Der Nacken ist eines der Körperteile, die im Alltag am meisten leisten. Er trägt unseren Kopf, also etwa vier bis sechs Kilogramm. Er stabilisiert den Kopf und macht seine Bewegungen möglich. Der Nacken hält uns im wörtlichen Sinn. Dabei gerät er schnell unter Druck.
Viele Menschen in Europa haben Probleme mit dem Nacken. In einer grossen Bevölkerungsbefragung gaben rund 45 Prozent der Erwachsenen an, in den vergangenen zwölf Monaten Nackenschmerzen gehabt zu haben. Weltweit zählen sie zu den häufigsten muskuloskelettalen Beschwerden. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.
Nackenschmerzen lassen einen meist nicht laut aufschreien. Sie fühlen sich eher dumpf und lästig an, wie Verspannung und Druck. Zwischen Kopf und Schulterblättern zieht und zwickt es, manchmal knirscht es sogar. Die Beschwerden strahlen oft in Kopf und Schultern aus. Schnell entsteht dann das Gefühl: Hier ist etwas defekt. Irgendetwas ist eingeklemmt, verrutscht oder verschoben. Ein Gelenk blockiert, vielleicht sogar eine Bandscheibe beschädigt?
Die gute Nachricht: Das ist nur selten so. Bei den meisten Nackenschmerzen findet sich keine klar zuzuordnende strukturelle Ursache. Kein Bandscheibenvorfall, kein Bruch, keine offensichtlichen Nervenschäden, nichts, was man reparieren müsste. Fachleute sprechen dann von unspezifischen Nackenschmerzen.
Die Vorstellung, da sei etwas verrutscht und müsse wieder eingerenkt werden, ist ein Irrtum. In der Regel verrutscht nichts. Und man kann auch nichts wieder an die richtige Stelle rücken.
Wo tut’s denn nun weh?
„Unspezifisch“ heisst keineswegs belanglos oder gar eingebildet. Der Schmerz ist real. Aber was tut eigentlich weh, wenn nichts kaputt ist?
Es gibt nicht die eine Ursache. Meist kommen mehrere Dinge zusammen. Dazu gehören körperliche und psychische Einflüsse, die sich gegenseitig verstärken können. Der Nacken ist kein einzelner Muskel und kein einzelner Knochen, sondern ein ganzes System. Zu ihm gehören die Halswirbelsäule und viele Muskeln, die Kopf, Schultern und Schulterblätter verbinden. Einige stabilisieren den Kopf, andere bewegen ihn, wieder andere halten die Schultern in Position.
Wenn in diesem Zusammenspiel etwas hakt, dann oft deshalb, weil die Muskeln im Nacken über Stunden nur halten müssen. Zum Beispiel den Kopf vor dem Bildschirm. Sie bewegen sich kaum und bekommen wenig Abwechslung und wenig Pausen. Normalerweise wechseln sich Muskelfasern bei ihrer Arbeit ständig ab. Arbeiten einzelne Bereiche aber mehr und andere weniger, kostet das mehr Kraft und führt zu Ermüdung. Irgendwann schmerzt es.
Auch psychischer Druck schlägt oft auf den Nacken. Steht der Körper stressbedingt unter Alarm, spannen wir vor allem die Muskeln im Schulter-Nacken-Bereich stärker an. Häufig ziehen wir auch die Schultern hoch. Warum Nackenschmerzen im modernen Alltag so häufig sind, liegt daher nahe: viel Bildschirmarbeit, wenig Wechsel, viel innere Anspannung.
Verspannung – was ist das eigentlich?
Fast jeder sagt sofort Verspannung, wenn er über seinen Nacken klagt. Das klingt nach einem klaren Befund, als sei ein Muskel zu hart geworden und müsse nur kräftig genug gedrückt werden. Doch dieses Gefühl ist oft gar nicht so eindeutig. Manchmal ist ein Muskel tatsächlich angespannt. Manchmal fühlt er sich für Betroffene steinhart an, obwohl die Physiotherapeutin oder Ärztin diese Härte nicht bestätigen kann.
Auch Studien zeigen: Schmerz, empfundene Spannung und tatsächliche Muskelaktivität hängen nicht so eindeutig zusammen, wie man meinen könnte. Ein Muskel kann sich hart anfühlen, ohne messbar stärker angespannt zu sein. Oder umgekehrt. Oft fühlt sich ein Muskel auch einfach deshalb verspannt an, weil er für das, was der Mensch von ihm verlangt, nicht leistungsfähig genug ist.
Was viele als Verspannung beschreiben, ist also oft eher das Ergebnis von zu hoher Belastung und zu geringer Belastbarkeit. Ein Muskel ist überfordert oder arbeitet dauerhaft, ohne ausreichend Ausgleich zu bekommen. Denn selbst am Schreibtisch leistet der Nacken dauernd Haltearbeit. Wer acht Stunden am Computer sitzt und sich dabei kaum bewegt, braucht eine Haltemuskulatur, die das leisten kann. Wer sich nicht ausreichend bewegen kann, muss die Belastung verändern. Das sind die beiden Räder, an denen man grundsätzlich drehen kann.
Irrtum 1: den Nacken schonen
Wenn es weh tut, liegt ein Reflex nahe: weniger bewegen. Den Nacken vermeintlich schonen, Belastung vermeiden und abwarten, bis es besser wird. Doch es gilt das Gegenteil: Es empfiehlt sich ausdrücklich, in Bewegung zu bleiben.
Man darf und soll sich auch mit Schmerzen bewegen. Das gilt zumindest so lange, wie es bei diesem typischen dumpf-drückenden, eher muskulären Schmerz bleibt und keine neurologischen Symptome auftreten, also kein Kribbeln, keine Taubheit und kein Kraftverlust im Arm. Das sollte man unmittelbar ärztlich abklären lassen.
Die Logik dahinter ist einfach: Wer sich schont, bewegt und fordert die Muskulatur weniger. Werden Muskeln wenig benutzt, verlieren sie mit der Zeit Kraft und Ausdauer. Bewegungen fühlen sich dann umso schneller anstrengend an. Gleichzeitig kann auch die Bewegungssteuerung unsicherer werden, und das Nervensystem reagiert empfindlicher auf Belastung. Schmerz wird dann schneller ausgelöst.
Wer beginnt, bestimmte Bewegungen zu vermeiden, wird oft auch vorsichtiger und richtet seine Aufmerksamkeit stärker auf den Schmerz. So kann ein Kreislauf entstehen: Weniger Bewegung steigert die Empfindlichkeit und das Schmerzempfinden und führt zu noch weniger Bewegung. All das kann dazu beitragen, dass Beschwerden eher bestehen bleiben und womöglich chronisch werden.
Irrtum 2: Massagen reichen
Ein weiterer Irrtum ist der Glaube, jemand anders könne das Problem lösen. Der Physiotherapeut, die Orthopädin, der Masseur. Nachhaltig wegzaubern kann hier niemand etwas. Nackenschmerzen lassen sich leider nicht einfach wegmassieren.
Natürlich können Massage oder Wärme entlasten und guttun. Sie können die Muskulatur lockern und die Durchblutung fördern. Das kann kurzfristig sehr angenehm sein. Aber eben nur kurzfristig.
Eine Massage dauert vielleicht dreissig Minuten. Wenn der Alltag danach genauso weitergeht wie vorher, baut sich die Spannung meist wieder auf.
Bei akuten Beschwerden sollen solche passiven Massnahmen wie Massagen nicht verordnet werden, bei chronischen allenfalls ergänzend, aber nicht als Hauptstrategie.
Die eigentliche Arbeit muss jeder selbst leisten. Denn Entspannung entsteht beim Nacken meist dadurch, dass man ihn sinnvoll benutzt. Statt die Muskeln von aussen zu kneten, muss man sie aufgabenspezifisch trainieren.
Welches Training hilft
Besonders hilfreich ist Krafttraining. Vor allem dann, wenn Schultern und Schulterblätter im Alltag ständig nach vorn sinken. Dann ist es sinnvoll, genau die Muskulatur zu stärken, die diese Position wieder ausgleicht: Schulterblattmuskeln, Rückenstrecker und den Oberkörper insgesamt. Konkret heisst das: an den Latzug, ans Rudergerät und an den Rückenstrecker. Auch die Aussenrotation der Schultern ist wichtig, etwa mit einem Theraband oder am Kabelzug im Fitnessstudio. Studien zeigen, dass gezielte Kräftigungsübungen bei chronischen Nackenschmerzen Schmerzen verringern und die Funktion verbessern können.
Entscheidend ist aber generell weniger die eine richtige Trainingsform als Bewegung an sich. Ob Krafttraining, Joggen, Yoga oder Pilates: Am besten ist die Bewegung, die man regelmässig und möglichst auch mit Freude macht. Oft geht es also weniger darum, das perfekte Programm zu finden, als überhaupt in Bewegung zu kommen.
