Hypertonie / Hoher Blutdruck

Die Hypertonie als Folge einer Entzündung

Bekannt ist, dass im Rahmen des Bluthochdrucks in den Blutgefässen des Körpers eine Entzündungsreaktion auftritt, so dass der Schlüssel einer erfolgreichen Behandlung des Bluthochdrucks möglicherweise in der Abschwächung dieser Entzündungsreaktion liegt. „Seit einiger Zeit geht man davon aus, dass auch die durch Bluthochdruck geförderte Gefässverkalkung (Atherosklerose) nichts anderes als eine chronisch voranschreitende Entzündung des Gefässbettes ist.”(Quelle: Uni Mainz)

Entzündungsneigung als zentraler Mechanismus

Der Schweregrad des Metabolischen Syndroms, welches auch der Hypertonie zu Grunde liegt, korreliert mit einem Anstieg der Entzündungsneigung! Studien zeigen, dass die Stammfettsucht und die Hypertonie die gefährlichsten Risikofaktoren für die chronische Entzündung im Rahmen des Syndroms sind. (Santos et al., International Journal of Obesity, Dec 2005;29:1452-1456).

Deshalb will ich hier gleich eine Massnahme erwähnen, die zentral diese Entzündungsneigung angeht: das Intervallfasten!

Entzündung kann auch Folge einer Überreizung sein. Gründe für Überreizung und damit von hohem Blutdruck sind u.a. Lärmexposition oder nächtliche Lichtexposition (Computer oder TV nachts)! Eine Desynchronisation der zirkadianen Rhythmen ist ursächlich wichtig. Hochdruckpatienten sollten deshalb einen möglichst regelmässigen Tagesablauf haben und die Nachtruhe einhalten.
Hierhin gehört auch, dass eine stete Störung unseres Inneren Friedens, d.h. eine mangelnde Gelassen- und Zu-Friedenheit auch unseren Blutdruck mit der Zeit steigen lässt. Hierzu mehr in meinem Blog und auf dieser Website.

Pathologische Aktivierung des Immunsystems

Die Entzündungsparameter im Blut (CRP, Interleukin-5, Kortisol) sind bei Patienten mit einem Metabolischen Syndrom, also auch bei der Hypertonie erhöht. Dies führt zur Rekrutierung von Immunzellen. Diese Gesamtentzündung wird heute als mitverantwortliche Ursache der Insulinresistenz, des Fehlens von Insulinsekretion wie auch der Arteriosklerose gesehen.
Weitere Faktoren, die zur Entzündung beitragen können, sind zum Beispiel die Hypoxie, welche durch die rasche Zunahme von Fettzellen mit inadäquater Zunahme der Blutgefässe im Fettgewebe entstehen kann.
Auch der Darmflora wir eine grosse Rolle zugesprochen. Die Darmwand ist bei Patienten mit Übergewicht und Diabetes weniger dicht: dadurch können bakterielle Wandprodukte, sogenannte Lipopolysaccharide, sie besser durchdringen und Entzündungen in verschiedenen Geweben verstärken. Die Zusammensetzung der Darmflora scheint dabei eine wesentliche Rolle zu spielen! Weiterlesen: www.dr-walser.ch/darmflora/ und über Diabetes als Entzündung!

Risikofaktor für die Arterienverkalkung und damit für den Herzinfarkt oder den Hirnschlag

Hier muss auch angemerkt werden, dass wir uns mit einem erhöhten Blutdruck bereits irgendwo weit vorne in der Folgekette von primären Ursachen befinden. Wie ich auf meiner Seite über Herz/Kreislauf deutlich gemacht habe, ist ursächlich der chronische psychosoziale Stress (vs. Entspannung), das Bauchfett bei Bewegungsarmut und ein hoher Alkoholkonsum (neben dem Rauchen!) ins Visier zu nehmen – prophylaktisch und therapeutisch!

Wie messen?

Ein Blutdruck, der Ihr Hausarzt misst, ist durchschnittlich 20% zu hoch (doch aufgepasst: siehe Weisskittelbluthochdruck gleich unten)!
Ihr Hausarzt sollte deshalb den einfachen Tiefatem-Test beherrschen (Anleitung).
Messen Sie selbst zu Hause – und zwar morgens, gleich nach dem Erwachen, aufsitzen und mit einem Oberarm-Gerät (und keines für das Handgelenk, welches meist ungenauer ist). Gleich dreimal hintereinander messen – und nur niedrigsten Wert notieren.
Dieser Morgenwert sollte dann im Normbereich sein.

Nehmen Sie ihr Messgerät mal zum Arzt mit und machen Sie dort Vergleichsmessungen mit dem Profi-Apparat.

Weisskittelhypertonie

Ob eine Weisskittelhypertonie klinisch von Bedeutung ist, darüber wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Bisher galt sie als ein harmloses Blutdruckverhalten, als Ausdruck gesteigerter Blutdruckreagibilität ohne eigentlichen Krankheitswert. Nach einer neueren Studie (Palatini et al., Hypertension 2008;51:1300-1305) muss diese Einschätzung revidiert werden. Man muss annehmen, dass Weisskittelhypertoniker auf unterschiedliche Stressoren mit einem überschiessenden Blutdruckanstieg reagieren, d.h. sie haben auch im Alltag in belastenden Situationen oder bei körperlicher Aktivität erhöhten Blutdruck. Doch kann man daraus bereits die allgemeine Empfehlung ableiten, jeden davon antihypertensiv zu behandeln? Sehr wahrscheinlich ist es besser, sich auf die Werte der 24-Stunden-Blutdruckmessung zu verlassen.

Blutdruck immer an beiden Armen messen

Seitenunterschiede von 10 – 15 mmHg und mehr bei der Messung des systolischen (oberen) Blutdrucks können wichtige Hinweise auf Gefässerkrankungen liefern, die weitere Abklärung bedürfen. Britische Wissenschaftler (C.E. Clark et al., The Lancet online 2012) analysierten Daten aus 20 Studien zu diesem Thema, von denen fünf eine Angiographie einschlossen. Zeigte diese eine mehr als 50%ige Einengung der Subclavia-Arterie, betrug der Unterschied zwischen dem rechten und linken Arm gemessenen systolischen Blutdruck im Mittel 37 mm Hg. Erhöht war das Risiko einer Subclaviastenose bereits ab einem Rechts-Links-Unterschied von 10 mm Hg. Ein Unterschied von 15 mm Hg oder mehr bei den nicht invasiven Studien erwies sich als starker Hinweis auf eine PAVK (=Periphere Arterielle Verschlusskrankheit >> Risikoerhöhung um das 2,5fache) oder eine zerebrovaskuläre Erkrankung (RR 1,6). Die kardiovaskuläre Mortalität war um 70%, die Gesamtmortalität um 60% erhöht. Grundsätzlich sollte deshalb an beiden Armen gleichzeitig gemessen werden.

Was ist noch normal?

Es gilt ein Ziel-Blutdruck für alle erhöhten Blutdrucke von 140/90! (ESH/ESC-Guidelines 2013)

Typischerweise ist der Blutdruck nachts tiefer als am Tag, bei Anstrengung steigt er. Mit zunehmenden Alter ist er höher als in der Jugend. Bei manchen Menschen ist der Blutdruck an einem Arm höher als am anderen. In diesem Fall zählt der höhere Wert. Bei tiefen Aussentemperaturen (Winter) ist er höher als im Sommer.

Die Angaben der Grenzwerte für den Blutdruck unterlagen in der medizinischen Fachliteratur in den letzten Jahren grossen Schwankungen: Normal ist sicher unter 120 mmHg systolisch (d.h. für den oberen Blutdruckwert) und unter 80 mmHg diastolisch.
Die Beziehung zwischen Blutdruck und kardiovaskulärem Risiko scheint kontinuierlich, konsistent und von anderen Risikofaktoren unabhängig zu sein. Je höher der Blutdruck, desto höher das Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Hirnschlag und Nierenerkrankung. Für Menschen zwischen 40 und 60 Jahren verdoppelt jeder BD-Anstieg über 120/80 systolisch um 20mmHg und diastolisch um 10 mmHg das kardiovaskuläre Risiko.

Es gelten BD-Werte zwischen 130 und 139 mmHg systolisch oder 80 und 89 mmHg diastolisch als “prähypertensiv” oder “hochnormal”. Hochnormaler BD erfordert Kontrolle – nicht Therapie! … und rufen nach Änderungen des Lebensstils!

