 |
Von einer Hausärztin, einem Hausarzt wünsche ich mir...
diese Frage stellten wir HausärztInnen des VHZ
in Zürich 2004 und bekamen von 110 PatientInnen anonym Antworten in
folgenden Worten (Anzahl Nennungen in diesen Worten):
| Genügend Zeit haben |
39 |
| Fachwissen Fachkompetenz |
29 |
| Zieht Spezialisten bei wenn nötig |
28 |
| Nimmt mich ernst, geht auf meine Beschwerden ein |
28 |
| Fähigkeit und Bereitschaft zu erklären |
23 |
| Hausbesuche im Notfall |
21 |
| Kann ihm/ihr vertrauen |
20 |
| Alternativen anbieten, nennen, Naturheilmittel |
19 |
| Ehrlich und offen, sagt die Wahrheit |
14 |
| Einfühlungsvermögen, Empathie |
13 |
| Schnell aufsuchbar, kurzfristige Termine |
12 |
| Freundlich |
11 |
| Generika verschreiben |
10 |
| Verständnisvoll |
8 |
| Kommerzielle Interessen nicht im Vordergrund |
8 |
| Kurze Wartezeiten im Wartezimmer |
7 |
| Geduldig |
6 |
| Fähigkeit zum zuhören |
6 |
| Keine Medikamente aufschwatzen |
6 |
| Soziales, familiäres Umfeld kennen |
6 |
| Telefonisch konsultierbar |
6 |
| 24 Stunden erreichbar, im Notfall erreichbar |
6 |
| Kann zugeben, nicht alles zu wissen, nicht den/die
Allwissende(n) spielen |
6 |
| Gute(r) Diagnostiker(in) |
5 |
| Menschlichkeit Wärme |
5 |
| etc, etc,etc |
4 und weniger Nennungen |
Medizin im Glashaus
von Dr.med.B. Gurtner, 8620 Wetzikon
Gäbe es einen Papst der Medizin, würde er die 300seitige Anleitung «Examining your Doctor» des in Boston praktizierenden Dr.
Timothy B. McCall auf den Index der verbotenen Bücher setzen und den Autor
exkommunizieren. Damit wäre dem anregenden Werk, das allzu viele unangenehme Wahrheiten
enthält, eine grosse Leserschaft gesichert.
Der als Do-it-yourself-Handbuch gestaltete Text richtet sich an das amerikanische Publikum
und gibt ausführliche Hinweise und präzise Checklisten, die dazu dienen sollen, die
Qualität der Ärzte und Ärztinnen zu beurteilen. Der Autor belegt durch eigene
Erlebnisse und durch viele Literaturangaben, dass Staatsexamen und Facharztdiplome,
moderne Geräte, luxuriöse Räume und freundliche Umgangsformen weder im Spital noch in
der Praxis eine gute Medizin garantieren: Some of the most dangerous doctors I know are
nice people. So wie man vor dem Kauf eines Toasters den Consumers Report studiere,
solle man sich auch bei der Auswahl eines Arztes oder Spitals von Kriterien leiten lassen,
die in «Examining your Doctor» bis in alle Details beschrieben sind:
Hat Sie der Arzt zu Beginn der Konsultation schon nach wenigen Sekunden unterbrochen und
mit suggestiven Ja-Nein-Fragen bombardiert oder Ihnen zumindest einige Minute Zeit gelassen,
um Ihr Anliegen ungestört vorzubringen? Interessiert er sich auch für Ihre familiäre
und berufliche Situation? Umgeht er heikle Themen? Konnten Sie Ihre eigenen Vermutungen
und Befürchtungen vorbringen?
Durften Sie sich für die körperliche Untersuchung ungestört ausziehen? Hat man Ihnen
Blut abgenommen oder ein EKG angefertigt, bevor Sie der Arzt gesehen hat? Wäscht er sich
vor der Untersuchung die Hände? Fragen Sie im Zweifelsfall oder achten Sie darauf, ob das
Lavabo feucht und der Seifenspender nachgefüllt sind ...
