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Diagnostik bei chronischem Verlauf
15 bis 20% erkranken im Laufe des Lebens mindestens einmal an einer
Urtikaria-Episode. Meist klingen die juckenden und quälenden Quaddeln-Episoden zwar nach Tagen oder Wochen wieder ab, bei
wiederum 20% aber chronifiziert sich das Ganze (d.h. definitionsgemäss:
dauert länger als 6 Wochen) und bedarf Ausschluss gewisser spezifischer
Ursachen (v.a. wegen der unterschiedlichen Prognosen und Therapie - oder zur
Ursachenvermeidung):
- Bei 75% einer chronischen Urtikaria findet man keine Ursache! Diese
sogenannte "idiopathische" dauert durchschnittlich 3 - 5
Jahre, nach 1 Jahr sind bereits wieder 50% ausgeheilt (auch ohne Therapie!).
In 50% ist diese Form mit einem Angioödem kombiniert (dies ist eine
Schwellung der tiefen Dermis und Subkutis und schmerzt eher als es juckt.
Schleimhäute sind dabei häufig mitbeteiligt und die Persistenz der Quaddel
ist länger als bei der Urtikaria (dort verschwindet sie wieder innert 24
Stunden), d.h. bis 72 Stunden. Es liegt häufig eine Autoimmungeschehen vor
(Eigenserum-Quaddel-Test positiv).
- Falls "physikalische" Ursachen vorliegen (in 15% aller
chronischen Urtikaria) dauert alles länger: durchschnittlich 6 bis 9 Jahre
und nach einem Jahr sind erst 20% wieder geheilt.
Physikalisch heisst Auslösung durch Anstrengung, Schweiss, Reibung, Druck,
Kälte, Wärme oder selten Licht. Hier sind Antihistaminika meist
ineffizient. Man gibt dann Rheumamittel (NSAID) oder Kotikosteroide (ev.
H2-Blocker, ev. Antileukotriene, Pestwurzextrakte?).
- Allergische Ursachen (IgE-vermittelt) liegen nur in 2 bis 3% vor
(Nahrungsmittel sind also höchst selten schuld!)! Dabei ein Wort zur
unseriösen Patientenabzocke mit den teuren IgG-Antikörpertests, die ein
Riesenblödsinn zum Nachweis von Nahrungsmittelallergien sind! Ein echter
Allergietest bestimmt eben nicht das IgG, sondern einen andere Klasse von
Antikörpern namens IgE. Diese verursachen allergische Symptome wie Jucken,
Urtikaria, laufende Nase oder brennende Augen. Wenn Sie heute Bananen essen,
haben Sie morgen IgG-Antikörper gegen Bananen-Eiweisse im Blut. Das ist
eine normale Reaktion des Immunsystems im Darm. Daraus aber eine
Lebensmittelallergie abzuleiten, ist barer Unsinn und
Patienten-Verunsicherung! Im Gegenteil schützen hohe
IgG-Antikörper-Spiegel sogar vor Allergien! Obwohl nur etwa 2% der
Erwachsenen an Nahrungsmittelallergie leidet, glaubt nach Umfragen jeder
fünfte Erwachsene, daran zu leiden. Ein Riesenmarkt also für Tests, die
mehrere hundert Franken kosten können. Bei den umstrittenen Analysen werden
IgG-Antikörper gegen bis zu 280 Nahrungsmittel gemessen. Es folgen mehrere
Monate Meiden der "Allergenen" und sog. Rotationsdiäten... ein
teurer, aufwendiger und sinnloser Hokuspokus!
- Der Stellenwert von Infektionen als Ursache der Urtikaria ist
umstritten. Einig ist man sich im Wesentlichen darin, dass Infektionen bei
der akuten Urtikaria eine Rolle spielen. Bei der chronischen Urtikaria
spricht ebenfalls vieles für einen Einfluss infektiologischer Prozesse.
Insbesondere scheint die Infektion mit Helicobacter pylori eine Rolle zu
spielen. Nicht zu vergessen werden darf, dass die Entstehung einer
chronischen Urtikaria multifaktoriell sein kann und nicht notwenidigerweise
nur auf eine Infektion zurückzuführen sein muss. Neben der gründlichen
Anamnese und klinischen Untersuchung empfehle ich folgende Labortests:
Blutbild, CRP, Helicobacter-Antigen-Stuhltest, serologischer Test auf
Streptokokken (Anti-Streptolysin, Anti-DNAse B), Staphylokokken (Anti-Staphylosin)
und Yersinia (IgA, IgG, Immunoblot), ev. Hepatitisserologie und Parasitensuche im
Darm.
- Eine sinnvolle Abklärung bei über 6 Wochen dauernder Urtikaria ist also:
Neben den obigen Laborkontrollen: Ausschluss einer Kollagenose, TSH (da häufig eine
Autoimmun-Thyreoiditis assoziert ist), ev. Allergiescreening, ev. Suche nach
physikalischen Ursachen, ev. Eigenserum-Quaddel, ev. Provokation mit
Lebensmittel-Additiva (oder: 5 bis 7, max. 10 Tage nur Kartoffeln und Wasser
essen - verschwindet die Urtikaria ist es doch eine der seltenen
Nahrungsmittelallergien!).
Bereits bei einer akuten Urtikaria müssen Allergien auf Medikamente,
Insektengifte, Latex und Nahrungsmittel ausgeschlossen werden (obwohl sehr
selten, d.h. nur 3%).