Es gibt Stimmen von medizinischen Forschern, bei Menschen im Alter über 60 Jahren künftig nur noch den systolischen (den oberen) Blutdruckwert zu bestimmen – und zu behandeln!

Blutdrucknormwerte im Alter

Eine grosse Studie im Lancet (Vol. 355 (2000) S. 175-180) z.B. zeigt, dass als Regel
bei Männern der systolische BD 110 + (2/3) des Alters noch normal ist und bei Frauen 104 + (5/6) des Alters.
(Dies entspricht der 70.Perzentilen (was heisst 70% der Gesamtbevölkerung haben niederen und 30% einen höheren). Darüber beginnt das Risiko zunächst leicht und ab der 80.Perzentile dann stark anzusteigen. Die 80. Perzentile liegt rund 10 mmHg über der 70. Perzentile.)

Kürzer ausgedrückt kann die “rule 160” helfen:
Bei Patienten über 80 Jahren mit isolierter systolischer Hypertonie ist der Nutzen einer Behandlung nur ab einem Druck von 160 mmHg klar dokumentiert. Der Nutzen zur Reduzierung kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkt, Hirnschlag) zeigt sich dabei bereits innerhalb eines Jahres.

  • Über 85jährige haben nach anderen Studien sogar die höchste Überlebensrate mit einem systolischen Blutdruck von 165 mmHg und sollten nicht unter systolisch 140 mmHg  sein! (Journal of the American Geriatrics Society, 2008, Vol 56, Issue 10, 1853-59 – Lower Systolic Blood Pressure is associated with greater mortality in people aged 85 and older. Lena Moalneder et al.)
  • US-Neurologen haben in einer Studie mit 559 Frauen und Männer über 90 Jahren festgestellt, dass hoher Blutdruck, der erst im Alter auftrat, sogar vor Demenz schützt! Möglicherweise ist bei Hochbetagten ein höherer Druck erforderlich, um das Gehirn ausreichend mit Blut zu versorgen. (DOI: 10.1016/j.jalz.2016.09.007).
  • Erschwerend ist bei über 80jährigen, dass ihr Blutdruck mit zunehmenden Aussentemperaturen sinkt, also auch stark Jahreszeiten-abhängig ist. In diesem Alter sollte also eine blutdrucksenkende Therapie auch übers Jahr variiert werden (Arch Intern Med: 169(1):75-80, 12 January 2009; Relationship Between Blood Pressure and Outdoor Temperature in a Large Sample of Elderly Individuals – The Three-City Study. Annick Alperovitch, Jean-Marc Lacombe, Olivier Hanon, et al.)

Isolierter systolische Hypertonie im Alter über 60 ist ein gängiges Problem. Während bei Mann und Frau der systolische Blutdruck mit dem Alter ansteigt, reduziert sich der diastolische Druck oder bleibt gleich. Das bedeutet, dass die isolierte systolische Hypertonie jenseits des 50. Lebensjahrs stetig häufiger wird. Solange der systolische Druck unter 160 mm Hg bleibt, genügen zunächst “lifestyle”-Modifikationen (Gewichts- und Alkoholreduktion, Bewegung usw.). Bei BD-Werten über 160 mm Hg: Standard-Hypertoniebehandlung mit Ziel systolischer Druck 160 mm Hg:  Thiaziddiuretika oder ACE-Hemmer. Achtung! Unklar sind Bedeutung und Folgen abnorm tiefer diastolischer Werte. (Chobanian AV. Isolated systolic hypertension in the elderly. N Engl J Med. 2007;357:789-96).

Der diastolische (untere) Blutdruck beeinflusst die (frühzeitige) Sterblichkeit ebenfalls. Hier gilt jedoch:
Je niedriger die Werte, bzw. je grösser die Blutdruckamplitude (Unterschied zwischen oberem und unterem Blutdruckwert), desto grösser die Gefahr für die Patienten! (Jan A. Staessen, Hypertension an Cardiovascular Research Unit, Uni of Leuven, et al.; The Lancet, Vol.355, No. 9207 (2000), S. 865-871: Metaanalyse von acht Interventionsstudien mit 16’000 Patienten über 60 Jahre).

Prognostischer Wert von systolischem und diastolischem Blutdruck

Bei Personen über 50 Jahre ist der systolische (obere) Blutdruck ein guter Prädikator des kardiovaskulären (Arterienverkalkung im Herz-Kreislauf) und koronaren (Verkalkung der Herzkranzgefässe: Herzinfarkt) Risikos. Der diastolische Blutdruck ist immer noch Hauptkriterium zur Abschätzung der Medikamentenwirksamkeit, scheint aber zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos nur geringen Wert zu haben (Athanase Benetos et al.: Prognostic value of systolic and diastolic blood pressure in treated hypertensive Men. Arch.Intern.Med. 2002; 162: 577-581).

Weitere Risikofaktoren?

Zudem wäre wichtig zu wissen, ob man mit diesem Blutdruck noch weitere Risikofaktoren für die Arterienverkalkung aufweist (Nikotinkonsum, Diabetes, hohe Blutfette, Übergewicht, Bewegungsmangel >>>siehe auch meine Seite über das metabolische Syndrom!). Falls dies zutreffen würde, wäre eine strengere Therapie sowieso angebracht. (Risikoberechnung unter  www.chd-taskforce.de : PROCAM Risk Calculator und speziell für Frauen: Framingham Risk Assessment).

Was tun?

    • Zuallererst: Stoppen Sie ein allfälliges Zigarettenrauchen! Das Rauchen zusammen mit dem hohen Blutdruck ist eine enorme Zeitbombe für die Arterienverkalkung!
    • Darauf Reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum auf höchstens ein Glas Rotwein (und nur Rotwein!) pro Tag (übermässiger Alkoholkonsum ist die häufigste Ursache einer mässigen Hypertonie!).
      Regelmässiger Alkoholkonsum über 30 Gramm täglich (d.h. mehr als 2-3 Standarddrinks, Frauen 1-2) steigert den Blutdruck stark!
    • Versuchen Sie auf ein Normalgewicht (resp. auf einen normalen Bauchumfang!) abzunehmen (siehe auch die sensationelle Studie übers Abnehmen und seine Wirkung auf die Arterienverkalkung hier >>>). Am besten wirken auch hier längere Zeitabschnitte (16 bis 72 Stunden) ohne jegliche Hartnahrung: Kurz- oder Intervallfasten (16:8 oder 5:2)! Der Stoffwechsel wird dabei so umgestellt und auch die Entzündungsneigung vermindert, dass auch der Blutdruck sich normalisieren kann!
    • Bewegen Sie sich täglich 30 oder dreimal die Woche 60 Minuten lang. Strammes Spazieren reicht durchaus – oder ein halbstündiges Ausdauerprogramm zu Hause (Liegestützen,  Springseil, Boxerlauf, Kniehebelauf und Anfersen, Skaten an Ort, Squat Jumps, Hampelmann…). Sie sollten dabei noch sprechen können, also nur kurzfristig in eine Sauerstoffschuld kommen.
    • Ernährung:

