Diagnose

Drei einfache Fragen helfen, Klarheit zu gewinnen:

  1. Hatten Sie in den letzten drei Monaten Kopfschmerzen, die Sie in Ihren täglichen Aktivitäten für mindestens einen Tag einschränkten?

  2. Haben Sie im Zusammenhang mit Ihren Kopfschmerzen unter Übelkeit oder Magenbeschwerden gelitten?

  3. Bestand während der Kopfschmerzen eine Lichtüberempfindlichkeit?

Bei 93% der Patienten, die mindestens zwei dieser Fragen mit "ja" beantworte hatten, wurde nachfolgend durch Kopfschmerzspezialisten das Vorliegen einer Migräne bestätigt. Sensitivität und Spezifität waren unabhängig von Geschlecht, Alter (Kinder siehe unten), Begleiterkrankungen mit Kopfschmerzen oder Vordiagnosen. Damit handelt es sich um ein sehr brauchbares und dabei einfach umzusetzendes Screeninginstrument. (Richard B.Lipton et al., Neurology 2003; 61: 375-382).

Auch folgende fünf anamnestische Kriterien (englisch "POUNDing") lässt sich eine Migräne gut von anderen Kopfschmerztypen unterscheiden:

  • pulsierender Schmerz

  • Dauer zwischen 4 und 72 Stunden

  • Einseitigkeit

  • Übelkeit

  • schwere Beeinträchtigung

Liegen 4 der 5 Kriterien vor wird das Vorliegen einer Migräne 24-mal wahrscheinlicher (LR = "likelihood ratio" von 24). Bei 3 erfüllten Kriterien beträgt die LR 3,5. Sind nur 2 oder weniger Kriterien erfüllt, sinkt die Wahrscheinlichkeit hingegen auf weniger als die Hälfte (LR von 0,4).

 

Mehr als 60% aller Migränepatienten haben eine äusserst empfindliche Haut; ihnen bereitet selbst das Haarkämmen oder das Tragen von Ohrringen grosse Schmerzen. Menschen, die an anderen Kopfschmerzen leiden, sind weniger häufig hautempfindlich.

 

Wann muss ein CT oder MRI des Schädels gemacht werden um Hirntumoren, etc. auszuschliessen?

Bei typischer Symptomatik (siehe oben) und unauffälligem neurologischen Untersuch beim Hausarzt ist die Wahrscheinlichkeit, dass mit deinem CT oder MRI des Kopfes ein irrelevanter Zufallsbefund (der keinerlei "Krankheitswert" hat und nur Angst verbreitet!) erhoben wird, grösser, als dass man etwas Behandlungswürdiges findet.

Pathologische Befunde im CT oder MRI sind eher zu erwarten, wenn zu den obigen typischen Symptomen auch noch abnorme neurologische Befunde vorliegen (LR von 5,3) oder wenn es sich um sog. "Cluster"-Kopfschmerz handelt (LR 10,7). Auch undefinierter Kopfschmerz (nach obigen 5 Kriterien), v.a. starker, plötzlicher, ungewöhnlicher, Kopfschmerz mit Aura oder Erbrechen und Verstärkung bei Anstrengung oder Valsalva-Manöver (Atem anhalten und Pressen) waren mit einem erhöhten Risiko intrakranieller Prozesse verbunden. (Detsky ME, McDonald DR, Baerlocher MO et al. Does this patient with headache have a migraine or need neuroimaging? JAMA 2006 (13. September); 296: 1274-83).

 

 

Migräne bei Kinder

Bei Kindern äussern sich Migräneattacken vielfach etwas anders als bei Erwachsenen und werden deshalb oft gar nicht als solche erkannt. Kinder schildern den Schmerz im Gegensatz zu Erwachsenen häufig nicht las pulsierend und reagieren während der Attacke auch weniger sensibel auf Licht. Jedoch können folgende Verhaltensweisen ihre Ursache in einer Migräneattacke haben:

  • Das Kind ist unruhig und gereizt.