Bewegung hilft auf mehreren Ebenen zugleich. Schon während der Belastung steigt die Durchblutung in den arbeitenden Muskeln deutlich an. Sie werden besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Langfristig passt sich das Gefässsystem an. Die Durchblutungskapazität der Muskulatur nimmt zu, und Muskeln reagieren weniger empfindlich auf Belastung.
Auch auf das Nervensystem wirkt Bewegung. Sie aktiviert die körpereigene Schmerzhemmung. Dabei werden unter anderem Endorphine freigesetzt, und das Gehirn dämpft Schmerzsignale aus dem Körper stärker. Die Folge: Die Schmerzschwelle steigt. Reize werden also weniger stark als Schmerz wahrgenommen.
Die kleinen Dinge im Alltag
Das ist ein Trost für alle, die sich keine Trainingsstunde im Fitnessstudio freischaufeln können: Es hilft schon, im Alltag mehr Bewegung einzubauen. Zumal Sport allein stundenlanges Sitzen nicht ausgleichen kann. Was dem Nacken hilft, sind oft erstaunlich kleine Dinge, in kurzen und unspektakulären Momenten. Sie erinnern den Körper immer wieder daran, dass er für Bewegung gebaut ist.
Das beginnt schon nach dem Aufwachen. Dann hat man oft das Bedürfnis, sich zu strecken und in Bewegung zu kommen. Und genau das sollten wir tun. Also die Schultern bewegen, sich recken und strecken, den Nacken langsam in Gang bringen. Wer mit einem lokal begrenzten, dumpfen, ziehenden Nackenschmerz aufwacht, vielleicht weil er ungünstig gelegen hat, sollte sich mit leichten Bewegungen erst einmal herantasten und schauen, ob es besser wird. In schlimmen Fällen kann es auch helfen, vorübergehend mit Schmerzmitteln zu lindern, um überhaupt wieder in Bewegung zu kommen und nicht in eine Schonhaltung zu verfallen.
Für viele geht es danach an den Schreibtisch. Dort beginnen die Probleme oft erst richtig. Denn hier lastet ein enormes Gewicht auf dem Nacken. Wenn wir den Kopf nach vorn schieben und um 45 Grad nach unten schauen, müssen die Muskeln der Halswirbelsäule aufgrund der Hebelgesetze etwa 20 Kilogramm ausgleichen.
(Foto: SZ-Grafik: Michael Mainka: Quelle: Dr. Ken Hansrai)
Wer den ganzen Tag am Laptop sitzt und zusätzlich viel aufs Smartphone schaut, braucht deshalb vor allem eines: Unterbrechungen. Nicht die perfekte Haltung. Nicht den einen Stuhl, der alles richtet. Sondern Wechsel.
Die beste Position ist die nächste. Man darf also auch mal lümmeln, dann wieder aufrechter sitzen, ein wenig nach rechts, ein wenig nach links, vielleicht zwischendurch im Stehen arbeiten. Der Körper ist grundsätzlich für jede Haltung gemacht, die er aktiv einnehmen kann. Problematisch wird es, wenn man neun Stunden in derselben Position verharrt.
Ich empfehle Gegenbewegungen
Wer am Rechner dazu neigt, das Kinn vorzuschieben, sollte es zwischendurch bewusst zurückziehen, also gezielt ein Doppelkinn machen.
Dazu kommen ganz einfache Dinge: die Schultern kreisen, nach vorn und nach hinten. Die Schultern bewusst hochziehen und dann fallen lassen, um überhaupt wieder zu spüren, wie sich entspannte Schultern anfühlen. Oder mit den Händen an den Nacken fassen und ihn ein wenig in die Länge ziehen, damit sich die kurze Nackenmuskulatur direkt unter dem Kopf entspannen kann. Simpel, aber erstaunlich effektiv.
Wer Armlehnen am Schreibtischstuhl hat, kann sich darauf abstützen und den Körper leicht nach oben drücken, sodass die Schulterspitzen Richtung seitliche Hosentaschen gehen. Man kann auch kreativ sein, den Stuhl verkehrt herum hinstellen und vorne gegen die Stuhllehne aufliegen.
Für Menschen, die eine Klimmzugstange haben oder sich irgendwo kurz aushängen können, gilt: Arme lang lassen, hängen und sich vorstellen, man wolle die Schulterblätter in die Hosentaschen stecken.
Und ansonsten hilft auch immer mal wieder: sich einfach richtig ausschütteln.
Es empfiehlt sich, solche Übungen an etwas zu koppeln, das ohnehin ständig passiert: Das Telefon klingelt, der Hund bellt, eine Nachricht ploppt auf. Und jedes Mal zieht man einmal das Kinn ein, kreist dreimal die Schultern und macht dann weiter. Das klingt banal, kann aber gerade deshalb funktionieren. Denn man muss nicht erst eine Matte ausrollen oder eine App starten, sondern baut Bewegung dort ein, wo der Alltag stattfindet.
Meist hilft also nicht der eine grosse Handgriff, sondern eine Reihe kleiner Dinge. Der Nacken trägt viel, solange man ihn nicht in immer die gleiche Starre zwingt.
Und was noch?
Hat man einen Rundrücken mit Nackenschmerzen (auch Kopf nach vorne geneigt) benötigt es auch noch eine Haltungsveränderung >>> dazu weiterlesen >>>
„Rolfing“ wird nach seiner Begründerin IDA P.ROLF benannt. Sie arbeitete als Biochemikerin am Rockefeller-Institut der Columbia University.
Die Rolfing-Methode will dem Menschen helfen, im Gleichgewicht mit sich selbst und seiner Umgebung zu leben. Der „Rolfer“/ die „Rolferin“ versucht, das Verhältnis des ganzen Organismus zur Schwerkraft besser zu gestalten und setzt sich als Ziel, den aus der Form geratenen Körper wieder „ins Lot“ zu bringen, um eine bessere Grundlage für die Gesamtpersönlichkeit zu schaffen. Wir lernen, unseren Körper als Ausdruck unserer Person zu erleben. Rolfing ist eine „Strukturelle Integration“ – mit Betonung auf „Integration“.
Der Rolfer bearbeitet das Bindegewebe, das den Körper umhüllt: Muskelhüllen, Faszien, Sehnen, Bänder, Knochenhaut, Organhüllen und Membranen – die Zeltschnüre des Körpers, wenn man Muskeln als Zeltplanen und Knochen als Zeltstangen betrachtet. Faszien sind zähe Häute aus Bindegewebe, die Knochen, Muskeln und Organe umschliessen und verbinden. Dieses dreidimensionale Netz verleiht dem Körper Zusammenhalt und Form und bestimmt seine Grundstruktur. Faszien tragen zur nötigen Spannung für aufrechtes Stehen und Gehen bei und entlasten so die Muskulatur.
Tensegrity – Konzept der kinetischen Ketten und myofaszialen Verbindungen
„Tensegrity“ bezeichnet ein Bauprinzip der Architektur, das von Richard Buckminster Fuller in den 1960ern begründet wurde. Der Begriff steht für „tensional integrity“. Die Balance von Kompression und Zugspannung wird genutzt, um Strukturen zu bauen. Dies führt dazu, dass sie gleichzeitig leichter und stärker sind. Ein Beispiel für diese Bauweise ist die Kurilpa Bridge in Brisbane, Australien.
Tensegrity-Strukturen kombinieren Flexibilität, Widerstandsfähigkeit und Kraft mit einem Minimum an Energie- und Materialaufwand. Das menschliche muskuloskelettale Netzwerk kann als Paradebeispiel einer „Bio-Tensegrity“- Architektur betrachtet werden. Die körperliche Stabilität beruht nicht auf der Stärke von einzelnen Sehnen und Muskeln, sondern darauf, dass Kräfte durch das körperliche Netzwerk weitergeleitet und verteilt werden.
Copyright Robert Schleip, München
Physiologischerweise wird eine Spannungserhöhung in einer Muskel- Sehneneinheit an die Kette weitergeleitet – unter der Voraussetzung, dass die koordinative und neuronale Steuerung dies ermöglichen und die Weiterleitung nicht durch ungünstige Statik oder myofasziale Dysbalancen behindert wird. Funktioniert dieses Prinzip nicht, kommt es zur lokalen Überlastung. Häufig findet man dann die grössten Auswirkungen einer Störung in diesem Zugspanungs-Netzwerk diagonal gegenüber (als Beispiel stört eine Blinddarmnarbe im rechten Unterbauch am stärksten im linken Schulter-Bindegewebsbereich).
Fernsehmitschnitt (MDR, 11.11.2010 – Hauptsache gesund) zum Thema Faszien und Rolfing mit faszinierenden Detailaufnahmen aus dem Inneren des Bindegewebes.