    • Essen Sie eher kochsalzarm (wenig Natrium, aber viel Kalium: siehe gleich unten) und Pflanzenfasern reich (viel Obst, Getreide und rohes Gemüse). Diese Massnahme ist für ältere Menschen über 65 absolut wichtig.
      Aber Achtung: Man sollte auch nicht zuwenig Salz zu sich nehmen (was auch wieder Herz-Kreislaufkrankheiten erhöht!): Hypertoniker sollten nicht mehr als 12 Gramm täglich essen – aber nicht weniger als 6 Gramm! Mehr als 18 Gramm ist sehr schädlich (aber auch dies nur für Hypertoniker – Menschen ohne Hypertonie ertragen sogar dies). Vor allem abends sollte kein Salz eingenommen werden! Salz am Abend wirkt stark Blutdruck erhöhend!
    • Kalium wirkt natriuretisch. Kochsalz ist Natriumchlorid und meist Blutdruck steigernd (siehe oben). Eine hohe Kaliumzufuhr bewirkt das Gegenteil. Viel Kalium hat man im Obst, Nüssen und Gemüse! Sehr kaliumhaltig sind Bananen, Spinat, Broccoli, Nüsse und Vollkorn.
    • Eine vegetarische Ernährung senkt gemäss einer grossen Metastudie den systolischen BD um 7 mmHg und den diastolischen um 5 mmHg (Yokoyama Y et al., JAMA Intern Med 2014).
    • Mehr als 3 Kaffees pro Tag wirken ebenfalls etwas blutdrucksteigernd. Wer drei Tassen Kaffee pro Tag trinkt, hat aber trotzdem ein geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben als Menschen, die keinen Kaffee trinken. Trinkt man noch mehr Kaffee, schadet das zwar nicht, die schützende Wirkung wird aber nicht stärker. Zu diesem Ergebnis kamen britische Forscher, die mehr als 200 Studien ausgewertet haben.
    • 500 Milligramm Vitamin C täglich senkt den Blutdruck (um 10 bis 15 mmHg) (Lancet Bd. 354, S. 2048).
      Dies beruht eventuell auf dem antioxydativen Radikalfängereffekt : Deshalb wirkt wohl auch Fischöl, Grüntee und Kakao (schwarze Schokolade!). Es zeigte sich in einer grossen und exakten Studie eine progressive Blutdrucksenkung mit Einnahme von täglich nur 7 Gramm dunkler, polyphenolreicher Schokolade abends. Der systolische Blutdruck wurde im Mittel um 3 mmHg, der diastolische Blutdruck um 2 mmHg gegenüber der Kontroll-Gruppe gesenkt; in dieser (mit Einnahme von weisser, polyphenolfreier Schokolade) blieben die Blutdruckwerte unverändert (Dirk Taubert et al. Effects of Low Habitual Cocoa Intake on Blood Pressure and Bioactive Nitric Oxide. JAMA. 2007; 298(1):49-60).
    • 100 Gramm Heidelbeeren pro Tag senken nach 8 Wochen den systolischen Blutdruck um 7mmHg und den diastolischen um 5mmHg.
    • 3 Tassen Hibiskus-Tee täglich (Hibiskus-Tee wird auch unter den Namen Karkade oder ägyptischer Malventee verkauft) senkt den systolischen Blutdruck um 13 mmHg. (Studie der Tufts-Uni Boston, USA, D. McKay et al.: systolisch zwischen 120 und 150 mmHg und diastolisch niedriger als 95 mmHg als Ausgangspunkt. Studie über 6 Wochen täglich drei Tassen frisch aufgebrühten Hibiskus-Tee. Dies senkte systolisch im Schnitt um 7 mmHg, das Placebo nur um 1,3 mmHg. Besonders gut sprachen Probanden mit hochnormalen oder schon leicht hypertensiven Blutdruckausgangswerten (130 mmHg oder höher) an: In dieser Subgruppe sank der systolische Wert sogar im Schnitt um 13 mmHg (Placebo: 1,3 mmHg).
    • Einen Viertel Liter Randensaft senkt den Blutdruck via Nitrit und Stickoxid (siehe unten beim Mundwasser) innert drei Stunden systolisch im Schnitt um 10 mmHg; diastolisch um 8 mmHg. (Studie von 2018 in Hypertension)
    • Rhythmisierung:

    • Auch ein regelmässiger Tagesablauf mit gut eingeplanten Essenszeiten ist sehr wichtig. Licht und Nahrung sind die wichtigsten Zeitgeber für den Menschen. Sie sollten synchron sein. Das heisst man sollte eine Hauptmahlzeit und eins bis zwei kleinere Mahlzeiten regelmässig planen.
    • Hypertonie kann auch Folge einer Überreizung sein. Gründe für Überreizung und damit von hohem Blutdruck sind u.a. Lärmexposition oder nächtliche Lichtexposition (Computer oder TV nachts)! Eine Desynchronisation der zirkadianen Rhythmen ist ursächlich wichtig. Hochdruckpatienten sollten deshalb einen möglichst regelmässigen Tagesablauf haben und die Nachtruhe einhalten.
    • Schlafen Sie genug, gut und ungestört?
      Falls Sie durch Lärm oder Licht gestört werden oder durch eigenes Schnarchen unruhig schlafen, probieren Sie dies unbedingt zu verbessern. Gestörter Schlaf kann ebenfalls eine (Mit-)Ursache für einen hohen Blutdruck sein (auch an das Schlaf-Apnoe-Syndrom denken!).
      Man fand, dass eine Schlafdauer von 5 Stunden pro Nacht bei Personen zwischen 30 und 60 Jahren mit einem signifikant erhöhten Risiko für Hypertonie einhergeht. (James E. Gangwisch et al. Hypertension 2006; 47: 833).
      Als Regel kann man aus diversen Studien sagen, dass 1 Stunde mehr Schlaf den systolischen Blutdruck um 16 mmHg senkt!
    • Zudem senkt auch ein regelmässiges Mittagsschläfchen von mindestens 30 Minuten den Blutdruck eindrücklich (ESC-Kongress 2015).
    • Zweimal täglich 10 Minuten bewusst tief atmen, wirkt bei leichter Hypertonie so gut wie ein Medikamnt!

    Sonstiges:

  • Regelmässiges Blutspenden senkt den Blutdruck! Bei viermal jährlich sinkt der Blutdruck systolisch und diastolisch um 10mmHg oder mehr – und dies nur bei Hypertonie (und nicht bei normalem Ausgangsblutdruck).(Kamhieh-Milz S et al.; Epub Dec, 2015)
  • Blutdrucksteigernde Substanzen (Medikamente, Drogen):
    Einige Medikamente können als ungewünschte Nebenwirkung den Blutdruck erhöhen: so zum Beispiel das Schmerzmittel Paracetamol (bei mehrmals 1 Gramm pro Woche) oder alle Schmerzmittel der NSAR-Gruppe (Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen,…).
    Dann auch die Sympathomimetika, Kontrazeptiva (Antibabypille), Erythropoietin, Ciclosporin, Tacrolimus; Anabole Steroide (Anabolika, Testosteron), Alkohol, Kokain; Lakritze (in Kaugummi, etc…), Ma Huang (“herbal ecstasy”)!
  • Lassen Sie Ihren Vitamin D-Spiegel vom Hausarzt messen (25(OH)D): Falls eine Hypertonie besteht und ein Mangel an Vitamin D vorhanden ist, verbessert die tägliche Einnahme von 1000 IU Vitamin D den Blutdruck! (Vitamin D status and arterial hypertension: a systematic review, Pilz S, Tomaschitz A, Ritz E et al. Nature Rev Cardiol 2009 (October); 6: 621-30 (October 2009, http://fulltext631.notlong.com/)
  • Nie regelmässig ein antiseptisches, desinfiszierendes Mundwasser anwenden. Anorganisches Nitrat aus der Nahrung wird durch Bakterien in der Mundhöhle n zu Nitrit umgewandelt. Dieses wird dann aufgenommen und zu gefässerweiternd wirkendem Stickoxid (NO) umgewandelt. Durch das Mundwasser wird die Bakterienpopulation in der Mundhöhle dezimiert und die Produktion von Stickoxid reduziert.
    Mehr über gesunde Zahnpflege hier: walserblog.ch/2019/02/02/zahnpflege/
  • Deshalb können auch Nitrat-reiche Nahrungsmittel – wie z.B. Randen – den Blutdruck auf diese Art via Nitrit und Stickoxid senken (siehe oben).
  • Entspannung:

