Vorausgeschickt: Ein "Reizdarm" ist wohl gar keine eigenständige Krankheit - und wird momentan von der Pharmaindustrie massiv (mit Berichten und Kongressen) zu einer geformt, da mehrere neue Medikamente dagegen in der Pipeline stecken (sog. "Disease Mongering"; mehr dazu unten!).

Der Reizdarm ist eher ein Abweichen vom "guten Gefühl im Bauch". Wie könnte dies zustande kommen?

 

 

Ursache

Man geht heute davon aus, dass dem Reizdarmsyndrom ("Irritable Bowel Syndrome" (IBS) oder "Funktionelle gastrointestinale Störungen" (FGS) - Ist v.a. der Dickdarm betroffen, spricht man auch vom Reizdickdarm oder "Colon irritabile", auch spastisches Kolon) ein komplexes Geschehen zu Grunde liegt, in dem körperliche und psychologische Faktoren zusammenkommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei unser "zweites Gehirn", das sogenannte enterische Nervensystem (ENS), früher auch Plexus Auerbachii genannt. Im Bereich von Speiseröhre, Magen und Darm besitzen wir ein zweites Nervensystem. Dieses "Bauchhirn" ist mit seinen rund 100 Millionen in den Eingeweiden und Darmwänden verankerten Nervenzellen weitaus komplexer als das gesamte neuronale Netz im Rückenmark (auch 95% des Serotonins werden dort produziert). Man nimmt heute an, dass dieses Nervengeflecht, zusammen mit den 70% des Immunsystems, die im Darm lokalisiert sind, auch über ein Gedächtnis verfügt. Dieses hilft dem Darm, mit den Tausenden von chemischen Stoffen bis hin zu Toxinen, die im Darm anfallen, sehr selbständig fertig zu werden. Verbindungen zum Grosshirn sind vorhanden. Ein wichtiges Indiz für die Selbständigkeit des "Darmgehirns" ist, dass die Bahnen zum Grosshirn sehr ausgeprägt, diejenigen von dort in den Darm nur spärlich sind. Diese Informationen vom Darm ans Grosshirn sind für die Stimmungen und Emotionen des Menschen sehr wesentlich (Die Liebe geht durch den Magen... aus dem hohlen (oder vollen) Bauch entscheiden...). Eine Hypothese lautet, dass beim IBS die vom Bauch gesandten Informationen nicht genügend unbewusst gemacht und ausgefiltert werden können. ( Literatur: Michael Gershon: "Der kluge Bauch", Goldmann, München, 2001. www.geo.de/themen/medizin_psychologie/zweites_gehirn/index.html ;europäische Neurogastroentorologie: www.neurogastro.org , Deutschland: www.neurogastro.de ).

Psychosomatische Aspekte: 

"Man schluckt alles. Etwas schlägt einem auf den Magen. Man hat die Hosen voll."

Das Reizdarmsyndrom ist ein Abweichen vom "guten Gefühl im Bauch" mit einer viszeralen Hypersensibilität (=vermehrte Reizbarkeit des Darmes): Vermehrt freigesetztes Serotonin (=hormonähnlicher Stoff) und eine Überempfindlichkeit der Rezeptoren in der Darmwand ergänzen sich, sodass die Schmerzschwelle sinkt. Zudem erhöht die neuronale Hyperaktivität (=erhöhte Nerventätigkeit) die gastrointestinale Motilität (= Darmtätigkeit). Auch hier gleichen sich übrigens unser grosses und kleines Gehirn (die beiden Nervensysteme sind auch über Nerven direkt miteinander verbunden). Während z.B. das Serotonin im Gehirn emotionale Prozesse fördert und stabilisiert, führt es im Bauchgehirn dagegen zu einer gleichzeitigen muskulären "Powerreaktion" mit Magenkrämpfen oder Durchfall (kann die Magen-Darm-Nebenwirkungen der neuen Psychopharmaka erklären).

Ich sehe in meiner Praxis nicht so selten bei Menschen, die innerlich immer "auf hundertachtzig" sind, ganz einfach überreizt. Er zeigt sich dann auch oft kombiniert mit einem Reflux des Magens und mit Spannungskopfschmerzen.