Eine besondere Rolle kommt der Schwerkraft zu, unter deren Einfluss wir uns ständig befinden. Faszien verkürzen und verhärten sich unter diesen Einflüssen. Da das Fasziennetz aus einem zusammenhängenden System von Bindegewebehüllen besteht, werden Fehlspannungen von einem Teil des Körpers zu einem anderen übertragen und beeinträchtigen so die Statik des ganzen Körpers. Der Körper gerät aus dem Gleichgewicht, was einen erhöhten Kraftaufwand für aufrechte Haltung und Bewegung zur Folge hat. Dies führt wiederum oft zu Verspannungen, Ermüdung, vorzeitigen Abnutzungserscheinungen und Schmerzen. Ida Rolfs grundlegende Erkenntnis war, dass sich das Spannungsmuster der Faszien durch eine ganz bestimmte Form der manuellen Behandlung dauerhaft verändern lässt. Dabei werden mit präzisem und sensiblem Druck verklebte Bindegewebsschichten gelöst, Verkürzungen im Gewebe gedehnt und verhärtete Stellen geschmeidig gemacht. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Behandlung von Symptomen, sondern die Verbesserung der Statik des gesamten Körpers, maximale Aufrichtung und ökonomische Bewegungsformen (speziell zum Gehen/Laufen). (Siehe dazu auch das Tonic Function Model von Hubert Godard: hubertgodard.pdf)
Rolfing ist ein wunderbares Konzept zur Gesundheitsförderung. Es konzentriert sich auf die Nutzung von Ressourcen, sodass Symptome wie Schmerzen oder Skoliose in den Hintergrund treten. Stattdessen rücken freie, ökonomische Bewegungen und Haltungen im Alltag in den Vordergrund. Dabei verschwinden die genannten Symptome oft nebenbei und sekundär.
Alltag als Übung
Bewusstseinsschaffung für diese neuen Haltungen und Bewegungen ist ein grosser Teil dieser Körpertherapie. Ökonomie der Bewegung ist das Ziel, Bewegungsintelligenz wird gefördert (>>>hier am Beispiel des Laufens erklärt).
Die Mitarbeit und Verantwortung des Klienten ist absolut gefordert.
Was können Sie im Rolfing gewinnen?
Bewusstheit im Alltag: die alltäglichen Bewegungen und Haltungen stehen bei mir im Zentrum (Stehen, Gehen, Sitzen, Liegen). Die Bewegungsintelligenz kann enorm wachsen. Andere Kräfte neben der heute so allgegenwärtigen Muskelkraft (sprich Bodybuilding, Kraftraum, Fitness…) kennen lernen und gezielt einsetzen: Schwerkraft und Stützkraft der Erde (Gewicht und Gegenkraft) und die elastische Spannkraft des Bindegewebes, der gedehnten Faszien. Diese Kräfte sind „kostenlos“. Die Bewegung wird dadurch katzenhafter und mit mehr Schwung und Sanftheit federnder und entspannter (siehe dazu auch meine Seite zum Joggen und den Nature-Beitrag zur Galoppbewegung des Pferdes), ökonomischer und intelligenter. Die Bewegungsqualität kommt vom im Westen üblichen anpackenden, fixierten und eingeschränkten „To-do“ zum „Not-to-do“, will heissen: Bewegung, die wie von selbst entsteht, mit Nachlassen der aktiven Spannung, geschmeidig.
„Meditative“ Konzentration auf Gewicht spüren, auf Entspannung zu Beginn der Bewegung (anstatt die üblicherweise muskuläre Kontraktion), auf Dehnung, Verlängerung der Mittellinie, des körperlichen Innenraums (anstatt Verkürzung), also um passive Spannung (im Gegensatz zur aktiven Spannung, die verkürzt und staucht), auf Verbesserung des Gleichgewichts (des Gestütztwerdens, des Offenwerdens der Sinnesorgane Auge, Innenohr und Füsse).
Ein Gefühl für Gleichgewicht bekommen, d.h. vor allem in welcher Richtung mein Gewicht fällt, die Schwerkraft auf meinen Körper wirkt. Dazu Folgendes: Ich höre in meinen Rolfingsitzungen immer wieder, dass es so mühsam sei, „immer“ an die neuen Haltungen zu denken… Ökonomische Alltagsbewegung und –haltungen sind ähnlich einer Meditation: Zuerst beginnt man achtsam bei beiden mit dem Einnehmen der neuen Haltung. Dieser bewusste Übergang braucht einen eigenen Raum und auch etwas Zeit. Nachher kann man nur noch die Früchte ernten und alles wird leichter. Die Bewegung geht wie von selbst, also ökonomisch weiter – und die Sitzposition zum Meditieren wird leicht und ruhig. Man kommt in seinen Flow.
Mit der Zeit (und nach einigen Rolfingsitzungen) fängt Ihr Körper an, gegen unökonomische Bewegungen und Haltungen zu rebellieren. Er fordert von selbst, d.h. durch Empfinden eines neuen, leichteren Körpergefühls, diese neu gelernten, ökonomischen, leichten, schwingenden, federnden, katzenartigen Bewegungen und Haltungen. Weiterlesen >>> Übergänge-Zwischenräume
Bewegung aus Entspannung und von Innen
Sie lernen im Rolfing eine Bewegung, die durch Muskelentspannung ausgelöst wird und nicht durch Muskelkontraktion. Dies ist eine katzenartige, geschmeidige Bewegung, die häufig durch unser Eigengewicht, die Schwerkraft startet. Sie beginnt mit Entspannung.
Dies ergibt eine (Geh-) Bewegung aus den inneren, achsennahen Muskeln mit ihrem Bindegewebe. Dies ist unser „Core“ oder Kern. Er besteht aus dem dadurch aktivierten und lang gebliebenen Psoasmuskel (Schwingen der Beine hinten weit in den Bauch hinein von den Rippen her) und auch aus dem beim Joggen stets aktiven tiefsten Bauchmuskel Transversus abdominis und den kleinen direkt an der Wirbelsäule gelegenen Multifidi-Muskeln. Die oberflächlichen Muskeln bleiben dabei entspannt. Diese oberflächlichen Haltemuskeln würden bei Aktivierung viel mehr zu Verspannungen und Verkürzungen neigen. Dies würde dann zu einer Kompression unseres Innenraums führen. Sie erleben dabei das Gefühl, Ihr Körper laufe von selbst.
…und nicht aus Muskelkräftigung: Die Stabilität und gleichzeitig Beweglichkeit unseres Körpers wächst mit der Länge des Gewebes und nicht mit der Stärke der Muskeln (was zur Verkürzung und Steifigkeit führen kann): Sie entsteht also besser aus der elastischen Spannkraft der „Bindegewebshülle“ (Lesen Sie dazu meinen Blogbeitrag über das „Body Stocking“!).
Video über Rolfingarbeit (Astrid Widmer)
Was es nicht ist
Rolfing ist kein esoterischer Gemischtwarenladen, kein Drive-in-Satori, kein Instant-Yoga, wo man nur hinzuliegen hat, durchgeknetet wird und als neuer Mensch rausgeht. Es ist nicht die Methode, die DIE Veränderung in Ihrem Leben bewirkt (wie viele erwarten). Rolfing ist keine Psychotherapie.
Körperarbeit im allgemeinen oder hier das Rolfing allein führt noch nicht zu Deinem „Wahren Selbst“. Sie kann aber sehr fruchtbar sein, wenn bereits die Voraussetzungen dazu vorhanden sind, aber körperlich-strukturelle Einschränkungen, wie Verpanzerung, Unflexibilität, Ungleichgewicht behindern. Vor allem nützt sie kaum etwas bei der Selbstfindung, um einen persönlichen Mangel, eine Leere und das Fehlen einer Essenz im Leben zu beheben oder zu verdecken. Dasselbe kann man über „Energiebefreiung“ durch Rolfing sagen: Wenn man „Buddha-Natur“ erreichen will, ist dies etwas viel Substantielleres und Tieferes als Energie (Chi, Prana, Kundalini, Shakti, Libido, Orgon…). Doch müssen all diese Energien erfahren und befreit sein, wenn jemand in der Lage sein soll, in den Bereich der „Essenz“ zu gelangen. Dazu hilft auch wiederum das Rolfing.
Kurzum: Rolfing ist eine klar strukturell ausgerichtete Körpertherapie, was natürlich nie ausschliesst, dass nicht psychische, psychosoziale, energetische und Selbstfindungs-Dinge Raum haben und auch geschehen…
psychosomatische Aspekte
Wie steht’s? Wie geht’s? Man fühlt sich belastet. Jemand ist ein schlaffer Sack. Man ist aufrichtig. Man hat keinen Halt mehr. Man steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden… Man ist präsent. Man ist blockiert oder in Bewegung. Ich gehe dorthin, wo es mich (vom eigenen Körpergewicht) hin zieht.