  • Eine tägliche zwanzig minütige (oder einfach zweimal am Tag 10 Minuten bewusst tief atmen!) Atemmeditation senkt den Blutdruck. Sie senkt das Stresshormon Kortisol und entspannt die Blutgefässe. Als Nebeneffekt tritt auch weniger Kopfschmerzen und Asthma ein.(V.Barnes, Psychosomatic Med, Bd.66/6, 2004)
    Bauen Sie ein paar Entspannungsübungen in Ihren Tagesablauf ein >>> Lesen Sie mehr hier!
    Bei der Hypertonie mache ich mit dem „Inner Smile“ beste Erfahrungen. Es ist für die Betroffenen auch eindrücklich, während der Konsultation den „vorher/nachher-Effekt“ zu sehen, messbar, wobei ein grosser Teil sicher der “Deep-Breath-Effekt” ist.
    Ich instruiere die Leute mit einer geführten inneren Reise durch ihre Arterien, das Lächeln wird dabei erst ins Herz geschickt, dann fliesst es durch die Aorta in den Kopf, dann in die Arme, in die Lungen, Nieren, Bauchraum, Beine. Beim Einatmen aufs Lächeln im Herzen konzentrieren, beim Ausatmen an den entsprechenden Ort schicken. Das wird täglich in Zusammenhang mit der Blutdruckmessung geübt und bei jeder Aufregung im Alltag angewandt. So ist auch ein Langzeiteffekt garantiert.
    Mehr zum “Inner Smile” hier auf meiner Seite zur: www.dr-walser.ch/entspannung/#inner_smile
  • Ein verspannter Nacken erhöht den Blutdruck. Eine entspannende Nackenmassage kann deshalb den Blutdruck senken. Die Nackenmuskeln schicken ständig Signale in einen Teil des Gehirns, der für die Steuerung von Blutdruck, Herzschlag und Atmung zuständig ist. Sind die Nackenmuskeln verspannt oder verletzt, schicken sie falsche Signale. Dadurch erhöht sich der Blutdruck. (Journal of Neuroscience, www.jneurosci.org/cgi/content/full/27/31/8324)

Therapie bei Kindern und bei Erwachsenen (unter 160 mmHg) primär ohne Medikamente!


Medikamente (Antihypertonika)?

Und erst wenn Sie alles Obige 3 Monate regelmässig getan haben und keine Verbesserung bemerkt haben, denken Sie (mit Ihrem Hausarzt zusammen) an die Einnahme eines Medikamentes.
Falls nur dieser eine Risikofaktor vorliegt, kann eine Blutdrucknormalisierung die Arteriosklerose und damit den Herzinfarkt, den Hirnschlag etc. verhindern. Eine andere Frage ist, ob dies wirklich lebensverlängernd wirkt oder ob die Nebenwirkungen der Medikamente dies verhindern .

Die bisher grösste Studie zur Hochdrucktherapie mit Medikamenten, die sog. ALLHAT-Studie (JAMA 2000; 283:1967-75 u. JAMA 2002; 288:2881-97) zeigte eine Überlegenheit des alten Diuretikums Chlortalidon gegenüber neueren Blutdruckmitteln. Niedrig dosierte Diuretika (Thiazid-Diuretika) müssen als wirksamste, sicherste und verträglichste blutdrucksenkende Wirkstoffe gelten und sind Mittel der ersten Wahl!
Mit einer Monosubstanz kann aber nur eine Blutdrucksenkung von etwa 20/10 erreicht werden! Man benötigt also bei höheren Werten meist eine Kombination von zwei Mitteln. Dabei kommt es nicht so darauf an, was man kombiniert (Diuretika, B-Blocker, ACE-Hemmer oder Sartane, Kalziumantagonisten) sondern nur wie stark die Senkung des BD wird (Schlechte Kombinationen wegen der Potenzierung von Nebenwirkungen sind: ACE-Hemmer + Sartane oder B-Blocker + Sartane). Es wird überhaupt allgemein als besser angesehen (und zeitigt weniger Nebenwirkungen), falls 2 oder 3 Hochdruck-Medikamente in niederen Dosen (anstatt 1 in hoher Dosis) eingenommen wird.

Tabletten am besten abends einnehmen!

Blutdruckmedikamente wirken übrigens am stärksten, wenn sie abends oder vor dem Schlafengehen genommen werden (ausser Betablocker)! Auch die Nebenwirkungen werden dadurch reduziert.
Man hat auch gefunden, dass Organschäden durch die Hypertonie vor allem in der zweiten Nachthälfte entstehen. Deshalb ist auch sehr wichtig, dass der Blutdruck nachts am tiefsten ist!
Wer Blutdrucksenker abends schluckt, erkrankt auch seltener an Diabetes. Dies zeigt eine neue Studie. Ein hoher Blutdruck und Diabetes gehen häufig miteinander einher. Die Forscher hatten mehr als 2000 Blutdruck-Patienten untersucht, die Medikamente erhielten. Die eine Hälfte nahm die Medikamente am Morgen, die andere vor dem Zubettgehen. Nach sechs Jahren entwickelten 171 Teilnehmer Diabetes. Das Erstaunliche: Patienten, welche die Medikamente am Morgen nahmen, waren doppelt so häufig betroffen!  (Schmieder RE et al.: DMW 2012; 137: 317-321 und Diabetologia. 2015 Sep 23: Bedtime ingestion of hypertension medications reduces the risk of new-onset type 2 diabetes: a randomised controlled trial. Hermida RC1 et al.)

Im Winter (höhere Blutdruckwerte bei tieferen Temperaturen) sollte intensiver behandelt werden als im Sommer (dann ev. Neigung zu tiefen Werten und Kreislaufkollaps!).

Vorsicht Sturzgefahr! Bei betagten Menschen können Blutdrucksenker genauso viel schaden wie nützen. Der Grund: Die Senioren stürzen unter Blutdruckmitteln häufiger. Zu diesem Resultat kommt eine US-Studie mit rund 5000 über 70-Jährigen. Besonders gefährdet waren jene, die bereits einmal gestürzt waren und unter mehreren Krankheiten litten.

Achtung: Bei einer systolischen Blutdrucksenkung auf unter 140 mmHg muss auch der diastolische Blutdruck beachtet – und falls möglich – nicht zu stark, d.h. möglichst nicht unter 80 mmHg gesenkt werden!
( http://www.evimed.ch/journal-club/artikel/detail/schaedigt-ein-diastolischer-blutdruck-das-myokard-unabhaengig-vom-systolischen-blutdruck/)

Man muss sich hier im Klaren sein, dass die Blutdruckmittel ein Riesengeschäft bedeuten (v.a. seit die Guidelines in den vergangenen Jahren immer tiefere Blutdruckwerte für noch normal erklären). Dieser “Kuchen” ist im Jahr weltweit auf 36 Milliarden Dollar angewachsen und die vier bestverkauften Medikamente gegen Bluthochdruck brachten allein 8 Milliarden Dollar ein!

Veröffentlicht am 15. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
14. März 2019

CheckUp – Sinn und Unsinn

Wer viel misst, misst auch viel Mist!

Hier gleich zu den wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen >>>

Wenn sich eine vitale Dreissigerin oder ein kerngesunder Vierziger einem Checkup unterziehen, dann prüfen Ärzte und Ärztinnen auf Herz und Nieren und wissen schon: Sie finden nichts!

Es ist schön, Gesunde bei einem Checkup zu untersuchen und ihnen schliesslich zu bestätigen, dass es ihnen tatsächlich gut geht. Störend ist allenfalls, dass im Wartezimmer Kranke warten, mit Schmerzen, Risiken und Ängsten. Bedenklich ist es vielleicht, wenn Patientinnen und Patienten nicht mehr von sich aus wissen, wie es ihnen geht. Haben wir etwa die Kunst vergessen, unsere eigene Befindlichkeit zu spüren und in uns hineinzuhorchen? Denn eigentlich wäre es ja meine Frage, die ich als Arzt gerade stellen wollte: Wie geht es Ihnen? Wenn Sie uns nicht mitteilen können, wo es fehlt, dann können wir als Ärztinnen und Ärzte dies schon gar nicht sagen.

Wer hängt eigentlich so sehr am Checkup? Vielleicht ist er noch ein Relikt aus jener Zeit, als man in der Medizin alles für machbar hielt. Und als man meinte, die moderne Diagnostik könne buchstäblich in den Körper hineingehen. Viele denken heute noch so. Einige haben diese Meinung der Realität zuliebe aufgegeben. Der lebendige Organismus funktioniert nicht nach der «Servicementalität», wie dies bei einem Auto der Fall ist. Tatsache ist jedoch, dass die Kassen, die Lebensversicherungen, das Strassenverkehrsamt und viele Arbeitgeber immer noch den Generaluntersuch als Bedingung für den Erhalt des Führerausweises oder für eine Höherversicherung verlangen. Und eine weitere Tatsache ist, dass die Ärzte ungern auf den Checkup verzichten: Sie verdienen glänzend daran. Und so wird sich der Checkup wohl noch eine Weile in der medizinischen Landschaft behaupten können. Als schlechtes Beispiel hat eine Spezialistenvereinigung, die im Raume Zürich massiv Reklame für sich macht und arg absahnt ein “Checkup-Zentrum” eröffnet. Welch medizinischer Unsinn – und welche Goldgrube… verschiedenorts als “Executive Checkup” angeboten, kostet bis zu 3500 Franken und enthält neben einer Vielzahl von Tests auch eine Computer- oder Magnetresonanztomographie (CT, MRI) des gesamten Brust- und Bauchraums – notabene Untersuchungen, die eine 200fache (!) Strahlenbelastung eines Thoraxröntgenbildes aufweisen: also ein “Checkup”, der neue Risiken schafft, als diese auszuräumen!

