Schlagwort: Nackenschmerzen

  • Nackenschmerzen

    Nackenschmerzen

    Der Nacken ist eines der Körperteile, die im Alltag am meisten leisten. Er trägt unseren Kopf, also etwa vier bis sechs Kilogramm. Er stabilisiert den Kopf und macht seine Bewegungen möglich. Der Nacken hält uns im wörtlichen Sinn. Dabei gerät er schnell unter Druck.

    Viele Menschen in Europa haben Probleme mit dem Nacken. In einer grossen Bevölkerungsbefragung gaben rund 45 Prozent der Erwachsenen an, in den vergangenen zwölf Monaten Nackenschmerzen gehabt zu haben. Weltweit zählen sie zu den häufigsten muskuloskelettalen Beschwerden. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.

    Nackenschmerzen lassen einen meist nicht laut aufschreien. Sie fühlen sich eher dumpf und lästig an, wie Verspannung und Druck. Zwischen Kopf und Schulterblättern zieht und zwickt es, manchmal knirscht es sogar. Die Beschwerden strahlen oft in Kopf und Schultern aus. Schnell entsteht dann das Gefühl: Hier ist etwas defekt. Irgendetwas ist eingeklemmt, verrutscht oder verschoben. Ein Gelenk blockiert, vielleicht sogar eine Bandscheibe beschädigt?

    Die gute Nachricht: Das ist nur selten so. Bei den meisten Nackenschmerzen findet sich keine klar zuzuordnende strukturelle Ursache. Kein Bandscheibenvorfall, kein Bruch, keine offensichtlichen Nervenschäden, nichts, was man reparieren müsste. Fachleute sprechen dann von unspezifischen Nackenschmerzen.

    Die Vorstellung, da sei etwas verrutscht und müsse wieder eingerenkt werden, ist ein Irrtum. In der Regel verrutscht nichts. Und man kann auch nichts wieder an die richtige Stelle rücken.

    Wo tut’s denn nun weh?

    „Unspezifisch“ heisst keineswegs belanglos oder gar eingebildet. Der Schmerz ist real. Aber was tut eigentlich weh, wenn nichts kaputt ist?

    Es gibt nicht die eine Ursache. Meist kommen mehrere Dinge zusammen. Dazu gehören körperliche und psychische Einflüsse, die sich gegenseitig verstärken können. Der Nacken ist kein einzelner Muskel und kein einzelner Knochen, sondern ein ganzes System. Zu ihm gehören die Halswirbelsäule und viele Muskeln, die Kopf, Schultern und Schulterblätter verbinden. Einige stabilisieren den Kopf, andere bewegen ihn, wieder andere halten die Schultern in Position.

    Wenn in diesem Zusammenspiel etwas hakt, dann oft deshalb, weil die Muskeln im Nacken über Stunden nur halten müssen. Zum Beispiel den Kopf vor dem Bildschirm. Sie bewegen sich kaum und bekommen wenig Abwechslung und wenig Pausen. Normalerweise wechseln sich Muskelfasern bei ihrer Arbeit ständig ab. Arbeiten einzelne Bereiche aber mehr und andere weniger, kostet das mehr Kraft und führt zu Ermüdung. Irgendwann schmerzt es.

    Auch psychischer Druck schlägt oft auf den Nacken. Steht der Körper stressbedingt unter Alarm, spannen wir vor allem die Muskeln im Schulter-Nacken-Bereich stärker an. Häufig ziehen wir auch die Schultern hoch. Warum Nackenschmerzen im modernen Alltag so häufig sind, liegt daher nahe: viel Bildschirmarbeit, wenig Wechsel, viel innere Anspannung.

    Verspannung – was ist das eigentlich?

    Fast jeder sagt sofort Verspannung, wenn er über seinen Nacken klagt. Das klingt nach einem klaren Befund, als sei ein Muskel zu hart geworden und müsse nur kräftig genug gedrückt werden. Doch dieses Gefühl ist oft gar nicht so eindeutig. Manchmal ist ein Muskel tatsächlich angespannt. Manchmal fühlt er sich für Betroffene steinhart an, obwohl die Physiotherapeutin oder Ärztin diese Härte nicht bestätigen kann.

    Auch Studien zeigen: Schmerz, empfundene Spannung und tatsächliche Muskelaktivität hängen nicht so eindeutig zusammen, wie man meinen könnte. Ein Muskel kann sich hart anfühlen, ohne messbar stärker angespannt zu sein. Oder umgekehrt. Oft fühlt sich ein Muskel auch einfach deshalb verspannt an, weil er für das, was der Mensch von ihm verlangt, nicht leistungsfähig genug ist.

    Was viele als Verspannung beschreiben, ist also oft eher das Ergebnis von zu hoher Belastung und zu geringer Belastbarkeit. Ein Muskel ist überfordert oder arbeitet dauerhaft, ohne ausreichend Ausgleich zu bekommen. Denn selbst am Schreibtisch leistet der Nacken dauernd Haltearbeit. Wer acht Stunden am Computer sitzt und sich dabei kaum bewegt, braucht eine Haltemuskulatur, die das leisten kann. Wer sich nicht ausreichend bewegen kann, muss die Belastung verändern. Das sind die beiden Räder, an denen man grundsätzlich drehen kann.

    Irrtum 1: den Nacken schonen

    Wenn es weh tut, liegt ein Reflex nahe: weniger bewegen. Den Nacken vermeintlich schonen, Belastung vermeiden und abwarten, bis es besser wird. Doch es gilt das Gegenteil: Es empfiehlt sich ausdrücklich, in Bewegung zu bleiben.

    Man darf und soll sich auch mit Schmerzen bewegen. Das gilt zumindest so lange, wie es bei diesem typischen dumpf-drückenden, eher muskulären Schmerz bleibt und keine neurologischen Symptome auftreten, also kein Kribbeln, keine Taubheit und kein Kraftverlust im Arm. Das sollte man unmittelbar ärztlich abklären lassen.

    Die Logik dahinter ist einfach: Wer sich schont, bewegt und fordert die Muskulatur weniger. Werden Muskeln wenig benutzt, verlieren sie mit der Zeit Kraft und Ausdauer. Bewegungen fühlen sich dann umso schneller anstrengend an. Gleichzeitig kann auch die Bewegungssteuerung unsicherer werden, und das Nervensystem reagiert empfindlicher auf Belastung. Schmerz wird dann schneller ausgelöst.

    Wer beginnt, bestimmte Bewegungen zu vermeiden, wird oft auch vorsichtiger und richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf den Schmerz. So kann ein Kreislauf entstehen: Weniger Bewegung steigert die Empfindlichkeit und das Schmerzempfinden und führt zu noch weniger Bewegung. All das kann dazu beitragen, dass Beschwerden eher bestehen bleiben und womöglich chronisch werden.

    Irrtum 2: Massagen reichen

    Ein weiterer Irrtum ist der Glaube, jemand anders könne das Problem lösen. Der Physiotherapeut, die Orthopädin, der Masseur. Nachhaltig wegzaubern kann hier niemand etwas. Nackenschmerzen lassen sich leider nicht einfach wegmassieren.

    Natürlich können Massage oder Wärme entlasten und guttun. Sie können die Muskulatur lockern und die Durchblutung fördern. Das kann kurzfristig sehr angenehm sein. Aber eben nur kurzfristig.

    Eine Massage dauert vielleicht dreissig Minuten. Wenn der Alltag danach genauso weitergeht wie vorher, baut sich die Spannung meist wieder auf.

    Bei akuten Beschwerden sollen solche passiven Massnahmen wie Massagen nicht verordnet werden, bei chronischen allenfalls ergänzend, aber nicht als Hauptstrategie.

