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Was ist eine "Depression"?
Das Problem mit der
Depression beginnt schon vor der Diagnose, nämlich bei der Definition, was eine
Depression ist. Die Krankheit Depression wird aufgrund von Symptomen definiert
und kann zumindest derzeit noch nicht aufgrund somatischer Marker definiert
werden. Es könnte also auch so sein, dass Ärzte die diagnostischen Kriterien
etwas anders gewichten als die, die diese Kriterien erstellt haben.
Zudem ist es schwierig auf einer kontinuierlichen Skala, die bei jedem Menschen
zwischen "überhaupt nicht depressiv" und "schwerst depressiv"
liegt, den Punkt festzulegen der Depression von Nicht- Depression unterscheidet.
Schwere Depressionen gehören zu den quälendsten Leiden überhaupt: Kranke, die den jähen
Schmerz eines Herzinfarkts und eine Depression erlebt hatten, hielten im Nachhinein die
Depression für weitaus unangenehmer.
Gemeinsam ist fast allen Depressionen die
gedrückte, traurige Grundstimmung, die die Zukunft meist sehr schwarz und negativ
aussehen lässt. In vielen Fällen ist der Zustand des Kranken in den Morgenstunden am
schlechtesten - Sie können auch frühmorgendlich zwei oder mehr Stunden vor der
gewohnten Zeit erwachen. Abends hellt sich die Stimmung wieder etwas auf.
Nur wenige Depressive denken überhaupt
nicht an Selbstmord.
Interessenverlust, Unzufriedenheit, Lustlosigkeit und Freudlosigkeit,
verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und
Selbstvertrauen, Schuldgefühle, Gefühle der Wertlosigkeit,
Negativ-pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidale Gedanken oder Handlungen,
Ein- bzw. Durchschlafstörungen mit Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf,
Müdigkeit und Energielosigkeit, Appetitlosigkeit - auch mit Gewichtsverlust
(mehr als 5% des Körpergewichts im letzten Monat), deutlicher
Libidoverlust, Entscheidungsschwierigkeiten, Leere und Reizbarkeit.
Psychomotorisch kann eine Hemmung oder eine Agitiertheit bestehen.
Anamnesefragen für Depression
- Fühlten Sie sich in den letzten Wochen bedrückt und niedergeschlagen?
Können Sie sich noch freuen?
- Schlafen Sie schlechter als früher?
- Haben Sie den Wunsch nicht mehr zu leben oder sich etwas anzutun?
- Haben Sie weniger Antrieb oder Interesse an Berufs- und
Freizeitaktivitäten?
Fühlen Sie sich oft müde und schwunglos?
- Fühlen Sie sich in letzter Zeit wertlos und überflüssig?
- Haben Sie Probleme, sich auf etwas zu konzentrieren?
Als Hausarzt interessiert mich auch: Wie steht es um Ihre engsten
Beziehungen? Wie
zufrieden sind Sie mit Ihrer Wohnsituation? Und wie am Arbeitsplatz?
Dies wären die drei wichtigsten Bereiche des Lebens, die zu körperlicher und seelischer Gesundheit beitragen. Stimmt es hier nicht, kann eine Depression die
Folge sein.
körperliche Symptome, die eine Depression maskieren können (Larvierte
Depression)
- Kopfschmerzen
- Rückenschmerzen
- Atembeschwerden
- Herzbeschwerden
- Magen-Darm-Beschwerden
- Rheumatische Beschwerden
- Unterleibsbeschwerden
Dann: Ist alles reaktiv erklärbar durch eine "einfache Trauer",
z.B. Verlust einer geliebten Person?
Besonderes bei der Frau
Während der depressiven Episoden treten bei Frauen häufiger chronische
Müdigkeit, gesteigerte Schläfrigkeit und eine psychomotorische Verlangsamung
auf.
Besonderes beim Mann
Männer hingegen berichten eher von Schlaflosigkeit, motorischer Unruhe und
gesteigerter körperlicher Erregbarkeit.
