Diese neue Lifestylepille ist so neu auch nicht: Seit Jahren ist der Inhaltstoff Finasterid von MSD als Proscar® (hier 5 mg täglich) gegen gutartige Prostatavergrösserung auf dem Markt. Deshalb sind auch bereits etliche Nebenwirkungen dieser Substanz, die die Bildung von Dihydro-Testosteron (DHT) aus Testosteron, einem männlichen Hormon stört, bekannt - und gefürchtet. Propecia® enthält 1 mg Finasterid pro Tablette (einmal täglich). Finasterid ist ein sogenannter 5-alpha-Reduktase- Hemmer.

 

 

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen von Finasterid kann man kurzerhand als "Verweiblichung" umschreiben (Hemmung der Testosteronwirkung): 3-5% zeigen Verminderung der Lust, Erektionsstörungen und weniger Samenbildung (Impotenz auf allen Ebenen); Die Brüste können wachsen (Gynäkomastie) und selten entsteht sogar ein Brustkrebs! Die Prostata verkleinert sich und die hormonabhängige Körperbehaarung wird spärlicher. Dies im Gegensatz zur gewünschten Wirkung: Die Stirn- und Schläfen-Kopfhaare fallen beim Mann durch die Dihydrotestosteronwirkung aus (androgenetisch) - und dies wird durch Propecia gehemmt.
Der Bluttest PSA (Prostata-spezifisches Antigen), der heute häufig sogar als Screening durchgeführt wird, kann unter Propecia verfälscht werden (sagen Sie also Ihrem Hausarzt, falls sie von sich aus Propecia einnehmen). Er vermindert sich um ca. 50% und kehrt erst wieder 3 Monate nach Absetzen des Finasterid zum Ausgangswert zurück.
Propecia darf von Kindern (unter 18 Jahren) oder von Frauen (v.a. Schwangere!) nie eingenommen werden!

 

Den Kommentar zur genauen Übersichtsarbeit zu Propecia von E.Gysling in pharma-kritik Nr 3/1998 kann ich auch Jahre nachher nur unterschreiben:
Eine Glatze ist keine Krankheit - 50% aller 50jährigen Männer haben eine. Finasterid zur Behandlung der androgenetischen Alopezie muss deshalb genau unter die Lupe genommen werden. In den bisherigen Studien hat sich das Medikament durchschnittlich als wirksam und gut verträglich erwiesen. Die Wirksamkeit gegenüber Placebo ist signifikant, aufgrund der vorliegenden Fotos jedoch nicht sehr beeindruckend. Bei Männern über 45 ist keine Wirkung dokumentiert.
Problematisch ist besonders die Aussicht auf eine Dauerbehandlung: Soll der Haarausfall nicht von neuem beginnen, so muss Finasterid ständig - theoretisch während Jahrzehnten eingenommen werden. An dieser Dimension gemessen sind die vorliegenden Studien noch viel zu kurz, um auch nur einigermassen zuverlässig Probleme einer Langzeiteinnahme auszuschliessen. Abgesehen von möglichen Konsequenzen für die Sexualfunktion ist dabei auch an die hormonalen Auswirkungen auf Herz und Kreislauf sowie die Lipide zu denken. Es ist keineswegs klar ob im mittleren Lebensalter eine jahrelange Unterdrückung der Dihydrotestosteronspiegel belanglos ist. Die Behandlung muss zwar nicht notwendigerweise jeden Monat 100 Franken kosten - man kann ja Proscar-Tabletten vierteln. Dennoch ist zu hoffen, dass nicht allzu viele Ärzte dazu Hand bieten, mit diesem neuesten Lifestyle-Mittel die Bevölkerung noch mehr zu medikalisieren.

 

2010/2011 zeigt sich nun in grossen Studien, dass bei den 5-Alpha-Reduktasehemmern Finasterid und auch bei Dustasterid der hohe Verdacht besteht, dass sie die Entwicklung schlecht differenzierter, aggressiver Prostatakarzinome fördern (Number needed to harm 800 bis 1000/Jahr)! Das arznei-telegramm (2011; Jg.42, Nr.8, 69) kommt deshalb zum Schluss: Von der Lifestyleanwendung von Finasterid gegen Haarausfall raten wir ab!

 

Jeder Mann soll also vor Einnahme dieses Mittels sehr sorgfältig diese Nebenwirkungen gegen die "kosmetische" Wirkung auf das "äusserliche" Symptom des androgenetischen Haarausfalls abwägen! Es lebe Sean Connery!

 

Was dann prophylaktisch tun?

Rauchende Männer haben vermehrt Haarausfall. Der Zigarettenkonsum zerstört die Haarfollikel. Auch die Papillen werden beschädigt, die Blut und Hormone für das Haarwachstum liefern. Rauchen könnte aber auch die Produktion von Östrogenen erniedrigen, die den Effekten der männlichen Sexualhormone, der Androgene, entgegenwirken (Archives of Dermatology, Bd.143, S.1401).

 

Alternative

Vielleicht - bei grossem Leidensdruck - dann ("gesünder", d.h. weniger schädlich) die operative Verpflanzung von eigenem Haar aus dem Hinterkopf am Stück entnommen und in eins bis drei Haare unterteilt nach vorne transplantiert (mikrochirurgische Eigenhaartransplantation).

Oder: Schönheit ist ein davoneilender Hase - und Hässlichkeit lässt sich nicht so leicht definieren und ist durch sich wandelnde gesellschaftliche Vorstellungen geprägt (Sehe ich nicht in letzter Zeit mehr Männer, auch junge, die stolz ihre Halb- und Voll-Glatze der Umwelt präsentieren?!). Hässlich ist ein Mensch, der sich selbst dafür hält. "Ich bin ich und ich ist schön" (auch der Titel eines guten Buches von Alicia Gimenez- Bartlett). Wer sich zu sehr mit dem eigenen Bild beschäftigt, kreist um sich selbst, und das schafft vor allem Beklemmungen. Man sollte sich für etwas anderes interessieren als für die eigene Haut und Haare!

 

Nachwort für "Schnellschiesser":

Ich halte es allgemein bei neuen Medikamenten mit der 7-Jahre-Regel: Erst wenn ein Medikament 7 Jahre auf dem Markt ist, können exaktere Daten über die Nebenwirkungen aufgestellt werden - und erst nach 7 Jahren verschreibe ich ein Arzneimittel, das sich positiv bewährt hat! Bei Lifestylemedikamenten würde ich diese Zeit sogar auf 10 oder 15 Jahre ausdehnen, da die Gründe zur Einnahme nicht lebenswichtig sind, die User mehrheitlich junge Menschen sind und deshalb später auftretende Nebenwirkungen (z.B. Spätwirkungen von Hormonverschiebungen bei Propecia auf Tumorwachstum, Fettstoffwechsel,...) verheerend wären!

Lasser KE, et al. Timing of new black box warnings and withdrawals for prescription medications. JAMA 2002;287:2215-20: Rund 10% der in den Jahren 1975-99 von der FDA registrierten, rezeptpflichtigen Medikamente haben sich seither für schwere ADRs (adverse drug reactions) eine "black box warning" zugezogen oder wurden aus dem Markt genommen - in der Hälfte der Fälle im Laufe der ersten 7 Jahre nach Registrierung! Fazit: Die Sicherheit registrierter Medikamente lässt sich erst abschliessend beurteilen, wenn ein Medikament mehrere Jahre auf dem Markt war.

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich

 

Last updated 07.09.2011

 

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