    Die eigentliche Arbeit muss jeder selbst leisten. Denn Entspannung entsteht beim Nacken meist dadurch, dass man ihn sinnvoll benutzt. Statt die Muskeln von aussen zu kneten, muss man sie aufgabenspezifisch trainieren.

    Welches Training hilft

    Besonders hilfreich ist Krafttraining. Vor allem dann, wenn Schultern und Schulterblätter im Alltag ständig nach vorn sinken. Dann ist es sinnvoll, genau die Muskulatur zu stärken, die diese Position wieder ausgleicht: Schulterblattmuskeln, Rückenstrecker und den Oberkörper insgesamt. Konkret heisst das: an den Latzug, ans Rudergerät und an den Rückenstrecker. Auch die Aussenrotation der Schultern ist wichtig, etwa mit einem Theraband oder am Kabelzug im Fitnessstudio. Studien zeigen, dass gezielte Kräftigungsübungen bei chronischen Nackenschmerzen Schmerzen verringern und die Funktion verbessern können.

    Entscheidend ist aber generell weniger die eine richtige Trainingsform als Bewegung an sich. Ob Krafttraining, Joggen, Yoga oder Pilates: Am besten ist die Bewegung, die man regelmässig und möglichst auch mit Freude macht. Oft geht es also weniger darum, das perfekte Programm zu finden, als überhaupt in Bewegung zu kommen.

    Bewegung hilft auf mehreren Ebenen zugleich. Schon während der Belastung steigt die Durchblutung in den arbeitenden Muskeln deutlich an. Sie werden besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Langfristig passt sich das Gefässsystem an. Die Durchblutungskapazität der Muskulatur nimmt zu, und Muskeln reagieren weniger empfindlich auf Belastung.

    Auch auf das Nervensystem wirkt Bewegung. Sie aktiviert die körpereigene Schmerzhemmung. Dabei werden unter anderem Endorphine freigesetzt, und das Gehirn dämpft Schmerzsignale aus dem Körper stärker. Die Folge: Die Schmerzschwelle steigt. Reize werden also weniger stark als Schmerz wahrgenommen.

    Die kleinen Dinge im Alltag

    Das ist ein Trost für alle, die sich keine Trainingsstunde im Fitnessstudio freischaufeln können: Es hilft schon, im Alltag mehr Bewegung einzubauen. Zumal Sport allein stundenlanges Sitzen nicht ausgleichen kann. Was dem Nacken hilft, sind oft erstaunlich kleine Dinge, in kurzen und unspektakulären Momenten. Sie erinnern den Körper immer wieder daran, dass er für Bewegung gebaut ist.

    Das beginnt schon nach dem Aufwachen. Dann hat man oft das Bedürfnis, sich zu strecken und in Bewegung zu kommen. Und genau das sollten wir tun. Also die Schultern bewegen, sich recken und strecken, den Nacken langsam in Gang bringen. Wer mit einem lokal begrenzten, dumpfen, ziehenden Nackenschmerz aufwacht, vielleicht weil er ungünstig gelegen hat, sollte sich mit leichten Bewegungen erst einmal herantasten und schauen, ob es besser wird. In schlimmen Fällen kann es auch helfen, vorübergehend mit Schmerzmitteln zu lindern, um überhaupt wieder in Bewegung zu kommen und nicht in eine Schonhaltung zu verfallen.

    Für viele geht es danach an den Schreibtisch. Dort beginnen die Probleme oft erst richtig. Denn hier lastet ein enormes Gewicht auf dem Nacken. Wenn wir den Kopf nach vorn schieben und um 45 Grad nach unten schauen, müssen die Muskeln der Halswirbelsäule aufgrund der Hebelgesetze etwa 20 Kilogramm ausgleichen.

    (Foto: SZ-Grafik: Michael Mainka: Quelle: Dr. Ken Hansrai)

    Wer den ganzen Tag am Laptop sitzt und zusätzlich viel aufs Smartphone schaut, braucht deshalb vor allem eines: Unterbrechungen. Nicht die perfekte Haltung. Nicht den einen Stuhl, der alles richtet. Sondern Wechsel.

    Die beste Position ist die nächste. Man darf also auch mal lümmeln, dann wieder aufrechter sitzen, ein wenig nach rechts, ein wenig nach links, vielleicht zwischendurch im Stehen arbeiten. Der Körper ist grundsätzlich für jede Haltung gemacht, die er aktiv einnehmen kann. Problematisch wird es, wenn man neun Stunden in derselben Position verharrt.

    Ich empfehle Gegenbewegungen

    Wer am Rechner dazu neigt, das Kinn vorzuschieben, sollte es zwischendurch bewusst zurückziehen, also gezielt ein Doppelkinn machen.

    Dazu kommen ganz einfache Dinge: die Schultern kreisen, nach vorn und nach hinten. Die Schultern bewusst hochziehen und dann fallen lassen, um überhaupt wieder zu spüren, wie sich entspannte Schultern anfühlen. Oder mit den Händen an den Nacken fassen und ihn ein wenig in die Länge ziehen, damit sich die kurze Nackenmuskulatur direkt unter dem Kopf entspannen kann. Simpel, aber erstaunlich effektiv.

    Wer Armlehnen am Schreibtischstuhl hat, kann sich darauf abstützen und den Körper leicht nach oben drücken, sodass die Schulterspitzen Richtung seitliche Hosentaschen gehen. Man kann auch kreativ sein, den Stuhl verkehrt herum hinstellen und vorne gegen die Stuhllehne aufliegen.

    Für Menschen, die eine Klimmzugstange haben oder sich irgendwo kurz aushängen können, gilt: Arme lang lassen, hängen und sich vorstellen, man wolle die Schulterblätter in die Hosentaschen stecken.

    Und ansonsten hilft auch immer mal wieder: sich einfach richtig ausschütteln.

    Es empfiehlt sich, solche Übungen an etwas zu koppeln, das ohnehin ständig passiert: Das Telefon klingelt, der Hund bellt, eine Nachricht ploppt auf. Und jedes Mal zieht man einmal das Kinn ein, kreist dreimal die Schultern und macht dann weiter. Das klingt banal, kann aber gerade deshalb funktionieren. Denn man muss nicht erst eine Matte ausrollen oder eine App starten, sondern baut Bewegung dort ein, wo der Alltag stattfindet.

    Meist hilft also nicht der eine grosse Handgriff, sondern eine Reihe kleiner Dinge. Der Nacken trägt viel, solange man ihn nicht in immer die gleiche Starre zwingt.

    Und was noch?

    Hat man einen Rundrücken mit Nackenschmerzen (auch Kopf nach vorne geneigt) benötigt es auch noch eine Haltungsveränderung >>> dazu weiterlesen >>>

    Foto von GMB Fitness auf Unsplash

    Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
    15. Mai 2026

  • Rückenschmerzen

    Rückenschmerzen

    Zuallererst

    Rückenpatienten mit Depressionen leiden länger unter ihren Schmerzen als Menschen ohne psychische Probleme. Besonders Stress am Arbeitsplatz begünstige hartnäckige Rückenbeschwerden. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten.
    >>> Weiterelesen zu Dauerstress und daraus entstehende chronische Entzündungsneigung als mächtige und globale Krankheitsursache beim Menschen >>>

    Dann auch mangelnde Unterstützung: man/frau muss vieles alleine durchziehen.

    Wenn das Kreuz trotz Krafttraining und Fitness schmerzt, liegt das oft nicht an mechanischen (Verschleiss), sondern an seelischen Ursachen. Orthopäden und Schmerzmediziner wissen längst, dass chronische Unzufriedenheit im Beruf oder private Belastungen die Wahrscheinlichkeit für Rückenschmerzen stärker erhöhen als knöcherne oder muskuläre Dysbalancen.
    Was hilft dagegen? Zuversicht, Vertrauen in den eigenen Körper und die Gewissheit, dass die Schmerzphasen bald vorübergehen. Diese Faktoren sind meist stärker ausgeprägt bei Menschen, die sich regelmässig bewegen. Psychische Stabilität unterstützt den Rücken oft mehr als blosse Muskelkraft.

