das (strukturelle) Gleichgewicht des menschlichen Körpers

 

Definitionsannäherungen

Gleichgewicht ist der Zustand eines Körpers, in dem sich alle angreifenden, aus Bewegung, Trägheit, Reibung und externen Einflüssen resultierenden Kräfte beziehungsweise Drehmomente gegenseitig aufheben und die Summe aller wirkenden Kräfte Null ist.

Auf den menschlichen Körper übersetzt heisst das: Die Kräfte, die von aussen auf uns wirken (Schwerkraft und Normalkraft) sind "im Gleichgewicht" mit den Kräften, die in uns wirken (Muskelkraft, Elastische Spannkraft des Bindegewebes, Turgor = Innendruck unserer Säfte).

 

 

Es existieren dabei gewisse Regeln (oder Prioritäten):

Die (maximale) Ökonomie der Bewegung – eine allgemeine Bedingung (oder Prinzip) und 3 Merkmale als Folge davon

(Grundlage der strukturellen Bewegungslehre – u.a. in der Strukturellen Integration nach Ida Rolf)

Die allgemeine Bedingung oder das allgemeine Prinzip:

Jede Bewegung wird durch selektive Reduktion von aktiver Spannung ausgelöst.

1)    Bewegung wird durch Muskelentspannung ausgelöst statt durch Muskelkontraktion.
Dass Agonisten „ökonomisch“ bewegen können, sollten auch die Antagonisten zuerst loslassen (When flexors flex, extensors extend.)
>>> Gewicht spüren (Schwerkraft).

 

2)    Zu Beginn einer Bewegung wird die Mittellinie (der Innenraum des Körpers) länger statt kürzer.
>>> Dehnung spüren (Elastische Spann- oder Federkraft gedehnter Faszien - statt Stauchung).

 

3)    Das Gleichgewicht (balance und support) wird in der Bewegung besser statt schlechter.
>>> Gestütztwerden spüren (Stützkraft der Erde: „Sich setzen“ wie eine vorsichtig hingestellte Einkaufstasche).

 

Also: „Gratiskräfte“ benützen: Schwerkraft und Stützkraft  oder Normalkraft der Erde, elastische Spannkraft des Bindegewebes und nicht primär und nur minimal die Muskelkraft und wenn, dann v.a. die intrinsischen, tiefen, achsennahen Kernmuskeln. Zuviel Muskelarbeit („active tension“) staucht und verkürzt (tonische Anteile). Ökonomische Bewegung ist ruhig, schwingend und geschmeidig (katzenartig).

Es resultieren drei Eigenschaften des Gleichgewichts:

A) Tiefenaktivität oder Tiefenstabilisierung und Oberflächenentspannung

Es ist für unser Gleichgewicht förderlich, wenn tiefe Strukturen in unserem Körper aktiv werden und die Stabilisierung übernehmen und oberflächlich gelegene sich entspannen können. Diese tiefen Strukturen nennt man auch "tiefe Rumpfstabilisatoren", "lokale Muskeln" oder "Core" (Psoasmuskel, Beckenboden = M. Pubococcygeus, M. Transversus abdominis, Mm. Multifidi und Mm. Rotatores, M. Serratus, M. Lomgus colli,...).

Siehe dazu auch unter "Segmentaler Stabilisation".

Jede optimal ausgeführte Alltagsbewegung und -haltung beginnt mit der Aktivierung des sog. lokalen Systems, also der tiefen Rumpfstabilisatoren. Erst wenn diese aktiv sind, können die globalen, oberflächlichen Hüllmuskeln ökonomisch und entspannt arbeiten!

 

B) Hüftgelenksaktivität oder "Hüftachse hinter dem Lot"

Für das Gleichgewicht förderlich ist auch ein primäres und aktiveres Hüftgelenk (im Vergleich zum Knie, welches häufig bei uns schon sprachlich im Vordergrund steht: "in die Knie gehen", "Kniebeuge"...).

Als schönes Beispiel hierfür gilt die "halbe Hocke", die vor allem aus den Hüftgelenken kommt. 

Dann die Federung aus der Hüfte beim Gehen (Hüftachse hinter Schulterachse) - oder die leichte Faltung beim Stehen, etc..

Zu optimalem Stehen und Gehen im Gleichgewicht siehe unter "Ökonomie der Bewegung".

 

C) lange Mittellinie mit vorne konvexer Form

Förderlich für die zwei obigen Qualitäten und das Gleichgewicht ist dann eine lange Mittel- und Frontallinie des Rumpfs (von Kinn bis Schambein), was auch ein langer Innenraum des Oberkörpers bewirkt, den man immer durch eine vorne konvexe Mittellinie erreicht (also durch ein senkrechtes Brustbein und ein Schambein, das hinter dem Lot liegt: Schultergürtel und Kopf können ruhig auf diesem Rumpf balancieren).

