlich aussehe, affig, völlig unmöglich sei. Ich gehe dann
jeweils ein bisschen normal hin und her und frage sie dann mit falscher
Freundlichkeit, ob ich lächerlich, affig usw. auf sie wirke.
Denn das darf alles auch ein bisschen aggressiv, lustig, sogar schockierend
sein, wie im richtigen Leben.
Hans
(4.Mai 08)
Lieber Hans,
den Klienten, die Klientin zu verführen: dies darf man dem Ethikkomitee
nicht unter die Nase streichen... doch das Bild ist sehr schön!
Sag mal: Dieses Blockmodell von Ida Rolf (Bild siehe oben) ist doch
eigentlich unbrauchbar und hat keine Gültigkeit mehr?!
Dann: Die Verminderung der aktiven Spannung zur Bewegungsauslösung
existiert auch in anderen Konzepten der Körperarbeit (so in der
Spiraldynamik, Feldenkraisarbeit, Pilates) aber es geistert dann gleich auch
immer noch der Gebrauch der intrinsischen Muskulatur (Rumpfstabilisatoren)
rum. Warum findet man diese Idee der Schwerkraft und der elastischen Kraft
der Faszien als "Nettokräfte" nirgends sonst? Ist dies wieder ein
Bruch im Sinne von Bachelard?
Sich wundernd, Thomas
(11.Mai 08)
Lieber Thomas,
die Ethik ist ja immer dabei: ob ich jemand zu etwas zwinge oder verführe,
es ist immer zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem. Allerdings kann ich im
ersten Fall der Frage leicht ausweichen, indem ich mich auf Sachzwänge oder
irgendwelche Autoritäten berufe.
Ich sehe, dass das Wort offenbar anstössig ist. Wenn wir uns das also nicht
"eingestehen" wollen, bin ich nicht sicher, ob es noch geht. Denn
für NF muss ich mich quasi selbst v...: wir könnten es aber entschärfen:
den -Modus statt des +Modus einstellen.
Ich selbst lasse mich nur höchst widerwillig z..., jedoch v... lasse ich
mich nicht ungern. Deshalb ist es leicht für dich, wie du das
wahrscheinlich beabsichtigt hast, mich dazu zu v..., lauthals über die
blinde Idiotie zu schimpfen, die das Blockmodell als unbrauchbar und ungültig
erklärt. Das tue ich aber nicht, sondern sage nur: es ist einer von Ida
Rolfs Geniestreichen. Und zwar tut es, was jedes gute Modell (im engeren
Sinne) tun muss: es abstrahiert von allem, das nicht direkt zur Frage gehört,
und es übertreibt und verzerrt bis zur Kenntlichkeit das, was es
illustrieren soll. Das sind nur zwei Aspekte. Erstens zeigt es, dass es im Körper
Gegenden gibt, die beweglicher sind als andere, und zweitens sollen diese
anderen, weniger beweglichen, die man Blöcke nennen kann, senkrecht übereinander
stehen. Das zweite führt direkt zur ökonomischen Prämisse, die das Gebiet
der Strukturellen Integration überhaupt erst öffnet. Auf das erste legte
Ida Rolf grossen Wert, doch weiss ich immer noch nicht genau weshalb. Da
liegt vielleicht noch etwas drin.
Merkwürdig fand ich einen offensichtlichen Widerspruch zwischen Bild und
Text. Im Text ist das Modell immer in einen elastischen Sack gepackt, der,
wenn ideal, ein "strain-free system" bildet beim normalen
Arrangement. Ich vermute, dass dieser Sack einfach aus grafischen Gründen
weggefallen ist. Es war einfach nicht zu machen. Dann könnte es sein, dass
die Macht des Bildes diesen Sack, der das Strukturelle darstellt, im
Bewusstsein einfach hat untergehen lassen.
Ich wundere mich meinerseits, weil du glaubst, den Extensionsmodus auch
andernorts gefunden zu haben. Ich habe solches noch nie gesehen, auch nicht
gelesen. Mein Lesen ist allerdings sehr lückenhaft, und falls du mir etwas
angibst, werde ich es mir anschauen (Text genügt, keine Bilder).
