Prostatakrebs und der PSA-Test

PSA-Test nie routinemässig als Screening!

Medizinische Experten raten von routinemässiger Bestimmung des PSA (=prostataspezifisches Antigen) zur Früherkennung des Prostatakrebses bei allen Männer in jedem Alter ab.

Die Resultate einer umfassenden Meta-Analyse von Sep. 2018 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=illic+d+bmj+362) sind deutlich:
Das PSA-Screening senkt die Sterblichkeit an Prostatakrebs bestenfalls in geringem Mass, hat keinen Effekt auf die Gesamtzahl von Todesfällen und verursacht eine erhebliche Morbidität, kurzzeitig durch Biopsie-Komplikationen bei falsch positiven PSA-Werten, langfristig durch erektile Dysfunktion und Urininkontinenz nach möglicher unnötiger Behandlung infolge Überdiagnose.
Die Empfehlungen lauten deshalb zu Recht, dass ein PSA-Screening im Alter ab 70 Jahren gar nicht mehr und zwischen 55 und 70 nur mit ausführlicher Aufklärung über Nutzen und Risiken, insbesondere auch über die Möglichkeit der Überdiagnose, angeboten werden soll.
Bei einem durch Screening erfassten Karzinom ist je nach histologischer Gradierung (Gleason-Score) die aktive Überwachung anstelle einer sofortigen Therapie eine validierte Variante, aber für viele Patienten schwierig zu akzeptieren. Kommentar im infomed-screen, Dez.2018:
PSA-Screening: Nutzen minim, unerwünschte Effekte beträchtlich!

Der Marker steigt z.B. auch bei den sehr häufigen gutartigen Prostatavergrösserungen an (oder bereits auch wenig nach einer ärztlichen Austastung des Enddarmes: siehe genauer hier!). Bei einer grossen Auswertung lässt sich bei zwei von drei Männern mit leicht positivem PSA-Test kein Karzinom nachweisen (Genaueres dazu weiter unten). Zudem besteht bis heute kein Konsens über die Behandlung: Der Krebs der Vorsteherdrüse wächst häufig sehr langsam, so dass frühzeitig erkannte Tumoren vor allem bei älteren Männer oft nicht klinisch bedeutsam werden.

Tatsache 1)
40 Prozent aller 50jährigen Männer haben in der Autopsie einen Prostatakrebs und nur 3% davon würden daran sterben und nur bei 17% würde er überhaupt klinisch manifest, hingegen 83% werden zeitlebens davon nichts merken! 

Bislang lässt sich zudem nicht schlüssig vorhersagen, wer von einer radikalen Entfernung der Prostata (radikalen Prostatektomie) profitiert, die mit erheblichen Komplikationen wie Tod (1,5%), Inkontinenz (2-6%) und Erektionsverlust (20 bis 80%!) einhergehen kann. Alternativ wird daher auch eine abwartende symptomorientierte Haltung empfohlen. Untersuchungen, die den langfristigen Nutzen beider Verfahren vergleichen, fehlen bislang ebenso wie zu den psychischen Auswirkungen der Vorsorge.

Schlussfolgerung: Bei nicht mehr organbegrenztem Prostatakrebs oder Lebenserwartung weniger als 10 Jahre: Therapie erst bei Auftreten von Symptomen.

Testbedingungen und Werte

  • Prostatakrebs-Häufung in der Familie (Bruder/Vater)!
  • Wunsch des Patienten…
  • PSA macht nur Sinn bei Männer mit einer Lebenserwartung von mindestens 10 Jahren, die im Falle einer erhöhten PSA / eines verdächtigen (positiven) Palpationsbefundes (trotz Wissen der Tatsache 1) bereit sind, eine Prostatabiopsie durchführen und sich bei positivem Befund auch operieren zu lassen.
  • Alter entscheidend:
    Unter 50jährig nie PSA machen lassen (ausser bei familiärer Belastung (v.a., falls Bruder oder/und Vater Prostatakrebs haben) mit Prostatakrebs bereits ab 40. Altersjahr).
    Alle Männer über 50jährig:
    Wenn ein Mann einen PSA-Wert unter 1 ng/ml aufweist, ist eine erneute Messung zu Screening-Zwecken frühestens nach 5 Jahren erforderlich – bei 60jährigen gar nie mehr!
    Bei initialem PSA kleiner 2 ng/ml: weiter zweijährlich, darüber bis 4 ng/ml jährlich.
    Über 75jährig ist Nutzen fraglich. (Studie).
  • Vor der Untersuchung mindestens drei Tage nicht Velofahren, nicht Reiten oder grössere Wanderungen und keinen Samenerguss.
    Bei Männer, die regelmässig Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac oder ähnliche Schmerzmittel einnehmen, fallen die PSA-Werte zehn Prozent niedriger aus.
    6 Monate nach Stent-Einlage am Herzen ist der PSA-Test falsch hoch.
    Im Anschluss (und nicht vorher!) muss der Hausarzt unbedingt die Prostata via Anus vom Enddarm her abtasten.

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alterskorrigierte PSA:

Die obere Grenze eines “normalen” PSA ist in etwa
bis 50jährig    2,5 ng/ml
bis 60jährig    3,5 ng/ml
bis 70jährig    4,5 ng/ml
über 70            6,5 ng/ml

PSA-Wert Chance: Prostatakrebs + ärztliche Abtastung durch Anus negativ Chance: gutartige Prostatahyperplasie
< 4 5-27% (genauer) 2,5% 85-90%
4 bis 10 15-35% 5% (positiv: 38%) 80-85%
> 10 65-70% 30-35%

PSA mit 60 Jahren unter 1 ng/ml: lebenslang keine weiteren Teste mehr!