    Weiterlesen zur Selbstüberforderung als Ursache von Rückenschmerzen >>>

    Schmerzmythen

    Schmerz verbinden viele Menschen noch immer mit Schuld, Sühne und Strafe. Die Hölle als ewiger Brennschmerz, der Hexenschuss und der Geburtsschmerz als Folge der Erbsünde prägen Vorstellungen, die auch heute noch Angst und Bedeutung tragen.

    Ein weiterer Mythos hält sich hartnäckig: „Echter“ Schmerz weist immer auf einen bedrohlichen körperlichen Schaden hin. Bleibt ein Schaden unentdeckt, gelten psychische Ursachen als wahrscheinlich. Dieser Dualismus, geprägt von Descartes, prägt bis heute unser Denken und Fühlen. Dazu passt die Annahme: „Wenn nichts mehr hilft, bleibt immer noch die Operation. “ Doch die häufigsten Schmerzen – Kopf- und Rückenschmerzen – beruhen zu über 80 % nicht auf nachweisbaren Schäden, sondern auf reversiblen Funktionsstörungen.

    Schmerz warnt vor Gefahr, meldet aber keinen Schaden.

    Wer Rückenschmerzen als Folge von Verschleiss deutet, sieht Schmerz als Schadensmelder und reagiert oft mit Schonung und Abwarten. Das ist bei chronischen Schmerzen üblich, aber meist kontraproduktiv.
    Bewegung, Aktivität und dosierte Belastung helfen. Dafür brauchen wir ein besseres Verständnis der Ursachen und Möglichkeiten zur Selbsthilfe.

    Rückenschmerzen allgemein

    Laut dem Rückenreport 2020 der Rheumaliga Schweiz hat die Hälfte der Bevölkerung mindestens mehrmals pro Monat Rückenschmerzen. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um «gutartige» Schmerzen, bei denen man nicht genau feststellen kann, welche Muskeln, Knorpel, Wirbel, Gelenke und Bänder am Leiden beteiligt sind. Die unten angeführten Rückenmythen beziehen sich auf diese Schmerzen:

    • Führt das Wuchten des Kühlschranks beim Umzug zwangsläufig zu Rückenschmerzen – und muss man bei Rückenschmerzen unbedingt seine Rumpfmuskeln stärken? Nein! Schwache Rumpfmuskeln sind nur einer von mehreren Faktoren, die zu Rückenschmerzen führen können. Unkontrolliertes Rumpftraining kann sogar Steifheit und somit Rückenschmerzen verursachen.
    • Ein Schmerzschub bedeutet, dass ich mir einen Rückenschaden zugefügt habe? Nein! Auch sehr starke Rückenschmerzen sind sehr selten das Resultat einer ernsten Verletzung oder Erkrankung. Das gilt auch für anhaltende Rückenschmerzen. Der Rücken ist stark. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten. Sie sorgen dafür, dass sich bestehende Symptome stark verschlimmern können. Die Schmerzen sollen deshalb nicht wie eine Verletzung behandelt werden. Was hilft, sind Bewegung und Entspannung.
    • Ist Bettruhe bei Beschwerden im Kreuz wirklich die beste Therapie? Nein! Das Schlimmste für einen Rücken ist es, zu lange im Bett zu liegen. Mit Rückenschmerzen sollte man sich immer und viel bewegen.
    • Und sind Röntgenaufnahmen und bildgebende Verfahren/Scan die Ultima ratio aller Diagnostik? Nein! Patienten sollten nur ein bildgebendes Verfahren durchführen, wenn beispielsweise Hinweise auf eine Fraktur oder einen Tumor bestehen (und auch dies scheint unsicher). Scans sind kostspielig und fast immer unnötig. Auch bei völlig gesunden, schmerzfreien Menschen zeigen sich häufig Bandscheibenvorfälle, Degenerationen oder Arthritis. Diese Befunde sagen selten etwas darüber aus, woher der Schmerz stammt, und führen nur zu Verunsicherung, die den Schmerz noch verstärken kann.
    • Welche Prophylaxe?

    Nur sehr wenige der herkömmlichen Therapieansätze halten wirklich, was sie versprechen. So konnte nachgewiesen werden, dass Bettruhe, Physiotherapie (Krankengymnastik) und Übungstherapie bei akuten Schmerzen wirkungslos bleiben. Dies gilt übrigens auch für Akupunktur. Bei chronischen Verläufen ist eine Intervention mit Antidepressiva und Akupunktur ebenfalls unwirksam (M.W. van Tulder, Schwerpunkt: Rückenschmerz: Die Behandlung von Rückenschmerzen Mythen und Fakten , Der Schmerz 6/2001).

    Was tun?

    Also Schmerzen und kein Ende? Als gesichert gilt, dass die Behandlung akuter Rückenschmerzen ein paar Tage lang mit entzündungshemmenden und Entspannung fördernden Medikamenten den Krankheitsverlauf verkürzen und chronische Verläufe verhindern hilft. Trotz aller Beschwerden sollte auf Bewegung nie verzichtet werden – vor allem bei chronischen Schmerzen sollte der Behandlungsschwerpunkt auf aktiven Übungen liegen. Bei anhaltenden Schmerzen ist es üblich, dass die Wirbelsäule und die umgebenden Muskeln sehr empfindlich auf Berührungen und Bewegungen reagieren. Der Rücken wird dabei jedoch nicht beschädigt. Am Anfang sind Schmerzen deshalb normal. Je mehr man in Bewegung ist und trainiert, desto geringer wird der Schmerz.
    Auch verhaltenstherapeutische Anwendungen und gemischte Behandlungsprogramme (Chiropraktor/manuelle Eingriffe, wie Rolfing oder Triggerpunkttherapien in Kombination mit Rückenschulung/Haltungs- und Bewegungsverbessernde Massnahmen (wie ich dies z.B. in meine Rolfingsitzungen integriere) erwiesen sich als zielführend.
    Schlechte Körperhaltung verursacht Rückenschmerzen?
    Rückenschmerzen haben wenig mit falscher Haltung zu tun. Es gibt Haltungen, die gewisse Muskelpartien mehr stressen: klar. Schmerzt der Rücken nach einer gewissen Zeit, bedeutet dies aber meist, dass man zu lange in einer Position ausgeharrt hat. Monotone Stellungen sind also Gift für den Rücken. Er braucht vor allem Bewegung und Entspannung. Es ist deshalb nicht unbedingt schlecht, wie eine Banane im Stuhl zu sitzen – aber nur kurz und immer wieder die Stellung wechselnd…

    Richtlinien zur Behandlung (American College of Physicians)

    1. Immer in Bewegung bleiben – keine Bettruhe!
      Entspannt, moderat (Flanieren, Spazieren…) – Eigengewicht einsetzen.
      .
    2. Akute Schmerzen: Muskelentspannende Massagen/Massnahmen.
      Kein Paracetamol, da unwirksam!
      Nur maximal 2 bis 3 Tage lang NSAR (Nicht-Steroidale Anti-Rheumatika, wie Naproxen, Ibuprofen, Diclofenac) da initiale Entzündung chronischen Verlauf vielleicht zu verhindern hilft!
      Keine Opioide!
      .
    3. Schmerzen von > 12 Wochen:
      Keine Schmerzmittel!
      Multidisziplinäre Rehabilitation (Manipulation, Massagen, Rolfing, Wärme usw.), Akupunktur, Meditation und ev. Psychotherapie zur Stressverminderung.
      (Qaseem A, et. al. Ann Intern Med. 2017.doi: 10.7326/M16-2367)

