Pilleninfos im Web
und Ethik und Tricks der Pharmaindustrie

 

Als Hausarzt leide ich Mangel an aussagekräftigen Verschreib-Informationen seitens der Pharmafirmen und muss mich zusätzlich mit den Fragen meiner PatientInnen auseinandersetzen, die dank Medien und Internet v.a. über Lifestyle-Medis teils mehr wissen als ich.

Zwei Glanzlichter im Dschungel der Ach-so-unkritischen-Seiten-gegenüber-Industrieinteressen helfen mir dagegen gewaltig:

  • Seit Beginn meiner Hausarztpraxis vor 25 Jahren (seit 1995 online) begleitet mich die absolut unabhängige und geniale "pharma-kritik" vom rührigen Internisten Etzel Gysling in Wil: www.infomed.org. Der "infomed-screen" hat es mir besonders angetan: die "Internet Corners" sind gratis und enthalten u.a. brillante Infos zur Tabakmafia, Medline, Gratisdienste, Internet auf Reisen,...

 

  • Das deutsche Pendant und ebenso kritisch-frech-spritzig ist das "arznei-telegramm": www.arznei-telegramm.de
    Das "Superaspirin" Vioxx wird z.B. seit Markteinführung arg kritisiert und viele Nebenwirkungen aufgelistet, während in pharmaservilen Sites (wie in www.medical-tribune.ch) noch behauptet wird, diese seien "auf Plazeboniveau". Im Oktober 2004 wird dann das Medikament plötzlich weltweit zurückgerufen. Merck begründete den Rückruf des Medikaments mit einer dreijährigen Studie, bei der festgestellt wurde, dass es nach 18 Monaten bei den Studienteilnehmern relativ erhöhte Risiken für Herzkreislauf-Zwischenfälle wie Herzattacken und Schlaganfälle gegeben hat!

 

  • Public Library of Science (PLoS) - www.plos.org : Die PLoS-Initiative, gegründet im Jahr 2000 von einer Koalition von Forschern, ist eine Non-Profit-Organisation mit dem Ziel, qualitativ hochwertige, "peer reviewed" Texte im Internet öffentlich zugänglich zu machen. Die Website ist werbefrei, soll sich finanziell selber unterhalten und setzt ein neues Geschäftsmodell voraus. Ziel ist, dass Forschungsprojekte die Publikationskosten - das Editieren, Reviewen, Formatieren und Speichern auf dem Server - als integralen Bestandteil der Projektkosten behandeln. Dieses neue Business-Modell eröffnet, gerade bei medizinischen Publikationen, völlig neue Perspektiven. So schreiben die Herausgeber im Editorial der ersten Ausgabe von "PLoS Medicine": "...We have dicided not to be part of the cycle of dependency that has formed between journals and the pharmaceutical industry, an industry that focuses overwhelmingly on the most profitable drugs, thus sidelining many of the world's health problems ..."

 

  • www.rxlist.com ist das grösste und wichtigste frei verfügbare Arzneimittelverzeichnis im Internet mit einem wertvollen Interaktionsmodul (Darf ich diese Pille mit dieser zusammen schlucken?!).
    Ein Verzeichnis für die Schweiz finden Sie unter www.kompendium.ch ohne Passworthürde. Aber auch in Deutschland ist die entsprechende Basisinfo kostenlos erhältlich: mit einem DocCheck-Passwort z.B. bei der Roten Liste (www.rote-liste.de) und in Österreich via Medizin Medien Austria (www.medizin-medien.at) ebenfalls mit einem Passwort. Die letztere Adresse ist leider nicht frei von Werbung.

 

  • Für mehr Infos über Medikamenten-Interaktionen ist die Homepage von Galenica: www.pharmavista.ch eine Perle. Hier "databases" anklicken und die Datenbank "Interaktionen" erscheint. Ist leider kostenpflichtig geworden. Benutzerfreundlich und schnell.

 

  • In englischer Sprache sind einige Gratis-Angebote mit speziellen Auskünften - z.B. zu Mehrfach-Interaktionen - vorhanden, allen voran Epocrates (www.epocrates.com), das zwar auf dem amerikanischen Arzneimittelschatz basiert. Um den "MultiCheck" verwenden zu können, benötigt man allerdings ein (kostenloses) Passwort.