Obwohl auch Männer mit einem PSA-Wert von weniger als 1 mcg/l später an einem Prostatakarzinom erkranken können, zeigt ein solcher Wert im Alter von 60 Jahren ein sehr niedriges Risiko für relevante Prostatakarzinome im späteren Leben an. Ein Verzicht auf weitere Screening-Untersuchungen machen deshalb bei Männern über 60 mit einem so kleinen Erkrankungsrisiko Sinn. (Vickers AJ, Cronin AM, Björk T et al. Prostate specific antigen concentration at age 60 and death or metastasis from prostate cancer: case-control study. BMJ 2010 (14. September); 341: c4521)

Wiederholung steigert Aussagekraft

PSA-Geschwindigkeit (ng/ml/Jahr, absolute jährliche Zunahme des Serum-PSA = PSAV) und PSA-Verdopplungszeit (Jahre, berücksichtigt exponentielle Natur der PSA-Zunahme und widerspiegelt somit eine relative Veränderung = PSADT = log(2) x t / (log (letztes PSA) – log (initiales PSA)) wobei t die Zeit zwischen den beiden PSA-Bestimmungen ist. ) sind aussagekräftig, da die BPH (benigne Prostatahyperplasie) ihr Volumen nur rund alle zehn Jahre verdoppelt, das klinisch organbegrenzte Carcinom aber alle drei bis vier Jahre. Diese beiden dynamischen Konzepte wurden deshalb in letzter Zeit in der Praxis immer wichtiger. Auch bei normalem PSA können so durch dessen Verlaufswerte eine Gefährdung frühzeitig gefunden werden.

“Normaler” PSA-Wert?!

Was heisst normal? Der Konsens sagt bis 4,0 ng/ml.
Von rund 18000 Männern einer Studie erhielten  9459 Plazebobehandlung, jährliche PSA-Bestimmung und rektale Palpation. 2950 hatten zu keiner Zeit ein PSA >4,0 ng/ml oder eine abnorme Rektalpalpation, hatten eine abschliessende PSA-Bestimmung und eine Prostatabiopsie. 449 von 2950 (15,2%) hatten ein Prostatakarzinom. Die Prävalenz eines Prostatakarzinoms war bei einem PSA >0,5 bei 6,6%; bei 0,6-1,0 bei 10,1%; bei 1,1-2,0 bei 17,0%; bei 2,1-3,0 bei 23,9% und bei 3,1-4,0 bei 26,9%.
Also: Der Prostatakrebs ist bei Männern mit einem PSA <4,0 ng/ml keineswegs selten, auch wenn das einem “Normwert” entspricht!
(Thompson IM, et al. Prevalence of prostata cancer among men with a protata specific antigen level <4,0 ng/ml. N Engl J Med 2004;350:2239-46)

Prophylaxe des Prostatakrebs

  • Mehr Ejakulationen weniger Prostatakrebs! Erweitert kann man aus neueren Studien auch sagen: Sexuelle Aktivitäten aller Art sind gut für die Prostata. (u.a. Rider JR, et al: Eur Urol, 29.3.2016)
  • Männer, die wenigstens drei Stunden in der Woche Sport treiben (also auch hier diese ominöse 3 in 3 – Regel!), haben ein 70 Prozent niedrigeres Risiko, dass bei ihnen fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert wird. Die Studie der Harvard School of Public Health mit einer Laufzeit von 1986 bis 2000 konzentrierte sich auf die Daten von 47.620 US-Amerikanern.
  • Männer, die zuviel Multivitamin-Präparate einnehmen, haben ein bis zu 30% erhöhtes Risiko für die tödliche Form von Prostatakrebs. Besonders hoch ist die Gefährdung, wenn diese Krebsart in der Familie gehäuft auftritt. Also: Hände weg von Multivitaminpräparaten!
  • Viel Gemüse (v.a. gekochte Tomaten, Soyaprodukte, Kohlarten): siehe www.dr-walser.ch/krebsvorsorge/!
  • Aber: Täglich mindestens 600 IU Vitamin D reduziert das Risiko für ein Prostatakrebs um 40%! (Vitamin D and prostate cancer risk: a review of the epidemiological literature, Gupta D, Lammersfeld CA, Trukova K et al. Prostate Cancer Prostatic Dis 2009 (September); 12: 215-26, http://fulltext627.notlong.com/)
  • Die Untergruppenanalyse einer Studie mit 6000 Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs, die entweder chirurgisch oder strahlentherapeutisch behandelt wurden, deckte auf, dass Aspirin der wichtigste Faktor zur Reduktion der Mortalität darstellte (nur 3% gegenüber 8% ohne Aspirin!): also 100mg Aspirin täglich! (Choe K, et al. JCO August 27, 2012; JCO.2011.41.0308)

Risikorechner

Das Prostatascreening ist Gegenstand des PRIAS-Projektes (Prostate cancer research international: active surveillance), das dort anfängt, wo ERSPC aufhört. ERSPC überblickt die Daten von 220’000 Männern aus acht europäischen Ländern (u.a. der Schweiz). Sie hoffen auf rege Teilnahme von Ärzten und Patienten, denn die Website www.prias-project.org ist für jedermann zugänglich. Ärzte können die Daten ihrer Patienten hier anonym eingeben und sie weiterverfolgen lassen. Auch Patienten selbst können ihre Daten eintragen. Neben der Dateneingabe findet sich auch ein Algorithmus, der die Überwachung leitet und der auf den Ergebnissen von drei Langzeitstudien basiert:

Risikorechner: www.prostatecancer-riskcalculator.com/via.html !

Weitere Risikoabwägung durch das sehr kompetente Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Vasektomie und Prostatakrebs?!

Einige Studien hatten einen Zusammenhang zwischen Vasektomie (Unterbindung des Mannes) und späterem Prostatakrebs ergeben. Nun wurde in einer sehr grossen Studie mit 360’000 Männern mit 30 Jahre Nachbeobachtung, 7500 tödliche Prostatakrebsfälle ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie festgestellt. In einer Subgruppe von 67’000 Patienten trat bei 9100 Prostatakrebs ohne Einfluss einer vorangegangenen Vasektomie auf. Beruhigend! (Jacobs EJ, et al. J Clin Oncol. 2016;34(32):3880-5.)