"Male Depression": Eine Depression äussert
sich bei Männern oft untypisch. Männer, die ihre Depression "externalisieren",
versinken weder in Schwermut, noch wirken sie niedergeschlagen oder ziehen sich
zurück. Sie nehmen zwar einen starken inneren Druck wahr, fühlen sich aber
nicht krank. Vielmehr fallen sie auf, weil plötzlich und uncharakteristisch
für ihre Person verärgert und gereizt sind, rasch die Be-herr-schung
verlieren oder hohe Risiken eingehen, etwa im Strassenverkehr. Solche Auffälligkeiten
werden - wenn überhaupt - als Persönlichkeitsstörung oder
Neurose fehlinterpretiert. Männer kompensieren häufig durch verstärkten
Konsum von Suchtmitteln wie Zigaretten und Alkohol, aber auch durch körperliche
Aktivitäten wie Sport. Männer drücken ihr gesundheitliches Befinden weniger
differenziert aus, verarbeiten ihre Beschwerden weniger introspektiv,
funktionieren weiterhin im Alltag und suchen seltener Hilfe als Frauen.
Ausdruck einer anderen Krankheit oder Medikamentennebenwirkung?
Immer muss ausgeschlossen werden, dass diese depressive Symptomatik nicht durch
organische Erkrankungen bzw. die Einnahme von Arzneimitteln (Anabolika,
Interferon, Isotretinoin, Kortikosteroide, Antibabypille, Antiepileptica) oder Drogen
(Alkohol, Ampetamine, Barbiturate, Benzodiazepine, Kokain, Halluzinogene,
Narkotika) verursacht werden.
Abzugrenzen ist (v.a. beim älteren Menschen) eine Demenz (Alzheimer z.B.),
die auch obige Symptome aufweisen kann. Die Orientierung ist bei der reinen
Depression jedoch meist normal und in der Demenz gestört. Und die Psychomotorik
ist beim Depressiven oft verändert und bei der Demenz meist normal (Genaueres
dazu siehe auch hier).
Ein sehr hilfreiches Instrument dazu ist die Cornell-Skala.
Dieser Test umfasst 19 Items, welche Veränderungen der Stimmung, des
Verhaltens, vegetativer Funktionen wie Appetit und Schlaf sowie weitere Störungen
erfassen. Von anderen Depressionsskalen unterscheidet sich die Cornell-Skala
dadurch, dass sie nicht nur durch ein Gespräch mit dem Patienten erhoben wird,
sondern sich vor allem auf Beobachtungen der Pflegenden stützt, die im Zeitraum
von einer Woche erhoben werden.
Dann auch Neurologische Erkrankungen wie Zerebrovaskuläre
Erkrankungen, Epilepsie, Hydrocephalus, Infektionen (inkl. HIV und
Neurosyphilis), Migräne, Morbus Huntington, Morbus
Parkinson, Morbus Wilson, Multiple Sklerose, Narkolepsie, Neoplasmen (Krebs), Schlafapnoe,
Neurologisches Trauma.
Dann Internistische Erkrankungen:
Endokrinologische: Hyperaldosteronismus, Hyper- bzw. Hypoparathyreodismus,
M.Cushing, M.Addison, PMS, Schilddrüse (Hypo-,
Hyperthyreose).
Infektionen und rheumatische Erkrankungen: Borreliose, HIV, Hepatitis B,
Lues; Rheumatoide Arthritis; Polymyalgia rheumatica; Sjögren Syndrom,
Systemischer Lupus erythematodes; Tuberkulose.
Diverse: Porphyrie, Urämie; Vitamindefizite (C, B12, Folsäure, Niacin,
Thiamin)
Diagnostik-Test
Sehr hilfreich zur Abgrenzung gegen eine Demenz (Alzheimer) ist die oben
beschriebene Cornell-Skala,
die sich vor allem auf Beobachtungen der Pflegenden stützt.
Die Hamilton-Skala (Hamilton
Rating Scale of Depression – HRSD) ist ein standardisiertes diagnostisches
Instrument für den Arzt zur Beurteilung des Schweregrades einer Depression. Die
Hamilton Skala dient insbesondere dazu, die Wirksamkeit verschiedener Therapien,
z.B. von Medikamenten in Zulassungsstudien, zahlenmässig exakt zu erfassen. Die
Skala wurde 1960 von dem deutschstämmigen englischen Psychiater Max Hamilton
(”Himmelschein”) eingeführt.
In der ursprünglichen, auch heute noch oft verwendeten Fassung, werden 21
Symptomenkomplexe systematisch vom Untersucher mit Punkten bewertet.
Untersuchungspunkte sind z.B. die depressive Stimmung (Traurigkeit,
Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Wertlosigkeit), Schuldgefühle,
Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, körperliche Beschwerden, Sexualität,
Gewichtsverlust.
Die Bewertung erfolgt aus dem Punktetotal. Je höher die Punktzahl, um so stärker
ist die Depression. 66 ist die höchste, 0 die niedrigste erreichbare Punktzahl.
