Der essentielle ist die häufigste Form des Aktionstremors. Dieser
beinhaltet den posturalen Tremor oder Haltetremor während willkürlichen
Aufrechterhalten einer Position gegen die Schwerkraft und den kinetischen
Tremor bei Willkürbewegungen (z.B. beim Schreiben). Ein Spezialfall des
kinetischen Tremors ist der Intentionstremor bei zielgerichteten Bewegungen
(z.B. schon beim Glas anheben oder beim Zuprosten).
Davon abzugrenzen ist
unbedingt der Ruhetremor beim Parkinson, der bei Bewegungen
oder im Halteversuch (Arme geradeaus nach vorne strecken und dort ruhig
halten.) verschwindet
oder schwächer wird.
Was zittert beim essenziellen Tremor: Arme und Hände, beidseitig: 95%; Kopf:
35%; Stimme: 15%;
Beine: 20% und der ganze Rumpf in 5%.
Dies ist ein sogenannt "essenzieller Tremor", der auch
familiärer Tremor genannt wird, wenn eine genetische Anlage (autosomal-dominant) besteht (in der Hälfte der
Fälle). Dieser hat eine Frequenz von 4-12 Bewegungen in der Sekunde. Wie alle Tremorformen wird er durch emotionalen und
körperlichen Stress verstärkt. Alkoholgenuss bessert das Zittern häufig (bei
70% und dies im Gegensatz zum Parkinsontremor.).
Der Häufigkeitsgipfel des ersten Auftretens liegt zwischen 20. und 60. Lebensjahr
und der Tremor verschlechtert
sich mit den Jahren leicht, selten sogar erheblich. Die Frequenz hingegen nimmt mit dem Alter ab.
Bei über 40-Jährigen kommt er in 0.5-6.5% in der ganzen Bevölkerung vor.
Der essentielle Tremor ist damit bis zu 20-mal häufiger als der Tremor beim
M.Parkinson.
Es handelt sich immer und das ist das Entscheidende - um einen "gutartigen" Tremor, der mit
keiner anderen neurologischen oder psychiatrischen Auffälligkeit verknüpft ist.
Aber dennoch müssen bis zu 25% der Betroffenen tremorbedingt ihren Beruf
wechseln oder sich berenten lassen. Etwa 50% haben eine deutliche
funktionelle Beeinträchtigung.
Der Essentielle Tremor kann also zu einer erheblichen Behinderung führen
und wird trotzdem von manchen Mediziner auch heute noch als "benigne"
bezeichnet.
Eine Behandlung erfolgt je nach Leidensdruck: Es existieren einige
Medikamente (Propranolol und Primidon sind erste Wahl.), die den Tremor
unterdrücken (bei 50% langfristig zufriedenstellend, bei weiteren 20%
Teilerfolge). Für sehr schwere Fälle kann sogar ein chirurgischer Hirneingriff Besserung bringen
(Hochfrequenz-Stimulation des Thalamus kann das Zittern in über 90 Prozent
der Fälle zum Verschwinden bringen! - siehe unter www.tremor.org,
übrigens eine sehr umfangreiche und exzellente Seite zum ET!).
Differenzialdiagnose:
Essentieller Tremor vs. Parkinson-Tremor
Essentieller Tremor
Morbus Parkinson
Ruhetremor
+
+++
Frequenz
5-12 Hz
3-6 Hz
Tremor-Seitenbetonung
+
+++
Beinbeteiligung
+
+++
Kopfbeteiligung
+++
-
Stimmbeteiligung
+++
-
Alkoholsensitivität
+++
-
Zahnradphänomen
+
++
Positive Familienanamnese
+++ (fast 50 %)
nur 1 %
Ansprechen auf Medikamente
Propranolol, Primidon
Levodopa, Anticholinergika
Schreiben
zittrig
Mikrographie
Verlauf
stabil oder langsam progressiv
progressiv
andere neurologische Zeichen
keine
Bradykinesie, Rigidität, Verlust der
Haltereflexe, Salbengesicht
Morbus Parkinson
Abzugrenzen davon, aber viel seltener ist ein Tremor als Teil des
Parkinson-Syndroms. Der Parkinson-Tremor tritt typischerweise in Ruhe auf
und ist weniger ausgeprägt bei willkürlichen Bewegungen. Er beginnt
meistens einseitig distal in einem Arm und breitet sich mit der Zeit nach
proximal und später auf die andere Seite n- wiederum von distal nach
proximal - aus. 70% der Parkinson-Patienten haben einen Tremor; sie haben
gewöhnlich eine bessere Prognose als Patienten mit früher
Haltungs-Instabilität und Akinesie (Hypo- oder
Akinesie = wenig Mitbewegung des Körpers bei Bewegungen).
Beim M.Parkinson kann aber auch ein Aktionstremor vorkommen, alleine oder in
Kombination, und erschwert dann die Diagnose - besonders im Frühstadium.
Ein isolierter posturaler oder kinetischer Tremor bei Parkinson ist jedoch
selten. Nur die Ruhetremor-Komponente ist ein positives Kriterium für den
M.Parkinson, aber andere Tremortypen sind häufig auch vorhanden.
Beim Parkinson ist eine frühe Diagnose sehr wichtig (da gute Therapien zur
Verfügung stehen), aber auch recht schwierig. Wenn die ersten motorischen
Störungen auftreten, sind bereits 50% der Neurone degeneriert, bzw. der
striatale Dopamingehalt ist um ca. 70 bis 80% gesunken. Den motorischen
Symptomen vorausgehen können Beeinträchtigungen von Stimmung, Geruchssinn
oder Farbwahrnehmung.
Subjektive Beschwerden wie Steifheitsgefühl oder Gleichgewichtsstörungen
können dann erste Hinweise des Dopamin- Mangels sein und ein erhöhtes
Risiko für M. Parkinson darstellen. (M.
Parkinson assoziiert Lonneke M. L. de Lau, M.D. et al. Arch Neurol 2006 ; 63
: 362-365)
Hier ein Test zur Frühdiagnose des Parkinson (u.a. Eggert
K et al., Z Allg Med 2005;81:219-221):
Hat sich Ihr Geruchsinn und/oder die Farbwahrnehmung verschlechtert?
Fällt es Ihnen schwer, von einem Stuhl aufzustehen?
Haben Sie ein Gefühl von Steifheit?
Ist Ihre Handschrift im Vergleich zu früher kleiner geworden?
Hat Ihnen jemand gesagt, Ihre Stimme sei leiser geworden?
Haben Sie Schwierigkeiten, beim Gehen das Gleichgewicht zu halten?
Fühlen Sie sich manchmal plötzlich wie eingefroren, z.B. wenn Sie
durch eine Tür gehen?
Scheint Ihnen Ihr Gesicht weniger ausdrucksvoll als früher?
Zittern Ihre Arme oder Beine?
Fällt es Ihnen schwerer, Knöpfe an Ihrer Kleidung zu schliessen?
Schleifen Sie mit den Füssen, und sind Ihre Schritte kleiner
geworden?
Drei oder mehr Ja-Antworten bedeuten für Sie: Suchen Sie Ihren Hausarzt
oder Neurologen auf, der weiter gezielt nach Parkinson forschen kann.
Prävention der Parkinson-Krankheit
In mehreren Studien wurde die Vermutung geäussert, erhöhter Konsum von
Milch könnte zu einem erhöhten Risiko von Parkinson führen. Jetzt wurde
erkannt, dass ein Milchkonsum von mehr als einem halben Liter Milch pro Tag
tatsächlich das Risiko unabhängig von anderen Risikofaktoren erhöht -
aber nur für Männer! (Park M et al., Consumption of milk
and calcium in midlife and the future risk of Parkinson disease. Neurology
2005; 64: 1047-1051).
Womit ich wieder in zwei Dingen bestärkt wurde:
a) Es ist das Massvolle, welches noch gesund ist - das Masslose ist auf
die Länge schädlich (frei nach Paracelsus).
b) Milch ist eine tierische Säuglingsnahrung und hat bei uns erwachsenen
Menschen eigentlich nur wenig verloren (es sei denn, bereits
"vorverdaut" als köstliche Milchprodukte)..
Immer mehr Studien belegen eine Assoziation zwischen der Ernährung
und dem Risiko, eine Parkinson Krankheit zu entwickeln. Zwei grosse
Studien zeigten, dass eine "umsichtige" Ernährung (bevorzugte
Aufnahme von Früchten, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte,
Nüsse, Fisch und Geflügel, geringe Zufuhr von Fett, Fettsäuren - und
mässiger Alkoholkonsum) über 16 Jahre (Studienzeit) invers mit dem
Erkrankungsrisiko war. (Gao X et al.;Am J Clin Nutr
2007;86(5):1468-1494)
Siehe auch meine Bemerkungen zur mediterranen
Ernährung!
Beeren, die viel Anthocyane enthalten, wie Heidel- oder Holunderbeeren
wirken stark präventiv gegen Parkinson (A.
Dreiseitel et al., Pharmacol. Res. 2009;5:
306 – 11). Es
ist noch unklar, welche Menge Beeren tatsächlich täglich gegessen
werden müssen, um zu einer messbaren Hemmung der Monoaminooxidase A und
B zu führen. Heidel- und Holunderbeeren enthalten je zwischen 600 und
1400 mg Anthocyane pro 100 g. Zu den übrigen Nahrungsmitteln mit hohem
Anthocyananteil zählen Weintrauben, Kirschen und Rotkraut.
Davon abzugrenzen ist der Tremor als Nebenwirkung gewisser Medikamente (v.a.
Sympathomimetika bei Asthmapatienten oder bei Nikotin, Lithium, Neuroleptika
und trizyklische Antidepressiva)
bei
Kleinhirnkrankheiten (Frequenz 2-3 /Sekunde- auch bei MS)
Hyperthyreose
(Schilddrüsenüberfunktion - hat daneben noch Gewichtsverlust, Durchfall
oder Wärmeintoleranz)
Hyperkaliämien (zuviel Kalium im Blut - z.B. als Nebenwirkung
gewisser Medikamente (ACE-Hemmer)
Alkoholabusus
Dystoner Tremor
Psychogener Tremor: plötzlicher Beginn (meist bei stressbelasteten
Lebensereignissen), statischer Verlauf, spontane Remission, meist
Kombination von Ruhe- und Halte- oder Intentionstremor, meist
modulierbar (Wird der Patient aufgefordert mit einem nicht betroffenen
Körperteil (z.B. Finger oder Fuss) einen Rhythmus in einer vom Tremor
unterschiedlichen Frequenz zu klopfen, so nimmt der Tremor automatisch
die geklopfte Frequenz an.), Tremor verstärkt bei Aufmerksamkeit und
abgeschwächt bei Ablenkung. Ansprechen auf Placebo. Keine andere
neurologischen Zeichen. Sekundärer Krankheitsgewinn. Andere
Tremor-Ursachen wurden ausgeschlossen.
selten: Holmes-Tremor, Palataler Tremor
Morbus Wilson: jünger als 40 Jahre, Aktionstremor, typischerweise
weitere Symptome, wie Dysarthrie, Dystonie, Parkinson-Syndrom.
Serum-Zöruloplasmin (bei <200 mg/l eine Sensitivität von 95%!).
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein "Spezialist" für obiges Thema bin. Es interessiert mich aber im bescheidenen Rahmen meiner hausärztlichen Tätigkeit. Melden Sie sich nicht in der falschen Hoffnung in meiner Sprechstunde an, um Patentrezepte zu erhalten.
Last updated 06.08.2010
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