Rechter Zeigefinger zu rechtem Ringfinger…

Eine interessante Studie zeigt, dass Männer mit längerem rechtem Zeigefinger (als rechtem Ringfinger) 30% weniger an Prostatakrebs leiden. (British Journal of Cancer, 30 November 2010 © Nature Publishing Group: Hand pattern indicates prostate cancer risk. A A Rahman, A Lophatananon, S S Brown et al. )

Veröffentlicht am 12. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
31. Januar 2019

CheckUp – Sinn und Unsinn

Wer viel misst, misst auch viel Mist!

Hier gleich zu den wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen >>>

Wenn sich eine vitale Dreissigerin oder ein kerngesunder Vierziger einem Checkup unterziehen, dann prüfen Ärzte und Ärztinnen auf Herz und Nieren und wissen schon: Sie finden nichts!

Es ist schön, Gesunde bei einem Checkup zu untersuchen und ihnen schliesslich zu bestätigen, dass es ihnen tatsächlich gut geht. Störend ist allenfalls, dass im Wartezimmer Kranke warten, mit Schmerzen, Risiken und Ängsten. Bedenklich ist es vielleicht, wenn Patientinnen und Patienten nicht mehr von sich aus wissen, wie es ihnen geht. Haben wir etwa die Kunst vergessen, unsere eigene Befindlichkeit zu spüren und in uns hineinzuhorchen? Denn eigentlich wäre es ja meine Frage, die ich als Arzt gerade stellen wollte: Wie geht es Ihnen? Wenn Sie uns nicht mitteilen können, wo es fehlt, dann können wir als Ärztinnen und Ärzte dies schon gar nicht sagen.

Wer hängt eigentlich so sehr am Checkup? Vielleicht ist er noch ein Relikt aus jener Zeit, als man in der Medizin alles für machbar hielt. Und als man meinte, die moderne Diagnostik könne buchstäblich in den Körper hineingehen. Viele denken heute noch so. Einige haben diese Meinung der Realität zuliebe aufgegeben. Der lebendige Organismus funktioniert nicht nach der «Servicementalität», wie dies bei einem Auto der Fall ist. Tatsache ist jedoch, dass die Kassen, die Lebensversicherungen, das Strassenverkehrsamt und viele Arbeitgeber immer noch den Generaluntersuch als Bedingung für den Erhalt des Führerausweises oder für eine Höherversicherung verlangen. Und eine weitere Tatsache ist, dass die Ärzte ungern auf den Checkup verzichten: Sie verdienen glänzend daran. Und so wird sich der Checkup wohl noch eine Weile in der medizinischen Landschaft behaupten können. Als schlechtes Beispiel hat eine Spezialistenvereinigung, die im Raume Zürich massiv Reklame für sich macht und arg absahnt ein “Checkup-Zentrum” eröffnet. Welch medizinischer Unsinn – und welche Goldgrube… verschiedenorts als “Executive Checkup” angeboten, kostet bis zu 3500 Franken und enthält neben einer Vielzahl von Tests auch eine Computer- oder Magnetresonanztomographie (CT, MRI) des gesamten Brust- und Bauchraums – notabene Untersuchungen, die eine 200fache (!) Strahlenbelastung eines Thoraxröntgenbildes aufweisen: also ein “Checkup”, der neue Risiken schafft, als diese auszuräumen!

Infarkt nach normalem EKG

Se non è vero, è buon trovato. Man erzählt sich die Geschichte immer wieder: Ein beschwerdefreier Mann geht zum Herzspezialisten und wünscht eine kardiologische Generaluntersuchung. Dieser untersucht ihn nach allen Regeln der Kunst. Er hört ihn ab, macht ein EKG, dann den Belastungstest. Er schaut mit dem Herzultraschall und entnimmt ihm Blut. Schliesslich kann er nach bestem Wissen und Gewissen mitteilen: Ihrem Herzen geht es ausgezeichnet. Aber in den darauf folgenden Tagen kommt es zu einem fatalen Herzinfarkt.

Ein ärztlicher Untersuch bei Menschen ohne jegliche Beschwerden bringt selten etwas an den Tag. Ein schlechtes Herz, das bei den erwähnten kardiologischen Untersuchungen krankhafte Befunde zeigt, kündigt sich an. Es meldet sich mit Angina-Pectoris-Schmerzen bei körperlicher Anstrengung, mit Atemnot, mit deutlich reduzierter Leistungsfähigkeit, mit geschwollenen Füssen. Ein Krebs in einem fortgeschritteneren Stadium macht sich bemerkbar und so lange er sich noch nicht bemerkbar macht, findet man ihn in aller Regel nicht. Wenn man ihn dann findet, ist es meistens schon reichlich spät. Es gibt – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – keinen Suchtest im Sinne einer Krebsfrüherkennung. Ebenso gibt es keinen Bluttest, der auf das Vorhandensein eines bösartigen Tumors irgendwo im Körper hinweist. Die sogenannten Tumormarker, Bluteiweisse, die auf bestimmte Krebsarten hinweisen sollen, haben sich für ein Screening als ganz und gar unzuverlässig herausgestellt.

Viele Tests sind unsinnig

Was bedeutet Screening? Man versteht darunter eine breit angelegte Suchmethode nach einer bestimmten Krankheit. Die in Frage kommende Bevölkerung soll dabei möglichst vollständig diesem Suchtest unterzogen werden. Die zytologische Untersuchung des Abstrichs vom Gebärmutterhals ist ein solches Screening. Die Messung des Augendrucks bei älteren Menschen gehört ebenfalls dazu, wie auch die typischen Hausarzttätigkeiten des Blutdruckmessens, des Blutzuckers, Blutfettbestimmungen und der Blickdiagnose einer Adipositas. Aber viele solcher Tests, die auch Sinn machen und einfach durchzuführen sind, gibt es nicht. Und mancher derartige Untersuch, noch unlängst regelmässig durchgeführt, ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar und wird aus dem Repertoire der Präventivmediziner gestrichen. In Tabelle 1 sind die heute gängigen und gebräuchlichen Untersuchungen zusammengestellt. Eine gute und ausführliche Arbeit darüber finden Sie hier: Hunziker S, Hengstler P, Zimmerli L, Battegay M, Battegay E. Check-up-examinations in internal medecine. Internist. 2006;47:55-65.