 

 

 

 

Polypharmazie

Die Polypharmazie ist ein Hauptproblem der Arzneimitteltherapie im Alter. Naturgemäss steigt mit der Zahl der Diagnosen bei älteren Patienten auch die Anzahl der verordneten Medikamente: Männer über 80 Jahre haben im Schnitt 3,24, Frauen über 80 Jahre 3,57 Diagnosen (Van den Akker et al. 1998). In einer amerikanischen Studie (Kaufman et al. 2002) nehmen ältere Patienten zur Hälfte der Fälle 5 und mehr Medikamente und in 10% sogar über 10 Medikamente ein!

Dies bringt grosse Probleme: für die USA rechnet man immerhin mit etwa 2 Mio. nebenwirkungsbedingten Krankenhauseinweisungen und 100'000 Arzneimitteltoten pro Jahr, für Deutschland werden relativ noch höhere Zahlen angenommen. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Weglassen der zwei unwichtigsten Medikamente von fünf bestehenden, die Mortalität bereits stark sinken lässt!

In diesem Zusammenhang muss man auch die Diskussion um die sog. Polypill sehr skeptisch führen:

 

Polypill

Es besteht eine Tendenz bei einem Patienten, der mit einem hohen Blutdruck und zuviel  Bauchfett in der Praxis steht, gleich zu einer "Polypill" zu greifen. Diese Polypill enthält vier verschiedene Arzneimittel (einen ACE-Hemmer und ein Diuretikum als Blutdrucksenker, ein Statin als Fettsenker und das ASS (Aspirin) als Blutplättchenhemmer). Man erwartet dann weniger Probleme mit der Compliance des Patienten (eine Tablette pro Tag wird eher eingenommen als vier).

Dagegen sprechen aber viel überzeugende Argumente:

Dies wird nicht die einzige Pille sein, die der Patient einnimmt und wir haben wieder die Nebenwirkungsprobleme der Polypharmazie (siehe oben).

Zudem wird nach neusten Studien ein Statin, sowie auch die ASS nicht mehr für die Primärpävention empfohlen (d.h. vor einem Ereignis, wie Herzinfarkt oder Hirnschlag).

Dazu weiss man, dass das Statin vor dem Schlafengehen eingenommen am wenigsten (Muskel-)Probleme macht und auch das ASS wohl abends am besten wirkt. Hingegen sollten die Nierenanregenden Diuretika und ACE-Hemmer morgens eingenommen werden...

Und wie findet man dann raus, welcher Stoff schuld ist, wenn zum Beispiel ein Hautausschlag auftritt?!

Und last but not least: Bei hohem Blutdruck und Bauchfett sollten zuallererst der Lebensstil geändert werden - und noch keine Medikamente gegeben werden (siehe hier)!

 

Nachwort für "Schnellschiesser":

Ich halte es allgemein bei neuen Medikamenten mit der 7-Jahre-Regel: Erst wenn ein Medikament 7 Jahre auf dem Markt ist, können exaktere Daten über die Nebenwirkungen aufgestellt werden - und erst nach 7 Jahren verschreibe ich ein Arzneimittel, das sich positiv bewährt hat! Bei Lifestylemedikamenten würde ich diese Zeit sogar auf 10 oder 15 Jahre ausdehnen, da die Gründe zur Einnahme nicht lebenswichtig sind, die User mehrheitlich junge Menschen sind und deshalb später auftretende Nebenwirkungen (z.B. Spätwirkungen von Hormonverschiebungen bei Propecia auf Tumorwachstum, Fettstoffwechsel,...) verheerend wären!

Lasser KE, et al. Timing of new black box warnings and withdrawals for prescription medications. JAMA 2002;287:2215-20: Rund 10% der in den Jahren 1975-99 von der FDA registrierten, rezeptpflichtigen Medikamente haben sich seither für schwere ADRs (adverse drug reactions) eine "black box warning" zugezogen oder wurden aus dem Markt genommen - in der Hälfte der Fälle im Laufe der ersten 7 Jahre nach Registrierung! Fazit: Die Sicherheit registrierter Medikamente lässt sich erst abschliessend beurteilen, wenn ein Medikament mehrere Jahre auf dem Markt war.