  • Es mag nicht spielen, ist blass und will schlafen.

  • Es klagt über Bauchweh, Übelkeit, muss erbrechen.

  • Das Kind nimmt sich selbst oder seine Umgebung verändert wahr, zum Beispiel erscheint alles verkleinert oder vergrössert ("Alice-im-Wunderland-Syndrom").

 

 

Ursache

80% der Migränekranken sind Frauen. Sie haben diese Krankheit überwiegend von ihren Eltern geerbt. Bei ihnen ist sie häufig stark von den hormonellen Schwankungen abhängig: prämenstruell, während der Schwangerschaft, bei Einnahme der Pille oder während einer Hormonersatztherapie in den Wechseljahren kann sich die Migräne verändern.
Die Schmerzen entstehen durch eine Erweiterung der Blutgefässe und Schwellungen im Gehirn. Auch örtliche Entzündungsprozesse der Nervenzellen und der Hirnhäute sind beteiligt. Durch die Schwellungen gibt es eigentliche Nervendruckerscheinungen.
Um Migräneattacken vorzubeugen, ist es wichtig, ihre Auslöser, die "Trigger" zu kennen. Die sehr individuellen Triggerfaktoren zu ermitteln gelingt am besten mithilfe eines Kopfschmerztagebuchs (Formular hier zum Downloaden). In dieses Tagebuch wird über mehrere Wochen eingetragen, wie oft und wann (nach welchen Ereignissen) die Migräneattacken erfolgten.

 

Durch klinische Ähnlichkeiten zwischen der neurologischen Defizit-Symptomatik einer Migräneaura und kurzzeitigen fokalen zerebral-ischämischen (Hirn-Minderdurchblutungs-) Ereignissen entstanden bereits einige Studien, die die Häufigkeit eines offenen Foramen ovale (= patent foramen ovale, PFO = Loch in Herzscheidewand mit Rechts-Links-Shunt) bei Migräniker mit einer Aurasymptomatik untersuchten. So könnte man auch das erhöhte Vorkommen ischämischer zerebrovaskulärer Ereignisse bei Migränepatienten erklären, insbesondere bei Frauen mit erhöhter Blutgerinnungsgefahr (Antibabypille, Schwangerschaft, Wochenbett). Mittels transösophagealer (durch die Speiseröhre) Echokardiographie wurden dann bei Patienten mit Migräne mit Aura eine PFO-Häufigkeit von nahezu 50% gefunden! Es wurde auch wiederholt gezeigt, dass ein operativer Verschluss des PFO mit einer Reduktion der Migräneattacken einhergeht. 

Medikamente, die Kopfschmerzen induzieren können - neben den Kopfschmerzen, die durch Übergebrauch (d.h. mehr als 10 Tage pro Monat für insgesamt mehr als drei Monate) von Schmerzmitteln und/oder Migränemitteln selber entstehen können:

  • Sedativa: Barbiturate, Alkohol, Hypnotika, Benzodiazepine

  • Stimulanzien: Koffein, Methylphenidat

  • Parkinson-Mittel: Amantadin, Levodopa

  • Vasodilatatoren: Glyceroltrinitrat, Isosorbiddinitrat, Dipyridamol

  • Antihypertonika: Atenolol, Nifedipin, Methyldopa, Reserpin

  • Antiarrhythmika: Chinidin, Digoxin

  • Antiphlogistika: NSAR (z.B. Indometacin)

  • H2-Blocker: Cimetidin, Ranitidin

  • Bronchodilatoren: Theophyllin, Aminophyllin, Pseudoephedrin

  • Antibiotika: Trimethroprim, Sulfamethoxazol

 

 

Trigger (Auslöser)

  • Nitrite (in gepökeltem Fleisch und Wurstwaren, nitratreiche Gemüse/ Salate aus dem Treibhaus, Zigarettenrauch) sind wichtige Migränetrigger.

