die Angst

"Die Angst, die es uns im Leben so schwer macht, entspringt nicht nur unserem biologisch- genetischen Substrat (ein pharmazeutisches Modell), nicht nur unserem Kampf mit unterdrückten instinktiven Trieben (ein Freudscher Standpunkt), nicht nur wichtigen, von uns verinnerlichten Erwachsenen, die vielleicht nicht mitfühlend, nicht liebevoll oder neurotisch waren (eine objektbezogene Position), nicht nur gestörten Denkformen (eine Position der kognitiven Therapie), nicht nur Scherben vergessener traumatischer Erinnerungen oder aktueller Lebenskrisen, die die Karriere und die Beziehung zu bedeutsamen Mitmenschen involvieren, sondern auch der Konfrontation mit unserer Existenz." (aus In die Sonne schauen von Irvin D. Yalom) Es bedarf also auch eine Konzentration auf das Hier und Jetzt, eine gesteigerte Sensibilität für existentielle Fragen: Die allgegenwärtige Angst vor dem Tod, Der Sinn des eigenen Lebens, die Freiheit (d.h. Übernahme für Verantwortung, wie man sein Leben lebt - der eigenen Willen), existentielle Isolation (d.h. man ist schlussendlich immer allein und versteht seinen Mitmenschen nie ganz).

 

Angst und Depression

Angst vor dem Kommenden, vor der Zukunft - und Niedergeschlagenheit angesichts des Gewesenen, vor der Vergangenheit: Die Angst und Depression sind zwei Seiten derselben Medaille, ängstliche Menschen sind nicht selten auch depressiv und umgekehrt. Im Persönlichkeitsmodell der "Big Five" sind Ängstlichkeit und Niedergeschlagenheit zwei Facetten ein und derselben Grundeigenschaft, des "Neurotizismus", der emotionalen Labilität. Besonders frappant ist die Verkoppelung bei der "generalisierten Angststörung", bei der sich die Angst verselbständigt hat und frei von Auslösern kommt und geht, wie sie will.
Meist kommt erst die Angst im Leben, und wenn sie nicht vergehen will, gesellt sich in späteren Jahren die Depression hinzu.
Auch Studien haben nun ergeben, dass Menschen während einer Depression ihr Denken auf die Vergangenheit fokussieren. Haben Menschen hingegen Angst, so gehen ihnen vor allem zukünftige Ereignisse durch den Sinn, die sie als Bedrohung empfinden. Vergangene Dramen stimmen also eher depressiv, künftige ängstlich! (A.Pomeranz, P.Rose: Is depression the past tense of anxiety? Int Journal of Psych, DOI: 10.1002/ijop.12050).
Therapeutische Folgerungen zeigen zeitlich in die Mitte: Das achtsame Fokussieren auf die Gegenwart, auf das, was gerade in diesem Moment, im Hier und Jetzt geschieht, hilft sowohl gegen Angst als auch gegen die Depression!  Die verschiedensten Meditationsformen sind dazu ein fantastisches Instrument!

 

 

soziale Phobie

In der Bevölkerung sind Angststörungen weit verbreitet. Grosse Studien zeigen, dass jede vierte befragte Person in ihrem Leben schon an einer Angststörung litt.

Man sollte also vorsichtig sein und nicht dem "Disease Mongering" unterliegen: Krankheiten werden ins Gespräch gebracht und dann "verkauft"... von der Pharmaindustrie in letzter Zeit massiv betrieben - so auch bei der "Sozialen Phobie"! Also aufgepasst auf Problem- und Mengenausweitung! (Dasselbe übrigens auch beim ADHS, der Glatze, Schüchternheit, Restless-Legs-Syndrom, Impotenz...)
Achten Sie aber auch darauf, dass ein simpler Namenswechsel von den altbekannten "Schüchternheit" zur "Sozialen Phobie" weitreichende Folgen für die Einschätzung der "Krankheit" haben kann! So glaubten Teilnehmer einer Studie (M.E. Young et al.: The role of medical language in changing public perception of illness. PLoS ONE, 3/12, 2008, e3875) nicht nur, dass etwa "Hyperhidrosis" oder "Androgenetische Alopezie" sehr viel ernster zu nehmende Krankheiten seien, als ihre alltäglichen Namenvettern, sondern sie befürchteten obendrein, dass die mit medizinischen Fachausdrücken beschriebene Wehwehchen auch noch besonders selten sind. Ältere, bereits etablierte medizinische Fachbegriffe hatten diesen Effekt allerdings nicht (hier also "übermässiges Schwitzen" oder "männlicher, genetischer Haarausfall"). Also Achtung vor Cyberchondrie!

Dass bereits eine "Schüchternheit" eine "Soziale Phobie" und damit krankhaft sein soll, davon ist hier nicht die Rede. Ich plädiere hier in meiner Website auch gegen das Diktat des "positiven Denkens"! Ich glaube sogar, dass diese übertriebene Schüchternheit zu einem grossen Teil durch das "positive Denken" einer ganzen Kultur mitverursacht wird. Ich meine hier nicht nur die Methode des positiven Denkens, sondern gesellschaftlich immer weiter verbreitete Werte wie Hoffnung, Spass, ja sogar Autonomie, Selbstbewusstsein oder Optimismus (siehe dazu auch das sehr aktuelle Buch von Arnold Retzer (Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken. S.Fischer, Frankfurt 2012).

 

Neuerdings hat sich also die soziale Phobie als häufigste Angststörung entpuppt. Hauptsächlich das Sprechen in der Öffentlichkeit oder vor einer Gruppe fällt den Betroffenen extrem schwer, weil sie eine Riesenangst vor den kritischen Blicken und dem vermeintlich vernichtenden Urteil ihrer Zuhörer haben. Aber auch die Kontaktaufnahme für Gespräche mit anderen Personen ist schwer beeinträchtigt, weil Patienten mit sozialer Phobie befürchten, Dummheiten zu sagen und sich lächerlich zu machen. Es handelt sich um ein stilles Leiden, auf das sich nicht selten noch eine Depression aufpfropft. Es ist wichtig zu wissen, dass Betroffene der "wahren" Sozialen Phobie vermehrt Suizidgedanken haben und gehäuft Suizidversuche unternehmen.

Die Soziale Phobie kann mit zentralen Beziehungskonflikten des Menschen zusammenhängen. Dieser Beziehungskonflikt hat drei Komponenten: Die erste ist der Wunsch, zum Beispiel: "Ich möchte mich zeigen und Bestätigung bekommen." Dieser Wunsch, sich vor anderen zu bewähren, ist den Betreffenden meist gar nicht bewusst, weil in diesen Situationen die Angst dominiert. Der Wunscherfüllung steht eine bestimmte Erwartung - die zweite Komponente - entgegen: "Die anderen werden schlecht von mir denken.". Daher rührt die Vermeidung, die dritte Komponente.
In der Therapie geht es deshalb zentral darum, den verschüttet gegangenen Wunsch nach sozialer Bestätigung wieder bewusst zumachen und ihn in einen Zusammenhang mit der sozialen Angst zu bringen.

 

generalisierte Angststörung (GAD)

Das generalisierte Angstsyndrom (monatelang ununterbrochen anhaltende Angst und unnötige Sorgen) kommt einher mit eigentlichen Panikattacken, d.h. abgegrenzte, plötzliche Perioden mit Ängstlichkeit oder Furcht (ohne klare Ursache oder Phobie) mit diversen körperlichen Symptomen während der Attacken: Atemnot, Herzklopfen oder -rasen, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust, Erstickungs- oder Beklemmungsgefühlen; Übelkeit, Durchfall, Reizdarm; Benommenheit, Schwindel oder Gefühl der Unsicherheit oder der Unwirklichkeit, Kribbeln in Händen oder Füssen, Hitze- und Kältewellen, Schwitzen, Schwäche, Zittern oder Beben, Furcht zu sterben, verrückt zu werden oder während einer Attacke etwas Unkontrolliertes zu tun.
Gemäss DSM-IV bzw. -5 handelt es sich bei der GAD um eine übermässige Angst und Sorge (bezüglich mehrere Ereignisse oder Tätigkeiten), die während mindestens sechs Monaten an der Mehrzahl der Tage auftraten. Die Person kann die Sorgen nur schwer kontrollieren. Mindestens drei der folgenden Symptome kommen hinzu:
1. Ruhelosigkeit
2. Leichte Ermüdbarkeit
3. Konzentrationsschwäche oder Leere im Kopf
4. Reizbarkeit
5. Muskelspannungen
6. Schlafstörungen

Obwohl sie die Angst im Namen trägt, zeigt sich die GAD meist nicht primär mit diesem Symptom! Körperliche Symptome, Schmerz, Schlafstörungen und Depression (in 90% bei der GAD auch vorhanden!) zeigen sich prominenter und zuerst! deshalb wird die GAD in der Hausarztpraxis zu selten erkannt.

 

 

Phobien

Weitere häufige Angststörungen sind die einfachen Phobien (z.B. Furcht vor Sessel- oder Seilbahn, vor Tieren, vor dem Anblick von Blut), die Agoraphobie (Furcht vor Menschenmengen), etc..

 

Jede zehnte Person, die sich an den Hausarzt wendet, schlägt sich mit einer Angststörung herum. Doch nur zur Hälfte werden die Angstkrankheit vom Arzt auch wirklich erkannt, da die Patienten selten von sich aus über ihre Angstgefühle sprechen, sondern in der Regel über körperliche Symptome berichten. Doch bereits mit 4 einfachen Screening-Fragen kann der Hausarzt einer Angststörung auf die Spur kommen:

Fühlten Sie sich in letzter Zeit angespannt, nervös, angetrieben?
Machten Sie sich viel unnötige Sorgen oder ängstigten Sie sich sehr?
Waren Sie in letzter Zeit reizbar?
Hatten Sie Mühe, sich zu entspannen?

 

Falls mindestens 2 dieser Fragen bejaht werden, sollten noch weitere 5 Screening-Fragen beantwortet werden:
Haben Sie in letzter Zeit schlecht geschlafen?
Hatten Sie Kopf- oder Nackenschmerzen?
Hatten Sie etwas von den folgenden Beschwerden: Zittern, Kribbelgefühle, Schwindelgefühle, Schwitzen, häufiges Wasserlassen, Durchfall?
Haben Sie sich unnötige Sorgen um Ihre Gesundheit gemacht?
Hatten Sie Mühe mit Einschlafen?

 

Total Punkte: 

  (Für jede der insgesamt 9 Screening-Fragen wird 1 Punkt gezählt.)
Beträgt das Total 5, so liegt mit 50% eine bedeutsame Angststörung vor. Mehr als 5 Punkte vergrössern diese Wahrscheinlichkeit!

 

 

Therapie

Angst ist primär ein lebenswichtiges Gefühl. Dies vor allem immer dann, wenn sie reale Gefahren anzeigt. Manchmal trauen sich die Menschen nicht, die reale Gefahr zu sehen, z.B. vor einer Trennung, einem Tod, einem atomaren Unfall. Angst sollte nicht mit allen "Huchs" und "Achs" zelebriert werden, sondern auf etwas bezogen werden, um in ihrer Bedeutung erkannt zu sein, Angst sollte immer als Impuls zum Nachdenken, zum Suchen genutzt werden.
Also nicht gegen die Angst etwas tun, sondern aus ihr etwas machen: Um die Angst herumgehen, sie von allen Seiten angucken, ihr zuhören.

Gesprächstherapie z.B. wäre also eine Begleitung zu aktiverem, bewussterem Leben.

Die Verhaltenstherapie:
"Hören Sie auf, sich die Szene vorzustellen - und entspannen Sie sich!" (Joseph Wolpe. 1915-97). Hintergrund: Wer entspannt ist, kann nicht zugleich Angst empfinden - d.h., Menschen können nicht zwei entgegengesetzte Gefühle gleichzeitig fühlen. Also: Wer Tiefenentspannung als konditionierte Reaktion auf ein gefürchtetes Objekt erlernt hat, kann nicht zur selben Zeit Angst empfinden!

 

Ein Therapeut mit Wissen von den existentiellen "letzten Fragen" des Lebens greift die Angst vor dem Tod, die Freiheit zur Verantwortung und die Isolation im Leben direkt auf. Wenn man aber auf die Sinnlosigkeit trifft, muss der Therapeut den Patienten dabei helfen, von der Frage wegzuschauen: Lösungen für das Engagement zu suchen, statt in das Problem der Sinnlosigkeit einzutauchen und durch es hindurchzuschwimmen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist, wie Buddha uns gelehrt hat, nicht erbaulich. Man muss in den Fluss des Lebens eintauchen und die Frage davonschwimmen lassen. (Lesen Sie dazu das fantastische  Buch "Existentielle Psychotherapie" von Irvin D. Yalom).

 

Dann sollte man noch nützliche Dinge beachten:

  • Zur Therapie der Sozialen Phobie siehe weiter oben >>>
  • Es existieren auch organische Krankheiten, die eine Angstsymptomatik zur Folge haben.

    Achtung!

    Gemäss einer Untersuchung (Arch Intern Med, März 97) litten über die Hälfte der Patienten mit der Diagnose "Panikattacke" unter einer Herzrhythmusstörung mit schnellem Puls, der sog. paroxysmalen supraventrikulären Tachykardie, die während Jahren nicht erkannt worden war!


    Dann kann das Ganze natürlich auch durch Einnahme von Drogen oder auch von Arzneimitteln verursacht sein!
  • Kaffee und Koffein in jeglicher Form ist eine der Drogen, die am stärksten empfindlich auf Ängste macht. Mit Angststörungen sollte man Kaffee meiden!
  • Anregung des Speichelflusses kann eine Panikattacke beenden. Mit Einsetzen einer vermehrten Salivation (z.B. mit Zitronensaft, sauren Bonbons, Kaugummi,...) wird der X. Hirnnerv, der N. Vagus angeregt. Der Vagus ist der "Herrscher" des parasympathischen Teils des vegetativen Nervensystems. Dadurch wird der sympathische Teil davon gehemmt und damit die Panikattacke, die diesem Teil zugehörig ist, leichter.
  • Rennen hilft sehr gut gegen krankhafte Panik, "wegrennen" oder flüchten quasi: d.h. im Anfall sofort losrennen (und damit der Angst und dem schnellen Puls einen "Grund" geben) und auch zwischendurch viel Lauftraining.
  • Schaukeln hilft: ein bis zwei Stunden täglich im Schaukelstuhl verbringen, beruhigt ungemein (wie der Säugling in den Mutterarmen)!
  • Schafft man es durch ein gewisses mentales Training, während der Attacke positive Tagträume zu initiieren, kann man sich manchmal frühzeitig aus diesem Anfall "ausklinken".
  • Auch Kava-Kava-Extrakt (Pfefferartige Pflanze aus dem Pazifik) ist zur Behandlung generalisierter und diffuser Angstzustände mit körperlicher und vegetativer Symptomatik geeignet. Organische Ursachen oder endogene Depressionen sollten dabei ausgeschlossen sein. Als Stufenschema kann Kava-Kava im Anschluss an ev. primär gegebenen Benzodiazepinen genommen werden (nie in der Schwangerschaft). Im Gegensatz zu den Benzodiazepinen weisen Kava-Kava-Extrakte kein Suchtpotential auf, besitzen jedoch vergleichenden Studien zufolge eine ähnlich hohe Wirksamkeit. Eine Sedierung tritt ebenfalls nicht auf. Autofahren oder Arbeiten an Maschinen sind ungestört möglich.
  • Problem Solving Treatment ist eine Kurzform kognitiver Therapie. Sie fokussiert auf dem Hier und Jetzt und hilft Patienten ihre eigenen Fertigkeiten und Ressourcen besser zu nutzen. Es wird ihnen erklärt, dass ihre Beschwerden mit psychosozialen Problemen zusammenhängen. Gelingt es diese Probleme zu lösen, könnten sich ihre Symptome bessern. Problem Solving erfolgt in folgenden Schritten:  Klärung und Definition des Problems, Wahl erreichbarer Ziele, Lösungsoptionen generieren, Wahl bevorzugter Lösungen, Implementierung bevorzugter Lösungen, Evaluation. Wirksamkeitsstudie hier>>>
  • Achtsamkeitstraining, z.B. die Mindfulness-BasedCognitiveTherapy (MBCT) kann den Betroffenen einen Weg weisen, ihren Ängsten und depressiven Episoden entgegenzutreten, sich selbst aus den düsteren Gedankenzirkeln zu befreien und vor Rückfällen zu schützen. Achtsamkeit hilft, satt im Tun-Modus, im Sein-Modus offen zu sein für die Erfahrung im jeweiligen Augenblick, ohne sie verändern zu wollen. Literatur dazu: Petra Meibert: Der Weg aus dem Grübelkarussel. Achtsamkeitstraining bei Depression, Ängsten und negativen Selbstgesprächen. Das MBCT-Buch. Kösel, 2014.
    Siehe dazu auch die zeitliche Zusammenhang zwischen Depression und Angst - und der Ausweg über die "Mitte", über das "Hier und Jetzt"!
  • Adressen von Selbsthilfegruppen:
    Selbsthilfezentrum Hinterhuus, Feldbergstrasse 55, 4057 Basel, Telefon 061 692 81 00
    Pro Juventute, Frongartenstrasse 16., 9000 St.Gallen , Telefon 071 228 09 70
    Das Kantonsspital Basel führt Kurse für Angst- und Panikpatienten durch. Tel. Abteilung Psychiatrie 061 265 50 40; Tel. Abteilung Psychosomatik 061 265 52 94
  • interessante Literatur zum Thema:
    * David Servan-Schreiber: Die neue Medizin der Emotionen: Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente, 2003, Goldmann.
    * Panikattacken - Angst ohne Grund? Ursachen, Therapie, Praktische Hilfe zur Selbsthilfe, Christine Barsch/Inga-Maria Richberg, Mosaik-Verlag, 1996
    * Ängste verstehen und hinter sich lassen. Wie Sie belastende Ängste und Depressionen aufgeben, eigene Stärken entdecken und endlich Ihr Leben leben. Cornelia Dehner-Rau, Harald Rau, Trias, Stuttgart 2007 - sehr gelungen und alltagstauglich! Botschaft: Die Befreiung aus dem "inneren Gefängnis" ist realisierbar!
  • da ein "depressiver Zustand" sehr viel Nähe zu Ängsten hat, lesen Sie auch: www.dr-walser.ch/depression.htm

die allgegenwärtige Angst vor dem Tod

Die Angst vor dem Tod ist meiner Meinung nach allgegenwärtig, fest in uns verankert, prägt den innersten Kern unseres Seins. Sie spielt eine wesentlich grössere Rolle in unserer Psyche, als gemeinhin angenommen wird, und ist, so glaube ich, unmöglich auszumerzen. Dennoch können Therapeuten eine grosse Hilfe für Patienten mit übermässiger Todesfurcht sein. Wir können zwei Dinge tun: die Angst vor dem Tod lindern und die Erfahrung, sich des Todes bewusst zu werden, als Weckruf nutzen, um auf mannigfaltige Weise persönliches Wachstum zu fördern. Ich werde mich hier kurz auf einige der wichtigsten Ideen konzentrieren, mit denen wir die Angst vor dem Tod vielleicht durch die Macht von Gedanken mildern können.

Das Symmetrie- Argument
Dafür stehen uns Therapeuten viele Argumente zur Verfügung, manche von ihnen seit über zwei Jahrtausenden Teil des Kanons der abendländischen Zivilisation. Epikur (341- 270 v. Chr.), einer unserer großen Vorfahren im Geiste, entwickelte eine Reihe davon. Betrachten wir nur eins, das besonders überzeugend ist – das »Symmetrie- Argument«, mit dem darauf hingewiesen wird, dass wir uns nach dem Tod im selben Zustand befinden wie vor unserer Geburt. Viele haben diesen Gedanken im Lauf der Jahrhunderte weiter ausformuliert, keiner schöner als Vladimir Nabokov, der russische Romancier, der in seinen Memoiren, Erinnerung schreibt, das Leben sei nur ein kurzer Lichtfunke zwischen zwei Ewigkeiten aus Dunkelheit. Diese beiden Ewigkeiten sind identisch, und doch betrachten wir sie seltsamerweise ganz unterschiedlich: Voller Angst und Zittern beschäftigen wir uns mit der zweiten Dunkelheit und schenken der freundlicheren, vielleicht sogar tröstlichen ersten Dunkelheit kaum Beachtung.

Ungelebtes Leben und die Angst vor dem Tod
Wenn ich mit Patienten arbeite, die grosse Angst vor dem Tod haben, stelle ich oft schon am Beginn der Therapie folgende Frage: »Können Sie mir sagen, was genau Sie am Tod am meisten ängstigt?« Diese Frage klingt so töricht, dass ich ihr den Satz »Ich weiss, es mag eine merkwürdige Frage sein, aber bitte gehen Sie darauf ein« voranstelle. Die Antworten sind sehr unterschiedlich und eröffnen häufig neue therapeutische Wege. Eine Patientin erwiderte: »All die Dinge, die ich nicht getan habe.« Wenn man dieser Entgegnung auf den Grund geht, ergibt sich ein für den Therapeuten sehr aufschlussreicher Gedanke: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausmass der Angst vor dem Tod und dem Ausmass, in dem man sich selbst verwirklicht hat. Je mehr Leben das Individuum bei sich selbst für ungelebt hält, desto grösser ist die Furcht vor dem Tod. Daher kann die Linderung dieser Furcht oft darin bestehen, dass der Therapeut dem Patienten hilft, sich zu verwirklichen. »Werde, der du bist«, sagte Nietzsche (und bezeichnete dies als einen seiner »granitenen Sätze«). Ich empfehle, den Gedanken therapeutisch zu nutzen.

Wellen schlagen
Wellen schlagen ist das Phänomen, konzentrische Wirkungskreise zu erzeugen, die andere über Jahre, Generationen, unendlich lange beeinflussen können. Ohne bewusste Absicht oder Kenntnis hinterlassen wir etwas von unserer Lebenserfahrung, irgendein Merkmal, eine Spur von Weisheit, eine gute Tat, Anleitung, Trost, etwas, das sich auf andere überträgt, so wie die von einem in den Teich geworfenen Kiesel verursachten Wellen sich ausbreiten, bis sie nicht mehr sichtbar und trotzdem auf einer Nano- Ebene noch wirksam sind. Die Vorstellung, etwas von uns zu vermitteln, auch ohne unser Wissen, ist eine Antwort an diejenigen, die behaupten, unsere eigene Endlichkeit bedeute unweigerlich Sinnlosigkeit und Schrecken. Natürlich meine ich nicht, dass unsere persönliche Identität erhalten bleibt. Der Wunsch danach, so stark er auch sein mag, ist vergeblich: Vergänglichkeit ist ewig. Therapeuten und andere Menschen in helfenden Berufen sind sich des Wellenschlagens oft besonders bewusst, wenn sie feststellen, dass sie nicht nur ihren Patienten helfen, sich zu verändern und zu wachsen, sondern damit auch eine Kettenreaktion von diesen Patienten zu anderen in Gang setzen – zu Kindern, Ehepartnern, Schülern und Freunden. Und die von uns, die das Glück haben, Jahre später die Kinder oder Freunde ehemaliger Patienten kennen zu lernen, erleben dies oft aus erster Hand.
(aus dem "Panamahut" von Irvin D. Yalom)

 

 

 

 

 

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