(Copyright beim Cartoonisten/Illustrator)
Leichtigkeit und Gleichgewicht ergibt Inneren Frieden
Ist das nicht diese furchtbar brutale Körpertherapie?
Ida Rolf war eine Visionärin, was die Rolle des Bindegewebes (des Fasziennetzes) im menschlichen Körper anbelangt. Sie bezog die Form des Körpers auf das Feld, in dem er sich befindet und dem er unterworfen ist: auf die Schwerkraft. Diese Ida Rolf war keine gute Pädagogin oder positiver ausgedrückt: ein sehr pragmatisch arbeitendes Genie (siehe auch ihr sehr unsystematisches Buch „Rolfing – strukturelle Integration“, Hugendubel) und konnte ihren direkten Schülern nicht deutlich weitergeben, was sie da tat. Diese Rolfer der 1.Generation kopierten deshalb ihren sehr kräftigen Arbeitsstil (man nannte sie auch „Miss elbow“!) ohne genau zu wissen, warum sie das taten. So wurde dieses frühe Rolfing häufig zur „Widerstandsarbeit“ und der Rolfer zum brutalen „Widerstandsbrecher“. Heute ist auch der theoretische Hintergrund nachgearbeitet: Man „weiss, was man tut“ und mit dem Widerstand wird sehr sorgfältig umgesprungen, d.h. auch viel sanfter gearbeitet!
„Haltung“ hat nichts mit „Halten“ zu tun
Die Bewegung entsteht bei der „Tonic Function“ (Hubert Godard) und bei der „Normal Function“ (Hans Flury) – der Idealbewegung des Rolfings – aus den intrinsischen Tiefenmuskeln und ihres Bindegewebes (des sog. „Core“ oder Kerns), was auch andere Konzepte als zentrales Element ihrer Methode betrachten (Spiraldynamik, Pilates, Feldenkrais, Alexander…).
Die Stabilisierung des Körpers geschieht durch Aktivierung dieser Kernstrukturen (Einschub für Mehrdenker: Mein Kollege und Scharfdenker Hans Flury würde hier sofort Einwände anbringen: Für ihn existiert in der Normal Function keine Stabilität, alles fliesst und das macht Angst und damit muss der Mensch leben lernen. Alle „gemachte“ Stabilität ist unökonomisch, verkürzt, staucht…). Dr.med. Hans Flury orientiert sich konsequent an den Eckpfeilern der Strukturellen Integration nach Ida Rolf: die strukturelle Betrachtung des menschlichen Körpers, die Rolle der Schwerkraft und die Plastizität des Bindegewebes. Hubert Godard, der als ehemaliger Tänzer einen breiten Erfahrungshintergrund unterschiedlichster Bewegungsschulen (u.a. Alexander-Technik, Feldenkrais) besitzt, erweiterte die strukturelle Sicht- und Arbeitsweise des Rolf-Movement um neurologische, sozial-psychologische und künstlerische Gesichtspunkte. Er ist Professor für die Erforschung der menschlichen Bewegung an der Universität VII in Paris. Godard eröffnet unserem ursprünglich recht „statischen“ Konzept ganz neue Dimensionen, indem er die Bedeutung der Koordination und der sensorischen Orientierung in die Behandlung des Fasziensystems mit einbezieht.
Normal Function (Flury)
Tonic Function (Godard)
Physische Struktur
Sensorische Struktur
Elastizität des Bindegewebes
Tonische Funktion der Muskulatur
Physikalische Gesetze von Schwerkraft und Stützkraft
Hirn-Nerven-Physiologie
(Tabelle aus Hans Georg Brecklinghaus, Atem Bewegung, Handbuch für Strukturelle Integration, Freiburg 2007)
Beide Ansätze ergänzen sich sehr gut und können je nach Situation und Klientel sehr spezifisch angewendet und kombiniert werden.
Eine häufige Haltung in der 1. Welt
Die Abbildung des Mädchens zeigt deutlich die Problembereiche vor der 1.Sitzung: Das Gewicht (oder Lot) fällt insgesamt eher hinter der Mittellinie runter. Die Beine sind überstreckt, das Becken oben nach vorne gekippt. Die Bauchwand drängt vor. Der Brustkorb sackt zusammen und ist insgesamt nach hinten gekippt. Die Vorderseite des Körpers ist kürzer als die Hinterseite. Der Kopf muss mit einer starken Verschiebung nach vorne ausgleichen. Die Atmung ist dadurch sowohl im unteren Rücken, wie auch im oberen Brustkorb eingeschränkt. Hier gleich eine Bemerkung aus der Praxis: Diese Betrachtungen am stehenden Körper sind mit Vorsicht zu geniessen. Ein wahres Bild einer Grundstruktur eines Menschen sieht man nur in Bewegung, v.a. im Gehen (Unterscheidung von Haltung (muskulär, schnell wechselnd) und Struktur (bindegewebig, nur langsam wechselbar: z.B. durch Rolfing eben…)).
Die Abbildung des Mädchens nach den Rolfing-Sitzungen zeigt die Veränderungen im Sinne einer integrierten Struktur. Sie sind in den Umrisszeichnungen durch die eingetragenen Achsen der grossen Körperblöcke verdeutlicht. Im Idealfall verändert sich die Struktur hin zu horizontalen Körperebenen. Man würde aber die Integration erst in den (Alltags-)Bewegungen sehen, die geschmeidiger und katzenartig v.a. mit elastischer Spannung des Bindegewebes und mit der Schwerkraft/Gewicht und nur minimal mit aktiver Muskelkraft ausgeübt werden können.
In der Regel besteht eine Behandlung im Rolfing aus einer Folge von einigen aufeinander aufbauenden Sitzungen. Die Körperstruktur ist nach einer solchen Serie besser geordnet. Aufrechte Haltung und Bewegung fallen leichter, der Brustkorb kann sich weiter dehnen und erlaubt eine freiere, tiefere Atmung. Fehlbelastungen von Gelenken und belastende Spannungsmuster im Gewebe sind verringert. Oft hat dies die Verminderung oder das Verschwinden von Schmerzen zur Folge. Patienten berichten meist von einem Gefühl der Leichtigkeit und des allgemeinen Wohlbefindens. Dieses gute Körpergefühl kann sich auch auf die Psyche übertragen. Eine aufrechte und entspannte Haltung wirkt sich oft positiv auf das Selbstbewusstsein aus. „Mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen“ gibt vielen Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Ausgeglichenheit.
Besser joggen
Wie läuft’s denn so?! Gehen Sie Ihrem Jogging-Stil auf den Grund und optimieren Sie Ihr Training Schritt für Schritt. Für optimale Gelenkschonung und begeisternde Lauf-Effizienz gebe ich auch persönliche Tipps während eines Rolfingprozesses.
Empfehlen kann ich auch die Rolferin Astrid Widmer in Zürich, die das Joggen nach derselben „afrikanischen“ Methode lernt: www.rolfingpraxis.ch
Faszien und Rückenschmerzen
Tatsächlich stehen die Faszien im Verdacht, chronische Schmerzen zu verursachen. Der Grund: Versteift sich das Bindegewebe, drückt es offenbar auf darin liegende Nerven und löst so mitunter qualvolle Pein aus. Kreuzschmerzen etwa sind vermutlich in vielen Fällen nicht auf abgenutzte Bandscheiben zurückzuführen, sondern auf eine versteifte Lendenfaszie.
Wie „trainiere“ ich die Faszien am effektivsten?
Vor allem federnde und schwingende Bewegungen halten Faszien elastisch. Dazu braucht es keine eigentlichen „Übungen“ – die Alltagsbewegung und -haltung sollte federnd und schwingend sein. Im Rolfing lernen Sie auch dies. Geduld ist dabei wichtig: Ein Effekt setzt erst nach mehreren Monaten ein.
Faszien und Nervensystem
Es hat sich gezeigt, dass während der Manipulation des Bindegewebes das (autonome) Nervensystem hochaktiv ist. Robert Schleip hat dies in einer spannenden Übersichtsarbeit zusammengefasst und verweist dabei auf die Präsenz von Mechanorezeptoren im Fasziensystem (v.a auf die interstitiellen Rezeptoren), aber auch auf neu entdeckte fasziale glatte Muskelzellen. Dies könnte die vom Behandler erlebte Faszienplastizität stimmig erklären. Es deutet auch auf einen engen Zusammenhang zwischen Faszien und Vegetativum hin. Faszien als Aussenstellen des autonomen Nervensystems. Jede Manipulation der Faszien ist vor diesem Hintergrund auch eine Einwirkung auf das Vegetativum und jede Veränderung des autonomen Nervensystems kann eine unmittelbare wie langfristige Veränderung im Faszientonus bewirken (www.somatics.de/Osteop_Mediz/Faszien.htm). Literatur zum Verhältnis von Rolfing zur viszeralen Osteopathie: Peter Schwind, Faszien- und Membrantechnik, 2003, Urban & Fischer, München (www.muenchnergruppe.de).