 

 

Diagnose

Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms (Rom-III-Kriterien: siehe www.medicalforum.ch/pdf/pdf_d/2006/2006-51/2006-51-290.PDF):
Mindestens 3 der zurückliegenden 6 Monate lang Bauchschmerzen, die mit Stuhlentleerung nachlassen oder mit verändertem Stuhlgang während mindestens zwei Tagen pro Woche einhergehen und mindestens zwei der folgenden Punkte erfüllen:

  • Änderung der Stuhlfrequenz (mehr als dreimal tägl. oder weniger als dreimal wöchentlich)
  • Änderung der Stuhlkonsistenz (hart, weich, wässrig)
  • Änderung bei der Stuhlpassage (angestrengtes Pressen, Stuhldrang, Gefühl der unvollständigen Entleerung)
  • Schleimabgang
  • Blähungen

Zum FGS gehört auch die "Funktionelle Dyspesie" (störendes Völlegefühl nach dem Essen, beschleunigtes Sättigungsgefühl, Schmerzen in Mitte des Oberbauches, dort auch Brennen), das "Epigastrische Schmerzsyndrom" (intermittierende Schmerzen, mind. mittelschwer, mind. einmal pro Woche in Mitte des Oberbauchs), das "Postprandial distress syndrome" (störnedes Völlegefühl nach normalen Mahlzeiten, mehrmals pro Woche und/oder beschleunigtes Sättigungsgefühl), das "Syndrom des zyklischen Erbrechens" und die "Chronische idiopathische Übelkeit".

 

Die "Diagnose" Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose, d.h. erst wenn alles andere im Darm ausgeschlossen ist, das ebenfalls die obigen Symptome mal produzieren kann, darf von "Reizdarm" gesprochen werden. Deshalb auch:

Bei einem Alter über 40 Jahren und/ oder gleichzeitigen "Alarmsymptomen", wie Gewichtsverlust, nächtlichen Schmerzen, Fieber, pathologischen Befunden bei der Bauchabtastung, pathologischen Leberwerten, Blut im Stuhl, Blutarmut, Nahrungsmittelaversionen, Schluckstörungen, frühzeitige Sättigung sollte unbedingt eine Darmspiegelung erfolgen (da dies dann kein Reizdarm ist)!

Ursächlich kann auch eine bakterielle Nahrungsmittel-Vergiftung in 25% zu längerdauernden Darmstörungen führen, von denen immerhin ein Drittel (7%) die Kriterien eines Reizdarms erfüllen (bei Frauen dreimal mehr als bei Männer; allg. mehr, je stärker und längerdauernd die vorangehende Vergiftung und auch im jugendlichen Alter).

Nicht vergessen darf man differentialdiagnostisch auch eine Sprue (Zöliakie): Viermal häufiger bei IBS-Symptome (einer von 25), als in der "Normalbevölkerung" (Arch Intern Med 169(7):651-658, 13 April 2009 © 2009 to the American Medical Association
Yield of Diagnostic Tests for Celiac Disease in Individuals With Symptoms Suggestive of Irritable Bowel Syndrome - Systematic Review and Meta-analysis. Alexander C. Ford et al.
)

Auch die Laktoseintoleranz ausschliessen.

Chronisch entzündliche Darmkrankheiten ausschliessen: Der Hausarzt macht dies z.B. mit Biomarker-Bestimmung im Stuhl (Calprotectin).

Achtung bei Frauen im gebärfähigen Alter: Die Endometriose kann häufig zusammen oder als Fehldiagnose eines Reizdarms bestehen! Sie muss ausgeschlossen werden. (BJOG published online 19 August 2009 Vol 115 Issue 11 Pp 1392 - 1396 © RCOG: Endometriosis and its coexistence with irritable bowel syndrome and pelvic inflammatory disease: findings from a national case-control study—Part 2. HE Seaman, KD Ballard, JT Wright and CS de Vries)

 

 

Therapie

  • Das "Nervöse" hinter diesem Reizdickdarm lohnt sich anzugehen: Entspannung mit Anschauen und Lösen von anstehenden Problemsituationen, Lernen von autogenem Training, Biofeedback, Teilnahme an Yoga- oder Tai-Chi-Gruppen.
  • Patienten mit einem Reizdarm neigen auch zu Angststörungen und Depressionen ("Schiss haben!"). Auch ein früherer sexueller Missbrauch kann damit verbunden sein. Dies sollte man gemeinsam angehen (Psychotherapie).
  • Bei Frauen kann die Antibabypille einen Reizdarm wesentlich verschlimmern.
  • Viele Menschen mit einem Reizdarmsyndrom haben eine Laktoseintoleranz. Bei entsprechender Diät verbessern sich die Symptome eindeutig.
  • Ebenfalls scheint die Fruktose, der Fruchtzucker bei vielen IBS-Patienten eine Rolle zu spielen. Fruktoseintoleranz kann einen Reizdarm zu triggern. Der versuchsweise, dreiwöchige Verzicht auf alle Früchte und Fruktose-haltigen Getränke und Lebensmittel kann bei starker Besserung eine langfristige Therapie des IBS sein. (Clinical Gastroenterology and Hepatology July 2008 Vol 6 Issue 7 Pp 765-771). Nach ein paar fruchtfreien Wochen kann man wieder eine halbe bis eine Banane pro Tag und manchmal ein paar Heidelbeeren essen.
  • Das Weglassen künstlicher Süssstoffe hat besonders bei Blähungen einen guten Effekt.
  • Bei Verstopfungen sollte faserreiche Kost und genügende Flüssigkeitszufuhr (mehr als 2 Liter pro Tag) angestrebt werden. Flohsamen (Psyllium) wirkt dabei viel besser als Kleie (BMJ, 27 August 2009;339:b3154 © 2009 BMJ Publishing Group Ltd.
    Soluble or insoluble fibre in irritable bowel syndrome in primary care? Randomised placebo controlled trial. C J Bijkerk, N J de Wit, J W M Muris et al.).
    Aber Achtung:
  •  Allzu viel ist auch hier ungesund: Ballaststoffe enthalten reichlich pflanzliche Abwehrstoffe. Diese reizen den Darm und können Entzündungen verursachen. Sie stehen in Verdacht, eine Ursache des sogenannten Reizdarms zu sein.
  • Als Komplikation eines Reizcolons kann auch ein feuchter oder gar stuhlverschmierter After auftreten, auch ein Analekzem, Risslein oder Pilzinfekte um den After.
    Ein natürliches "Verdickungsmittel" wären mal getrocknete Heidelbeeren (vom Apotheker mahlen lassen), zweimal täglich ein Teelöffel in Müsli oder ins Trinken. In dieselbe Richtung geht: mehrmals täglich etwas Magerquark mit ungesüsstem Cassis- oder Heidelbeersaft. Reis und Haferspeisen bremsen auch etwas.
  • Eine 14-tägliche Kur mit Pfefferminzöl kann einen nervösen Dickdarm auch lange Zeit ruhigstellen: Colpermin® ist Pfefferminzöl in einer Kapsel, die sich - nüchtern eingenommen - erst im Dünn- und Dickdarm auflöst und dort krampflösend und entspannend wirkt (4mal täglich).
  • Chilipulver (Gewürzpaprika, roter Pfeffer) wirkt gegen die "funktionelle Dyspespie", d.h. speziell gegen die Oberbauchschmerzen (epigastrisch), das Völlegefühl und die Übelkeit (Mauro Bortolotti et al., New England Journal of Medicine 2002; 346: 947-48). Das Capsaicin darin wirkt in der Magenschleimhaut auf afferente nozizeptive C-Fasern, die initial stimuliert werden, sodass nach einiger Zeit ein schmerzlindernden Effekt resultiert. Die Tagesdosis beträgt fünf Kapseln zu je 0,5 g Chilipulver (Capsaicingehalt 0,7 mg/g Chilipulver), die jeweils 15 Minuten vor dem Essen eingenommen werden (1-2-2 Kapseln). Ab der dritten Behandlungswoche reduziert die Chilitherapie die Dyspepsiesymptome. Nach fünf Wochen vermindert Placebo die Symptome um 30%, Chilipulver dagegen um 60%.
allgemeine Ernährungsempfehlungen
  Verstopfung Durchfall Blähungen
Reduzieren Fleisch
Raffinierter Zucker
Fettes Essen
Fettes Essen
Rohes Obst
Kaffee
Milch
Thunfisch, Makrelen
künstliche Süssstoffe
Hülsenfrüchte (Bohnen)
Milch
Zwiebeln
Getreide
Erhöhen Flüssigkeit
Bewegung
Vollkornprodukte
Gemüse
Früchte
Geriebene Äpfel
Bananen
Karotten
Reis
Schwarztee
gedünstete Möhren
Fenchel
Gewürze: Anis, Kümmel, Koriander
Allgemeine Massnahmen
  • Milch und Milchprodukte stark reduzieren
  • Nicht zuviel Früchte und Fruchtsäfte
  • nicht zuviel Ballaststoffe
  • regelmässige Mahlzeiten
  • kleiner, über den Tag verteilte Portionen sind besser verträglich als wenige üppige Mahlzeiten
  • das Essen gut kauen, nicht herunterschlingen
  • vor allem zwischen den Mahlzeiten trinken
  • körperliche Aktivität (Bewegung)

 

Zum äusserst zweifelhaften Medikament Zelmac:

Stand Frühjahr 2007: Novartis darf Zelmac in den USA nicht mehr verkaufen. Patientinnen bekamen Herzinfarkte. Schweizer Behörden reagieren nicht.
Der Wirkstoff im Medikament Zelmac gefährdet Patientinnen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten. Es hatte Schlaganfälle und Herzinfarkte ausgelöst. Zu diesem Schluss kam die amerikanische Zulassungsbehörde FDA. Novartis musste darauf das Mittel gegen Reizdarm-Beschwerden vom Markt nehmen. In der Schweiz ist das Medikament aber weiterhin zugelassen. Die Heilmittelbehörde Swissmedic will sich darauf beschränken, Hinweise abzugeben, dass Zelmac zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Patientinnen führe. Swissmedioc rät Patientinnen mit Risikofaktoren die Behandlung abzubrechen. «Allen anderen Patientinnen raten wir, die Situation mit dem Arzt zu besprechen.» Auch Novartis sieht keinen Grund, das Mittel in der Schweiz vom Markt zu nehmen: Novartis (im Gesundheitstipp): "In den USA würde man das Mittel breiter einsetzen, und das Risiko sei in der Schweiz «wesentlich geringer.»
Zelmac soll  Frauen helfen, die unter Reizdarm-Symptomen leiden wie Blähungen, Krämpfen und Verstopfungen. Seit viereinhalb Jahren bezahlen es die Krankenkassen. Doch das Medikament stand bei Experten schon seit der Einführung in der Kritik: Es soll nur wenig nützen. Etzel Gysling, Arzt und Herausgeber der Fachzeitschrift «Pharmakritik» sagt: «Man könnte gut darauf verzichten. Die Substanz hat zwar eine gewisse abführende Wirkung, doch es bringt nicht viel mehr als ein gewöhnliches Abführmittel. In der EU wurde das Medikament aus diesem Grund nicht zugelassen. Novartis-Sprecher verweist auf die Behörden. Diese hätten befunden, dass Zelmac einen «medizinisch relevanten Nutzen» hätte (Gesundheitstipp).

 

Thompson vertritt in der BMJ die Meinung, dass ein CI (vorderhand) keiner medikamentösen Therapie bedarf, bis wirksamere und unbedenklichere Präparate auf den Markt kommen! (Farthing MJG. Treatment of irritable bowel syndrome. BMJ 2005;330:429-30)

 

Ein ausgezeichneter Übersichtsartikel für Profis und Laien findet sich im Schweiz.Med.Forum Nr.15, 11.04.2001: reizdarm.pdf

 

 

Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein "Spezialist" für obiges Thema bin. Es interessiert mich aber im bescheidenen Rahmen meiner hausärztlichen Tätigkeit. Melden Sie sich nicht in der falschen Hoffnung in meiner Sprechstunde an, um Patentrezepte zu erhalten.

Last updated 11.10.2009


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