- Eine Sonderform stellt die sog. "Urtikaria factitia", die
sich durch Dermographismus auszeichnet (man kann mit einem spitzen
Gegenstand quasi auf der Haut schreiben, d.h. es erscheinen dann als Schrift
flüchtige Quaddeln (weniger als 30 Minuten bestehend). Es leiden 2-5% der
Gesamtbevölkerung daran und der ganze Spuk dauert 2 bis 3 Jahre. Die
Ursache ist unbekannt und sie spricht sehr gut auf
Antihistaminika-Medikamente an.
Darmflora
Neuere Studien zeigen, dass ein
möglicher Kausalzusammenhang zwischen bakteriellen Dysbiosen oder Darmmykosen und
allergischen Hauerkrankungen vorliegen (TU München, Dietrich Abeck, 2000). Einer
einwöchige Phase mit Antimykotika (3x2 Nystatin) folgt eine Woche eine Sauerstoff
freisetzende Substanz, um die pathogene anaerobe Darmflora zu reduzieren (2x2 Messlöffel
Ozovit Pulver 1 Std. nach den Mahlzeiten). Daran schloss sich eine elfwöchige Phase an,
in der ein physiologisches Dünndarmmilieu geschaffen werden soll (3. bis 5. Woche: 2x3
Teelöffel Markalakt, 2x10 Amara-tropfen-Pascoe und 2x2 Tbl. Hepar-Pasc 100; dann in 6.
bis 13.Woche: zudem zu obigem noch zweimal täglich 20 bis 30 Tropfen Mischung von
Amara-Tropfen-Pascoe 25 ml, Pascopankreat novo Tropfen 20 ml, Quassia Similiaplex 20 ml
vor der Hauptmahlzeit). Etwa 50% mit chronisch-idiopathischer Urtikaria spricht auf diese
Behandlung der Darmflora an (wesentliche Besserung bis Ausheilung - aber
Achtung: bereits 50% der chronisch idiopathischen Urtikaria heilt auch spontan
innert einem Jahr ab - und alle nach 3 bis 5!).
psychosomatische Ursache
Urtikaria (Nesselsucht) wird auch sehr häufig psychosomatisch (mit-)verursacht, was man
annehmen muss, wenn sonstige Ursachen bereits ausgeschlossen wurden.
Es tritt meist dann auf, wenn die Patienten den Eindruck haben, sie würden schlecht
behandelt. Diese Patienten beschäftigen sich ausschliesslich mit dem, was ihnen angetan
wurde, ohne auf Rache zu sinnen, nach Lösungen zu suchen oder zu weinen (Die
Brennesselähnlichen Quaddeln auf der Haut werden auch als unterdrückte Tränen
angesehen!). Eine typische Äusserung wäre: "Sie taten mir eine Menge an, und ich
konnte gar nichts tun."
Die Gefässerweiterung, die bei Nesselsucht auftritt, ist eine Hautreaktion auf
schädigende Einflüsse und Verletzungen. Bei sehr intensiver Erweiterung bilden sich
Quaddeln. Diese Reaktion entspricht dem Schlag, den der Patient (seelisch) spürt.
Schwache Nesselsuchtreaktionen treten auch auf, wenn die Patienten den Eindruck hatten,
dass sie betrachtet werden, und nicht darauf zu reagieren wissen, sich vielmehr verlegen
und verwirrt fühlen.
Überlastung, Überreizung kann eine (Mit-)Ursache sein:
Dazu etwas Grundsätzliches: Wir müssen die alltäglichen Rhythmen wieder
beachten:
Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen
einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann unser Organismus seine
Funktionen wie beim resetting eines Computers immer wieder
synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand (Überlastungen,
Überreizungen, Verspannungen, Blutdruckerhöhungen, etc... und bis zu
krebsartigem Ausflippen von Organzellen mit Abwehrvorgängen des Immunsystems)
ausgleichen. Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer grösser,
und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit von selbst in
seine Ordnung und Ruhe zurückzufinden.
Unsere vorgegebenen biologischen Rhythmen scheinen auch tagsüber 90 Minuten
lang zu sein (wie die 90 Minuten Tiefschlafphasen nachts): 70 Minuten Aktivität,
dann 20 Minuten Ruhe und Erholung.
Mein Vorschlag: Alle 60 Minuten tagsüber 10 Minuten Rückzug und Pause. So
stellen Sie ihren inneren Rhythmus wieder von der Hamsterrad- zurück in die
heilsame Ruhe-Frequenz und stärken so immens das Immunsystem.
Literatur dazu: Verena Steiner, Energiekompetenz, Pendo-Verlag 2005
Antihistaminika
Diese Medikamente unterdrücken Juckreiz und Ödem (Schwellung), nicht aber
das Erythem (die Rötung). Die Dosis muss meist 1,5 bis 2 mal so hoch wie beim
Heuschnupfen gewählt werden. Man muss das Interaktionspotenziel im CYP450-System
beachten!
Eine gute pflanzliche Option ist hier die Pestwurz (Blätterpräparate: z.B.
Tesalin N).
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein "Spezialist" für obiges Thema bin. Es interessiert mich aber im bescheidenen Rahmen meiner hausärztlichen Tätigkeit. Melden Sie sich nicht in der falschen Hoffnung in meiner Sprechstunde an, um Patentrezepte zu erhalten.
Last updated 02.02.2011
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