Sehr lesenswert auch der Artikel von Hans Flury in Osteopathische Medizin (und Interview mit Peter Schwind).
Faszientraining
Neuerdings nennen viele Rolfer ihr Wirken auch „Faszientraining“. Hier drei Beispiele:
Robert Schleip: „Faszien Fitness“, Riva
und hier auf meiner Website ein PDF-Dokument als Selbstanleitung: www.dr-walser.ch/faszientraining.pdf . Dazu nur soviel: Das Wichtigste im Rolfing sollte die Integration unseres Körpers sein – und diese wird durch diese Faszienübungen kaum verbessert. Für meine Ansicht der Dinge sind die Übungen auch zu wenig präzis erklärt, auf was es exakt ankommt, will man wirklich die Faszien in erster Linie trainieren (und nicht vor allem die Muskeln). Hier ein paar Faszienübungen von Robert Schleipp: faszientraining-schleipp.pdf
Das „Falten gegen die Wand“ von Hans Flury, eine fast schon optimale Übung zum „Faszientraining“: www.dr-walser.ch/falten_gegen_eine_wand.pdf . Eine weitere wunderbare alltäglich begleitende Übung kann der „Flight of the Eagle“ sein: Anleitung.
Bewegung aus dem Fasziennetz
Einschub: Raubtiere, Katzen bewegen sich vor allem aus dem Bindegewebe.
Zum Beispiel lassen Katzen sich beim Springen zuerst in das elastische Netz (oder die Feder) ihres Bindegewebes fallen und lassen sich dann spielend, leicht hinauskatapultieren.
Schwung im Galopp durch Katapult-Muskeln
Amüsantes aus Nature 421, 35-36 (2003): Als Alan Wilson vom Royal Veterinary College in Hatfield vor drei Jahren mit seinen Studenten die Leistung von Pferdemuskeln berechnete, kam die Gruppe zu einem überraschenden Schluss: Bewegen sich Pferde nur mit Muskelkontraktion, scheint ihr Bewegungsapparat für einen Galopp mit einer Geschwindigkeit von über 40 Kilometern pro Stunde zu schwach. Daher suchten die Forscher nach einem weiteren Antriebsmechanismus – und wurden fündig. Pferde können demnach ihre Muskeln und Sehnen wie Gummibänder spannen Anmerkung Thomas Walser: Dies impliziert das alte Knochen/Muskel-Modell des Körpers – Falls Wilson Ida Rolf kennen würde, dächte er vielleicht auch an die elastische Spannkraft des Bindegewebes, des Fasziennetzes!), die gespeicherte Energie schlagartig entladen und diese „Katapulte“ zur Beschleunigung einsetzen. Für die Untersuchungen liessen die Wissenschafter Pferde auf Kraftmessplatten, die präzise den Druck der Hufe auf den Untergrund messen, traben und filmten die Tiere beim Galopp auf einem Laufband. Aus den so gewonnenen Daten berechneten sie den Bewegungsablauf für ein Vorderbein. Dabei bezogen sie die Winkel aller Gelenke, die Kräfte, die auf Muskeln und Sehnen einwirkten, sowie die Beschleunigung der verschiedenen Teile des Beins in die Rechnung ein. Als die Forscher die Bewegung anschliessend in einem Computer simulierten, entdeckten sie den Katapult-Mechanismus: Während der Vorderhuf des Pferdes aufgesetzt ist und sich der Oberkörper im Schwung über diesen hinweg nach vorne schiebt, werden die Muskeln und Sehnen gedehnt. Die dabei gespeicherte Energie wirft das Bein anschliessend katapultartig nach vorne und macht es damit bereit für den nächsten Schritt. Nur so könnten Pferde die schnelle Schrittfolge bei einem Galopp durchhalten, erklärt Wilson. Die Katapult-Muskeln, die einen hohen Anteil an langfaserigem Kollageneiweiss enthalten, das sich gut dehnen lässt, produzieren laut den Berechnungen der Forscher rund hundertmal mehr Leistung als ein nur über Muskelkontraktionen funktionierender Bewegungsapparat. Auch bei Kamelen und Straussen vermutet das Team einen ähnlichen Mechanismus. Schliesslich hätten alle grossen und langbeinigen Tiere das Problem, dass grosse Muskeln langsamer und weniger effizient sind als kleine, erklärt Wilson. Selbst der Mensch könnte seine Muskeln und Sehnen als Gummibänder gebrauchen, vermutet er. Auf ihren Kraftmessplatten und Laufbändern schreiten und rennen deshalb – ausser Pferden, Straussen und Kamelen – auch Versuchspersonen. Haben also Katapulte den Weltrekordhalter Tim Montgomery in 9,78 Sekunden über die 100-Meter- Distanz geschleudert? In einigen Jahren sollte die Antwort hierauf bekannt sein, hofft Wilson im Artikel von Nature… Würde er Rolfing kennen, hätte er die Antwort bereits heute zur Hand!
Und dann dasselbe beim Menschen im Jahr 2008: „Auf den Spuren der Rumpfmuskeln“ erschien im Schweiz.Med.Forum: www.dr-walser.ch/rumpfmuskeln.pdf . Was mir dabei ins Auge gestochen ist: „Dabei zeigt sich, dass die Rumpfmuskulatur beim Patienten mit chronischen Rückenschmerzen tendenziell früher aktiviert wird – und nicht verspätet!“ Und dann den Schluss daraus: „Übungen zur Stabilisierung der Wirbelsäule (gemeint ist das Auftrainieren der Mm. obliquus ext., obl.int. und des transversus abdominis – Zitat: „Bei Bewegungen des Rumpfes werden diese Muskeln vorsorglich aktiviert, um der Wirbelsäule zusätzlichen halt zu geben.“) stellen bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen indessen nach wie vor eine sinnvolle therapeutische Intervention dar.“ Man könnte diese Resultate aber auch ganz anders interpretieren. Im Rolfing unterscheidet man ein allgemeines Prinzip der optimalen Bewegung und auch Haltung, eine allgemeine Bedingung wäre besser, und eine kleine Zahl spezieller Bedingungen (die nicht ganz immer eingehalten werden können). Die allgemeine: Jede Bewegung wird durch selektive Reduktion von aktiver Spannung ausgelöst. Allgemein und physikalisch korrekt: Jede Zustandsänderung (Beschleunigen, Bremsen, Richtungsänderung) des Körpers oder eines beliebig kleinen Teils des Körpers wird durch eine Nettokraft bewirkt, die bei selektiver Reduktion von aktiver Spannung in Erscheinung tritt. Diese Nettokraft ist immer die Schwerkraft oder die elastische Kraft gedehnter Faszien oder beides. Beim optimalen Stehen geben in einer leichten Faltung die gedehnten Faszienschlingen so dem Körper den Halt wie gespannte Gummibänder – und nicht die Rumpfmuskeln (siehe genauer zusammengefasst hier: www.dr-walser.ch/oekonomie_der_bewegung.pdf).
Manchmal muss man die allgemein gültige Ansicht verlassen und das Ganze mit mehr Distanz betrachten. Es geht dabei aber ein Bruch auf (nach Bachelard: siehe dazu mein Gespräch mit dem Hans Flury: dr-walser.ch/hansflury), der für uns Wissen-schafter schwer zu ertragen ist.
Weitere Körperarbeit als Ergänzung
Man kann überspitzt sagen, dass wir durch dieses Intrinsisch-Werden der Bewegung, durch die Aktivierung der Kernstrukturen und durch die Verbesserung des Gleichgewichtes in der „Normal Function“ des Rolfings „kostenfrei“ auch die spiralige Verschraubung der Körperstruktur erreichen, die im Konzept der Spiraldynamik angestrebt wird. Sie ist eine wunderbare Ergänzung zum Rolfingprozess: Stabilität und Flexibilität kann dadurch noch zunehmen. Umgekehrt profitiert die Spiraldynamik durchs Rolfing in besserem Gleichgewicht und in der Verlagerung auf die intrinsische Bewegung.
Dies kann man auch über sehr gut angeleitetes Pilates, Feldenkrais und die Alexandertechnik behaupten.
Die hoch besungene „Stärkung“ dieser Rumpfstabilisatoren (Tiefenmuskeln) erreicht man übrigens frank und frei mit gut ausgeführtem Joggen – oder auch mit Wandern/Gehen/Flanieren oder (fischähnlich gutem) Crawlen!