Es gibt keinen “Normalwert”, aber es hat sich eingebürgert, ab 10 Punkten
von einer leichten, ab 20 von einer mittelschweren und ab 30 von einer schweren
Depression zu sprechen.
Die Hamilton Scale in Englisch zum Download –
Testinstrument für Ärzte, ungeeignet zur Selbstdiagnose!
kardiovaskuläre Erkrankungen und Depression
Diese zwei Krankheiten scheinen häufig gekoppelt zu sein. Nach einem
Herzinfarkt besteht ein 6-fach erhöhtes Risiko für eine Depression und nach
Hirnschlag ein 3-faches oder höher (Lesperance et al.
Psychosomat Med 1996; Morris et al. Am J Psychiatry 1993).
familiär gehäuft
Es gibt Dispositionen zur Depression (gehäuft in Familien). Es existiert dann der
Aspekt einer sog. Vererbung. Ich sage "sogenannt", da genauso bei einer
familiären Situation das Erleben der Nichtkontrolle von Unangenehmen eine Verringerung
der Motivation, eine Passivität, eine Hilflosigkeit hervorrufen kann (also doch keine
"Vererbung").
endogen?
"Endogene" Depression (also von innen kommend) heisst vorerst mal: nicht
induziert (z.B. durch andere schwere psychische oder körperliche Krankheit), nicht
postinfektiös (nach schwerer Infektionskrankheit), nicht traumatisch (z.B. frühkindliche
Trennung) - nicht "reaktiv" also.
"Endogen" wurde auch wieder populär, da der Hirnstoffwechsel von Depressiven
offensichtlich anders funktioniert und dies der Ansatz der antidepressiven Medikamente
ist, die diesen Stoffwechsel wieder normalisieren und damit der Mensch überhaupt wieder
fähig ist, die Denkmuster zu verändern. Diese Hirnstoffwechselstörung als Ursache und
nicht als sekundäres Phänomen zu sehen, ist aber rein hypothetisch.
Wir als Betreuer müssen die Hoffnung übernehmen, weil wir wissen, das Medikamente und
Psychotherapie helfen können. Wir müssen die Frequenzen wieder etwas zum schwingen
bringen ("es gilt das Herz zu rühren, des Königs steinern Herz..."). Denn die
Sinne etwas wahrzunehmen, sind beim Depressiven immer noch offen - im Gegensatz zum Geist.
Therapieansätze
- Noch das Wichtigste zur Prophylaxe:
Selbstbewusstsein und Eigenkompetenz schützen vor Depression!
- Die Wunschbehandlung wirkt am besten:
Psychotherapie, Medikamente - oder eine Kombination von beidem?
Die Antwort hängt offenbar entscheiden davon ab, welche Behandlung man
selbst wünscht und als erfolgversprechend einschätzt. (Kocsis
JHet al, J
Clin Psychiatry. 2009 Mar;70(3):354-61).
Bei 45% der Depressiven, die sich die Pharmatherapie wünschten und auch
erhielten, gingen die Symptome deutlich zurück; bei denjenigen, für
die die Pillen nicht erste Wahl waren, wirkten sie hingegen nur in 8%
der Fälle. Umgekehrt ergab sich ein ähnliches Bild: Depressive, die
wunschgemäss eine Psychotherapie erhielten, profitierten zu 50 Prozent
deutlich von ihr; bei denjenigen, denen das Medikament lieber gewesen
wäre, schlug sie nur in 22% an. Die Doppelbehandlung aus Therapie plus
Arznei erbrachte jeweils keinen zusätzlichen Effekt; wer allein
Psychotherapie wünschte, zu dieser jedoch zusätzlich Pillen bekam,
profitierte sogar weniger.
- Immer sollten persönliche, soziale Missstände aufgedeckt,
angeschaut und verändert werden. Auch deshalb ist eine Gesprächs- oder andere Psychotherapie (auch
eine Paartherapie kann sehr förderlich sein) bei einem Psychologen/-In
oder psychotherapeutisch ausgebildeten Psychiater oder Hausarzt sehr erlösend. Ihr Hausarzt kennt gute Adressen oder kann
Ihnen auch selbst mit Gesprächen und ev. sogar Medikamenten helfen. Er sollte auch
seltene Ursachen, die zu denselben Symptomen führen können, ausschliessen (z.B.
Veränderungen des Hirns).
