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vom akuten zum chronischen SchmerzLanganhaltende oder häufig wiederkehrende Schmerzreize verändern die Reaktionsbereitschaft sowohl des peripheren als auch des zentralen Nervensystems - sie führen zu Veränderungen an den Schaltstellen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Das bedeutet, die Kontrollstation, die dafür sorgt, dass der Schmerz wieder abklingt, wird ausgeschaltet oder überfahren. Die Schmerzsignale werden dann dauerhaft durchgelassen oder entstehen auch spontan. Dieser anhaltende chronische Schmerz hat keine erkennbare physiologische Funktion mehr und fördert Angst und eine negative und hilflose Grundhaltung des Betroffenen. Schmerz ist eine hochkomplexe, äusserst vielschichtige Empfindung. Die Pein entsteht in einem verzweigten Netzwerk von Verarbeitungsstationen im Gehirn und im Rückenmark, in die Signale von der Haut und den inneren Organen eingespeist werden. Man spricht von einer Schmerzmatrix. beeinflusst wird diese von einer Vielzahl von Faktoren: von Umweltreizen genauso wie von erblicher Veranlagung, aber auch von Emotionen, Erinnerungen und Erwartungen. Wohl nirgendwo offenbart sich die Verflochtenheit von Körper und Seele eindringlicher als beim Schmerz.
somatoforme SchmerzenWeist jemand die vier untenstehenden Merkmale auf, ist dies charakteristisch für jene Menschen, die von ihren Beschwerden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark in Mitleidenschaft gezogen werden, für die sogenannten "somatoformen Schmerzen" (W.Rief et al.: Are psychological features useful in classifying patients with somatic symptoms? Psychomatic Medicine, 72/7, 2010, 648-55):
Man spricht von somatoformen Schmerzstörungen, wenn die Ursache der
Schmerzen in keinem Verhältnis zur Ausprägung des Schmerzverhaltens steht. Hier wird häufig vergessen, dass es ein Schmerzgedächtnis gibt. Es ist gefährlicher Unsinn, dem Patienten hier das Gefühl zu vermitteln, seine Beschwerden seien "nur" psychischer Natur. Das Körperliche und das Psychische wird im Gehirn in vergleichbaren Strukturen verarbeitet. Mit anderen Worten, ob Sie gemobbt oder geschlagen werden, es tut Ihnen beides weh. Deshalb ist es erklärbar, dass es mit ein wenig Übung Menschen schaffen,
die Schaltzentrale der Schmerzen im Hirn, den sog. Anterioren Cingulären Kortex
(ACC) auch andersrum zu beeinflussen. Jeder muss dabei seine persönliche
Strategie finden. Manche konzentrieren sich auf einen Körperteil, der nicht
wehtut. Andere reden sich ein, der Schmerz sei harmlos und höre gleich auf. Wieder andere beschwören angenehme Bilder aus dem jüngsten Urlaub herauf...
Erkenntnis 1: Schmerzen frühzeitig bekämpfen!Schmerzen werden meist längere Zeit ignoriert. Man geht üblicherweise erst zum Arzt, wenn bereits eine Chronifizierung begonnen hat. Doch dann liegt das Kind schon im Brunnen. Denn unser Gehirn prägt sich nicht nur Gedichte und Passwörter ein, es kann auch den Schmerz erlernen - und dann schlecht wieder vergessen. Der Schmerz muss also frühzeitig bekämpft werden. Das gilt besonders für Rückenschmerzen. Da diese häufig als Reaktion auf Bewegungsmangel in Kombination Stress entstehen, ist hier eine Präventionsstrategie, gegebenenfalls auch kurzfristig unterstützt durch entzündungshemmende und schmerzstillende Medikamente, sehr hilfreich. In der Vergangenheit wurden viel zu viele Rückenschmerzen auf "eingeklemmte Bandscheiben" zurückgeführt und dann meist erfolglos operiert - der Schmerz kam wieder. Ich plädiere hier auch auf frühzeitigen Einsatz von Morphin oder anderen Opioiden wenn die klassischen Schmerzmittel versagen. Sie beseitigen neben dem Schmerz auch die Angstzustände, unter denen diese Betroffenen fast immer leiden. Unter Morphin stellt sich ein tiefes Gefühl der Ruhe und Entspannung ein. Bei Schmerzen angewendet machen sie übrigens auch nicht süchtig.