Yoga, Tai Chi, … als Ergänzung
Was kann ich mit Sicht aus der Strukturellen Integration (Rolfing) her betrachtet, von Yoga (und anderen asiatischen Bewegungslehren, wie Tai Chi, Qigong,… und Kampfformen, wie Karate, Judo, Kendo, Wendo,…) erwarten, falls sie „gesundheitlich günstig“ sein sollen – man könnte auch „ökonomisch“ sagen, d.h. schonend für unserer Gelenke, Sehnen und Muskeln?!
Ziele dieser Anwendungen, die häufig genannt werden, können unter Folgendem zusammengefasst werden:
Der „gleichmütige“ Geist des „Not to do!“, des Loslassens ist stärker, als das „To do!“ (Nicht schwimmen, sondern dich vom Fluss tragen lassen): Der Geist des Tao und des Zen.
Zentriert und stabil aus der Mitte (Hara, Kundalini, etc.).
„Aufrecht, biegsam und stark wie das Schilfrohr im Wasser oder wie der Bambus.“
Aus der Strukturellen Integration kennen wir das Prinzip der unangestrengten, ökonomischen Bewegung (und Haltung) im Gleichgewicht mit Bewegungsbeginn durch Reduktion der vorhandenen aktiven Spannung im Körper. Ich „lasse mich Gehen“ (und meine Beine schwingen sekundär hinten nach) und gehe nicht aktiv (hinter meinen Beinen nach). Die „Gratiskräfte“ werden entdeckt und benützt (Schwerkraft und Stützkraft der Erde, elastische Spannkraft des Bindegewebes) und höchstens minimal die Muskelkraft und wenn, dann primär die intrinsischen, tiefen, achsennahen Kernmuskeln. Länger und weiter werden ist das Ziel. Zuviel aktive Muskelarbeit verkürzt und verspannt unsere Oberfläche und staucht unseren Innenraum. Ökonomische Bewegung ist ruhig, schwingend und geschmeidig (katzenartig). Die Stabilität unseres Körpers entsteht durch Länge und aus dem Bindegewebe (und bleibt dabei beweglich und elastisch) – und nicht mit Muskelkräftigung (mit der Gefahr von Steifigkeit und Enger-Werden): Lesen Sie dazu meine Blogbeitrag übers „Body Stocking„)
Dieser Anfang mit Spannungsreduktion ergibt ein „Not to do!“, eine isometrische „Tiefenaktivierung“ (Stabilität aus dem Bindegwebecontainer und dem Core) ergibt also eine Zentrierung und die dabei gleichzeitig mögliche Entspannung (der Oberfläche), die Biegsamkeit des Bambus! Dies ist auch eine Voraussetzung, dass unser Innenraum länger und weiter, unser Körper aufrecht und im Gleichgewichtsein kann.
Und: nicht ZU aufrecht (bei „gehaltenem“, zu aufrechtem Stehen kommt das Becken nach vorn und man beginnt voll „in seiner Oberfläche zu hängen“ und damit die oberflächlichen Muskeln zu spannen (v.a. die äussere Bauchwand, Quadriceps und den Nacken) – damit verhindert man absolut die wichtige Tiefenaktivität und Zentriertheit! Füsse, Unterschenkel, Oberschenkel, Rumpf und Kopf sollten etwas eine Mittellinie in Form einer Zickzacklinie aufweisen. Unser Oberkörper weist dabei eine vorne konvexe Form auf (Brustbein senkrecht, Schultergürtel und Kopf liegen locker und balancierend oben drauf).
Wenn man bei den östlichen Bewegungs- und Kampfformen etwas Grundsätzliches bemängeln will, dann vielleicht der fehlende Bezug zum Alltag, zu unserer alltäglichen Bewegung und Haltung. Hier kann u.a. die Strukturelle Integration (Rolfing) und darin vor allem der aktive Teil der Bewusstseinsbildung (auch „Rolfing Movement“ oder „Normal Function“ genannt) ein sehr nützliches Bindeglied sein.
Seit den grundlegenden Arbeiten von Travell und Simons („Myofascial Pain and Dysfunction“, Williams & Wilkins, Baltimore, 1983/92) existiert ein neues Paradigma der Schmerzmedizin: Viele Bewegungsapparat-Schmerzen haben ihren Ursprung in der Muskulatur. Durch Überlastung oder Überdehnung können in einem Muskel Zonen unbeweglicher Zellen entstehen, die schlecht durchblutet und daher schmerzhaft werden. Diese erkrankten Muskelstellen lassen sich tasten: Hartspannstränge mit empfindlichen Stellen (sog. Triggerpoints). Dort lässt sich ein Schmerz provozieren, der oft in andere Körperregionen ausstrahlen kann (sog. Referred pain). Durch geeigneten manuellen Druck und Dehnung dieser Triggerpunkte, zusammen mit Faszientechnik, passiver und aktiver Dehnung des ganzen Muskels lässt sich der Schmerz und zusammenhängende vegetative und neurologische Symptome auch nach langer Zeit wieder beseitigen. Damit können häufig auch unklare Schmerzzustände (wie chronische Kopfschmerzen, Zustände nach Schleudertrauma, chronische Prostatitis und andere Beckenschmerzen (auch Dysmenorrhoe), Gesichtsschmerzen (auch Kieferschmerzen oder Glossitis), Karpaltunnelsyndrom, Tennis- oder Golfer-Ellbogen, chronische Achillessehnenschmerzen, etc. gelöst werden. Es ist aber sehr wichtig, dass man durch diese lokale Therapie die Gesamtintegration des Körpers nicht stört, d.h. es erfordert auch eine Kombination von lokaler Arbeit mit der strukturellen Integration (Rolfing!). Diese Technik, die neben dem Bindegewebe (im Rolfing) auch den Muskel einbezieht und damit ergänzend wirkt, habe ich im IMTT gelernt (www.imtt.ch).
Beispiel einer Schmerzausstrahlung (hier aus Triggerpunkten der Scalenimuskel):
Evidenz / Forschung:
Hoffnungsträger gegen Rückenschmerz Eine kognitive Funktionstherapie (wie ich sie in meinen Rolfingsitzungen zu vermitteln versuche) kann Menschen mit chronischen Rückenschmerzen langfristig spürbar helfen. Das belegt eine gross angelegte Studie aus Australien. Chronische Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten und belastendsten Volkskrankheiten weltweit. Viele Betroffene finden nur kurzzeitig Linderung durch Therapien, Medikamente oder chiropraktische Behandlungen. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Cognitive Functional Therapy (CFT) Symptome nachhaltig mildern kann. CFT berücksichtigt körperliche und psychologische Faktoren gleichermassen. Die Teilnehmenden lernen, Bewegungsangst abzubauen, Fehlhaltungen zu korrigieren und Strategien für mehr Bewegung und eine bessere Alltagsbewältigung zu entwickeln. Für die Studie begleiteten australische Forschende 492 Patientinnen und Patienten über drei Jahre. Sie erhielten entweder CFT mit oder ohne Bewegungssensoren oder die übliche Versorgung. Nach drei Jahren schnitt die kognitive Funktionstherapie deutlich besser ab als die Standardbehandlung. Beide CFT-Gruppen berichteten von weniger Einschränkungen und geringeren Schmerzen. Der Einsatz von Bewegungsbiofeedback durch Sensoren, der ursprünglich als Verstärkung gedacht war, brachte keinen zusätzlichen Nutzen. Die Forschenden folgern, dass vor allem der individualisierte, bio-psychosoziale Ansatz der Therapie entscheidend ist. Quelle: Hancock M, et al. *Cognitive functional therapy with or without movement sensor biofeedback versus usual care for chronic, disabling low back pain (RESTORE): 3-year follow-up of a randomised, controlled trial. * Lancet Rheumatology. 2025; 7(11): e789-e798.
Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz, Embodiment und in Biorobotik (v.a. durch das Team von Prof.Dr. Rolf Pfeifer, Universität Zürich, Dep. of Informatics: www.ifi.unizh.ch/ailab/ – sehr spannend sein Buch „How the Body Shapes the Way We Think,a New View of Intelligence“) ergaben sehr ökonomische und menschliche Bewegungen von einfachsten Robotern mit den Rolfing-Prinzipien der Bewegung. Im Gegensatz dazu laufen die kompliziert Hirn-gesteuerten Roboter, z.B. von Sony, völlig unnatürlich und mit enormen Energieverbrauch.