    Green Flags: Zeichen für  Gutartigkeit und kurzen Verlauf von Rückenschmerzen

    • gesunder Mensch mit viel Bewegung

    • durch gute Beziehungen eingebetteter und unterstützter, „runder“ Mensch

    • gute Arbeitssituation ohne viel Stress

    • viel Entspannung und wenig Dauerstress im Leben

    • kurz dauernde Schmerzen wechselnder Lokalisation

    • keine Einnahme von Schmerzmittel

    Red Flags!
    WARNZEICHEN für eine spezifische Ursache, die vom Hausarzt abgeklärt und behoben werden müsste

    • Alter über 75 Jahren??
      Achtung: Es herrscht hier auch ein Altersmythos, dass der Rücken sich mit der Zeit abnützt und man/frau deshalb im Alter öfters Rückenschmerzen hat… Dies stimmt nachweislich nicht!
      Genauso wie Gewichtheben die Muskulatur kräftigt, wird der Rücken durch tägliche Bewegung und Belastung gestärkt. Aktivitäten wie Laufen, Drehen, Biegen und Heben sind unbedenklich, wenn man diese Bewegungen allmählich steigert und regelmässig durchführt. Das Alter hat nichts mit den Rückenschmerzen zu tun. Das zeigt auch der Rückenreport 2020 der Rheumaliga Schweiz. Dort gaben mehr 16- bis 29-Jährige an, mehrmals pro Woche unter Schmerzen und Verspannungen zu leiden (21 Prozent), als die über 65-Jährigen (17 Prozent).

    • Bösartiger Tumor in der Vorgeschichte

    • Ungeklärter Gewichtsverlust

    • Unfall vor Schmerzbeginn

    • Zunehmender Schmerz

    • Keine Besserung mit Bettruhe

    • Vorwiegend Nachtschmerz

    • Morgensteifigkeit über 1 Stunde

    • Intravenöser Drogenkonsum
    • Lang dauernde Kortisontherapie in der Vorgeschichte
    • Gleichzeitiger Infekt (Urin, Haut), Fieber
    • Blasen- und/oder Mastdarmstörungen

    • Neurologische Ausfälle

    „Red Flags“ für Suche nach Frakturen

    Relevant für Frakturen sind nur Alter (über 75), längere Einnahme von Steroiden in der Vorgeschichte, Trauma (Quetschungen und Schürfungen bei Patienten, die nach einem Trauma in die Notfallstation kommen) (Systematic Review über 138 Arbeiten zu Red Flags).

    „Red Flags“ für Suche nach einem bösartigen Tumor

    Ein Malignom (Krebs) in der Vorgeschichte ist der einzige Parameter, der die Wahrscheinlichkeit eines Malignoms in relevantem Mass erhöht.

    In einzelnen Guidelines über Rückenschmerzen wird empfohlen wenn ein „Red Flag“ positiv ist eine Abklärung mit Bildgebung zu machen. Die Relevanz eines „Red Flags“ – in Bezug auf die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit einer Fraktur oder eines Malignoms – ist teilweise sehr gering und die Frage, ob diese Empfehlungen wirklich noch sinnvoll sind, ist durchaus berechtigt.

    Also: Nach den Ergebnissen dieser Systematic Reviews sind die „Red Flags“ nicht ganz so relevant wie die Bezeichnung dies eigentlich impliziert. Das Vorhandensein eines „Red Flags“ erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Fraktur oder eines Malignoms – in der Regel – unwesentlich.

    Kreuzschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

    Dies dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Schon gar nicht, wenn sie ständig vorhanden sind, also auch nachts. Findet man dann noch einen lokale Druck- und Klopfschmerz kann eine gefährliche Bandscheibenentzündung, aber auch ein Tumor dahinter stecken!
    Haltungsschwäche ist bei Jugendlichen recht häufig, macht aber lediglich in ca. 10% Kreuzschmerzen. Skolioseträger (s-förmige Deformation der Wirbelsäule) machen gerade mal 15% Schmerzen, Morbus Scheuermann (Wachstumsstörung im Wirbel) und Spondylolysen bzw. -listhesen (angeborene Missbildung eines Lendenwirbels mit Wirbelgleiten) ca. in 45%. Jugendliche mit einer Diszitis (Bandscheibenentzündung) hatten dagegen alle Beschwerden!
    Der Arzt muss in diesem Fall immer gleich röntgen, um die Diagnose zu stellen. Falls mit der Therapie frühzeitig begonnen wird, stehen die Chancen gut, dass die Entzündung innerhalb von 4 bis 5 Monaten weitgehend ausheilt.

    Chronische Rückenschmerzen vielleicht auch durch Schmerzmittel, die die Entzündung unterdrücken

    Vielleicht hilft eine vorübergehende Entzündung, dass akute Rückenschmerzen chronisch werden. NSAR (Nicht-Steroidale-Anti-Rheumatika) & Kortison erhöhen also vielleicht die Chance, dass Rückenschmerzen chronisch werden!

    Die Einnahme von Entzündungshemmern (NSAR & Kortison) bei akuten Rückenschmerzen ist nach einer aktuellen (leider aber etwas kleinen & leider nur Mäuse-) Studie in Science Translational Medicine aber möglicherweise nicht so gut. Denn was das akute Leiden kurzfristig erträglicher macht, könnte auf längere Sicht ein Auslöser für chronische Schmerzen sein. Für die Studie wurden 98 Patienten mit akuten Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule drei Monate lang untersucht. Die Forscher beobachteten vor allem die Genaktivität in speziellen Immunzellen, den neutrophilen Granulozyten. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass diese Granulozyten besonders bei den Patienten aktiv waren, die nach ein paar Tagen schmerzfrei waren. Bei Teilnehmern hingegen, die auch nach drei Monaten noch Beschwerden hatten, waren die Gene in den Immunzellen auffällig still. Offenbar verhindert eine vorübergehende Entzündung, dass akute Rückenschmerzen chronisch werden.
    Wenn aber Entzündungen nützlich sind, müssten im Umkehrschluss entzündungshemmende Medikamente wie die NSAR oder Kortisonpräparate chronische Schmerzen begünstigen. Diese These testeten die Forscher und Forscherinnen an Mäusen. Tatsächlich entwickelten die Versuchstiere, denen NSAR gegeben worden war, andauernde Beschwerden. Und wurden die neutrophilen Granulozyten künstlich aus dem Mäuseblut entfernt, verstärkte dies die Symptome.
    Nun sind Mäuse als Modellorganismus für den Menschen nur begrenzt tauglich und diese Studie etwas klein geraten. Man muss hier also noch vorsichtig sein mit Interpretationen am Menschen! Dass allerdings auch beim Menschen ein Zusammenhang zwischen längerer NSAR-Einnahme und chronischen Rückenschmerzen besteht, legen andere Daten nahe. Etwa jene der britischen UK Biobank, die diesen Zusammenhang statistisch plausibel macht. Oder jene, dass in Analysen der Daten von stationär behandelten Patienten mit chronischen Rückenschmerzen es praktisch keine gibt, die bisher ohne NSAR behandelt wurden (Jedoch existieren im Moment im Denken eines Arztes auch fast nur die NSAR zur symptomatischen Linderung von akuten Rückenschmerzen!).
    Stellt sich die Frage, ob Schmerzpräparate, die nicht entzündungshemmend sind, wie das frei verkäufliche Paracetamol oder die verschreibungspflichtigen Opioide als Ersatz taugen. Die Opioide sind in der Therapie von Rückenschmerzen wegen möglicher Abhängigkeiten nur eingeschränkt zu empfehlen. Paracetamol hilft nachweislich kaum etwas und ist für unsere Leber eher problematisch.