Schwerpunkte der Paartherapie bei Depression ist die Förderung
der Kohäsion des Paares, der gegenseitigen Unterstützung, der
Kommunikation der Partner, der gegenseitigen Akzeptanz und der
Unabhängigkeit/Autonomie - aber auch der Abbau von ambivalentem
Verhalten, Drohungen bezüglich Trennung, abschätziger
Kritik/Abwertung, inadäquater Unterstützung und der Monotonie in der
Beziehung.
- Antidepressiv wirkende Medikamente (SSRI)
können allein genommen oder mit
Psychotherapie kombiniert werden. Sie sind laut umfassenden und
neueren Studien leider nicht so wirksam, wie sie dargestellt werden.
Psychotherapie ist bei leichten und mittelgradigen Depressionen
wirksamer, als Medikamente es sind. Das gilt nicht unbedingt für die
Akutbehandlung, wohl aber für die Wirkung auf lange Sicht.. Medikamente
führen nach Absetzen häufiger zu einem Rückfall. Das Risiko für eine
erneute depressive Episode steigt nach erfolgreicher Behandlung durch
ein Medikament allein um das Drei- bis Fünffache. Bei frühzeitiger
psychotherapeutischer Behandlung sinkt aber das Risiko für weitere
Depressionen (Robert DeRubeis, Nature Review
Neuroscience).
Medikamentöse antidepressive Therapie beginnt man mit niedriger
Dosierung, eventuell zusammen mit Tranquilizer oder Hypnotikum, gibt
möglichst rasch eine mittlere Dosis und wechselt das Mittel, wenn keine
Zustandsverbesserung nach 3-4 Wochen und Maximaldosis während 10-14
Tagen.
Auch ein hochdosiertes Johanniskraut-Extrakt über mindestens 3 und mehr Monaten eingenommen, kann
wesentlich erleichtern. (Achtung: zahlreiche Interaktionen, die wahrscheinlich zum Teil auf Induktion CYP-450-abhängiger
Enzyme beruhen, sind inzwischen beschrieben: erniedrigte Plasmaspiegel von oralen
Antikoagulanzien, Digoxin, Ciclosporin, Theophyllin und trizyklische Antidepressiva,
Durchbruchblutungen unter desogestrolhaltigen Antibabypillen und Symptome eines
Serotoninsyndroms bei Kombination mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (neuere
Antidepressiva). Zwei Wochen Abstand zwischen Einnahme von Johanniskraut und den
Antidepressiva, aber auch vor Operationsnarkosen (!) erscheint
ratsam. (arznei-telegramm
1/2000, 15)
- 44% aller leichten Depressionen kommen ursächlich aus einem Bewegungsmangel
im Alltag! Das Risiko ist um das Dreifache verglichen mit der
Durchschnittsbevölkerung erhöht. Was also bei Depressionen immer auch positiv wirkt sind tägliche
Waldläufe, Wanderungen oder andere körperliche Betätigungen (Joggen:
siehe hier!) (30 Minuten täglich,
gemäss British Journal of Sports Medicine, Bd.35, S.114 - siehe auch Lawlor
DA, Hopker SW. BMJ 2001; 322: 763-7). Bei 44% aller leichten
Depressionen ist der Bewegungsmangel sogar die Ursache!
- Schaukeln hilft auch: Es sollten aber schon ein bis zwei
Stunden täglich sein (Schaukelstuhl, etc.).
- Viel Fisch in der Ernährung stabilisiert auch die Seele.
Ein niedriger Omega-3-Fettsäuren-Spiegel führt zu Serotoninmangel, was depressive
Störungen hervorrufen kann. Ein Therapieversuch mit Fischöl-Kapseln (auch
Walnüsse und Olivenöl enthalten viel Omega-3) scheint sehr
erfolgreich. (G.Kinrys, Mayo Klinik, Rochester, Aug.2000)
V.a. in der Schwangerschaft hat die Mutter einen
besonders hohen Omega-3-Bedarf - das Depressionsrisiko ist dann auch
massiv erhöht. Fettiger Meerfisch und ev. Fischölkapsel sind also in
der Schwangerschaft sehr wichtig.
- Eine Mediterrane
Diät wirkt prophylaktisch und auch therapeutisch gegen eine
Depression! (Arch
Gen Psychiatry 66(10):1090-1098, October 2009, Association of the
Mediterranean Dietary Pattern With the Incidence of Depression-The
Seguimiento Universidad de Navarra/University of Navarra Follow-up (SUN)
Cohort. Almudena Sanchez-Villegas, Miguel Delgado-Rodriguez, Alvaro
Alonso, et al.)