 

Nachwort für Pharmakritiker:

Um zu illustrieren, was für (Geld-) Mächte (vergleichbar mit den Ausgaben der Rüstungsindustrie!) in der Pharmaindustrie am Werk sind, hier einige Fakten: 1.) Im ersten Halbjahr 2009 hat die Pharmazeutische Industrie in den USA täglich 609'000 Dollar gebraucht. Ziel: Beeinflussung des Gesetzgebers! 2.) Im 2008 waren 633 biotechnologische Medikamente in Entwicklung, für rund das 20fache der Kosten traditioneller Medikamente. 3.) Die Einnahmen für Biotechnologika (USA, Milliarden von Dollars; Anwendung für ...) sind: Avastin (9,2: verschiedene Malignome), Enbrel (8,0: rheumatoide Arthritis), Remicade (7,9: entzündliche Erkrankungen), Humira (7,3: rheumatoide Arthritis), Rituxan (7,3: Non-Hodgkin-Lymphom), Herceptin (5,7: Mammakarzinom), Lantus (5,1: Diabetes), Epogen/Procrit (5,1: Anämie), Neulastra (4,2: Neutropenie), Novolog (3,7: Diabetes). Die Kosten liegen zwischen 20'000 und 200'000 Dollar pro Patient und Jahr. Über die Wirksamkeit wäre noch zu diskutieren... (TIME Magazine, November 2009).

Und... was kostet eigentlich die Entwicklung eines Arzneimittels?
Arzneimittelforschung ist teuer - keine Frage. Die Eigenangaben der Pharma-Industrie hierzu sind jedoch masslos übertrieben - nicht zuletzt, um eine Rechtfertigung für hohe Priese zu schaffen. Dass die Entwicklungskosten eines neuen Medikamentes durchschnittlich 800 Millionen Dollar und mehr sein sollen, basieren auf unseriösen Hochrechnungen und gehören - ebenso wie angeblich länger werdende Entwicklungszeiten - in den Bereich der Marketing-Fabeln. Realistisch hochgerechnet dürften die tatsächlichen Kosten im Median eher bei etwa 43 Millionen Dollar liegen, also bei dem Achtzehntel der von Pharmaverbänden verbreiteten Schätzungen (wie das arznei-telegramm, 2011, Nr.5 vorrechnet).
Für Verkaufsförderung geben Firmen doppelt so viel aus wie für Forschung. Die Aufwendungen für Forschung dürften demnach wohl kaum als Begründung für hohe Verkaufspreise herhalten können!

 

Medikamenten-Programme für iPad und ähnliche Geräte

Zurzeit werden in der Rubrik «Medizin» des sogen. App Stores mehr als 2000 Programme («Apps») angeboten. Ein Teil davon ist für den iPad besonders geeignet, andere Apps können mit ähnlichem Nutzen auch im iPhone oder im iPod Touch verwendet werden. Im Vergleich mit der Internet-Verwendung via Browser weisen die Apps ja speziell für die Bildschirme der kleinen Geräte adaptierte Oberflächen auf. Da sich alle diese Geräte in der Schweiz grosser Verbreitung erfreuen, habe ich mich für diesmal speziell mit Apps auseinandergesetzt, die Informationen zu den Arzneimitteln anbieten.
An erster Stelle steht für mich die Gratis-App von Documed, die das gesamte «Arzneimittel-Kompendium der Schweiz» umfasst und leicht zugänglich macht. Das Kompendium ist noch über weitere Apps verfügbar; ich zweifle jedoch, dass diese so bedeutsame Vorteile bieten, dass es sich lohnt, dafür zu bezahlen. Mehr oder weniger gute und kostenlose Apps enthalten den Arzneimittelschatz der USA. Zu nennen sind unter anderem Epocrates und Medscape, RxDrugs (in Skyscape) und Micromedex. Sowohl Epocrates als auch Medscape enthalten auch ein praktisches Interaktionsmodul. Mehrere dieser Apps vermitteln ausserdem weitere medizinische Informationen oder aktuelle Meldungen. Persönlich sehe ich mir Medscape öfter einmal an, z.B. die Meldungen über unerwünschte Wirkungen.
Wenn es darum geht, einen fremdländischen Markennamen in Verbindung mit einem heimischen Namen in Verbindung zu bringen, kann der World Drugs Converter (Preis: 6 Franken) helfen.
Wer sich mit kritisch evaluierter Information befassen will, sollte das British National Formulary (BNF, pro Ausgabe 48 Franken) kaufen; hier gilt: «medicines .. considered less suitable for prescribing are clearly identified» – ein erfrischender Unterschied zu unseren Industrie-dominierten Informationsquellen. Die beste britische Institution, die sich mit Medikamenten befasst, das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE), hat meines Wissens keine App.
Informationen zu Antibiotika sind vor allem bei zwei Anbietern als App erhältlich: ein Angebot ist der seit Jahren beliebte Sanford Guide (App-Preis: 29 Franken), das andere der Johns Hopkins ABX Guide. Der letztere ist nicht mehr gratis erhältlich; man muss zunächst ein normales Abonnement im Internet kaufen (aktuell $24.95, etwa 20 Franken);
via eine Gratis-App hat man dann auch im iPad Zugang zur Information.
Sucht man Daten zu klinischen Studien, so findet man diese eventuell in Medscape oder auch – für den kardiovaskulären Bereich – in theheart.org.
Skyscape ist gewissermassen ein medizinischer Gemischtwarenladen, wo sich – gegen Bezahlung – zahlreiche Referenzwerke als Apps (z.B. zu Interaktionen, Medikamenten in der Schwangerschaft oder bei Niereninsuffizienz) finden. Gesamthaft bestätigt sich damit die immer deutlichere Tendenz vom gedruckten Buch weg zur Online-Information.
(Etzel Gysling im imfomed-screen, 2011, Nr.4)