Infarkt nach normalem EKG

Se non è vero, è buon trovato. Man erzählt sich die Geschichte immer wieder: Ein beschwerdefreier Mann geht zum Herzspezialisten und wünscht eine kardiologische Generaluntersuchung. Dieser untersucht ihn nach allen Regeln der Kunst. Er hört ihn ab, macht ein EKG, dann den Belastungstest. Er schaut mit dem Herzultraschall und entnimmt ihm Blut. Schliesslich kann er nach bestem Wissen und Gewissen mitteilen: Ihrem Herzen geht es ausgezeichnet. Aber in den darauf folgenden Tagen kommt es zu einem fatalen Herzinfarkt.

Ein ärztlicher Untersuch bei Menschen ohne jegliche Beschwerden bringt selten etwas an den Tag. Ein schlechtes Herz, das bei den erwähnten kardiologischen Untersuchungen krankhafte Befunde zeigt, kündigt sich an. Es meldet sich mit Angina-Pectoris-Schmerzen bei körperlicher Anstrengung, mit Atemnot, mit deutlich reduzierter Leistungsfähigkeit, mit geschwollenen Füssen. Ein Krebs in einem fortgeschritteneren Stadium macht sich bemerkbar und so lange er sich noch nicht bemerkbar macht, findet man ihn in aller Regel nicht. Wenn man ihn dann findet, ist es meistens schon reichlich spät. Es gibt – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – keinen Suchtest im Sinne einer Krebsfrüherkennung. Ebenso gibt es keinen Bluttest, der auf das Vorhandensein eines bösartigen Tumors irgendwo im Körper hinweist. Die sogenannten Tumormarker, Bluteiweisse, die auf bestimmte Krebsarten hinweisen sollen, haben sich für ein Screening als ganz und gar unzuverlässig herausgestellt.

Viele Tests sind unsinnig

Was bedeutet Screening? Man versteht darunter eine breit angelegte Suchmethode nach einer bestimmten Krankheit. Die in Frage kommende Bevölkerung soll dabei möglichst vollständig diesem Suchtest unterzogen werden. Die zytologische Untersuchung des Abstrichs vom Gebärmutterhals ist ein solches Screening. Die Messung des Augendrucks bei älteren Menschen gehört ebenfalls dazu, wie auch die typischen Hausarzttätigkeiten des Blutdruckmessens, des Blutzuckers, Blutfettbestimmungen und der Blickdiagnose einer Adipositas. Aber viele solcher Tests, die auch Sinn machen und einfach durchzuführen sind, gibt es nicht. Und mancher derartige Untersuch, noch unlängst regelmässig durchgeführt, ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar und wird aus dem Repertoire der Präventivmediziner gestrichen. In Tabelle 1 sind die heute gängigen und gebräuchlichen Untersuchungen zusammengestellt. Eine gute und ausführliche Arbeit darüber finden Sie hier: Hunziker S, Hengstler P, Zimmerli L, Battegay M, Battegay E. Check-up-examinations in internal medecine. Internist. 2006;47:55-65.

Es geht hier nicht darum, Angst zu verbreiten, aber die Illusionen sind gefährlich. Es geht auch nicht darum, Patientinnen und Patienten vom Praxisbesuch fernzuhalten. Sie sollen gehen, wenn sie sich ängstigen oder schlecht fühlen. Es ist aber unerlässlich, dass wir alle wieder lernen, mehr uns selber und unserem Gespür zu vertrauen. Mindestens solange man gesund ist und auch so lebt, sollte man sich selbst mehr vertrauen als seinem Arzt. Mancher Patient oder manche Patientin, die sich bei uns untersuchen lassen, sehen in einem unauffälligen Checkup und in einem normalen Screeninguntersuch geradezu einen Freibrief, die bisherige ungesunde Lebensart munter weiterzuführen. Es ist ja alles in Ordnung: Die Ärztin hat gesagt, das Rauchen habe mir nichts angehabt. Screening, so scheint es mir, ist häufig ein Ritual, um mit der Angst vor Krebs und Krankheiten fertig zu werden.

Weitere unsinnige Untersuchungen und medizinische Interventionen werden momentan von den amerikanischen Aerzte-Fachgesellschaften gesammelt: siehe hier weiter unten.

Checkup gegen die Angst – “hidden agenda”

Hinter jedem Wunsch nach einem Checkup verbirgt sich ein Grund. Häufig ist es Angst. Weit wichtiger als der Untersuch an sich ist es, dieser Angst auf die Spur zu kommen und mit den Patientinnen und Patienten das Gespräch darüber zu finden. Ich beginne mein Gespräch beim Checkup-Wunsch des Patienten deshalb häufig mit dem Satz: “Es existieren zwei Risiken, die für den “Checkup” wichtig sind: ein familiäres (siehe unten) und ein persönliches. Sind Sie in letzter Zeit grosse gesundheitliche Risiken eingegangen?!” Hier hat dann plötzlich Platz, dass der Mann in letzter Zeit eine Prostituierte besucht hat (und nun fürchtet, eine Geschlechtskrankheit aufgelesen zu haben) – oder er hatte unsicheren Sex mit einer “Unbekannten” oder er nahm “irgendeine” Droge an der letzten Party. Dies gehört zur “hidden agenda” seines Wunsches nach einem Checkup. Sehr oft erweist es sich dann auch, dass ein Bekannter oder Verwandter eine bestimmte Krankheit hat, die man nun fürchtet. Oder die Lebensumstände haben einen grossen Wandel genommen und zur Verunsicherung geführt. Oder am Fernsehen wurde wieder einmal über eine gefährliche Krankheit aufgeklärt. Oder eben: Der frühere Hausarzt hat den Checkup empfohlen, mindestens einmal jährlich.  “Hidden agenda” bezeichnet seitens des Patienten nicht deklarierte  Beweggründe für einen Arztbesuch. Hierzu gehören auch Erwartungen, Gefühle und Ängste, welche dem Arzt nicht ohne weiteres preisgegeben werden. Mögliche Hinweise auf eine noch nicht entdeckte “hidden agenda” können sein: spürbare oder geäusserte Unzufriedenheit des Patienten; häufiger Arztwechsel; häufige Konsultationen ohne Veränderungen des klinischen Status; Patienten, welche übertrieben durch ihre Symptomatik beeinträchtigt zu sein scheinen; “schwierige” Patienten. Das Erkennen einer “hidden agenda” verhindert unnötige, fruchtlose, im schlimmsten Fall falsch positive Abklärungen, die mit dem Konsultationsgrund eigentlich nicht im Zusammenhang stehen (mehr dazu von Edouard Battegay im Schweiz med Forum 2004;4:196-199 -> check_up.PDF ).

Dazu folgende wichtige Überlegung für Männer:

(durch Anklicken bergrössern)

Gespräch als Alternative

Also kann auch der an sich unsinnige CheckUp durchaus mal Sinn machen. Im Gespräch zwischen Ärztin und Patient wird erörtert, was zur Konsultation geführt hat, was genau ist der Grund, warum gerade jetzt, was sind die Erwartungen, Hoffnungen, Ängste? Und um allfällige Befürchtungen zu zerstreuen, dürfen schon mal einige wenige und einfache Tests durchgeführt werden. Dann gibt es das Gespräch über allfällige Missverständnisse und Illusionen, was den CheckUp und die Screening-Untersuchung betrifft. Im weiteren kann aufgrund früherer schwerer Krankheiten, auch in der nächsten Verwandtschaft, das persönliche Risiko abgeklärt und ein Untersuchungsplan besprochen werden. Und schliesslich ist es durchaus sinnvoll, auch einmal über die Lebensgewohnheiten zu sprechen: das Rauchen, den Sport, das Übergewicht, den Alkohol, die Essgewohnheiten usw. Und wenn Sie dann als Patientin oder Patient von dieser Konsultation und vom Gespräch etwas von all dem nach Hause nehmen können, dann hat sich der Gang zum Arzt gelohnt. Vielleicht kann man dann diese Art von «CheckUp» anstelle des bisherigen periodischen Generaluntersuchs wärmstens empfehlen.