Rückenschmerzen und keine Ende? Führt das Wuchten des Kühlschranks beim Umzug zwangsläufig zu Rückenschmerzen? Ist Bettruhe bei Beschwerden im Kreuz wirklich die beste Therapie? Und sind Röntgenaufnahmen und bildgebende Verfahren die Ultima ratio aller Diagnostik? Maurits W. van Tulder vom Vrije University Medical Centre in Amsterdam ist daran gelegen, einige verbreitete Mythen und Halbwahrheiten zu korrigieren, die sich um Rückenschmerzen ranken (M.W. van Tulder, Schwerpunkt: Rückenschmerz: Die Behandlung von Rückenschmerzen Mythen und Fakten, Der Schmerz 6/2001). Er berichtet, dass nur sehr wenige der herkömmlichen Therapieansätze wirklich halten, was sie versprechen. So konnte nachgewiesen werden, dass Bettruhe, Physiotherapie (Krankengymnastik) und Übungstherapie bei akuten Schmerzen wirkungslos bleiben. Dies gilt übrigens auch für Akupunktur. Bei chronischen Verläufen ist eine Intervention mit Antidepressiva und Akupunktur ebenfalls unwirksam. Also Schmerzen und kein Ende? Als gesichert gilt, dass die Behandlung akuter Rückenschmerzen mit entzündungshemmenden und entspannungsfördernden Medikamenten den Krankheitsverlauf verkürzen und chronische Verläufe verhindern hilft. Trotz aller Beschwerden sollte auf Bewegung nicht verzichtet werden – vor allem bei chronischen Schmerzen sollte der Behandlungsschwerpunkt auf aktiven Übungen liegen. Auch verhaltenstherapeutische Anwendungen und gemischte Behandlungsprogramme (Chirotherapie/manuelle Eingriffe, wie Rolfing oder Triggerpunkttherapien in Kombination mit Rückenschulung/Haltungs- und Bewegungsverbessernde Massnahmen (wie ich dies z.B. in meine Rolfingsitzungen integriere) erwiesen sich als zielführend.
Laufen oder joggen fördert die menschliche Evolution – Forscher überprüften, welche charakteristischen Merkmale das Laufen ermöglicht hatten. Dazu gehörte die Entwicklung von langen, federartig arbeitenden Sehnen ( > Bindegewebsfaszien als Ausläufer ), die besonders Energie sparend sind. Muskeln sorgen dann für die Stabilisierung des Körpers beim Laufen (D.M.Bramble, D.E.Liebrman, Endurance running and the evolution of Homo; Nature 432,345-352, 18 Nov 2004).
Integrative Programme gegen chronische Rückenschmerzen, die Arbeitsplatzinterventionen (Ergonomie, Alltagshaltungen), kognitive Elemente und direkte Arbeit am Patienten beinhalten, sind viel effektiver als die Arbeit am Patienten allein: siehe hier: wonca-bmj-340.htm Auch bei Nackenschmerzen nachgewiesen: Bei hartnäckigen Nackenschmerzen sollte man nicht gleich zu Schmerzmitteln greifen. Besser sind Übungen, die man bis zu achtmal täglich macht. Auch Wirbelsäulen- Manipulation durch eine Fachperson, etwa einen Physiotherapeuten, half besser als Medikamente. Das zeigt eine Studie der Northwestern Health Sciences University in Bloomington (USA) mit fast 300 Teilnehmern (Annals of Internal Medicine, 2012 Jan 3;156(1 Pt 1):1-10).
Influence of Rolfing Structural Integration on Lower Limb Mobility, Respiratory Thorax Mobility, and Trunk Symmetry: A Retrospective Cohort Study J Clin Med. 2025 Aug 29;14(17):6123. doi: 10.3390/jcm14176123. Authors Robert Schleip 1 2 , Helen James 3 , Katja Bartsch 1 , Eric Jacobsen 4 , David Lesondak 5 , Marilyn E Miller 6 , Andreas Brandl 1 Affiliations 1 Conservative and Rehabilitative Orthopedics, TUM School of Medicine and Health, Technical University of Munich, 80333 Munich, Germany. 2 Department for Medical Professions, Diploma Hochschule, 37242 Bad Sooden-Allendorf, Germany. 3 Department of Physical Therapy, California State University, Fresno, CA 93740, USA. 4 Department of Global Health and Social Medicine, Harvard Medical School, Boston, MA 02115, USA. 5 Department of Family and Community Medicine, University of Pittsburgh Medical Center (UPMC), Pittsburgh, PA 15219, USA. 6 Department of Physical Therapy, University of St. Augustine for Health Sciences at San Diego, San Diego, CA 92069, USA. PMID: 40943880 PMCID: PMC12428785 DOI: 10.3390/jcm14176123 Abstract: Background: Previous research highlights the potential of Rolfing structural integration (SI)-a force-based mobilization of fascia-in modifying postural alignment and joint mobility. This retrospective cohort study builds upon prior work to explore the influence of SI on lower limb mobility, trunk symmetry, and respiratory thoracic expansion. Methods: We conducted a retrospective secondary analysis of data drawn from the archive of clinical records as in our previous publication. A total of 563 subjects (aged 18-60 years, BMI 19-29) who completed 10 SI sessions were included. Outcomes evaluated included passive hip flexion (right/left), passive knee flexion mobility (right/left), trunk length symmetry, and chest diameter at normal breath as well as in full inspiration. Wilcoxon signed-rank tests were used for statistical analysis. Results: All parameters showed statistically significant improvements post-intervention (p < 0.001), including increased thoracic expansion, enhanced trunk symmetry, and improved mobility in hip joint flexion and knee flexion. Conclusions: Ten sessions of SI were associated with statistically significant improvements in lower limb mobility, trunk symmetry, and respiratory thoracic mobility. These findings support the role of SI in addressing postural and mobility-related dysfunctions through fascia-oriented mobilization.
Front Pediatr. 2015 Sep 10;3:74. doi: 10.3389/fped.2015.00074. eCollection 2015. Myofascial StructuralIntegration Therapy on Gross Motor Function and Gait of Young Children with Spastic Cerebral Palsy: A Randomized Controlled . Loi EC et al. Abstract: Though the cause of motor abnormalities incerebral palsy is injury to the brain, structural changes in muscle and fascia may add to stiffness and reduced function. This study examined whether myofascial structural integration therapy, a complementary treatment that manipulates muscle and fascia, would improve gross motor function and gait in children <4 years with cerebral palsy. Participants (N = 29) were enrolled in a randomized controlled trial (NCT01815814) or Open Label Extension. The main outcome was the Gross Motor Function Measure-66 assessed at 3-month intervals. Gait (n = 8) was assessed using the GAITRite(®) electronic walkway. Parents completed a survey at study conclusion. Comparing Treatment (n = 15) and Waitlist-Control groups (n = 9), we found a significant main effect of time but no effect of group or time × group interaction. The pooled sample (n = 27) showed a main effect of time, but no significantly greater change after treatment than between other assessments. Foot length on the affected side increased significantly after treatment, likely indicating improvement in the children’s ability to approach a heel strike. Parent surveys indicated satisfaction and improvements in the children’s quality of movement. MSI did not increase the rate of motor skill development, but was associated with improvement in gait quality. PMID: 26442234 [PubMed]
J Phys Ther Sci. 2017 Jun;29(6):1010-1013. doi: 10.1589/jpts.29.1010. Epub 2017 Jun 7. Influence of structural integration and fascial fitness on body image and the perception of back pain. Baur H et al. Department Sport Science, University Innsbruck, Austria. Abstract: [Purpose] The aim of this study was to examine the influence of Structural Integration and Fascial Fitness, a new form of physical exercise, on body image and the perception of back pain. [Subjects and Methods] In total, 33 participants with non-specific back pain were split into two groups and performed three sessions of Structural Integration or Fascial Fitness within a 3-week period. Before and after the interventions, perception of back pain and body image were evaluated using standardized questionnaires. [Results] Structural Integration significantly decreased non-specified back pain and improved both „negative body image“ and „vital body dynamics“. Fascial Fitness led to a significant improvement on the „negative body image“ subscale. Benefits of Structural Integration did not significantly vary in magnitude from those for fascial fitness. [Conclusion] Both Structural Integration and Fascial Fitness can lead to a more positive body image after only three sessions. Moreover, the therapeutic technique of Structural Integration can reduce back pain. PMCID: PMC5468186 Free PMC Article
Wilczyński J, Habik Tatarowska N, Mierzwa Molenda M. Deficits of Sensory Integration and Balance as Well as Scoliotic Changes in Young Schoolgirls. Sensors (Basel). 2023 Jan 19;23(3):1172. doi: 10.3390/s23031172. PMID: 36772216; PMCID: PMC9919114. Abstract: The aim of this study was to assess the relationship between sensory integration and balance deficits as well as scoliotic changes in young schoolgirls. The study comprised 54 girls aged 11 years with scoliotic changes. The Clinical Test of Sensory Integration and Balance of the Biodex Balance System platform were used to analyze the deficits in sensory integration and balance. Scoliotic changes were assessed using the Diers Formetric III 4D optoelectronic method. In the present study, there was a significant relationship between sensory integration and balance deficits as well as spine curvature angle (°) (p = 0.01), vertebral surface rotation (°) (p = 0.03), pelvic tilt (°) (p = 0.02), and lateral deviation (mm) (p = 0.04). The integration of the sensory systems has a positive effect on the structure of the intended and controlled movement as well as body posture and the development of the spine. In the treatment of scoliotic changes, one should also consider exercises that improve sensory integration as well as position and balance reactions. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9919114/
J Clin Med. 2022 Oct 5;11(19):5878. doi: 10.3390/jcm11195878. Influence of Rolfing Structural Integration on Active Range of Motion: A Retrospective Cohort Study, Andreas Brandl et al. Abstract:
Background: Recent work has investigated significant force transmission between the components of myofascial chains. Misalignments in the body due to fascial thickening and shortening can therefore lead to complex compensatory patterns. For the treatment of such nonlinear cause-effect pathology, comprehensive neuromusculoskeletal therapy such as the Rolf Method of Structural Integration (SI) could be targeted. Methods: A total of 727 subjects were retrospectively screened from the medical records of an SI practice over a 23-year period. A total of 383 subjects who had completed 10 basic SI sessions met eligibility criteria and were assessed for active range of motion (AROM) of the shoulder and hip before and after SI treatment. Results: Shoulder flexion, external and internal rotation, and hip flexion improved significantly (all p < 0.0001) after 10 SI sessions. Left shoulder flexion and external rotation of both shoulders increased more in men than in women (p < 0.0001) but were not affected by age. Conclusions: An SI intervention could produce multiple changes in the components of myofascial chains that could help maintain upright posture in humans and reduce inadequate compensatory patterns. SI may also affect differently the outcome of some AROM parameters in women and men.