Vielen anderen genauen Empfehlungen zur Beurteilung der Qualität von Anamnese und Status
folgen Kapitel über Abklärungsverfahren, medikamentöse Therapien, invasive Kardiologie
und einige Operationsindikationen, die auch bei uns umstritten sind. Als Insider zeichnet
der Autor schonungslos ein Unsittenbild der Medizin, in der überflüssige Untersuchungen
und falsche Behandlungen weit verbreitet sind, die zahlreiche und oft fatale
Nebenwirkungen verursachen und zu immensen Kosten führen, welche durch rationelleres
Vorgehen und präventive Beratung stark verringert werden könnten. McCall glaubt, dass
auch medizinische Laien beurteilen können, welche Tests und Therapien bei ihnen
vorzunehmen seien, und er rät ihnen, sich höflich, aber bestimmt zu wehren, wenn die
Indikationen nicht stimmen. Sie sollen sich im Internet oder in der Fachliteratur so
informieren, dass sie durch gezielte Fragen überprüfen können, ob ihr Arzt noch «up to
date» sei. Ein Blick auf das Bücherregal im Sprechzimmer verrate, ob dort nur veraltete
Ausgaben stehen. Es werden sogar einige verbreitete Periodika genannt, die als
medizinische Schundliteratur in einer anständigen Praxis nichts zu suchen hätten.
Better informed patients force their doctors to stay on their toes ... und treiben
sie wohl auch einmal die Wände hoch, wenn sie einige der von McCall empfohlenen bohrenden
Fragen stellen. Immerhin ruft er auch die Patienten mehrmals dazu auf, ihren Teil zu einer
guten therapeutischen Beziehung beizutragen, und nennt dafür praktische Beispiele:
Sie sollen sich vor den Konsultationen duschen, ihr Hauptanliegen nicht last minute erst
bei der Verabschiedung vorbringen und ihre Beschwerden und Wünsche nicht überängstlich
durch die letzte TV-Sendung beeinflussen lassen.
Informativ sind die Kapitel über die unterschiedlichen ärztlichen Temperamente, über
Generalisten und Spezialisten und über die verschiedenen Organisationsformen in Klinik
und Praxis. Es folgt der bekannte Ratschlag, Spitäler im Juli und an Wochenenden nach
Möglichkeit zu meiden, um nicht unerfahrenen Teams in die Hände zu fallen. Die Vor- und
Nachteile der Finanzierungsmodelle werden fair und gut verständlich dargestellt, wobei
auch die unsauberen Praktiken der Versicherungen und das Abschieben der Bedürftigen aus
Notfallstationen nicht unerwähnt bleiben. Im Anhang folgen Adressen zahlreicher
Organisationen, die sich mit spezifischen Krankheiten und Problemen befassen. Wertvoll ist
auch ein ausführliches Literaturverzeichnis, das viele provozierende Aussagen und fast
unglaubliche Zahlenangaben des Textes abstützt.
Das Buch ermuntert zu mehr Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten und will sie
durch mehr Wissen dazu ermächtigen. Der Autor, der nur zur Welt kam, weil seine Mutter
eine empfohlene Hysterektomie verweigert hatte, geht aber in missionarischem Eifer etwas
weit und breitet soviel schmutzige Wäsche aus, dass es ihm schwerfällt, Vertrauen in die
noch verbleibenden kompetenten Ärztinnen und Ärzte aufzubauen. Es lohnt sich dennoch
sehr, das gut strukturierte Buch zu lesen. Für die Älteren unter uns ist es ein
Rückspiegel für eigenes Fehlverhalten, für die Jüngeren ein praktischer Leitfaden, wie
man es nicht machen soll, brillant dargestellt im Kapitel Pharmakotherapie. Diese
Kundenanleitung lässt erahnen, dass wir inskünftig bei allem, was wir tun oder
unterlassen, immer mehr im Glashaus sitzen werden. Händewaschen nicht vergessen!
McCall TB. Examining your doctor: a patient's guide to
avoiding harmful medical care. New York: Birch Lane Press Book; 1995. ISBN 1-55972-282-7
US $ 22.50
Copyright© by Dr. med. Thomas Walser, CH-8004 Zürich
Der obige Arzt-Checkup wurde ursprünglich von Urs P.Gasche für den
damaligen Pulstip geschrieben und von mir mitgestaltet und nachher von mir
noch hier und da ergänzt.
Last updated 09.05.2007
Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine konkrete Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes
möglich (siehe auch Disclaimer).
|