    Damit bleiben zwei Auswege bei akuten Rückenproblemen: Physiotherapie oder jede andere Form von Bewegung und muskelentspannende Methoden –
    und/zusammen mit NSAR, aber nur 2 bis 3 Tage lang!
    Und die Zuversicht, dass Rückenschmerzen meist innerhalb kurzer Zeit von selbst verschwinden.

    Chronischer Rückenschmerz?

    Die Frage nach der Entstehung von chronischen Rückenschmerzen hat zu einer unübersehbaren Flut an Teilwissen geführt. Um alle Erkenntnisse klinisch zum Tragen zu bringen, bedarf es einer interdisziplinären Verknüpfungsarbeit, die letztlich nur vom „Generalisten“ Hausarzt geleistet werden kann.

    Zuerst ein paar Fakten:
    Zustand nicht Krankheit: Rücken- und Kreuzprobleme bzw. – schmerzen sind das Resultat des Zusammentreffens verschiedenartiger Probleme: Aufrechte Haltung, Funktion des Beckenrings, Kultur des (stundenlangen) Sitzens, biomechanische und vor allem psychische Belastungen durch das industrielle Leben, die Pflicht, Lasten und Sorgen zu tragen. Die häufigsten Auslöser für Schübe sind Schlafstörungen, Stress, Depressionen, Inaktivität oder ungewohnte Aktivitäten. Alle diese Probleme bestehen also auch unabhängig von der  Entwicklung einer schmerzhaften Erkrankung. Jeder kennt Kreuzschmerzen. Der Übergang zwischen normal und pathologisch ist sehr selten und dann fliessend.

    Was haben Schmerzen mit Faszien zu tun?

    Tatsächlich stehen die Faszien im Verdacht, chronische Schmerzen zu verursachen. Der Grund: Versteift sich das Bindegewebe, drückt es offenbar auf darin liegende Nerven und löst so mitunter qualvolle Pein aus. Kreuzschmerzen etwa sind vermutlich in vielen Fällen nicht auf abgenutzte Bandscheiben zurückzuführen, sondern auf eine versteifte Lendenfaszie.

    Die Rückenfaszie von Menschen mit chronischen Rückenschmerzen ist steifer als bei Gesunden. Normalerweise folgen ihre Fasern einem erkennbaren Muster: Sie verlaufen scherengitterförmig oder parallel. Bei Schmerzpatienten jedoch gleichen sie einem Filzgewebe – chaotisch und verknäult. 

    Wie „trainiere“ ich die Faszien am effektivsten?
    Vor allem federnde und schwingende Bewegungen halten Faszien elastisch. Dazu braucht es keine eigentlichen „Übungen“ – die Alltagsbewegung und -haltung sollte federnd und schwingend sein. Im Rolfing lernen Sie auch dies. Geduld ist dabei wichtig: Ein Effekt setzt erst nach mehreren Monaten ein.

    Helfen kann auch Dehnen. Dabei senden die Faszienzellen offenbar Signale aus, die das umliegende Gewebe entspannen. Jede Partie sollte mindestens dreissig Sekunden gedehnt werden. Ein Team aus Harvard teilte 2021 Freiwillige in zwei Gruppen: Die eine dehnte sich eine Stunde lang, die andere nicht. Anschliessend nahmen die Forscher Blutproben. Bei den Untätigen blieb das Blut unverändert, während sich bei den Dehnenden die Werte bestimmter Immunmoleküle sofort verbesserten. Eine weitere Studie zeigte, dass sich Entzündungsherde im unteren Rücken verkleinern, wenn man ihn zweimal täglich fünf Minuten dehnt.

    Bandscheibe als anfällige Struktur?

    Das wissenschaftliche und klinische Interesse muss der Bandscheibe und nicht der Diskushernie gelten. Im Mittelpunkt der primären Problematik des Bewegungssegmentes innerhalb der Konstruktion und Funktionsweise der Wirbelsäule steht die frühzeitig, d.h. bereits in der Adoleszenz mit Degenerationsprozessen beginnende Bandscheibe. Die Diskushernie  ist primär lediglich Ausdruck dieser Zustandsverschlechterung und nur selten die Ursache einer direkten Wurzelkompression. Das pathogenetische Denken muss sich stets um das Bewegungssegment und um die Haltung der Wirbelsäule als Ganzes drehen. Darüber hinaus ist auch die Kompression nicht nur im Sinne einer direkten mechanischen Belastung zu verstehen, sondern als ein Zusammentreffen eines relativ engen Raumes für die Nervenwurzel mit einer umgebenden entzündungsbedingten venösen Stauung und einer chemisch verursachten entzündlichen Schwellung der Wurzel selbst.
    Nur ca. 3-5% der akuten Rückenschmerzen oder auch Ischiasschmerzen oder Hexenschuss werden durch einen Bandscheibenvorfall verursacht. Da ein Bandscheibenvorfall zu ca. 95% aus Wasser besteht und somit im Laufe der Zeit vom Körper resorbiert und abtransportiert wird, benötigen 95% aller Bandscheibenvorfälle keine Operation. Wenn nach ca. 4 – 6 Wochen keine deutliche Besserung eintritt, sollte eine weiterführende Diagnostik erfolgen, um die eingeleitete (physiotherapeutische) Therapie  eventuell zu ändern. Lähmungserscheinungen in Bein und Fuss oder Sensibilitätsstörungen gelten jedoch als Alarmsignale für einen Vorfall von schwererem Ausmass.  In vielen Fällen bietet hier nur die Operation – Bandscheiben OP – einen langfristigen Ausweg aus der Situation. Es wird aber eindeutig zu viel operiert!

    Eine grosse systematische Übersicht und Metaanalyse von insgesamt 24 randomisierten Studien hat 2023 Wirksamkeit und Sicherheit der Chirurgie denjenigen der nicht chirurgischen Optionen gegenübergestellt: Beinschmerzen und Einschränkung waren primäre Endpunkte, unerwünschte Ereignisse, Rückenschmerzen, Lebensqualität und Zufriedenheit mit den gewählten Therapieoptionen sekundäre Outcomes. Die Metaanalyse bestätigt: bei entsprechender Indikation (Klinik und radiologisches Korrelat!) führt der chirurgische Ansatz rascher zu Schmerzfreiheit und funktioneller Verbesserung als nicht chirurgische Massnahmen und Infiltrationen. Die Unterschiede nivellieren sich allerdings über die Zeit, nach einem Jahr bestehen sie nicht mehr. (BMJ. 2023, doi.org/10.1136/bmj-2022-070730.)

    Weiterlesen >>>

    Kreuz- und Beinschmerz

    Ein sich meistens verzögert über Stunden bis Tage entwickelnder, von proximal nach distal sich ausbreitender Beinschmerz wird zu häufig auf eine Nervenwurzel zurückgeführt. Tiefe Strukturen, wie Bindegewebe, Muskeln, Knochen und Gelenk-Anteile der Wirbelsäule können auch kettenartig ins Bein ausstrahlen.

    Das Röntgenbild (auch CT und MRT) bringt in den meisten Fällen nichts – schlimmer: Es verschlechtert den Zustand!

    Es verwirrt nur und lenkt den Patienten auf falsche Zusammenhänge. Die üblichen und häufigen Befunde wie Protrusionen, Diskushernien, degenerative Knochenveränderungen, Bandscheibenverschmälerungen, knöcherne Engpässe sind häufig und weisen keine systematische Beziehungen zu bestimmten Schmerzzuständen auf.
    Man/frau sollte gar nicht wissen, dass man je eine Diskushernie hatte!

    Viel wichtiger ist die Befragung (Anamnese) und eine sorgfältige klinische Untersuchung.