Andrerseits finde man diese Idee nirgends, sagst du. Und das hat vielleicht
damit zu tun, dass der Extensionsmodus erst wirklich deutlich wird, wenn
auch die speziellen Bedingungen stimmen. Und damit, dass die Idee zu simpel
ist, dass der Energieverbrauch verschieden ist, wenn ich im geometrischen
Sinne verschieden laufe. Oder sonst was, ich weiss es eigentlich nicht!
Ich denke, dass Bewegungen irgendwie als gegeben hingenommen werden, und
dass es meist darum geht, excess tension zu reduzieren. Wir brauchen ja
immer zu viel Kraft für alles. Und die Frage der base tension taucht gar
nie auf. Und dann ist Bewegung so viel mehr als Physik! Aber was spekuliere
ich da, wo ich es einfach nicht weiss!
Natürlich ist es ein Bruch, immer derselbe, und zwar von einer
Ursache/Wirkungskette zu einem System, das dauernd von Kräften getrieben
wird, wenn sie sich gerade einmal nicht gegenseitig neutralisieren.
Und ich finde es wunderbar, dass es so viele verschiedene Bewegungsschulen
gibt, zum Teil sehr schöne und elegante, andere weniger, aber so kann jeder
seines finden. Für mich ist NF halt so wichtig, weil ich damit endlich ein
bisschen etwas von Struktur verstanden habe. Ein Paradox vielleicht, aber
Paradoxien und Widersprüche (und Konflikte) sind primär.
mit besten Wünschen für eine angenehm widersprüchliche Zeit
Hans
(18.Mai 08)
Du hast recht, lieber Hans, bei der Durchsicht der mir zur Verfügung
stehenden Literatur dieser weiteren Bewegungsschulen finde ich den
Extensionsmodus wirklich nirgends beschrieben. Meine Ansicht darüber fusste
auf mündliche Aussagen von Kursleiter und Ausübenden der Spiraldynamik,
der Pilatestechnik und von Feldenkraisarbeit. Der Bruch ist wohl zu gross,
das man sowas auch in Schwarz und Weiss niederlegt...
Aber: In der Bionik wird bei der Roboterentwicklung als top-down-Prozess
(Analogien in der Natur suchen und danach konstruieren) spinnenartige Maschinen
gebaut, deren Beine autonome Steuerungsfunktionen besitzen und die
dadurch zentral gesteuerten Robotern weit überlegen sind. Als Beispiel baut
an der Uni Zürich Prof. Rolf Pfeifer und sein Team, Forscher im Bereich der
künstlichen Intelligenz und in Biorobotik, einfachste Roboter die (mit
einer Art Extensionsmodus durch Verminderung der aktiven Spannung)
mit Schwingenlassen der pendelartig aufgehängten Beine sich sehr ökonomisch
und natürlich bewegen. Im Gegensatz dazu bewegen sich die
hirn-gesteuerten, komplizierten Roboter (z.B. von Sony) völlig unnatürlich
und mit enormem Energieverbrauch.
Dasselbe Prinzip treffen wir bei den kleinen Plastikspielzeugmännchen
an, die frei bewegliche Beinchen aus einem steifen Oberkörper besitzen und
sich so mit pendelnden Beinchen und ohne Motor eine schräge Ebene runter
bewegen können. Auf einer ebenen Unterlage funktioniert dies, wenn ein
Gewicht an einem Faden nach vorne zieht (welches über die Tischkante hängt).
Übersetzt auf uns Menschen und beim NF wäre dies ein Schwerpunkt vor dem
Lot (Brustbein schwebt vorne weg).
Spielzeuge bergen übrigens häufig Anwendungen von komplizierter
Physik, die einfach funktionieren. Wären gute Studienobjekte.
Spielerisch aufgelegt, Thomas
(25.Mai 08)
Ja, lieber Thomas, und besonders hat mir der Titel gefallen, den Pfeifer
für seinen kürzlichen Vortrag an der Volkshochschule fand: "Ohne Körper
keine Intelligenz." Das ist eine ziemlich radikale Behauptung, und sie
kommt aus diesem Zweig der AI (künstlichen Intelligenz), der versucht,
Computer zum Lernen zu bringen. Diese kleinen Computertierchen, die er
herumsurren lässt, sind auf sensorischen Input angewiesen, um lernen zu können.