Es geht hier nicht darum, Angst zu verbreiten, aber die Illusionen sind gefährlich. Es geht auch nicht darum, Patientinnen und Patienten vom Praxisbesuch fernzuhalten. Sie sollen gehen, wenn sie sich ängstigen oder schlecht fühlen. Es ist aber unerlässlich, dass wir alle wieder lernen, mehr uns selber und unserem Gespür zu vertrauen. Mindestens solange man gesund ist und auch so lebt, sollte man sich selbst mehr vertrauen als seinem Arzt. Mancher Patient oder manche Patientin, die sich bei uns untersuchen lassen, sehen in einem unauffälligen Checkup und in einem normalen Screeninguntersuch geradezu einen Freibrief, die bisherige ungesunde Lebensart munter weiterzuführen. Es ist ja alles in Ordnung: Die Ärztin hat gesagt, das Rauchen habe mir nichts angehabt. Screening, so scheint es mir, ist häufig ein Ritual, um mit der Angst vor Krebs und Krankheiten fertig zu werden.

Weitere unsinnige Untersuchungen und medizinische Interventionen werden momentan von den amerikanischen Aerzte-Fachgesellschaften gesammelt: siehe hier weiter unten.

Checkup gegen die Angst – “hidden agenda”

Hinter jedem Wunsch nach einem Checkup verbirgt sich ein Grund. Häufig ist es Angst. Weit wichtiger als der Untersuch an sich ist es, dieser Angst auf die Spur zu kommen und mit den Patientinnen und Patienten das Gespräch darüber zu finden. Ich beginne mein Gespräch beim Checkup-Wunsch des Patienten deshalb häufig mit dem Satz: “Es existieren zwei Risiken, die für den “Checkup” wichtig sind: ein familiäres (siehe unten) und ein persönliches. Sind Sie in letzter Zeit grosse gesundheitliche Risiken eingegangen?!” Hier hat dann plötzlich Platz, dass der Mann in letzter Zeit eine Prostituierte besucht hat (und nun fürchtet, eine Geschlechtskrankheit aufgelesen zu haben) – oder er hatte unsicheren Sex mit einer “Unbekannten” oder er nahm “irgendeine” Droge an der letzten Party. Dies gehört zur “hidden agenda” seines Wunsches nach einem Checkup. Sehr oft erweist es sich dann auch, dass ein Bekannter oder Verwandter eine bestimmte Krankheit hat, die man nun fürchtet. Oder die Lebensumstände haben einen grossen Wandel genommen und zur Verunsicherung geführt. Oder am Fernsehen wurde wieder einmal über eine gefährliche Krankheit aufgeklärt. Oder eben: Der frühere Hausarzt hat den Checkup empfohlen, mindestens einmal jährlich.  “Hidden agenda” bezeichnet seitens des Patienten nicht deklarierte  Beweggründe für einen Arztbesuch. Hierzu gehören auch Erwartungen, Gefühle und Ängste, welche dem Arzt nicht ohne weiteres preisgegeben werden. Mögliche Hinweise auf eine noch nicht entdeckte “hidden agenda” können sein: spürbare oder geäusserte Unzufriedenheit des Patienten; häufiger Arztwechsel; häufige Konsultationen ohne Veränderungen des klinischen Status; Patienten, welche übertrieben durch ihre Symptomatik beeinträchtigt zu sein scheinen; “schwierige” Patienten. Das Erkennen einer “hidden agenda” verhindert unnötige, fruchtlose, im schlimmsten Fall falsch positive Abklärungen, die mit dem Konsultationsgrund eigentlich nicht im Zusammenhang stehen (mehr dazu von Edouard Battegay im Schweiz med Forum 2004;4:196-199 -> check_up.PDF ).

Dazu folgende wichtige Überlegung für Männer:

(durch Anklicken bergrössern)

Gespräch als Alternative

Also kann auch der an sich unsinnige CheckUp durchaus mal Sinn machen. Im Gespräch zwischen Ärztin und Patient wird erörtert, was zur Konsultation geführt hat, was genau ist der Grund, warum gerade jetzt, was sind die Erwartungen, Hoffnungen, Ängste? Und um allfällige Befürchtungen zu zerstreuen, dürfen schon mal einige wenige und einfache Tests durchgeführt werden. Dann gibt es das Gespräch über allfällige Missverständnisse und Illusionen, was den CheckUp und die Screening-Untersuchung betrifft. Im weiteren kann aufgrund früherer schwerer Krankheiten, auch in der nächsten Verwandtschaft, das persönliche Risiko abgeklärt und ein Untersuchungsplan besprochen werden. Und schliesslich ist es durchaus sinnvoll, auch einmal über die Lebensgewohnheiten zu sprechen: das Rauchen, den Sport, das Übergewicht, den Alkohol, die Essgewohnheiten usw. Und wenn Sie dann als Patientin oder Patient von dieser Konsultation und vom Gespräch etwas von all dem nach Hause nehmen können, dann hat sich der Gang zum Arzt gelohnt. Vielleicht kann man dann diese Art von «CheckUp» anstelle des bisherigen periodischen Generaluntersuchs wärmstens empfehlen.

Und noch was: Bei erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten sind regelmässige Untersuchungen nötig. Solche Risikokonstellationen liegen etwa vor, wenn in der Familie gewisse Krankheiten aufgetreten sind, von denen man weiss, dass sie familiär gehäuft vorkommen. Wenn etwa ein Verwandter ersten Grades (Eltern, Geschwister oder Kind) an Dickdarmkrebs erkrankt oder verstorben ist, sind entsprechende Untersuchungen alle paar Jahre angezeigt. In Tabelle 2 sind die Risikogruppen und die empfohlenen Untersuchungen zusammengefasst.