    Individuelle „Risikofaktoren“ für die Chronifizierung von Rückenschmerzen

    Eine Vielzahl an psychosozialen Faktoren ist bekannt, welche einen Einfluss auf den kurzfristigen Verlauf von Rückenschmerzen haben. Dänische Forscher/innen untersuchten nun den langfristigen Einfluss von Prädiktoren (Vorhersagewert) 22 Jahre nach dem Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem. Ergebnis: Nach 22 Jahren hatten noch immer vier von fünf Patient/innen Rückenschmerzen. Die stärksten Prädiktoren für anhaltende Rückenschmerzen waren eine schlechte Arbeitssituation und die regelmässige Einnahme von Schmerzmitteln. (Family Practice 27(6):609-614, December 2010 ©, Early predictors of the long-term outcome of low back pain—results of a 22-year prospective cohort study. F Lønnberg, PA Pedersen and V Siersma.http://fampra.oxfordjournals.org/content/27/6/609.abstract)

    Schmerzsymptomatik:

    • frühere Schmerzepisoden (1)
    • Schmerzausstrahlung ins Bein, v.a. unterhalb Knie (1)
    • Zeichen der Nervenwurzelreizung (1)

    Andere Symptome:

    • schlechter allgemeiner Trainingszustand (2)
    • allgemein schlechte Gesundheit (2)
    • starker Nikotinkonsum (1) >>> siehe hier >>>

    Psychosoziale Faktoren:

    • Zeichen von Angst und Depressivität (2)
    • ungünstige Selbstprognose (2)
    • ungünstiges Coping: Katastrophisieren (1)
    • belastende Lebensprobleme (Familie, Beruf) (1 oder 2)

    Arbeitssituation:

    • geringe Schulbildung, unqualifizierte Arbeit (1)
    • Unzufriedenheit mit der Arbeit (1)
    • fehlende Vertrauensperson am Arbeitsplatz (1)
    • unsicherer Arbeitsplatz (1 oder 2)
    • Verlust der Arbeitsstelle (3)
    • hängiges Rentenverfahren (3)
    • Doppelbelastung Beruf/Haushalt (niedrige Löhne) (1)

    Medizinisches System:

    • Gefahr der Überbewertung harmloser Befunde durch Verbesserung der Angebote (Röntgen-, MRI-Untersuchungen, Wirbelsäulenchirurgie, Arzt- und Therapeutendichte) (1)
    • Mangel an qualifizierten Therapieangeboten für somatoforme Störungen (1)
    • sprachliche und kulturelle Hindernisse in der Behandlung (1)

    Bewältigungsverhalten (Coping)

    Hilflosigkeit, katastrophale Erwartungen und Angst vor Schmerzprovokation oder gefährliche Folgen von körperlicher Belastung führen zu einer passiven Erwartungshaltung, die die Chronifizierung begünstigt. Die verzerrte Wahrnehmung soll ähnlich wie in der Behandlung von Depressionen durch eine zuversichtlichere, realistischere Haltung ersetzt werden. Ungenügende Informationen oder negative Erfahrungen geben Anlass zu katastrophalen Befürchtungen, wie die Gefahr einer Lähmung („im Rollstuhl landen“) oder das Vorliegen eines bedrohlichen Leidens, welches vom Arzt verheimlicht werde. Irrelevante Befunde wie degenerative Veränderungen oder harmlose Diskusprotrusionen werden oft als Erklärung von Kreuz- oder Nackenschmerzen herangezogen und begünstigen unrealistische Einschätzungen und übermässiges Schonverhalten. Die untenstehende Tabelle illustriert, wie ungünstige Gedankenabläufe (Kognitionen) und Verhalten korrigiert werden können (aus Geriatrie Praxis, 2007/1; 6-11):

    Beispiel einer kognitiven Strategie
    Ungünstige ReaktionenGünstige Reaktionen
    Es sind schreckliche Schmerzen.Ich habe wieder diese Schmerzen, es spannt.
    Ob ein Nerv eingeklemmt ist?Ich bin wohl verspannt, weil ich diese Reise vor mir habe und noch vieles vorbereiten muss; ich habe Angst, zu spät zu kommen.
    Es wird immer schlimmer.Wenn es mir gelingt, mich zu entspannen, wird der Schmerz erträglicher werden.
    Ich muss zum Arzt.Ein warmes Bad und ein paar Entspannungsübungen werden helfen.
    Ich muss mich schonen.Ich sollte wieder regelmässig schwimmen gehen.

     

    Die Übung zur Verkleinerung des „Schmerztores“ zum Hirn kann auch sehr wirksam sein: siehe hier >>>

    Diagnostik chronischer Rückenschmerzen

    Nochmals: Röntgenbilder (und auch MRT) machen meist kränker!

    Mehrere Studien belegen, dass es Patienten mit akuten Rückenschmerzen besser ging, wenn der Arzt KEINE Bilder machte. Nach einem Jahr waren die Erkrankten beweglicher und hatten mehr Lebensqualität als Patienten, die man geröntgt hatte. Dasselbe gilt, wenn der Arzt Computertomographie- oder MRI-Bilder machte. Der Grund: Die Bilder zeigen häufig Veränderungen, die gar nicht Ursache der Rückenschmerzen sind. Das führt dann zu unnötigen oder sogar falschen Behandlungen und vielen Ängsten (die wiederum zu Verspannungen führen).

    Entzündlicher Rückenschmerz abgrenzen!

    Achtung, wenn 4 der 5 folgenden Kriterien erfüllt sind:

    • Alter bei Beginn < 40 Jahre
    • langsamer Beginn
    • Besserung bei Bewegung
    • keine Besserung in Ruhe
    • nächtliche Schmerzen (mit Besserung durch Aufstehen)

    Körperlich oder psychisch?

    Kann keine organische Ursache, welche die Symptome erklären könnte, gefunden werden, wird oft eine psychische Einzelursache vermutet. Dieses dichotome Denken („wenn nicht somatisch bedingt, dann psychogen“) geht von veralteten Konzepten der Psychosomatik aus. Eine fassbare psychische Einzelursache (wie eine Depression oder eine Angststörung) liegt nämlich selten vor. Auch das Konversionsmodell, welches dem Konzept der somatoformen Störungen zugrunde liegt, versagt oft, weil selten fassbare, bewusste psychosoziale Konflikte vorliegen, sondern meist eine komplexe Interaktion von körperlichen, psychischen, sozialen und iatrogenen Faktoren. Die Gründe, weshalb psychische Faktoren von beiden Seiten nicht wahrgenommen werden sind vielfältig:

    • Chronischer Stress (Dauerspannung) wurde nicht wahrgenommen, da er als normal erlebt oder verleugnet wird (Armut und Mangelerfahrungen als Triebfeder).
    • Verdrängte Probleme, da unangenehm, bedrohlich (stark abgewehrte Traumen) oder (scheinbar) unlösbar.
    • Übermässige Wachsamkeit und Hilfsbereitschaft aus Zwang, allen alles Recht zu machen (sozial erwünschtes Verhalten), aus Angst vor Ablehnung (Prägung durch Kindheit).
    • Chronifizierung und zentrale Sensibilisierung (Hyperalgesie) auf Grund von Durchhalteparolen (auf die Zähne beissen, hart sein mit sich, Schmerz unterdrücken), oft unterstützt durch medizinische Massnahmen (Schmerzlinderung, forcierte Aktivierung).

    Häufig beobachtete belastende Merkmale wurden mit verschiedenen Konzepten beschrieben z.B. mit „pain-proneness“, „counterdepeency“ oder „Typ-A-Verhalten“, doch passen diese in kein diagnostisches Schema, da es sich im Grunde um sozial erwünschte Verhaltensweisen handelt Diese können aber – auf Grund der hohen Leistungsansprüche an sich selbst bei geringen Fähigkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Forderungen anderer zurückzuweisen – zu einer Selbstüberforderung führen. Dabei spielen traumatische lebensgeschichtliche Erfahrungen (wenig Liebe und Zuwendung, körperlicher oder sexueller Missbrauch) eine ähnliche Rolle wie bei anderen psychischen Störungen.