Erkenntnis 2: Schmerz ist subjektivGenetische Faktoren bestimmen massgeblich mit, wie schmerzempfindlich jemand ist. Und wie gut er auf Medikamente anspricht. Wirksame Analgetika-Dosen können also sehr unterschiedlich sein. Auch der Gefühlshaushalt und die Umweltsituation beeinflussen die Schmerzintensität. Wer schlecht gestimmt ist, versinkt in seiner Pein. Wer Aufmunterung erfährt, setzt leichter über sie hinweg. Als machtvoller Modulator des Schmerzes haben sich überdies die individuellen Erwartungen erwiesen: Die Aussicht, dass Schmerz verursachende Beschwerden anhalten werden, vertieft die Qualen. Die Perspektive, sie bald los zu sein, lässt sie weniger schlimm erscheinen. Einen Schmerzpatienten also nie als Simulanten abqualifizieren!
Erkenntnis 3: Das beste Schmerzmittel ist ein Mehrfrontenangriff!Neben Medikamenten, die es dem Schmerzgeplagten erlauben, wieder Bewegungen auszuführen, die für ihn unerträglich waren, kommt das Training, das Fitness und Beweglichkeit steigert. Entspannungstechniken schliesslich nehmen den Druck von den Muskeln und entlasten damit auch die Nozizeptoren; Verhaltenstherapie vermittelt den Betroffenen das Gefühl, Probleme erfolgreich bewältigen zu können. Es gilt also, den Schmerz verlernen zu lernen: Psychische Faktoren, zuvor vernachlässigt und als blosse Reaktionen auf Schmerz eingestuft, sieht man heute als essentielle Komponente der Schmerzverarbeitung an. Die Funktion des Zentralnervensystems verschiebt sich damit deutlich: Vom rein passiven Überträger und Empfänger peripherer Schmerzsignale wird es zum aktiven Bearbeiter der ihm zufliessenden Impulse. Daraus ergeben sich neue Wege zur Schmerzkontrolle. Typischerweise reduziert ein Patient mit chronischen Schmerzen zuerst seine körperliche Aktivität. Schliesslich kommt es zum sozialen Rückzug - die Angst vor dem Schmerz bestimmt zunehmend den Tagesablauf. Da wir im Gehirn keine Löschtaste haben, muss der Patient in der Therapie wieder lernen, dass der Gang von A nach B, den er vorher mit grossen Schmerzen bewältigen konnte, nicht schmerzhaft ist. Früher haben wir den Fehler gemacht, dass wir den Patienten mit entsprechenden Mitteln und Massnahmen in erster Linie nur entspannt haben. Richtig ist jedoch, aktiv mit dem Patienten am Überschreiben, das heisst am Vergessen, zu arbeiten. Wir bezeichnen diesen Vorgang als "Re-Learning". Die Alltagsbewegungen müssen neu erlernt werden. Im Rolfing geschieht dies durch erlangen eines neuen Gleichgewichts mit schwingenden, katzenartigen Bewegungen mit minimaler Muskelaktivität und einem "Hängen im Bindegewebe". Spüren von Gewicht, Dehnung und Stütze sind Leitlinien. Rolfing ist ein wunderbar salutogenetisches Konzept, eine Ressourcenarbeit im schönsten Sinne des Wortes, wo Symptome wie Schmerzen oder zum Beispiel eine Skoliose aus dem Fokus geraten und die freie, ökonomische Alltagsbewegung und -haltung wichtig werden - und erst sekundär und beiläufig dann vielleicht auch noch die obigen Symptome verschwinden. Im Allgemeinen ist wichtiger Ausgangspunkt eine Phase, in der der Patient vorübergehend durch den massiven Einsatz verschiedener Therapieformen schmerzarm oder gar schmerzfrei wird. Auch wenn die Schmerzfreiheit nur einige Tage andauert, sind das wichtige Tage weg vom Schmerz, an denen der Patient merkt, was ihm gut tut. Im Anschluss daran lernt er, dass gewisse Bewegungen nicht wie früher wehtun. In dieser Phase muss der Hausarzt eng mit Psycho- und Physiotherapeuten zusammenarbeiten.
Erkenntnis 4: Mensch hilf dir selbst!Bewegt euch! Aktiv zu werden bedeutet dabei nicht nur, sich körperlich zu bewegen, es heisst auch, sein Leben engagiert in die Hand zu nehmen. Probleme anzupacken, statt sie vor sich her zu schieben. Strategien einzuüben, wie sich prekäre Situationen ohne lähmende Angst und Stress bewältigen lassen. Auch dies sind Kompetenzen, die sich positiv auf die Schmermatrix auswirken.
Erkenntnis 5: Schmerzen lassen sich "verlernen"Das menschliche Gehirn ist enorm anpassungsfähig - sogar im hohen Alter. Und in dieser Plastizität liegt eine Hoffnung auch für Schmerzpatienten. Die nämlich, dass die Spuren, die eine über Jahre ertragene Pein im Zentralnervensystem hinterlässt, nicht irreversibel sind, sondern sich im Prinzip wieder verwischen lassen.
Erkenntnis 6: völlige Schmerzfreiheit gibt es selten!Eine Rest-Erinnerung an einen einmal empfundenen Schmerz wird aber in vielen Fällen bleiben. Von vornherein sollte nicht eine totale Schmerzfreiheit erwartet werden, aber eine klare Linderung. Die Lebensqualität ist also viel wichtiger. Machen Sie also wieder etwas Schönes für sich! Nur den Glücklichen ist es beschieden, den Schmerz in ihrem Leben völlig zum Schweigen zu bringen. Die anderen haben vielleicht jenes Verhältnis zu ihm zu finden, wie es der Philosoph Friedrich Nietzsche beschrieb: "Ich habe meinem Schmerz einen Namen gegeben und rufe ihn "Hund", er ist ebenso treu, ebenso zudringlich und schamlos, ebenso unterhaltend, ebenso klug wie jeder andere Hund - und ich kann ihn anherrschen und meine bösen Launen an ihm auslassen."
sexueller Missbrauch?In grossen Studien wurden positive Assoziation zwischen sexuellem Missbrauch und einer Diagnose von nicht spezifischen chronischen Schmerzen (auch funktionalen gastrointestinalen Störungen, psychogenen Anfällen und chronischen Unterbauchschmerzen) gefunden (nicht aber mit Adipositas, Kopfschmerzen oder Fibromyalgie). http://www.evimed.ch/journal_club.php?rubricSeq=230&tocExternalID=1585
SinnfragenJede Ausschaltung von Schmerz wirkt angstlösend und hilft bei der Auslöschung aversiver Erinnerungen. Wir müssen einsehen, dass Schmerz, im Widerspruch zu der gelegentlich propagierten mystisch-religiösen Überhöhung, das Dasein des Menschen nicht veredelt. Er zerstört vielmehr seine Lebensqualität. Niemand soll sein Brot unter Tränen essen müssen. Chronischer Schmerz (und nicht der akute ist hier gemeint) kann aber dennoch ein Anlass für
Sinnfragen sein. Schmerz entpuppt sich als "ungeformtes Gefühl" im
Körper, das sich schnell verändert, wenn der Patient - wie z.B. in der klassischen
Homöopathie gefordert - ihn detailliert beschreibt, quasi hineingeht und ihn dadurch
nicht mehr abspalten kann. Ich versuche dem Patienten zu zeigen, dass Schmerzen
auch sozial-psychologische Nutzen haben können - und ich ihnen diese nicht wegnehmen kann,
bevor sie nicht bereit sind, diese auch wirklich loszulassen. Hinter manchem chronischen
Schmerzsyndrom taucht so auch die Fragen nach dem Sinn des Leidens auf.
alternative TherapienWollen Sie nun doch noch Tipps für "alternative" Schmerzmittel:
SurftrippSchmerzen aus Bindegewebe und Muskel: www.dr-walser.ch/rolfing.htm!
Eine Seite in der das Thema auf den Punkt gebracht wird. Kurz und bündig werden die häufigsten Ursachen erläutert und weitere Infoquellen genannt: www.meine-gesundheit.de/krank/texte/schmerze.htm.
Sehr umfangreich und übersichtlich für interessierte Laien, Betroffene und für Angehörige mit Abhandlungen über die Entstehung chronischer Schmerzen, Schmerztypen und verblüffende Gesichtswinkel (Lust, Religion...) bei www.medizinfo.de/schmerz/schmerz.htm.
Bei chronischen Schmerzen, die eine selbstständige Krankheit werden können, empfehle ich wärmstens Selbsthilfegruppen: www.schmerzliga.de ist eine deutsche, die sich für mehr Verständnis, bessere Diagnostik und Therapie einsetzt.
www.painweb.de: Das Spektrum reicht von News über Veranstaltungshinweise, Therapie-Empfehlungen bis hin zu Selbsthilfeorganisationen und Adressen von Schmerzkliniken und -praxen.
Schmerz lass nach!
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 16.04.2012
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