Und noch was: Bei erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten sind regelmässige Untersuchungen nötig. Solche Risikokonstellationen liegen etwa vor, wenn in der Familie gewisse Krankheiten aufgetreten sind, von denen man weiss, dass sie familiär gehäuft vorkommen. Wenn etwa ein Verwandter ersten Grades (Eltern, Geschwister oder Kind) an Dickdarmkrebs erkrankt oder verstorben ist, sind entsprechende Untersuchungen alle paar Jahre angezeigt. In Tabelle 2 sind die Risikogruppen und die empfohlenen Untersuchungen zusammengefasst.

Hier gleich ein Wort zu den modischen Gentests:

Gentests?!

Gemäss einer äusserst gut durchgeführten Studie ist eine simple Familienanamnese, die jeder Hausarzt macht effektiver als komplexe und kostenintensive Genanalysen! Tatsächlich werden bei einer zusätzlichen FA an 10’000 Personen 400 bis 500 Patienten mehr aufgespürt, die der Beratung und einer Betreuung für kardiovaskuläre Risiken (notabene das wichtigste Problem des heutigen Menschen) bedürfen! (Ann Int Med. 2012;156:253 und 315)

Tabelle 1: Die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen

Was: Wer: Wie oft:
Blutdruck alle ab dem 21. Altersjahr alle 3-5 Jahre Messung in Arztpraxis – ev. häufiger, falls in Familie metabolisches Syndrom
Cholesterin + weitere Blutfette a) Männer und Frauen ab 40 Jahren ohne Risiko
b) ab 20 Jahren für Personen, die rauchen oder mit familiärer Belastung für Herzkrankheiten oder erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck.
a) alle 5 Jahre Blutfettmessung
b) nach ärztlichem Rat, mind. alle 5 Jahre
Blutzucker
(Diabetes mellitus)
über 40 Jahre: übergewichtige Patienten mit einer familiären Belastung für Zuckerkrankheit (Diabetes) Nüchternblutzucker, ev. HbA1c, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Bauchumfangmessung Männer über 94 cm
Frauen über 80 cm
Kontrollen gehen zusammen mit Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker!
Brustkrebs:
a) Selbstuntersuchung
b) medizinische Untersuchung
c) Mammographie
Hohes Risiko haben Frauen mit einer Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kind) mit Brustkrebs, der vor 40 Jahren aufgetreten ist oder 2 Verwandte 1.Grades vor 60.
a) alle Frauen
b) alle Frauen
c) ?
Bei hohem Risiko: genetische Beratung und jährliche Mammographie nach 35-50jährig!
a) ideal ist monatlich nach der Menstruation
b) bei gynäkologischer Routinekontrolle
c) allgemein sehr umstritten
Eierstockkrebs Hohes Risiko haben Frauen mit 2 Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester, Tochter) mit Eierstockkrebs jeden Alters oder ein Fall von kombiniertem Brust- und Eierstockkrebs oder 1 Verwandte 1.Grades mit Eierstockkrebs jeden Alters und 1 Verwandte 1.Grades mit Brustkrebs unter 50.

b) alle Frauen?

genetische Beratung und jährlich CA 125, Mammographie und Ultraschall!

b) sehr umstritten!

Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) 3 Jahre nach Beginn Geschlechtsverkehr bis 65jährig.
Nicht mehr nach Entfernung der Gebärmutter wegen einer Ursache, die nicht Krebs war.
HPV-Test nie unter 30 Jahren.
1. und 2. Jahr jährlich, dann 3-jährlich Krebsabstrich (PAP).
Hodenkrebs alle Männer ab Pubertät oft selbst abtasten!
Dickdarmkrebs
(kolorektales Krazinom)
Hohes Risiko bei einem Verwandten 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) mit Dickdarmkrebs, der vor 40jährig auftrat – oder 2 Verwandte 1.Grades vor 70 – oder familiärer adenomatöser Polypose (FAP). Zwischen 50 und 70jährig: Dickdarmspiegelung auf ärztlichen Rat. Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen!
Und… besser als gar nichts: Stuhluntersuchung auf Mikroblutspuren (immunochemischer Test) alle 2 Jahre.
Augendruck (grüner Star) a) alle ab 50
b) Grüner Star in Familie, Diabetes, schwere Fehlsichtigkeit
a) alle 5 Jahre anlässlich Augenkontrolle
b) ab 40 Jahren, Wiederholung auf ärztlichen Rat
Hautkrebs (Melanom) siehe Risikogruppe auf ärztlichen Rat
Prostatakrebs Männer ab 50 Jahren – bei familiärem Vorkommen: ab 40 je nach erstem Resultat (siehe meine Seite dazu!)

Tabelle 2: Risikogruppen

Anstelle von allgemeinen Empfehlungen werden heute viele Vorsorgeuntersuchungen gezielt für Risikogruppen empfohlen:

Hautkrebs Brustkrebs Dickdarmkrebs Herz-Kreislauf-Krankheiten
Personen, in deren direkter Verwandtschaft Hautkrebs vorgekommen ist, Hellhäutige, Lichtempfindliche, die häufig einen Sonnenbrand erlitten haben oder die oft in Aequatornähe waren und kaum braun werden, sowie Patienten mit vielen “Leberflecken” oder Flecken, die asymmetrisch, grösser als 5 mm sind oder sich schnell verändern oder wachsen. Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Nichtraucherinnen. Durch regelmässige Selbstuntersuchung können viele Formen frühzeitig erfasst werden. Eine Röntgendarstellung der Brüste (Mammographie) wird Frauen über 35 mit bekannter Brustkrebserkrankung der Mutter oder Geschwister vor deren Abänderung empfohlen. Bei allen übrigen Frauen ist sie als Screening-Methode stark umstritten. Über 50jährige, in deren Familie Darmkrebs vorgekommen ist (siehe Tab.3 unten!), sowie solche mit einer bekannten chronisch- entzündlichen Darmerkrankung sollten jährlich Stuhlproben auf versteckten Blutverlust untersuchen lassen.
Ein hohes Risiko besteht auch bei Übergewicht und bei Raucher!
Angehörige von Familien, in denen gehäuft Erkrankungen der Herzkranzgefässe oder Schlaganfälle vorgekommen sind, sowie Raucher und Übergewichtige und junge Glatzenträger sollten sich regelmässig bezüglich Blutdruck, Zuckerkrankheit oder einer Fettstoffwechselstörung untersuchen lassen. Das Ruhe-EKG hat praktisch keinen Vorhersagewert, ob jemand einen Herzinfarkt erleiden wird. Seine Bedeutung liegt darin, die Ursache bestimmter Brustschmerzen zu erklären.

 

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Koloskopie

Zuerst:
Welche Nebenwirkungen hat eine Dickdarmspiegelung:
Hierzu gab es 2013 eine sehr grosse Studie: “Adverse events requiring hospitalization within 30 days after outpatient screening and nonscreening colonoscopies” von C. Stock et al im gastrointestinal endoscopy  2013.
Von 33000 ausgewerteten  Koloskopien ergaben sich folgende Komplikationsraten:
Perforation: 0.7/1000 (2017 in Zürcher Studie: 1-2 Perforationen/1000!)
Blutung: 0.5/1000 (2017 in Zürcher Studie: 6 Blutungen/1000!)
1:2000-4000 eine nötige Operation deswegen
Herzinfarkte, Schlaganfall u.a. waren nicht häufiger als in einer Kontrollgruppe.