    Selbstüberforderung durch…

    Leistungsorientierung: Perfektionismus, Verausgabung, Kritikangst, wenig Erholung
    Selbstwertprobleme: Anerkennung von Leistung abhängig, Selbstentwertungstendenz
    Konfliktleugnung: Harmonisierungsbedürfnis, vermeidendes Verhalten in Konfliktsituationen
    Aggressionshemmung: geringes Durchsetzungsvermögen, Überanpassung, Überhilfsbereitschaft
    Vermeiden von Abhängigkeit: Mühe, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Schwäche zu zeigen
    Alexithymie: Unfähigkeit, v.a. unangenehme Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken

    Erschwerend wirken sich fremde Sprache und Kultur sowie traumatisierende Migrationserfahrungen aus. Können solche psychische Zusammenhänge nicht erfasst werden, fällt der Patient „zwischen Stuhl und Bank“ und gewinnt den Eindruck, dass niemand ihm glaubt, dass er wirklich Schmerzen habe. Der Arzt wehrt seine eigenen Hilflosigkeit vielleicht damit ab, dass er die Schuld dafür dem Patienten zuschiebt, indem er diesem mangelnde Kooperation (Motivation) oder Aggravation vorwirft. Diese Frustrationen und Missverständnisse führen zu einer rapiden Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung und begünstigen wiederum die Chronifizierung.

    Mittels Interviews wurden bei knapp 100 Menschen mit chronischen Rückenschmerzen gezielt Emotionen wie Wut oder Trauer ausgelöst und dabei Muskelspannungen, Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. In erster Linie ein hoher Grad an Negativität (Zynismus, Misstrauen) führte zu verstärkter Muskelverkrampfung und höherem Blutdruck; ganz besonders war dies der Fall, wenn die aufkommende Wut auch noch unterdrückt wurde. Offenbar entscheidet nicht die Emotion selbst, sondern wie man mit ihr umgeht, darüber, ob es zu Verkrampfungen und damit Schmerzen kommt. (Burns JW et al. (2006) Anger management style and hostility among patients with chronic pain, Psychosom Med, 68: 786-793).

    Chronische Rückenschmerzen und alltägliche Ruhephasen

    Dazu etwas Grundsätzliches: Wir müssen die alltäglichen Rhythmen wieder beachten:
    Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann unser Organismus seine Funktionen wie beim resetting eines Computers immer wieder synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand (Verspannungen und Verkürzungen in Muskeln und Bindegewebe… auch Blutdruckerhöhungen, etc… und bis zu krebsartigem Ausflippen von Organzellen mit Abwehrvorgängen des Immunsystems) ausgleichen. Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer grösser, und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit von selbst in seine Ordnung und Ruhe zurückzufinden.
    Unsere vorgegebenen biologischen Rhythmen scheinen auch tagsüber 90 Minuten lang zu sein (wie die 90 Minuten Tiefschlafphasen nachts): 70 Minuten Aktivität, dann 20 Minuten Ruhe und Erholung.
    Mein Vorschlag: Alle 60 Minuten tagsüber 10 Minuten Rückzug und Pause. So stellen Sie ihren inneren Rhythmus wieder von der Hamsterrad- zurück in die heilsame Ruhe-Frequenz und stärken so immens das Immunsystem.
    (Literatur dazu: Verena Steiner, Energiekompetenz, Pendo-Verlag 2005)

    Zu Rückenschmerzen und Entspannung >>> siehe auch hier: www.dr-walser.ch/schmerz/

    Prophylaxe von Rückenschmerzen

    (Segmentale) Rumpfstabilisation

    Für Ambitionierte empfiehlt es sich mindestens zwei bis drei Rumpfkrafttrainings pro Woche, für Einsteiger eines. Dabei geht es erst einmal darum, die Rücken- und Bauchmuskulatur generell zu stärken.

    Angegangen werden sollten aber vor allem die kleinen Rücken- und die schrägen Bauchmuskeln, also das sogenannt lokale segmentale Muskelsystem (Übung 1), sowie die grösseren Rücken- und Bauchmuskeln (globales System, Übungen 2 und 3).

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    Da das segmentale Muskelsystem (Tiefenmuskulatur) die Wirbelsäule rundherum, also vom Rücken und vom Bauch her, wie eine Zuggurtung umfasst und stabilisiert, sollte es auch spezifisch trainiert werden.

    Experten empfehlen, diese drei zentralen Übungen stets in ein Trainingsprogramm einzubauen:

    1.) Segmentale Stabilisation (tiefe Rumpfmuskulatur)

    Beine beugen, dann wechselseitig strecken und leicht angehoben halten.

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    Legen Sie sich auf den Rücken, eine Hand unter die Rumpfpartie, die andere auf die seitlich schräge Bauchmuskulatur. Mit den Händen können Sie kontrollieren, ob Sie diese beiden Muskelgruppen auch wirklich aktivieren. Dann beide Beine beugen, leicht anheben (bis knapp über dem Boden), nun im Wechsel linkes und rechtes Bein strecken. Wichtig: Die schrägen Bauchmuskeln und die kleinen Rückenmuskeln angespannt halten. Die Wirbelsäule bleibt stabilisiert.

    2.) Globale Planks (Unterarmstütz)

    Beine wechselseitig abheben, Bauch anspannen..

    Begeben Sie sich in den Unterarmstütz, dann abwechslungsweise linkes und rechtes Bein abheben. Schulter, Hüfte und Knöchel bilden eine Linie (Po nicht in die Höhe strecken!). Das Kreuz bleibt stabilisiert.

    3.) Seitliche Planks (Unterarmstütz)

    Becken auf und ab bewegen.

    Begeben Sie sich in den seitlichen Unterarmstütz, dann die Hüfte vom Boden abheben und in eine gerade Linie bringen. Jetzt das Becken auf und ab bewegen. Rechts und links (beide Seiten).

    (Übungsdauer: jeweils 30 bis 45 Sekunden, je nach Fitnessstand allenfalls auch etwas länger und mehr als eine Serie).

    Von klassischen Rumpfbeugen wird heute eher abgeraten

    Nicht mehr empfohlen werden heute übrigens die klassischen Rumpfbeugen, die viele noch aus dem Schulturnen kennen. Diese Übung, auch Sit-ups oder Crunches genannt, hat gleich zwei Nachteile: Sie trainieren in erster Linie gar nicht die Bauchmuskeln, sondern den Hüftbeuger, und gravierender noch: Rumpfbeugen können bei unsauberer Ausführung durch ihren starken Zug am Hüftbeuger sogar Rückenschmerzen provozieren.

    Speziell: Nackenschmerzen

    • Tablets (iPad) nicht flach auf Schoss/Oberschenkel liegend verwenden, sondern aufgerichtet auf dem Tisch!
    • Nachts nicht weniger als 16 Grad im Schlafzimmer und auch kein Durchzug. Ein Seidenhalstuch anziehen wirkt Wunder!
    • Bei Angststörungen können Nackenschmerzen als begleitendes Körpersymptom auftreten: siehe hier >>>
    • Für den Nacken und die Kopfhaltung ist das „Podest“, d.h. Becken und Oberkörper ausschlaggebend: siehe Haltungsschulung im Rolfing.