Man weiss auch aus Studien, dass die Wirbelsäule aufrichtenden Mm. Multifidi erst aktiv werden können, wenn sich die Mittellinie des Rumpfs in der vorne konvexen Form befindet. Beim Rundrücken (hinten konvex - Becken vor Lot) sind sie inaktiv!

 

Diese drei Regeln oder Merkmale bedingen und fördern sich gegenseitig.

 

prüfen, ob man im Gleichgewicht ist:

Wie kann ich prüfen, ob ich mich im Gleichgewicht befinde?

a) globale Anzeichen sind

- Gefühl der inneren Aufrichtung ohne Anstrengung.

- viel Innenraum im Rumpf: tiefere Atmung möglich, Energie fliesst ungehindert von den Beinen bis in den Kopf.

- wache Sinne (Augen, Ohren, Sensibilität in Fusssohlen, aber auch im übrigen Körper).

- allgemein belebter, sehr wach und präsent.

- "in seinem Zentrum ruhen"

- "leichter sein, sich leichter bewegen"

 

b) Im Stehen ist der Schwerpunkt in mir und über den Füssen. Das Gewicht spüre ich in der ganzen Fusssohle gleichmässig verteilt (hinten + vorne + aussen + innen).
Das Becken befindet sich unter dem Schultergürtel oder dahinter (Hüftgelenksaktivität). Die oberflächlichen Muskeln vor allem des Oberkörpers sind entspannt - auch die Kiefermuskeln, der Nacken und die Zunge - und auch die Füsse (Tiefenaktivität).

Siehe auch "Normal Stance" auf Seite 2 der "Ökonomie der Bewegung":

1. Füsse beckenbreit und parallel, Sohlen entspannt, Boden spüren.
2. Gewicht innen & vorne auf dem Fuss
3. Knie leicht nach innen
4. Becken wie Schublade nach hinten gleiten lassen.
Schambein hängt zwischen den Beinen. 
Becken ist hinter der Mittellinie. 
5. Bauch, Gesäss und Hüfte sind locker.
6. Brustbein schwebt hoch und vorne. (NICHT hochziehen. Wie drittes Auge dort, das auch gerade nach vorne blicken kann.)
7. Schultern hängen frei, sind nicht nach hinten gezogen.
8. Kopf sitzt frei oben drauf – wie Boje. Blick nicht fixiert, sondern offen. Auch Ohren offen und wach.
VON UNTEN BEGINNEN !

 

c) Im Gehen und Laufen spüre ich, wie mich das Gewicht des Oberkörpers nach vorne zieht (der Schwerpunkt ist etwas vor dem Körper,...).

Brustbein gleitet waagrecht nach vorn; das Gewicht des Oberkörpers ist der Motor; Oberkörper und Becken bewegen sich gleichmässig und ruhig; die Beine schwingen von selbst aus dem Bauch, wie aufgehängt am Rippenbogen; die Füsse werden ohne Zutun von der Ferse bis zu den Zehen federartig gespannt. 
>>> ansonsten alle Punkte wie unter Stehen!

 

d) Im Sitzen:

Füsse flach am Boden (eher etwas auseinander und parallel >>> Knie fallen nach innen >>> Sitzbeine gehen auseinander >>> Beckenboden wird passiv gespannt) >>> VOR Sitzbeine sitzen >>> Becken ist entspannte Schüssel mit flachem Boden.
>>> sonst alles wie im Stehen.

 

 

Warum stehen viele Menschen nicht im Gleichgewicht - mit dem Becken vor dem Lot und dem Oberkörper nach hinten gedehnt (und fallen so immer leicht nach hinten, resp. müssen sich mit oberflächlichen Muskeln (v.a. Bauchwand und vordere Oberschenkel) vor dem Nachhintenfallen retten??

Diese obige Haltung "rastet richtig gehend ein" (in den oberflächlichen Muskeln und Bändern): Man fühlt sich "stabil". Dies ist aber eine "Pseudo-Stabilität"

Die Gleichgewichtsstellung ist hingegen ein etwas labiles Pendeln um den Gleichgewichtspunkt, ein leichtes Falten (siehe auf Seite 1 der "Ökonomie der Bewegung".).

Hier ist zu erwähnen, dass v.a. im Stehen und im Sitzen (zwei schwierige Haltungen des Zweibeiners Mensch) die Stellung häufig etwas verändert werden sollte. Dies bringt mehr Leichtigkeit, Bewusstheit und Entspannung in das Ganze.

 

 

Gleichgewicht bei sportlichen Aktivitäten >>> siehe hier auf dieser Website.

insbesondere beim Joggen!

 

Lernen des Gleichgewichts durch ROLFING!

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich

 

Last updated 15.04.2012

 

  Lassen Sie sich  über die News dieser Website durch meinen Blog informieren!

 

Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine konkrete Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes möglich (siehe auch Disclaimer).