Hier gleich ein Wort zu den modischen Gentests:

Gentests?!

Gemäss einer äusserst gut durchgeführten Studie ist eine simple Familienanamnese, die jeder Hausarzt macht effektiver als komplexe und kostenintensive Genanalysen! Tatsächlich werden bei einer zusätzlichen FA an 10’000 Personen 400 bis 500 Patienten mehr aufgespürt, die der Beratung und einer Betreuung für kardiovaskuläre Risiken (notabene das wichtigste Problem des heutigen Menschen) bedürfen! (Ann Int Med. 2012;156:253 und 315)

Tabelle 1: Die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen

Was: Wer: Wie oft:
Blutdruck alle ab dem 21. Altersjahr alle 3-5 Jahre Messung in Arztpraxis – ev. häufiger, falls in Familie metabolisches Syndrom
Cholesterin + weitere Blutfette a) Männer und Frauen ab 40 Jahren ohne Risiko
b) ab 20 Jahren für Personen, die rauchen oder mit familiärer Belastung für Herzkrankheiten oder erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck.
a) alle 5 Jahre Blutfettmessung
b) nach ärztlichem Rat, mind. alle 5 Jahre
Blutzucker
(Diabetes mellitus)
über 40 Jahre: übergewichtige Patienten mit einer familiären Belastung für Zuckerkrankheit (Diabetes) Nüchternblutzucker, ev. HbA1c, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Bauchumfangmessung Männer über 94 cm
Frauen über 80 cm
Kontrollen gehen zusammen mit Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker!
Brustkrebs:
a) Selbstuntersuchung
b) medizinische Untersuchung
c) Mammographie
Hohes Risiko haben Frauen mit einer Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kind) mit Brustkrebs, der vor 40 Jahren aufgetreten ist oder 2 Verwandte 1.Grades vor 60.
a) alle Frauen
b) alle Frauen
c) ?
Bei hohem Risiko: genetische Beratung und jährliche Mammographie nach 35-50jährig!
a) ideal ist monatlich nach der Menstruation
b) bei gynäkologischer Routinekontrolle
c) allgemein sehr umstritten
Eierstockkrebs Hohes Risiko haben Frauen mit 2 Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester, Tochter) mit Eierstockkrebs jeden Alters oder ein Fall von kombiniertem Brust- und Eierstockkrebs oder 1 Verwandte 1.Grades mit Eierstockkrebs jeden Alters und 1 Verwandte 1.Grades mit Brustkrebs unter 50.

b) alle Frauen?

genetische Beratung und jährlich CA 125, Mammographie und Ultraschall!

b) sehr umstritten!

Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) 3 Jahre nach Beginn Geschlechtsverkehr bis 65jährig.
Nicht mehr nach Entfernung der Gebärmutter wegen einer Ursache, die nicht Krebs war.
HPV-Test nie unter 30 Jahren.
1. und 2. Jahr jährlich, dann 3-jährlich Krebsabstrich (PAP).
Hodenkrebs alle Männer ab Pubertät oft selbst abtasten!
Dickdarmkrebs
(kolorektales Krazinom)
Hohes Risiko bei einem Verwandten 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) mit Dickdarmkrebs, der vor 40jährig auftrat – oder 2 Verwandte 1.Grades vor 70 – oder familiärer adenomatöser Polypose (FAP). Zwischen 50 und 70jährig: Dickdarmspiegelung auf ärztlichen Rat. Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen!
Und… besser als gar nichts: Stuhluntersuchung auf Mikroblutspuren (immunochemischer Test) alle 2 Jahre.
Augendruck (grüner Star) a) alle ab 50
b) Grüner Star in Familie, Diabetes, schwere Fehlsichtigkeit
a) alle 5 Jahre anlässlich Augenkontrolle
b) ab 40 Jahren, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Hautkrebs (Melanom) siehe Risikogruppe auf ärztlichen Rat
Prostatakrebs Männer ab 50 Jahren – bei familiärem Vorkommen: ab 40 je nach erstem Resultat (siehe meine Seite dazu!)

Tabelle 2: Risikogruppen

Anstelle von allgemeinen Empfehlungen werden heute viele Vorsorgeuntersuchungen gezielt für Risikogruppen empfohlen:

Hautkrebs Brustkrebs Dickdarmkrebs Herz-Kreislauf-Krankheiten
Personen, in deren direkter Verwandtschaft Hautkrebs vorgekommen ist, Hellhäutige, Lichtempfindliche, die häufig einen Sonnenbrand erlitten haben oder die oft in Aequatornähe waren und kaum braun werden, sowie Patienten mit vielen “Leberflecken” oder Flecken, die asymmetrisch, grösser als 5 mm sind oder sich schnell verändern oder wachsen. Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Nichtraucherinnen. Durch regelmässige Selbstuntersuchung können viele Formen frühzeitig erfasst werden. Eine Röntgendarstellung der Brüste (Mammographie) wird Frauen über 35 mit bekannter Brustkrebserkrankung der Mutter oder Geschwister vor deren Abänderung empfohlen. Bei allen übrigen Frauen ist sie als Screening-Methode stark umstritten. Über 50jährige, in deren Familie Darmkrebs vorgekommen ist (siehe Tab.3 unten!), sowie solche mit einer bekannten chronisch- entzündlichen Darmerkrankung sollten jährlich Stuhlproben auf versteckten Blutverlust untersuchen lassen.
Ein hohes Risiko besteht auch bei Übergewicht und bei Raucher!
Angehörige von Familien, in denen gehäuft Erkrankungen der Herzkranzgefässe oder Schlaganfälle vorgekommen sind, sowie Raucher und Übergewichtige und junge Glatzenträger sollten sich regelmässig bezüglich Blutdruck, Zuckerkrankheit oder einer Fettstoffwechselstörung untersuchen lassen. Das Ruhe-EKG hat praktisch keinen Vorhersagewert, ob jemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Seine Bedeutung liegt darin, die Ursache bestimmter Brustschmerzen zu erklären.