Tabelle 3: Überwachung Dickdarmkrebsgefährdeter (Kolorektales Karzinom) Familien:

Kriterien Methode Alter
1 Verwandte 1.Grades (Eltern, Geschwister, Kinder)
über 40jährig (bei  Auftreten des Dickdarmkrebses
nichts tun
1 Verwandte 1.Grades
unter 40jährig
Koloskopie alle 5 Jahre Beginn mit 25 Jahren
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter >70
nichts
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 60-70
einmalige Koloskopie 55 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter 50-60
Koloskopie alle 5 Jahre 35-65 Jahre
2 Verwandte 1.Grades
Durchschnittsalter unter 40
Koloskopie alle 3-5 Jahre 30-65 Jahre
3 nahe Verwandte Koloskopie alle 2 Jahre 25-65 Jahre
Familiäre adenomatöse Polypose (FAP) Koloskopie jährlich 12-40

Imperialscore zur Abschätzung des Dickdarmkrebsrisikos mit Alter, Geschlecht, Gewicht, Rauchen:

(Quelle: https://www.rosenfluh.ch/media/arsmedici/2017/24/Das-Koloskopie-Screening-senkt-das-Risiko-an-Darmkrebs-zu-sterben.pdf)
Bis 3 Punkte: OC-Sensor-Test (Stuhltest auf Blut) – darüber: Spiegelung.

Choosing wisely

Nicht alles, was die Medizin zu bieten hat, dient dem Patienten. Die US-Initiative «Choosing wisely» (auf Deutsch etwa «Wähle klug») hat bereits über 100 Ratschläge gegeben, worauf Patienten besser verzichten. Die Initiative will helfen, Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden, die häufig, aber unnötig sind – und schaden können. Die US-Konsumentenorganisation Consumer Reports unterstützt die Kampagne, bei der mittlerweile alle medizinischen Fachgesellschaften mitmachen, von Allergiespezialisten bis zu Palliativmedizinern. Jede nennt fünf oder zehn Massnahmen, die «Ärzte und Patienten infrage stellen sollten», und erklärt kurz wieso. In der Schweiz ist ein grosser Trägerverein Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland gegründet worden. Bereits haben diverse ärztliche Fachgesellschaften ihre Top-5-Listen veröffentlicht:  www.smartermedicine.ch

Auf diesen Listen mit unnützen Therapien und medizinischen Massnahmen finden sich u.a.:

  • Keine Messung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) zwecks Prostatakrebs-Screening ohne eine Diskussion von Risiko und Nutzen.
  • Kein Weiterführen einer Langzeit-Pharmakotherapie bei gastrointestinalen Symptomen mit Protonen-Pumpenblockern (PPI) ohne Reduktion auf die tiefste wirksame Dosis.
  • Vermeiden von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) bei Personen mit Bluthochdruck, Herzversagen und/oder chronischer Nierenerkrankung.
  • Geben Sie Kindern unter 4 Jahren keine Mittel gegen Erkältung.
  • Planen Sie Wahl-Kaiserschnitte nicht vor der 39. Schwangerschaftswoche.
  • Wenn bei einer gut gemachten Darmspiegelung nichts gefunden wurde, genügt es, die nächste in zehn Jahren zu machen.
  • Werden bei einer Darmspiegelung maximal zwei kleine, harmlose Polypen entfernt, genügt es, frühestens nach fünf Jahren die nächste Darmspiegelung machen zu lassen.
  • Das Osteoporose-Screening lässt man bei Frauen unter 65 und Männern unter 70 Jahren ohne Risiko besser bleiben.
  • Kurzzeitige Bewusstlosigkeit (Synkope): Normalerweise sind weder CT noch MRI nötig.
  • Akute Entzündung der oberen Luftwege und Nasennebenhöhlen: auf Antibiotika kann man oft, auf Röntgen oder CT meist verzichten.
  • Rückenschmerzen: in den ersten sechs Wochen weder Röntgen noch CT oder MRI (ausser bei Nervenausfällen oder weiteren schweren Krankheiten, sog. “Red Flags”!).
  • Verwenden Sie Antipsychotika nicht als Mittel der ersten Wahl bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Symptomen bei Demenz.
  • Bei den meisten älteren Erwachsenen mit Diabetes die Gabe anderer Medikamente als Metformin vermeiden, um einen Hämoglobin-A1c-Wert (HbA1c) von unter 7,5 % zu erreichen; eine moderate Blutzuckerkontrolle ist im Allgemeinen besser.
  • Keine Benzodiazepine oder andere sedativ-hypnotische Arzneien bei älteren Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl verwenden gegen Schlaflosigkeit, Unruhezustände oder Verwirrtheit.
  • Leichtere Kopfverletzungen von Kindern: CT nur, wenn absolut nötig.
  • Beschwerdefreie Personen profitieren nicht von der Suche nach Verengungen der Halsschlagader.
  • Keine Antibiotika gegen Bakteriurie bei älteren Erwachsenen verwenden, ausser es liegen spezifische Harnwegssymptome vor.
  • Bei Schwerkranken: eingepflanzte Herz-Defibrillatoren ausschalten, wenn Lebensverlängerung nicht mehr gewünscht wird.
  • Patienten mit Demenz: keine Ernährungssonde durch die Haut.
  • Bei normaler Schilddrüsenfunktion: kein Szintigramm zur Abklärung von Knoten.
  • Bei beschwerdefreien Personen mit Herzgeräusch: Keine wiederholten Ultraschall-Untersuchung des Herzens, wenn ein erster Ultraschall nichts ergeben und sich nichts verändert hat.
  • Bei leichten Herzklappen-Veränderungen ohne Beschwerden: keine Routine-Kontrollen mittels Herz-Ultraschall.
  • Keine Asthma-Diagnose und -Behandlung ohne Untersuchung der Lungenfunktion (Spirometrie).
  • Kein Screening auf Gebärmutterhalskrebs bei Frauen über 65 Jahre, die zuvor diesbezüglich nie Auffälligkeiten gezeigt und kein erhöhtes Risiko haben.
  • Beruhigungsmittel wie Valium bei Senioren nicht als Schlafmittel der ersten Wahl einsetzen.
  • Zur Diagnose von Allergien keine unbewiesenen Labortests oder wahllos ganze «Testbatterien» einsetzen, d.h. nur IgE-Tests auf der Haut oder im Blut, die klinisch beim Patienten anzunehmen sind – und nie die unsinnigen IgG-Tests!
  • Kein Belastungs-EKG (auf dem «Velo») bei Personen ohne Beschwerden und nur kleinem Risiko.
  • Bei beschwerdefreien Personen mit normaler Nierenfunktion: kein Screening auf Verengungen in den Nierenarterien.
  • Kein Screening auf Eierstockkrebs bei Frauen ohne Beschwerden und Risikofaktoren.
  • Entfernung von Metall-Implantaten an Füssen und Unterschenkel: Präoperative Antibiotikumgabe reduziert Wundinfektrisiko nicht wesentlich!
    (Backes M et al. Effect of antibiotic prophylaxis on surgical site infections following removal or orthopedic implants used for treatment of foot, ankle, and lower leg fractures. A randomized clinical trial. JAMA 2017; 318: 2438-2445.)

Schweizer Empfehlungen für den Check-up 2015

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Der vermessene Mann

Quantified Self heisst eine amerikanische Bewegung, die jetzt auch auf Europa übergreift. Junge Männer machen sich dabei zu wandelnden Statistiken. Ihr Ziel: sich zu optimieren.
von Juli Zeh

Morgens nach dem Aufstehen tragen sie ihr Schlafverhalten in eine Tabelle ein. Sie messen Körpergewicht, Lungenvolumen, Grad der Mundfeuchtigkeit. Vor dem Mittagessen haben sie bereits den täglichen Intelligenztest durchgeführt. Sie scannen die Pigmentierung ihrer Haut und messen die eigenen Gehirnströme. Sie dokumentieren akribisch, was sie essen, wie weit sie joggen und was der Toilettenbesuch gebracht hat. Die Daten stellen sie ins Internet. Sie sind keine Untertanen in einer Science-Fiction-Gesundheitsdiktatur, sondern Bürger demokratischer Staaten, die ihre Freiheit dazu nutzen, das eigene Leben in eine Statistik zu verwandeln.
Quantified Self heisst eine wachsende Bewegung aus den USA, die auf Europa übergreift. Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz. Vom Stirnband mit EEG-Sensoren bis zum Blutdruckmessgerät mit USB-Anschluss: Durch Selbstvermessung wird die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Maschine endlich intim.