 

Glossar für Störfaktoren in Studien:

  • Confounder bezeichnet einen Störfaktor in Studien, der zu einer Verzerrung der Ergebnisse führt, da er sowohl mit der geprüften Exposition als auch mit dem Zielkriterium assoziiert ist. So kann z.B. in Beobachtungsstudien Alkohol scheinbar das Risiko für Lungenkrebs erhöhen, wenn nicht berücksichtigt wird, dass Rauchen (Confounder) sowohl mit exzessivem Alkoholgenuss als auch mit Lungenkrebs einhergeht. Die verblindete, zufällige Zuteilung der Patienten in randomisierten kontrollierten Studien soll dafür sorgen, dass - zum Teil unbekannte - Störfaktoren auf die verschiedenen Gruppen insgesamt gleich verteilt werden und somit keinen Einfluss auf das Ergebnis haben.
    Siehe auch bei Studien über Kaffee-Wirkungen auf dieser Website >>>
  • Bias [ˈbaɪəs] (englisch für ‚Verzerrung‘) bezeichnet:: In der Statistik die Differenz zwischen dem Erwartungswert einer Statistik und dem zu schätzenden Objekt, einen (oft störenden) systematischen Effekt bei Messungen (Messfehler). Man unterscheidet verschiedene Formen eines Bias:
    Selektionsbias
    : Durch eine ungewollte Selektion von Patienten können bereits bei Studienbeginn systematische Unterschiede zwischen den Gruppen, die miteinander verglichen werden sollen, entstehen. So kann ein Unterschied im Outcome lediglich darauf beruhen, dass in der einen Gruppe z.B. Patienten mit schwereren Erkrankungsformen oder ausgeprägterem Risikoprofil beobachtet wurden. Der gemessene Unterschied ist dann lediglich ein scheinbarer Unterschied. In Systematic Reviews bezieht sich der Begriff Selektionsbias auf den selektiven Einschluss von Studien (Selektion bei der Studienauswahl).
    Performance Bias
    : Gewisse Patienten erhalten im Rahmen einer Studie eine bessere medizinische Versorgung, werden engmaschiger überwacht oder zusätzlich unterstützt. Ein Performance Bias kann z.B. zu Stande kommen, wenn das Studienpersonal nicht verblindet ist und Patienten in einer Gruppe (bewusst oder unbewusst) eine bessere medizinische Versorgung bekommen.
    Detection Bias
    : Gewisse Patienten werden im Rahmen einer Studie genauer untersucht und beobachtet hinsichtlich eines Outcomes. Ein Detection Bias kann z.B. zu Stande kommen, wenn das Studienpersonal nicht verblindet ist.
    Attrition Bias
    : In der einen Gruppe haben häufiger Patienten die Studienmedikation abgesetzt z.B. wegen Nebenwirkungen. (Im Konzept der Intention to treat Analyse gilt diese Situation nicht als Bias.)
    Publication Bias
    : Es werden nur Studien publiziert, die einen positiven Effekt einer medizinischen Massnahme nachweisen. Studien, die keinen Effekt dieser Massnahme nachweisen, werden nicht publiziert. Dadurch entsteht ein unausgewogenes Bild über die Wirksamkeit einer Therapie.

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich

 

Last updated 30.09.2011

 

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