  • Dann folgen Schokolade, Alkohol, Koffein (auch Kaffee-Entzug!), Tyramin und Histamin enthaltende Lebensmittel.  >>> siehe auch unter "Histaminintoleranz"!

  • Geschmacksverstärker Glutamat

  • Milchprodukte

  • Dann kann ein ungeeignetes Verhalten einen Anfall auslösen: Zu viel oder zu wenig Schlaf, unregelmässige Mahlzeiten, Stress oder Post-Stress (physisch und psychisch), Menstruation, Müdigkeit, physische Aktivität. 

  • Auch Umweltfaktoren können mitschuldig sein: Lärm, Wetteränderung, Parfums, Aufenthalt in grossen Höhen, flackerndes oder blendendes Licht.

 

 

Migräne-Prodrome

sind Symptome, die 24 Stunden vor der Attacke eintreten, zum Beispiel heftiges Verlangen nach Nahrung, Depression, Lethargie, Harnverhalten, Gähnen etc. Bis zu 60% aller Migräniker leiden unter Prodromi, nur wird dies zuwenig beachtet.. Eine 43jährige Frau bemerkt, dass sie 24 Stunden vor jeder Attacke eine rote Nase entwickelt. 10 mg Metoclopramid zur Zeit der Prodromi verhindern die darauffolgende Attacke! Diese prodromi sind nicht immer so augenfällig, sollten aber intensiv gesucht werden... (Rozen T. Migraine prodromi: a nose on a face. Lancet 2004; 363:517).

 

 

Verlauf

Unter Migräne leiden ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung. Der Höhepunkt der Symptomatik liegt zwischen 30 und 39 Jahren. Im Alter verschiebt sich das bisher ausgeglichene Verhältnis von klassischer (alle Symptome vorhanden) zur "wahrscheinlichen" Migräne (es fehlt ein Symptom): auch die wahrscheinliche nimmt immer mehr ab, aber wird häufiger als die klassische. Migräne wird mit dem Alter eher untypisch in der Erscheinungsform (Marcelo E. Bigal: Age-dependent prevalence and clinical features of migraine. Neurology 2006;67:246-251.).

 

 

Kontroll-Fragebogen

zur Beurteilung des Kopfschmerzverlaufs in den letzten drei Monaten: kopfschmerz-checkup.htm

 

 

Therapie

  • Man soll mit Rauchen stoppen! Chronische Schmerzen (z.B. auch die Cluster-Kopfschmerzen) werden durch jede Zigarette verschlimmert!

  • Medikamente als Ursache ausschliessen: siehe oben!

  • Bei Übergewicht kann eine deutliche Gewichtsreduktion die Attackenhäufigkeit der Migräne stark gesenkt werden. Bei Normalgewichtigkeit hilft dies aber nichts. (Hershey AD, et al.: Obesity in the pediatric headache population: a multicenter study: Headache 2009; 49:170-177)

  • Auch die Antibabypille kann eine Migräne auslösen:
    Viele Migräne-Patientinnen leiden während der Menstruation an besonders heftigen Migräne-Attacken. Ursache sind die hormonellen Schwankungen. Doch was viele nicht wissen: Auch die Antibabypille kann einen Einfluss auf die Migräne haben. Einige Frauen leiden dank der Pille weniger an Migräne, bei anderen verstärkt die Pille aber die Attacken. Die Forschung rätselt noch, weshalb Migräne-Patientinnen so unterschiedlich auf die Pille reagieren. Die herkömmliche Pille versorgt den Körper drei Wochen lang mit dem Hormon Östrogen. Danach folgt eine Woche ohne Hormone. Man vermutet nun, dass die rasche Abnahme von Östrogen eine Migräneattacke auslösen kann. Frauen, bei denen die Pille die Migräne verstärkt, können folgende Dinge versuchen:
    . Einen Wechsel zur Minipille (Diese enthält keine Östrogene.).
    . Die herkömmliche Pille drei Monate lang ohne Pause einzunehmen (Dies
    verhindert die rasche Abnahme von Östrogenen.).
    . Während der Pillenpause ein Östrogen-Gel einzusetzen (Es kann die Migräne lindern.).
    . Ohne Hormone zu verhüten, zum Beispiel mit Kondom.
    Es empfiehlt sich zudem, ein Migräne-Tagebuch zu führen, um festzustellen, an welchen Tagen der Periode die Attacken auftreten. Auf jeden Fall sollte die Frau mit ihrer Ärztin das weitere Vorgehen besprechen. Oft hilft eben nur ausprobieren.