Wie eine männliche Magersucht
Den Selbstvermessern geht es um Optimierung. Sie wollen die erfassten Daten nutzen, um ihre Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu steigern. Der Feind heisst nicht Übergewicht und Unsportlichkeit, sondern Unordnung, Kontrollverlust, fehlende Disziplin. Das Ich als Forschungsobjekt: Der Selbstvermesser hofft, sich im Datenspiegel zu erkennen, Fehler auszubügeln und zu einem besseren Leben zu gelangen. Als wäre Glück ein Rechenergebnis, erzielbar durch die korrekte Anwendung einer Formel. So betrachtet stellt Quantified Self eine Art männliche Magersucht dar. Junge Mädchen meinen, durch maximale Askese einem idealisierten Selbstbild näherzukommen; die überwiegend männlichen Selbstvermesser glauben, mit dem Einsatz von Technik eine perfektionierte Version ihrer selbst verwirklichen zu können. Schönheit oder Leistungsfähigkeit sind dabei nur fiktive Ziele, die, ähnlich dem Horizont, beim Näherkommen in immer weitere Fernen rücken.
Die Selbstvermesser rücken dem eigenen Körper mit allerlei technischem Spielzeug auf den Pelz.
In Wahrheit geht es nicht um das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses, sondern um die Illusion, mit totaler Selbstkontrolle Herr über das eigene Schicksal werden zu können. Selbstermächtigung durch Selbstversklavung: Genau wie die Magersüchtige führt auch der Selbstvermesser einen Kampf gegen den eigenen Körper. Letztlich wirkt da die religiöse Vorstellung fort, der Weg zur Freiheit des Geistes führe über die Kasteiung des Fleisches. Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht. Als frommer Gläubiger nimmt sich der Selbstvermesser jede Möglichkeit zum Selbstbetrug. Die Datenbank ist sein Beichtstuhl, der Dienst an der Technik sein tägliches Gebet. «Selbst, selbst, selbst», lautet das Credo einer Religion ohne Gott, die den Einzelnen zum Schöpfer, zum Designer der eigenen Person erhebt. «Vermessen» ist nicht nur der Körper des Selbstquantifizierers, sondern auch der Anspruch, die totale Konzentration auf sich selbst müsse eines Tages zu Wohlbefinden führen. Egozentrik als Biozentrik.
Im Grunde bräuchte es ja nicht weiter zu interessieren, was ein paar Technikfans mit ihrem Überschuss an Freizeit und Geld anfangen, wenn die Idee von Quantified Self nicht als extremer Auswuchs eines allgemeinen Trends zu deuten wäre. Es sind nicht nur die Selbstvermesser, es ist unsere ganze Gesellschaft, die zunehmend dem Glauben verfällt, physische Perfektion sei das «höchste Gut». Gedüngt wird dieser blühende Irrtum von einer gigantomanen Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie, die ihre Selbstverbesserungspräparate an Mann und Frau bringen will. In der Werbung werden dazu körperbetonte Idealbilder entworfen. Einst behauptete ein altes Sprichwort, es komme auf die inneren Werte an, und damit waren nicht die Blut- und Leberwerte gemeint. Die Ablösung von moralischen Tugenden durch oberflächliche Begriffe wie Schönheit, Fitness, Jugend ist eine bedauernswerte Nebenwirkung des konsumgestützten Kapitalismus. Unser Wirtschaftssystem ist nun mal darauf angewiesen, dass wir permanent durch eine Mischung aus Leistung und Konsum nach Glück zu streben suchen.
Entsprechend anfällig ist unsere Gesellschaft für die Annahme, das Wesentliche am Menschen sei der materielle Teil. Der messbare Mensch ist der vergleichbare und damit selektionsfähige Mensch. Auch wenn jeder Selbstvermesser diesen Gedanken empört von sich weisen würde: Es gab in Deutschland schon einmal eine Bewegung, die meinte, den Wert eines Menschen am Kopfumfang ablesen zu können. Die Selbstquantifizierer befinden sich auf dem Holzweg, wenn sie erklären, die Informationssammelei diene der Aufklärung im kantschen Sinn. Das Mündige an einem Bürger ist nicht der Körper, sondern der Geist. Die Verwandlung eines Lebewesens in Zahlenkolonnen macht den Menschen zum Objekt und läuft damit automatisch Gefahr, Fremdherrschaft zu begründen.

Krank? Selber schuld!
Schon jetzt freut sich das überforderte Gesundheitssystem darauf, Quantified Self sukzessive zu einer allgemeinen Verpflichtung zu erheben, um auf dieser Grundlage Versicherungsleistungen nach dem Selber-schuld-Prinzip zu verweigern. Wenn es einen optimalen Lebensstil gibt, der zum optimalen Körper führt, dann gibt es auch messbare Abweichungen, an die sich Belohnung und Strafe knüpfen lassen. Ob sie es wollen oder nicht – als Vorreiter in Sachen Körperwahn machen sich die Selbstvermesser zu Versuchskaninchen für das Konzept des Gesundheitsuntertanen. Sie entwickeln und testen Sensoren, die wir vielleicht eines Tages alle am Handgelenk tragen, um auf diese Weise am Bonus-Malus-System der Krankenkassen teilzunehmen. Schon heute können Versicherungen ihre Zahlungen zurückhalten, wenn es um die Verletzungen eines Extremsportlers oder Komplikationen nach einer Schönheitsoperation geht.
Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht.
Die Verknüpfung von Krankheit und Schuld bedeutet nicht weniger als das Ende von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität – zwei Werte, die das Fundament einer demokratischen Gesellschaft bilden. Wer glaubt, Gesundheit und Wohlbefinden könne man sich erarbeiten, indem man entlang von Normen alles «richtig» macht, der mag bald nicht mehr einsehen, warum er mit seinen Versicherungsbeiträgen für die Raucherlungen, Säuferlebern und verfetteten Herzen irgendwelcher undisziplinierter Hedonisten aufkommen soll. Der wird seine Sätze bald mit «Man muss doch nur» und «Ist es denn zu viel verlangt» beginnen. Wer meint, das Schicksal bezwungen zu haben, teilt die Welt in Gewinner und Versager ein und betrachtet körperliches oder seelisches Leid als Charakterschwäche.
Diese Einstellung ist kein Akt der Emanzipation, weder vom Schicksal noch von einem bröckelnden Gesundheitssystem. Sie ist ein Rückschritt in der Geschichte des humanistischen Denkens. Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht. Ein mündiger Mensch kann auf seine Fähigkeit vertrauen, das rechte Mass der Dinge ohne Messgeräte zu ermitteln. Selbstvermessung hingegen ist das Gegenteil von Selbstvertrauen. Im Wunsch, die eigene Existenz möglichst restlos zu beherrschen, drückt sich vor allem die Angst aus, als Individuum in der grossen, weiten Welt der schönen und schrecklichen Möglichkeiten verloren zu gehen. Wir sind alle fehlerhaft. Wir bestehen zum grossen Teil aus Schwächen. Der kleinste Zufall besitzt die Macht, uns zu vernichten. Das Sammeln von Informationen schützt nicht dagegen. Bei Tageslicht betrachtet, ist es nicht mehr als der Versuch, der eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge zu blicken.

Der totalitäre Körper
Nichts spricht dagegen, den eigenen Körper und am besten auch Herz und Geist zum Besseren entwickeln zu wollen. Leider fällt es uns Menschen schwer, zu verstehen, dass das immer Bessere nicht im Extrem, sondern in der Balance zu suchen ist. «Nichts übertreiben», lautet ein recht verlässliches Rezept, das nicht zuletzt auch für das Streben nach Wohlbefinden gilt. Gesundheit kann eine Voraussetzung für das gute Leben, nicht aber Selbstzweck sein. Als Endziel aller menschlichen Bemühung entfaltet der Körper totalitäres Potenzial. Ein Staat, der seine Bürger zu dem verpflichtet, was sich ein Selbstvermesser freiwillig abverlangt, wäre tatsächlich eine Gesundheitsdiktatur. Es gilt dafür zu sorgen, dass der Freiheitsverzicht von Quantified Self ein legitimes Hobby bleibt. Und nicht heimlich zum gesellschaftlichen Konzept mutiert.
Im August 2012 erscheint Juli Zehs neuer Roman «Nullzeit» bei Schöffling & Co.
Quelle: Tages-Anzeiger: http://tagi.ch/19200678

Mehr über die Selbstoptimierungsbewegung hier auf dieser Website >>>


(Copyright beim Cartoonisten/Illustrator)

Veröffentlicht am 06. Juni 2017 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2019