 

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Koloskopie

Zuerst:
Welche Nebenwirkungen hat eine Dickdarmspiegelung:
Hierzu gab es 2013 eine sehr grosse Studie: “Adverse events requiring hospitalization within 30 days after outpatient screening and nonscreening colonoscopies” von C. Stock et al im gastrointestinal endoscopy  2013.
Von 33000 ausgewerteten  Koloskopien ergaben sich folgende Komplikationsraten:
Perforation: 0.7/1000 (2017 in Zürcher Studie: 1-2 Perforationen/1000!)
Blutung: 0.5/1000 (2017 in Zürcher Studie: 6 Blutungen/1000!)
1:2000-4000 eine nötige Operation deswegen
Herzinfarkte, Schlaganfall u.a. waren nicht häufiger als in einer Kontrollgruppe.

Tabelle 3: Überwachung Dickdarmkrebsgefährdeter (Kolorektales Karzinom) Familien:

Kriterien Methode Alter
1 Verwandte 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder)
über 40jährig (bei  Auftreten des Dickdarmkrebses
nichts tun
1 Verwandte 1.Grades
unter 40jährig
Koloskopie alle 5 Jahre Beginn mit 25 Jahren
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter >70
nichts
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 60-70
einmalige Koloskopie 55 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 50-60
Koloskopie alle 5 Jahre 35-65 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter unter 40
Koloskopie alle 3-5 Jahre 30-65 Jahre
3 nahe Verwandte Koloskopie alle 2 Jahre 25-65 Jahre
Familiäre adenomatöse Polypose (FAP) Koloskopie jährlich 12-40

Imperialscore zur Abschätzung des Dickdarmkrebsrisikos mit Alter, Geschlecht, Gewicht, Rauchen:

(Quelle: https://www.rosenfluh.ch/media/arsmedici/2017/24/Das-Koloskopie-Screening-senkt-das-Risiko-an-Darmkrebs-zu-sterben.pdf)
Bis 3 Punkte: OC-Sensor-Test (Stuhltest auf Blut) – darüber: Spiegelung.

Choosing wisely

Nicht alles, was die Medizin zu bieten hat, dient dem Patienten. Die US-Initiative «Choosing wisely» (auf Deutsch etwa «Wähle klug») hat bereits über 100 Ratschläge gegeben, worauf Patienten besser verzichten. Die Initiative will helfen, Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden, die häufig, aber unnötig sind – und schaden können. Die US-Konsumentenorganisation Consumer Reports unterstützt die Kampagne, bei der mittlerweile alle medizinischen Fachgesellschaften mitmachen, von Allergiespezialisten bis zu Palliativmedizinern. Jede nennt fünf oder zehn Massnahmen, die «Ärzte und Patienten infrage stellen sollten», und erklärt kurz wieso. In der Schweiz ist ein grosser Trägerverein Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland gegründet worden. Bereits haben diverse ärztliche Fachgesellschaften ihre Top-5-Listen veröffentlicht:  www.smartermedicine.ch

Auf diesen Listen mit unnützen Therapien und medizinischen Massnahmen finden sich u.a.:

  • Keine Messung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) zwecks Prostatakrebs-Screening ohne eine Diskussion von Risiko und Nutzen.
  • Kein Weiterführen einer Langzeit-Pharmakotherapie bei gastrointestinalen Symptomen mit Protonen-Pumpenblockern (PPI) ohne Reduktion auf die tiefste wirksame Dosis.
  • Vermeiden von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) bei Personen mit Bluthochdruck, Herzversagen und/oder chronischer Nierenerkrankung.
  • Geben Sie Kindern unter 4 Jahren keine Mittel gegen Erkältung.
  • Planen Sie Wahl-Kaiserschnitte nicht vor der 39. Schwangerschaftswoche.
  • Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen.
  • Werden bei einer Darmspiegelung maximal zwei kleine, harmlose Polypen entfernt, genügt es, frühestens nach fünf Jahren die nächste Darmspiegelung machen zu lassen.
  • Das Osteoporose-Screening lässt man bei Frauen unter 65 und Männern unter 70 Jahren ohne Risiko besser bleiben.
  • Kurzzeitige Bewusstlosigkeit (Synkope): Normalerweise sind weder CT noch MRI nötig.
  • Akute Entzündung der oberen Luftwege und Nasennebenhöhlen: auf Antibiotika kann man oft, auf Röntgen oder CT meist verzichten.
  • Rückenschmerzen: in den ersten sechs Wochen weder Röntgen noch CT oder MRI (ausser bei Nervenausfällen oder weiteren schweren Krankheiten, sog. “Red Flags”!).
  • Verwenden Sie Antipsychotika nicht als Mittel der ersten Wahl bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Symptomen bei Demenz.
  • Bei den meisten älteren Erwachsenen mit Diabetes die Gabe anderer Medikamente als Metformin vermeiden, um einen Hämoglobin-A1c-Wert (HbA1c) von unter 7,5 % zu erreichen; eine moderate Blutzuckerkontrolle ist im Allgemeinen besser.
  • Keine Benzodiazepine oder andere sedativ-hypnotische Arzneien bei älteren Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl verwenden gegen Schlaflosigkeit, Unruhezustände oder Verwirrtheit.
  • Leichtere Kopfverletzungen von Kindern: CT nur, wenn absolut nötig.
  • Beschwerdefreie Personen profitieren nicht von der Suche nach Verengungen der Halsschlagader.
  • Keine Antibiotika gegen Bakteriurie bei älteren Erwachsenen verwenden, ausser es liegen spezifische Harnwegssymptome vor.
  • Bei Schwerkranken: eingepflanzte Herz-Defibrillatoren ausschalten, wenn Lebensverlängerung nicht mehr gewünscht wird.
  • Patienten mit Demenz: keine Ernährungssonde durch die Haut.
  • Bei normaler Schilddrüsenfunktion: kein Szintigramm zur Abklärung von Knoten.
  • Bei beschwerdefreien Personen mit Herzgeräusch: Keine wiederholten Ultraschall-Untersuchung des Herzens, wenn ein erster Ultraschall nichts ergeben und sich nichts verändert hat.
  • Bei leichten Herzklappen-Veränderungen ohne Beschwerden: keine Routine-Kontrollen mittels Herz-Ultraschall.
  • Keine Asthma-Diagnose und -Behandlung ohne Untersuchung der Lungenfunktion (Spirometrie).
  • Kein Screening auf Gebärmutterhalskrebs bei Frauen über 65 Jahre, die zuvor diesbezüglich nie Auffälligkeiten gezeigt und kein erhöhtes Risiko haben.
  • Beruhigungsmittel wie Valium bei Senioren nicht als Schlafmittel der ersten Wahl einsetzen.
  • Zur Diagnose von Allergien keine unbewiesenen Labortests oder wahllos ganze «Testbatterien» einsetzen, d.h. nur IgE-Tests auf der Haut oder im Blut, die klinisch beim Patienten anzunehmen sind – und nie die unsinnigen IgG-Tests!
  • Kein Belastungs-EKG (auf dem «Velo») bei Personen ohne Beschwerden und nur kleinem Risiko.
  • Bei beschwerdefreien Personen mit normaler Nierenfunktion: kein Screening auf Verengungen in den Nierenarterien.
  • Kein Screening auf Eierstockkrebs bei Frauen ohne Beschwerden und Risikofaktoren.
  • Entfernung von Metall-Implantaten an Füssen und Unterschenkel: Präoperative Antibiotikumgabe reduziert Wundinfektrisiko nicht wesentlich!
    (Backes M et al. Effect of antibiotic prophylaxis on surgical site infections following removal or orthopedic implants used for treatment of foot, ankle, and lower leg fractures. A randomized clinical trial. JAMA 2017; 318: 2438-2445.)