Ein sehr gutes Übungsbuch der „Normal Function“, d.h. ökonomischen Alltagsbewegung: Die neue Leichtigkeit des Körpers, Dr.med.H.Flury, Rolfer und Arzt (PDF hier).
Hubert Ritter: „Rolfing – Strukturelle Integration“, München 2012, ISBN: 978-3-9812781-1-8
Eine „Kyphose“ (griechisch: Buckelung) der Wirbelsäule im Brustbereich führt zum Rundrücken.
Die sogenannte Lendenlordose ist ein Hohlkreuz. Das Hauptproblem des Rundrückens besteht darin, dass er mit dem Alter zunimmt, besonders schnell zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Man schätzt, dass 20-40% der Menschen über 60 Jahre an Hyperkyphose leiden. Diese führt zu erheblichen Beschwerden: Schmerzen, Sturzneigung, eingeschränkte Lungenkapazität, verminderte körperliche Belastbarkeit, Magen-Darm-Probleme und zu wenig Platz im Brustraum, was auch Herz-Kreislauf-Probleme verursacht. Zudem erhöht sich die Sterblichkeit.
Überraschend ist, dass nur etwa ein Drittel der ausgeprägten Hyperkyphosen auf osteoporotische Wirbelfrakturen zurückzuführen ist. Es gibt sogar Hinweise, dass der Rundrücken selbst Wirbelfrakturen verursachen kann.
Witwenhöcker – heute auch Smartphonehöcker oder ihunch
Ich beobachte derzeit eine starke Zunahme von sogenannten „Witwenhöckern“, die früher nur bei Frauen über 70 auftraten, nun aber auch bei sehr jungen Menschen. Die Ursache liegt auf der Hand: Überall – auf der Strasse, in der Strassenbahn – sehen wir diese neue Haltung, die durch das ständige Starren auf das Smartphone entsteht.
(Foto: SZ-Grafik: Michael Mainka: Quelle: Dr. Ken Hansrai)
Je schiefer der Kopf, umso grösser die Belastung für den Nacken: Zerren bei einer Neigung von 15 Grad noch rund 12 Kilogramm an den Halswirbeln, so sind es bei 60 Grad bereits mehr als doppelt so viel. Das ständige Starren auf Smartphones ruft deshalb früher oder später einen Rundrücken hervor.
Rundrücken durch Krafttraining/Bodybuilding
Das Training unserer oberflächlichen Muskeln führt stets zu einem Ungleichgewicht: Die Vorderseite wird kräftiger und verkürzt, während die Rückseite schwächer bleibt und einen Rundrücken im Brustbereich entwickelt. Ein Beispiel ist der „Sixpack“, der auftrainierte Rektusbauchmuskel. Er verkürzt sich und zieht das Brustbein stark nach unten, was einen Buckel formt. Dies sieht man deutlich bei allen Bodybuildern:
Beim Benützen von Wanderstöcken beim Berggehen besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf das Einstecken der Stöcke konzentriert und dabei jeweils nach unten schaut. Der Hals streckt man dabei nach vorne – und es kann daraus sogar ein Rundrücken entstehen. Mehr über Wanderstöcke.
Was tun?
Zunächst tröstet es den Menschen, dass unser Körper, selbst die Knochenzellen und die Wirbelsäule, sehr anpassungsfähig sind und sich nach dem Prinzip „form follows function“ auch im hohen Alter noch verändern können. Um einen Rundrücken oder andere Wirbelsäulendeformationen wie Hohlkreuz, Flachrücken oder Skoliose zu therapieren, muss man daher die Funktion, also die Alltagsbewegungen, zum Positiven verändern.
Für eine erfolgreiche Korrektur des Rundrückens wäre wichtig, dass wieder die drei Eigenschaften des Gleichgewichts des menschlichen Körpers erfüllt wären.
Auf dieser Abbildung sieht man links eine normal geschwungene Wirbelsäule und rechts eine Hyperkyphose der Brustwirbelsäule. Bei diesem Rundrücken rechts fehlen folgende Kriterien eines Gleichgewichts:
A) Tiefenaktivität oder Kernstabilisierung und Oberflächenentspannung
Unser Gleichgewicht profitiert, wenn tiefe Strukturen in unserem Körper aktiv werden und die Stabilität übernehmen, während sich oberflächliche Muskeln entspannen. Diese tiefen Strukturen nennt man „tiefe Rumpfstabilisatoren“, „lokale Muskeln“ oder „Core“ (dazu gehören die Psoasmuskeln, der Beckenboden = M. Pubococcygeus, M. Transversus abdominis, Mm. Multifidi und Mm. Rotatores, M. Serratus, M. Longus colli,).
Jede optimal ausgeführte Alltagsbewegung und -haltung beginnt mit der Aktivierung dieses lokalen Systems, also der tiefen Rumpfstabilisatoren. Erst wenn diese aktiv sind, können die globalen, oberflächlichen Muskeln ökonomisch und entspannt arbeiten.
Beim Rundrücken ist es wichtig, dass sich die verkürzte Vorderwand des Oberkörpers wieder entspannt und verlängert. Dafür ist der zweite Punkt nötig:
B) Hüftgelenksaktivität oder „Hüftachse hinter dem Lot“
Ein aktives Hüftgelenk fördert das Gleichgewicht besser als das Knie, das oft sprachlich im Vordergrund steht: „in die Knie gehen“, „Kniebeuge“. Ein gutes Beispiel dafür ist die „halbe Hocke“, die hauptsächlich aus den Hüftgelenken kommt.
Achten Sie beim Gehen auf die Federung aus der Hüfte (Hüftachse hinter Schulterachse) und beim Stehen auf eine leichte Faltung. Für optimales Stehen und Gehen im Gleichgewicht lesen Sie „Ökonomie der Bewegung“.
C) Lange Mittellinie mit vorne konvexer Form
Eine lange Mittel- und Frontallinie des Rumpfs, von Kinn bis Schambein, fördert die Balance und die beiden genannten Qualitäten. Diese Linie schafft einen langen Innenraum des Oberkörpers, den man durch eine vorne konvexe Mittellinie erreicht – also durch ein senkrechtes Brustbein und ein Schambein, das hinter dem Lot liegt. So können Schultergürtel und Kopf ruhig auf dem Rumpf balancieren.
Studien zeigen, dass die aufrichtenden Multifidi-Muskeln der Wirbelsäule erst aktiv werden, wenn die Mittellinie des Rumpfs vorne konvex ist. Bei einem Rundrücken, der hinten konvex ist und das Becken vor das Lot bringt, bleiben diese Muskeln inaktiv.
Diese Eigenschaften des Gleichgewichts und damit die funktionell bessere, sprich ökonomischere Alltagsbewegung können Sie im ROLFINGlernen.
Falten gegen eine Wand
Mehr Raum im Oberkörper stärkt Herz und Kreislauf. Im Laufe des Lebens verkürzt sich bei uns Menschen die Frontallinie, was oft zu einem Rundrücken im Alter führt. Methoden wie Rolfing, Alexandertraining und Pilates können die Frontal- und Mittellinie verlängern, den Oberkörper aufrichten und mehr Innenraum schaffen. Diese Techniken zielen darauf ab, die tiefen Rumpfmuskeln zu aktivieren und die oberflächlichen Muskeln zu entspannen.
Katzen haben schon immer gewusst, was sich gegen eine Verkürzung der Vorderwand machen lässt: