Tinnitus ist ein quälendes Tönen im Ohr (=Tinnitus, nach dem lateinischen Wort für "Klingeln").

"Tinnitus" ist ein Symptom, keine Diagnose!

 

 

Ursache - übersensible Ohren

Die unmittelbare körperliche Ursache von Tinnitus und auch vom Hörsturz (ein Ohr hört plötzlich fast nichts mehr) - das war die bisherige Ansicht, ist eine Durchblutungsstörung im Innenohr, die das Gehör beeinträchtigt. US-Wissenschaftler haben nun nachgewiesen, dass Tinnitus gar nicht im Ohr, sondern im Gehirn entsteht. Eine spezielle Röntgenuntersuchung (PET) machte bei den Betroffenen jene Gehirnregionen sichtbar, wo Nervenzellen das lästige Rauschen produzieren.

Uneinig sind sich die Forscher noch, wie und warum es zu der Störung kommt. Als sicher gilt jedoch: Lärm spielt eine wichtige Rolle, so ist Tinnitus bei Männern häufiger als bei Frauen, weil in den Berufen mit hoher Lärmbelastung mehr Männer arbeiten. Und Untersuchungen haben ergeben, dass Tinnitus bei jungen Menschen, die regelmässig sehr laute Musik hören, überdurchschnittlich oft auftritt.

Hinzu kommt das Bombardement an optischen und akustischen Reizen aus der Umgebung, das sich nicht einfach ausknipsen und irgendwann auch nicht mehr verdrängen lässt. Verkehrslärm, Leuchtreklamen, dudelnde Lautsprecher und Fernsehmonitore fast überall - mit den Augen kann man auch mal woanders hinsehen, aber die Ohren lassen sich weder wegdrehen noch zuklappen. Sie sind immer aufnahmebereit, und sogar im Schlaf füttern sie das Unterbewusstsein mit immer neuen Eindrücken.
Einige Forscher meinen denn auch, dass Tinnitus vor allem mit der Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen zu tun hat. Ihre Theorie: Die speziellen Filter des Gehirns, die dafür sorgen, dass wir nicht jedes Geräusch, jedes Bild in derselben Intensität wahrnehmen, sind heute oft überfordert. Denn sie müssen viel mehr "vorsortieren", als sie bewältigen können und auch das trägt dazu bei, dass das Innenohr, sozusagen als Warnsignal, die quälenden Töne erzeugt. Tinnitus kann aber auch ein Anzeichen dafür sein, dass jemand seelisch stark unter Druck steht, mit einer belastenden Situation nicht mehr fertig wird. Bei manchen entsteht dann, scheinbar ohne jede Vorwarnung, der quälende Ton im Ohr, oder es kommt zu einem Hörsturz, der im Krankenhaus behandelt werden muss. 
Ähnlich ergeht es den Menschen mit Hyperakusis. Sie reagieren überempfindlich auf normale Umgebungsgeräusche. Ihr Hörsystem dämpft entweder laute Töne nicht genügend, oder es steigert leise Töne, bis sie laut klingen. Neben vielen organischen Ursachen gelten Stress und Depressionen als Auslöser. Da ausserdem deutlich mehr Menschen in Ballungsräumen an Hyperakusis leiden, dürfte auch die akustische Überreizung ein wichtiger Faktor sein. 
Diese manchmal sehr plötzlich erzwungene "Auszeit" (eines Hörsturzes) ist zugleich eine Gelegenheit zum Nachdenken. Zwar lassen sich die Ursachen von Stresskrankheiten wie Tinnitus oder Hyperakusis meist nicht aus der Welt schaffen. Aber oft kann man sich Hilfe holen und auch lernen, so mit einer seelischen Belastung zu leben, dass man weniger darunter leidet.
"Wer nicht fühlen will, muss hören." Michael Tillmann, Psychotherapeut und Buchautor (Ich, das Geräusch. Ein Ratgeber für Tinnitus-Betroffene. Psychosozial, Giessen, 2009, 106 S.), sieht grundsätzlich in den belastenden Geräuschen eine Form von Kommunikation. "Klopfzeichen aus dem Unbewussten", die auf innere Spannungen, auf eingekapselte Konflikte hindeuten. Die Seele melde sich zu Wort. Tillmann plädiert dafür, die Signale nicht zu unterdrücken, sie vielmehr zu entschlüsseln und sich dabei eines professionellen Übersetzers zu bedienen, also einer Psychotherapie.

Tinnitus ist eine Art Phantomerscheinung, analog dem Phantomschmerz bei Amputationen von Armen oder Beinen, eine Art fatale Umorganisation der Hirnrinde. Herta Flor, Professorin für Neuropsychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat Patienten mit Tinnitus darauf untersucht. Analog zum Phantomschmerz im somatosensorischen Kortex hat sie zeigen können, dass es bei den Patienten an dem Ort, an dem die Tinnitusfrequenz repräsentiert ist, zu einer Abweichung von der Karte in bildgebenden Verfahren kommt. Der Ton ist bei Ihnen tatsächlich etwas neben der Karte repräsentiert. Und je grösser diese Abweichung war, desto stärker war der Tinnitus.  In der Hirnrinde liegen die für das Hören der verschiedenen Tonfrequenzen zuständigen Bereiche wie an einer Schnur aufgereiht. Flor beschallte Patienten mit der individuellen Frequenz ihres Tinnitustones sowie drei weiteren Frequenzen. Mit einer Magnetenzephalographie (MEG) entdeckte sie, dass die Schallverarbeitung der Tinnitusfrequenz sich auch in benachbarten Hirnareale ausbreitete, die eigentlich für andere Frequenzen zuständig waren - ein ähnliches Phänomen wie beim Phantomschmerz. Eine Therapie daraus resultiert im Üben, Töne zu hören, die in der Nähe der Tinnitusfrequenz lagen.

Ein kleiner Trost: 60 % aller Leute leiden oder litten an einem Tinnitus!

 

 

Therapie

  • Rasche Hilfe ist wichtig:  
    Je früher ein akuter Tinnitus behandelt wird, desto grösser sind die Heilungschancen. Die rasche psychologische Beratung und medizinische Behandlung können oft verhindern, dass die Ohrgeräusche chronisch werden. Auch beim Hörsturz, der jährlich rund 3000 Personen in der Schweiz befällt, bringt eine Behandlung innert weniger Stunden nach dem Vorfall die besten Ergebnisse. Deshalb arbeitet die Vereinigung Pro Audito Schweiz an einem Notfalldienst. Er soll in Zusammenarbeit mit medizinischen Telefonberatungszentren Betroffene rasch und unbürokratisch mit Spezialisten in der ganzen Schweiz verbinden. Die Teams aus Ohrenärzten, Psychologen und Hörgeräte-Akustikern sollen Patienten auch allgemeine Informationen über Tinnitus und Hörsturz zur Verfügung stellen. (Internetadressen: www.pro-audito.ch, www.tinnitus-liga.ch)
  • Zur Ruhe kommen: 
    Verschieben Sie für den Rest des Tages, wenn irgend möglich, anstrengende Termine und Verpflichtungen, gehen Sie früh schlafen. Vielleicht hat sich das Ohr dann am nächsten Morgen wieder erholt.
    Dazu etwas Grundsätzliches: Wir müssen die alltäglichen Rhythmen wieder beachten:
    Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann unser Organismus seine Funktionen wie beim resetting eines Computers immer wieder synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand (Auch Beeinflussung durch Lärm und Eindrücke... oder Verspannungen, Schmerz, Blutdruckerhöhungen, etc... und bis zu krebsartigem Ausflippen von Organzellen mit Abwehrvorgängen des Immunsystems) ausgleichen. Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer grösser, und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit von selbst in seine Ordnung und Ruhe zurückzufinden.
    Unsere vorgegebenen biologischen Rhythmen scheinen auch tagsüber 90 Minuten lang zu sein (wie die 90 Minuten Tiefschlafphasen nachts): 70 Minuten Aktivität, dann 20 Minuten Ruhe und Erholung.
    Mein Vorschlag: Alle 60 Minuten tagsüber 10 Minuten Rückzug und Pause. So stellen Sie ihren inneren Rhythmus wieder von der Hamsterrad- zurück in die heilsame Ruhe-Frequenz und stärken so immens das Immunsystem.
    Literatur dazu: Verena Steiner, Energiekompetenz, Pendo-Verlag 2005
  • Fokus wegnehmen:
    Konzentrieren Sie sich voll auf Ihr Ohrgeräusch - am besten noch in einem stillen Raum. Beschreiben Sie es ganz genau. Und es wird immer deutlicher und lauter werden!
    Dann gehen Sie in die Natur hinaus und hören auf die vielen Umgebungsgeräusche: auf die Vögel, das Rauschen der Blätter, den Wind im Gras, die Geräusche der Menschen, ein Wagen der durchfährt. Stellen Sie sich einen wunderschönen Moment vor, den Sie allein oder mit jemandem in der Natur verbracht haben. Versuchen Sie sich auch an die Geräusche dieses Augenblicks  zu erinnern.
    Sie werden nun bemerken, dass Ihr Tinnitus bereits in weite Ferne gerückt ist - und verglichen mit dem ersten Teil dieser Übung auch nur noch ein Bruchteil so laut ist!
    Genau diese Übung sollten Sie tun, wenn der Tinnitus im Alltag dominant und laut wird. Lenken Sie sich ab. Versuchen Sie den Fokus weg vom Ohrgeräusch hin auf andere Dinge zu lenken.
    Der Tinnitus ist immer so laut und dominant wie viel Gewicht SIE ihm geben!
  • Zum Arzt gehen:
    Als Ursachen kommen auch Mittelohr - (z.B. Ohrschmalzpfropf, Fremdkörper, Trommelfellperforation, Tubenmittelohrentzündung, etc.) oder Innenohrstörungen (z.B. akustisches Trauma (Disco, Walkman, Autobahnfahren mit offenem Verdeck,...), Hörsturz, innenohrtoxische Medikamente, ...), dann z.B. Diabetes, Unterfunktion der Schilddrüse, zu hohen oder zu niedrigen Blutdruck, Anämie, muskuläre Verspannungen im Nacken- oder Kieferbereich, Schleudertrauma der Halswirbelsäule, Stress, Alkoholsucht, etc..
    Primär muss man also die diversen Ursachen abklären, da einige behebbar sind!
    Nach neueren Studien nützen leider die diversen (gefässerweiternden) Therapien bei Tinnitus und auch beim Hörsturz nichts - im Gegenteil, da sie einen ev. ursächlichen niederen Blutdruck (beim Hörsturz sehr häufig) noch verstärken und weil sie arteriovenöse Anastomosen im Hörbereich, in der sog. Stria vasculata, eröffnen können - mit der Folge, dass die eigene Durchblutung unterbrochen wird (Prof.Zenner, Uniklinik Tübingen, April 2000)!
  • Hörsturzbehandlung nicht besser als Placebo!
    Ein Hörsturz ist ein durchaus häufiges Ereignis, pro Jahr sind 5-20 von 100'000 Personen betroffen. Trotzdem gibt es bisher keine evidenzbasierte Behandlung für den plötzlichen Gehörverlust. Es sind zwar positive Effekte für Steroide, Virustatika, Vitamine oder hyperbaren Sauerstoff berichtet worden - allerdings nur aufgrund von Studien mit mangelhafter Qualität, wie eine systematische Übersichtsarbeit und eine Metaanalyse zeigen. Im Placebovergleich erwiesen sich systemische Steroide als nicht wirksam. Auch zusammen mit Virustatika waren sie nicht hilfreicher als alleine. Zwischen Steroiden und den anderen genannten Therapien waren ebenfalls keine Unterschiede feststellbar. Eine gute Nachricht trotzdem: Die Spontanheilungsraten beim Hörsturz liegen nach Literaturangaben zwischen 32 und 70%.(Arch Otolaryngol Head Neck Surg 2007;133:573-81,582-8).
  • Stress abbauen:  
    Entspannungsverfahren (autogenes Training u.a.) helfen, nach anstrengenden Tagen und zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Wenn jemand seit langem mit einer seelischen Belastung fertig werden muss oder ein schlimmes Ereignis noch nicht verarbeitet hat, kann eine psychologische Beratung oder eine Psychotherapie sinnvoll sein und gleichzeitig den Heilungsprozess beim Tinnitus unterstützen.

 

so hilft die Medizin

  • Man muss also das Gehirn so umprogrammieren, dass alle Frequenzen wieder an ihrem angestammten Platz verarbeitet werden und dass die Aufmerksamkeit von der Tinnitusfrequenz abgezogen wird. Und genau das schafft eine Musiktherapie. Dort lernen die Patienten, ihr Hören nach aussen zu konzentrieren und es wieder als etwas Positives zu bgreifen, das sie kontrollieren können. Das funktioniert auch bei Hyperakusispatienten, deren Gehör auf diese Weise "abgehärtet" wird. Die Musik darf dabei nicht lauter sein als der eigene Tinnituston, damit sich das Gehirn bewusst entscheiden kann, wo es zuhört.
    Eine Weiterentwicklung davon hält die Patienten an, selbst gesanglich und mit Instrumenten zu improvisieren - alles um "ihren" Ton herum. Das gibt ihnen die Kontrolle über das eigene Hören zurück. Wer mit seinem Ton "spieln" kann, erlebt ihn nicht mehr als Bedrohung.
    Links: Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung: www.dzm.fh-heidelberg.de , Brunnen-Klinik in Bad Meinberg: www.brunnen-klinik.de .

    Dies sind Weiterentwicklungen der bisherigen Rauschtherapie:
  • Retrainingstherapie (TRT): Ein kleines Gerät, das im Ohr oder hinter dem Ohr getragen wird, sendet etwa sechs Stunden am Tag ein leises Rauschen aus. So wird das Gehör wieder für die Geräusche von aussen sensibilisiert, die Fixierung auf den Lärm im Ohr lässt nach. Ein dauerhafter Erfolg zeigt sich jedoch erst nach ein bis zwei Jahren. Bei etwa jedem dritten Patienten verschwindet das Ohrgeräusch ganz, jeder zweite kann es nach der Therapie überhören und fühlt sich nicht mehr gestört.
    Eine Einführung in Tinnitus und TRT ist unter http://www.ucl.uk/... (Englisch und Deutsch) zu finden.
    www.tinnitus-retr-hyperakus.de informiert umfassend über die Tinnitus-Retraining-Therapie.
    In der Schweiz ist der "TRT-Guru" Prof. Dr.med. B.Kellerhals in Basel.
  • Ähnlich wirkt der Neurostimulator T30CR, ein streichholzschachtelgrosser Apparat, der in der Brusttasche getragen wird und mittels Kopfhörer vier Töne abgibt, welches ein "gesundes Chaos" erzeugen. Er durchbricht damit den Tinnitus im Hirn durch verwirrende Gegenimpulse, die die Nervenzellen quasi aus dem Takt bringen sollen. Es soll eine Verminderung der Tinnituslautstärke um durchschnittlich 40% resultieren. Eine Liste der Mediziner, die im Umgang mit dem T30CR geschult wurden, findet sich auf www.anm-medical.com .
  • Die Überdruckbehandlung (hyperbare Sauerstofftherapie) ist ein relativ neues Verfahren das in Kliniken angewendet wird. Nach den Ergebnissen aktueller Studien ist diese Methode aber auch recht enttäuschend und deshalb stark umstritten (nach zehn bis 15 Sitzungen  25% Besserung - was kaum über der Spontanheilung liegt!).
  • Infusionen mit durchblutungsfördernden Medikamenten (Krankenhaus) sind kontraindiziert (siehe ganz oben)!

 

Bücher

"Leben mit Tinnitus." Richard Hallam, Rowohlt
"Die Behandlung von Ohrgeräuschen." Eberhard Biesinger, Trias
"Tinnitus-Hilfe." Bernhard Kellerhals, Regula Zogg, Karger
"Ich, das Geräusch. Ein Ratgeber für Tinnitus-Betroffene.". Michael Tillmann, Psychosozial

 

Links

www.pro-audito.ch 
www.tinitus-liga.de/

www.ohrton.de
www.tinnitus-hilfe.org/
www.tinnitus.de/
www.moestel.de/_tinn.htm
members.aol.com/chrija/tinlang.htm
Schweizerische Tinnitus-Liga: www.tinnitus-liga.ch, 033/ 971 55 73

weitere Schweizer-Beratung: www.tinnitus-beratung.ch .

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein "Spezialist" für obiges Thema bin. Es interessiert mich aber im bescheidenen Rahmen meiner hausärztlichen Tätigkeit. Melden Sie sich nicht in der falschen Hoffnung in meiner Sprechstunde an, um Patentrezepte zu erhalten.

Last updated 22.08.2010


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