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Der vermessene Mann

Quantified Self heisst eine amerikanische Bewegung, die jetzt auch auf Europa übergreift. Junge Männer machen sich dabei zu wandelnden Statistiken. Ihr Ziel: sich zu optimieren.
von Juli Zeh

Morgens nach dem Aufstehen tragen sie ihr Schlafverhalten in eine Tabelle ein. Sie messen Körpergewicht, Lungenvolumen, Grad der Mundfeuchtigkeit. Vor dem Mittagessen haben sie bereits den täglichen Intelligenztest durchgeführt. Sie scannen die Pigmentierung ihrer Haut und messen die eigenen Gehirnströme. Sie dokumentieren akribisch, was sie essen, wie weit sie joggen und was der Toilettenbesuch gebracht hat. Die Daten stellen sie ins Internet. Sie sind keine Untertanen in einer Science-Fiction-Gesundheitsdiktatur, sondern Bürger demokratischer Staaten, die ihre Freiheit dazu nutzen, das eigene Leben in eine Statistik zu verwandeln.
Quantified Self heisst eine wachsende Bewegung aus den USA, die auf Europa übergreift. Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz. Vom Stirnband mit EEG-Sensoren bis zum Blutdruckmessgerät mit USB-Anschluss: Durch Selbstvermessung wird die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine endlich intim.

Wie eine männliche Magersucht
Den Selbstvermessern geht es um Optimierung. Sie wollen die erfassten Daten nutzen, um ihre Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu steigern. Der Feind heisst nicht Übergewicht und Unsportlichkeit, sondern Unordnung, Kontrollverlust, fehlende Disziplin. Das Ich als Forschungsobjekt: Der Selbstvermesser hofft, sich im Datenspiegel zu erkennen, Fehler auszubügeln und zu einem besseren Leben zu gelangen. Als wäre Glück ein Rechenergebnis, erzielbar durch die korrekte Anwendung einer Formel. So betrachtet stellt Quantified Self eine Art männliche Magersucht dar. Junge Mädchen meinen, durch maximale Askese einem idealisierten Selbstbild näherzukommen; die überwiegend männlichen Selbstvermesser glauben, mit dem Einsatz von Technik eine perfektionierte Version ihrer selbst verwirklichen zu können. Schönheit oder Leistungsfähigkeit sind dabei nur fiktive Ziele, die, ähnlich dem Horizont, beim Näherkommen in immer weitere Fernen rücken.
Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz.
In Wahrheit geht es nicht um das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses, sondern um die Illusion, mit totaler Selbstkontrolle Herr über das eigene Schicksal werden zu können. Selbstermächtigung durch Selbstversklavung: Genau wie die Magersüchtige führt auch der Selbstvermesser einen Kampf gegen den eigenen Körper. Letztlich wirkt da die religiöse Vorstellung fort, der Weg zur Freiheit des Geistes führe über die Kasteiung des Fleisches. Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht. Als frommer Gläubiger nimmt sich der Selbstvermesser jede Möglichkeit zum Selbstbetrug. Die Datenbank ist sein Beichtstuhl, der Dienst an der Technik sein tägliches Gebet. «Selbst, selbst, selbst», lautet das Credo einer Religion ohne Gott, die den Einzelnen zum Schöpfer, zum Designer der eigenen Person erhebt. «Vermessen» ist nicht nur der Körper des Selbstquantifizierers, sondern auch der Anspruch, die totale Konzentration auf sich selbst müsse eines Tages zu Wohlbefinden führen. Egozentrik als Biozentrik.
Im Grunde bräuchte es ja nicht weiter zu interessieren, was ein paar Technikfans mit ihrem Überschuss an Freizeit und Geld anfangen, wenn die Idee von Quantified Self nicht als extremer Auswuchs eines allgemeinen Trends zu deuten wäre. Es sind nicht nur die Selbstvermesser, es ist unsere ganze Gesellschaft, die zunehmend dem Glauben verfällt, physische Perfektion sei das «höchste Gut». Gedüngt wird dieser blühende Irrtum von einer gigantomanen Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie, die ihre Selbstverbesserungspräparate an Mann und Frau bringen will. In der Werbung werden dazu körperbetonte Idealbilder entworfen. Einst behauptete ein altes Sprichwort, es komme auf die inneren Werte an, und damit waren nicht die Blut- und Leberwerte gemeint. Die Ablösung von moralischen Tugenden durch oberflächliche Begriffe wie Schönheit, Fitness, Jugend ist eine bedauernswerte Nebenwirkung des konsumgestützten Kapitalismus. Unser Wirtschaftssystem ist nun mal darauf angewiesen, dass wir permanent durch eine Mischung aus Leistung und Konsum nach Glück zu streben suchen.
Entsprechend anfällig ist unsere Gesellschaft für die Annahme, das Wesentliche am Menschen sei der materielle Teil. Der messbare Mensch ist der vergleichbare und damit selektionsfähige Mensch. Auch wenn jeder Selbstvermesser diesen Gedanken empört von sich weisen würde: Es gab in Deutschland schon einmal eine Bewegung, die meinte, den Wert eines Menschen am Kopfumfang ablesen zu können. Die Selbstquantifizierer befinden sich auf dem Holzweg, wenn sie erklären, die Informationssammelei diene der Aufklärung im kantschen Sinn. Das Mündige an einem Bürger ist nicht der Körper, sondern der Geist. Die Verwandlung eines Lebewesens in Zahlenkolonnen macht den Menschen zum Objekt und läuft damit automatisch Gefahr, Fremdherrschaft zu begründen.