Damit ist sicher Lernen1 nach Bateson gemeint, nicht Lernen0 (Lit.7).
Lernen0 (sich ausbilden lassen, ein Training besuchen) bedeutet
wahrscheinlich bei einem Computer oder Roboter, ihn zu programmieren. Für
sensorischen Input braucht es einen "Körper". Vielleicht braucht
der Computer sogar eine Motorik, um aktiv erkunden zu können.
Jedenfalls kann man spielerisch sagen,Lernen0 sei etwas Additives, Lernen1
etwas Transformatives. Der Computertechniker, der eben den neuesten und
raffiniertesten Laptop herausgebracht hat, würde sagen: der ist kaputt! Bei
gleicher Eingabe macht der jedes Mal etwas anderes!
Ausserdem, spielerisch gesagt, hat Ida Rolf vielleicht doch ein bisschen
mehr recht, als ich ihr zugestehen will? Und wenn man sich nicht in NF
ausbilden lassen kann, sondern es lernen1 muss, wo führt das hin?...
Nochmals zurück zum Transformativem, das eigentlich bedeutet, dass sich die
Identität verändert. Diese wird ja immer mehr biometrisch festgehalten.
Wenn sich die Körpergrösse ändert, bin ich dann noch der Gleiche? Ich
erinnere mich an diesen Klienten, einen Banker, der sich jedes Jahr die
Kleider von seinem Schneider massschneidern liess. Der habe fast
durchgedreht, berichtete er lächelnd, als er zur Sicherheit die Masse
kontrollierte, und alle völlig falsch waren...
Die "passive dynamic walkers", die du anführst, sind eine lustige
Gesellschaft. Das Standardmodell, von dem sie sich absetzen, stammt von
Honda, so viel ich weiss. Die neuen benötigen fast 10x weniger Energie beim
Gehen. Doch das Interessante daran ist, dass sie auch viel weniger
Programmieraufwand brauchen, ein "kleineres Hirn" also. Falls die
Aerodynamik entsprechende Fortschritte macht, wird die Wissenschaft in
absehbarer Zeit in der Lage sein zu beweisen, dass die Möglichkeit besteht,
dass Mücken wirklich sinnvoll herumfliegen können...
Haben wir vielleicht einfach ein viel zu grosses Hirn für unser Glück?
Grübelnd Hans
(29.Mai 08)
erwähnte Literatur:
- Ida P. Rolf, Rolfing – Strukturelle Integration, Wandel und
Gleichgewicht der Köperstruktur, Hugendubel, München 1989
- Hans Flury: Die neue Leichtigkeit des Körpers, dtv ratgeber,
München, 1995.
- Gaston Bachelard (1884-1962): La Philosophie du non. Paris,
1942; dt. Ausgabe: Die Philosophie des Nein. Versuch einer
Philosophie des neuen wissenschaftlichen Geistes. Übers. von
Gerhard Schmidt u. Manfred Tietz, F/M: Suhrkamp, 1980. (stw 325)
- Rosemary Feitis (Herausg.): Ida Rolf Talks about Rolfing and
Physical Reality, Boulder, 1978, The Rolf Institute
- Hans Flury/Thomas Walser, Strukturelle Bewegungslehre in Kürze:
www.dr-walser.ch/oekonomie_der_bewegung.pdf
- Thomas Walser, Normale Haltung beim Laufen: www.dr-walser.ch/laufhaltung.pdf
- Gregory Bateson, Ökologie des Geistes - Die logische Kategorien
von Lernen und Kommunikation, 1971
- Morgenthaler Fritz: Technik. Zur Dialektik der psychoanalytischen
Praxis. Psychosozial-Verlag, Giessen, 2005
Copyright© by Dr. med. Thomas
Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 15.04.2012
Lassen Sie sich über die News
dieser Website durch meinen Blog informieren!
Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen
unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine
konkrete Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes möglich
(siehe auch Disclaimer).
|