    Rauchen und Rückenschmerzen

    Ein Rauchstopp kann bei Menschen mit Rückenschmerzen ein wichtiger Beitrag zur Behandlung sein. Eine Studie im Journal of Bone and Joint Surgery (2012; 94: 2161-2166) dokumentiert eine signifikante Linderung der Schmerzen, wenn die Patienten auf das Rauchen verzichteten.
    Es zeigte sich: Wer weiter raucht, hatte nach der Behandlung (Physiotherapie, Schmerzmittel oder beides) gleich viel Schmerzen wie vorher. Wer aufhört, dem tat der Rücken weniger weh.
    Rauchen ist also nicht nur ein Risikofaktor für viele schmerzhafte Erkrankungen, zu denen neben den Folgen der Atherosklerose (Koronare Herzerkrankung, periphere arterielle Verschlusskrankheit) auch der chronische Rückenschmerzen gehören. Raucher sind generell schmerzempfindlicher als andere Menschen, berichtet Glenn Rechtine von der Universität Rochester.
    Von den 5.333 Bandscheiben-Patienten, die sich an der Klinik mit axialer (Rückenschmerzen) oder radikulärer (Beinschmerzen) Symptomatik vorgestellt haben, gaben aktive Raucher in allen Schmerzskalen höhere Werte. Nichtraucher würden generell über weniger Schmerzen klagen, meint Rechtine. Der Orthopäde führt die vermehrte Schmerzempfindlichkeit auf die Wirkung von Nikotin zurück.
    Der Ratschlag an alle Rückenschmerzpatienten lautet deshalb, das Rauchen aufzugeben. Patienten, die ihn befolgten, erlebten der Studie zufolge in den folgenden acht Monaten eine deutliche Linderung ihrer Beschwerden, während es bei den Patienten, die weiter rauchten, keine signifikanten Verbesserungen gegeben habe.

    Neuer Therapieansatz bei Chronischen Schmerzen im Bewegungsapparats

    Nicht-traumatische strukturelle Veränderungen, die bei Röntgenaufnahmen oder in MRT-Scans beobachtet werden – wie Knochensporne, Risse in den Rotatoren-Manschettensehnen der Schulter und Bandscheibendegeneration – kommen auch, ja in der Mehrheit bei Personen vor, die schmerzfrei sind. So können diese Veränderungen als Schmerzursachen fehlinterpretiert werden, was wiederum zu invasiven, riskanten und oft unnötigen (operativen) Behandlungen führen kann.
    Dies erzeugt eine gewisse Angst und Sorge beim Patienten, weil er denkt, dass er seinen Körper geschädigt hat und dass es notwendig ist, ihn zu korrigieren, zum Beispiel durch einen chirurgischen Eingriff. Viele Menschen erhalten so chirurgische Eingriffe, die nicht-traumatische Auffälligkeiten an Knochen, Gelenken, Sehnen und Knorpeln haben. Sie sind aber nicht die Ursache ihrer Symptome, sondern lediglich Veränderungen, die als Teil des Alterungsprozesses ganz normal sein können.
    Ich denke, dass wir alle ehrlicher zu unseren Patienten sein müssen, wenn es um die Unsicherheit geht, woher die Symptome kommen. Wir wissen, dass die Patienten bei vielen Beschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen in Schultern und Rücken, viel grösseren Nutzen aus einfachen Haltungsveränderungen und einem gut durchdachten Trainingsprogramm ziehen wie aus einer Operation – und erst noch ohne die gefährlichen Nebenwirkungen der Eingriffe.
    Die Autoren eines Editorial im British Journal of Sports Medicine (Lewis J, et al: Brit J Sports Med (online) 25. Juni 2018) fordern, dass nicht-traumatische, anhaltende und beeinträchtigende Muskel-Skelett-Schmerzen ähnlich behandelt werden wie andere chronische Erkrankungen (z.B. Diabetes Typ II, Asthma und Bluthochdruck):
    Patienten werden ermutigt, sich zu bewegen und Sport zu treiben, auf einen besseren Schlafrhythmus zu achten, Stress abzubauen und mit dem Rauchen aufzuhören – das alles mit dem Ziel, Verantwortung für das eigene Wohlbefinden und für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

    Pflanzen um Schmerz- und Rheumamittel einzusparen

    Teufelskralle, Weidenrinde, Hagebutte: siehe hier >>>

    Keine Opioide beim Rückenschmerz!

    Opiatabkömmlinge (Opioide) zeigen praktisch keinen schmerzstillenden Effekt bei Rückenschmerzen, besitzen aber sehr starke Nebenwirkungen:
    Nausea, Obstipation, Hyperalgesie (mit Ausbreitung auf andere Körpergebiete!), Delir, Sucht (in 12-17%!).

    Zum Einsatz von Opioidanalgetika bei Patientinnen und Patienten mit Lumbago und Nackenschmerzen fehlt bislang gute Evidenz. Die OPAL-Studie schliesst diese Lücke: Bei «Guideline-konform» behandelten Patientinnen und Patienten führte die zusätzliche Gabe von Opioidanalgetika im Vergleich zu Placebo zu keinem Unterschied der Schmerzintensität nach sechs Wochen. Umgekehrt wurden Übelkeit, Obstipation, Schwindel in der Opioidgruppe häufiger beobachtet, ebenso war das Risiko für einen missbräuchlichen Konsum im Langzeitverlauf höher. Auf Opioide sollte bei unspezifischen Rückenschmerzen deshalb grundsätzlich verzichtet werden. Mangels Alternativen unterstreichen diese Resultate aber auch die Wichtigkeit von nicht pharmakologischen Ansätzen.
    (Lancet. 2023, doi.org/10.1016/S0140-6736(23)00404-X.)

    Auch keine Muskelrelaxans (muskelentspannende Medikamente)!

    Sie haben auch nur Placebowirkung und starke Nebenwirkungen (Schwindel, Müdigkeit,…).

    Reduziert ein Stimulator den Schmerzmittelgebrauch?

    Die Rückenmarkstimulation (RMS) ist eine alternative Methode zur Behandlung chronischer Rücken- und Beinschmerzen. Sie wird dann angewandt, wenn die medikamentösen und chirurgischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Durch die Stimulation des Rückenmarks wird der Schmerzimpuls zum Gehirn überlagert oder verändert, sodass die Schmerzwahrnehmung zentral unterdrückt wird. Doch kann der Stimulator den Gebrauch von Opioiden oder den Einsatz von Injektionen oder chirurgischen Eingriffen reduzieren?
    Ein retrospektiver Vergleich von 1260 Patientinnen und Patienten mit RMS mit 6300 vergleichbaren Patientinnen und Patienten ohne RMS (1:5 «propensity match») zeigte in den ersten 12 Monaten, dass die RMS-Gruppe höhere Opioiddosen einnahm, aber weniger Steroidinjektionen, Radiofrequenzablationen oder Wirbelsäulenoperationen hatte. In Bezug auf diese vier Parameter bestand in den folgenden 12 Monaten kein Unterschied mehr. 18% aus der RMS-Gruppe erfuhren Stimulator-assoziierte Komplikationen und bei 22% musste der Stimulator revidiert oder wieder entfernt werden. Die Kosten lagen bei den mit RMS Behandelten im ersten Jahr 39 000 US-Dollar höher.

    Mit der Einschränkung des retrospektiven Vergleichs mit möglichen Bias mahnt uns diese Arbeit, bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen die Indikation zur Stimulator-Implantation zurückhaltend zu stellen. Insbesondere sollten die Betroffenen orientiert werden, dass die Schmerzmittel voraussichtlich nicht reduziert werden können und die Rate von Komplikationen durch den Stimulator selbst relativ hoch ist.
    (JAMA Neurol. 2023, doi.org/10.1001/jamaneurol.2022.4166.)

    Literatur

    Ralph Geisenhanslüke: „Schieflage – mit einer verrückten Bandscheibe durch unser Gesundheitssystem“, Kösel, 2013

    Superartikel in Vox über Chronische Kreuzschmerzen und ihre Therapie

    Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
    Letzte Aktualisierung:
    29. Januar 2025