Krank? Selber schuld!
Schon jetzt freut sich das überforderte Gesundheitssystem darauf, Quantified Self sukzessive zu einer allgemeinen Verpflichtung zu erheben, um auf dieser Grundlage Versicherungsleistungen nach dem Selber-schuld-Prinzip zu verweigern. Wenn es einen optimalen Lebensstil gibt, der zum optimalen Körper führt, dann gibt es auch messbare Abweichungen, an die sich Belohnung und Strafe knüpfen lassen. Ob sie es wollen oder nicht – als Vorreiter in Sachen Körperwahn machen sich die Selbstvermesser zu Versuchskaninchen für das Konzept des Gesundheitsuntertanen. Sie entwickeln und testen Sensoren, die wir vielleicht eines Tages alle am Handgelenk tragen, um auf diese Weise am Bonus-Malus-System der Krankenkassen teilzunehmen. Schon heute können Versicherungen ihre Zahlungen zurückhalten, wenn es um die Verletzungen eines Extremsportlers oder Komplikationen nach einer Schönheitsoperation geht.
Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht.
Die Verknüpfung von Krankheit und Schuld bedeutet nicht weniger als das Ende von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität – zwei Werte, die das Fundament einer demokratischen Gesellschaft bilden. Wer glaubt, Gesundheit und Wohlbefinden könne man sich erarbeiten, indem man entlang von Normen alles «richtig» macht, der mag bald nicht mehr einsehen, warum er mit seinen Versicherungsbeiträgen für die Raucherlungen, Säuferlebern und verfetteten Herzen irgendwelcher undisziplinierter Hedonisten aufkommen soll. Der wird seine Sätze bald mit «Man muss doch nur» und «Ist es denn zu viel verlangt» beginnen. Wer meint, das Schicksal bezwungen zu haben, teilt die Welt in Gewinner und Versager ein und betrachtet körperliches oder seelisches Leid als Charakterschwäche.
Diese Einstellung ist kein Akt der Emanzipation, weder vom Schicksal noch von einem bröckelnden Gesundheitssystem. Sie ist ein Rückschritt in der Geschichte des humanistischen Denkens. Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Ein mündiger Mensch kann auf seine Fähigkeit vertrauen, das rechte Mass der Dinge ohne Messgeräte zu ermitteln. Selbstvermessung hingegen ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. Im Wunsch, die eigene Existenz möglichst restlos zu beherrschen, drückt sich vor allem die Angst aus, als Individuum in der grossen, weiten Welt der schönen und schrecklichen Möglichkeiten verloren zu gehen. Wir sind alle fehlerhaft. Wir bestehen zum grossen Teil aus Schwächen. Der kleinste Zufall besitzt die Macht, uns zu vernichten. Das Sammeln von Informationen schützt nicht dagegen. Bei Tageslicht betrachtet, ist es nicht mehr als der Versuch, der eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge zu blicken.

Der totalitäre Körper
Nichts spricht dagegen, den eigenen Körper und am besten auch Herz und Geist zum Besseren entwickeln zu wollen. Leider fällt es uns Menschen schwer, zu verstehen, dass das immer Bessere nicht im Extrem, sondern in der Balance zu suchen ist. «Nichts übertreiben», lautet ein recht verlässliches Rezept, das nicht zuletzt auch für das Streben nach Wohlbefinden gilt. Gesundheit kann eine Voraussetzung für das gute Leben, nicht aber Selbstzweck sein. Als Endziel aller menschlichen Bemühung entfaltet der Körper totalitäres Potenzial. Ein Staat, der seine Bürger zu dem verpflichtet, was sich ein Selbstvermesser freiwillig abverlangt, wäre tatsächlich eine Gesundheitsdiktatur. Es gilt dafür zu sorgen, dass der Freiheitsverzicht von Quantified Self ein legitimes Hobby bleibt. Und nicht heimlich zum gesellschaftlichen Konzept mutiert.
Im August 2012 erscheint Juli Zehs neuer Roman «Nullzeit» bei Schöffling & Co.
Quelle: Tages-Anzeiger: http://tagi.ch/19200678

Mehr über die Selbstoptimierungsbewegung hier auf dieser Website >>>


(Copyright beim Cartoonisten/Illustrator)

Veröffentlicht am 06. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2019