  • Die "Schulmedizin" empfiehlt bei mehr als 2 bis 4 Anfälle pro Monat und/oder sehr langen und/oder intensiven Anfällen eine Prophylaxe mit einem Beta-Blocker (z.B. Propanolol 80-240 mg/Tag oder Timolol 20-30 mg/Tag) sowie Amitriptylin oder Valproinsäure. 
    Im Anfall Aspirin 1000 mg (flüssig oder als Brausetbl.) oder Ibuprofen. Bei Schlechtsein 20 Tropfen Motilium oder 1 bis 2 Zäpfchen Ergosanol (Ergotamintartrat) zu Beginn des Anfalls und 20 Tropfen Motilium. Die Kombination aus Paracetamol, Aspirin und Koffein wirkt auch gut. Paracetamol allein ist aber unwirksam! Erst bei Versagen der obigen Mittel sollten die neuen Triptane zum Einsatz kommen. Hier diese Regeln beachten: Maximal dreimal pro Attacke - an maximal zehn Tagen pro Monat!

  •  "Alternativ" hilft auch (durch randomisierte Doppelblindstudien erhärtet)   das Mutterkraut (Tanacetum parthenium, englisch als feverfew bezeichnet) oder 100 Milligramm Pestwurzextrakt (Petasites hybridus) täglich als Prophylaxe.
    Prophylaktisch wirken zudem Ausdauersportarten (dreimal dreissig Minuten Joggen, Schwimmen oder Radfahren pro Woche) und ein Stressbewältigungstraining wie die progressive Muskelentspannung und/oder Biofeedback.

  • Schläfen, Stirn und Nacken mit ein paar Tropfen Pfefferminzöl einreiben. Feuchter Waschlappen, einige Minuten im Gefrierfach gekühlt auf Stirn und Nacken. Zu Beginn manchmal: heisse Brause ausgiebig zwischen Nacken und Haaransatz kreisen lassen. Starker Kaffee (schwarzer Espresso mit Zitronensaft ohne Zucker).

  • tiefes Durchatmen mit frischer Luft (z.B. am Fenster stossweises Ausatmen durch die zusammengepressten Lippen (wichtig!)
    dazu Autosuggestion (zB "der Schmerz verlässt meinen Kopf mit der Atemluft" etc.)

  • Klassische Homöopathie (nur konstitutionelles Mittel hilft grundsätzlich), Akupunktur.

  • Als Prophylaxe soll auch 400 mg Vitamin B2 = Riboflavin pro Tag die Symptome bei 60% der Leute um die Hälfte reduzieren.("Neurology", Vol.50, p.466)

  • Wissenschaftler der Universität Rom waren bei ihren Forschungen dem Darmbakterium Helicobacter pylori auf die Spur gekommen. Sie kamen zu dem Schluss: Es verursacht oder verstärkt zumindest heftige Anfälle von Migräne. Die Hälfte der 225 untersuchten Kopfschmerzpatienten waren zu Beginn der Studie mit dem Bakterium infiziert. Eine Antibiotika-Kur befreite fast alle davon - was sich auch auf ihre Migräne auswirkte: Ein Viertel der Patienten litt nicht mehr unter den Schmerz-Attacken. Die übrigen hatten deutlich weniger Kopfweh.

Hier noch 10 goldene Regeln für Migräne-Patienten!

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Last updated 13.04.2010


Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine konkrete Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes möglich (siehe auch Disclaimer).