- Wer im Alter Depressionen vorbeugen möchte, sollte grünen
Tee trinken - vier Tassen pro Tag halbieren das Risiko nahezu! (Takahashi
H, Am J Clin Nutr 2009; 90: 1615-1622)
- Neu wird auch wieder "partieller Schlafentzug"
als äusserst erfolgreich beschrieben: Während der zweiten Nachthälfte müssen sie wach
bleiben (d.h. Wecker auf 2 - 3 Uhr stellen, falls sie um 22 oder 23 Uhr ins Bett gehen).
In einer Woche wiederholen sie dies in drei Nächten und stoppen dann wieder. Dies ergibt
bereits in 2/3 aller Fälle eine anhaltende Besserung. Bereits nach der ersten Nacht
merken sie übrigens genau, ob diese Methode bei ihnen anschlägt, denn schon dann sollte
eine klare stimmungsaufhellende Wirkung vorhanden sein.
Der Nachteil dieser Therapie liegt auf der Hand: die Müdigkeit.
An der Freiburger Uniklinik wird deshalb ein anderes Verfahren erprobt: der Schlafentzug
mit anschliessender Schlafphasenverschiebung. Nach einer vollständig durchwachten Nacht
dürfen die Patienten täglich sieben Stunden schlafen, allerdings zu vorgezogenen Zeiten:
in der ersten Nacht von fünf Uhr nachmittags bis Mitternacht, in der zweiten von sechs
bis eins usw., bis sie nach einer Woche wieder gewöhnliche Schlafenszeiten erreicht
haben.
Bei Depressiven scheint in irgendeiner Weise die Synchronisierung von Schlaf-Wach-Zyklus
und inneren Rhythmen gestört zu sein. Dafür gibt es verschiedene Anhaltspunkte: Viele
Patienten fühlen sich morgens besonders mies und abends relativ gut. Diese Leute sprechen
übrigens besonders gut auf Schlafentzug und Schlafphasenverschiebung an!
Ausserdem wirkt der partielle Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte etwas besser als in
der ersten. Und Vormittagsnickerchen nach einer durchwachten Nacht führen häufiger zu
einem Rückfall in die Depression als Nachmittagsnickerchen.
Dies alles bestätigt eine Hypothese, dass es in den frühen Morgenstunden eine kritische
Phase gibt. Schläft ein depressiver Mensch zu diesem Zeitpunkt, wird eine Art Schalter
umgelegt, der die Stimmung verschlechtert. Bleibt er hingegen in der kritischen Phase
wach, umgeht er den Absturz in die Schwermütigkeit.
- Winterdepressionen, d.h. depressive Verstimmungen in der
sonnen- und lichtarmen Jahreszeit (auch saisonale Depression genannt,
seltener existiert also auch eine Sommerdepression!) kann durch morgendliches (zwischen 5:30 und 9:00)
anstrahlen von 2'500 (für ein bis zwei Stunden) bis 10'000 (während 30 Minuten) Lux-Lampen
(weisse Leuchtstoffröhren) sehr positiv beeinflusst werden.
Bereits nach 10 bis 14 Tagen hebt sich die Stimmung. Es wird empfohlen, eine
Lichttherapie solange durchzuführen, bis die Frühjahrssonne wieder mehr
Licht liefert. (z.B. Archives of general
Psychiatry, Vol. 58, No.1 (2001), S.69 - 75 ). Eine Möglichkeit
"natürlicher" Lichttherapie besteht darin, dass die
Morgendämmerung simuliert wird: noch während die Betroffenen schlafen,
wird ein Licht eingeschaltet und über ein bis zwei Stunden langsam heller
gemacht, bis zur ungefähren Aufwachzeit die volle Lichtstärke erreicht
ist.
Winterdepressionen sind (im Gegensatz zur selteneren Sommerdepression)
häufig von so genannten atypischen Depressionssymptomen begleitet; dazu
gehören zum Beispiel vermehrter Schlaf und verstärkter Appetit (vor
allem für Süsses) mit Gewichtszunahme.
Auf www.chronobiology.ch/licht.html
findet sich eine Liste, welche die Schweizer Institutionen angibt, in
denen eine Lichttherapie möglich ist. Diese Seite liefert auch weitere
nützliche Infos, wie z.B. Adressen von Firmen, die Tischgeräte für die
Heim-Lichttherapie vetreiben.
- Eine weitere interessante Referenz zur Neurotransmittertherapie
der Depression ist www.biopsychiatry.com/
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Züric
Last updated 18.05.2010
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